Lektion 8.
Wasserwanzen.
Wenn ihr aus der Schule nach Hause kommt und an einem Teich vorbeigeht,
so könnt ihr ganz sicher sein, eine oder mehrere von den drei
Wasserwanzen dieser Lektion zu finden, und ich möchte euch empfehlen,
sie zu beobachten.
Die erste ist ein langes, dünnes, schwarzes Insekt. Es läuft auf der
Wasseroberfläche hin und sieht aus wie eine Nadel auf Beinen. Es wird
„Wasserläufer“ genannt. Wenn es auf der Wasseroberfläche dahinrennt,
sieht es aus, als ob es das Wasser mit seinen Beinen ausmessen wollte.
Der Wasserläufer hat sehr feine Haare unter dem Körper und an den
Beinen. Die Luft zwischen diesen Haaren verhindert, daß er naß wird,
und daß er untergeht. Er hat zwei lange Fühler und einen langen dünnen
Rüssel. Die Beine und der Körper haben eine gelbliche Farbe, und die
Flügel sind glänzend schwarz.
Wenn man den Wasserläufer beobachtet, wird man sehen, daß er sehr
schnell über den Teich dahinläuft. Er fängt eine Wasserfliege, hält
sie in den Vorderklauen und saugt alle Flüssigkeit aus ihrem Körper.
Obgleich er Flügel hat, fliegt er nicht oft.
Die nächste Wasserwanze ist nicht so dünn. Sie ist ungefähr einen
Zoll lang und hat einen flachen Körper mit grauen Flügeln. Sie hat
sehr kurze Fühler, und die Vorderbeine sind dick, stark und mit Klauen
bewehrt. Deshalb heißt sie „Wasserskorpion“. Sie braucht diese Klauen,
um die Insekten im Wasser zu ergreifen, die sie mit ihrem scharfen
Rüssel aussaugt.
[Illustration: ~a.~ Wasserskorpion. ~b.~ Ruderwanze. ~c.~ Wasserläufer.]
Der Wasserskorpion schwimmt sehr langsam unter dem Wasser oder kriecht
im Schlamme und ist leicht zu fangen. Sehr leicht ist dies, wenn er
aus dem Wasser heraufkommt, um Luft zu schöpfen. Dies tut er auf
eine ganz sonderbare Weise. Er hat zwei lange Borsten am Ende des
Hinterleibs. Wenn er sie zusammenlegt, bilden sie eine Röhre wie einen
Strohhalm. Er kommt nahe an die Oberfläche, steckt das Ende der Röhre
in die Luft und zieht dann etwas von dieser in den Körper ein. Die Eier
des Wasserskorpions kleben auf den Blättern von Wasserpflanzen und
sehen wie Samenkörner aus.
Die dritte Wasserwanze kennt ihr sicher. Es ist ein kleines Insekt, das
einem Käfer ähnlich ist, mit sechs Beinen, von denen zwei sehr lang
sind. Es schwimmt auf dem Rücken und bewegt sich mit diesen beiden
Beinen fort, als ob es Ruder wären. Deshalb heißt es Rückenschwimmer
oder Ruderwanze.
Die Ruderwanze hat einen langen Saugrüssel aber man sieht ihn kaum,
wenn man sie nicht in ein Glas setzt und genau zusieht. Denn da sie auf
dem Rücken schwimmt, biegt sie den Kopf auf die Brust hinunter, so daß
der Rüssel zwischen den Beinen liegt.
Die Augen befinden sich an der Seite des Kopfes und sind sehr groß,
so daß die Ruderwanze nach oben und unten sehen kann. Das ist sehr
nützlich für sie, denn sie schwimmt zwischen die Kaulquappen und Larven
und ergreift sie mit den Klauen. Dann sticht sie die Beute mit dem
scharfen Rüssel an und saugt alle Flüssigkeit aus ihrem weichen Körper.
Die Ruderwanze schwimmt stets im Wasser oder kriecht im Schlamm. Abends
kommt sie manchmal an die Wasseroberfläche und fliegt zu einem anderen
Teiche oder Graben.
Die weibliche Ruderwanze legt kleine, längliche, weiße Eier auf die
Wasserpflanzen. Man kann sie im März finden, und schon im April sieht
man die kleinen Wanzen auf dem Rücken schwimmen, gerade wie die Alten.
Wenn man sich etwas Mühe gibt, kann man diese drei verschiedenen
Wasserwanzen im Netze fangen, sie in ein Glasgefäß setzen und alles
beobachten, was ich euch erzählt habe.
Lektion 9.
Am Flußufer.
Wir wollen eine kurze Strecke am Flußufer hinwandern. Wie hübsch ist es
da, wenn die Abendsonne durch das Laub der Bäume scheint! Was für eine
Menge von kleinen Geschöpfen freuen sich ihres Lebens in der Luft und
im Wasser!
Der kleine blasse Hans, der aus der Stadt gekommen ist, um einen
freien Tag hier zu verleben, sagt: „Ich möchte, ich könnte auf dem
Lande leben.“ Wenn er nach seiner Wohnung in der engen Stadtstraße
zurückkehrt, wo es nur hartes Pflaster gibt und kein grünes Gras, keine
schattigen Bäume und kein lustig dahinfließendes Wasser, dann wird er
oft an diesen Spaziergang am Flußufer denken.
[Illustration: Kaulkopf und Eintagsfliegen.]
Sieh jene Fische von ungefähr 7-8 ~cm~ Länge, die unter der Brücke
hin- und herschwimmen. Sie heißen Kaulköpfe, weil sie einen breiten,
dicken Kopf haben. Sie haben an jeder Seite des Kopfes einen spitzen
Wangenstachel, den man fühlen kann, wenn man den Fisch in die Hand
nimmt. Der Eisvogel weiß das ganz gut; er verschlingt keinen Kaulkopf,
denn sie würden ihm im Halse stecken bleiben.
Der Kaulkopf lebt unter Steinen und frißt Insekten und die Eier anderer
Fische. Sieh da! Fritz hat einen gefangen und ihn in das Glas gesteckt.
Nun kann Hans sehen, was für ein hübsches Auge der Kaulkopf hat, und
wie schön die roten, grünen, braunen und gelben Farben auf seinen
Schuppen schillern.
[Illustration: Mücke mit Larve. (Die Linien geben die wirkliche Größe
an.)]
Wie geschäftig die Fliegen mit den langen Flügeln und den drei
langen Borsten an dem Hinterleibe sind! Es sind Eintagsfliegen, die
über dem Wasser hin- und herfliegen. Sie suchen keine Nahrung, denn
Eintagsfliegen fressen nicht und leben nur kurze Zeit. Aber sie haben
lange Zeit als Larven unter dem Wasser gelebt wie die Larve der
Wasserjungfer. Sie legen nur ihre Eier und sterben dann.
Die Mücken, die über jener tiefen, ruhigen Stelle in der Nähe der
Mühle fliegen, sind ganz anders. Die eine hat mich gerade in die Hand
gestochen und mir Blut ausgesogen und so weiß ich, daß sie Nahrung zu
sich nimmt. Aber die Mücken haben auch kein so langes Leben im Wasser
wie die Eintagsfliegen.
Diese Mücken sind erst vor einigen Wochen ans Licht der Welt gekommen.
Die weibliche Mücke legt einige klebrige Eier, nicht größer als die
Spitze einer Stecknadel, auf die Oberfläche des Wassers. Bald kriechen
aus den Eiern Larven aus, die wie winzige Würmchen aussehen und feine
Härchen an den Seiten haben. Sie schwimmen im Wasser umher und nähren
sich von kleinen Stückchen der Wasserpflanzen.
Warum schwimmen sie wohl mit den Köpfen nach unten? Weil sie nur durch
eine Öffnung am Hinterleib atmen können und deshalb denselben in die
Luft emporstrecken müssen.
In ungefähr drei Wochen wechselt jede Larve ihre Haut dreimal. Nach der
vierten Häutung ist die Larve von einer Hülle umgeben, und wenn man
genauer hinsieht, erkennt man eine vollständige Mücke mit Flügeln im
Innern der Umhüllung.
Nun muß sie auskriechen, und das ist sehr gefährlich. Denn wenn sie
dabei ins Wasser fällt, muß sie ertrinken. Darum streckt sie sich
vorsichtig auf der Oberfläche des Wassers und beginnt den Kopf durch
einen Schlitz in der Umhüllung zu stecken. Dann kriecht sie langsam
heraus und steht auf den Fußspitzen auf der leeren Haut, die wie ein
Boot auf dem Wasser schwimmt. Sie breitet die Flügel aus, und nun ist
sie endlich in Sicherheit: sie fliegt fort. Manchmal weht der Wind sie
um, ehe sie ganz auskriechen kann, und dann ertrinkt sie.
Wenn man im Monat Mai einen Eimer Wasser aus einem Teiche holt und ihn
im Freien hinstellt, kann man vielleicht die Mücke aufwachsen sehen,
denn es ist sehr wahrscheinlich, daß eine Menge darin sind. Aber man
muß scharfe Augen haben, da die Larven sehr klein sind.
Und nun geht die Sonne unter, und Vögel, Tiere und Blumen gehen zur
Ruhe. Bald werden die Nachtschmetterlinge, die Eulen und Fledermäuse
hervorkommen. Wir müssen nach Hause gehen.
Lektion 10.
Die Familie des Fischotters.
(Siebentes Vollbild.)
Gegen fünf Uhr morgens untersuchte Wilhelm, der Sohn des Wildhüters,
die Fallen, die für Wiesel, Iltisse und anderes Raubzeug gelegt
waren. Sein Weg führte ihn über eine Brücke, die über den Fluß ging,
und als er in die Nähe derselben kam, hörte er ein sonderbares Pfeifen.
[Illustration: Fischotter, einen Fisch fressend.