Denselben Tag wanderte ich noch zu Fuße zweiundzwanzig Meilen und

gelangte des Abends bei zu Rüste gehender Sonne in einem Kloster an,

worinnen die barmherzigen Brüder waren, der Tebel hol mer, gute Kerls,

sie traktierten mich mit essender Ware recht fürstlich, aber kein gut

Bier hatten sie in demselben Kloster. Ich fragte sie auch, wie es denn

käme, daß sie keinen guten Tischtrunk hätten: so gaben sie mir zur

Antwort, es hätte bei ihnen die Art so nicht, gut Bier zu brauen,

dieweil sie mit lauter saurem Wasser versehen wären. Damit so lernte

ich ihnen ein Kunststück, wie sie könnten gut Klebebier brauen, welches

auch so gut schmecken würde, daß sie es gar mit Fingern austitschen

würden, und wie sie danach würden brav predigen können. O sapperment!

wie dankten mir die barmherzigen Brüder vor mein Kunststück, welches ich

ihnen gelernt hatte. Sie stellten auch noch selben Abend eine Probe an,

den Morgen früh darauf hatten sie, der Tebel hol mer, das schönste

Klebebier im Bottich, welches wie lauter Zucker schmeckte. Ei

sapperment! wie soffen sich die barmherzigen Brüder in dem Klebebiere zu

und kunnten nicht einmal satt werden, so gut schmeckte es ihnen; sie

mußten bald immer das Maul mit Fingern zuhalten, so begierig soffen sie

es hinein und wurdens nicht einmal inne, wenn es ihnen gleich in die

Köpfe kam. Wie mir auch die Kerls deswegen so gut waren und viel Ehre

erzeigten, werde ich, der Tebel hol mer, mein Lebtage nicht vergessen.

Sie baten mich auch, daß ich eine Weile bei ihnen bleiben sollte, allein

ich hatte keine Lust dazu.

Da ich von denselben nun wieder Abschied nahm, gaben sie mir einen

Haufen Viktualien[62] mit auf den Weg, daß ich nicht verhungern sollte,

denn die barmherzigen Brüder hatten gleich den Tag zuvor (welches der

Freitag war im Kloster) sechs Eckerschweine[63] geschlachtet, davon

kriegte ich eine große lange Wurst und ein abscheulich Stück dicken

Speck mit auf meine gefährliche Reise. Nun kann ichs, der Tebel hol mer,

wohl sagen, daß ich dergleichen Speck mein Lebetage noch nicht in der

Welt gesehen hatte, als wie ich bei den barmherzigen Brüdern da antraf,

und wenn er nicht sechs Ellen dicke war, so will ich, der Tebel hol mer,

kein brav Kerl sein.

[62] Eßwaren.

[63] mit Eckern gemästete.

Nachdem ich nun von den barmherzigen Brüdern Abschied genommen hatte

und mein großer Kober ziemlich mit Proviant gespickt war, so nahm ich

meinen Weg immer nach Venedig zu. Unterwegens erholte ich eine

geschwinde Post, welche auch willens war, nach Venedig zu fahren, und

weil der Postillon nicht viel Personen geladen hatte, so dingte ich mich

auf dieselbe, doch traute ich mich nicht unter die Kompagnie mit zu

setzen aus Furcht, der Postknecht möchte etwa auch umwerfen wie der

vorige, und man könnte nicht wissen, wie das Umwerfen allemal glückte,

so setzte ich mich wieder hinten mit meinem großen Kober in die

Schoßkelle und hieß den Postillion _per postae_ nach Italien und

Welschland fortfahren. Wir fuhren etliche Tage sehr glücklich, und wie

wir etwa noch einen Büchsenschuß von Venedig hatten, allwo man zwischen

großen hängigen Bergen fahren muß, so schmiß der Postillion, ehe wir es

uns versahen, den Postwagen um, daß er wohl den einen Berg hinunter über

tausendmal sich mit uns überkepelte, und nahm, der Tebel hol mer, keiner

nicht den geringsten Schaden. Ausgenommen zwei Räder, die gingen an der

Postkalesche vor die Hunde. Aber die wir auf dem Postwagen saßen, wurden

alle miteinander tüchtig von dem Sande bestoben, denn es gibt um Venedig

herum nichts als lauter sandige Berge. Doch muß ich gestehen, daß sich

die Stadt Venedig von ferne, der Tebel hol mer, recht proper

präsentiert[64], denn sie liegt auf einem großen hohen Steinfelsen und

ist mit einem vortrefflichen Wall umgeben.

[64] recht gut ausnimmt.

Als ich nun die Stadt Venedig zu Fuße mit meinem großen Kober erreicht,

so kehrte ich im Weißen Bocke ein, allwo ich sehr gute Bequemlichkeit

und Bedienung hatte. Die Wirtin, welches eine Wittfrau war, die empfing

mich sehr freundlich und führte mich gleich in eine wunderschöne

Kammer, worinnen über zweihundert gemachte Betten stunden; dieselbe

Kammer gab sie mir zur Verwahrung meiner Sachen ein und nahm mit einem

höflichen Komplimente wiederum Abschied. Wie ich nun allein in der

wunderschönen Kammer war, nahm ich meinen Kober vom Halse ab, machte ihn

auf und langte mir aus demselben ein weiß Hemde. Sobald als ich mir nun

das weiß Hemde angezogen hatte, versteckte ich meinen großen Kober mit

den Sachen unter ein gemacht schön Bette, damit ihn niemand finden

sollte, und ging aus der Kammer wieder heraus, schloß sie zu und fragte

die Wirtin, was denn gutes Neues in der Stadt Venedig passierte. Die

Wirtin, die gab mir zur Antwort und sagte, es wäre jetzo allerhand

(indem es Jahrmarkt wäre) auf dem Sankt Marxplatze zu sehen. O

sapperment! wie nahm ich meinen Marsch nach dem Sankt Marxplatze zu, als

die Wirtin vom Jahrmarkte schwatzte. Ich war her und holte meinen großen

Kober mit meinen Sachen geschwinde wieder aus der Kammer und hing

denselben an, damit mir derselbe, weil es Jahrmarkt war, nicht irgend

wegkommen sollte. Wie ich nun auf den Sankt Marxplatz kam, Ei

sapperment! was stunden da vor wunderschöne Häuser, desgleichen ich in

Holland und England wie auch in Schweden und ganz Indien an keinem Orte

niemals noch nicht gesehen hatte. Sie waren, der Tebel hol mer, mit den

kostbarsten Marmorsteinen ausgemauert und war ein Haus wohl über fünfzig

Geschoß hoch, und vor einem jedweden Hause rings um den Markt herum

stund eine große Plumpe, aus Ursachen, weil das Wasser da so selten ist.

Mitten auf dem Sankt Marxplatze nun stund eine große Glücksbude, da

griff nun hinein, wer wollte, es mußte aber die Person vor einen

jedweden Griff einen Dukaten geben; es waren auch aber Gewinste

darinnen zu sechzig- bis siebzigtausend Talern und gab auch sehr geringe

Gewinste, denn der geringste Gewinst wurde nur auf einen Batzen

wertgeschätzt, welches in Deutschland sechs Pfennige macht.

Wie ich nun sah, daß manche Leute brav gewannen, so war ich her und

wagte auch einen Dukaten dran und wollte mein Glück versuchen. Als ich

nun in den Glückstopf hineingriff, O sapperment! was waren da vor

Zettel! ich will wetten, daß wohl über tausend Schock Millionen Zettel

in dem Glückstopfe da vorhanden waren. Indem ich nun in den Glückstopf

mit beiden Händen hineinfühlte, so tat ich auch einen solchen Griff, daß

ich die Zettel bald alle auf einmal mit beiden Fäusten herausgriff. Da

dieses der Glückstöpfer sah, O sapperment! wie klopfte er mich auf die

Finger, daß ich so viel Zettel herausgeschleppt brachte, welche ich aber

miteinander flugs wieder hineinschmeißen mußte und hernach vor meinen

Dukaten nur einen einzigen hinausnehmen, welches ich auch tat. Wie ich

nun vor meinen Dukaten einen Zettel aus dem Glückstopfe herausgenommen

hatte und ihn aufmachte, so war es eine gute Nummer, und zwar Nummer

elf, dieselbe mußte ich nun dem Glücksbüdner zeigen. Nun meinten damals

alle Leute, ich würde was Rechts davontragen, weil ich eine ungleiche

Nummer ergattert hätte, aber wie danach gesehen wurde, was Nummer 11 mit

sich brachte, so war es ein Bartbürstchen vor sechs Pfennig, O

sapperment! wie lachten mich die um die Glücksbude herumstehenden Leute

alle miteinander mit meinem Bartbürstchen aus. Ich kehrte mich aber an

nichts, sondern war her und griff noch einmal in den Glückstopf hinein

und langte noch einen Zettel heraus, derselbe hatte nun wiederum eine

gute Nummer, denn es war Nummer 098 372 641 509. Sapperment! wie

sperrten die Leute alle miteinander in und an der Glücksbude die Mäuler

auf, daß ich so eine vortreffliche Nummer ergriffen hatte. Wie nun in

der Glücksbude nachgesehen wurde, was meine vortreffliche Nummer vor

einen Gewinst hatte, so war es ein Pferd vor fünfhundert Taler und des

Glücksbüdners seine Frau, welche auf tausend Dukaten stund. O Morbleu!

was war vor ein Zulauf, wie es kundbar wurde: Signor Schelmuffsky hätte

sich in der Glücksbude so wohl gehalten. Ich mußte mich nun gleich auf

das gewonnene Pferd setzen, und die tausend Dukaten anstatt des

Glückstöpfers seiner gewonnenen Frau wurden alle an ein Paternoster

gereiht, dieselben mußte ich über meinen großen Kober hängen und in der

ganzen Stadt herumreiten, damit die Leute meinen Gewinst sahen. Es

mußten auch vor meinem Pferde hergehen neunundneunzig Trommelschläger,

achtundneunzig Schalmeipfeifer und ihrer drei mit Lauten und einer

Zither; die zwei Lauten und die einzige Zither klungen auch so anmutig

unter die Trompeten und Schalmeien, daß man, der Tebel hol mer, sein

eigen Wort nicht hören kunnte. Ich aber saß darbei sehr artig zu Pferde,

und das Pferd mußte wohl sein auf der Reitschule und auf dem Tanzboden

gewesen, denn wie die Musik ging, so tanzte es auch und trottierte, der

Tebel hol mer, unvergleichlich. Wie mich auch das Frauenzimmer zu

Venedig, als ich auf den St. Marxplatz kam, in einem ansah, kann ich,

der Tebel hol mer, nicht genugsam beschreiben, denn es lachte alles an

meinem ganzen Leibe, und kunnte ein jeder flugs sich an den Fingern

abzählen, daß meinesgleichen wohl schwerlich würde in der Welt zu finden

sein.

Unter währendem Herumreiten ließen mir wohl über dreißig Nobelspersonen

auf der Gasse nachschicken und ließen mich untertänigst grüßen und schön

bitten, ich möchte ihnen doch berichten, wer und wes Standes ich wäre,

damit sie ihre schuldigste Aufwartung bei mir abstatten könnten. Ich

ließ aber den Nobelspersonen allen sehr artig wieder zur Antwort sagen,

wie daß ich mich zwar was Rechts in der Welt schon versucht hätte und

wäre in Schweden, in Holland und England wie auch bei dem Großen Mogol

in Indien ganzer vierzehn Tage lang gewesen und wäre mir auf seinem

vortrefflichen Schlosse Agra viel Ehre widerfahren; wer ich nun sein

müßte, das könnten sie leichtlich riechen. Hierauf so ritt ich mit

meiner Musik nun wieder fort, und als ich vor dem Rathause

vorbeitrottieren wollte, so fielen mir unvermuteterweise sechsundzwanzig

Häscher meinem Pferde in den Zaum und schrien alle zugleich: »Halt!« Wie

ich nun stillhalten mußte, so kamen die großen Ratspersonen, welche in

vierzehnhundert Nobels bestunden, die bekomplimentierten mich und

schätzten sich glücklich, daß sie die hohe Ehre haben sollten, meine

vornehme Gegenwart zu genießen. Als sie solch Kompliment gegen mich nun

abgelegt hatten, so antwortete ich zu Pferde überaus artig auch wieder

in halb engländischer, holländischer wie auch bisweilen deutscher

Sprache.

Sobald als nun meine Antwortsrede aus war, hießen mich die sämtlichen

Ratsherren absteigen und baten mich, daß ich ihr vornehmer Gast sein

sollte. Worauf ich mit meinem großen Kober alsobald abstieg und gab

Order, mein Pferd so lange ins Häscherloch zu ziehen, bis daß ich

gegessen hätte. Welches auch geschah. Damit so führten mich drei

Präsidenten in der Mitten auf das Rathaus hinauf, hinter mir her gingen

nun die sämtlichen Mitglieder des Rats alle zu zwölfen in einer Reihe.

Wie wir nun elf Treppen hoch auf das Rathaus gestiegen waren, Ei

sapperment! was präsentierte sich da vor ein schöner Saal. Er war mit

lauter geschliffenen Werkstücken von Glas gepflastert und anstatt des

Tafelwerks waren die Wände mit lauter marmorsteinernem Gipse ausgemalt,

welches einem fast ganz die Augen verblendete. Mitten auf dem Saale,

nicht weit von der Treppe, stund eine lange von venedischem Glase

geschnittene Tafel gedeckt, auf welcher die raresten und delikatesten

Speisen stunden. Ich mußte mich nun mit meinem großen Kober ganz zu

oberst an die Tafel setzen, und neben mir saßen die drei Präsidenten,

welche mich die elf Treppen hinaufgeführt hatten. Weiter an der Tafel

hinunter saßen die übrigen Mitglieder des Rats und sahen mich alle mit

höchster Verwunderung an, daß ich solchen Appetit zu essen hatte. Unter

währender Mahlzeit wurde nun von allerhand diskuriert, ich aber saß

anfänglich ganz stille und stellte mich, als wenn ich nicht drei zählen

könnte. Da ich mich aber satt gefressen hatte, so tat ich hernach mein

Maul auch auf und fing an zu erzählen, wie daß ich in Indien einstmals

von dem Großen Mogol so trefflich wäre beschenkt worden, und wie daß ich

demselben den Kalkulum wegen seiner Einkünfte hätte führen müssen, und

wie ich noch halb soviel Überschuß herausgebracht, als er jährlich hätte

einzunehmen gehabt, und wie daß der Große Mogol mich deswegen zu seinem

Reichskanzler machen wollen, weil ich Adam Riesens Rechenbuch so wohl

verstanden. O sapperment! wie horchten die Herren des Rats zu Venedig,

da ich von dem Reichskanzler und Adam Riesens Rechenbuche schwatzte. Sie

titulierten mich hernach nicht anders als Ihre Hochwürden und fingen

alle miteinander gleich an, meine Gesundheit zu trinken. Bald sagte

einer: »Es lebe derjenige, welcher in Indien hat sollen des Großen

Mogols Reichskanzler werden und hats nicht annehmen wollen«. Bald fing

ein anderer an und sagte: »Es lebe derjenige, welcher noch halb soviel

Überschuß über des Großen Mogols Einkünfte herausbringen kann, ob ers

gleich nicht einzunehmen hat«. Welche und dergleichen Gesundheiten

wurden nun von allen über der gläsernen Tafel mir zuliebe getrunken.

Wie nun meine Gesundheit herum war, so fing der eine Präsident, welcher

flugs neben mir saß, zu mir an und sagte, ich sollte doch meine hohe

Geburt nicht länger verborgen halten, denn er hätte schon aus meinen

Diskursen vernommen, daß ich nicht eines schlechten Herkommens sein

müßte, sondern es leuchtete mir was Ungemeines aus meinen Augen heraus.

Hierauf besann ich mich, ob ich mich wollte zu erkennen geben oder

nicht. Endlich so dachte ich, du willst ihnen doch nur die

Begebenheit von der Ratte erzählen, damit sie Maul und Ohren brav

aufsperren müssen, weil sie es nicht besser wollen gehabt haben. O

sapperment! was erweckte das Ding bei den vierzehnhundert Ratsherren vor

groß Aufsehens, als ich von der Ratte anfing zu schwatzen. Sie steckten,

der Tebel hol mer, an der Tafel die Köpfe alle miteinander zusammen und

redeten wohl drei ganzer Zeigerstunden heimlich von mir; was sie aber

durcheinanderplisperten, das kunnte ich gar nicht verstehen. Doch soviel

ich von meinem Herrn Nachbar zur rechten Hand vernehmen kunnte, sagte er

zu dem einen Präsidenten: wann ichs annehmen wollte, so könnte ich

Überaufseher des Rats zu Venedig werden, weil sie indem niemand hätten,

der sich dazu schickte. Nachdem sie sich nun alle so durcheinander

heimlich beredet hatten, so fingen sie alle zugleich an zu reden und

sagten: »Wir wollen Ihre Hochwürden zu unserm Ratsinspektor machen,

wollen Sie es wohl annehmen?« Auf dieses gute Anerbieten gab ich dem

sämtlichen Ratskollegio flugs sehr artig wieder zur Antwort und sagte:

»Vielgeehrte Herren und respektive werte Herzensfreunde! Daß ich ein

brav Kerl bin, dasselbe ist nun nicht Fragens wert, und daß ich mich in

der Welt, sowohl zu Wasser als zu Lande, was Rechts versucht habe,

solches wird der bekannte Seeräuber Hans Barth, welchem ich auf der

spanischen See mit meinem vortrefflichen Rückenstreicher einen großen

Flatschen von seiner krummen Habichtsnase gesäbelt, selbst gestehen

müssen, daß meinesgleichen in der Welt wohl schwerlich von Konduite[65]

wird gefunden werden«. O sapperment! wie sahen mich die vierzehnhundert

Ratsherren alle nacheinander an, als sie von meinem Rückenstreicher und

von meiner Konduite hörten.

[65] Benehmen.

Worauf auch der eine Präsident zu mir gleich sagte, das sämtliche

Kollegium hätte nun schon aus meiner Antwort vernommen, daß ich solche

angetragene Charge[66] wohl schwerlich akzeptieren würde, indem mein

Gemüte nur an dem Reisen seine Lust hätte. Hierzu schwieg ich nun

stockmausestille und machte gegen die drei Präsidenten ein über alle

Maßen artig Kompliment und stund, ehe sie sichs versahen, wie ein Blitz

von der Tafel auf. Da solches dieselben nun sahen, daß ich aufstund,

fingen sie gleich auch an, alle miteinander aufzustehen.

[66] Amt.

Da sie nun merkten, daß meines Bleibens nicht länger sein wollte, so

beschenkte mich der ganze Rat mit einem künstlich geschnittenen

venedischen Glase, welches auf zwanzigtausend Taler geschätzt wurde;

dasselbe sollte ich ihnen zum ewigen Andenken aufheben und zuzeiten ihre

Gesundheit daraus trinken. Es wäre auch geschehen, wenn ich nicht, wie

man ferner hören wird, solches unverhoffterweise zerbrochen hätte.

Nachdem ich nun von dem sämtlichen Rate zu Venedig wieder Abschied

genommen und mich vor so große erzeigte Ehre bedankt hatte, steckte ich

das geschenkte schöne kostbare Glas in meinen großen Kober und ließ mir

von etlichen Klaudittgen[67] mein in der Glücksbude gewonnenes Pferd aus

dem Häscherloche wieder herausziehen und auf den Saal oben

hinaufbringen. Daselbst setzte ich mich nun mit meinem großen Kober

wieder zu Pferde und ritt mit so einer artigen Manier im vollen Kurier

die Treppe hinunter, daß sich auch die Ratsherren alle miteinander über

mein Reiten höchst verwunderten und meinten nicht anders, ich würde Hals

und Beine brechen müssen, weil es so glatt auf der Treppe wäre, indem

die Stufen von dem schönsten geschnittenen venedischen Glase gemacht

waren; allein mein Pferd, das war gewandt, es trottierte wie ein Blitz

mit mir die gläsernen Treppen hinunter, daß es auch nicht einmal

ausglatterte. Unten vor dem Häscherloche, da paßten nun meine Musikanten

wieder auf und sobald sie mich sahen von dem Rathause heruntergeritten

kommen, so fingen die mit den Trommeten gleich an eine Sarabande[68] zu

schlagen, die Schalmeipfeifer aber pfiffen den Totentanz drein und die

zwei mit den Lauten spielten das Lied dazu: »Ich bin so lange nicht bei

dir gewesen«, und der mit der Zither klimperte den Altenburgischen

Bauerntanz hintennach.

[67] Häscher.

[68] feierlicher, langsamer Tanz.

Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie die Musik so

vortrefflich zusammenklang, und mein Pferd machte immer ein Hoppchen

nacheinander dazu. Damit so wollte ich nun noch einmal um den St.

Marxplatz herumreiten, und zwar nur deswegen, die Leute dadurch an die

Fenster zu locken und daß sie sich wacker über mein vortrefflich Reiten

verwundern sollten. Welches auch geschah. Denn als ich mit meinem großen

Kober über den St. Marxplatz wieder geritten kam, so steckten wohl auf

dreißigtausend Menschen die Köpfe zu den Fenstern heraus, die sahen

sich bald zum Narren über mich, weil ich mit meinem großen Kober so

galant zu Pferde saß. Wie wohl mir auch das Ding von den Leuten gefiel,

daß sie die Augen so brav über mein vortrefflich Zupferdesitzen

aufsperrten, dasselbe werde ich, der Tebel hol mer, zeitlebens nicht

vergessen. Aber was ich auch dabei vor einen Pfui-dich-an mit einlegte,

davon werden noch bis dato die kleinen Jungen zu Venedig auf der Gasse

zu schwatzen wissen.

Man höre nur, wie mirs ging. Indem ich nun mit meinem großen Kober

überaus artig um den St. Marxplatz herumritt und alle Leute Maul und

Nasen über mich aufsperrten, so zog ich ein Pistol aus der einen Halfter

und gab damit Feuer. Der Glückstöpfer hatte mir aber zuvor (als ich das

Pferd bei ihm gewonnen) nicht gesagt, daß es schußscheu wäre und kein

Pulver riechen könnte. Wie ich nun so in aller Herrlichkeit das Pistol

losschoß, so tat das Pferd, ehe ichs mich versah, einen Ruck und schmiß

mich, der Tebel hol mer, mit meinem großen Kober flugs aus dem Sattel

heraus, daß ich die Länge lang auf dem St. Marxplatz dorthinfiel und das

wunderschöne Glas, welches so kostbar sein sollte, in hunderttausend

Stücken zerbrach. O sapperment! wie fingen die Leute alle miteinander

an, mich auszulachen. Ich war aber her und stund mit meinem großen Kober

geschwinde wieder auf und lief immer hinter dem Pferde her und wollte es

wieder haschen. Wenn ich denn nun bald an ihm war und wollte das Rabenas

hinten beim Schwanze ergreifen, so fing die Schindmähre allemal

geschwinde an zu trottieren und kurbettierte eine Gasse hinauf, die

andere wieder nieder. Ich jagte mich wohl drei ganzer Stunden mit dem

Schindluder in der Stadt Venedig herum und kunnte es doch nicht kriegen.

Endlich so lief es gar zum Tore hinaus und in ein Stück Hafer, welcher

flugs vorm Tore auf einen Steinfelsen gesät stund, hinein; da dachte ich

nun, ich wollte es ergattern, und lief ihm immer im Hafer nach, allein

ich kunnte seiner, der Tebel hol mer, nicht habhaftig werden, denn je

mehr ich dem Ase nachlief, je weiter trottierte es ins Feld hinein und

lockte mich mit den Narrenspossen bis vor die Stadt Padua, ehe ich

solches wiederbekommen kunnte. Ich hätte, halt ich dafür, dasselbe wohl

noch nicht gekriegt, wenn nicht ein Bauer aus der Stadt Padua mit einem

Mistwagen wäre herausgefahren kommen, welcher eine Stute mit vor seinen

Wagen gespannt hatte, bei derselben blieb mein gewonnenes Pferd, weil es

ein Hengst war, stillstehen.

[Illustration]

Wie ich dasselbe nun wieder hatte, so setzte ich mich mit meinem großen

Kober gleich wieder drauf und beratschlagte mich da mit meinen Gedanken,

ob ich wieder nach Venedig oder in die Stadt Padua flugs spornstreichs

hineinreiten wollte und selbige auch besehen. Bald gedachte ich in

meinem Sinn: was werden doch immer und ewig die Musikanten denken, wo

Signor Schelmuffsky muß mit seinem großen Kober geblieben sein, daß er

nicht wiederkommt? Bald gedachte ich auch: reitest du wieder nach

Venedig zu und kommst auf den St. Marxplatz, so werden die Leute den von

Schelmuffsky wacker wieder ansehen und die kleinen Jungen einander in

die Ohren plispern: »Du siehe doch, da kommt der vornehme Herr mit

seinem großen Kober wiedergeritten, welchen vor vier Stunden das Pferd

herunterwarf, daß er die Länge lang in die Gasse dahinfiel, wir wollen

ihn doch brav auslachen«. Endlich dachte ich auch: kommst du nach

Venedig wieder hinein und der Rat erfährt es, daß du das wunderschöne

Glas schon zerbrochen hast, so werden sie dir ein andermal einen Quark

wieder schenken. Faßte derowegen eine kurze Resolution und dachte: Gute

Nacht Venedig! Signor Schelmuffsky muß sehen, wie es in Padua aussieht;

und rannte hierauf in vollem Schritte immer in die Stadt Padua hinein.

4. Kapitel.

Padua ist, der Tebel hol mer, eine brave Stadt; ob sie gleich nicht gar

groß ist, so hat sie doch lauter schöne neue Häuser und liegt eine halbe

Stunde von Rom. Sie ist sehr volkreich von Studenten, weil so eine

wackere Universität da ist. Es sind bisweilen über dreißigtausend

Studenten in Padua, welche in einem Jahre alle miteinander zu Doktors

gemacht werden. Denn da kann, der Tebel hol mer, einer leicht Doktor

werden, wenn er nur Speck in der Tasche hat und scheut dabei seinen Mann

nicht. In derselben Stadt kehrte ich nun mit meinem Pferde und großen

Kober in einem Gasthofe, zum Roten Stier genannt, ein, allwo eine

wackere, ansehnliche Wirtin war. Sobald ich nun mit meinem großen Kober

von dem Pferde abstieg, kam mir die Wirtin gleich entgegen gelaufen,

fiel mir um den Hals und küßte mich, sie meinte aber nicht anders, ich

wäre ihr Sohn. Denn sie hatte auch einen Sohn in die Fremde geschickt,

und weil ich nun unangemeldet flugs in ihren Gasthof hineingeritten kam,

und sie meiner nur von hinten ansichtig wurde, so mochte sie in dem

Gedanken stehen, ihr Sohn käme geritten; so kam sie spornstreichs auf

mich zu gewackelt und kriegte mich von hinten beim Kopfe und herzte

mich. Nachdem ich ihr aber sagte, daß ich der und der wäre und die Welt

auch überall durchstankert hätte, so bat sie hernach bei mir um

Verzeihung, daß sie so kühn gewesen wäre.

Schelmuffskys wahrhaftige, kuriöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande · 第 7 / 9 段