5. Kapitel

Über die Gipfel der Lindenbäume war der Mond emporgestiegen und schaute

verwundert auf die beiden, die untergefaßt das große Rasenstück in

der Mitte des Gartens umwandelten. Der kühle Trunk, der Greise jung

macht, hatte ihre Lebensgeister erfrischt. Sie hatten gescherzt und

gelacht, bis Tante Uwis, die gegen Abendkühle etwas empfindlich war,

sich in den Schutz des Hauses zurückgezogen hatte. Dann hatte der

Pastor seinen jungen Freund unter den Arm genommen. „Komm, mein Junge,

wir wollen nach alter Gewohnheit auf und ab spazieren. Dabei erzählt

es sich besser. Vor Jahren einmal habe ich dir versprochen, von meinen

Studentenjahren zu erzählen. Heute will ich das Versprechen einlösen.“

Er sah zum Mond empor. „Hast du jemals schon empfunden, wenn Goethe

sagt:

„Füllest wieder Busch und Tal

Still mit Nebelglanz,

Lösest endlich auch einmal

Meine Seele ganz.“

„Du weißt, mein Junge, ich bin ein einsamer Mensch. Alle Jubeljahre

komme ich mit meinen Amtsbrüdern zusammen und hier im Dorfe ist

dein Vater der einzige, mit dem ich näheren Umgang pflege. Aber die

Gedanken, die mir durch das Labyrinth der Brust wandern, habe ich zu

keinem Menschen aussprechen können. Manches, aber nicht alles, habe

ich zu dir gesprochen. Jetzt bin ich glücklich, denn du bist unter

meinen Händen herangewachsen zu einem verständigen Jüngling, der fortan

mein Freund sein soll. Junge, -- du kannst das Lob vertragen --, ich

freue mich über dich. Du bist kein Duckmäuser und kein Bücherwurm,

und das schreibe ich mir als Verdienst zu. Ich habe es nie verstehen

können, wie man gegen eine gesunde Lebensfreude eifern kann. Wenn unser

Herrgott nur an Kopfhängerei und Weltschmerz Gefallen fände, dann hätte

er den Menschen und den Vögeln nicht die Kehle zum Singen gegeben,

dann hätte er die Natur nicht mit leuchtenden Farben geschmückt. Das

ist meine Lebensphilosophie. Sie mag sehr primitiv sein, aber sie ist

für den Durchschnittsmenschen die beste. Und sie ist uns schon von der

Bibel als Weisheit Salomonis überliefert. Dein Religionslehrer hat sie

so treffend in wenige kurze Sätze gefaßt. Weißt du sie auswendig?“

„Alles Irdische ist eitel. Drum ist Lebensgenuß zu empfehlen. Doch

mache man den Lebensgenuß unschädlich durch Weisheit. Die höchste

Weisheit aber ist die Furcht Gottes.“

„Das ist’s, was ich meine! Frisch und froh sich regen, ringen, kämpfen

und die Freuden des Lebens genießen, aber dabei vor sich und Gott ein

anständiger Kerl bleiben, das ist der beste Spruch, den ich dir auf

deinen Lebensweg mitgeben kann.“

Er blieb stehen und streckte Franz die Hand hin:

„Schlag ein, Junge!“

Hand in Hand traten sie an den Tisch und stießen mit vollen Gläsern an.

Dann nahmen sie wieder ihre Wanderung auf.

„Ich war ein junger Dachs,“ fuhr der Pastor fort, „als ich nach

Königsberg einrückte. Der Vater hatte zwei Lehrochsen verkauft und noch

ein paar Taler hinzugetan, so daß ich ein volles Hundert in der Tasche

trug. Den größten Teil des Weges hatte ich zu Fuß zurückgelegt, von

Eylau fuhr ich mit dem Omnibus, der außer mir noch eine ganze Schar von

Muli nach der Stadt der reinen Vernunft beförderte. In der kleinen

Kneipe auf dem Haberberg, wo der Fuhrmann sein Gefährt einstellte,

wurden wir von Deputationen der Korps und Burschenschaften empfangen.

Ich muß wohl in dem einfachen Wanderrock, den Mutter selbst gewebt und

genäht hatte, keinen bedeutenden Eindruck gemacht haben. Aber da ich

aus Lyck kam, woher die Masuren alle ihre Füchse beziehen, so lud man

mich auch an die Kneiptafel. Mein Nachbar war ein alter Häuptling, der

seiner scharfen Klinge wegen in hoher Achtung stand. Wir kamen ins

Gespräch, er fragte mich nach meinen Verhältnissen aus. Als er erfuhr,

daß ich ein Försterssohn sei, wurde er wärmer. Er stammte auch aus dem

Forsthause. Ein Wort gab das andere, -- -- was soll ich dir sagen,

er nahm mich mit nach der Kneipe und noch am selbigen Abend war ich

ausgeflaggt.

Mein Protektor, -- du kennst ihn, es ist der alte Pastor Riemasch in

Orlowken, nahm sich meiner wacker an. Ich hatte gute Empfehlungen von

meinem Direktor in der Tasche, damit ging ich zu den alten Herren,

die an den Königsberger Gymnasien unterrichteten und nach ein paar

Wochen hatte ich zwei gutzahlende Privatschüler. Im Korps hatte ich

anfangs einen schweren Stand. Nicht etwa, weil ich wenig zuzubrocken

hatte, sondern, weil ich ein so fürchterlicher Naturbursch war. Du mußt

mich nicht mißverstehen: ich war nie über die kleine Provinzialstadt

hinausgekommen, kneipen hatte ich dort auch nicht gelernt, da kam es

mir schwer an, mich in die neuen Verhältnisse zu finden. Aber das

Fechten, das hatte ich bald begriffen. Noch im ersten Semester, ehe

ich die erste Fuchsmensur geliefert hatte, kontrahierte mich ein

Litauer an, ein wüster Gesell, der seine zwanzig Mensuren hinter sich

hatte. Er kam an den Unrechten. Ich stand wie eine Mauer und bis zum

Platzwechseln hatte er mich noch nicht geritzt. Da trat Riemasch,

der auch eine anständige Praxis hinter sich hatte, an mich heran und

flüsterte mir zu: ‚Hinter der Doppelterz die Tiefquart!‘ Jetzt sah ich

selbst das Loch und beim nächsten Gang stach ich ihn glatt ab, mein

Spieß hatte in der Litauernase Kehrt gemacht.“

Der Alte hatte im Eifer des Erzählens den Arm gehoben und in der

Luft den Hieb geführt. „Seit jener Mensur, ~fratercule~, war ich

ein gemachter Mann. Acht Tage darauf lieferte ich mit Glanz meine

zweite Mensur und noch vor Schluß des Semesters wurde ich allein von

den Füchsen rezipiert. Ich habe viel gefochten,“ fuhr er nach einer

kleinen Pause fort, „und immer mit Glück. Im vierten Semester wurde ich

Zweiter, im fünften Erster. Im sechsten legte ich mich auf die fleißige

Seite und im neunten baute ich mein Examen, schlecht und recht, aber

man drückte damals bei Leuten, die masurisch sprechen konnten und in

die Wildnis gehen wollten, beide Augen zu. Soll auch heute noch so

sein ....“

Als sie beim Mondschein sich die Gläser füllten und aneinanderklingen

ließen, meinte Franz: „Eigentlich, Onkel, bist du mir noch immer die

Geschichte schuldig, weshalb du Pastor geworden bist.“

„Du hast recht, mein Junge, aber wenn man in die alten Geschichten

kommt, dann ist es schwer, an der richtigen Stelle aufzuhören.“

Er nahm die Pfeife in die Hand, stopfte sie frisch und tat einige

starke Züge, ehe er weitererzählte. „Meine Mutter hatte mir beim

Abschied das Versprechen abgenommen, Theologie zu studieren. Ich ließ

mich also pflichtschuldigst bei der theologischen Fakultät einschreiben

und belegte die offiziellen Kollegia. Weißt du, Junge, es ist doch

eine schöne Sache, wenn man als junger Dachs bei älteren Leuten Rat und

Anleitung findet.

Wieviel junge Studenten treten an das schwarze Brett, ohne eine

Ahnung zu haben, was sie zuerst hören müssen und können. Sie tappen

einfach rein in die Sache, und wenn sie kurz vor dem Examen stehen,

dann merken sie erst, daß sie eins der wichtigsten Kollegia nicht

gehört haben. Meiner nahm sich Riemasch an, er hatte sozusagen in alle

Fakultäten hineingerochen und war schließlich reumütig zur Theologie

zurückgekehrt, mit der er angefangen hatte. Er baute schon an seinem

Examen und wußte ganz genau, was der Mensch dazu gehört haben muß.

Trotz meiner geringen Mittel hatte ich gleich im ersten Semester

ein naturgeschichtliches Kolleg und alle Publika belegt, die mir

interessant schienen.

Zeit zum Kolleglaufen hatte man damals. Der Frühschoppen hielt sich

in sehr engen Grenzen und die eine offizielle Kneipe in jeder Woche

hinderte keinen, der ernstlich arbeiten wollte. Meine Privatstunden

gab ich in den ersten Abendstunden, kurzum, ich konnte in den ersten

Semestern ganz tüchtig arbeiten. Das Hebraikum hatte ich auf dem

Gymnasium mit ‚Gut‘ gemacht, das plagte mich nicht. Aber desto mehr

die theologischen Kollegia. Mit Riemasch, der mir ein wirklicher Freund

geworden war, disputierte ich fast täglich darüber.

Die Wissenschaft war auf ihrem Lehrstuhl eingeschlafen. Aus der

freien Forschung war ein engherziges Spintisieren geworden, das sich

an Haarspaltereien ergötzte. Aus dem frischsprudelnden Quell war ein

trübes Wässerchen geworden, das langsam abwärts schlich. Damals war ein

Hauptstreitpunkt, ob Christus den Jüngern im Geist oder im verklärten

Leibe erschienen sei. Ein junger Professor, der heute eine Leuchte

des Kirchenregiments ist, galt damals als ein arger Ketzer, weil er

die erste Ansicht verfocht. Ethische Fragen, das tägliche Brot des

amtierenden Geistlichen, ja selbst große metaphysische Probleme wurden

im Handumdrehen abgetan, um Zeit für die kleinlichen dogmatischen

Zänkereien zu gewinnen, und uns Jungen bot man Steine statt Brot.“

Er war aufgestanden und schritt in tiefer Erregung vor der Laube auf

und ab. „Wir haben es ja damals mehr gefühlt, als begriffen, um was

es sich handelte. Aber wenn man mit sich selbst schon zu kämpfen hat

und nur aus Pflichtbewußtsein Theologie studiert, dann wird es schwer,

nicht abzuspringen. Als wir meinem guten Riemasch das alte Lied vom

Auszug des bemoosten Burschen gesungen hatten, begann für mich eine

schwere Zeit. Ich vernachlässigte meine offiziellen Kollegia, arbeitete

auf dem Sezierboden und war nahe daran, zur Medizin abzuspringen. Da

kam eines Tages der alte Dewischeit nach Königsberg.

Wir hatten einen vergnügten Abend verlebt. Ich präsidierte bei der

Offiziellen und biß mit Absicht den flotten Bursch heraus. Gelernt

hatte ich’s Gott sei Dank in den vier Semestern. Nach der Kneipe

geleitete ich ihn zum Russenkrug, wo er logierte. Dort führte er mich

selbst nach unten in das Restaurant und bestellte eine Flasche Rotspon,

so’n gewichtigen Tropfen, wie wir ihn nur in unseren Seestädten

trinken. Als wir den ersten Schluck genommen hatten und feierlich die

Gläser hinsetzten, sah mich der Alte an und fragte schlankweg: ‚Was

drückt dich, Uwis?‘ Und was soll ich dir sagen, nach ein paar Minuten

hatte er alles aus mir herausgeholt, was er wissen wollte.

Die Standpauke, die er mir dann hielt, möchte ich dir gern wörtlich

wiederholen, wenn mir in den vierzig Jahren nicht die Einzelheiten

entschwunden wären. Aber der Refrain lautete: „Junge, stoß dich nicht

an dem Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Stoß dich auch nicht an

dem dogmatischen Formelkram, du hast ja als Protestant das Recht der

freien Forschung in der Bibel. Sieh lieber auf den ethischen Gehalt,

an dem kein Pfaffengezänk etwas wegtut oder zufügt. Und daran habe ich

mich denn gehalten mein lebelang. Ich kann es auch nicht verstehen,

wenn Amtsbrüder untereinander allerlei Streitfragen aufwerfen und beim

Disputieren die Köpfe erhitzen .....“

Der Pastor schwieg und sah auf den Jüngling, der den Kopf nachdenklich

in die Hand gestützt hatte. „Geht die Sache dich auch an, mein Sohn?

Das hatte ich bisher nicht gewußt. Hast du gar keine Lust, Landwirt zu

werden und in deines Vaters Fußtapfen zu treten?“

Franz sah auf. „Wenn ich das nur wüßte, Onkel! Ich fühle nichts weiter

in mir, als die Lust, recht viel zu lernen. Alles möchte ich wissen.

Ich möchte vielleicht auch einen ganz tüchtigen Landwirt abgeben, aber

wenn ich womöglich mir ein paar Jahre um die Ohren schlage, um später

einzusehen, daß ich auf den unrechten Weg geraten ....“

„Merkwürdig! Merkwürdig! Aber ich will dir sagen, wo es bei dir sitzt!

Du hast bis jetzt keine Vorliebe für irgendeinen Beruf gefaßt und

schwankst nun hin und her, wie das Rohr im Winde. Und darum gerade

fordere ich von dir, daß du versuchst, ob du nicht dem Wunsche deines

Vaters folgen kannst. Sollst dir dabei ein Jahr um die Ohren schlagen,

wie du es nennst; bist immer noch jung genug, wenn du dann umsattelst.“

Er sah ihn prüfend an. „Das, was man Ehrgeiz nennt, scheint dir fremd

zu sein. Ich weiß auch nicht, ob ich das tadeln soll, denn ich glaube,

der Wille, stets etwas Tüchtiges zu leisten und hinter den anderen

nicht zurückzubleiben, genügt auch. Und mit dem Willen versuch’ mal

eine ‚Stromtid‘ durchzumachen, auf einem großen Gut, wo du recht

viel lernen kannst. Wenn du dann dem Beruf durchaus keinen Geschmack

abgewinnen kannst, dann wollen wir weiter reden.

Jetzt wandle heimwärts, ~amice~, und überschlaf meinen Vorschlag.

Morgen können wir mehr darüber sprechen. Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Onkel.“

* * * * *

Gedankenvoll wanderte Franz im hellen Mondschein die Dorfstraße

entlang. Eigentlich hatte Onkel Uwis recht, besonders wenn er auf

Vaters Wunsch verwies. Als er am Dorfkrug vorüberkam, rüsteten sich auf

der Veranda mehrere Männer zum Aufbruch, auch sein Vater war darunter.

Erst am Tor des Schulzenhofes trennte sich der letzte Begleiter von

ihnen.

Franz blieb stehen und faßte den Alten um.

„Vater, ich möchte dich um etwas bitten.“

„Was soll’s sein, mein Sohn?“

„Ich möchte auf einem großen Gut als Eleve eintreten.“

Im ersten Augenblick schien der Schulze etwas überrascht, dann schloß

er den Sohn in die Arme:

„Mein Franz, du willst mir den größten Wunsch meines Lebens erfüllen?

Das hatte ich kaum noch gehofft.“

„Ich will es wenigstens ehrlich versuchen. Finde ich aber trotz meines

guten Willens keine Befriedigung in dem Beruf des Landwirts, dann werde

ich’s dir offen sagen. Willst du mich dann studieren lassen?“

„Gewiß, mein Junge, gewiß! Du gehst nur zur Probe ein Jahr in die

Wirtschaft. Damit muß sich auch Mutter zufrieden geben. Sie hofft ja

noch sehr stark, dich doch noch einmal im Talar zu sehen.“

Der Musterknabe: Ein Roman aus den Masuren · 第 12 / 51 题