Über die Gipfel der Lindenbäume war der Mond emporgestiegen und schaute
verwundert auf die beiden, die untergefaßt das große Rasenstück in
der Mitte des Gartens umwandelten. Der kühle Trunk, der Greise jung
macht, hatte ihre Lebensgeister erfrischt. Sie hatten gescherzt und
gelacht, bis Tante Uwis, die gegen Abendkühle etwas empfindlich war,
sich in den Schutz des Hauses zurückgezogen hatte. Dann hatte der
Pastor seinen jungen Freund unter den Arm genommen. „Komm, mein Junge,
wir wollen nach alter Gewohnheit auf und ab spazieren. Dabei erzählt
es sich besser. Vor Jahren einmal habe ich dir versprochen, von meinen
Studentenjahren zu erzählen. Heute will ich das Versprechen einlösen.“
Er sah zum Mond empor. „Hast du jemals schon empfunden, wenn Goethe
sagt:
„Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz.“
„Du weißt, mein Junge, ich bin ein einsamer Mensch. Alle Jubeljahre
komme ich mit meinen Amtsbrüdern zusammen und hier im Dorfe ist
dein Vater der einzige, mit dem ich näheren Umgang pflege. Aber die
Gedanken, die mir durch das Labyrinth der Brust wandern, habe ich zu
keinem Menschen aussprechen können. Manches, aber nicht alles, habe
ich zu dir gesprochen. Jetzt bin ich glücklich, denn du bist unter
meinen Händen herangewachsen zu einem verständigen Jüngling, der fortan
mein Freund sein soll. Junge, -- du kannst das Lob vertragen --, ich
freue mich über dich. Du bist kein Duckmäuser und kein Bücherwurm,
und das schreibe ich mir als Verdienst zu. Ich habe es nie verstehen
können, wie man gegen eine gesunde Lebensfreude eifern kann. Wenn unser
Herrgott nur an Kopfhängerei und Weltschmerz Gefallen fände, dann hätte
er den Menschen und den Vögeln nicht die Kehle zum Singen gegeben,
dann hätte er die Natur nicht mit leuchtenden Farben geschmückt. Das
ist meine Lebensphilosophie. Sie mag sehr primitiv sein, aber sie ist
für den Durchschnittsmenschen die beste. Und sie ist uns schon von der
Bibel als Weisheit Salomonis überliefert. Dein Religionslehrer hat sie
so treffend in wenige kurze Sätze gefaßt. Weißt du sie auswendig?“
„Alles Irdische ist eitel. Drum ist Lebensgenuß zu empfehlen. Doch
mache man den Lebensgenuß unschädlich durch Weisheit. Die höchste
Weisheit aber ist die Furcht Gottes.“
„Das ist’s, was ich meine! Frisch und froh sich regen, ringen, kämpfen
und die Freuden des Lebens genießen, aber dabei vor sich und Gott ein
anständiger Kerl bleiben, das ist der beste Spruch, den ich dir auf
deinen Lebensweg mitgeben kann.“
Er blieb stehen und streckte Franz die Hand hin:
„Schlag ein, Junge!“
Hand in Hand traten sie an den Tisch und stießen mit vollen Gläsern an.
Dann nahmen sie wieder ihre Wanderung auf.
„Ich war ein junger Dachs,“ fuhr der Pastor fort, „als ich nach
Königsberg einrückte. Der Vater hatte zwei Lehrochsen verkauft und noch
ein paar Taler hinzugetan, so daß ich ein volles Hundert in der Tasche
trug. Den größten Teil des Weges hatte ich zu Fuß zurückgelegt, von
Eylau fuhr ich mit dem Omnibus, der außer mir noch eine ganze Schar von
Muli nach der Stadt der reinen Vernunft beförderte. In der kleinen
Kneipe auf dem Haberberg, wo der Fuhrmann sein Gefährt einstellte,
wurden wir von Deputationen der Korps und Burschenschaften empfangen.
Ich muß wohl in dem einfachen Wanderrock, den Mutter selbst gewebt und
genäht hatte, keinen bedeutenden Eindruck gemacht haben. Aber da ich
aus Lyck kam, woher die Masuren alle ihre Füchse beziehen, so lud man
mich auch an die Kneiptafel. Mein Nachbar war ein alter Häuptling, der
seiner scharfen Klinge wegen in hoher Achtung stand. Wir kamen ins
Gespräch, er fragte mich nach meinen Verhältnissen aus. Als er erfuhr,
daß ich ein Försterssohn sei, wurde er wärmer. Er stammte auch aus dem
Forsthause. Ein Wort gab das andere, -- -- was soll ich dir sagen,
er nahm mich mit nach der Kneipe und noch am selbigen Abend war ich
ausgeflaggt.
Mein Protektor, -- du kennst ihn, es ist der alte Pastor Riemasch in
Orlowken, nahm sich meiner wacker an. Ich hatte gute Empfehlungen von
meinem Direktor in der Tasche, damit ging ich zu den alten Herren,
die an den Königsberger Gymnasien unterrichteten und nach ein paar
Wochen hatte ich zwei gutzahlende Privatschüler. Im Korps hatte ich
anfangs einen schweren Stand. Nicht etwa, weil ich wenig zuzubrocken
hatte, sondern, weil ich ein so fürchterlicher Naturbursch war. Du mußt
mich nicht mißverstehen: ich war nie über die kleine Provinzialstadt
hinausgekommen, kneipen hatte ich dort auch nicht gelernt, da kam es
mir schwer an, mich in die neuen Verhältnisse zu finden. Aber das
Fechten, das hatte ich bald begriffen. Noch im ersten Semester, ehe
ich die erste Fuchsmensur geliefert hatte, kontrahierte mich ein
Litauer an, ein wüster Gesell, der seine zwanzig Mensuren hinter sich
hatte. Er kam an den Unrechten. Ich stand wie eine Mauer und bis zum
Platzwechseln hatte er mich noch nicht geritzt. Da trat Riemasch,
der auch eine anständige Praxis hinter sich hatte, an mich heran und
flüsterte mir zu: ‚Hinter der Doppelterz die Tiefquart!‘ Jetzt sah ich
selbst das Loch und beim nächsten Gang stach ich ihn glatt ab, mein
Spieß hatte in der Litauernase Kehrt gemacht.“
Der Alte hatte im Eifer des Erzählens den Arm gehoben und in der
Luft den Hieb geführt. „Seit jener Mensur, ~fratercule~, war ich
ein gemachter Mann. Acht Tage darauf lieferte ich mit Glanz meine
zweite Mensur und noch vor Schluß des Semesters wurde ich allein von
den Füchsen rezipiert. Ich habe viel gefochten,“ fuhr er nach einer
kleinen Pause fort, „und immer mit Glück. Im vierten Semester wurde ich
Zweiter, im fünften Erster. Im sechsten legte ich mich auf die fleißige
Seite und im neunten baute ich mein Examen, schlecht und recht, aber
man drückte damals bei Leuten, die masurisch sprechen konnten und in
die Wildnis gehen wollten, beide Augen zu. Soll auch heute noch so
sein ....“
Als sie beim Mondschein sich die Gläser füllten und aneinanderklingen
ließen, meinte Franz: „Eigentlich, Onkel, bist du mir noch immer die
Geschichte schuldig, weshalb du Pastor geworden bist.“
„Du hast recht, mein Junge, aber wenn man in die alten Geschichten
kommt, dann ist es schwer, an der richtigen Stelle aufzuhören.“
Er nahm die Pfeife in die Hand, stopfte sie frisch und tat einige
starke Züge, ehe er weitererzählte. „Meine Mutter hatte mir beim
Abschied das Versprechen abgenommen, Theologie zu studieren. Ich ließ
mich also pflichtschuldigst bei der theologischen Fakultät einschreiben
und belegte die offiziellen Kollegia. Weißt du, Junge, es ist doch
eine schöne Sache, wenn man als junger Dachs bei älteren Leuten Rat und
Anleitung findet.
Wieviel junge Studenten treten an das schwarze Brett, ohne eine
Ahnung zu haben, was sie zuerst hören müssen und können. Sie tappen
einfach rein in die Sache, und wenn sie kurz vor dem Examen stehen,
dann merken sie erst, daß sie eins der wichtigsten Kollegia nicht
gehört haben. Meiner nahm sich Riemasch an, er hatte sozusagen in alle
Fakultäten hineingerochen und war schließlich reumütig zur Theologie
zurückgekehrt, mit der er angefangen hatte. Er baute schon an seinem
Examen und wußte ganz genau, was der Mensch dazu gehört haben muß.
Trotz meiner geringen Mittel hatte ich gleich im ersten Semester
ein naturgeschichtliches Kolleg und alle Publika belegt, die mir
interessant schienen.
Zeit zum Kolleglaufen hatte man damals. Der Frühschoppen hielt sich
in sehr engen Grenzen und die eine offizielle Kneipe in jeder Woche
hinderte keinen, der ernstlich arbeiten wollte. Meine Privatstunden
gab ich in den ersten Abendstunden, kurzum, ich konnte in den ersten
Semestern ganz tüchtig arbeiten. Das Hebraikum hatte ich auf dem
Gymnasium mit ‚Gut‘ gemacht, das plagte mich nicht. Aber desto mehr
die theologischen Kollegia. Mit Riemasch, der mir ein wirklicher Freund
geworden war, disputierte ich fast täglich darüber.
Die Wissenschaft war auf ihrem Lehrstuhl eingeschlafen. Aus der
freien Forschung war ein engherziges Spintisieren geworden, das sich
an Haarspaltereien ergötzte. Aus dem frischsprudelnden Quell war ein
trübes Wässerchen geworden, das langsam abwärts schlich. Damals war ein
Hauptstreitpunkt, ob Christus den Jüngern im Geist oder im verklärten
Leibe erschienen sei. Ein junger Professor, der heute eine Leuchte
des Kirchenregiments ist, galt damals als ein arger Ketzer, weil er
die erste Ansicht verfocht. Ethische Fragen, das tägliche Brot des
amtierenden Geistlichen, ja selbst große metaphysische Probleme wurden
im Handumdrehen abgetan, um Zeit für die kleinlichen dogmatischen
Zänkereien zu gewinnen, und uns Jungen bot man Steine statt Brot.“
Er war aufgestanden und schritt in tiefer Erregung vor der Laube auf
und ab. „Wir haben es ja damals mehr gefühlt, als begriffen, um was
es sich handelte. Aber wenn man mit sich selbst schon zu kämpfen hat
und nur aus Pflichtbewußtsein Theologie studiert, dann wird es schwer,
nicht abzuspringen. Als wir meinem guten Riemasch das alte Lied vom
Auszug des bemoosten Burschen gesungen hatten, begann für mich eine
schwere Zeit. Ich vernachlässigte meine offiziellen Kollegia, arbeitete
auf dem Sezierboden und war nahe daran, zur Medizin abzuspringen. Da
kam eines Tages der alte Dewischeit nach Königsberg.
Wir hatten einen vergnügten Abend verlebt. Ich präsidierte bei der
Offiziellen und biß mit Absicht den flotten Bursch heraus. Gelernt
hatte ich’s Gott sei Dank in den vier Semestern. Nach der Kneipe
geleitete ich ihn zum Russenkrug, wo er logierte. Dort führte er mich
selbst nach unten in das Restaurant und bestellte eine Flasche Rotspon,
so’n gewichtigen Tropfen, wie wir ihn nur in unseren Seestädten
trinken. Als wir den ersten Schluck genommen hatten und feierlich die
Gläser hinsetzten, sah mich der Alte an und fragte schlankweg: ‚Was
drückt dich, Uwis?‘ Und was soll ich dir sagen, nach ein paar Minuten
hatte er alles aus mir herausgeholt, was er wissen wollte.
Die Standpauke, die er mir dann hielt, möchte ich dir gern wörtlich
wiederholen, wenn mir in den vierzig Jahren nicht die Einzelheiten
entschwunden wären. Aber der Refrain lautete: „Junge, stoß dich nicht
an dem Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Stoß dich auch nicht an
dem dogmatischen Formelkram, du hast ja als Protestant das Recht der
freien Forschung in der Bibel. Sieh lieber auf den ethischen Gehalt,
an dem kein Pfaffengezänk etwas wegtut oder zufügt. Und daran habe ich
mich denn gehalten mein lebelang. Ich kann es auch nicht verstehen,
wenn Amtsbrüder untereinander allerlei Streitfragen aufwerfen und beim
Disputieren die Köpfe erhitzen .....“
Der Pastor schwieg und sah auf den Jüngling, der den Kopf nachdenklich
in die Hand gestützt hatte. „Geht die Sache dich auch an, mein Sohn?
Das hatte ich bisher nicht gewußt. Hast du gar keine Lust, Landwirt zu
werden und in deines Vaters Fußtapfen zu treten?“
Franz sah auf. „Wenn ich das nur wüßte, Onkel! Ich fühle nichts weiter
in mir, als die Lust, recht viel zu lernen. Alles möchte ich wissen.
Ich möchte vielleicht auch einen ganz tüchtigen Landwirt abgeben, aber
wenn ich womöglich mir ein paar Jahre um die Ohren schlage, um später
einzusehen, daß ich auf den unrechten Weg geraten ....“
„Merkwürdig! Merkwürdig! Aber ich will dir sagen, wo es bei dir sitzt!
Du hast bis jetzt keine Vorliebe für irgendeinen Beruf gefaßt und
schwankst nun hin und her, wie das Rohr im Winde. Und darum gerade
fordere ich von dir, daß du versuchst, ob du nicht dem Wunsche deines
Vaters folgen kannst. Sollst dir dabei ein Jahr um die Ohren schlagen,
wie du es nennst; bist immer noch jung genug, wenn du dann umsattelst.“
Er sah ihn prüfend an. „Das, was man Ehrgeiz nennt, scheint dir fremd
zu sein. Ich weiß auch nicht, ob ich das tadeln soll, denn ich glaube,
der Wille, stets etwas Tüchtiges zu leisten und hinter den anderen
nicht zurückzubleiben, genügt auch. Und mit dem Willen versuch’ mal
eine ‚Stromtid‘ durchzumachen, auf einem großen Gut, wo du recht
viel lernen kannst. Wenn du dann dem Beruf durchaus keinen Geschmack
abgewinnen kannst, dann wollen wir weiter reden.
Jetzt wandle heimwärts, ~amice~, und überschlaf meinen Vorschlag.
Morgen können wir mehr darüber sprechen. Gute Nacht!“
„Gute Nacht, Onkel.“
* * * * *
Gedankenvoll wanderte Franz im hellen Mondschein die Dorfstraße
entlang. Eigentlich hatte Onkel Uwis recht, besonders wenn er auf
Vaters Wunsch verwies. Als er am Dorfkrug vorüberkam, rüsteten sich auf
der Veranda mehrere Männer zum Aufbruch, auch sein Vater war darunter.
Erst am Tor des Schulzenhofes trennte sich der letzte Begleiter von
ihnen.
Franz blieb stehen und faßte den Alten um.
„Vater, ich möchte dich um etwas bitten.“
„Was soll’s sein, mein Sohn?“
„Ich möchte auf einem großen Gut als Eleve eintreten.“
Im ersten Augenblick schien der Schulze etwas überrascht, dann schloß
er den Sohn in die Arme:
„Mein Franz, du willst mir den größten Wunsch meines Lebens erfüllen?
Das hatte ich kaum noch gehofft.“
„Ich will es wenigstens ehrlich versuchen. Finde ich aber trotz meines
guten Willens keine Befriedigung in dem Beruf des Landwirts, dann werde
ich’s dir offen sagen. Willst du mich dann studieren lassen?“
„Gewiß, mein Junge, gewiß! Du gehst nur zur Probe ein Jahr in die
Wirtschaft. Damit muß sich auch Mutter zufrieden geben. Sie hofft ja
noch sehr stark, dich doch noch einmal im Talar zu sehen.“