Im Schatten der alten Linde, auf grünem Rasen hatten die beiden an
Jahren so ungleichen Freunde ihre Schulstube aufgeschlagen. Franz saß
am Tisch, der Pfarrer ging vor ihm auf und ab und blies in den Pausen
seines Vortrages starke Wolken aus seiner langen Pfeife in die frische
Morgenluft. Er erzählte seinem Zögling von den alten Preußen und geriet
dabei immer mehr in Eifer, besonders wenn er auf seine engere Heimat,
Masuren, zu sprechen kam. Dort hatten die Bewohner, die Sudauer, dem
deutschen Ritterorden am längsten Widerstand geleistet.
„Vergeblich habe ich nach einer Spur der Erinnerung in unserem
sangesfrohen Volksstamm geforscht. Hätten nicht die deutschen Eroberer
die Kunde davon bewahrt, dann wüßten wir nicht einmal, wo die Burg des
letzten Masurenhelden Skomand gestanden hat. Wie wär’s, ~mi fili~, wenn
wir morgen bei Sonnenaufgang den Marsch nach Skomenten unternähmen?
Abends kehren wir müde aber vergnügt nach Hause zurück. Der Tag
soll uns trotzdem nicht verloren gehen, denn als überzeugungstreue
Peripatetiker werden wir uns den Weg durch belehrende Gespräche kürzen.“
Wie ein Sturmwind flog der Knabe hinter dem Tisch hervor, wirbelte
seinen Lehrmeister ein paarmal rundum und schlug dann vor Freude ein
Rad nach dem anderen über den Rasen. Gerührt sah der Pastor eine Weile
dem Knaben zu, bis er ihn anrief: „Gib Ruhe, du Wildfang! Meinst wohl,
ich könnte meiner Würde in offenem Garten soweit vergessen, deinem
Beispiel zu folgen? Denn die Schnellkraft der Glieder sollte mir wohl
nicht fehlen. So, nun setz dich und gib acht, was ich dir sagen werde;
ich fürchte, deine Lustigkeit wird etwas nachlassen, wenn ich dir
sage, daß dieser Marsch für eine Weile der letzte sein wird, den wir
miteinander machen! Sieh mich nicht so erschreckt an, ~mi fili~! Du
bist jetzt dreizehn Jahre alt und hast die Kenntnisse der Obertertia
so ziemlich erreicht. Weiter kann ich dich nicht unterrichten. Es ist
dir auch sehr dienlich, daß du unter Altersgenossen kommst und dich an
ihnen abschleifst.“
„Grans’ nicht, großer Kerl du“, rief er gleich danach aus, als er sah,
daß dem Knaben die Tränen aus den Augen perlten. „Die Stadt ist so
nahe, daß du in jeder Woche mehrmals zu Fuß herwandern kannst, wenn
dein Vater dich in eine Pension bringt, was ich, unter uns gesagt,
nicht für ratsam hielte. Ich sehe, Vernunftgründe sind bei dir nicht
angebracht“, fuhr er nach einer Weile fort, als der Knabe still vor
sich hinweinte, „da soll dich die Arbeit trösten. Hier,“ er schlug ein
Buch auf, „diese beiden Stücke übersetzt du mir ins Französische.“
Er wandte sich schnell ab, der Gute, denn auch ihm war das Herz schwer
geworden. Sein eigenes Kind hätte ihm nicht lieber werden können, als
der frische Junge, der seine Liebe und Sorgfalt mit der rührendsten
Anhänglichkeit vergalt. Wie zwei gute Kameraden hatten sie miteinander
gelebt, der erfahrene, in sich gefestigte Mann und der schmiegsame
Knabe. Mit verschwenderischer Fülle hatte der Lehrmeister aus dem Born
seines Wissens die Samenkörnlein guter Lehren ausgestreut und nicht ein
einziges war auf unfruchtbaren Boden gefallen. Früh am Morgen kam Franz
mit seiner Mappe nach dem Pfarrhof gewandert. Bei gutem Wetter im
Sommer suchte man sich ein behagliches Plätzchen im Garten, im Winter
bot das Studierzimmer des Pastors schützendes Obdach. Am Nachmittag
machten Lehrer und Schüler große Spaziergänge, sie fuhren gemeinsam
angeln, sie wirtschafteten im Garten und im Felde. Mit peinlicher
Gewissenhaftigkeit suchte Pfarrer Uwis in seinem kleinen Genossen die
Liebe an der Landwirtschaft zu wecken. Er war glücklich, wenn Franz mit
Eifer am Morgen Vorfälle aus der väterlichen Wirtschaft berichtete oder
in der Erntezeit vom Sattelpferd aus das vierspännige Gespann lenkte.
Und der Junge hatte wirklich Interesse an dem Beruf eines Landwirts
gefaßt. Er wußte in Hof und Feld genau Bescheid und beurteilte, wie
sein Vater dem Pfarrer mit Stolz erzählt hatte, ganz genau, ob ein
zweijähriges Fohlen im nächsten Jahr zur Remonte ausgehoben würde.
Mit dem ersten Hahnenschrei waren die beiden Freunde am nächsten
Morgen aus den Betten gefahren und als der erste Sonnenstrahl über dem
See aufleuchtete, wanderten sie schon, die wohlgefüllten Ränzel auf
dem Rücken, dem Bergwald zu. Die herzerfrischende Kühle eines klaren
Sommermorgens umfing sie; hoch im Blau des Himmels jubilierte die
Lerche, an den Spitzen der Gräser glitzerten die Tautropfen. Der frisch
einsetzende Wind trieb die Nebelschwaden durch die Wipfel der hohen
Fichten an den Bergen entlang, bis sie unter den Strahlen der Sonne in
Nichts zerrannen.
Aus dem hohen Roggen zu ihrer Rechten kam eilfertig ein Rebhuhnpaar
gelaufen, mit ausgebreiteten Flügeln schoß die Schar der Jungen
hinterdrein, keines größer als ein Sperling. Kaum waren sie im dichten
Kartoffelkraut verschwunden, da setzte im blinden Eifer mit großen
Sprüngen der Fuchs auf der frischen Spur hinterdrein. Mit komischem
Eifer schleuderte der Pfarrer seinen Wanderstock nach dem Rotrock, der
in jähem Schreck wie angewurzelt stehen geblieben war, bis der Wurf ihn
zurückscheuchte.
„Sieh, mein Sohn, jetzt wird der Räuber eine Minute warten, bis er uns
weggehen hört und dann mit doppeltem Eifer der Spur folgen. Aber warte,
du Räuber! Sowie der erste Schnee die Felder deckt, erwische ich dich
im Eisen. Nicht umsonst bin ich im Forsthause aufgewachsen.“
„Weshalb bist du nicht Förster geworden, Onkel?“ fragte der Knabe.
„Davon hast du mir noch nichts erzählt.“
„Warte, mein Kind, bis wir in den Wald kommen, dann erzähle ich es dir.“
Eine Weile schon schritten sie zur Seite des Weges im Wald dahin, als
der Pastor begann: „Du hast gestern geweint, weil du eine kleine halbe
Meile von deinem Elternhause ein paar Jahre verleben mußt. Mir ist es
viel schlimmer gegangen.“ Und nun erzählte er mit verhaltener Stimme,
aus der wehmütige Erinnerung klang, von dem alten Forsthause tief in
der Johannisburger Heide, wo er fast eine Meile täglich hin und zurück
zur Schule laufen mußte. Wie ihn dann der Vater als achtjährigen Knaben
zur Schule nach Johannisburg gebracht und ihn am anderen Morgen vor
der Tür des Forsthauses im Grase schlafend gefunden. „So hab’ ich mich
gebangt und gesehnt nach dem Wald, dem See und den Bergen, daß ich
abends meinen Pensionseltern entwischte und durch die stockfinstere
Nacht und den rauschenden Wald der Heimat zuwanderte. Später brachte
mich der Vater nach Lyck aufs Gymnasium. Es waren gut acht Meilen nach
Hause, aber wenn mich die Sehnsucht faßte, dann bin ich die Nacht vom
Sonnabend zu Sonntag gelaufen, um ein paar Stunden am Sonntag zu Hause
schlafen zu können. In den Ferien habe ich den Vater auf Schritt und
Tritt begleitet, habe mit ihm gejagt und gefischt und wenn ich wieder
nach der Stadt zurück mußte, noch als erwachsener Junge geweint. Mein
ganzes Dichten und Trachten war nur darauf gerichtet, Förster zu werden
und ein ebenso tüchtiger Weidmann wie mein Vater. Aber meine Mutter
wollte etwas anderes. Ich sollte Pfarrer werden ..... ich bin es ja
auch geworden, doch davon erzähle ich dir später einmal, wenn du älter
bist.“
Er schwieg, und der Knabe war feinfühlig genug, seinen väterlichen
Freund nicht durch eine Frage in seinem Sinnen zu stören. Erst, als
sie von freier Höhe Umschau hielten und ihr Blick freudig über die
im Sonnenschein lachende Flur, die dunklen Wälder und die blinkenden
Spiegel in die Ferne schweifte, kam eine andere Stimmung über beide.
Der Pfarrer nahm die leichte Sommermütze ab und sprach mit bewegter
Stimme:
„Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht über die Fluren
verstreut, schöner ein froh Gesicht, das den großen Gedanken deiner
Schöpfung noch einmal denkt.“
Und dann rief er mit heiterem Mut: „Laß uns unser Heimatlied
anstimmen!“ Mit kräftigem Baß setzte er ein:
„Thal, Hügel und Hain!
Da wehen die Lüfte so frei und so kühn,
Möcht immer da sein,
Wo Söhne dem Vaterland kräftig erblühn!
Hold lächelt auf Seen und Höhen
Des Himmel Blau!
Die Wälder, die Seen, der Berge Sand,
Masovia lebe, mein Vaterland!“
„Das war ein prächtiger Mann, der Professor Dewischeit, der dies Lied
gedichtet hat,“ sprach er im Weitergehen, „ein vorzüglicher Lehrer, dem
allein ich es verdanke, daß ich nicht ein Taugenichts geworden bin.“
Sie hatten den Skomentener See umwandert, waren auf den Berg gestiegen,
auf dem vor Zeiten die Burg des Skomand stand und hatten die Gräben,
die von Gestrüpp überwucherten Steintrümmer überklettert, eifrig
bemüht, sich ein Bild der Veste zusammenzustellen. Jetzt lagen sie
unter der mächtigen Eiche, die einsam die spitze Bergkuppe krönt
und schauten über den See hinüber nach dem Dorfe Skomenten, dessen
schmucke Häuser aus freundlichem Grün hervorlugten. Sie hatten dem
Mundvorrat wacker zugesprochen, jetzt war ein behagliches Sinnen über
sie gekommen, bis Franz ganz unvermittelt fragte: „Onkel, was soll ich
werden?“
Mit jähem Ruck richtete sich der Pastor empor: „Mein Kind, denkst du
schon an solche Dinge?“
Der Junge nickte nachdenklich. „Ich weiß, die Mutter will, daß ich
Pfarrer werden soll, der Vater möchte am liebsten, daß ich den Hof
übernehme, bloß was du willst, weiß ich noch nicht recht; Naturforscher
oder Arzt? Was meinst du, Onkel?“
„Merkwürdig,“ brummte der Pastor, „daß solche Dinge dem Kinde
zufliegen, wie ein Lufthauch, von dem man nicht weiß, von wannen er
kommt.“ Lauter fuhr er fort: „Habe ich dir schon mit einem Worte davon
gesprochen, was du werden sollst?“
„Nein, Onkel.“
„Wie kommst du denn zu deiner Annahme?“
Über das Gesicht des Knaben huschte ein Lächeln. „Ja, sieh mal, Onkel,
wir haben so viel von Naturbeschreibung und Botanik gelernt, viel mehr
als die Gymnasiasten in der Stadt.“
„Na und?“
„Da habe ich mir gedacht, das kann ich doch nur brauchen, wenn ich eins
von beiden studiere.“
„Du büst ja gefährlich klook, min Söhn,“ antwortete der Pastor, der oft
und gern plattdeutsch sprach, „äwer dit Moal häst vorbidacht, un nimm
mi nich äwel, min Jung, dat ick di dat segg, du büst een Schafskopp.
Goah du man erscht noch e Johrener fiew to School und dann red’ wi noch
mal doräwer.“
Franz schwieg; er wußte, daß der Onkel, wenn er ihm in dieser Mundart
Anweisungen erteilte, keine Einwendungen wünschte. Dem Lehrmeister aber
schien nach einer Weile, als ob er nicht gut daran getan hätte, das
Gespräch so kurz abzubrechen. Deshalb nahm er den Faden wieder auf.
„Du weißt schon, wie es mir gegangen ist. Mir wurde der größte Wunsch
meiner Jugend versagt, ich bin etwas anderes geworden, als ich wollte,
aber ich lebe und bin zufrieden. Du weißt noch nicht einmal, was du
werden willst ....“
„O doch,“ warf der Knabe ein, froh, wieder antworten zu dürfen, „ich
weiß es schon, ich will studieren, alles lernen, was es bloß zu lernen
gibt.“
„Und dann?“
„Ja, was ich schließlich werde, weiß ich noch nicht.“
Erleichtert atmete der Pfarrer auf. „Dann will ich dir einen guten Rat
geben, mein Herzensjunge: lern’ und studier’, so viel du willst, deine
Eltern werden dir kein Hindernis in den Weg legen, aber vergiß nie,
was Vater und was Mutter wünschen. Und wenn deine Mutter auch etwas
anderes wünscht, als dein Vater, so wird sie ihm doch gern beistimmen,
wenn du dich für die Landwirtschaft entscheidest. Zuviel kann man nie
lernen, auch als zukünftiger Landwirt nicht. Und noch eins: gib mir
das Versprechen, wenn in dir jemals der Wunsch nach einem bestimmten
Beruf auftaucht, laß es mich zuerst wissen, damit wir gemeinsam einen
Entschluß fassen.“ Er hielt ihm die Hand hin, der Knabe schlug kräftig
ein.