es wäre denn, daß mir der Sterngucker aus dem Fixsterne einen blauen
Dunst vor die Nase gemacht und daß es sonst etwa ein alter Botenläufer
gewesen wäre. Wenn ich aber drauf schwören sollte, daß es der Papst,
welchem ich die Füße geküßt gehabt, gewiß gewesen wäre, so könnte ichs,
der Tebel hol mer, nicht mit gutem Gewissen tun, denn der Sternseher kam
mir für, als wenn er mehr als Brot fressen könnte, weil er sein Herze so
sehr an den Fixstern gehangen hatte; sobald er auch nur an den Fixstern
gedachte, so wußte er schon, was in dem Kalender vor Wetter stund.
Derselbe Sterngucker war ein vortrefflicher Kalendermacher; er lernte
mir dieselbe Kunst auch; ich habe auch sehr viel Kalender gemacht,
welche noch alle geschrieben unter der Bank liegen und treffen doch, der
Tebel hol mer, noch bisweilen ziemlich ein. Sollte ich wissen, daß
Liebhaber dazu möchten gefunden werden, wollte ich mit der Zeit etwa
einen herfürsuchen und zur Probe herausgeben. Doch kommt Zeit, kommt
Rat.
Damit ich aber wieder auf meinen vorigen Diskurs komme und erzähle,
wohin mich der Sterngucker weitergeführt, als ich dem Papste die Füße
geküßt hatte. Flugs an der St. Peterskirche war ein ganz enges Gäßchen,
durch dasselbe führte mich der Sterngucker und immer vor bis an den
Markt. Wie wir nun an den Markt kamen, so fragte er mich, ob ich Lust
und Belieben hätte, mich in eine Dreckschüte zu setzen und ein wenig mit
nach dem Heringsfange spazieren zu fahren. Ich sagte hierzu gleich Topp.
Darauf setzten wir uns beide in eine Dreckschüte und fuhren da, weil wir
guten Wind hatten, immer auf der Tiber übern Markt weg, und unten bei
dem Heringstore zu einem Schlauchloche hindurch und nach dem
Heringsfange zu.
Wie wir nun mit unserer Dreckschüte an den Heringsfang kamen: O
sapperment! was war vor ein Gelamentiere von den Schiffsleuten, welche
den Heringsfang gepachtet hatten. Da ich nun fragte, was es wäre, so
erzählten sie mir mit weinenden Augen, wie daß ihnen der Seeräuber Barth
mit der stumpfichten Nase großen Abbruch an ihrer Nahrung getan und
ihnen nur vor einer halben Viertelstunde über vierzig Tonnen frische
Heringe mit etlichen Kapers schelmischerweise weggenommen hätte. O
sapperment! wie lief mir die Laus über die Leber, als ich von Hans
Barthens stumpfichter Nase hörte; da dachte ich gleich, daß es derselbe
Kerl sein müßte, welcher mich mit so erschrecklich viel Kapers weiland
auf der spanischen See ohne Räson in Arrest genommen und dadurch
dasselbemal zum armen Manne gemacht hatte. Ich war flugs hierauf her und
fragte die Schiffsleute, wo der Galgenvogel mit den Heringstonnen
zugemarschiert wäre. Da sie mir nun sagten und zeigten, daß er noch auf
der Tiber mit seinem Kaperschiffe, worauf er die vierzig Tonnen frische
Heringe gepackt hatte, zu sehen wäre, so setzte ich ihm geschwind mit
etlichen Dreckschüten nach, und weil so vortrefflich guter Wind war, so
ergatterte ich ihn noch mit dem Sterngucker und etlichen Schiffsleuten
eine halbe Meile von dem Heringsfange.
O sapperment! wie fiel dem Hans Barth das Herze in die Hosen, da er mich
nur von ferne kommen sah; er wurde wie ein Stück Käse so rot im
Angesichte und mochte sich wohl flugs erinnern, daß ich der und der
wäre, welcher seiner Nase vormals so einen erschrecklichen Schandflecken
angehängt hätte. Als wir nun auf unsern Dreckschüten Hans Barthen mit
den vierzig gestohlenen Heringstonnen einholten, so fing ich gleich zu
ihm an: »Höre doch, du Kerl, willst du die Heringe wieder hergeben,
welche du den armen Schiffsleuten abgenommen hast, oder willst du haben,
daß ich dir deine krumme stumpfichte Habichtsnase vollends
heruntersäbeln soll?« Der Hans Barth gab mir hierauf zur Antwort und
sagte, er wollte sich eher sein Leben nehmen lassen, ehe er in Güte
einen Schwanz nur von einem Hering wiedergäbe. Hierauf so rückte ich mit
meiner Dreckschüte an sein Kaperschiff hinan und kriegte meinen langen
Stoßdegen heraus; nun da hätte man schön Fuchteln gesehen, wie ich den
Hans Barth auf seinem Kaperschiffe exerzierte. Er wehrte sich zwar auch
mit seinen Kapers, allein sie kunnten mir nichts anhaben. Denn wenn sie
gleich nach mir hieben oder stachen, so war ich wie ein Blitz mit meiner
Dreckschüte auf der Seite, den Hans Barth aber jagte ich, der Tebel hol
mer, immer um die vierzig Heringstonnen, welche er auf sein Schiff
geladen hatte, herum und hieb wie Kraut und Rüben auf ihn hinein.
Endlich war ich so sehr auf den Galgenvogel erbittert, daß ich mich ganz
nahe mit meiner Dreckschüte an sein Kaperschiff machte und ehe er sichs
versah, bei seinen diebischen Federn zu fassen kriegte, aus dem
Kaperschiffe herauszog und plumps in die Tiber hineintauchte. O
sapperment! da hätte man schön Schreien gesehen, wie der Hans Barth
schrie; er bat mich fast um Himmels willen, ich sollte ihm wieder
heraushelfen, daß er nicht ersöffe, er wolle den Schiffsleuten ihre
vierzig Heringstonnen herzlich gerne wiedergeben. Als ich dieses von
Hans Barthen hörte, so gab ich gleich den Schiffsleuten Befehl, das
Kaperschiff zu plündern, und hielt ihn so lange im Wasser bei den Ohren,
bis sie die Heringstonnen wieder hatten, hernach ließ ich ihn mit seinem
leeren Kaperschiffe hinfahren, wo er wollte. O sapperment! was war da
vor ein Jubelgeschrei unter den Schiffsleuten, welche den Heringsfang
gepachtet hatten, daß sie durch mich zu ihren Tonnenheringen wieder
gekommen waren.
Sie baten mich auch alle miteinander, ich sollte Heringsverwahrer
werden, sie wollten mir jährlich zehntausend Pfund Sterling geben,
allein ich hatte keine Lust dazu. Wie wir nun auf unsern Dreckschüten
mit den vierzig Tonnen Heringen bei dem Heringsfange wieder anlangten,
so verehrten mir zum Trinkgelde die Heringspächter eine Tonne von den
besten Heringen, die lud ich in meine Dreckschüte und fuhr damit nebst
dem Sterngucker wieder in die Stadt Rom hinein. Als ich nun zum
Sterngucker ins Quartier kam, so ließ ich die Tonne aufschlagen und
probierte einen, wie er schmeckte. Nun kann ichs, der Tebel hol mer,
nicht sagen, wie fett dieselben Heringe waren, daß man sie auch ohne
Salz, da sie doch im Einlegen schon scharf gesalzen waren, nicht fressen
kunnte. Weil ich nun wußte, daß meine Frau Mutter eine große Liebhaberin
von einem frischen Heringe war, so packte ich die geschenkte Tonne
Heringe in meinen großen Kober und schickte ihr dieselben durch einen
eigenen Boten nach Schelmerode in Deutschland zu, schrieb ihr auch einen
sehr artigen Brief dazu, welcher folgenden Inhalts war:
»Mit Wünschung Gutes und Liebes zuvor,
ehrbare und ehrenfeste Frau Mutter!
Wenn die Frau Mutter noch fein frisch und gesund ist, so wird mirs,
der Tebel hol mer, eine rechte Freude sein, ich meinesteils bin
jetzo ein brav Kerl wieder geworden und lebe zu Rom, allwo ich bei
einem Sterngucker logiere, welcher mir das Kalendermachen gelernt
hat. Die Frau Mutter hat auch durch diesen Boten in meinem großen
Kober frische Heringe zu empfangen, welche mir von den
Heringspächtern zu Rom sein verehrt worden. Im übrigen wird der
Bote meinen ganzen Zustand mündlich berichten, die Frau Mutter lebe
wohl und schicke mir in meinem großen Kober ein Fäßchen gut
Klebebier mit zurück und schreibe mir, wie es ihr geht und ob sie
den kleinen Vetter noch bei sich hat, so werde ich allezeit
verbleiben
der ehrbaren und ehrenfesten Frau Mutter
allezeit reisebegierigster einziger lieber Sohn
Signor von Schelmuffsky.
Rom, den 1. April, im Jahr nach Erbauung der Stadt Rom 090«.
Diesen Brief schickte ich nun nebst meinem Kober voll frischen Heringen
durch einen eigenen Boten zu Fuß meiner Frau Mutter in Deutschland zu;
es gingen nicht vierzehn Tage ins Land, so brachte mir der Bote in
meinem großen Kober von meiner Frau Mutter folgendes zur Antwort wieder:
»Ehrbarer und namhafter Junggeselle von
Schelmuffsky, mein lieber Sohn!
Ich habe deinen großen Kober mit den frischen Heringen empfangen
und habe auch deinen Brief gelesen, und hat mir der Bote auch
deinen ganzen Zustand erzählt, worüber ich mich sehr erfreut habe;
was mich anbelangt, so bin ich jetzo sterbenskrank, und wenn du
mich noch einmal sehen willst, so komm geschwinde nach Hause; dein
kleiner Vetter läßt dich grüßen und deine Jungfer Muhmen lassen dir
einen guten Tag sagen und lassen dich auch bitten, du möchtest doch
geschwinde heimkommen. Lebe wohl und halt dich nicht lange in der
Fremde auf. Ich verharre dafür lebenslang
deine liebe Frau Mutter in Deutschland,
wohn- und seßhaftig zu Schelmerode.
Schelmerode, den 1. Januari 1621.
_PS._ Das Klebebier ist jetzo alle sauer, sonst hätte ich dir
herzlich gerne was mitgeschickt«.
Als ich meiner Frau Mutter ihren Brief nun gelesen, O sapperment! wie
packte ich alles in meinen großen Kober zusammen, sattelte mein Pferd,
nahm von dem Sterngucker Abschied, setzte mich mit meinem Pferde in der
Stadt Rom auf öffentlichem Markte wieder in eine Dreckschüte und fuhr da
immer _per postae_ bei dem Heringstore unten zu einem Schlupfloche
hinaus. Vor dem Tore so stieg ich nun von der Dreckschüte ab, setzte
mich mit meinem großen Kober auf mein Pferd und marschierte immer nach
Deutschland zu. Ich nahm meinen Weg durch Polen und ritt auf Nürnberg
zu, allwo ich des Nachts über in der Goldenen Gans logierte. Von da so
wollte ich meinen Weg durch den Schwarzwald durch nehmen, welcher zwei
Meilen Weges von Nürnberg liegt. Ich war kaum einen Büchsenschuß in den
Schwarzwald hineingeritten, so kamen mir unverhoffterweise zwei
Buschklepper auf den Hals, die zogen mich, der Tebel hol mer, reine aus
und jagten mich im bloßen Hemde mit einem Buckel voll Schläge von sich.
O sapperment! wie war mir da zumute, daß mein Pferd, meine Kleider,
meine tausend Dukaten und mein großer Kober mit allerhand Mobilien fort
war.
Da war, der Tebel hol mer, Lachen zu verbeißen. Ich kunnte mir aber
nicht helfen, sondern mußte sehen, wie daß ich mich aus dem Schwarzwalde
herausfand und von da mit Gelegenheit mich vollends nach Schelmerode
bettelte. Wie ich nun im bloßen Hemde zu Hause bei meiner kranken Frau
Mutter bewillkommnet wurde und mich mein kleiner Vetter auslachte,
dasselbe wird entweder künftig im dritten Teile meiner gefährlichen
Reisebeschreibung oder in meinen kuriösen Monaten, wovon ich in der
Vorrede gedacht[81], sehr artig auch zu lesen sein.
[81] Die Fortsetzung seiner interessanten Reiseberichte ist uns
Schelmuffsky leider schuldig geblieben.
[Illustration]
Weswegen denn jetzo ein jedweder mit
mir sprechen wolle: Schelmuffskys
anderer Teil seiner gefährlichen
Reisebeschreibung hat
nun auch ein
Ende.