Tebel hol mer, galant und proper in Kleidung auf, nur schade war es um
dieselben Menscher, daß sie so hochmütig waren und allen Leuten ein
Klebefleckchen wußten anzuhängen, da sie doch, der Tebel hol mer, von
oben bis unten selbst zu tadeln waren. Denn es kunnte kein Mensch mit
Frieden vor ihrem Hause vorbeigehen, dem sie nicht allemal was auf den
Ärmel hefteten, und kiffen[69] sich einen Tag und alle Tage mit ihrer
Mutter, ja sie machten auch bisweilen ihre Mutter so herunter, daß es
Sünde und Schande war, und hatten sich an das häßliche Fluchen und
Schwören gewöhnt, daß ich, der Tebel hol mer, vielmal dachte: Was gilts?
die Menscher werden noch auf dem Miste sterben müssen, weil sie ihre
eigene Mutter so verwünschen. Allein es geschah der Mutter gar recht,
warum hatte sie dieselben in der Jugend nicht besser gezogen. Einen
kleinen Sohn hatte sie auch noch zu Hause, das war noch der beste; sie
hielt ihm unterschiedene Präzeptores, aber derselbe Junge hatte zu dem
Studieren keine Lust. Seine einzige Freude hatte er an den Tauben und
auch (wie ich in meiner Jugend) an dem Blaserohre, mit demselben schoß
er im Vorbeigehen, wenn es Markttag war, die Bauern immer auf die Köpfe
und versteckte sich hernach hinter die Haustür, daß ihn niemand gewahr
wurde. Ich war demselben Jungen recht gut, nur des Blaserohrs halber,
weil ich in meiner Jugend auch so einen großen Narren daran gefressen
hatte.
[69] keiften.
Nun hätte auch diese Wirtin so gerne wieder einen Mann gehabt, wenn sie
nur einer hätte haben wollen, denn der sappermentsche Kupido mußte ihr
eine abscheulich große Wunde mit seinem Pfeile gemacht haben, daß sie in
ihrem sechzigjährigen Alter noch so verliebt um den Schnabel herum
aussah. Sie hätte, halt ich dafür, wohl noch einen Leg-dich-her
bekommen, weil sie ihr gutes Auskommen hatte. Den ganzen Tag redete sie
von nichts anders als von Hochzeit machen und von ihrem Sohne, welcher
in der Fremde wäre, und sagte, was derselbe vor ein so stattlicher Kerl
wäre.
Ich hatte, halt ich davor, noch nicht drei Wochen bei derselben Wirtin
logiert, so stellte sich ihr fremder Sohn zu Hause wieder ein. Er kam,
der Tebel hol mer, nicht anders als ein Kesselflicker aufgezogen und
stunk nach Tobak und Branntewein wie der ärgste Marodebruder[70]. Ei
sapperment! was schnitt der Kerl Dinges auf, wo er überall gewesen wäre,
und waren, der Tebel hol mer, lauter Lügen.
[70] vagabondierender Soldat.
Wie ihn nun seine Mutter und Schwestern wie auch sein kleiner Bruder
bewillkommet hatten, so wollte er mit seinen Schwestern Französisch an
zu reden fangen, allein er kunnte, der Tebel hol mer, nicht mehr
vorbringen als »oui«. Denn wenn sie ihn auf deutsch fragten, ob er auch
da und da gewesen wäre, so sagte er allemal »oui«. Der kleine Bruder
fing zu ihm auch an und sagte: »Mir ist erzählt worden, du sollst nicht
weiter als bis Halle in Sachsen gewesen sein: ists denn wahr?« So gab er
ihm gleichfalls zur Antwort: »Oui«. Als er nun hierzu auch »oui« sprach,
mußte ich mich, der Tebel hol mer, vor Lachen in die Zunge beißen, daß
ers nicht merkte, daß ich solche Sachen besser verstünde als er. Denn
ich kunnte es ihm gleich an den Augen absehen, daß er über eine Meile
Weges von Padua nicht mußte gewesen sein.
Wie ihm das Französischreden nicht wohl fließen wollte, so fing er
Deutsch an zu reden und wollte gerne fremde schwatzen, allein die liebe
Muttersprache verriet ihn immer, daß auch das kleinste Kind es hätte
merken können, daß es lauter gezwungen Werk mit seinem Fremdereden war.
Ich stellte mich nun dabei ganz einfältig und gedachte von meinen Reisen
anfänglich nicht ein Wort. Nun da hat der Kerl Dinge hergeschnitten, daß
einem flugs die Ohren davon hätten weh tun mögen, und war nicht ein
einzig Wort wahr. Denn ich wußte es alles besser, weil ich dieselben
Länder und Städte, da er wollte gewesen sein, schon längst an den
Schuhen abgerissen hatte.
Die Studenten, so im Hause waren, die hießen ihn nicht anders als den
Fremden und zwar aus den Ursachen, weil er wollte überall gewesen sein.
Man denke nur, was der sappermentsche Kerl, der Fremde, vor abscheuliche
große Lügen vorbrachte. Denn als ich ihn fragte, ob er auch was Rechts
da und da zu Wasser gesehen und ausgestanden hätte, so gab er mir zur
Antwort, wann er mirs gleich lange sagte, so würde ich einen Quark davon
verstehen. O sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem
nichtswürdigen Bärenhäuter, daß er mir da von einem Quarke schwatzte; es
fehlte nicht viel, so hätte ich ihm eine Presche gegeben, daß er flugs
an der Tischecke hätte sollen kleben bleiben, so aber dachte ich, was
schmeißt du ab, du willst ihn nur aufschneiden lassen und hören, was er
weiter vorbringen wird. Ferner so fing der Fremde nun an, von
Schiffahrten zu schwatzen. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht
sagen, was der Kerl vor Wesens von den Schiffen machte und absonderlich
von solchen Schiffen, die man nur Dreckschüten[71] nennt. Denn er
erzählte seinen Schwestern mit großer Verwunderung, wie er bei
abscheulichem Ungestüm und Wetterleuchten auf einer Dreckschüte mit
zweitausend Personen von Holland nach England in einem Tage gefahren
wäre und hätte keiner keinen Schuh naß gemacht. Worüber sich des
Fremden seine Schwestern sehr verwunderten. Ich aber sagte hierzu nicht
ein Wort, sondern mußte innerlich bei mir recht herzlich lachen, weil
der Fremde so ein großes Wesen von der lumpigen Dreckschüte da erzählte.
Ich mochte ihn nur nicht beschimpfen und auf seine Aufschneidereien
antworten. Denn wenn der Kerl hätte hören sollen, wie daß ich mit meinem
verstorbenen Bruder Grafen über hundert Meilen auf einem Brette
schwimmen müssen, ehe wir einmal Land gerochen hätten, und wie daß auch
einstmals ein einziges Brett unser fünfzig das Leben errettet: O
sapperment! wie der Fremde die Ohren aufsperren sollen und mich ansehen!
So aber dachte ich, du willst ihn immer aufschneiden lassen, warum sein
die Menscher solche Narren und verwundern sich flugs so sehr über
solchen Quark. Weiter erzählte der Fremde auch, wie er wäre in London
gewesen und bei dem Frauenzimmer in solchem Ansehen gestanden, daß sich
auch eine sehr vornehme Dame so in ihn verliebt hätte gehabt, daß sie
keinen Tag ohne ihn leben können, denn wenn er nicht alle Tage wäre zu
ihr gekommen, so hätte sie gleich einen Kammerjunker zu ihm geschickt,
der hätte ihn auf einer Chaise de Roland mit elf gelben Rappen bespannt
allemal holen müssen; und wenn er nun zu derselben vornehmen Dame
gekommen wäre, so hätte sie ihm allzeit erstlich einen guten Rausch in
Mastixwasser zugesoffen, ehe sie mit ihm von verliebten Sachen zu
schwatzen angefangen. Er hätte es auch bei derselben Dame so weit
gebracht, daß sie ihm täglich fünfzigtausend Pfund Sterling in
Kommission gegeben, damit er nun anfangen mögen, was er nur selbsten
gewollt. O sapperment! was waren das wieder vor Lügen von dem Fremden,
und seine Schwestern, die glaubten ihm nun, der Tebel hol mer, alles
miteinander. Die eine fragte ihn, wie viel denn ein Pfund Sterling an
deutscher Münze wäre. So gab er zur Antwort, ein Pfund Sterling wäre
nach deutscher Münze sechs Pfennige. Ei sapperment! wie verdroß mich das
Ding von dem Kerl, daß er ein Pfund Sterling nur vor sechs Pfennige
schätzte, da doch, der Tebel hol mer, nach deutscher Münze ein Pfund
Sterling einen Schreckenberger macht, welches in Padua ein halber
Batzen[72] ist. Über nichts kunnte ich mich innerlich so herzlich
zulachen, als daß des Fremden sein kleiner Bruder sich immer so mit
dreinmengte, wann der Fremde Lügen erzählte, denn derselbe wollte ihm
gar kein Wort nicht glauben, sondern sagte allemal, wie er sich doch die
Mühe nehmen könne, von diesen und jenen Ländern zu schwatzen, da er doch
über eine Meile Weges von Padua nicht gekommen wäre. Den Fremden
verschnupfte das Ding, er wollte aber nicht viel sagen, weils der Bruder
war, doch gab er ihm dieses zur Antwort: »Du Junge verstehst viel von
dem Taubenhandel«. Den kleinen Bruder verdroß das Ding auch, daß der
Fremde ihn einen Jungen hieß und von dem Taubenhandel schwatzte, denn
die Wetterkröte bildete sich auch ein, er wäre schon ein großer Kerl,
weil er von dem sechsten Jahre an bis in das fünfzehnte schon den Degen
getragen hatte. Er lief geschwind zur Mutter und klagte ihrs, daß ihn
sein fremder Bruder einen Jungen geheißen hatte. Die Mutter verdroß
solches auch und war hierauf her und gab ihm Geld, schickte ihn hin auf
die Universität in Padua, daß er sich da mußte einschreiben lassen und
ein Studente werden.
[71] Holländisch Trekschuyte: ein Kahn, der geschleppt wird.
[72] Ein Pfund Sterling ist in deutscher Münze ungefähr 20 M.; ein
Batzen entspricht etwa 10 Pfg. heutiger Reichswährung.
Wie er nun wiederkam, so fing er zu seinem fremden Bruder an und sagte:
»Nun bin ich doch auch ein rechtschaffener Kerl geworden, und Trotz sei
dem geboten, der mich nicht dafür ansieht«. Der Fremde sah den kleinen
Bruder von unten bis oben, von hinten und von vorne mit einer höhnischen
Miene an, und nachdem er ihn überall betrachtet hatte, sagte er: »Du
siehst noch jungenhaftig genug aus«. Den kleinen Bruder verdroß das Ding
erschrecklich, daß ihn der Fremde vor allen Leuten so beschimpfte. Er
war her und zog sein Fuchtelchen da heraus und sagte zu dem Fremden:
»Hast du was an mir zu tadeln oder meinest, daß ich noch kein
rechtschaffener Kerl bin, so schier dich her vor die Klinge, ich will
dir weisen, was Burschenmanier ist«. Der Fremde hatte nun blutwenig
Herze in seinem Leibe, als er des kleinen Bruders bloßen Degen sah, er
fing an zu zittern und zu beben und kunnte vor großer Angst nicht ein
Wort sagen, daß auch endlich der kleine Bruder den Degen wieder
einsteckte und sich mit dem Fremden in Güte vertrug. Wie sehr aber der
neue Akademikus von den Hausburschen und andern Studenten gevexiert[73]
wurde, das kann ich, der Tebel hol mer, nicht sagen. Sie hießen ihn nur
den unreifen Studenten, ich fragte auch, warum sie solches täten, so
wurde mir zur Antwort gegeben: deswegen wurde er nur der unreife Student
geheißen, weil er noch nicht tüchtig auf die Universität wäre, und dazu
so hielte ihm seine Mutter noch täglich einen Moderator[74], welcher ihn
den Donat[75] und Grammatika lernen mußte. Damit aber der unreife
Student die Schande nicht haben wollte, als wenn er noch unter der
Schulrute erzogen würde, so machte er den andern Studenten weis, der
Moderator wäre sein Stubengeselle.
[73] gefoppt.
[74] Pauker.
[75] lateinische Grammatik.
Indem mir nun einer von den Hausburschen solches erzählt hatte und noch
mehr Dinge von dem unreifen Studenten erzählen wollte, so wurde ich
gleich zur Mahlzeit gerufen. Über Tische fing der Fremde nun wieder an,
von seinen Reisen aufzuschneiden, und erzählte, wie daß er wäre in
Frankreich gewesen und bei einem Haare die Ehre gehabt, den König zu
sehen. Wie ihn nun seine Schwestern fragten, was vor neue Moden jetzo in
Frankreich wären, so gab er ihnen zur Antwort: wer die neuesten Trachten
und Moden zu sehen verlangte, der sollte nur ihn fragen, denn er hielte
bis dato noch einen eigenen Schneider in Frankreich, welchem er jährlich
Pensionsgelder gäbe, er möchte ihm nun was machen oder nicht; wer was
bei demselbigen wollte von den neusten Moden verfertigen lassen, der
sollte nur zu ihm (als nämlich zu dem Fremden) kommen. Er wollte es ihm
hineinschicken, denn derselbe Schneider dürfte sonst niemand einen Stich
arbeiten, wenn ers nicht haben wollte. Ich kanns, der Tebel hol mer,
nicht sagen, wie der Fremde seinen Leibschneider herausstrich und
verachtete dabei alle Schneider in der ganzen Welt, absonderlich von den
Schneidern in Deutschland wollte er gar nichts halten, denn dieselben
(meinte der Fremde) wären nicht einen Schuß Pulver wert aus Ursachen,
weil sie so viel in die Hölle[76] schmissen.
[76] Vertiefung in dem Tische, auf dem die Schneider bei der Arbeit zu
sitzen pflegen.
Nachdem er solches erzählt und seine Jungfern Schwestern hierzu nicht
viel sagen wollten, so rief er den Hausknecht, derselbe mußte geschwinde
in die Apotheke laufen und ihm vor vier Groschen Mastixwasser holen. Nun
kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, was der Fremde vor Wesens und
Aufschneidens von dem Mastixwasser machte, wie nämlich dasselbe
frühmorgens vor die Mutterbeschwerung und vor den Ohrenzwang so gesund
wäre, und wie es den Magen einem so brav zurechte wieder harken könnte,
wenn es einem speierlich im Halse wäre. Ich dachte aber in meinem Sinn,
lobe du immerhin dein Mastixwasser, ich will bei meiner Bomolie
bleiben. Denn ich sage es noch einmal, daß auf der Welt nichts Gesunders
und Bessers ist, als ein gut Gläschen voll Bomolie, wann einem übel ist.
Als nun der Hausknecht mit dem Mastixwasser kam. Ei sapperment! wie soff
der Fremde das Zeug so begierig in sich hinein! Es war nichts anders,
als wenn er ein Glas Wasser in sich hineingösse, und gingen ihm die
Augen nicht einmal davon über.
Nachdem der Fremde nun vor vier Groschen Mastixwasser auf sein Herze
genommen hatte, so fing er ferner an zu erzählen von den Handelschaften
und Kommerzien in Deutschland und sagte, wie daß sich die meisten
Kaufleute nicht recht in die Handlungen zu finden wüßten und der
hundertste Kaufmann in Deutschland nicht einmal verstünde, was
Kommerzien wären. Hingegen in Frankreich, da wären brave Kaufleute, die
könnten sich weit besser in den Handel schicken als wie die dummen
Deutschen. O sapperment! wie horchte ich, als der Fremde von den dummen
Deutschen schwatzte. Weil ich nun von Geburt ein Deutscher war, so hätte
ich ja, der Tebel hol mer, wie der ärgste Bärenhäuter gehandelt, daß ich
dazu stillschweigen sollen, sondern ich fing hierauf gleich zu ihm an
und sagte: »Höre doch, du Kerl! Was hast du auf die Deutschen zu
schmälen? Ich bin auch ein Deutscher, und ein Hundsfott, der sie nicht
alle vor die bravsten Leute ästimiert«. Kaum hatte ich das Wort
Hundsfott dem Fremden unter die Nase gerieben, so gab er mir
unversehenerweise eine Presche, daß mir die Gusche[77] flugs wie eine
Bratwurst davon auflief. Ich war aber her und kriegte den Fremden hinter
dem Tische mit so einer artigen Manier bei seinem schwarzen Nischel[78]
zu fassen und gab ihm vor die eine Presche wohl tausend Preschen. O
sapperment! wie gerieten mir seine Schwestern wie auch der unreife
Student und der Moderator oder, daß ich recht sage, des unreifen
Studentens sein Stubengeselle, in meine Haare und zerzausten mich da
tüchtig. Ich wickelte mich aber aus dem Gedränge eiligst heraus, sprang
hinter dem Tische vor und lief nach dem Kachelofen zu, daselbst hatte
ich in der Hölle meinen großen Kober an einem hölzernen Nagel hängen,
denselben nahm ich herunter, und weil er von dem Specke, welchen ich von
den barmherzigen Brüdern im Kloster geschenkt bekommen, brav schwer war,
so hätte man da schön Abkobern gesehen, wie ich sowohl des Fremden
Schwestern und den unreifen Studenten wie auch des unreifen Studenten
Moderator (ei, wollte ich sagen Stubengesellen) und den Fremden selbst
mit meinem großen Kober da zerpumpte. Daß auch der Fremde vor großer
Angst das Mastixwasser, welches er über Tische so begierig
hineingesoffen hatte, mit halsbrechender Arbeit wieder von sich spie und
unter währendem Speien um gut Wetter bat: wenn er ausgespien hätte, so
wollte er die ganze Sache mit mir vor der Klinge ausmachen. O
sapperment! was war das vor ein Fressen vor mich, als der Fremde von der
Klinge schwatzte. Worauf ich auch alsobald »Topp« sagte und ihn mit
meinem großen Kober nicht mehr schmiß. Des unreifen Studenten
Stubengesellen aber koberte ich gottsjämmerlich ab, und ich sage, daß
ich ihn endlich gar hätte zu Tode gekobert, wenn nicht des Fremden
Mutter und Schwestern so erschrecklich vor ihn gebeten hätten, denn er
stund überaus wohl bei den Töchtern und der Mutter.
[77] Schnauze.
[78] Kopf.
Nachdem der Fremde nun mit Speien wieder fertig war, hing ich meinen
großen Kober wieder in die Hölle und suchte meinen langen Stoßdegen zur
Hand, welchen ich dazumal trug, und forderte ihn hierauf vors Tor. Der
Fremde suchte seinen Degen auch hervor, dasselbe war nun eine große
breite Musketierplempe mit einem abscheulichen Korbe, damit marschierten
wir beide nun spornstreichs nach dem Tore zu. Der unreife Studente
wollte mit seinem Stubengesellen auch hinten nachgelaufen kommen, allein
ich und der Fremde jagten die Bärenhäuter wieder zurück. Wie wir nun vor
das Tor hinauskamen, so war gleich flugs nahe an der Ringmauer ein hoher
spitziger Berg, denselben kletterten wir hinauf und oben auf der Spitze
des Berges gingen wir zusammen. Wir hätten uns zwar unten am Berge
schlagen können, allein so hatten wir keine Sekundanten bei uns, denn
wenn wir Sekundanten gehabt, hätten dieselben mit bloßen Degen hinter
uns stehen müssen, damit von uns keiner zurückweichen können. In
Ermangelung derselben aber mußte uns der hohe spitzige Berg sekundieren,
denn da durfte und kunnte von uns beiden auch keiner ausweichen; denn
wenn nur einer einen Strohhalm breit aus seiner Positur gewichen, so
wären wir, der Tebel hol mer, alle beide den Berg hinuntergepurzelt und
hätten Hals und Beine über unserer Schlägerei morsch entzweigebrochen;
so aber mußten ich und der Fremde oben auf der Spitze wie eine Katze
innehalten und unter währendem Schlagen wie eine Mauer auf den Knochen
stehen. -- Ehe wir uns aber anfingen zu schmeißen, so fing der Fremde zu
mir an und sagte, ich sollte mit ihm auf den Hieb gehen, weil er keinen
Stoßdegen hätte, oder wenn ichs zufrieden wäre, so wollte er den ersten
Gang mit mir auf den Hieb gehen, den andern Gang wollte er mit mir auf
den Stoß versuchen. Ich sah aber nun gleich, daß der Fremde kein Herze
hatte, sondern sagte: Kerl, schier dich nur her, es gilt mir alles
gleich, ich will mit dir nicht lange Federlesens machen. Damit so zogen
wir beide vom Leder und gingen miteinander da auf den Hieb zusammen. Ei
sapperment! wie zog ich meinen Stoßdegen mit so einer artigen Manier aus
der Scheide heraus! Den ersten Hieb aber, so ich mit meinem Stoßdegen
nach dem Fremden tat, so hieb ich ihm seine große Plempe flugs glatt von
dem Gefäße weg und im Rückzuge streifte ich ihm die hohe Quarte über der
Nase weg und hieb ihm, der Tebel hol mer, alle beide Ohren vom Kopf
herunter. O sapperment! wie lamentierte der Fremde, da er seine Ohren
vor sich liegen sah. Ich war auch willens, ihm wie dem Seeräuber Hans
Barth eine stumpfichte Nase zu machen, weil er aber so sehr um die Ohren
tat und mich bat, daß ich ihn ungeschoren lassen sollte und daß er
zeitlebens keinen Deutschen wieder verachten wollte, sondern allezeit
sagen, die Deutschen wären die bravsten Leute unter der Sonne, so
steckte ich meinen Stoßdegen wieder ein und hieß ihn beide Ohren nehmen
und damit eiligst zum Barbier wandern, vielleicht könnten sie ihm wieder
angeheilt werden.
Hierauf war er her und wickelte seine Ohren in ein Schnupftuch und nahm
seine zerspaltene Plempe mit dem großen Korbgefäße unter den Arm und
ging mit mir in die Stadt Padua hinein. In dem großen Hause flugs am
Tore neben dem Aufpasser wohnte ein berühmter Feldscher, welcher auch
wacker wollte gereist sein; zu demselben hieß ich den Fremden mit seinen
abgehauenen Ohren gehen, und sollte da hören, ob sie ihm wohl könnten
wieder angeheilt werden. Der Fremde aber hatte keine Lust, zum Feldscher
hinzugehen, sondern sagte, er wollte erstlich ein gut Gläschen
Mastixwasser auf die Schmerzen aussaufen, hernach so wollte er sich zum
Schinder in die Kur begeben und bei dem hören, ob seine Ohren wieder
könnten angeheilt werden. Nachdem er dieses zu mir gesagt, so ging er
von mir und nahm seinen Marsch immer nach der Apotheke zu. Ich aber war
her und schlich mich heimlich in des Fremden seiner Mutter Haus, allwo
ich im Quartier lag, daß mich keiner gewahr wurde, und praktizierte mit
so einer artigen Manier meinen großen Kober aus der Stube hinter der
Hölle weg, setzte mich wieder auf mein gewonnenes Pferd und ritt da ohne
Stallgeld und ohne Abschied immer zur Stadt Padua hinaus und nach Rom
zu.
Von derselben Zeit an habe ich den Fremden wie auch den unreifen
Studenten mit seinem Moderator oder, sage ich, Herrn Stubengesellen mit
keinem Auge wiedergesehen. Nachricht aber habe ich seithero von dem
Universitätsboten aus Padua erhalten, daß der Schinder dem Fremden die
Ohren wiederum feliziter[79] sollte in zwei Tagen angeheilt haben. Er
hätte aber die zwei Tage über vortrefflichen Fleiß bei ihm angewendet
und hätte unter währender Kur der Fremde über zwölf Kannen Mastixwasser
muttersteinallein ausgesoffen, und von demselben Mastixwasser (meinte
der Universitätsbote) wäre er meistenteils wieder zurechte geworden.
[79] glücklich.
Was den unreifen Studenten und Moderator wie auch des Fremden ganze
Familie anbelangt, so habe ich bis dato nichts erfahren können, was sie
machen müssen.
Nun Adieu, Padua, Signor Schelmuffsky muß sehen, wie Rom aussieht.
5. Kapitel.
Rom ist, der Tebel hol mer, auch eine wackere Stadt, nur immer und ewig
schade ists, daß dieselbe von außen keinen Prospekt[80] hat. Sie ist
gebaut in lauter Rohr und Schilf und ist mit einem Wasser, welches der
Tiberfluß genannt wird, ringsumher umgeben, und fließt die Tiber mitten
durch Rom und über den Markt weg. Denn auf dem Markte kann kein Mensche
zu Fuße nicht gehen, sondern wenn Markttag da gehalten wird, so müssen
die Bauersleute ihre Butter und Käse oder Gänse und Hühner in lauter
Dreckschüten feil haben. O sapperment! was gibt es täglich vor unzählig
viel Dreckschüten auf dem römischen Markte zu sehen! Wer auch nur eine
halbe Mandel Eier in Rom verkaufen will, der bringt sie auf einer
Dreckschüte hinein zu Markte geschleppt. Daß auch manchen Tag etliche
tausend Dreckschüten auf der Bauerreihe dort halten und keine vor der
andern weichen kann. Vortreffliche Fische gibts des Markttages immer in
Rom zu verkaufen und absonderlich was Heringe anbelangt, die glänzen
auch, der Tebel hol mer, flugs von Fette wie eine Speckschwarte und
lassen sich überaus wohl essen, zumal wenn sie mit Bomolie brav fett
begossen werden. Nun ist es zwar kein Wunder, daß es so fette Heringe da
gibt, denn es ist, der Tebel hol mer, ein über alle Maßen guter
Heringsfang vor Rom auf der Tiber, und wegen der Heringe ist die Stadt
Rom in der Welt weit und breit berühmt. Es mag auch eine Heringsfrau in
Deutschland sitzen, wo sie nur wolle, und mag auch so viel Heringe
haben, als sie nur immer will, so sind sie, der Tebel hol mer, alle auf
der Tiber bei Rom gefangen, denn der Heringsfang gehört dem Papste, und
weil er immer nicht wohl zu Fuße ist und es selbst abwarten kann, so hat
er denselben etlichen Schiffern verpachtet, die müssen dem Papste
jährlich viel Tribut davon geben.
[80] schöne Ansicht.
Wie ich nun mit meinem großen Kober zu Pferde vor Rom angestochen kam,
so konnte ich wegen der Tiber nicht in die Stadt Rom hineinreiten,
sondern mußte mich mit meinem großen Kober und Pferde auf eine
Dreckschüte setzen und da lassen bis in die Stadt Rom hineinfahren. Als
ich nun mit meinem großen Kober zu Pferde auf der Dreckschüte glücklich
angelangte, so nahm ich mein Quartier bei einem Sterngucker, welcher in
der Heringsgasse nicht weit von dem Naschmarkte wohnte. Derselbe war,
der Tebel hol mer, ein überaus braver Mann, mit seiner Sternguckerei
halber fast in der ganzen Welt bekannt. Absonderlich was den Fixstern
anbelangte, aus demselben kunnte er erschreckliche Dinge prophezeien,
denn wenn es nur ein klein wenig regnete und die Sonne sich unter trübe
Wolken versteckt hatte, so kunnte ers einem gleich sagen, daß der Himmel
nicht gar zu helle wäre. Derselbe Sterngucker führte mich nun in der
ganzen Stadt Rom herum und zeigte mir alle Antiquitäten, die da zu sehen
sein, daß ich auch von dergleichen Zeuge so viel gesehen habe, daß ich
mich jetzo auf gar keines mehr besinnen kann. Letztlich so führte er
mich auch bei der St. Peterskirche in ein groß steinern Haus, welches
mit marmorsteinernen Ziegeln gedeckt war, und wie wir da hinein und oben
auf einen schönen Saal kamen, so saß dort ein alter Mann in
Pelzstrümpfen auf einem Großvaterstuhle und schlief. Zu demselben mußte
ich mich auf Befehl des Sternguckers sachte hinschleichen, ihm die
Pelzstrümpfe ausziehen und hernach die Füße küssen.
Da ich ihm nun die Knochen geküßt hatte, so wollte ich ihn immer
aufwecken. So aber winkte mir der Sterngucker, daß ich ihn nicht aus dem
Schlafe verstören sollte, und sagte ganz sachte zu mir, ich sollte Ihrer
Heiligkeit die Pelzstrümpfe wieder anziehen. O sapperment! als ich von
der Heiligkeit hörte, wie eilte ich mich, daß ich ihm die Pelzstrümpfe
wieder an die Knochen brachte und mit dem Sterngucker wieder zum Saale
hinunter- und zum Hause hinausmarschierte. Vor der Haustüre sagte mirs
nun der Sterngucker erstlich recht, daß es Ihre Päpstliche Heiligkeit
gewesen wäre, dem ich die Füße geküßt hätte, und meinte auch dies dabei:
wer von fremden Deutschen nach Rom käme und küßte dem Papste die Füße
nicht, der dürfte sich hernachmals nicht rühmen, wenn er wieder nach
Deutschland käme, daß er zu Rom gewesen wäre, wann er solches nicht
getan hätte.