Langsam senkte sich der Abend hernieder. Die Sonne stand tief im
Westen, von starken Dunstmassen so verschleiert, daß man ungeblendet
in die große, brandrote Scheibe blicken konnte. Von Osten her war
ein schwacher Wind aufgesprungen, der etwas Kühlung brachte. Seine
Kraft reichte jedoch kaum hin, die Oberfläche des Sees zu kräuseln.
Strichweise nur liefen winzige Wellen, vom Volksmund „Katzenpfoten“
genannt, über den glatten Spiegel. Dazwischen lagen weite Strecken des
mächtigen Sees so glatt da, als hätte sich Öl über seine Oberfläche
gebreitet.
Zahllose kleine Kreise, die fortwährend aufsprangen und spurlos
verzitterten, wenn sie die Größe eines Tellers erreicht hatten,
zeigten, welch’ reiches Leben das Gewässer barg. Myriaden kleiner
Fischlein schossen blitzschnell dicht unter der Oberfläche durch das
klare Wasser und schnappten nach den langbeinigen Mücken, die sorglos
im Abendsonnenschein tanzten. Ab und zu schoß ein Raubfisch von unten
zwischen die Menge. Dann sprangen die Geängstigten zu Hunderten mit
einem jähen Ruck aus dem Wasser empor, um dem Verderben zu entrinnen.
In dem dichten Schilf, das im Windhauch hin und her wogte, stand ein
kleiner Kahn. Nur seine Spitze ragte in das freie Wasser hinaus. Darin
saß ein großer, starker Mann, der fleißig die Angelruten handhabte. Ein
breitrandiger Basthut saß auf dem vollen, leichtergrauten Haar. In dem
freundlichen Gesicht blitzten lustig die klugen Augen, die unablässig
von einer Angel zur anderen wanderten. Da -- -- jetzt versank langsam
einer der Korkschwimmer. „Das Raubzeug ist heute gefräßig,“ murmelte
der Angler vor sich hin, „aber mein Vorrat an Würmern neigt sich zum
Ende, ihr werdet fortan, wie ich euch kenne, auch mit kleineren Happen
vorlieb nehmen.“ Mit starkem Ruck zog er die Angel in die Höhe, der
Fisch saß am haken, ein starker Barsch, der sich heftig im Wasser
sträubte, bis er an den Kahn gezogen und mit dem Käscher hineingehoben
wurde.
Vom Dorf her kam schwatzend und lachend eine ganze Schar kleiner Knaben
und Mädchen. Im Nu hatten sie ihre Kleidung, die bei manchem nur aus
einem Hemdchen bestand, abgeworfen und sprangen in das laue Wasser,
bespritzten sich und lachten unbändig, wenn ein Ungeschickter bei dem
Kampf vornüber ins Wasser schoß. Jetzt hörten sie den Wurf der Angel
und horchten auf. „Der Herr Pfarrer angelt“, flüsterten sie sich zu.
Dann riefen sie im Chor: „Guten Abend, Herr Pfarrer.“ Die kleinen
Mädchen knixten dabei.
„Guten Abend, Kinder.“
„Onkel Uwis,“ rief ein kleiner, blonder Krauskopf mit lebhaften Augen,
„verjagen wir dir nicht die Fische?“
„Nein, mein Junge, die kümmern sich nicht um euch.“
„Fängst du viel heute?“
„Ich danke, mein Sohn, für gütige Nachfrage. Es geht.“
Einen Augenblick zögerte der Knabe, dann watete er mutig durch das
Röhricht, dem Kahn zu. Das Wasser stieg ihm fast bis an die Nase,
als er das hintere Ende des Kahnes erreichte. Ein Griff, ein kurzer
Schwung, jetzt saß er drin. „Oho, Onkel, du sagst: ‚es geht‘.“ Er wies
auf einen Hecht, der in einem ganzen Haufen gefangener Barsche lag.
Der Angler nickte vergnügt. „Es hat sich heute gut gefangen. Doch nun
muß ich aufhören, die Würmer sind zu Ende.“
„Ich hole gleich einen ganzen Topf voll.“
„Laß nur, mein Kerlchen, man muß des Guten nicht zuviel genießen. Für
heute habe ich auch genug.“ Er wickelte sorgfältig die Angeln auf. „Wie
geht es dir in der Schule, Franz?“
„Sehr gut, Onkel“, antwortete der Kleine eifrig. „Der Herr Lehrer hat
gesagt, ich werde ein schöner Schreiber werden.“
„Das ist erfreulich, denn er meinte wohl: Schönschreiber. Aber lernst
du auch fleißig?“
„Lernen, Onkel? Nein, das brauche ich nicht. Ich weiß ja alles, was
der Herr Lehrer vorerzählt, auswendig. Auch das Einmaleins. Und
Liederverse, die lese ich mir nur einmal durch.“
„Dann lies sie künftig zweimal, mein Junge. Doch nun pascholl aus dem
Kahn! Beeil’ dich und lauf hinauf zu Tante, sie möchte Dora mit einem
Korb an den See schicken. Noch eins: sag’ Vater und Mutter, ich käme
heut Abend nach dem Essen auf ein Plauderstündchen zu euch.“
Wie ein Pfeil schoß der Junge neben ihm aus dem Kahn kopfüber in die
dunkle Flut. Im nächsten Moment tauchte er empor, schüttelte das
Wasser aus den krausen Haaren und schwamm am Rohr entlang, bis er durch
eine Lücke das Ufer gewann. Eine Minute später sprang er mit hellem
Jauchzen das Ufer empor dem Dorf zu.
Vater Rosumek, der Dorfschulze, rüstete sich gerade zum Gang in den
Dorfkrug, wo er nach des heißen Tages Arbeit einen kühlen Trunk zu
gewinnen dachte, als sein Junge den Besuch ankündigte. Erfreut ließ er
sofort den Tisch in der großen Laube am Giebel des Hauses mit weißen
Linnen decken und schickte die flinke Jette mit einem Korb nach Bier.
Pfarrer Uwis ließ nicht lange auf sich warten. Würdevoll kam er in
langem schwarzen Rock die Dorfstraße angewandelt, seine rundliche
Gattin am Arm. Hier und dort blieb er vor einem Hoftor stehen und
sprach freundliche Worte zu den Leuten, die in der Abendkühle für die
müden Glieder Erfrischung suchten. Vergnügt dankte er den Männern, die
sich nach dem Erfolg seiner Angelfahrt erkundigten.
Der Schulze erwartete das Ehepaar am Hoftor, um es nach der Laube zu
geleiten, aus der ein heller Lampenschein durch die dichten Ranken des
wilden Weins strahlte. „Ein behagliches Plätzchen“, lobte der Pfarrer,
während er sich niederließ. „Ich fürchte nur, Vetter Christoph, wir
werden Mühe haben, die kleinen Blutsauger zu scheuchen. Meine Hausehre
habe ich mitgebracht, sie hat mich schon den ganzen Nachmittag
entbehrt, weil ich den Räubern im See nachstellte.“
„Den Erfolg deiner Fahrt habe ich schon gesehen, meine Frau ist noch
dabei, die schönen Barsche zu schuppen, die Dora uns gebracht. Schönen
Dank dafür!“
„Keine Ursache, Freund, wir hätten die Menge allein nicht bezwungen.“
Behaglich ging das Gespräch hin und her, über das Wetter, über die
Ernteaussichten und die Neuigkeiten des Dorfes, bis Frau Rosumek
erschien und die Gäste herzlich begrüßte.
Nach dieser Unterbrechung begann der Pfarrer: „Vetter Christoph und
liebe Frau Minna, ich habe heute etwas Besonderes auf dem Herzen, was
euch beide angeht. Ich möchte mit euch über den Jungen, den Franz,
sprechen. Es ist nichts Schlimmes,“ fuhr er lächelnd fort, als er die
gespannten Mienen der Eltern sah, „im Gegenteil etwas Gutes. Grigo hat
mir schon mehrmals gesagt, der Junge wäre ganz außerordentlich begabt
und es wäre nicht recht, solch ein Pfund zu vergraben, anstatt damit
zu wuchern. Der Meinung bin ich auch. Ein heller Kopf ist ein Geschenk
Gottes, das darf man nicht verkümmern lassen. Drum mache ich dir den
Vorschlag: gib ihn auf’s Gymnasium und schlägt er ein, dann laß ihn
studieren. Die Mittel dazu habt ihr.“
Frau Rosumek sah den Pfarrer freundlich und dankbar an. „Mir hat es der
Lehrer auch schon gesagt. Ach, es wäre das größte Glück für mich, wenn
ich meinen Franzel auf der Kanzel sehen könnte.“
Der Vater schien, nach seiner Miene zu urteilen, mit dem Vorschlag des
Pfarrers nicht ganz einverstanden zu sein. Er antwortete bedächtig:
„Pastor, du meinst es gut mit dem Jungen, das wissen wir. Aber bedenk’:
es ist mein Einziger außer dem Mädel, der Emma. Und der Schulzenhof
ist seit Jahrhunderten in meiner Familie immer vom Vater auf den Sohn
vererbt. Soll ich der Letzte in der Reihe sein? Nein, das geht nicht,
lieber Pastor, daß nach mir sich ein Fremder hier hineinsetzt.“
„Das ist ein Grund, der sich hören läßt, Christoph. Es ist was Schönes,
wenn Familien in ihrem Besitz dauern. Doch ich wiederhole trotzdem
meinen Rat. Denn immer von Neuem müssen frische Kräfte unter die
geistigen Führer des Volkes emporsteigen. Frisches Blut muß gerade aus
dem Bauernstande den oberen Kreisen zugeführt werden.“
„Ich dächte, lieber Freund, tüchtige Kräfte täten jetzt vor allem der
Landwirtschaft not“, erwiderte der Schulze eifrig. „Immer schwerer wird
es uns Landwirten, die schlechten Zeiten zu überwinden. Ich stehe ja,
Gott sei Dank, noch fest in den Sielen, aber manchmal wünsche ich sehr,
ich hätte mehr gelernt. Drum möchte ich gern aus meinem Jungen einen
klugen Landwirt machen, der seinen Beruf aus dem Grund versteht und mit
dem Fortschritt der Zeit mitgeht.“
„Es ist schwer, dir darauf zu erwidern,“ meinte der Pfarrer, indem
er graue Dampfwolken nach einem Nachtfalter blies, der die Lampe
umschwirrte, „denn das sind vernünftige Worte. Natürlich, keinem Stand
gereicht ein kluger Kopf, ein tüchtiger Mann zur Unehre. Es ist jedoch
in unserm Fall ein Aber dabei. Ich meine nämlich, bei Kindern von
ungewöhnlicher Begabung müßten die Eltern doppelt vorsichtig sein, daß
sie sie nicht auf einen falschen Weg leiten, auf dem sie keine innere
Befriedigung finden. Deshalb ist es auch voreilig -- nimm mir das
Wort nicht übel, liebe Minna, schon jetzt zu wünschen, daß der Junge
Theologie studieren soll. Den Wunsch begreife ich, den haben viele
Mütter, -- meine hat ihn ja auch gehabt -- aber wenn die Kinder groß
werden, dann bekommen sie das Recht, sich ihren Beruf selbst zu wählen
.... Laß mich noch ein Wort sagen, Vetter Christoph, es wäre gar nicht
ausgeschlossen, daß dir der Junge von dem Wege abbiegt, den du ihm
vorschreiben willst. Deshalb möchte ich einen vermittelnden Vorschlag
machen: bring’ Franz, wenn er so weit ist, aufs Gymnasium. Die Stadt
ist so nahe, daß er mit einem tüchtigen Kunter morgens hinfahren und
nachmittags nach Hause kommen kann. So bleibt der Junge im Elternhause
und in Fühlung mit der Landwirtschaft und wir behalten ihn unter
den Augen. Zeigt er Sinn für deinen Beruf, so wollen wir ihn darin
bestärken. Wenn nicht -- so mußt du dich darin fügen und ihn seinen Weg
allein gehen lassen.“
Eine lange Pause entstand, bis der Pastor noch einmal das Wort nahm.
„Es braucht nicht heute oder morgen der Entschluß gefaßt zu werden,
die Sache eilt nicht. Noch ein Jahr oder zwei kann er zu Grigo in die
Dorfschule gehen; er lernt hier ebensoviel, wie in der Vorschule des
Gymnasiums.“
Er stand auf und bot Rosumek die Hand. „Überschlaft euch die Sache,
Vetter Christoph, wir sprechen später wieder einmal darüber. Gute
Nacht, gute Nacht, meine Lieben. Es ist spät geworden und für euch ist
beim ersten Morgengrauen die Nacht zu Ende.“
Pastor Uwis bot seiner Ehehälfte den Arm und wandelte mit ihr langsam
und nachdenklich durch die helle Mondnacht dem Pfarrerhof zu. Erst als
er daheim das Licht anzündete, brach er das Schweigen. „Ich glaube zu
bemerken, mein liebes Weib, daß du mit mir nicht ganz derselben Meinung
bist?“
„Ich wollte dir nicht widersprechen, aber nun will ich es dir offen
sagen: ich würde mich an deiner Stelle vor der Verantwortung scheuen,
die aus solch einem Rat entspringen kann. Wenn zum Beispiel der Junge
auf der Hochschule verbummelt?“
Pastor Uwis lachte laut auf. „Der Junge, der Franz soll verbummeln?
Nein, meine gute Amalie, du bist eine gute und auch eine kluge Frau,
aber eine Herzenskündigerin bist du nicht. Sonst müßtest du das Gold
in dem Charakter dieses kleinen Buben sehen.“ Nach einer kleinen
Pause fuhr er fort: „Weißt du, Frau, es ist mir ja manchmal schwer
angekommen, daß unsere Ehe kinderlos blieb, aber seit der Franz da ist,
habe ich mich getröstet. Der soll, wie Frau Jeanette Groterjahn seggt,
mein Erziehungssubstrat werden. Für den Erfolg stehe ich ein!“