„Warum sollte sie zwei Arten von Blättern haben, Grete?“
„Die eine Art sind die schwimmenden Blätter, die auf dem Wasser liegen.
Auch die Blüten ragen aus dem Wasser heraus, so daß die Insekten an sie
herankommen können. Die anderen Blätter sind feiner und breiten sich im
Wasser aus. Und sieh, Peter, die gelben Linien auf den weißen Blüten
zeigen gerade nach dem schmalen Ende des Blütenblattes, wo die Insekten
den Honig finden.“
[Illustration: 1. Wasserlinse. 2., 4. Blüten der Wasserlinse. 3.
Befestigung der Wurzeln.]
„Dann muß ich noch Wasserlinsen haben. Sie werden die Schüssel so
hübsch füllen.“
„Aber Wasserlinsen sind nicht hübsch, Grete. Sie bestehen nur aus
Blättern.“
„Nein, Peter, das ist gerade nicht der Fall. Paul sagte mir neulich,
daß die Wasserlinse keine wirklichen Blätter hat. Jede Pflanze besteht
aus einem Stückchen Stengel mit einer dünnen Wurzel, die in das Wasser
hinabhängt. Sehr kleine Blüten wachsen zuweilen aus einem kleinen
Spalt an der Seite des Stengels. Ich werde versuchen, einige davon zu
bekommen. Aber es wird nicht leicht sein, da sie sehr klein sind und
bloß aus zwei kleinen Staubbeuteln und einem Fruchtknoten bestehen, und
Wasserlinsen nur auf dem Wasser schwimmen.“
„Dann möchte ich noch den blühenden Fieber- oder Bitterklee haben. Ich
fürchte, es ist dafür ziemlich spät im Jahre, aber es gibt noch einige
davon an dem flachen Ende des Teiches. Du mußt nach einer großen Ähre
rotweißer Blüten ausschauen, die wie Glockenblumen geformt und mit
weißen Haaren besetzt sind. Ah! da ist eine, deren Knospen sich gerade
öffnen; sie wird am Mittwoch so weit sein.“
„Nun müssen wir noch eine andere finden. Eine kleine Pflanze, das
ährige Tausendblatt, die fast ganz unter dem Wasser wächst, außer der
Ähre mit den zierlichen rötlichen Blüten, die über die Oberfläche
hervorragt. Sieh die hübschen Blätter an, die sternartig um den Stengel
stehen und so schön im Wasser ausgebreitet sind. Wenn du die Blüten
genau ansiehst, so wirst du bemerken, daß die oberen nur Staubbeutel
und die unteren nur Fruchtknoten tragen. Aber sie sind so klein, daß
sie nicht leicht zu sehen sind.“
„Nun darf ich keine mehr auswählen, denn ich muß jede Pflanze
beschreiben, und das wird lange Zeit in Anspruch nehmen.“
Lektion 12.
Gretes Wasserpflanzen.
Als der Mittwoch kam, war Gretes Schüssel fertig. Sie hatte sie mit an
den Teich genommen und unter die Wasserlinsen getaucht. Sie kam ganz
voll von diesen Wasserpflanzen heraus, die dann von ihr sorgfältig
ausgelesen wurden, so daß nur die besten zurückblieben. Dann trug sie
die Schüssel in das Ausstellungszimmer.
Darauf setzte sie die gelbe Wasserrose in die Mitte der Schüssel, so
daß die Blüte und der Stengel mit der Samenkapsel gerade in die Höhlung
zwischen den Lappen des großen grünen Blattes paßte. Dann setzte sie
einige Stengel des Wasserhahnenfußes hier und da ein, so daß die
hübschen weißen Blüten dicht über der Oberfläche des Wassers standen.
An die Seiten der Wasserrose steckte sie zwei Stengel des blühenden
Bitterklees. Endlich kamen noch einige Tausendblatt um den Rand der
Schüssel herum, so daß ihre zierlichen roten Blütenstengel eine hübsche
Einfassung bildeten.
Dann beschrieb Grete ihre Blumen in der folgenden Weise:
1. Die gelbe Wasserrose wächst im Teiche. Sie hat einen dicken Stengel,
der tief unten im Schlamm wurzelt. Ich habe ihn einmal gesehen, als der
Teich gereinigt wurde. Im März sehen wir noch nichts auf der Oberfläche
des Wassers. Aber im Mai ragen die langen glänzenden Blätter auf langen
Stengeln über das Wasser heraus. Sie sind herzförmig zugespitzt.
Im Juni kommen die Knospen heraus. Sie sehen aus wie grüne
gelbgefleckte Knötchen. Aber wenn sie größer werden, öffnen sich
die fünf äußeren Blätter oder Kelchblätter, und wir sehen, daß sie
im Innern ganz gelb sind. Dann können wir auch die kleinen inneren
Blumenkronblätter sehen, die in zwei Reihen angeordnet sind; nach ihnen
kommen eine Anzahl Staubgefäße, die aus dünnen Fäden mit Staubbeuteln
an der Spitze bestehen. Gerade in der Mitte ist der Stempel mit den
Samenanlagen im Fruchtknoten.
Dieser ist wie eine Wasserflasche geformt mit einem runden Kissen auf
der Spitze und hat eine Anzahl von klebrigen Streifen, die auf dem
Kissen in Form eines Sterns liegen. In den Blüten findet man oft kleine
Käfer. Sie fliegen hinein und saugen den Honig von der Rückseite der
Blumenblätter.
[Illustration: Wasserhahnenfuß mit zwei Arten von Blättern.]
2. Der Wasserhahnenfuß wächst in unserem Teiche und ist mit der
Sumpfdotterblume nahe verwandt. Er hat fünf äußere grüne Blätter
oder Kelchblätter. Sie sind gegen den Stiel zurückgeschlagen, wenn
die Blüte offen ist. Sie fallen oft ab. Die Blüte hat fünf weiße
Blumenkronblätter, die in der Mitte der Blüte, wo Honigtropfen sitzen,
mit Gelb gestreift sind. Innerhalb der Blumenkronblätter stehen
viele Staubgefäße und dann in der Mitte der Blüte eine Anzahl von
Fruchtknoten, jede mit einem Samen im Innern.
Der Wasserhahnenfuß hat zwei Arten von Blättern. Die Blätter, die auf
der Oberfläche des Wassers schwimmen, sind flach und bestehen aus drei
Lappen. Die Blätter unter dem Wasser sind fadenförmig und breiten sich
nach allen Seiten aus.
3. Es gibt sehr viel Wasserlinsen in unserem Teiche. Jede Pflanze hat
eine kleine Wurzel im Wasser und am andern Ende eine Art Stamm. Sie hat
keine Blätter. Die winzigen Blüten kommen manchmal aus einem Schlitz
an der Seite des Stengels heraus. Die Blüte besteht nur aus zwei
Staubgefäßen und einem kleinen Fruchtknoten.
[Illustration: Ähriges Tausendblatt.]
4. Der blühende Bitterklee hat jetzt fast ausgeblüht. Er wächst am
Rande des Teiches und seine Blätter sind dreizählig. Die rötlichen
Blüten stehen auf kleinen Stielen an einem großen Stengel. Sie sind wie
eine fünfspitzige Schale gestaltet und tragen viele weiße Haare auf der
Innenseite.
5. Das Tausendblatt wächst fast ganz unter dem Wasser. Nur die rote
Blütenähre ragt in die Luft hinein. Die Blüten an der Spitze der
Ähre haben nur Staubgefäße mit Staubbeuteln. Die unteren haben nur
Fruchtknoten mit den Samenkapseln. Die Blätter des Tausendblatts sind
schmal wie Grashalme, aber ganz kurz. Sie stehen um den Stengel wie die
Speichen eines Rades oder die Strahlen eines Sterns.
Gretes Strauß aus Wasserblumen und ihre Beschreibung gewann den Preis.
[Illustration]