Nach diesem Lieschen verliebte sich hernach eines vornehmen Nobels

Tochter in mich, dieselbe hieß Damigen und gab nun ebenfalls wieder

Freiens bei mir vor. Es war, der Tebel hol mer, ein unvergleichlich

Mensche auch. Mit derselben mußte ich alle Tage spazieren fahren und

mich stets mit ihr schleppen. Ob ich nun wohl des Nobels Tochter sehr

wohl gewogen war und auch Vertröstung getan, sie zu nehmen, so hatte ich

aber den Handschlag dennoch nicht von mir gegeben, allein es trugen sich

alle kleine Jungen auf der Gasse mit herum, daß Jungfer Damigen eine

Braut wäre und was sie vor so einen vornehmen braven Kerl zum Manne

kriegte. Ich hatte mich auch gänzlich resolviert, sie zu heiraten, und

hätte sie auch genommen, wenn sie nicht ihr Herr Vater ohne mein und ihr

Wissen und Willen einem andern Nobel versprochen gehabt. Was geschah?

Damigen bat mich einstmals, daß ich mit ihr mußte an einem Sonntage

durch die Stadt spazieren gehen, damit mich doch die Leute nur sähen,

denn sie hätten von dem Lustgärtner gehört, daß ich so ein braver,

vortrefflicher Kerl wäre, dem nichts Ungemeines aus den Augen funkelte,

und also trügen ihrer viel groß Verlangen, mich doch nur zu sehen. Nun

kunnte ich ihr leicht den Gefallen erweisen und sie in der Stadt ein

wenig herumführen. Wie nun die Leute sahen, daß ich mit meiner Damigen

da angestochen kam, O sapperment! wie legten sie sich zu den Fenstern

heraus. Bald stunden an einer Ecke ein paar Mägde, die sagten: Ach ihr

Leute! Denkt doch, wie Jungfer Damigen so wohl ankömmt, sie kriegt den

Kerl da, der sie bei der Hand führt, das Mensche ist ihn nicht einmal

wert. Solche und dergleichen Reden murmelten die Leute nun so heimlich

zueinander. Es war auch ein Nachgesehe, daß ichs, der Tebel hol mer,

nicht sagen kann. Als wir nun auf den Markt kamen und allda uns ein

wenig aufhielten, daß ich das Volk recht sehen sollte, mag derselbe

Nobel dieses gewahr werden, daß ich Damigen, welche er zur Liebsten

haben sollte, nach aller Lust da herumführe; ich versah mich aber dieses

nicht, daß der Kerl solch närrisch Ding vornehmen wird. Indem mich nun

die Leute und meine Damigen mit großer Verwunderung ansahen, kam er von

hinterrücks und gab mir, der Tebel hol mer, eine solche Presche, daß mir

der Hut weit vom Kopfe flog, und lief hernach geschwinde in ein Haus

hinein. O sapperment! wie knirschte ich mit den Zähnen, daß sich der

Kerl solch Ding unterstund, und wenn er nicht gelaufen wäre, ich hätte

ihm, der Tebel hol mer, die falsche Quinte gleich durchs Herze gestoßen,

daß er das Aufstehen wohl vergessen sollen. Ich war auch willens, ihn zu

verfolgen, wenn mich Damigen nicht davon noch abgehalten hätte, die

sagte, es möchte so ein groß Aufsehens bei den Leuten erwecken, und ich

könnte ihn schon zu anderer Zeit finden. Den andern Tag drauf, als ich

mich nun erkundigt, wo der Kerl wohnte, welcher mir die Ohrfeige

gegeben, schickte ich des Gärtners Jungen zu ihm und ließ ihm sagen, ich

hielte ihn vor keinen braven Kerl, sondern vor den allerelendesten

Bärenhäuter auf der Welt, wenn er nicht die und die Zeit draußen auf der

großen Wiese mit ein paar guten Pistolen erschiene, und da wollte ich

ihm weisen, daß ich ein braver Kerl wäre. Was geschieht, als des

Lustgärtners Junge dem Nobel diese Worte nun so unter die Nase reibt und

von Pistolen schwatzt? Ei sapperment! wie erschrickt der Kerl, daß er

nicht weiß, was er dem Jungen antworten soll. Wie nun der Junge spricht,

was er denn dem vornehmen Herrn zur Antwort hierauf wiederbringen

sollte, fängt er endlich an, er müsse gestehen, ja, daß er mir den Hut

vom Kopfe geschmissen, und hätte es ihn so verdrossen, daß ich Jungfer

Damigen als seine zukünftige Liebste bei der Hand geführt, und dasselbe

hätte er gar nicht leiden können. Da ich ihn nun wegen der gegebenen

Ohrfeige flugs auf Pistolen hinausforderte, würde er wohl schwerlich

kommen, denn es wäre so eine Sache mit den Schüssen, wie leichtlich

könnte er oder ich was davon bekommen; was hätten wir denn hernach

davon, und darauf käme er nicht; wollte ich mich aber mit ihm auf

trockene Fäuste schlagen, so wollte er seine Mutter erstlich drum

fragen, ob sie solches zugeben wollte. Wo sie aber ihm solches auch

nicht verwilligte, könnte er mir vor die Ohrfeige keine Revanche geben.

O sapperment! als mir der Junge solche Antwort von dem Nobel

wiederbrachte, hätte ich mich, der Tebel hol mer, flugs mögen zustoßen

und zureißen. Ich war her und besann mich, wie ich ihn wiedertraktieren

wollte. Erstlich wollte ich ihn auf der Gasse übern Haufen stoßen und

fortgehen, so dachte ich aber: wo wird dich dein Damigen hernach suchen?

Endlich resolvierte ich mich, ich wollte ihm in öffentlicher Kompagnie

die Presche gedoppelt wiedergeben. Das hätte ich auch getan, wenn der

Kerl nicht wegen des Pistolenhinausforderns so ein groß Wesen flugs

gemacht hätte, daß ich also von hoher Hand gebeten wurde, ich möchte es

nur gut sein lassen; genug, daß sie alle wüßten, daß ich ein brav Kerl

wäre, desgleichen wohl wenig in der Welt würde gefunden werden. Als ich

dieses hörte, daß von hoher Hand man mich bat, daß ich ihn sollte

zufrieden lassen, und mich alle vor den bravsten Kerl auf der Welt

ästimierten, hätte ich mir hernach wohl die Mühe genommen, daß ich

wieder an ihn gedacht hätte. Allein mein Damigen kriegte ich doch auch

nicht. Ihr Vater ließ mir zwar sagen, er sähe wohl, daß ich ein brav

Kerl wäre, desgleichen man wenig finde, allein seine Tochter hätte er

einem Nobel versprochen, und wer kein Nobel wäre, der dürfte sich auch

nicht die Gedanken machen, daß er sie kriegen würde. Ich ließ ihm aber

hierauf artig wiedersagen, wie daß er nämlich recht geredet, daß ich ein

brav Kerl wäre, desgleichen wohl wenig in der Welt anzutreffen wäre, und

ich hätte ja seine Tochter noch niemals verlangt, sondern sie hätte mich

haben wollen.

Nach diesem hatte ich mir auch gänzlich vorgenommen, Stockholm wieder zu

verlassen, weil ich in dem zweiten ganzen Jahr schon da mich umgesehen.

Indem ich mich nun resolviert, den andern Tag wieder auf das Schiff zu

begeben, ging ich den Tag vorher noch einmal in des Gärtners Lustgarten

und sah, ob die Pflaumen bald reif waren; indem ich einen Baum so nach

dem andern beschaute, kam des Gärtners Junge sporenstreichs wieder auf

mich zugelaufen und sagte, daß jemand draußen vorm Tore mit einem

schönen Schellenschlitten hielte, der wollte mich gerne sprechen. Er

hätte einen großen grünen Fuchspelz an. Nun kunnte ich mich nicht flugs

besinnen, wer es sein müßte, endlich besann ich mich auf meinen Herrn

Bruder Grafen, der es etwa sein müßte, und lief geschwinde mit dem

Jungen aus dem Garten vor. Wie ich vor kam, so wars, der Tebel hol mer,

mein Herr Bruder Graf, welchen ich zu Hamburg im Stiche gelassen. O

sapperment! wie erfreuten wir uns alle beide, daß wir einander

wiedersahen. Ich nahm ihn gleich mit in des Gärtners Stube und ließ ihm

flugs was zu essen und zu trinken geben, denn er war, der Tebel hol mer,

bald ganz verhungert und sein Pferd sah auch ganz mager aus, das mußte

des Gärtners Junge flugs hinaus auf die Wiesen in die Weide reiten, auf

daß sichs wieder ausfressen sollte. Damit erzählte er mir nun allerhand,

wie es ihm in Hamburg noch gegangen wäre und wie die Dame Charmante mich

so bedauert, als ich die Flucht nehmen müssen und sie so unverhofft

verlassen. Er brachte mir auch einen Brief mit von ihr, welchen sie nur

verloren[28] an mich geschrieben, daß er mir denselben doch zustellen

möchte, denn sie hatte vermeint, ich wäre schon längstens tot, weil ich

ihr gar nicht geschrieben, wo ich wäre. Der Inhalt des Briefes war, wie

folgt, also und zwar versweise:

[28] aufs geratewohl.

»A n m u t i g e r  J ü n g l i n g

Lebst du noch? oder liegst du schon verscharret?

Weil du weder Brief noch Gruß deiner Liebsten schickest ein?

Ach! so heißt es leider! wohl recht umsonst auf das geharret,

Was man in Gedanken küßt und muß längst verweset sein.

Bist du tot? so gönn ich dir dort die höchst vergnügten Freuden,

Lebst du noch, anmut'ger Schatz? und erblickest dieses Blatt,

Welches die Charmante schickt, die dich mußte plötzlich meiden,

Als dein tapfrer Heldenmut dich verjagte aus der Stadt,

Lebst du noch? so bitt' ich dich, schreib mir eiligst doch zurücke,

Wo du bist, es mag der Weg auch sehr höchst gefährlich sein,

So will ich dich sprechen bald mit des Himmels gutem Glücke,

Wenn du hierauf nur ein Wort erst Charmanten lieferst ein«.

Als ich diesen Brief gelesen, ging mir die Charmante so zu Gemüte, daß

ich mich des Weinens nicht enthalten kunnte, sondern hieß meinen Herrn

Bruder Grafen essen und ging hinaus vor die Stubentür und granste, der

Tebel hol mer, da wie ein kleiner Junge. Als ich nun ausgegranst hatte,

sagte ich zum Lustgärtner, er sollte mir doch Feder und Tinte geben, ich

wollte eiligst diesen Brief beantworten. Der Lustgärtner sagte hierauf,

es stünde alles zusammen oben in der Sommerstube, und wenn ichs

verlangte, so wollte er solches herunterholen lassen, beliebte mir aber

droben zu schreiben, allwo ich nicht von Reden gestört würde, könnte

ichs auch tun. Ich ließ mir solches gefallen, bat den Herrn Bruder

Grafen, ob er mir verzeihen wollte, daß ich ihn ein wenig alleine ließe,

und ich wäre nur gesonnen, den Brief wieder zu beantworten und

fortzuschicken. Der Herr Bruder Graf sagte hierauf nur, daß ich doch

mit ihm kein Wesens machen sollte, und ich möchte so lange schreiben,

als ich wollte, er würde mich daran nicht hindern. Damit so wanderte ich

zur Stubentür hinaus und wollte eiligst die Treppe hinauflaufen; ich

werde es aber nicht gewahr, daß eine Stufe ausgebrochen ist, und falle

da mit dem rechten Bein hinein in die Lücke, wo die Stufe fehlt, und

breche, der Tebel hol mer, das Bein flugs murrsch entzwei. O sapperment!

wie fing ich an zu schreien! Sie kamen alle, wie auch der Herr Graf,

dazu gelaufen und fragten, was mir wäre, allein es kunnte mir keiner

helfen, das Bein war einmal in Stücken. Der Lustgärtner schickte flugs

nach dem Scharfrichter, daß der kommen mußte und mich verbinden, denn es

war, der Tebel hol mer, ein wackerer Mann im Bruch heilen; derselbe

brachte mirs sehr artig wieder zurechte, ob er gleich zwölf ganzer

Wochen an demselben dokterte. Als ich nun so ein bischen drauf wieder

fußen kunnte, so mußte ich hernach allererst der Charmante ihren Brief

beantworten, welcher folgendermaßen auch versweise sehr artig

eingerichtet war:

»Mit Wünschung zuvor alles Liebes und Gutes,

Schelmuffsky lebet noch und ist sehr guten Mutes!

Hat er gleich vor zwölf Wochen gebrochen das rechte Bein,

So wird dasselbe doch vom Scharfrichter bald wieder geheilet sein.

Der Herr Bruder Graf ist mit seinem Schlitten bei mir glücklich

ankommen,

Und einen Brief mitgebracht, woraus ich vernommen,

Daß meine liebe Charmante gerne wissen möchte, ob ich lebendig oder

tot.

Es hat mit mir, der Tebel hol mer, noch keine Not.

Ich lebe itzunder in dem Lande Schweden,

Wenn nun, du herzes Kind, willst gerne mit mir reden,

Zu Stockholm bei dem Lustgärtner in der Vorstadt hab' ich mein

Quartier,

So mußt du bald kommen her zu mir,

Denn ich werde nicht gar lange mehr da bleiben.

Das ists nun, was ich dir zur Antwort hiermit habe wollen fein

geschwinde schreiben.

Indessen lebe wohl, gesund frisch spat und früh,

Und ich verbleibe allezeit dein

a n m u t i g e r  J ü n g l i n g

S c h e l m u f f s k y«.

Ob ich mich nun wohl aufs Versemachen nicht groß gelegt hatte, so war

mir doch, der Tebel hol mer, dieser Brief versweise sehr artig geraten.

Denselben schickte ich nun durch des Gärtners Jungen zu Stockholm ins

Posthaus, damit er cito[29] möchte nach Hamburg bestellt werden. Hierauf

gingen kaum vier Wochen ins Land, so kam meine liebste Charmante auch

anmarschiert. Wie sie mich nun sah, sapperment! fiel mir das Mensche

nicht um den Hals und herzte mich! Sie erzählte mir hernach auch, wie

mich die Rädelwache zu Hamburg gesucht hätte, weil ich so viel Kerls

hätte zu schanden gehauen, und wie mich die Kompagnie auf dem Tanzboden

so ungerne verloren, weil ich einen vortrefflichen Springer abgegeben.

Ich sollte ihr auch erzählen, wie mirs die Zeit über gegangen wäre, als

ich von Hamburg die Flucht nehmen müssen. Damit erzählte ich ihr, und

auch, wie wir auf der See hätten Sturm gehabt und was ich vor allerhand

Fische gesehen, aber wie mirs in Stockholm mit der Ohrfeige wegen

Jungfer Damigen gegangen wäre, davon sagte ich ihr, der Tebel hol mer,

kein Wort.

[29] schnell.

Ob ich nun wohl, wie mein Bein völlig wieder kuriert war, mich wollte zu

Schiffe wieder setzen und die Welt weiter besehen, so ließ ich mich doch

auf der Charmante ihr Bitten überreden, daß ich ein halb Jahr noch in

Stockholm blieb und ihr dieses und jenes zeigte. Nun ist eben nichts

Sonderliches da zu sehen, als daß Stockholm eine brave Stadt ist, sehr

lustig liegt und um dieselbe herum schöne Gärten, Wiesen und

vortreffliche Weinberge angebaut sein, und daß, der Tebel hol mer, der

schönste Neckarwein da wächst. Allein von Fischwerk und solchen Sachen

gibts eben so wenig als in Hamburg. Forellen hat man zwar genug auch da,

allein, wer kann einerlei Fische immer essen; aber unerhörte Viehzucht

gibts da wegen der Gräserei: es gibt, der Tebel hol mer, Kühe dort, da

eine wohl auf einmal vierzig bis fünfzig Kannen Milch gibt. Sie machen

im Winter auch flugs Butter, die sieht, der Tebel hol mer, wie das

schönste gewundene Wachs aus.

Nachdem ich meine Charmante nun überall herumgeführt und ihr dieses und

jenes in Stockholm gezeigt, machte ich mich mit ihr benebst dem Herrn

Bruder Grafen wieder reisefertig, bezahlte, was ich da bei dem

Lustgärtner verzehrt hatte, und dingten uns auf ein Schiff, welches uns

mit sollte nach Holland nehmen. Wie wir nun mit dem Schiffe richtig

waren, packte der Herr Graf seinen Schellenschlitten mit seinem Pferde

auch auf das Schiff, daß er, wenn er zu Lande käme, wieder kutschen

könnte. Als es bald Zeit war, daß das Schiff fortsegeln wollte, nahmen

wir von dem Lustgärtner Abschied und bedankten uns nochmals vor allen

guten erzeigten Willen. Da fing, der Tebel hol mer, der Mann an zu

weinen wie ein klein Kind, so jammerte ihn unser Abschied. Er beschenkte

mich auch zuguterletzt mit einer wunderschönen Blume, ob dieselbe gleich

kohlpechschwarze Blätter hatte, so kunnte man sie doch, der Tebel hol

mer, auf eine ganze Meile Wegs riechen. Er nannte sie nur Viola

Kohlrabi, dieselbe Viola Kohlrabi nahm ich nun auch mit. Damit

marschierten wir nun fort und nach dem Schiffe zu. Als wir nun dahin

kamen, Sapperment! was sah man da vor Volk, welches mit nach Holland

gehen wollte, es waren, der Tebel hol mer, wohl an sechstausend Seelen,

die setzten sich nun alle auch mit zu Schiffe und waren Willens, Holland

zu besehen. Wie es uns aber dasselbe Mal auf der See erbärmlich ging,

werden einem die Haare zu Berge stehen, wer folgendes Kapitel lesen

wird.

4. Kapitel.

Als wir von Stockholm abfuhren, war es gleich um selbe Zeit, da die

Kirschen und Weintrauben sich anfingen zu färben. Sapperment! was war da

vor ein Gekribbele und Gewibbele auf dem Schiffe von soviel Leuten. Ich

und meine Liebste Charmante wie auch der Herr Bruder Graf, weil der

Schiffsmann sah, daß wir Standespersonen waren, hatten ein eigenes

Zimmer auf dem Schiffe zu unserer Bequemlichkeit inne. Die andern

Sechstausend aber mußten, der Tebel hol mer, alle nach der Reihe auf

einer Streu schlafen. Wir schifften etliche Wochen sehr glücklich fort

und waren alle brav lustig auf dem Schiffe, als wir aber an die Insel

Bornholm kamen, wo es so viel Klippen gibt, und wenn ein Schiffsmann die

Wege da nicht weiß, gar leichtlich umwerfen kann, ei Sapperment! was

erhub sich im Augenblick vor ein großer Sturm und Ungestüm auf der See;

der Wind schmiß, der Tebel hol mer, die Wellen die höchsten Türme hoch

über das Schiff weg und fing an kohlpechrabenstockfinster zu werden. Zu

dem allergrößten Unglücke noch hatte er zu Stockholm im Wirtshause den

Kompaß auf dem Tische stehen lassen und vergessen, daß er also ganz

nicht wußte, wo er war und wo er zufahren sollte. Das Wüten und Toben

von dem grausamen Ungestüm währte vierzehn ganzer Tage und Nacht, den

fünfzehnten Tag, als wir vermeinten, es würde ein wenig stille werden,

so erhub sich wieder ein Wetter und schmiß der Wind unser Schiff an

eine Klippe, daß es, der Tebel hol mer, in hunderttausend Stücke sprang.

Sapperment! was war da vor ein Zustand auf der See! Es ging Schiff,

Schiffsmann und alles, was nur zuvor auf dem Schiffe war, in einem

Augenblick zugrunde, und wenn ich und mein Herr Bruder Graf nicht so

geschwinde ein Brett ergriffen hätten, worauf wir uns flugs legten, daß

wir zu schwimmen kamen, so wäre kein ander Mittel gewesen, wir hätten

gleichfalls mit den sechstausend Seelen müssen vor die Hunde gehen. O

sapperment! was war da von den Leuten ein Gelamentiere in dem Wasser!

nichts mehr dauert mich noch die Stunde, als nur meine allerliebste

Charmante, wenn ich an dasselbe Mensche gedenke, gehen mir, der Tebel

hol mer, die jetzige Stunde die Augen noch über. Denn ich hörte sie wohl

zehnmal noch im Wasser »Anmutiger Jüngling« rufen; allein was kunnte ich

ihr helfen, ich hatte, der Tebel hol mer, selbsten zu tun, daß ich nicht

von dem Brette herunterkippte, geschweige daß ich ihr hätte helfen

sollen. Es war immer und ewig schade um dasselbe Mensche, daß es da so

unverhofft ihr Leben mit in die Schanze schlagen mußte. Es kunnte sich

auch, der Tebel hol mer, nicht eine einzige Seele retten als ich und der

Herr Graf auf dem Brette.

Als ich und mein Herr Bruder Graf diesem Trauerspiele auf unserm Brette

in der Ferne nun so eine Weile zugeschaut, plätscherten wir mit unsern

Händen auf demselben fort und mußten wohl über hundert Meilen schwimmen,

ehe wir wieder an Land kamen. Nach Verfließung dreier Tage bekamen wir

die Spitzen und Türme von Amsterdam zu sehen, worauf wir gleich zu

marschierten und den vierten Tag früh um zehn Uhr hinter des

Bürgermeisters Garten mit unserm Brette nach viel ausgestandener

Gefährlichkeit allda anlandeten. Damit gingen wir durch des

Bürgermeisters Garten durch und immer nach desselben Hause zu. Der Herr

Bruder Graf, der mußte nun das Brett tragen und ich ging voran. Wie wir

nun die Gartentüre aufklinkten, welche in des Bürgermeisters Hof ging,

so stund der Bürgermeister gleich in der Haustüre und sah uns da

angemarschiert kommen. Mit was vor Verwunderung uns auch der Mann ansah,

will ich wohl keinem Menschen sagen, denn wir sahen wie die gebadeten

Mäuse so naß aus; dem Herrn Grafen lief das Wasser immer noch von seinen

samtnen Hosen herunter, als wenn einer mit Mulden gösse. Ich erzählte

dem Herrn Bürgermeister aber flugs mit zwei, drei Worten ganz artig, wie

daß wir Schiffbruch gelitten und auf dem Brette so weit schwimmen

müssen, ehe wir an Land gekommen. Der Herr Bürgermeister, welcher, der

Tebel hol mer, ein wackerer, braver Mann war, der hatte groß Mitleiden

mit uns, er führte uns in seine Stube, hieß warm einheizen, damit mußten

ich und mein Herr Bruder Graf in die Hölle hinterm Ofen treten und uns

wieder trocknen. Sobald uns nun ein wenig der warme Ofen zu passe kommen

war, fing der Herr Bürgermeister an und fragte, wer wir wären. Ich fing

hierauf gleich an und erzählte demselben ganz artig meine Geburt und wie

es mit der Ratte damals wäre zugegangen. O sapperment! was sperrte der

Mann vor ein Paar Augen auf, als ich ihm von der Ratte solche Dinge

erzählte, er nahm hernach allemal auch, wenn er mit mir redete, sein

Mützchen unter den Arm und titulierte mich Ihre sehr Hochwohlgeborne

Herrlichkeiten.

Alsobald ließ er den Tisch decken und traktierte mich und den Herrn

Grafen, der Tebel hol mer, recht delikat. Sobald als wir nun gespeist

hatten, kamen etliche von den vornehmsten Staaten in des Bürgermeisters

Haus und gaben mir und meinem Herrn Bruder Grafen eine Visite. Sie baten

uns auch zu sich zu Gaste und erwiesen uns große Ehre, daß ich also wohl

sagen kann, daß Amsterdam, der Tebel hol mer, eine vortreffliche Stadt

ist. Es wurde zu derselben Zeit bald eine vornehme Hochzeit, wozu man

mich und meinen Herrn Bruder Grafen auch invitierte. Denn es heiratete

ein Lord aus London in England eines vornehmen Staatens Tochter zu

Amsterdam, und wie es nun da gebräuchlich ist, daß die vornehmen

Standespersonen, welche zur Hochzeit gebeten werden, allemal Braut und

Bräutigam zu Ehren ein Hochzeitskarmen drucken lassen und sie damit

beehren, so wollte ich hierinnen mich auch sehen lassen, daß ich ein

brav Kerl wäre. Es war gleich um selbe Zeit bald Gertraute[30], daß der

Klapperstorch bald wiederkommen sollte, und weil die Braut Traute hieß,

so wollte ich meine Invention[31] von dem Klapperstorche nehmen, und der

Titel sollte heißen: Der fröhliche Klapperstorch. Ich war her und setzte

mich drüber und saß wohl über vier Stunden: daß mir doch wäre eine Zeile

beigefallen? Der Tebel hol mer, nicht ein Wort konnte ich zuwege

bringen, das sich zu dem fröhlichen Klapperstorche geschickt hätte; ich

bat meinen Herrn Bruder Grafen, er sollte es versuchen, ob er was könnte

zur Not herbringen, weil mir nichts beifallen wollte. Der Herr Graf

sagte nun, wie er vor diesem wäre in die Schule gegangen, so hätte er

ein bischen reimen lernen, ob ers aber würde noch können, wüßte er

nicht, doch müßte ers versuchen, obs angehn wollte. Hierauf setzte sich

der Graf nun hin, nahm Feder und Tinte und fing da an zu dichten. Was er

damals nun aufschmierte, waren folgende Zeilen:

[30] Tag im Kalender.

[31] Dichterische Erfindung.

Die Lerche hat sich schon in Lüften präsentieret,

Und Mutter Flora steigt allmählich aus dem Neste;

Schläft gleich die Maja noch in ihrem Zimmer feste;

Daß also jetzger Zeit viel Lust nicht wird gespüret.

Dennoch so will ...

Als er über diesen Zeilen nun so wohl eine halbe Stunde gesessen, so

guckte ich von hinten auf seinen Zettel und sah, was er gemacht hatte.

Wie ich nun das Zeug las, mußte ich, der Tebel hol mer, recht über den

Herrn Bruder Grafen lachen, daß es solch albern Gemächte war. Denn

anstatt daß er den Klapperstorch hätte setzen sollen, hatte er die

Lerche hingeschmiert, und wo Traute stehen sollte, hatte er gar einen

Flor genommen; denn der Flor schickt sich auch auf die Hochzeit, und

dazu hätte sichs auch hintenaus reimen müssen. Denn präsentieret und

Neste, das reimt sich auch, der Tebel hol mer, wie eine Faust aufs Auge.

Er wollte sich zwar den Kopf weiter darüber zerbrechen, allein so hieß

ichs ihn nur sein lassen und dafür schlafen. Ob ich nun wohl auch selben

Tag ganz nichts zuwege bringen kunnte, so setzte ich mich folgenden Tag

früh doch wieder drüber und wollte von Gertrauten und dem Klapperstorche

der Braut ein Karmen machen. O sapperment! als ich die Feder ansetzte,

was hatte ich dazumal vor Einfälle von dem Klapperstorche, daß ich auch,

der Tebel hol mer, nicht länger als einen halben Tag darüber saß, so war

es fertig und hieß, wie folgt, also:

D e r  f r ö h l i c h e  K l a p p e r s t o r c h.

Gertrautens-Tag werden wir balde nun haben,

Da bringet der fröhliche Klapperstorch Gaben,

Derselbe wird fliehen über Wasser und Gras

Und unsrer Braut Trauten verehren auch was,

Das wird sie, der Tebel hol mer, wol sparen,

Und keinem nicht weisen in dreiviertel Jahren.

Worzu denn wünschet bei dieser Hochzeit

Gesunden und frischen Leib bis in Ewigkeit,

Auch langes Leben spat und früh,

Eine Standesperson v o n  S c h e l m u f f s k y.

Sobald als nun die Hochzeitstage herbeirückten, wurde ich und der Herr

Bruder Graf von der Braut Vater gebeten, daß wir doch seiner Tochter die

große Ehre antun möchten und sie zur Trauung führen; ich antwortete dem

Hochzeitsvater hierauf sehr artig, wie daß ich vor meine Person solches

gerne tun wollte, aber ob mein Herr Bruder Graf dabei würde erscheinen

können, zweifelte ich sehr, dieweil der arme Schelm das kalte Fieber

bekommen hätte und ganz bettlägerig worden wäre. Dem Herrn

Hochzeitsvater war solches sehr leid, und weil es nicht sein kunnte,

mußte der Herr Bürgermeister seine Stelle vertreten. Als ich nun die

Braut zur Trauung mitführte, O sapperment! was war vor ein Aufgesehe von

dem Volke, sie drückten, der Tebel hol mer, bald einander ganz zunichte,

nur weil ein jedweder mich so gerne sehen wollte. Denn ich ging sehr

artig neben der Braut her in einem schwarzen langen seidenen Mantel mit

einem roten breiten Samtkragen. In Amsterdam ist es nun so die Mode, da

tragen die Standespersonen auf ihren schwarzen Mänteln lauter rote

Samtkragen und hohe spitzige Hüte. Ich kanns, der Tebel hol mer, nicht

sagen, wie ich das Mensche so nett zur Trauung führte und wie mir der

spitzige Hut und lange Mantel mit dem roten Samtkragen so proper

ließ[32]. Da nun die Trauung vorbei und die Hochzeit anging, mußte ich

mich flugs zur Braut setzen, welches nächst dem Bräutigam die oberste

Stelle war, hernach saßen erstlich die andern vornehmen Standespersonen,

welche mich alle, zumal die mich noch nicht groß gesehen hatten, mit

höchster Verwunderung ansahen und wohl bei sich dachten, daß ich einer

mit von den vornehmsten und bravsten Kerlen müßte auf der Welt sein (wie

es denn auch wahr war), daß man mir die Oberstelle eingeräumt hatte.

[32] so wohl anstand.

Schelmuffskys wahrhaftige, kuriöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande · 第 3 / 9 段