Nun hatte Wilhelm, der auf dem Lande groß geworden war, ein scharfes
Ohr für die Stimmen der Tiere. Er wußte, daß dieses Pfeifen von einem
männlichen oder weiblichen Otter herrührte, der im Flusse mit seinen
Jungen fischte.
Gerade unter der Brücke, wo das Ufer sehr hoch war, wuchs eine alte
Weide mit weit über das Wasser hängenden Zweigen. Das Wasser hatte
das Ufer unter der Weide fortgewaschen, so daß zwischen ihren starken
Wurzeln ein großes Loch entstanden war.
Wilhelm wußte nun, daß dieses Loch der Bau eines Fischotternpaares war.
Manchesmal hatten die Otterhunde im Wasser bei diesem Loche gestanden
und mit aller Kraft gebellt. Aber sie konnten nicht hinein, und die
Otter waren viel zu vorsichtig, um herauszukommen.
Die Hunde waren jetzt weit fort, und alles war an diesem frühen
Morgen ganz still. Daher legte sich Wilhelm in das dichte Gras oben
auf dem Ufer und wartete: Nach einer Weile kam der Otter geräuschlos
dahergeschwommen, und zwar so, daß nur die Nase aus dem Wasser
hervorsah.
Die alten Otter schwammen so leise, daß Wilhelm sie gar nicht bemerkt
haben würde. Aber die Jungen spielten und warfen sich im Wasser umher,
so daß bald ihre mit braunem Pelze bedeckten Rücken, bald der weiße
Bauch im Lichte der frühen Morgensonne glänzten, und das Wasser um sie
her emporspritzte.
Der Fluß war an dieser Stelle sehr breit, und gerade der Weide
gegenüber war eine kleine Insel. Wilhelm war so gut im hohen Grase
versteckt, daß die Otter ihn nicht bemerkten. Daher kletterten sie
nacheinander auf die Insel hinauf. Jeder trug einen Fisch im Maule, den
sie anfingen zu fressen. Sie begannen dicht hinter dem Kopfe und ließen
nur ein kleines Stückchen vom Schwanze über.
Während sie fraßen, konnte Wilhelm sie genau beobachten. Sie hatten
einen langen biegsamen Körper, einen breiten, flachen Kopf, ein kurzes
breites Maul und eine ebensolche Nase. Die Füße waren mit Schwimmhäuten
versehen wie bei der Ente, aber jeder Fuß hatte noch scharfe Krallen.
Die Pelze hatten eine angenehme braune Farbe, aber die langen Haare
der alten Otter waren grob und sahen nicht so weich aus wie die der
Jungen. Die Schwänze waren dick und stark und ihnen sehr nützlich beim
Schwimmen.
Der alte männliche Otter biß wütend auf seinen Fisch ein und warf
zuweilen den Jungen kleine Stücke hin, die bald mit ihrem kleinen Fisch
fertig waren. Zuletzt war alles aufgefressen außer den Köpfen und
Schwänzen. Dann glitt der alte Otter vom Ufer hinab ins Wasser, die
anderen folgten ihm, und sie begannen wieder zu fischen.
Es gibt jetzt weniger Fischotter als früher in Deutschland. Aber sie
sind doch an vielen Stellen noch zu finden. Wenn man sie bei ihrem Bau
beobachten will, so muß man früh am Morgen aufstehen.
Lektion 11.
Blumen für die Ausstellung.
(Achtes Vollbild.)
„Wohin gehst du, Grete?“ fragte Peter, als er sie an einem
Sonnabendnachmittag im Juli im Heckengange traf. „Ich suche nach Blumen
für die in nächster Woche stattfindende Blumenausstellung“, sagte
Grete, „ich will sie noch nicht pflücken, ich will bloß nachsehen,
welche Blumen ich finden kann.“
„Darf ich mitgehen?“
„Ja, wenn du den Mund halten kannst. Ich will eine neue Art von
Blumenstrauß sammeln, aus Blumen, die im Wasser wachsen.“
„Aber sie werden alle verwelken, wenn du sie in einen Strauß bindest.“
„Ich will auch keinen Strauß daraus machen. Ich werde eine von Vaters
großen Zinnschüsseln nehmen, die er für das Hundefutter gebraucht, und
die Pflanzen im Wasser schwimmen lassen.“
So machten sich Peter und Grete also nach ihrem Lieblingsteiche auf den
Weg.
„Sieh, Peter, ich muß eine von jenen schönen gelben Wasserrosen
haben mit ihren großen glänzend grünen Blättern und eine von ihren
sonderbaren Samenkapseln, die zurückbleiben, nachdem die gelben
Blumenkronblätter abgefallen sind. Ich weiß, daß die Pflanze einen
dicken Stamm im Schlamm unten im Teiche hat, und die langen Stengel
wachsen gerade herauf, so daß die Blätter auf der Oberfläche des
Wassers schwimmen. Kleine Käfer kriechen in die Blüte hinein und holen
Honig aus dem Innern der gelben Blüte.“
„Dann muß ich einige von jenen weißen Sternen mit dem gelben Punkt in
der Mitte haben. Sie sehen so hübsch aus zwischen den feinen grünen
Blättern, die in drei Lappen geteilt sind. Das ist der Wasserhahnenfuß,
und wenn du etwas davon mit deinem Stock heranholst, so werden wir
sehen, daß die Pflanze noch andere Blätter unter dem Wasser hat, die in
feine Streifen gespalten sind wie schmale Grashalme.“
[Illustration: Weiße und gelbe Wasserrose.