Das Stadtleben behagte Franz viel besser, als alle angenommen hatten.
Sein Vater hatte ihn gegen den Rat des Pastors zu einem entfernten
Verwandten, dem Bäckermeister Scharner, in Pension gegeben. Dort fand
Franz einen gleichaltrigen Schulkameraden vor, der sich trotz seiner
geringen Begabung mit eisernem Fleiß aufwärts rang, Gottlieb Sefczyk,
den Sohn eines Steueraufsehers. Sutor -- der Name Sefczyk bedeutet
verdeutscht Schuster und war natürlich sofort ins Lateinische übersetzt
worden -- hatte von seinen Eltern so gut wie gar keine Unterstützung.
Der Bäckermeister, der mit seinem Vater aus demselben Dorfe stammte,
gab ihm freie Wohnung und Frühstück, wohlhabende Bürgersleute gaben ihm
Mittag und Abendbrot. Einen Tag der Woche aß er beim Gymnasialdirektor,
den zweiten bei einem Konditor, den dritten beim Gefängnisinspektor,
den vierten beim Pfarrer usw. War die Woche zu Ende, dann begann er
seinen Rundgang von neuem. Das war damals in der kleinen Stadt ein
allgemeiner Brauch, arme Knaben in dieser Weise zu unterstützen und
mancher wohlhabende Bürger hatte Tag aus Tag ein einen kleinen Gast zu
Tisch. Vom Gymnasium, das mit reichen Stiftungen begabt war, erhielt
Sutor freie Schule und Bücher, so daß seine Eltern nur die Kleidung zu
liefern brauchten.
Wieviel arme Jungen haben sich in jenen Zeiten in dieser Weise zum
Studium emporgerungen! Meistens hatte schon ihr Vater eine ähnliche
Entwicklung durchgemacht. Ein ehrgeiziger Bauer oder Gutshandwerker
hatte seinen begabten Jungen nach der Stadt geschickt. Dort „schrieb“
er auf dem Landratsamt oder bei einem Rechtsanwalt, bis er alt und
stark genug war, ins Heer zu treten, um auf Versorgung zu dienen und
später einmal einen kleinen Beamtenposten zu bekommen. Die geistige
Kraft, mit der solche Leute sich aus dem Bauernstamm herausgearbeitet
hatten, ging meistens auch auf ihre Söhne über. Die Eltern darbten und
sorgten, um den Jungen aufs Gymnasium zu bringen, damit er Theologie
studiere.
Viele Männer in hohen Staatsstellungen können auf einen derartigen
Entwicklungsgang zurückblicken .... daß Söhne von reichen Bauern die
Universität besuchten, kam eigentlich viel seltener vor. Sie hatten
genau wie die Söhne der Großgrundbesitzer nur den Ehrgeiz, sich das
Zeugnis zum einjährig-freiwilligen Dienst zu ersitzen ..
Franz machte eine rühmliche Ausnahme.
Er „nahm“ die Klassen, wie ein edler Renner das Hindernis, stets als
Erster, gefolgt von seinem treuen Sutor, der mit eisernem Fleiß sich
hinüberrang. An schulfreien Nachmittagen packte Franz seinen Tornister
und lief hinaus nach Schwentainen. Dann saßen die beiden Freunde
wie ehedem in einem schattigen Winkel des Gartens bei ihren Büchern
beisammen. Am Sonntag brachte Franz seinen Freund Sutor mit, dann
streiften sie nachmittags zu dreien durch die Wälder, bis die Sonne
sank.
Die alten Rosumeks hatten wohl manchmal den stillen Wunsch, daß ihr
Junge seine freie Zeit mehr im Elternhause verbringen möchte. Trotzdem
fanden sie es ganz natürlich, daß er mehr im Pfarrhause saß als zu
Hause. Der Pastor war ja nicht nur sein Onkel, sondern auch sein
Freund und Lehrmeister. Die Mutter sah in den Jungen wie in einen
Spiegel. Und auch der Vater war stolz auf die Fortschritte seines
Sohnes. Er war ein ernster, wortkarger Mann, der mit fester Hand das
große Dorf nach seinem Willen lenkte. Aber nie konnte er es über sein
Herz bringen, mit Franz über seinen zukünftigen Beruf zu sprechen.
Desto öfter tat es die Mutter. Wo irgend die Gelegenheit sich bot,
erzählte sie ihrem Liebling, wie sehr sie sich darauf freue, ihn erst
als Hilfsprediger bei Onkel Uwis und dann als seinen Nachfolger auf der
Kanzel zu sehen. Trotzdem wußten beide Eltern noch nicht, wozu Franz
eigentlich recht Neigung hatte. Wenn der kräftige Bursch mit einem Zaum
nach dem Roßgarten ging, sich eins der jungen Pferde einfing und nach
scharfem Ritt staubbedeckt wiederkehrte, dann freute sich der Vater im
stillen, weil er meinte, es sei ein Zeichen für sein Interesse an der
Landwirtschaft. Oder er nahm den Jungen und ging mit ihm hinaus aufs
Feld, um ihm die neuen Getreidesorten zu zeigen, mit denen er Jahr aus
Jahr ein Versuche anstellte.
So verging die Zeit. Franz saß bereits auf Prima. Aus dem frischen
Knaben war ein flotter Jüngling geworden, der Liebling der Lehrer und
seiner Mitschüler. Damals -- heute soll es ja anders sein -- gab es ein
Sängerkränzchen und einen Fechtklub auf dem Gymnasium. Der Direktor,
ein energischer Mann, der strenge Zucht übte, hatte beide Vereinigungen
erlaubt, allerdings unter steter Kontrolle. Und sein Prinzip bewährte
sich. Die Schüler der beiden oberen Klassen hüteten sich, das Bestehen
der Vereine durch unerlaubte Kneipereien zu gefährden. Durften sie doch
in jedem Vierteljahr eine offizielle Kneipe abhalten, und die jüngeren
Lehrer, die daran teilnahmen, hatten nur den Auftrag, zu verhindern,
daß die fröhliche Kneiperei in ein wüstes Gelage ausarte. In beiden
Vereinen war Franz an der Spitze. Er focht eine ausgezeichnete Klinge
und wurde von den älteren Schulkameraden, die zu den Ferien als
Korpsstudenten nach Hause kamen, eifrig umworben.
So kam der Tag des Abiturientenexamens heran. Franz hatte das
Schriftliche gut „gebaut“ und sah der mündlichen Prüfung ohne jede
Aufregung entgegen. „Ängstige dich nicht,“ meinte er trocken zur
Mutter, „wenn ich nicht dispensiert werde, ist es mir umso lieber,
denn ich möchte gern sehen, wie es bei dem Mündlichen zugeht. Was da
gefragt werden kann, weiß ich alles.“
Am Tage vorher kam er nach Hause und saß mit den Eltern und dem Ehepaar
Uwis vergnügt einige Stunden zusammen. Am anderen Morgen stand er
zeitig auf, steckte sich eine lange Pfeife an und sah der Mutter zu,
die ihm das neue, gestickte Hemd plättete, das er zu seinem Ehrentage
anziehen sollte. Dann fuhr er in die schwarzen Kleider, küßte Vater und
Mutter und wanderte frohen Muts der Stadt zu. Kurz nach Mittag sollte
Ludwig, der alte Großknecht, ihn mit den Trakehner Rappen von Scharners
abholen.
Das ganze Dorf war in Aufregung. So lange man sich erinnern konnte, war
kein Bauernsohn Student geworden. Und nun hatte der Erbschulze alle
Besitzer zu einer großen Festlichkeit eingeladen. Hinter dem Hause
im Garten war eine große Tafel aufgestellt, daran saßen die Bauern,
schwangen kräftig die Steinkrüge voll Bier und ließen den Herrn Studios
hochleben; sie feierten das Ereignis schon als selbstverständlich.
Die Mutter stand oben am Fenster der Giebelstube, wo sie den Weg ein
Stück übersehen konnte. Die Hände flogen ihr vor Erregung, während sie
mechanisch an einem langen Strumpf strickte. Ab und zu mußte sie sich
einen Augenblick setzen, die Füße drohten ihr den Dienst zu versagen.
Da -- oben -- wo der Weg vom Berge zum Dorf abbiegt, leuchtet es rot
auf ... Sollte Franz zu Fuß kommen? Nein, es ist das Kopftuch eines
Weibes, aber die Frau läuft, was die Füße sie tragen, sie bringt
Nachricht, sonst würde sie sich nicht so beeilen.
Am Hoftor steht atemlos die Sceska, nur stückweis kann sie die Kunde
von sich geben.
„Ich hab ihn gesehen, den jungen Herrn, mit der roten Mütze -- -- Alle
standen sie vor der Tür, die Menschen .... Er mußt’ hier ansprechen und
dort ansprechen .... sie lassen ja keinen vorbei, die Menschen! Und bei
Scharners hatten sie in der Veranda Wein aufgestellt und Kuchen und da
haben sie mit den Gläsern angestoßen und hoch gerufen.“
Der Vater Rosumek drückte dem Weib einen harten Taler in die Hand und
faßte seine Frau um, der vor Freude die hellen Tränen über das Gesicht
rollten .... Es war eine schöne Sitte in dem kleinen Städtchen anno
dazumal, diese freudige Teilnahme an dem Geschick der Gymnasiasten.
Noch gab es dort keine Offiziere und schneidige Referendare,
unumschränkt herrschte der Primaner in den Herzen der Stadt. Die Bürger
kannten jeden einzelnen, der heut im Examen schwitzte. Die Aussichten
eines jeden, die Prüfung zu bestehen, waren öffentliches Geheimnis.
Und wenn dann die Pforte des stattlichen Gebäudes sich auftat, und die
frischen Jünglinge in freudiger Erregung hinausstürmten, dann standen
Freunde und Verwandte da, um sie mit den Zeichen der neuen Würde,
mit der roten Mütze und einem Albertus, einer goldenen Nadel mit dem
Bildnis des Stifters der Albertina, zu schmücken.
Und welch ein Jubel die einzige Straße des Städtchens hinab! Auf den
Treppen vor ihren Häusern haben die Bürger Wein und Kuchen aufgestellt.
Treuherzig treten sie an die Jünglinge, mit denen sie kaum sonst ein
Wort gewechselt, heran und laden sie zu einem Festtrunk im Vorbeigehen
ein. Heute ist alles wie eine große Familie. Die Jünglinge haben ihr
Examen bestanden, jetzt sind’s nicht mehr „die Primanerchen“, sondern
die Herren Abiturienten, die zukünftigen Pastoren, Doktoren und Richter!
Es war ein anstrengender Tag für Franz, für Vater Rosumek und Pastor
Uwis gewesen. Erst die Feier zu Hause und dann der solenne Kommers in
der Stadt, der bis zum Morgen währte. Sorgsam hatte die Mutter das
Fenster der Giebelstube, in der Franz schlief, mit einer dunklen Decke
verhängt. Ihr Sohn hatte sich gestern viel tapferer gehalten, als sein
Vater und sogar als der Pastor, dem, wie er sagte, die Erinnerung
an vergangene Zeiten zu Kopf gestiegen war. Nun saß sie am Bett
ihres Lieblings und scheuchte die vorwitzigen Fliegen, die trotz des
künstlichen Halbdunkels die Stube durchschwirrten. Erst als Franz sich
zu recken begann, schlich sie leise hinaus, um einen starken Kaffee zu
brauen, wie ihn Vater Rosumek nach anstrengenden Festen zu verlangen
pflegte. Vorher aber legte sie noch die rote Mütze, die über und über
mit goldenen und silbernen Nadeln besteckt war, dem Sohn aufs Deckbett,
daß sein erster Blick darauffallen mußte.
Langsam öffnete Franz die Augen. Gewohnheitsmäßig drehte er den Kopf
zur Wand, wo seine Taschenuhr zu hängen pflegte, sie war nicht an
der gewohnten Stelle. Da fiel sein Blick auf die rote Mütze. Ein
wundersames Gefühl überkam ihn. Über den roten Schimmer hinaus sah er
in die Zukunft, die sich vor ihm auftat, wie in ein Wunderland, vor
dessen Pforten er lange mit heißer Sehnsucht auf Einlaß geharrt. Es
waren keine festumgrenzten Gedanken, nur ein mächtiges, heißes Gefühl.
Die Sonne stand schon tief im Westen, als Franz zum Pfarrhof ging.
Ohne es zu wissen, hatte er einen kleinen Umweg gemacht, zu dem
kleinen Häuschen, wo die Lehrerwitwe Grigo wohnte. Den guten Mann, der
ihm prophezeit, daß er ein „schöner Schreiber“ werden würde, deckte
schon seit einem Jahr der kühle Rasen. Seine Frau ernährte sich und
ihr Töchterchen neben der kargen Pension durch Schneiderei für die
Bauernfrauen.
Vor der Thür stand die kleine Lotte, ein herziges Mädel von vierzehn
Jahren mit kornblumenblauen, großen Augen und langen Hängezöpfen, als
wenn sie ihn erwartete. Und es mußte wohl wirklich der Fall sein, denn
als er die Gartentür öffnete, sprang Lotte auf ihn zu und steckte ihm
einen goldenen Albertus in die Rockklappe. Dann faßte sie ihn um den
Hals und gab ihm einen herzhaften Kuß. „Es ist ein Gruß von meinem
Väterchen, er hat ihn gekauft, als er zum letztenmal in der Stadt war.
Nimm ihn von uns als ein Zeichen unserer Liebe und Teilnahme.“
Pastor Uwis ging mit seiner langen Pfeife im Garten spazieren. Er hatte
die Folgen der Feier schon überwunden und dampfte mächtige Rauchwolken
in die kühle Abendluft. Als Franz den Gang entlang ihm entgegenkam,
streckte er ihm schon von weitem beide Hände entgegen: „Nun, mein
lieber Freund, wie hast du die Anstrengungen deines Ehrentages
überwunden? Meine Hausehre behauptet, ich hätte gestern des Guten etwas
zuviel getan. Doch das ist meines Erachtens eine ~contradictio in
adjecto~, denn des Guten kann man nie zuviel tun. Hätte sie behauptet,
daß ich zuviel Bowle getrunken, dann hätte ich nicht widersprechen
können. Denn unter uns Kollegen gesagt, wir haben gestern etwas stark
dem alten Heiden Bacchus geopfert.“
Er zog den Jungen an sich und küßte ihn herzlich. „~Mi fili~, mein Herz
ist fröhlich und doch betrübt. Nun wirst du von uns gehen in die weite
Welt und wirst den alten Uwis allein lassen .... Kinder hat uns der
liebe Gott versagt, dafür warst du uns wie ein Sohn ans Herz gewachsen
.... doch der Mensch soll nicht undankbar sein ....“ Er faßte ihn
unter den Arm. „Komm zu Tante, sie sitzt in der Laube und bewacht
ein paar Weißköpfe, die in dem kühlen Erdreich unter der Linde ihrer
Auferstehung entgegenschlummern.“