ganze Kompagnie auch wieder Bescheid tat. Mein Herr Bruder Graf fing
hernach von seinen Pumpelmeisen an zu erzählen, die er auf einmal in dem
Sprenkel gefangen hätte, und daß dieselben ihm so gut geschmeckt hätten,
als seine verstorbene Frau Großmutter ihm solche in Butter gebraten.
Über welcher einfältigen Erzählung die ganze Kompagnie lachen mußte.
Nach gehaltener Mittagsmahlzeit setzte ich mich mit meiner Liebsten, der
Charmante, auf eine Chaise de Roland[15] und fuhren auf den Wällen
spazieren, besahen da die Ringmauer der Stadt Hamburg, wie sie gebaut
war, welche denn an etlichen Orten nicht allerdings feste genug zu sein
schien; ich sagte solches dem Stadtkapitän, wie sie ganz auf eine andere
Manier perspektivisch könnte repariert werden. Er schriebs zwar auf: ob
sie es nun werden getan haben, kann ich nicht wissen, denn ich bin von
der Zeit an nicht wieder hingekommen. Nach diesem fuhren wir in die
Sternschanze und besahen dieselbe auch: O sapperment! was lagen da vor
Bomben, welche von voriger Belagerung waren hineingeworfen worden; ich
will wetten, daß wohl eine über dreihundert Zentner schwer hatte, ich
versuchte es auch, ob ich eine mit einer Hand in die Höhe heben kunnte,
allein es wollte, der Tebel hol mer, nicht angehen, so schwer war sie,
knapp, daß ich sie mit beiden Händen drei Ellen hoch in die Höhe heben
kunnte. Von da fuhren wir hinaus an die Elbe und sahen da die
Schifferjungen angeln, O sapperment! was fingen sie da vor Forellen an
der Angel, es waren nicht etwa solche kleine Forellen, wie es
hierzulande bei Gutenbach oder sonsten dergleichen Orten herum gibt,
sondern es waren, der Tebel hol mer, Dinger, da eine Forelle gut zwanzig
bis dreißig Pfund hatte. Von denselben Fischen hatte ich mich zu Hamburg
ganz überdrüssig gefressen, und wenn ich die Stunde noch Forellen
erwähnen höre, wird mir flugs ganz übel davon. Warum? Sie haben in
Hamburg keine anderen Fische als nur Forellen jahraus, Forellen jahrein,
man muß sich darinnen verstänkern, man mag wollen oder nicht, bisweilen,
etwa um Lichtmeß herum, kommen irgendein paar Tonnen frische Heringe da
an, aber auch gar selten, und dazu, wo erkleckt das unter so einer
Menge Volk? der Tausendste kriegt keinen nicht einmal davon zu sehen.
[15] elegantes Fuhrwerk.
Nachdem ich mit meiner Liebsten dem Angeln so eine Weile zugesehen,
fuhren wir wieder in die Stadt und nach unserm Quartier zu; sobald als
wir abstiegen, stund ein kleiner buckliger Tanzmeister im Torwege, der
machte gegen die Madame Charmante wie auch gegen mich ein sehr artig
Kompliment und invitierte uns[16] zu einem Balle. Meine Liebste, die
Charmante, fragte mich, ob ich Lust mit hinzufahren hätte, denn sie
könnte es der Kompagnie nicht abschlagen, und sie würden wohl indem alle
schon auf sie warten. Ich gab ihr zur Antwort: Ich fahre schon mit und
sehe, was da passiert. Hierauf gab sie dem Tanzmeister Befehl, daß sie
gleich kommen wollte. O sapperment! wie sprung der Kerl vor Freuden
herum, daß sie kommen wollte und noch jemand mit sich bringen. Er lief
immer zum Hause hinaus und nach dem Tanzboden zu, als wenn ihm der Kopf
brennte. Wir setzten uns gleich wieder auf unsere Chaise de Roland und
fuhren nach dem Tanzboden zu.
[16] lud uns ein.
Sobald als wir nun hinaufkamen, O sapperment! was war vor Aufsehens da
von den vornehmen Damens und Kavalieren, welche sich auch auf dem
Tanzboden eingefunden hatten; es war ein Gelispere heimlich in die
Ohren, und soviel ich hören kunnte, fing bald dieser an und sagte: Wer
muß doch nur der vornehme Herr sein, welchen die Madame Charmante
mitgebracht hat. Bald sagte ein Frauenzimmer zu dem andern: Ist das
nicht ein wunderschöner Kerl, sieht er doch flugs aus wie Milch und
Blut. Solche und dergleichen Reden gingen wohl eine halbe Stunde unter
der Kompagnie auf dem Tanzboden heimlich vor. Der Tanzmeister
präsentierte mir einen roten Samtstuhl, worauf ich mich niedersetzen
mußte, die andern aber wie auch meine Charmante mußten alle stehen.
Damit so ging nun die Musik an, O sapperment! wie kunnten die Kerle
streichen, sie machten mit einem Gassenhauer den Anfang, wonach der
kleine bucklige Tanzmeister die erste Entree tanzte. Sapperment! wie
kunnte das Kerlchen springen, es war, der Tebel hol mer, nicht anders,
als wenn er in die Lüfte flöge. Wie derselbe Tanz aus war, so schlossen
sie alle miteinander einen Kreis und fingen an schlangenweise zu tanzen:
meine Charmante, die mußte nun in den Kreis hineintreten und drinnen
allein tanzen. O sapperment! was kunnte sich das Mensche schlangenweise
im Kreise herumdrehen, daß ich auch, der Tebel hol mer, alle Augenblick
dachte, jetzt fällt sie übern Haufen, allein es war, als ob ihr nichts
drum wäre. Die anderen Mädchens tanzten, der Tebel hol mer, galant auch,
ich kanns nicht sagen, wie artig sie die Knochen auch setzen kunnten,
meiner Charmante aber kunnte es aber doch keine gleichtun. Nachdem der
Kreistanz schlangenweise nun aus war, so fingen sie allerhand
gemeine[17] Tänze auch an zu tanzen, als Couranten, Chiquen, Allemanden
und dergleichen.
[17] allgemein übliche.
Solch Zeug sollte ich nun auch mit tanzen, es kamen unterschiedne Damens
zu mir an den Samtstuhl, worauf ich saß, und forderten mich auch zu
einem Tänzchen auf. Ich entschuldigte mich zwar erst und sagte, wie daß
ich nämlich ein brav Kerl wäre, dem zwar was Rechts aus den Augen
herausfunkelte, aber tanzen hätte ich noch nicht recht gelernt. Es half
aber, der Tebel hol mer, kein Entschuldigen, die Damens trugen mich
mitsamt dem Stuhle in den Tanzkreis hinein und kippten mich mit dem
Stuhle um, daß ich, der Tebel hol mer, die Länge lang hinfiel. Ich stund
aber mit einer sehr artigen Miene wiederum auf, daß sich auch die ganze
Kompagnie auf dem Tanzboden über mich sehr verwunderte und ein Kavalier
immer zu dem andern sagte, daß ich wohl einer von den bravsten Kerlen
auf der Welt mit sein müßte. Hierauf fing ich nun an zu tanzen und nahm
drei Frauenzimmer; die eine mußte mich bei der linken Hand anfassen, die
andere bei der rechten und die dritte mußte sich an mein link Bein
halten, damit hieß ich die Musikanten den Altenburgischen Bauerntanz
aufstreichen. Da hätte man nun schön tanzen gesehen, wie ich auf dem
rechten Beine solche artige Sprünge tun kunnte. Wie ich mich nun so ein
klein wenig erhitzt hatte, so sprung ich auf dem einen Beine, der Tebel
hol mer, klaffternhoch in die Höhe, daß auch die eine Dame, welche sich
an mein link Bein gefaßt hatte, fast mit keinem Fuße auf die Erde kam,
sondern stets in der Luft mit herumhüpfte. O sapperment! wie sahen die
Menscher alle, als ich solche Sprünge tat; der kleine bucklige
Tanzmeister schwur hoch und teuer, daß er dergleichen Sprünge zeitlebens
nicht gesehen hätte. Sie wollten hernach auch alle wissen, was vor
Geschlechts und Herkommens ich wäre, allein ich sagte es, der Tebel hol
mer, keinem, ich gab mich zwar nur vor einen Vornehmen von Adel aus,
allein sie wollten es doch nicht glauben, sondern sagten, ich müßte noch
weit was Vornehmeres sein, denn meine Augen die hätten mich schon
verraten, daß ich aus keiner Haselstaude entsprungen wäre. Sie fragten
auch meine Charmante, allein der Henker hätte sie wohl geholt, daß sie
was von meiner Geburt erwähnt hätte, denn wenn sie die Historie von der
Ratte gehört hätten, Ei sapperment! wie würden sie gehorcht haben. Nach
gehaltenem Ball fuhr ich mit meiner Charmante in die Opera[18], welche,
der Tebel hol mer, auch da schön zu sehen war, denn sie spielten gleich
selben Tag von der Zerstörung Jerusalems. O sapperment! was war das vor
eine große Stadt, das Jerusalem, welches sie in der Opera da
vorstellten, ich will wetten, daß es, der Tebel hol mer, zehnmal gut
größer war, als die Stadt Hamburg ist, und zerstörten da das Ding auch
so lästerlich, daß man, der Tebel hol mer, nicht einmal sah, wo es
gestanden hatte. Nur immer und ewig schade war es um den wunderschönen
Tempel Salomonis, daß derselbe so mit mußte vor die Hunde gehen, es
hätte mich sollen dünken, daß nur ein Fleckchen daran wäre ganz
geblieben, nein, es mußte von den Soldaten, der Tebel hol mer, alles
ruiniert und zerstört werden. Es waren Krabaten[19] und Schweden, die
das Jerusalem so zuschanden machten.
[18] Die Hamburger Oper erfreute sich Ende des 17. Jahrhunderts großer
Berühmtheit.
[19] Kroaten.
Nach dieser geschehenen Opera fuhr ich mit meiner Charmante auf den
Jungfernstieg (wie es die Herren Hamburger nennen), denn es ist ein sehr
lustiger Ort und liegt mitten in der Stadt Hamburg an einem kleinen
Wasser, welches die Alster genannt wird, da stehen wohl zweitausend
Linden und gehen alle Abend die vornehmsten Kavaliers und Damen der
Stadt Hamburg dahin spazieren und schöpfen unter den Linden frische
Luft. Auf demselben Jungfernstiege war ich mit meiner liebsten Charmante
nun alle Abend da anzutreffen. Denn der Jungfernstieg und das Opernhaus
war immer unser bester Zeitvertreib. Von der Belagerung Wiens spielte
sich auch einmal eine Opera, welche vortrefflich zu sehen war. Ei
sapperment! was schmissen die Türken vor Bomben in die Stadt Wien
hinein; sie waren, der Tebel hol mer, noch zwanzigmal größer als wie
die, welche in der gedachten Sternschanze zu Hamburg liegen. Wie sie
aber von den Sachsen und Polacken dafür bezahlt worden, werden sie wohl
am besten wissen. Denn es blieben wohl von den Türken über
dreißigtausend Mann auf dem Platze, ohne die, welche gefangen genommen
wurden und tödlich blessiert waren, so ich ohngefähr auch etwa auf
achtzehn- bis zwanzigtausend Mann schätze, und vierzigtausend Mann
warens gut, welche die Flucht nahmen. Ei sapperment! wie gingen die
Trompeten da, wie die Stadt entsetzt war, ich will wetten, daß wohl über
zweitausend Trompeter auf dem Dinge hielten und Viktoria bliesen. Mit
dergleichen Lustigkeit vertrieben ich und meine Charmante damals täglich
unsere Zeit in Hamburg. Was michs aber vor Geld gekostet, das will ich,
der Tebel hol mer, niemand sagen, es gereut mich aber kein Heller,
welchen ich mit der Charmante durchgebracht habe, denn es war ein
vortrefflich schön Mensche, und ihr zu Gefallen hätte ich die Hosen
ausziehen und versetzen wollen, wenns am Gelde hätte fehlen sollen, denn
sie hatte mich überaus lieb und hieß mich nur ihren anmutigen Jüngling,
denn ich war dazumal weit schöner als jetzo. Warum? Man wird ferner
hören, wie mich die Sonne unter der Linie[20] so lästerlich verbrannt
hat. Ja Hamburg, Hamburg, wenn ich noch dran gedenke, hat mir manche
Lust gemacht.
[20] Äquator.
Und ich wäre, der Tebel hol mer, wohl noch so bald nicht herausgekommen,
ob ich gleich drei ganzer Jahre mich da umgesehen hatte, wenn mein
Rückenstreicher mich nicht so unglücklich gemacht hätte. Welches zwar
wegen meiner Liebsten, der Charmante, herkam, doch kunnte das gute
Mensche auch nicht dafür, daß ich bei Nacht und Nebel durchgehen mußte.
Denn ein brav Kerl muß sich nicht bravieren[21] lassen. Die ganze Sache
war aber also beschaffen. Ich wurde mit meiner Charmante in eine lustige
Gesellschaft gebeten und mußten an demselben vornehmen Orte, wo die
Kompagnie war, des Abends mit da zu Gaste bleiben. Wie wir nun
abgespeist hatten, war es schon sehr spät in die Nacht hinein; wir
wurden auch gebeten, dazubleiben, allein meine Charmante wollte nicht da
schlafen, der vornehme Mann aber, wo wir waren, ließ seine Karosse
anspannen, dieselbe sollte uns nach unserm Quartier zu bringen, damit
wir keinen Schaden nehmen möchten. Wie wir aber bald an den Pferdemarkt
kamen, so bat mich meine Charmante, daß ich mit ihr noch ein halb
Stündchen möchte auf den Jungfernstieg fahren, sie wollte nur sehen, was
vor Kompagnie da anzutreffen wäre. Ich ließ mir solches gefallen und
befahl dem Kutscher, daß er uns dorthin fahren sollte. Als wir aber
durch ein enges Gäßchen nicht weit vom Jungfernstiege fahren mußten,
fingen welche an zu wetzen[22] in derselben Gasse. Nun war ich Blut übel
gewohnt, wenn mir einer vor der Nase herum in die Steine kriegelte, und
hätte, der Tebel hol mer, zehnmal lieber gesehen, es hätte mir einer
eine derbe Presche[23] gegeben, als daß er mir mit dergleichen Wetzen
wäre aufgezogen kommen. Ich war her und sagte zu meiner Charmante, sie
sollte nur mit dem Kutscher wieder umlenken und nach dem Quartier zu
fahren, ich wollte sehen, wem dieser Affront[24] geschähe, und es stünde
mir unmöglich an, daß man dem bravsten Kerl von der Fortune vor der Nase
so herumwetzen sollte.
[21] Trotz bieten.
[22] Säbelwetzen galt zu jener Zeit nach studentischer Sitte als
Herausforderung.
[23] Ohrfeige.
[24] Beleidigung.
Meine Charmante aber wollte mich nicht von sich weglassen und meinte,
ich möchte etwa zu Unglück kommen, allein ich sprang, ehe sie sichs
versah, mit gleichen Beinen zur Kutsche heraus, hieß den Kutscher
umlenken und marschierte da den Nachtwetzern nach, welche ich am Ende
des engen Gäßchens noch antraf und zu ihnen anfing, welche wohl bei
ihrer dreißig waren: Was habt ihr Bärenhäuter da zu wetzen? Die Kerls
aber kamen mit ihren bloßen Degen auf mich hineingegangen und meinten,
ich würde mich vor ihnen fürchten. Ich trat zwar einen Schritt zurück,
und da kriegte ich meinen Rückenstreicher heraus. Ei sapperment! wie
hieb und stach ich auf die Kerls hinein, es war, der Tebel hol mer,
nicht anders, als wenn ich Kraut und Rüben vor mir hätte: ihrer fünfzehn
blieben gleich auf dem Platze, ihrer etliche, die ich sehr beschädigt
hatte, baten um gut Wetter und etliche die gaben Reißaus und schrien
nach der Rädelwache.
[Illustration]
Ei sapperment! als ich von der Rädelwache hörte, dachte ich, das Ding
dürfte wohl nicht gut mit dir ablaufen, wenn die dich kriegen sollten;
ich war her und marschierte immer spornstreichs nach dem Altonaischen
Tore zu, da spendierte ich dem Torwärter einen ganzen Doppeltaler, daß
er mich durch das Pförtchen mußte hinauslassen. Draußen setzte ich mich
nun auf dieselbe Wiese, wo ich dem einen Staaten aus Holland die falsche
Quinte durch den linken Ellbogen gestoßen hatte, und granste[25] da wie
ein kleiner Junge Rotz und Wasser. Wie ich nun ausgegranst hatte, so
stund ich auf, kehrte mich noch einmal nach der Stadt Hamburg zu, ob ich
sie gleich im Finstern nicht sehen kunnte, und sagte: Nun gute Nacht,
Hamburg, gute Nacht, Jungfernstieg, gute Nacht Opernhaus, gute Nacht
Herr Bruder Graf und gute Nacht meine allerliebste Charmante, gräme dich
nur nicht zu Tode, daß dein anmutiger Jüngling dich verlassen muß,
vielleicht kriegst du ihn bald wiederum anderswo zu sehen. Hierauf ging
ich im Dunkeln fort und immer weiter in die Welt hinein. Ich gelangte
bei frühem Morgen in der Stadt Altona an, welche drei starke deutsche
Meilen von Hamburg liegt, da kehrte ich in dem vornehmsten Wirtshause
ein, welches zum Weinberge genannt wurde, worinnen ich einen Landsmann
antraf, welcher in der Hölle[26] hinterm Kachelofen saß und hatte zwei
vornehme Damens neben sich sitzen, mit welchen er in der Karte falsch
spielte. Demselben gab ich mich zu erkennen und erzählte ihm, wie mirs
in Hamburg gegangen wäre. Es war, der Tebel hol mer, ein brav Kerl auch,
denn er war nur vor etlichen Tagen aus Frankreich gekommen und wartete
allda bei dem Wirte im Weinberge auf einen Wechsel, welchen ihm seine
Frau Mutter mit ehster Gelegenheit schicken würde. Er erzeigte mir sehr
große Ehre, daß ichs, der Tebel hol mer, lebenslang werde zu rühmen
wissen, und gab mir auch den Rat, ich sollte mich nicht lange in Altona
aufhalten, denn wenns erfahren würde in Hamburg, daß der und der sich da
aufhielte, welcher so viel Seelen kaput gemacht hätte, dürfte die
Rädelwache, wenns gleich in einem andern Gebiete wäre, wohl
nachgeschickt werden und mich lassen bei dem Kopfe nehmen. Welchem guten
Rate ich auch folgte, und weil selben Tag gleich ein Schiff von da auf
der See nach dem Lande Schweden zusegelte, dingte ich mich auf dasselbe,
nahm von meinem Herrn Landsmanne Abschied und marschierte von Altona
fort.
[25] Gransen = greinen, weinen.
[26] warmer Platz hinter dem Ofen.
Wie mirs nun dazumal auf der See ging, was ich da und in dem Lande
Schweden gesehen und erfahren habe, wird im folgenden Kapitel überaus
artig zu vernehmen sein.
3. Kapitel.
Es war gleich in der Knoblochs-Mittwoche[27], als ich mich zum ersten
Male auf das Wasser begab. Nun hätte ich vermeint, die Schiffe zu
Hamburg wären groß, worauf man bei dem Jungfernstiege pflegte spazieren
zu fahren, allein so sah ich wohl, daß sie bei Altona auf der See, der
Tebel hol mer, noch tausendmal größer waren, denn die Leute nannten sie
nur die großen Lastschiffe. Auf so eins setzte ich mich nun, und wie ich
von meinem Landsmanne Abschied genommen hatte, schiffte ich da mit fort.
[27] Mittwoch nach Pfingsten.
Den dreizehnten Tag gegen zehn Uhr vormittags wurde es
stockrabenfinster, daß man auch nicht einen Stich sehen kunnte, und
mußte der Schiffsmann eine große Lampe vor das Schiff heraushängen,
damit er wußte, wo er zufuhr, denn seinem Kompaß durfte er nicht wohl
trauen, derselbe stockte immer. Wie es nun so gegen Abend kam, Ei
sapperment! was erhub sich vor ein Sturm auf der See, daß wir auch, der
Tebel hol mer, nicht anders meinten, wir würden alle müssen vor die
Hunde gehen. Ich kann, der Tebel hol mer, wohl sagen, daß es uns nicht
anders in solchem Sturme war, als wenn wir in einer Wiege geboiet würden
wie die kleinen Kinder. Der Schiffsmann wollte wohl gern ankern, allein
er hatte keinen Grund und mußte also nur Achtung haben, daß er mit dem
Schiffe an keine Klippe fuhr. Den neunzehnten Tag begunnte der Himmel
sich allmählich wieder zu klären und legte sich der Sturm auch so
geschwind, daß es den zwanzigsten Tag wieder so stille und gut Wetter
wurde, besser als wir es uns selbst wünschten. Zu Ausgang desselben
Monats rochen wir Land und kriegten den folgenden Monat drauf die
Spitzen von den schönen Türmen in Stockholm zu sehen, worauf wir
zusegelten. Als wir nun ganz nah an die Stadt kamen, so hielt der
Schiffsmann stille, hieß uns Fährgeld suchen und aussteigen, welches wir
auch taten.
Wie wir nun da ans Ufer ausgestiegen waren, so ging hernach einer hier
hinaus, der andere dort hinaus; ich wanderte nun gleich auch mit in die
Stadt, und weil ich in keinem gemeinen Wirtshause Lust zu logieren
hatte, blieb ich in der Vorstadt und nahm mein Quartier bei dem
Lustgärtner, welcher, der Tebel hol mer, ein überaus wackerer Mann war.
Sobald als ich mich nun bei ihm anmeldete und um Quartier ansprach,
sagte er gleich ja. Flugs darauf erzählte ich ihm meine Geburt und die
Begebenheit von der Ratte. Ei sapperment! was war es dem Manne vor eine
Freude, als er diese Dinge hörte, er war, der Tebel hol mer, auch so
höflich gegen mich und hatte sein Mützchen stets unter dem Arme, wenn er
mit mir redete, denn er hieß mich nur Ihr Gnaden. Nun sah er auch wohl,
daß ich ein brav Kerl war und daß was Großes hinter mir stecken mußte.
Er hatte einen vortrefflichen schönen Garten, da kamen nun fast täglich
die vornehmsten Leute aus der Stadt zu ihm spazieren gefahren. Ob ich
mich nun wohl wollte da inkognito aufhalten und mich nicht zu erkennen
geben, wer und wes Standes ich wäre, so wurde ich doch bald verraten. Ei
sapperment! was kriegte ich da vor Visiten von den vornehmsten Damens in
Stockholm. Es kamen, der Tebel hol mer, alle Tage wohl dreißig Kutschen
voll immer in den Garten gefahren, daß sie mich nur sehen wollten, denn
der Lustgärtner mochte mich gegen die Leute so herausgestrichen haben,
was ich vor ein brav Kerl wäre.
Unter anderm kam immer ein Frauenzimmer in den Garten gefahren, ihr
Vater war der vornehmste Mann mit bei der Stadt, die hießen die Leute
nur Fräulein Lisette, es war, der Tebel hol mer, ein vortrefflich schön
Mensche; dieselbe hatte sich nun bis auf den Tod in mich verliebt und
gab recht ordentlich Freiens auch bei mir vor, daß ich sie nehmen
sollte. Ich antwortete derselben hierauf aber sehr artig und sagte, wie
daß ich ein brav Kerl wäre, dem was Rechts aus den Augen heraus sähe,
daß also dieselbe vor dieses Mal mit keiner gewissen Antwort könnte
versehen werden. Sapperment! wie fing das Mensche an zu heulen und zu
schreien, da ich ihr den Korb gab, daß ich also, der Tebel hol mer,
nicht wußte, woran ich mit ihr war. Endlich fing ich zu ihr an, daß ich
mich in Hamburg schon mit einer halb und halb versprochen, allein ich
hätte keine Post von ihr, ob sie noch lebte oder ob sie tot wäre. Sie
sollte sich nur zufriedengeben, in etlichen Tagen wollte ich ihr Antwort
wiedersagen, ob ich sie nehmen wollte oder nicht. Hierauf gab sie sich
wieder zufrieden und fiel mir um den Hals und meinte es auch, der Tebel
hol mer, so gut mit mir, daß ich mich auch gänzlich resolvieret hatte,
die Charmante fahren zu lassen und mich an Fräulein Lisetten zu hängen.
Hierauf nahm sie mit weinenden Augen von mir Abschied und sagte, daß sie
den morgenden Tag früh wieder zusprechen wollte, und fuhr damit in die
Stadt nach ihren Eltern zu. Was geschah? Der morgende Tag kam herbei,
ich ließ eine gute frische Milch zurichten, mit derselben wollte ich
das Fräulein Lisette im Garten nun traktieren: der Vormittag lief
vorbei, der Nachmittag war auch fast zu Ende, ich wartete im Garten
immer mit der frischen Milch, es wollte aber kein Fräulein Lisette
kommen, daß ich auch, der Tebel hol mer, so toll war und, weil ich mich
nicht rächen kunnte, der frischen Milch in die Haare geriet und die in
der Bosheit reine ausfraß. Indem ich den letzten Löffel voll ins Maul
steckte, kam des Gärtners Junge spornstreichs zum Garten hineingelaufen
und fragte mich, ob ich was Neues wüßte. Wie ich nun gerne wissen
wollte, was es gäbe, fing er an: Das Fräulein Lisette, welche gestern
abend so lange im Garten bei mir gewesen, wäre diese Nacht so plötzlich
gestorben. Ei sapperment! wie erschrak ich über die Post, daß mir auch
der letzte Löffel voll Milch im Halse gleich verstarrte. Ja, fing der
Junge weiter an, und der Doktor hätte gesagt, sie müßte sich worüber
sehr gegrämt haben, sonst wäre sie wohl nicht gestorben, weil ihr ganz
keine Krankheit wäre anzusehen gewesen. Ei sapperment! wie jammerte mich
das Mensche, und da war wohl, der Tebel hol mer, niemand an ihrem Tode
schuld als eben ich, weil ich sie nicht haben wollte. Das Mensche
dauerte mich, der Tebel hol mer, sehr lange, ehe ich sie vergessen
kunnte. Ich ließ ihr auch zu Ehren einen Poeten folgende Zeilen dichten
und auf ihren Leichenstein hauen, welcher die heutige Stunde noch in
Stockholm auf ihrem Grabe wird zu lesen sein:
Steh! flüchtger Wandersmann, betrachte diesen Stein,
Und rate, wer allhier wohl mag begraben sein:
Es starb vor Liebesgram ein Lieschen in dem Bette,
Nun rate, wer hier liegt: das schöne Kind Lisette.