fertig war, schickte der Große Mogol zu mir, ließ mir einen guten Morgen
vermelden, und wenn mir was Angenehmes geträumt hätte, sollte es ihm
lieb zu hören sein, auch dabei sagen, ob ich mich nicht ein wenig in
sein geheimes Kabinett bemühen wollte. Er wollte mich um etwas
konsultieren. Ich war hierauf geschwinde mit einer Antwort wieder fertig
und ließ ihm sehr artig wiedersagen, wie daß ich nämlich sehr wohl
geschlafen, aber was das Träumen anbelangt, so hätte ich keinen guten
Traum gehabt, und daß ich sollte zu ihm kommen in sein Kabinett,
dasselbe sollte gleich geschehen. Solches ließ ich ihm durch seinen
Kammerpagen nun wiedersagen und ging hernach gleich zu ihm und hörte,
was sein Anbringen war.
Da ich nun zu ihm hinkam und meine Komplimente sehr artig bei ihm
abgelegt, so schloß er einen großen Bücherschrank auf und langte ein
groß Buch heraus, welches in Schweinsleder eingebunden war; dasselbe
zeigte er mir und sagte, daß er in dasselbe täglich sein Einkommen
schriebe, und wenn das Jahr um wäre und er die Summa zusammenrechnete,
wollte es keinmal eintreffen und fehlte allemal der dritte Teil seiner
Einkünfte, und fragte hierauf, ob ich rechnen könnte. Worauf ich ihm
denn wieder zur Antwort gab, wie daß ich ein brav Kerl wäre und Adam
Riesen sein Rechenbuch sehr wohl kennte; er sollte mir das große Buch
geben, ich wollte schon sehen, wie die Summa herauszubringen wäre.
Hierauf so gab er mir das Buch, worinnen seine Einkünfte stunden, und
ließ mich allein. Wie ich nun das Buch so durchblätterte, Ei sapperment!
was stunden da vor Lehnen[43] und Zinsen. Ich war her, setzte mich hin,
nahm Feder und Tinte und fing an eins, zehne, hundert, tausend zu
zählen, und wie ich nun sah, daß der Große Mogol in dem Einmaleins
gefehlt hatte und solches nicht richtig im Kopfe gehabt, so hatte es
freilich nicht anders sein können, daß die Summa um den dritten Teil
weniger bei ihm herausgekommen war, als er täglich aufgeschrieben. Denn
anstatt, da er hätte zählen sollen: zehn mal hundert ist tausend, so
hatte er gezählt: zehn mal tausend ist hundert, und wo er hätte
subtrahieren sollen, als zum Exempel: eins von hundert bleibt
neunundneunzig, so hatte er aber subtrahiert: eins von hundert kann ich
nicht, eins von zehn bleibt neune, und neune von neun geht auf. Das geht
ja, der Tebel hol mer, unmöglich an, daß es eintreffen kann. Als ich
nun solche Fehler sah, merkte ich nun gleich, wo der Hund begraben lag.
Ich war her und setzte mich drüber, und rechnete kaum zwei Stunden, so
hatte ich alles miteinander in die richtige Summa gebracht und behielt
noch halb so viel übrig über die ganze Masse, als er einzunehmen und von
Tage zu Tage aufgeschrieben hatte. Als ich nun den Kalkulum[44] von Adam
Riesens Rechenbuche sehr artig und richtig gezogen, rief ich ihn wieder
zu mir und wies ihm nun, wie und wo er in dem Einmaleins gefehlt hätte
und wie ich alles so artig und richtig herausgebracht hätte und noch
halb so viel Überschuß behalten. Ei sapperment! als ich ihm von dem
Überschusse schwatzte, sprung er vor Freuden hoch in die Höhe, klopfte
mich auf meine Achseln und sagte, wenn ich gesonnen wäre, bei ihm zu
bleiben, er wollte mich zu seinem geheimen Reichskanzler machen. Ich
antwortete ihm hierauf wieder und sagte, wie daß freilich was Rechts
hinter mir steckte und daß ich der bravste Kerl mit von der Welt wäre,
und weil ich mein Herze nur daran gehängt hätte, fremde Länder und
Städte zu besehen, so wollte ich mich vor das gute Anerbieten hiermit
bedankt haben.
[43] Darlehn.
[44] die Schlußrechnung, das Resultat.
Weil er nun sah, daß ich zu solcher Charge keine Lust hatte, so erwies
er mir die vierzehn Tage über, als ich bei ihm war, auch solche Ehre,
daß ichs, der Tebel hol mer, mein Lebtag nicht vergessen werde. Denn es
ist ein erschrecklich reicher Herr, der Große Mogol, er wird nur als
Kaiser dort tituliert und hat so viel Schätze, als Tage im Jahre sein;
die habe ich auch alle miteinander gesehen. Denn er zeigte mir alle Tage
einen. Vortreffliche schöne Bücher hat er auch und ist ein sonderlicher
Liebhaber von denselben; ich mußte ihm auch mit Hand und Munde zusagen,
daß ich ihm eins aus Deutschland in seinen Bücherschrank schicken wollte
vor Geld und gute Worte. Als er nun sah, daß ich mich wieder reisefertig
machte, so verehrte er mir sein Bildnis mit der Kette und seine Gemahlin
schenkte mir tausend Spezies-Dukaten eines Schlags[45], worauf des
Großen Mogols Bildnis geprägt war. Damit hängte ich die Kette mit des
Großen Mogols Bildnis an mich, welches von dem schönsten indianischen
Golde war, und nahm von ihm sehr artig, wie auch von seiner Gemahlin,
Kavalieren und Damens wieder Abschied, und ging von da zu Schiffe nach
England zu.
[45] einer Prägung.
6. Kapitel.
Als ich nun von dem Großen Mogol Abschied genommen und er mir mit seinem
ganzen Hofstaat bis zu Ende seiner Ringmauer zu Fuße das Geleite gegeben
hatte, marschierte ich auf derselben Pfingstwiese immer nach demselben
Wasser wieder zu, wo ich vor vierzehn Tagen abgestiegen war, und setzte
mich da wieder auf ein groß Lastschiff, welches nach England zu segeln
wollte, und fuhr mit demselben fort. Auf dem Schiffe erzählte ich nun
dem Schiffsmann sehr artig auch, wie daß mich der Große Mogol so
vortrefflich traktiert hatte und bei meinem Abschiede sein Bildnis mit
der Kette mir auch verehret. Da meinte ich nun, der Schiffer würde etwa
die Augen groß drüber aufsperren und sich über mich verwundern, daß ich
so ein brav Kerl wäre, allein, der Tebel hol mer, nicht das Geringste:
der Kerl nahm den Hut nicht einmal vor mir ab, sondern fing gar zu mir
an und sagte: Manche Leute hätten mehr Glück als Recht. O sapperment!
wie verdroß mich das Ding, daß der Bärenhäuter mir von solchen Sachen
schwatzte und fehlte dazumal nicht viel, daß ich ihm nicht ein halb
Dutzend Preschen gegeben hätte. Doch dachte ich endlich, es ist ein
einfältiger Mensch, was kannst du mit ihm machen, er kennt dich nicht,
was Standes du bist, und ließ es also dabei bewenden.
Wie wir nun drei Tage und fünf Nächte von der indianischen Pfingstwiese
fortgesegelt waren, so kamen wir mit unserm Schiffe auf das große
Mittelländische Meer. Ei sapperment! was gab es da vor allerhand
Meerwunder zu sehen, die schwammen wohl zu etlichen tausenden immer um
unser Schiff herum. Meine einzige Freude hatte ich damals mit einem
kleinen Seehündchen; das lockte ich mit einem Stückchen Brote ganz nah
an unser Schiff heran, daß es auch endlich so freundlich tat und mit mir
spielen wollte. Ich war her, weil es so artig aussah, und wollte es aus
dem Meere ins Schiff haschen, als ich aber nach dem Ase griff, so biß
mich die Wetterkröte, der Tebel hol mer, durch alle fünf Finger durch
und durch und tauchte drauf unter. O sapperment! wie lief das Blut
zwischen den Fingern herunter und bluteten wohl acht Tage, ehe sie
wieder aufhörten; sie taten mir überaus weh nach dem Bisse. Endlich so
brachte mir der Schiffer ein Gläschen mit Bomolie[46] getragen und hieß
mich die Finger damit schmieren und sagte, daß die Bomolie so trefflich
gut dafür wäre, wenn einen was gebissen hätte. Ich war her und schmierte
mir die Finger damit, es vergingen kaum zwei Stunden, so war, der Tebel
hol mer, alles wieder geheilt. -- Nachdem wir nun bald durch das
Mittelländische Meer durch waren, so ließen sich erschrecklich viel
Sirenen von ferne im Meer blicken; dieselben Menscher singen, der Tebel
hol mer, admirabel schön. Da selbige der Schiffsmann gewahr wurde, hieß
er uns die Ohren alle miteinander feste zustopfen, denn wenn sie näher
kämen, so würden sie uns mit ihrem wunderschönen Singen so bezaubern,
daß wir nicht würden von der Stelle fahren können. Ei sapperment! als
ich dieses hörte, wie stopfte ich mir die Ohren feste zu und hieß den
Schiffsmann geschwinde fortfahren. -- Drei Tage hierauf kamen wir in die
Ostsee, da schifften wir auch wohl etliche Wochen, ehe wir durch
wegkamen. Was es in derselben See vor Hechte gab, das kann ich, der
Tebel hol mer, keinem sagen; die Bootsknechte hatten einen Hamen[47] mit
auf dem Schiffe: Sapperment! was fingen die Kerls da vor Zeugs von
Hechten! Sie hatten, der Tebel hol mer, Zungen wie die großen Kälber,
und klebte wohl an einer Hechtzunge über sechs Kannen Fett.
[46] Baumöl.
[47] Angelhaken.
Etliche Monate hierauf, nachdem wir durch unterschiedene Flüsse
durchpassiert waren, gelangten wir glücklich in England an, allwo ich
vor London ausstieg, dem Schiffer das Fährgeld richtig machte und in die
Stadt London hineinging und mein Quartier bei dem Alamode-Töpfer nahm,
welcher flugs an dem Tore wohnte. Der Kerl war nun gegen mich sehr
höflich, er empfing mich, fragte, was mein Verlangen wäre, wo ich
herkäme und wer ich wäre. Ich erzählte ihm flugs sehr artig auch meine
Geburt und von der Ratte, und wie daß ich so ein brav Kerl wäre und
wollte das Quartier bei ihm nehmen, auch wie ich gesonnen wäre, mich
incognito etliche Wochen bei ihm aufzuhalten. Der Kerl, der
Alamode-Töpfer, war hierauf sehr wohl zu sprechen und sah mir auch flugs
an den Augen an, daß ich was rechts sein müßte, aber der Lumpenhund war
etwas sehr undiskret[48], denn wenn er mit mir redete, so nahm er nicht
allemal seinen Hut vor mir ab, welches mich denn abscheulich auf ihn
verdroß, daß er mir meinen gebührenden Respekt nicht gab. -- Wie ich nun
vermeinte, ich wollte nur in London als ein schlechter[49] Kavalier mich
aufführen und vor keine Standesperson nicht ausgeben, so kam, der Tebel
hol mer, Herr Toffel, der vornehme Lord in London, mit Trauten, seiner
Liebsten, bei welchen ich zu Amsterdam auf der Hochzeit gewesen, zum
Alamode-Töpfer in die Stube hineingetreten und hießen mich da
willkommen. Sapperment! wie verwunderte ich mich, daß sie mich flugs
ausgestankert[50] hatten. Sie erzählten mir hernach alles, wie daß sie
mich hätten sehen am Ufer aussteigen und wie ich so artig zum
Alamode-Töpfer ins Haus hineingewischt wäre, denn Toffel, der vornehme
Lord, hatte seinen Palast allernächst in derselben Gasse. Er bat mich
auch hernach, daß ich bei ihm das Quartier nehmen sollte, allein weil
ich mich bei dem Alamode-Töpfer schon einlogiert hatte und der Mann auch
mich nicht von sich lassen wollte, so mochte ich nicht gerne das
Quartier verändern, denn es hätte nur Aufsehens vor den Leuten erweckt,
wenn ich meine Sachen so hin und wieder schleppen lassen.
[48] unerzogen.
[49] schlichter.
[50] ausfindig gemacht.
Ich wurde gleich selben Abend von Herrn Toffeln, dem vornehmen Lord, zu
Gaste gebeten, allwo viel andere Standespersonen und vornehme
Lordstöchter auch waren, die sich alle miteinander in mich verliebten
und Heiratens bei mir vorgaben, denn ich zeigte ihnen des Großen Mogols
Bildnis mit der Kette und erzählte ihnen, wie daß er mich damit
beschenkt und vortrefflich gastiert hätte, weil ich ihm den Kalkulum
seiner Einkünfte sehr artig und richtig ziehen können, daß er nämlich
über sein ganzes Einkommen das Jahr lang noch halb soviel Überschuß
gehabt, als er eingenommen hatte. Ich sagte auch, daß er mich hätte zu
seinem Geheimen Reichskanzler machen wollen, allein weil ich mich noch
nicht Lust zu setzen gehabt, hätte ich mich wegen des guten Anerbietens
bedankt. Sapperment! wie sahen mich die Menscher, die vornehmen
Lordstöchter, über Tische nacheinander an; sie fingen alle miteinander
an, meine Gesundheit zu trinken. Eine sagte: »Es lebe des reichen Mogols
in Indien sein Herr Reichskanzler«. Die andere sagte: »Es lebe der
fremde vornehme Herr, welcher mit des Großen Mogols Bildnis ist
beschenkt worden«. Die dritte sagte: »Es lebe eine hohe Standesperson in
Gedanken, dem was Rechts aus den Augen heraussieht«. Ich merkte nun
wohl, daß dieses alles mir galt; so machte ich allemal gegen das
Frauenzimmer, welches meine Gesundheit trank, eine sehr artige Miene,
daß es mir, der Tebel hol mer, sehr wohl ließ. Wie die Historie von dem
Großen Mogol nun aus war, so fing ich von meiner wunderlichen Geburt und
von der Ratte was an zu schwatzen. Ei sapperment! wie sperrten die
vornehmen Lords alle Maul und Nasen auf, als sie diese Dinge hörten. --
Den morgenden Tag stellte Herrn Toffeln seine Liebste meinetwegen die
Tour a la mode an, allwo wohl über zweihundert Kutschen mir zu Gefallen
von Standespersonen und den vornehmsten Lordstöchtern aus London
mitfuhren. Ich mußte mich zu ihrer zweien, welches Herrn Toffel seine
Jungfer Muhmen waren, in die Karosse setzen. Sie hatten mich nun
mitteninne sitzen, welches sehr artig zu sehen war, denn mein Bildnis
hatte ich aus der Kutsche gehängt, da liefen wohl über hundert Jungen
neben der Kutsche her und sahen des Großen Mogols sein Konterfei mit
großer Verwunderung an, worüber ich recht meine Freude auch hatte, daß
so viel kleine Jungen neben der Karosse herliefen.
Als wir nun etwa zwei Meilen von London an den Ort kamen, wo die Tour a
la mode gehalten wurde: Ei sapperment! wie wurde ich da vortrefflich
traktiert! sie erwiesen mir auch solche Ehre an demselben Orte, daß
ichs, der Tebel hol mer, nicht sagen kann. Den morgenden Tag drauf kamen
Herrn Toffeln seine Jungfer Muhmen auf ihrer Kutsche vor des
Alamode-Töpfers Haus gefahren, allwo ich im Quartier lag, und baten
mich, ob ich belieben wollte, ein wenig mit ihnen zu fahren; sie wollten
mir etwas von einigen Antiquitäten der Stadt London zeigen, welche ich
wohl vielleicht noch nicht gesehen hätte. Damit setzte ich mich ohne
Bedenken zu ihnen in die Karosse hinein und wieder in die Mitten,
welches recht artig zu sehen war. Wie ich nun so eine Ecke mit Herrn
Toffeln seiner Jungfer Muhmen in London herumgefahren war, so fuhren wir
an einen Ort, allda zeigten sie mir den Stein, auf welchem der Patriarch
Jakob sollte gesessen haben, wie er im Traum die Himmelsleiter gesehen
hätte. Von da fuhren wir wieder fort und kamen an einen Ort, allwo ein
groß Beil hing, mit demselben wäre gar einer vornehmen Person der Kopf
abgeschlagen worden[51]. Sie nannten mir auch, wie die Person geheißen
hätte, allein ich kann mich, der Tebel hol mer, nicht mehr drauf
besinnen. Wie sie mir nun dieses und jenes alles gezeigt, fuhren wir
wieder zu Herrn Toffeln, bei welchem ich wieder mitspeiste. Ich muß
gestehen, daß mir in London, der Tebel hol mer, große Ehre die drei Jahr
über, als ich da gewesen bin, widerfahren ist, und absonderlich von dem
vornehmen Lord Herrn Toffeln und seiner Jungfer Muhmen.
[51] Anspielung auf die Hinrichtung des Kronprätendenten Monmouth
i. J. 1749.
Als ich nun von denselben Abschied nahm und mich auf die Spanische See
begab, haben, der Tebel hol mer, dieselben Menscher die bittersten
Zähren gegranst, daß ich von ihnen reiste, sie baten mich wohl
hundertmal, daß ich bei ihnen bleiben möchte, ich sollte nicht einen
Heller verzehren. Ja wenn ichs dasselbe Mal getan hätte, so wäre ich
wohl ein brav Kerl geblieben, allein so dachte ich, durch mein Reisen
immer höher und höher zu steigen; es hätte auch leichtlich geschehen
können, wenn ich nicht so unglücklich auf der Spanischen See gewesen
wäre. Wie mirs nun da gegangen, wird man im folgenden Kapitel bald
hören.
7. Kapitel.
Wo mir recht ist, war es der erste oder der letzte April, als ich von
Herrn Toffeln, dem vornehmen Lord in London, ingleichen von seiner Frau
Trauten, wie auch von seiner Jungfer Muhmen und meinem gewesenen Wirte,
dem Alamode-Töpfer, völligen Abschied nahm und mich in ein groß
Lastschiff, welches schwer mit geräucherten Hechtzungen beladen war und
selben Tag aus Portugal kam, setzte. Auf demselben war ich nun willens,
nach dem Lande Spanien zu gehen und allda die schönen spanischen
Weintrauben zu kosten. Wir segelten bei gutem Wetter von London sehr
glücklich ab, der Wind war uns auf der spanischen Seite sehr favorabel
und der Himmel hatte sich auch also abgeklärt, daß man, der Tebel hol
mer, nicht ein schwarz Fleckchen an den Wolken gesehen hatte. Wie der
Schiffsmann nun sah, daß uns der Wind so wohl wollte, hieß er uns alle
miteinander, soviel unser zu Schiffe waren, ein lustiges Lied anstimmen
und sang auch selber mit.
Indem wir nun so in der besten Freude waren, sah ich von ferne ein
Schiff auf uns zugefahren kommen, welches ich dem Schiffsmanne zeigte
und ihn fragte, was es vor eins wohl sein müßte. Als der Schiffsmann
solches gewahr wurde, fing er gleich an, daß es fremde Flaggen führte
und ihm vorkäme, als wenn es gar ein Raub- oder Kaperschiff wäre.
Sapperment! da dieses meine Kameraden hörten, wie erschraken die Kerls!
Ich aber war her, lief flugs hinunter ins Schiff und sah, ob auch die
Stücken[52] alle parat waren. Sobald ich nun in dieselben vorne
hineinblies und wollte hören, ob sie auch alle geladen stünden, so war,
der Tebel hol mer, nicht ein einziges zurechte gemacht. Was war da zu
tun? Ich fing zu meinen Kameraden gleich an: »Allons, Ihr Herrn, es ist
Feind da! Lasset uns unsere Degen fertig halten«. O sapperment! wie
stunden die Kerls da und zitterten und bebten, so erschraken sie, als
ich ihnen von Degen und Fechten schwatzte. -- Es währte hierauf nicht
lange, so kam, der Tebel hol mer, das Kaperschiff wie ein Blitz auf uns
zugefahren, auf welchem der bekannte Seeräuber Hans Barth[53] mit
erschrecklich viel Kapers[54] waren, derselbe fragte nun gleich, ob wir
uns wollten gefangen geben. Ich antwortete demselben aber flugs sehr
artig wieder und sagte hierauf: »Ich gebe mich, der Tebel hol mer,
nicht«. Ei sapperment! wie zog der Kerl mit seinen Kapers vom Leder! Ich
war nun mit meinem vortrefflichen Haudegen, welches ein Rückenstreicher
war, auch nicht langsam heraus und über die Kapers her. Da hätte man
sollen schön Hauen und Fechten sehen, wie ich auf die Kerls hineinhieb;
dem Hans Barth säbelte ich, der Tebel hol mer, ein Stücke von seiner
großen Nase weg, daß es weit in die See hineinflog, und wird die Stunde
noch bei ihm zu sehen sein, daß er eine stumpfige Nase hat. Von den
andern Kapers da hieb und stach ich wohl ihrer fünfzehn über den
Haufen, ohne die andern, welche ich tödlich zuschanden gehauen hatte.
Alleine was wars? wenn nicht der Kerls so schrecklich viel gewesen wären
gegen einen Mann! Ja wenn nur meine damaligen Kameraden mir ein wenig
beigestanden, wir hätten die Viktorie unfehlbar erhalten wollen. So aber
stunden die Bärenhäuter da, hatten die Fäuste alle in den Schubsack
gesteckt und ließen, der Tebel hol mer, immer wie auf Kraut und Rüben in
sich hineinhauen und regten sich nicht einmal. Ich war, der Tebel hol
mer, auch so toll auf die Kerls, daß gar keiner von den Schurken mit
Hand anlegen wollte, und daß man hat sein Lebtage gehört: Viel Hunde
sind eines Hasen Tod. Denn Hans Barth hatte so einen erschrecklich
großen Anhang bei sich. Ja wenn ihrer etwa zwanzig oder dreißig nur
gewesen wären, so hätte ich bald wollen mit ihnen zurechte kommen,
allein so warens wohl an hundert solche Kerls, die alle über mich her
waren. Dennoch aber mußten sie selbst gestehen, daß mir was Rechts aus
den Augen herausgesehen hätte, als ich mich so resolut gegen sie
gehalten und weder Hieb noch Stich davongetragen.
[52] Kanonen.
[53] französischer Seeheld.
[54] Seeräubern.
Wie ich nun letztlich mit Fechten müde war und sah, daß keine
Möglichkeit vorhanden, die Viktorie zu erhalten, mußte ich, der Tebel
hol mer, anfangen, um Pardon zu bitten. Da hätte man nun schön plündern
gesehen, als die Kerls in unser Schiff kamen. Sie nahmen uns, der Tebel
hol mer, alles, was wir hatten. Ich fing denselben an, von meiner Geburt
und die Begebenheit von der Ratte zu erzählen, sie wolltens aber, der
Tebel hol mer, nicht einmal glauben, sondern zogen uns alle miteinander
bis aufs Hemde aus, nahmen alles, was wir hatten, und führten uns noch
dazu mit sich gefangen bis nach Sankt Malo, allwo sie uns einen jedweden
apart in ein häßlich Gefängnis steckten. O sapperment! wie gedachte ich
da an meinen vorigen Stand, wer ich gewesen und wer ich nun in dem
häßlichen Loche da wäre. Des Großen Mogols sein Bildnis mit der Kette
war fort, die tausend Speziesdukaten, welche mir seine Liebste verehrt
hatte, waren fort, mein ander gut Geld benebst den Dukatens, so ich mir
zu Amsterdam in Banco zahlen ließ, war fort, mein schön
verschammeriertes Kleid, worinnen die Standesperson von Schelmuffsky
sich fast in der ganzen Welt sehr artig aufgeführt hatte, war fort.
Meine wunderliche Geburt, die lag da im Drecke, niemand wollte mirs
glauben, daß die Historie mit der Ratte passiert wäre, und mußte also
wie der elendeste Bärenhäuter von der Welt in einem häßlichen Gefängnis
da unschuldig ein ganz halb Jahr gefangen liegen. Ei sapperment! wie
gings mir da elende! Ich gedachte da vielmals an meinen vorigen Stand
und an Herrn Toffeln, des Lords in London, seine Jungfer Muhmen, daß die
Menscher so um mich gransten, wie ich nicht bei ihnen bleiben wollte. Ja
wer kann alle Dinge wissen, und ich hätte mir, der Tebel hol mer, eher
was anders versehen, als daß mirs so gehen sollte.
[Illustration]
Der Kerkermeister zu St. Malo traktierte mich auch sehr schlecht in dem
Gefängnisse, denn er schickte mir niemals nichts anderes als einen
großen Topf voll Kleienbrei durch seine Tochter, welche Clauditte hieß;
damit mußte ich mich allemal drei Tage behelfen, ehe ich wieder was
kriegte. Manchmal hatten sie mich auch wohl gar vergessen und brachten
mir den sechsten Tag allererst wieder was, daß ich, der Tebel hol mer,
vielmal drei Tage habe hungern müssen. -- Kurz zuvor, ehe mir der
Kerkermeister gegen Auslösung von hundert Reichstalern die Freiheit
ankündigte, so kam ein Gespenst zu mir vors Gefängnis: Sapperment! als
ich das Irreding sah, wie fing ich an zu schreien! Das Gespenst redete
mich aber sehr artig an und sagte mit diesen Worten: »Anmutiger
Jüngling, du wirst zu deiner Freiheit bald wieder gelangen, gedulde dich
nur noch ein klein bischen«. Als ich diese Worte hörte, wußte ich, der
Tebel hol mer, nicht, ob ich Mädchen oder Bübchen war, teils erschrak
ich darüber, teils freute ich mich auch drüber, weil es von dem
anmutigen Jünglinge und von der Freiheit schwatzte. Ich war her, faßte
mir ein Herz und fragte das Gespenst, wer es wäre. So gab es mir sehr
artig wieder zur Antwort und sagte, es wäre der Charmante als meiner
gewesenen Liebsten ihr Geist, welche dort bei Bornholm zu Schiffe mit
sechstausend ersaufen müssen. Wie ich nun dieses hörte, daß alles auf
ein Härchen so eintraf, erschrak ich ganz nicht mehr vor dem Gespenst,
sondern wollte es weiter fragen, wo denn die Charmante damals, als sie
ersoffen, hingekommen wäre und wo sie begraben läge. Allein indem ich so
fragte, war das Gespenst, der Tebel hol mer, flugs wieder verschwunden.
-- Hierauf währte es keine halbe Stunde, so kam der Kerkermeister zu
mir vors Gefängnis und sagte, wenn ich hundert Reichstaler schaffen
könnte, so hätte er Befehl, mich wieder los zu geben. Ich gab ihm zur
Antwort, wie daß ich nämlich ein brav Kerl gewesen, der sonst so viel
Geld nicht ästimiert hätte, aber jetzund sähe er wohl, daß ich der
miserabelste Bärenhäuter wäre. Der Kerkermeister fragte mich weiter, aus
was vor einem Lande und woher ich wäre und ob ich da etwa noch Rat zu
schaffen wüßte. So könnte ich eiligst hinschreiben und meinen Zustand
den Meinigen zu wissen tun. Wie ich nun erzählte, daß ich eine Mutter
hätte und ihr einziger lieber Sohn wäre, und daß dieselbe ein sehr gut
Auskommen hätte, und daß sie sich so viel Geld würde nicht lassen an das
Herz wachsen, wenn sie hören würde, daß es ihrem liebsten Sohn so elend
in fremden Landen ginge: als der Kerkermeister dieses hörte, fing er zu
mir an, wenn ich meiner Mutter um so viel Geld schreiben wollte, sollte
ich aus dem Gefängnis losgelassen werden und so lange bei ihm in seinem
Hause Arrest halten, bis daß das Schiff mit dem Gelde ankäme. Sobald als
ich in sein Begehren gewilligt hatte, fing er an und sagte: »Eröffnet
euch, ihr Bande und Ketten, und lasset den Gefangenen passieren«.
Hernach nahm er mich in sein Haus, bis das Schiff mit den hundert Talern
anmarschiert kam. Nachdem er das Lösegeld empfangen hatte, so verehrte
er mir ein Paar alte Schifferhosen, eine alte Schiffermütze, ein Paar
alte zerluderte Strümpfe wie auch Schuh und einen alten Kaperrock auf
den Weg und ließ mich damit wieder hinwandern.
8. Kapitel.