II. 7.]

Nun hatte Wilhelm, der auf dem Lande groß geworden war, ein scharfes

Ohr für die Stimmen der Tiere. Er wußte, daß dieses Pfeifen von einem

männlichen oder weiblichen Otter herrührte, der im Flusse mit seinen

Jungen fischte.

Gerade unter der Brücke, wo das Ufer sehr hoch war, wuchs eine alte

Weide mit weit über das Wasser hängenden Zweigen. Das Wasser hatte

das Ufer unter der Weide fortgewaschen, so daß zwischen ihren starken

Wurzeln ein großes Loch entstanden war.

Wilhelm wußte nun, daß dieses Loch der Bau eines Fischotternpaares war.

Manchesmal hatten die Otterhunde im Wasser bei diesem Loche gestanden

und mit aller Kraft gebellt. Aber sie konnten nicht hinein, und die

Otter waren viel zu vorsichtig, um herauszukommen.

Die Hunde waren jetzt weit fort, und alles war an diesem frühen

Morgen ganz still. Daher legte sich Wilhelm in das dichte Gras oben

auf dem Ufer und wartete: Nach einer Weile kam der Otter geräuschlos

dahergeschwommen, und zwar so, daß nur die Nase aus dem Wasser

hervorsah.

Die alten Otter schwammen so leise, daß Wilhelm sie gar nicht bemerkt

haben würde. Aber die Jungen spielten und warfen sich im Wasser umher,

so daß bald ihre mit braunem Pelze bedeckten Rücken, bald der weiße

Bauch im Lichte der frühen Morgensonne glänzten, und das Wasser um sie

her emporspritzte.

Der Fluß war an dieser Stelle sehr breit, und gerade der Weide

gegenüber war eine kleine Insel. Wilhelm war so gut im hohen Grase

versteckt, daß die Otter ihn nicht bemerkten. Daher kletterten sie

nacheinander auf die Insel hinauf. Jeder trug einen Fisch im Maule, den

sie anfingen zu fressen. Sie begannen dicht hinter dem Kopfe und ließen

nur ein kleines Stückchen vom Schwanze über.

Während sie fraßen, konnte Wilhelm sie genau beobachten. Sie hatten

einen langen biegsamen Körper, einen breiten, flachen Kopf, ein kurzes

breites Maul und eine ebensolche Nase. Die Füße waren mit Schwimmhäuten

versehen wie bei der Ente, aber jeder Fuß hatte noch scharfe Krallen.

Die Pelze hatten eine angenehme braune Farbe, aber die langen Haare

der alten Otter waren grob und sahen nicht so weich aus wie die der

Jungen. Die Schwänze waren dick und stark und ihnen sehr nützlich beim

Schwimmen.

Der alte männliche Otter biß wütend auf seinen Fisch ein und warf

zuweilen den Jungen kleine Stücke hin, die bald mit ihrem kleinen Fisch

fertig waren. Zuletzt war alles aufgefressen außer den Köpfen und

Schwänzen. Dann glitt der alte Otter vom Ufer hinab ins Wasser, die

anderen folgten ihm, und sie begannen wieder zu fischen.

Es gibt jetzt weniger Fischotter als früher in Deutschland. Aber sie

sind doch an vielen Stellen noch zu finden. Wenn man sie bei ihrem Bau

beobachten will, so muß man früh am Morgen aufstehen.

Lektion 11.

Blumen für die Ausstellung.

(Achtes Vollbild.)

„Wohin gehst du, Grete?“ fragte Peter, als er sie an einem

Sonnabendnachmittag im Juli im Heckengange traf. „Ich suche nach Blumen

für die in nächster Woche stattfindende Blumenausstellung“, sagte

Grete, „ich will sie noch nicht pflücken, ich will bloß nachsehen,

welche Blumen ich finden kann.“

„Darf ich mitgehen?“

„Ja, wenn du den Mund halten kannst. Ich will eine neue Art von

Blumenstrauß sammeln, aus Blumen, die im Wasser wachsen.“

„Aber sie werden alle verwelken, wenn du sie in einen Strauß bindest.“

„Ich will auch keinen Strauß daraus machen. Ich werde eine von Vaters

großen Zinnschüsseln nehmen, die er für das Hundefutter gebraucht, und

die Pflanzen im Wasser schwimmen lassen.“

So machten sich Peter und Grete also nach ihrem Lieblingsteiche auf den

Weg.

„Sieh, Peter, ich muß eine von jenen schönen gelben Wasserrosen

haben mit ihren großen glänzend grünen Blättern und eine von ihren

sonderbaren Samenkapseln, die zurückbleiben, nachdem die gelben

Blumenkronblätter abgefallen sind. Ich weiß, daß die Pflanze einen

dicken Stamm im Schlamm unten im Teiche hat, und die langen Stengel

wachsen gerade herauf, so daß die Blätter auf der Oberfläche des

Wassers schwimmen. Kleine Käfer kriechen in die Blüte hinein und holen

Honig aus dem Innern der gelben Blüte.“

„Dann muß ich einige von jenen weißen Sternen mit dem gelben Punkt in

der Mitte haben. Sie sehen so hübsch aus zwischen den feinen grünen

Blättern, die in drei Lappen geteilt sind. Das ist der Wasserhahnenfuß,

und wenn du etwas davon mit deinem Stock heranholst, so werden wir

sehen, daß die Pflanze noch andere Blätter unter dem Wasser hat, die in

feine Streifen gespalten sind wie schmale Grashalme.“

[Illustration: Weiße und gelbe Wasserrose.

Am Teich- und Flußufer · 第 19 / 24 题