Nun wußte ich, der Tebel hol mer, dazumal nicht, wo ich von da

zumarschieren sollte; keinen blutigen Heller im Leben hatte ich, wie der

elendeste Bettelbube ging ich, vor nichts Rechts sah mich kein Mensche

mehr an, und wußte also meines Lebens keinen Rat, wie ich von St. Malo

wieder fortkommen wollte. Endlich so ging ich hin, wo die Schiffe

abfuhren, da erzählte ich dem einen Schiffer mein Unglück und wie mirs

gegangen wäre und bat ihn, wenn er abführe, er möchte mich doch

mitnehmen, ich wollte ihm gerne auf dem Schiffe mit an die Hand gehen.

Der Schiffsmann ließ sichs gefallen, denn es war ein engländischer

Schiffer und hatte in Frankreich schöne Waren geholt, der erbarmte sich

endlich über mich und nahm mich mit. Da mußte ich nun, wenn Sturm kam

und die Wellen davon ins Schiff schlugen, immer auf dem Schiffe plumpen,

damit die kostbaren Sachen nicht etwa naß würden, so kriegte ich bei ihm

zu essen und zu trinken. Als wir nun wieder bei London vorbeifuhren,

sagte ich zum Schiffer, daß mir das Plumpen so sauer würde, und ich

könnte es unmöglich länger ausstehen, bäte ihn, er möchte mich da lassen

aussteigen, ich wollte meinen Weg nach der Stadt zu nehmen. Der Schiffer

war mir hierinnen auch nicht zuwider, sondern fuhr mit seinem Schiffe

ans Ufer, ließ mich meiner Wege gehen und schiffte von da weiter fort.

Ich war her und setzte mich da bei dem Wasser nieder, zog meine Schuh

aus, band sie aneinander, hängte sie an den Arm und marschierte in

meinen zerzottelten Strümpfen halb barfuß immer nach dem Tore der Stadt

London zu. Wie ich nun an dasselbe kam, so stund ich stille und besann

mich eine gute Weile, wo ich mein Quartier da aufschlagen wollte, weil

ich keinen Heller Geld hatte. Endlich resolvierte ich mich und nahm

meinen Abtritt flugs haußen in der Vorstadt auf der Bettelherberge,

allwo ich noch Bettler antraf, denen ich vor einem halben Jahre mit

einigen Almosen sehr viel Gutes erzeigt hatte, auch etliche zu mir

sagten, mein Gesichte wäre ihnen bekannt, und sie sollten mich sonstwo

gesehen haben; allein sie konnten sich nicht mehr drauf besinnen. Ein

kleiner Betteljunge fing unter anderm an und sagte, daß ich bald aussähe

wie der vornehme Herr, der vor einem halben Jahre in London mit den

vornehmsten Damens wäre immer in der Kutsche gefahren und hätte ein

Goldstück mit einer Kette allezeit aus der Kutsche herausgehängt, bei

welcher so viel Schock Jungen stets nebenhergelaufen und das Goldstück

so angesehen. Ich ließ mir aber nichts merken, daß ichs war, und wenn

ichs ihnen auch gleich gesagt, sie hätten mirs, der Tebel hol mer, nicht

einmal geglaubt.

Den andern Tag war ich her, weil ich kein Geld hatte, und ging in die

Stadt London hinein; da sprach ich die Leute, welche mich zuvor als eine

Standesperson noch nicht gesehen, um einen Zehrpfennig an, denn an die

Örter, wo ich vormals war öfters zu Gaste gewesen, kam ich, der Tebel

hol mer, nicht, denn sie hätten mich leicht kennen mögen, und wenn ich

vor Herrn Toffeln seinem Hause vorbeiging, so zog ich allemal die Mütze

in die Augen, damit mich niemand kennen sollte. Ich traf auch ungefähr

einen halben Landsmann in London an, welcher ein brav Kerl war und im

Kriege sich schon tapfer erwiesen hatte, demselben erzählte ich mein

Unglück. Er verehrte mir auch einen Reichstaler und versprach mir, mich

frei wieder mit in meine Heimat zu nehmen; allein ich hatte den Ort

vergessen, wonach ich ihn fragen sollte, und kunnte denselben also von

der Zeit an, als er mir den Taler schenkte, nicht wieder antreffen. Zu

meinem großen Glücke fuhren gleich zwei Tage hierauf drei Frachtwagen

aus London nach Hamburg; da bat ich die Fuhrleute, daß sie mich

mitnehmen sollten, ich hätte nicht viel zu verzehren. Die Fuhren waren

ganz gut, und sie sagten, wenn ich ihnen des Nachts ihre Wagen bewachen

würde, so wollten sie mich zehrfrei bis nach Hamburg mitnehmen. Ei

sapperment! wer war froher als ich! Ich sagte, herzlich gern wollte ichs

tun. Hierauf nahmen sie mich nun mit sich, und ich mußte mich vorne in

die Schoßkelle[55] setzen und fahren. Wenn wir nun abends ins Quartier

kamen, so gaben sie mir allemal den Kopf oder den Schwanz vom Heringe

und ein groß Stück Brot dazu; das mußte ich nun in mich hineinreiben,

hernach schenkten[56] sie mir auch einmal dazu und hießen mich unter

ihre Wagen legen und wachen. Das währte nun eine Nacht und alle Nächte,

bis wir in das letzte Wirtshaus nahe vor Hamburg kamen, allwo ich von

den Fuhrleuten Abschied nahm. Sie fragten mich zwar, ob ich nicht

vollends mit nach Hamburg wollte; ich bedankte mich, doch wäre ich wohl

gerne mit hinein gewesen; so aber stund ich in Sorgen, es möchte mich

etwa jemand noch da kennen und hernach solches der Rädelwache sagen, daß

ich der und der wäre, welcher vor etlichen Jahren ihrer so viel auf

einmal zuschanden gehauen und über den Haufen gestoßen hätte. Traute

also nicht, sondern nahm von dem nächsten Dorfe vor Hamburg meinen

Marsch oben im freien Felde weg und ging so lange, bis ich in ein ander

Gebiet kam, daß ich vor der Rädelwache recht sicher war.

[55] Hängesitz für den Kutscher.

[56] gaben mir zu trinken.

Hernach so bettelte ich mich von einem Dorfe zu dem andern, bis ich

endlich Schelmerode wieder erblickte und allda nach meiner überstandenen

sehr gefährlichen Reise sowohl zu Wasser als zu Lande meiner Frau

Mutter frisch und gesund wieder zusprach. Mit was vor Freuden die

ehrliche Frau mich damals bewillkommte, will ich beim Eingange des

andern Teiles künftig sehr artig auch an den Tag geben. Vor dieses Mal

aber hat nun der erste Teil meiner wahrhaftigen kuriösen und sehr

gefährlichen Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande ein Ende.

2. Teil

1. Kapitel.

Wo mir recht ist, war es gleich am Sankt Gergenstage, als ich das

erstemal von meiner sehr gefährlichen Reise in einem alten zerrissenen

Kaperrocke und zwar barfuß des ehrlichen Schelmerode wieder ansichtig

wurde. Nun kann ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen, wie mir alles so

fremde und unbekannt in meiner Geburtsstadt vorkam; ich hatte sie auch

so verkennen gelernt, als wenn ich dieselbe zeitlebens mit keinem Auge

gesehen gehabt. Drei ganzer Tage und Nächte lief ich wie ein irrer

Mensch auf allen Gassen herum und wußte meiner Frau Mutter Haus nicht

wiederzufinden, wenn es auch mein Leben hätte kosten sollen. Fragte ich

gleich Leute, ob sie mir nicht davon könnten Nachricht geben oder zum

wenigsten nur die Gasse sagen, wo meine Frau Mutter wohnen möchte, so

sperrten sie, der Tebel hol mer, allemal die Mäuler auf und sahen mich

an und lachten. Ich kunnte es ihnen zwar nicht verargen, daß sie so

albern taten und mir auf mein Fragen keine Antwort gaben. Warum? Ich

hatte meine Fraumuttersprache in der Fremde ganz verreden gelernt, denn

ich parlierte meist Engländisch und Holländisch mit unter das Deutsche,

und wer mir nicht sehr genau auf mein Maul Achtung gab, der kunnte mir,

der Tebel hol mer, nicht eine Silbe verstehen. Ich hätte, halt ich

dafür, meiner Frau Mutter Haus wohl in acht Tagen noch nicht gefunden,

so mir nicht ohngefähr die dritte Nacht zwischen elfen und zwölfen meine

Jungfer Muhmen auf der Gasse wären in Wurf gekommen, welche ich auch

anredete und fragte, ob sie mir keine Nachricht von meiner Frau Mutter

Hause melden könnten. Die Menscher sahen mir im Finstern beide scharf

ins Gesichte und verstundens doch (ob ich gleich sehr undeutsch redete)

und was ich haben wollte.

Endlich so fing die eine an und sagte, ich sollte mich erstlich zu

erkennen geben, wer ich wäre, alsdann wollten sie mich selbsten an

verlangten Ort bringen. Wie ich ihnen nun erzählte, daß ich der und der

wäre, und daß ich schon drei ganze Tage in der Stadt herumgelaufen und

kein Henker mir hätte berichten können, in welcher Gasse doch meine Frau

Mutter wohnen müßte: O sapperment! wie fielen mir die Menscher beide auf

der Straße um den Hals und erfreuten sich meiner guten Gesundheit und

glücklichen Wiederkunft. Sie kriegten mich beide bei meinem zerrissenen

Kaperrocke zu fassen und waren willens, mit mir nach meiner Frau Mutter

Hause zu marschieren. Indem wir alle drei nun sehr artig miteinander

gingen und ich ihnen unterwegens von meiner Gefangenschaft zu Sankt Malo

anfing zu erzählen, so kamen unvermerkt zwei Kerls hinter mir

hergeschlichen, die denken, ich bin etwa ein gemeiner Handwerksbursche,

weil ich so liederlich ging, und gaben mir da rücklings ein jedweder

eine Presche und rissen mir hierauf meine Jungfer Muhmen von der Seite

weg und wanderten mit ihnen immer, was läufst du, was hast du, soviel

ich im Finstern sehen kunnte, durch ein enges Gäßchen durch. O

sapperment! wie verdroß mich das Ding von solchen unverständigen Kerlen,

weil sie mich nicht besser respektierten. Ihr größtes Glück war, daß mir

auf der spanischen See von Hans Barth mein vortrefflicher

Rückenstreicher mit war von der Seite weggeraubt worden, sonst hätte ich

ihnen nicht einen Dreier vor ihr ganzes Leben geben wollen; so aber

hatte ich nichts in Fäusten, und ohne Degen im Finstern auf Händel

auszugehen, glückt auch nicht allemal, drum dachte ich, du willst lieber

die Preschen einstecken und stehenbleiben, bis deine Jungfer Muhmen

wiederkommen; die werden dirs wohl sagen, wer die Kerls gewesen sein,

hernach müssen sie dir schon Satisfaktion vor dem Schimpf geben. Ich

stund wohl über drei Stunden auf derselben Stelle, wo ich die Preschen

bekommen hatte, und wartete auf meine Jungfer Muhmen.

Wie dieselben nun wiederkamen, so waren sie ganz voller Freuden und

erzählten mir, wie es ihnen so wohl gegangen wäre und wie sie beide von

denselben Kerlen, welche mir die Preschen gegeben, so vortrefflich

beschenkt worden und es sehr bedauert, weil ich ihr Herr Vetter wäre,

daß sie sich an mir vergriffen hätten. Nachdem ich von meinen Jungfer

Muhmen nun solches vernahm, daß es unversehenerweise geschehen war und

daß die Presche, welche ich bekommen, einem andern waren zugedacht

gewesen, so ließ ichs gut sein und dachte: Irren ist menschlich. Hierauf

so führten mich meine Jungfer Muhmen immer nach meiner Frau Mutter Hause

zu. Als wir nun vor die Türe kamen, so konnten wir nicht hineinkommen.

Wir klopften wohl über vier Stunden vor meiner Frau Mutter Hause an,

allein es wollte uns niemand hören.

Wie wir nun sahen, daß uns keiner aufmachen wollte, legten wir uns alle

drei die Länge lang vor die Haustür und schlummerten da so lange, bis

das Haus wieder geöffnet wurde; hernach so schlichen wir uns heimlich

hinein, die Treppe sachte hinauf und nach meiner Jungfer Muhmen ihrer

Kammer zu, daß sie und mich niemand gewahr wurde. Oben zogen sich meine

Jungfer Muhmen nun aus und legten ihr Nachthabit an, und zwar zu dem

Ende, damit niemand merken sollte, daß sie vergangene Nacht anderswo

frische Luft geschöpft hätten. Da solches geschehen, hießen sie mich

sachte die Treppe wieder hinunterschleichen und an meiner Frau Mutter

Stubentüre anpochen, und sollte hören, ob sie mich auch noch kennen

würde.

Als ich nun unten wieder ins Haus kam: O sapperment! wie kam mir alles

so fremde und unbekannt in meiner Frau Mutter Hause vor. Ich suchte wohl

über zwei Stunden, ehe ich meiner Frau Mutter ihre Stubentüre

wiederfinden konnte, denn ich hatte alles miteinander im ganzen Hause

fast gänzlich verkennen gelernt, ausgenommen meiner Frau Mutter ihr

klein Hündchen, welches sie immer mit zu Bette nahm und hernachmals

eines unverhofften Todes sterben mußte; dasselbe erkannte ich noch an

dem Schwanze, denn es hatte einen blauen Fleck unter dem Schwanze,

welchen ich dem Hündchen unversehens, da ich noch vor diesem in die

Schule ging, mit meinem Blaserohre, als ich nach einem Sperlinge

geschossen und das Hündchen unversehenerweise unter den Schwanz

getroffen, gemacht hatte. Aber meine Frau Mutter, als ich derselben

ansichtig wurde, so kam sie mir, der Tebel hol mer, ganz unkennbar vor,

und ich hätte es auch nimmermehr geglaubt, daß sie meine Frau Mutter

wäre, wenn ich sie nicht an dem seidenen Kleide, welches ihr vormals die

große Ratte zerfressen gehabt, erkannt hätte, denn es war in demselben

hinten und vorne ein abscheulich groß Loch, und zu ihrem großen Glücke

hatte sie das zerfressene Kleid gleich selben Tag angezogen, sonst hätte

ich sie, der Tebel hol mer, nicht wiedergekannt.

Nachdem ich nun gewiß wußte und das zerfressene seidene Kleid mir

genugsam zu verstehen gab, daß ich meine Frau Mutter, welche ich in so

vielen unzähligen Jahren mit keinem Auge gesehen, wiederum vor mir

stehen sah, so gab ich mich hernachmals auch zu erkennen und sagte, daß

ich ihr fremder Herr Sohn wäre, welcher in der Welt was Rechts gesehen

und erfahren hätte. O sapperment! was sperrte das Mensch vor ein Paar

Augen auf, wie sie hörte, daß ich ihr Sohn Schelmuffsky sein sollte! Sie

sagte anfänglich, das Ding könnte unmöglich wahr sein, daß ich ihr Herr

Sohn wäre, indem ihr Herr Sohn, wie sie vernommen, einer mit von den

vornehmsten Standespersonen unter der Sonnen wäre und würde, wenn er

wieder nach Hause käme, so liederlich wie ich nicht aufgezogen kommen.

Ich antwortete aber hierauf meiner Frau Mutter sehr artig und half ihr

mit zwei bis drei Worten gleich aus dem Traume, sagend, wie daß ich

nämlich einer mit von den vornehmsten Standespersonen schon in der Welt

gewesen, und wie daß einem ein gut Kleid auf der Reise nichts nütze

wäre, und wie daß der von Schelmuffsky ein ganz halb Jahr zu St. Malo

gefangen gesessen, und ihr einziger lieber Sohn, welcher wegen einer

großen Ratte, und zwar nach Adam Riesens Rechenbuche, vier Monate zu

früh auf die Welt gekommen wäre. O sapperment! als meine Frau Mutter von

der Ratte hörte, wie fiel mir das Mensche vor Freuden um den Hals und

herzte und poßte mich, daß ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen kann.

Als sie mit mir nun eine gute Weile getändelt hatte, so fing sie vor

großen Freuden an zu gransen, daß ihr die Tränen immer an den Strümpfen

herunterliefen und ihre sämischen Schuhe pfützenmadennaß davon wurden.

Hierzu kamen nun meine Jungfer Muhmen in ihrem Schlafhabite zur

Stubentür hineingetreten und boten meiner Frau Mutter einen guten

Morgen, gegen mich aber stellten sie sich, als wenn sie mich zeitlebens

nicht gesehen hätten.

Meine Frau Mutter hatte auch damals einen kleinen Vetter bei sich,

dasselbe war eine schlaue Wetterkröte und wurde dem Ase aller Willen

gelassen. Indem nun meine Frau Mutter ihren Jungfer Muhmen erzählt, wie

daß ich ihr Sohn Schelmuffsky wäre, der sich was Rechts in der Fremde

versucht hätte und zu Wasser und zu Lande viel ausgestanden, so mochte

es der kleine Vetter in der Stubenkammer hören, daß von Schelmuffsky

geredet wurde: kam das kleine Naseweischen wie eine Ratte aus meiner

Frau Mutter Bette gesprungen und guckte zur Stubentüre hinein. Sobald

als er mich nun erblickte, fing der kleine Junge, der Tebel hol mer, an

zu lachen und fragte mich da gleich, was ich denn schon zu Hause wieder

haben wollte, indem ich kaum vierzehn Tage weg wäre? O sapperment! wie

verdroß mich das Ding von dem Jungen, daß er mir von vierzehn Tagen

schwatzte. Wie ich nun meine Frau Mutter hierauf fragte, ob er mich denn

noch kennte, so gab ihr der Naseweis so höhnisch zur Antwort und sagte,

warum er denn seinen liederlichen Vetter Schelmuffsky nicht kennen

sollte. Da ihm aber meine Frau Mutter die Augen eröffnen wollte und zu

ihm sprach, daß er unrecht sehen müßte und wie daß ich mich in der

Fremde was Rechts sowohl zu Wasser als zu Lande versucht hätte, so fing

mein kleiner Vetter wieder an: Frau Muhme, sie wird ja nicht so

einfältig sein und solche Lügen glauben, ich habe mir von

unterschiedlichen Leuten erzählen lassen, daß mein Vetter Schelmuffsky

nicht weiter als eine halbe Meile von seiner Geburtsstadt gekommen wäre

und alles miteinander mit liederlicher Kompagnie im Tobak und

Branntewein versoffen. O sapperment! wie knirschte ich mit den Zähnen,

als mir der Junge Tobak und Branntewein unter die Nase rieb.

Nach diesem baten mich meine Jungfer Muhmen, daß ich doch von meiner

gefährlichen Reise was erzählen sollte und was ich vor Dinge in der Welt

gesehen hätte. Wie ich nun Sachen vorbrachte, welche große Verwunderung

bei meinen Jungfer Muhmen erweckten, so fiel mir der Junge allemal in

die Rede und sagte, ich sollte nur stillschweigen, es wäre doch alles

erstunken und erlogen, was ich da aufschnitte. Endlich so lief mir die

Laus auch über die Leber und gab ihm, ehe er sichs versah, eine Presche,

daß er flugs an die Stubentüre hinflog und die Beine hoch in die Höhe

kehrte. Ei sapperment! was verführte deswegen meine Frau Mutter vor ein

Spiel! Wie vielmal ich mich auch hernach des Jungens halber mit meiner

Frau Mutter gezankt und gekiffen[57], das wäre, der Tebel hol mer, auf

keine Eselshaut zu bringen, und ist meines Erachtens unnötig, daß ich

hiervon viel Wesens mache. Ist aber jemand kuriöse[58] und will von

solchem Gekeife genauere Nachricht wissen, dem kann ich keinen bessern

Rat geben, als daß er nur etliche ehrliche Weiber in der Nachbarschaft

deswegen drum fragt; die werdens ihm, der Tebel hol mer, haarklein

sagen.

[57] gekeift.

[58] neugierig.

2. Kapitel.

Nachdem ich mich nun innerhalb Jahresfrist ein wenig ausgemaustert hatte

und die Luft etwas wiederum vertragen kunnte, so ging hernachmals kein

Tag vorbei, daß ich mich nicht kontinue[59] mit meiner Frau Mutter

zanken mußte. Ich war auch solch Leben so überdrüssig, als wenn ichs mit

Löffeln gefressen hätte, und der Zank rührte gemeiniglich wegen meines

kleinen Vetters her, weil der Junge so naseweis immer war und mir kein

Wort, was ich erzählte, glauben wollte. Letztlich, wie ich sah, daß ich

mich mit meiner Frau Mutter gar nicht stellen kunnte, befahl ich ihr,

daß sie mir mußte ein neu Kleid machen lassen, und sagte, sie sollte mir

mein Vaterteil vollends geben, ich wollte wieder in die Fremde

marschieren und sehen, was in Italien und Welschland passierte,

vielleicht hätte ich da besser Glück als auf der spanischen See. Meine

Frau Mutter, die wollte mir nun an meinem Vorhaben nicht hinderlich

sein, sondern wäre mich damals schon lieber heute als morgen gern wieder

los gewesen. Sie ließ mir ein schön neu Kleid machen, welches auf der

Weste mit den schönsten Leonischen Schnüren verbrämt war. Weil sie aber

nicht flugs bei Ausgebegelde war und sonst noch eine Erbschaft in einer

benachbarten Stadt zu fordern hatte, so gab sie mir da eine Anweisung,

und ich sollte in ihrem Namen mir dort das Geld zahlen lassen, damit sie

mich nur aus dem Hause wieder los würde.

[59] fortwährend.

Hierauf war ich her und machte selben Tag noch einen Weg dahin und

vermeinte, die Gelder würden da schon aufgezählt liegen. Allein wie ich

hinkam, so wollte derjenige, welcher das Geld schuldig zu zahlen war,

mich mit meiner Anweisung nicht respektieren, sondern sagte, ich wäre

noch nicht mündig und dazu wüßte er auch nicht, ob ich der und der wäre.

O sapperment! wie verdroß mich das Ding, daß man mich vor unmündig

ansah, indem ich schon unzählige Jahre in die Fremde weit und breit

herumgesehen und einer mit von den bravsten Kerlen in der Welt gewesen

war. Ich tat aber das und erzählte ihm die Begebenheit von der Ratte: O

sapperment! wie erschrak der Schuldmann hernach vor mir und schämte

sich, der Tebel hol mer, wie ein Hund. Er wäre, halt ich dafür, wohl

noch halb soviel lieber schuldig gewesen, als daß er mir nur das

Nichtmündigsein unter die Nase gerieben hätte. Denn er sah mir hernach

allererst recht ins Gesichte, und da er spürte, daß mir was Sonderliches

aus den Augen herausfunkelte, so bat er bei mir um Verzeihung und kam

auch flugs mit der Vorklage und sagte, er wollte mir gerne die Erbschaft

bezahlen, allein er wäre jetzo nicht bei Mitteln, in zwei Jahren wollte

er sehen, daß mir damit könnte geholfen werden. Was wollte ich nun tun,

wie ich sah, daß es der gute Mann nicht hatte? Damit ich ihn aber nicht

in Schaden bringen wollte (denn wenn ich geklagt, hätte er mirs schon

zahlen müssen, und der Tebel hol mer, kein gut Wort dazu), so war ich

her und verhandelte die ganze Erbschaft einem andern, den ließ ich mir

vor den ganzen Quark den vierten Teil zahlen und gab ihm im Namen meiner

Frau Mutter Vollmacht, das ganze Kapital zu heben.

Als ich nun das Geld empfangen hatte, O sapperment! wer war froher als

ich, da wieder frische Pfennige in meiner Ficke klangen. Sobald ich zu

meiner Frau Mutter nach Schelmerode kam, machte ich mich wieder

reisefertig und packte meine Sachen alle zusammen in einen großen

Kober[60], nahm von meiner Frau Mutter wie auch meinen Jungfer Muhmen

mit weinenden Augen wieder Abschied und war willens, mich auf die

geschwinde Post zu setzen. Indem ich nun zur Stubentür mit meinem großen

Kober hinauswandern wollte, so kam mir mein kleiner Vetter

entgegengegangen, von dem wollte ich nun auch gute Nacht nehmen. Wie ich

ihm aber die Hand bot, so fing die Wetterkröte an zu lachen und sagte,

es würde nicht nötig sein, daß ich von ihm Abschied nähme, meine Reise

würde sich so weit nicht erstrecken, und wenn er sich die Mühe nehmen

möchte, mir nachzuschleichen, so wollte er mich wohl im nächsten

Dörfchen in einer Bauernschenke antreffen, allwo ich so lange

verbleiben würde, bis die verhandelte Erbschaft in Tobak und Branntewein

durch die Gurgel gejagt wäre, hernach würde ich mich schon wieder

einfinden. Ei sapperment! wie verdroß mich das Ding von dem Jungen, daß

er mir von dem nächsten Dorfe solche Dinge herschwatzte. Ich war aber

nicht faul, sondern gab ihm unversehens eine solche Presche wieder, daß

ihm das helle Feuer flugs zu den Augen heraussprang, und marschierte

hierauf mit meinem großen Kober immer stillschweigend zur Stubentüre

hinaus und in vollem Sprunge, was läufst du, was hast du, nach dem

Posthause zu. Da hätte man nun schön Nachschreien von meiner Frau Mutter

auf der Gasse gehört, wie das Mensche hinter mir herschrie und sagte:

»Schlag du, Schelm, schlag, geh, daß du Hals und Beine brichst und komm

nimmermehr wieder vor meine Augen«. Mein kleiner Vetter, das

Naseweischen, der verfolgte mich mit Steinen bis vor an das Posthaus,

allein er traf mich nicht ein einziges Mal. Als ich nun vor das Posthaus

kam und die geschwinde Post schon völlig besetzt war, so wollte mich der

Postillon nicht mitnehmen, doch tat er mir den Vorschlag, daß ich mich

hinten in die Schoßkelle setzen sollte, wenn ich mitwollte. Worauf ich

mich nicht lange besann, sondern mit gleichen Beinen flugs mit meinem

Kober hineinsprang, und hieß den Postillion immer _per postae_ eiligst

zum Tore hinausfahren.

[60] Koffer.

3. Kapitel.

Es war gleich denselben Tag, als die Nacht zuvor meiner Frau Mutter die

Truthühner waren gestohlen worden, da ich die ehrliche Geburtsstadt

verließ und meine sehr gefährliche Reise zum andern Mal zu Wasser und

zu Lande wieder antrat. Kaum waren wir einen Musketenschuß von der Stadt

gefahren, so schmiß uns der Postillon um, daß flugs alle vier Räder an

der Postkalesche in Stücke brachen; die Personen, so er geladen hatte,

die lagen, der Tebel hol mer, im Drecke bis über die Ohren, denn es war

in einem greulichen Morastloche, da er uns umschmiß. Ich hatte noch von

großem Glück damals zu sagen, daß ich hinten in der Schoßkelle saß, denn

wie ich sah, daß der Wagen fallen wollte, so sprang ich mit meinem Kober

herunter, denn wenn ich wäre sitzengeblieben. Ei sapperment! wie würde

ich mit meiner Nase im Dreck auch gelegen sein. Da war nun Lachen zu

verbeißen, wie sich die Passagiere so im Kote herumwälzten. Der

Postillon wußte nun beileibe keinen Rat, wie er fortkommen wollte, weil

die Räder alle viere am Wagen zerbrochen waren. Nachdem ich nun sah, daß

ganz keine Hilfe fortzukommen vorhanden war und ich mich nicht lange zu

versäumen hatte, sondern wollte eiligst die Stadt Venedig besehen, so

war ich her, nahm meinen großen Kober und bedankte mich gegen meine

Reisegefährten, welche noch im Drecke dalagen, vor geleistete Kompagnie

und ging immer per pedes[61] nach Italien und Welschland zu.

[61] zu Fuße.

Schelmuffskys wahrhaftige, kuriöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande · 第 6 / 9 段