Nach solcher Erzählung kamen wir an ein Wirtshaus, welches f

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Hausbücherei

der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

41. Band

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1912

1.-10. Tausend

S c h e l m u f f s k y s

wahrhaftige, kuriöse und sehr gefährliche

Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande

von

Christian Reuter

Eingeleitet und bearbeitet von Dr. G o t t l i e b

F r i t z. Mit Bildern von L u d w i g  B e r w a l d

Hamburg-Großborstel

Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung

1912

1.-10. Tausend

Inhalt

Seite

Einleitung von Dr. Gottlieb Fritz 7-10

C h r i s t i a n  R e u t e r: Schelmuffskys Reisebeschreibung

Erster Teil 13-99

Zweiter Teil 101-148

Ein ausführliches Verzeichnis der früher erschienenen Bände der

»Hausbücherei« sowie der »Volksbücher« ist diesem Bande vorgeheftet.

Einleitung.

Der Leipziger Student Christian Reuter, der im Jahre 1696 »Schelmuffskys

wahrhaftige, curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser

und Lande« anonym erscheinen ließ, ist als der Verfasser eines der

lustigsten Bücher unserer Literatur, das die Aufschneidereien des

weltberühmten Freiherrn von Münchhausen noch übertrumpft, erst vor

wenigen Jahrzehnten aus der selbstgewählten Verborgenheit an das Licht

gezogen worden. Von seinem L e b e n wissen wir, abgesehen von seinen

tollen Studentenjahren, über die uns die umständlichen Disziplinarakten

eines hochlöblichen akademischen Senats Auskunft geben, herzlich wenig;

aber gerade die Leipziger Jahre Reuters, der, 1665 als Sohn eines Bauern

in der Nähe von Zörbig bei Halle geboren, 1694 die Universität bezog,

sind mit der Entstehung des »Schelmuffsky« auf das engste verknüpft und

bieten auch sonst ein interessantes Bild von dem akademischen Leben

jener Tage.

Christian Reuter, den wir uns als einen frischen, übermütigen Burschen,

dem ein gehöriger Schalk im Nacken saß, denken müssen, wohnte als

Student in dem Hause »Zum roten Löwen« auf dem Brühl bei einer gewissen

Frau Müller, die verwitwet war und eine Reihe erwachsener Kinder, drei

Söhne und zwei Töchter, hatte. Die F a m i l i e  M ü l l e r, dummstolz

und hoffärtig, scheint wegen ihrer ungebildeten, stereotypen

Redensarten in studentischen Kreisen ein beliebtes Ziel des Spottes

gebildet zu haben; der älteste Sohn Eustachius, das Urbild des

Schelmuffsky, war ein Aufschneider und Tagedieb und nach einer gemäß der

Sitte junger Edelleute angeblich von ihm unternommenen Auslandreise in

das mütterliche Haus zurückgekehrt, wo er sich nicht wenig aufspielte

und durch einen liederlichen Lebenswandel die Wirtschaft

herunterbrachte. Es dauerte nicht lange, so geriet Reuter, wohl wegen

rückständiger Miete, mit seinen Wirtsleuten in Streit und mußte, nachdem

ihm, wie es scheint, übel mitgespielt worden war, das Haus verlassen.

Aber die Familie Müller sollte das bald bitter bereuen. Reuter, dem es

wahrlich nicht an schlagfertigem Witz gebrach, wußte sich zu rächen und

schrieb das Lustspiel »_L'honnête femme_ oder die ehrliche Frau zu

Plissine«, worin er unter Anlehnung an Molières Komödie »Die

lächerlichen Preziösen« die ganze Familie -- seine frühere Wirtin tritt

unter dem Namen »Die ehrliche Frau Schlampampe«, der Sohn Eustachius

unter dem Namen »Schelmuffsky« auf -- in der blutigsten Weise verhöhnte.

Die Gestalten des Stückes sind mit nicht geringer dramatischer

Lebendigkeit und derbkomischer Kraft nach dem Leben gezeichnet -- nicht

minder auch in einem zweiten Lustspiel »Der ehrlichen Frau Schlampampe

Leben und Tod«, das die Verhältnisse der Familie Müller aufs neue an den

Pranger stellte.

Zwischen die Abfassung dieser beiden Stücke fällt nun die Entstehung des

»S c h e l m u f f s k y«. Der erste Teil erschien zuerst 1696, im

darauffolgenden Jahre entstand ein zweiter Teil und wurde mit dem

umgearbeiteten ersten zusammen veröffentlicht.

Der Triumph Reuters dauerte jedoch nicht lange. Zwar hatte er die

Lacher auf seiner Seite, die die unglückliche Familie reichlich mit

Spott und Hohn überschütteten und vor allem nicht versäumten, den Sohn

Eustachius in gebührender Weise als Schelmuffsky zu feiern; aber eine

Klage nach der andern wurde von der gequälten Witwe Müller in

beweglichen Worten gegen ihn erhoben, und der akademische Senat sah sich

zunächst veranlaßt, Reuter mit Karzer zu bestrafen, dann aber, als der

zweite Teil des Schelmuffsky erschien und mit gewaltigem Hallo unter den

Studenten und in der Bürgerschaft aufgenommen war, ihn schlankweg v o n

d e r  U n i v e r s i t ä t  z u  r e l e g i e r e n. Reuter hat dann

in der Folgezeit in Dresden eine Anstellung erhalten. 1703 taucht er in

Berlin auf, wo er zur Krönung des Königs und noch einmal später im Jahre

1710 zu dessen Geburtstag ein Festspiel schrieb. Über seine weiteren

Lebensschicksale ist so gut wie nichts bekannt.

Den »S c h e l m u f f s k y« werden wir unbedingt zu

den M e i s t e r w e r k e n  d e r  d e u t s c h e n

h u m o r i s t i s c h e n  L i t e r a t u r zählen müssen. Die

Prachtgestalt des Helden mit seiner Renommiersucht und grotesken

Erfindungsgabe kann sich ruhig neben Falstaff sehen lassen und

übertrifft an komischer Kraft jedenfalls den Münchhausen um ein

bedeutendes. Das Ganze ist wie aus einem Gusse, die bunte Fülle der

Erlebnisse und drastisch ausgemalter Situationen, dazu die köstliche

Selbstcharakteristik Schelmuffskys, seine stetig wiederkehrenden

Redensarten, wie das zum geflügelten Wort gewordene »Der Tebel hol mer«,

und die eindrucksvolle Erzählung von seiner wunderbaren Geburt werden

ihre Wirkung nie verlieren. Aber der »Schelmuffsky« ist mehr als der

Ausfluß persönlichen Rachegefühls und jugendlichen Übermutes einer

humoristisch veranlagten Natur: er ist zugleich eine g l ä n z e n d e

S a t i r e  a u f  d i e  l ü g e n h a f t e n

R e i s e s c h i l d e r u n g e n, die in jener Zeit zahlreich

erschienen und begierig gelesen wurden, und vor allem auf die

»alamodische« Sucht gewisser bürgerlicher Kreise, es in Haltung,

Kleidung und sonstigen Gewohnheiten dem Adel gleichzutun.

Der vorliegende Abdruck hält sich genau an den Wortlaut des Originals;

nur mußten einige für unsere Ohren allzu derbe Stellen, an denen die

Zeitgenossen Reuters keinen Anstoß nahmen, fortbleiben. Auch ist die

Rechtschreibung mehr den heutigen Verhältnissen angepaßt worden.

Charlottenburg, G. Fritz.

Mai 1912.

[Illustration: v. Schelmuffsky.]

Christian Reuter:

Schelmuffsky

1. Teil

1. Kapitel.

Deutschland ist mein Vaterland, in Schelmerode bin ich geboren, zu Sankt

Malo[1] habe ich ein ganz halb Jahr gefangen gelegen und in Holland und

England bin ich auch gewesen. Damit ich aber diese meine sehr

gefährliche Reisebeschreibung fein ordentlich einrichte, so muß ich wohl

von meiner wunderlichen Geburt den Anfang machen. Als die große Ratte,

welche meiner Frau Mutter ein ganz neu seiden Kleid zerfressen, mit dem

Besen nicht hatte können totgeschlagen werden, indem sie meiner

Schwester zwischen den Beinen durchläuft, fällt die ehrliche Frau

deswegen aus Eifer in eine solche Krankheit und Ohnmacht, daß sie ganzer

vierundzwanzig Tage daliegt und kann sich, der Tebel hol mer[2], weder

regen noch wenden. Ich, der ich dazumal die Welt noch niemals geschaut

und nach Adam Riesens Rechenbuche vier ganzer Monat noch im Verborgenen

hätte pausieren sollen, war dermaßen auch auf die sappermentsche Ratte

so töricht, daß ich mich aus Ungeduld nicht länger zu bergen vermochte,

und kam auf allen Vieren sporenstreichs in die Welt gekrochen. Wie ich

nun auf der Welt war, lag ich acht ganzer Tage unten zu meiner Frau

Mutter Füßen im Bettstroh, ehe ich mich einmal recht besinnen kunnte,

wo ich war. Den neunten Tag so erblickte ich mit großer Verwunderung die

Welt. O sapperment! wie kam mir alles so wüste da vor, sehr malade war

ich, nichts hatte ich auf dem Leibe, meine Frau Mutter hatte alle Viere

von sich gestreckt und lag da, als wenn sie vor den Kopf geschlagen

wäre, schreien wollte ich auch nicht, weil ich wie ein jung Ferkelchen

dalag, und wollte mich niemand sehen lassen, weil ich nackend war, daß

ich also nicht wußte, was ich anfangen sollte. Endlich dachte ich, du

mußt doch sehen, wie du deine Frau Mutter ermunterst, und versuchte es

auf allerlei Art und Weise; bald kriegte ich sie bei der Nase, bald

krabbelte ich ihr unten an den Fußsohlen, letztlich nahm ich einen

Strohhalm und kitzelte sie damit in dem linken Nasenloche, wovon sie

eiligst auffuhr und schrie: Eine Ratte! Eine Ratte! Da ich nun von ihr

das Wort Ratte nennen hörte, war es, der Tebel hol mer, nich anders, als

wenn jemand ein Schermesser nähme und führe mir damit unter meiner Zunge

weg, daß ich hierauf alsobald ein erschreckliches Auweh! an zu reden

fing. Hatte meine Frau Mutter nun zuvor eine Ratte! eine Ratte!

geschrien, so schrie ich hernachmals wohl über hundert Mal: Eine Ratte!

Eine Ratte! denn sie meinte nicht anders, es nistelte eine Ratte bei ihr

unten zu ihren Füßen. Ich war aber her und kroch sehr artig an meiner

Frau Mutter hinauf, guckte bei ihr oben zum Deckbett heraus und sagte:

Frau Mutter, Sie fürchte sich nur nicht, ich bin keine Ratte, sondern

ihr lieber Sohn; daß ich aber so frühzeitig bin auf die Welt gekommen,

hat solches eine Ratte verursacht. Als dieses meine Frau Mutter hörte,

Ei sapperment! wie war sie froh, daß ich so unvermutet war auf die Welt

gekommen, daß sie ganz nichts davon gewußt hatte. Indem sie sich nun so

mit mir eine gute Weile in ihren Armen gehätschelt hatte, stund sie mit

mir auf, zog mir ein weiß Hemde an und rief die Mietsleute im ganzen

Hause zusammen, welche mich alle miteinander höchst verwundernd ansahen

und wußten nicht, was sie aus mir machen sollten, weil ich schon so

artig schwatzen kunnte. Herr Gerge, meiner Frau Mutter damaliger

Präzeptor, meinte, ich wäre gar von dem bösen Geiste besessen, denn

sonst könnte es unmöglich von rechten Dingen mit mir zugehen, und er

wollte denselben bald von mir austreiben. Lief hierauf eiligst in seine

Studierstube und brachte ein groß Buch unter dem Arme geschleppt, damit

wollte er den bösen Geist nun von mir treiben. Er machte in die Stube

einen großen Kreis mit Kreide, schrieb einen Haufen kauderwelsche

Buchstaben hinein und machte hinter und vor sich ein Kreuz, trat

hernachmals in den Kreis hinein und fing folgendes an zu reden:

[1] Hafenstadt in der Bretagne.

[2] der Teufel hole mich.

Hokus pokus schwarz und weiß,

Fahre stracks auf mein Geheiß

Schuri muri aus dem Knaben,

Weils Herr Gerge so will haben.

Wie Herr Gerge diese Worte gesprochen hatte, fing ich zu ihm an und

sagte: Mein lieber Herr Präzeptor, warum nehmet Ihr doch solche

Köckelpossen vor und vermeinet, ich sei von dem bösen Geiste besessen;

wenn Ihr aber wissen wolltet, was die Ursache wäre, daß ich flugs habe

reden lernen und weswegen ich so frühzeitig bin auf die Welt gekommen,

Ihr würdet wohl solche närrische Händel mit Eurem Hokuspokus nicht

vorgenommen haben. Als sie mich dieses nun so reden höreten, O

sapperment! was erweckte es vor Verwunderung vor den Leuten im Hause.

Herr Gerge stund, der Tebel hol mer, da in seinem Kreise mit Zittern und

Beben, daß auch die um ihn Herumstehenden alle aus der Luft mutmaßen

kunnten, der Herr Präzeptor müßte wohl in keinem Rosengarten stehn.

Ich kunnte aber seinen erbärmlichen Zustand nicht länger mit ansehen,

sondern fing da an, meine wunderliche Geburt zu erzählen, und wie es

niemand anders als diejenige Ratte verursacht hätte, welche das seidene

Kleid zerfressen, daß ich so frühzeitig auf die Welt gekommen wäre und

flugs reden können. Nachdem ich nun mit vielen Umständen den sämtlichen

Hausgenossen die ganze Begebenheit von der Ratte erzählt hatte, so

glaubten sie hernach allererst, daß ich meiner Frau Mutter ihr Sohn

wäre. Herr Gerge aber, der schämte sich wie ein Hund, daß er meinetwegen

solche Narrenpossen vorgenommen hatte und vermeint, ein böser Geist

müßte aus mir reden. Er war her, löschte seinen Hokuspokuskreis wieder

aus, nahm sein Buch und ging stillschweigend immer zur Stubentüre

hinaus. Wie auch die Leute hernach alle mit mir taten, und mich zu

herzten und zu poßten, weil ich so ein schöner Junge war und mit ihnen

flugs schwatzen kunnte, das wäre, der Tebel hol mer, auf keine Kuhhaut

zu schreiben; ja sie machten auch alle miteinander flugs Anstalt, daß

mir selben Tag noch bei großer Menge Volks der vortreffliche Name

Schelmuffsky beigelegt wurde. Den zehnten Tag nach meiner wunderlichen

Geburt lernte ich allmählich, wiewohl etwas langsam, an den Bänken gehn,

denn ich war ganz malade, weil ich auf der Welt gar noch nichts weder

gefressen noch gesoffen hatte. Was trug sich zu? Meine Frau Mutter, die

hatte gleich selben Tag ein groß Faß voll Ziegenmolken auf der Ofenbank

stehn; über dasselbe gerate ich so ohngefähr und titsche mit dem Finger

hinein und koste es. Weil mir das Zeug nun sehr wohl schmeckte, kriegte

ich das ganze Faß bei dem Leibe und soffs, der Tebel hol mer, halb aus.

Wovon ich hernach ganz lebend wurde und zu Kräften kam. Als meine Frau

Mutter sah, daß mir das Ziegenmolken so wohl bekam, war sie her und

kaufte hernach noch eine Ziege, denn eine hatte sie schon, die mußten

mich also bis in das zwölfte Jahr meines Alters mit lauter solchem Zeuge

ernähren und auferziehen. Ich kanns wohl sagen, daß ich denselben Tag,

als ich gleich zwölf Jahr alt war, der Tebel hol mer, Speck ellendicke

auf meinem Rücken hatte, so fett war ich von dem Ziegenmolken geworden.

Bei Anfange des dreizehnten Jahres lernte ich auch alle sachte die

gebratenen Kramsvögelchen und die jungen gespickten Hühnerchen

abknaupeln, welche mir endlich auch sehr wohl bekamen. Da ich nun so ein

bißchen besser zu Jahren kam, so schickte mich meine Frau Mutter in die

Schule und vermeinte nun, einen Kerl aus mir zu machen, der mit der Zeit

alle Leute an Gelehrsamkeit übertreffen würde. Ja es wäre dazumal wohl

endlich was aus mir geworden, wenn ich hätte Lust, was zu lernen,

gehabt, denn so klug als ich in die Schule ging, so klug kam ich auch

wieder heraus. Meine größte Lust hatte ich an dem Blaserohre, welches

mir meine Frau Großmutter zum Jahrmarkte von der Eselswiese mitgebracht

hatte. So bald ich denn aus der Schule kam, so schmiß ich meine

Bücherchen unter die Bank und nahm mein Blaserohr, lief damit auf den

obersten Boden und schoß da entweder die Leute auf der Gasse mit auf die

Köpfe oder nach den Spatzianern, oder knapste den Leuten in der

Nachbarschaft die schönen Spiegelscheiben entzwei, und wenn sie denn so

klirrten, kunnte ich recht herzlich drüber lachen; das trieb ich nun so

einen Tag und alle Tage, ich hatte auch so gewiß mit meinem Blaserohr

schießen gelernt, daß ich einem Sperlinge, wenn er gleich dreihundert

Schritt von mir saß, damit das Lebenslicht ausblasen kunnte. Ich machte

das Rabenzeug so schüchtern, wenn sie nur meinen Namen nennen hörten, so

wußten sie schon, wieviel es geschlagen hatte.

[Illustration]

Als nun meine Frau Mutter sah, daß mir das Studieren ganz nicht zu Halse

wollte und nur das Schulgeld vor die lange Weile hingeben mußte, nahm

sie mich aus der Schule wieder heraus und tat mich zu einem vornehmen

Kaufmann, da sollte ich ein berühmter Handelsmann werden, ja ich hätte

es wohl werden können, wenn ich auch Lust dazu gehabt hätte; denn

anstatt da ich sollte die Nummern an den Waren merken und wie teuer die

Elle müßte mit Profit verkauft werden, so hatte ich immer andere

Schelmstücke in Gedanken, und wenn mich mein Patron wohin schickte, daß

ich geschwinde wiederkommen sollte, so nahm ich allemal erstlich mein

Blaserohr mit, ging eine Gasse auf, die andere wieder nieder und sah, wo

Sperlinge saßen; oder wenn wo schöne große Scheiben in Fenstern waren

und es sah niemand heraus, so knapste ich nach denselben und lief

hernach immer meine Wege wieder fort; kam ich denn wieder zu meinem

Herrn und war etwa ein paar Stunden über der Zeit außen gewesen, so

wußte ich allemal so eine artige Lügente[3] ihm vorzubringen, daß er

mir sein Lebetage nichts sagte. Zuletzt versah ichs aber dennoch auch

bei ihm, daß es nicht viel fehlte, so hätte er mir mein Blaserohr auf

dem Buckel entzweigeschmissen. Ich aber merkte den Braten und gab mit

meinem Blaserohre Reißaus und soll nun noch wieder zu ihm kommen.

Hernach so schickte er zu meiner Frau Mutter und ließ ihr sagen, wie daß

ich ihm allen Unfug mit meinem Blaserohre bei den Leuten angerichtet

hätte und mich ganz zur Handlung nicht schicken wollte. Meine Frau

Mutter ließ dem Kaufmann aber wieder sagen, es wäre schon gut, und sie

wollte mich nicht wieder zu ihm tun, weil ich indem schon von ihm

weggelaufen und wieder bei ihr wäre, vielleicht kriegte ich zu sonst was

Bessers Lust. Das war nun wieder Wasser auf meine Mühle, als meine Frau

Mutter dem Kaufmann solches zur Antwort sagen ließ, und hatte ich zuvor

die Leute auf der Gassen und die schönen Spiegelscheiben in den Fenstern

nicht geschoren, so foppte ich sie hernach allererst, wie ich wieder

meinen freien Willen hatte. Endlich, da meine Frau Mutter sah, daß immer

Klage über mich kam, und etlichen Leuten die Fenster mußte wieder machen

lassen, fing sie zu mir an: Lieber Sohn Schelmuffsky, du kömmst nun alle

sachte zu besserem Verstande und wirst auch fein groß dabei: sage nur,

was ich noch mit dir anfangen soll, weil du ganz und gar keine Lust zu

nirgends zu hast und nur einen Tag und alle Tage nichts anders tust, als

daß du mir die Leute in der Nachbarschaft mit deinem Blaserohre zum

Feinde machst und mich in Ungelegenheit bringst. Ich antwortete aber

meiner Frau Mutter hierauf wieder und sagte: Frau Mutter, weiß sie was?

Ich will her sein[4] und fremde Länder und Städte besehen, vielleicht

werde ich durch mein Reisen ein berühmter Kerl, daß hernach, wenn ich

wiederkomme, jedweder den Hut vor mir muß unter den Arm nehmen, wenn er

mit mir reden will. Meine Frau Mutter ließ sich diesen Vorschlag

gefallen und meinte, wenn ichs so weit bringen könnte, sollte ich mich

immer in der Welt umsehen, sie wollte mir schon ein Stück Geld mit auf

den Weg geben, daß ich eine Weile daran zu zehren hätte. Hierauf war ich

her, suchte zusammen, was ich mitnehmen wollte, wickelte alles zusammen

in ein zwilchen[5] Schnupftuch, steckte es in die Ficke[6] und machte

mich reisefertig; doch hätte ich mein Blaserohr auch gerne mitgenommen,

allein so wußte ichs nicht mit fortzubringen und besorgte, es möchte mir

unterwegens gestohlen oder genommen werden, ließ also dasselbe zu Hause

und versteckte es auf dem obersten Boden hinter die Feuermauer und trat

in dem vierundzwanzigsten Jahre meines Alters meine sehr gefährliche

Reise an. Was ich nun in der Fremde zu Wasser und Lande überall gesehen,

gehört, erfahren und ausgestanden, das wird in den folgenden Kapiteln

mit höchster Verwunderung zu vernehmen sein.

[3] aus »Lüge« und »Legende« gebildet.

[4] will mich aufmachen.

[5] von Zwillich, grobem Zeug.

[6] Tasche.

2. Kapitel.

Der Kuckuck fing gleich denselben Tag das erstemal im Jahre an zu rufen,

als ich in Schelmerode von meiner Frau Mutter Abschied nahm, ihr um den

Hals fiel, sie auf jedweden Backen zu guter Letzt dreimal herzte und

hernach immer zum Tore hinaus wanderte. Wie ich nun vor das Tor kam, O

sapperment! wie kam mir alles so weitläufig in der Welt vor, da wußte

ich nun, der Tebel hol mer, nicht, ob ich gegen Abend oder gegen der

Sonnen Niedergang zu marschieren sollte; hatte wohl zehnmal den Willen,

wieder umzukehren und bei meiner Frau Mutter zu bleiben, wenn ich

solches nicht so lästerlich verschworen gehabt, nicht eher wieder zu ihr

zu kommen, bis daß ich ein brav Kerl geworden wäre. Doch hätte ich mich

endlich auch nicht groß an das Verschwören gekehrt, weil ich sonst wohl

eher was verschworen und es nicht gehalten hatte, sondern würde

unfehlbar wieder zu meiner Frau Mutter gewandert sein, wann nicht ein

Graf auf einem Schellenschlitten wäre querfeldein nach mir zugefahren

kommen und mich gefragt, wie ich so da in Gedanken stünde. Worauf ich

dem Grafen aber zur Antwort gab, ich wäre willens, die Welt zu besehen,

und es käme mir alles so weitläufig vor, und wüßte nicht, wo ich zugehen

sollte. Der Graf fing hierauf zu mir an und sagte: Monsieur, es siehet

ihm was Rechts aus seinen Augen, und weil er willens ist, die Welt zu

besehen, so setze er sich zu mir auf meinen Schellenschlitten und fahre

mit mir, denn ich fahre deswegen auch in der Welt nur herum, daß ich

sehen will, was hier und da passiert. Sobald der Herr Graf dieses

gesagt, sprang ich mit gleichen Beinen in seinen Schellenschlitten

hinein und steckte die rechte Hand vorne in die Hosen und die linke in

den rechten Schubsack, daß mich nicht frieren sollte, denn der Wind ging

sehr kalt und hatte selbige Nacht ellendicke Eis gefroren; doch war es

noch gut, daß der Wind uns hintennach ging, so kunnte er mich nicht so

treffen, denn der Herr Graf hielt ihn auch etwas auf, der saß hinten auf

der Pritsche und kutschte, damit so fuhren wir immer in die Welt hinein

und gegen Mittag zu. Unterwegens erzählten wir einander unser

Herkommens; der Herr Graf machte nun den Anfang und erzählte seinen

gräflichen Stand und daß er aus einem uralten Geschlechte herstammte,

welches zweiunddreißig Ahnen hätte, und sagte mir auch, in welchem Dorfe

seine Großmutter begraben läge, ich habe es aber wieder vergessen;

hernach so schwatzte er mir auch, wie daß er, als er noch ein kleiner

Junge von sechzehn Jahren gewesen wäre, seine Lust und Freude an dem

Vogelstellen immer gehabt hätte und einstmals auf einmal zugleich

einunddreißig Pumpelmeisen in einem Sprenkel gefangen, welche er sich in

Butter braten lassen und ihm so vortrefflich bekommen wären. Nachdem er

nun seinen Lebenslauf von Anfang bis zum Ende erzählt hatte, so fing ich

hernach von meiner wunderlichen Geburt an zu schwatzen, wie auch von

meinem Blaserohre, mit welchem ich so gewiß schießen können. O

sapperment! wie sperrte der Herr Graf Maul und Nasen darüber auf, als

ich ihm solche Dinge erzählte, und meinte, daß noch was Rechts auf der

Welt aus mir werden würde.

Nach solcher Erzählung kamen wir an ein Wirtshaus, welches flugs an der

Straße im freien Felde lag, daselbst stiegen wir ab und gingen hinein,

uns ein wenig da auszuwärmen; sobald als wir in die Stube kamen, ließ

sich der Herr Graf ein groß Glas geben, in welches wohl hierzulande auf

achtzehn bis zwanzig Maß gehn, dasselbe ließ er sich von dem Wirte voll

Branntwein schenken und brachte mirs von da auf Du und Du zu. Nun hätte

ich nicht vermeint, daß der Graf das Glas voll Branntwein alle auf

einmal aussaufen würde, allein er soffs, der Tebel hol mer, auf einen

Soff ohne Absetzen und Bartwischen reine aus, daß sich auch der Wirt

grausam darüber verwunderte. Hernach so ließ ers wieder so voll schenken

und sagte zu mir: Nun allons, Herr Bruder Schelmuffsky, ein Hundsfott,

der mirs nicht auch Bescheid tut. Sapperment! das Ding verdroß mich,

daß der Graf mit solchen Worten flugs um sich schmiß, und fing gleich zu

ihm an: Topp, Herr Bruder, ich wills Bescheid tun. Als ich dieses ihm

zur Antwort gab, fing der Wirt höhnisch zu dem Grafen an zu lächeln und

meinte, ich würde es unmöglich können Bescheid tun, weil der Herr Graf

ein dicker, korpulenter Herr und ich gegen ihn nur ein Aufschüßling wäre

und in meinen Magen das Glas voll Branntwein wohl schwerlich gehen

würde. Ich war aber her und setzte mit dem Glase voll Branntwein an und

soff es, der Tebel hol mer, flugs auf einen Schluck aus. O sapperment!

was sperrte der Wirt vor ein paar Augen auf und sagte heimlich zum

Grafen, daß was Rechts hinter mir stecken müßte. Der Graf aber klopfte

mich hierauf gleich auf meine Achseln und sagte: Herr Bruder, verzeihe

mir, daß ich dich zum Trinken genötigt habe, es soll hinfort nicht mehr

geschehen, ich sehe nun schon, was an dir zu tun ist, und daß

deinesgleichen von Konduite[7] wohl schwerlich wird in der Welt gefunden

werden. Ich antwortete dem Herrn Bruder Grafen hierauf sehr artig wieder

und sagte, wie daß ich wahrlich ein brav Kerl wäre und noch erstlich zu

was Rechts werden würde, wenn ich weiter in die Welt hineinkommen sollte

und wenn er mein Bruder und Freund bleiben wollte, sollte er mich

künftig mit dergleichen Dingen verschonen. O sapperment! wie demütigte

sich der Graf gegen mich und bat mirs auf seine gebogenen Knien ab und

sagte, dergleichen Exzesse sollten künftig nicht mehr von ihm geschehen.

[7] feinem Benehmen.

Hierauf bezahlten wir den Wirt, setzten uns wieder auf unsern

Schellenschlitten und fuhren immer weiter in die Welt hinein. Wir

gelangten zu Ende des Oktobers, da es schon fast ganz dunkel worden war

in der berühmten Stadt Hamburg an, allwo wir mit unserm Schlitten am

Pferdemarkte in einem großen Hause einkehrten, worinnen viel vornehme

Standespersonen und Damens logierten. Sobald als wir da abgestiegen

waren, kamen zwei italiänische Nobels[8] die Treppe oben

heruntergegangen; der eine hatte einen messingenen Leuchter in der Hand,

worauf ein brennendes Wachslicht brannte, und der andere eine große

töpferne brennende Lampe, welche geschwippt voll Bomolie[9] gegossen

war, die hießen uns da willkommen und erfreuten sich meiner wie auch des

Herrn Bruders Grafen seiner guten Gesundheit. Nachdem sie nun solche

Komplimente gegen uns abgelegt hatten, nahm mich der eine Nobel mit dem

brennenden Wachslichte bei der Hand und der andere mit der brennenden

Bomolienlampe faßte den Herrn Grafen bei dem Ärmel und führten uns da

die Treppe hinauf, daß wir nicht fallen sollten, denn es waren sechs

Stufen oben ausgebrochen. Wie wir nun die Treppe oben hinaufkamen, so

präsentierte sich ein vortrefflicher, schöner Saal, welcher um und um

mit den schönsten Tapezereien und Edelgesteinen ausgeziert war und von

Gold und Silber flimmerte und flammte. Auf demselben Saale nun stunden

zwei vornehme Staaten[10] aus Holland und zwei portugiesische

Abgesandte, die kamen mir und meinem Herrn Bruder Grafen gleichfalls

entgegengegangen, hießen uns auch willkommen und erfreuten sich

ebenfalls unserer guten Gesundheit und glücklichen Anherokunft. Ich

antwortete denselben flugs sehr artig wieder und sagte, wenn sie auch

noch fein frisch und gesund wären, würde es mir und dem Herrn Grafen

sehr lieb auch sein. Als ich mein Gegenkompliment nun auch wieder

abgelegt hatte, so kam der Wirt in einem grünen Samtpelze auch dazu, der

hatte nun ein groß Bund Schlüssel in der Hand, hieß uns auch willkommen

und fragte, ob ich und der Herr Graf belieben wollten, noch eine Treppe

höher mit ihm zu steigen, allwo er uns anweisen wollte, wo wir unser

Zimmer haben sollten.

[8] Leute von Adel.

[9] holländisch für Baumöl.

[10] Abgeordnete der Generalstaaten.

Ich und der Herr Bruder nahmen hierauf von der sämtlichen Kompagnie mit

einer sehr artigen Miene Abschied und folgten dem Wirte, daß er uns in

unser Zimmer führen sollte, welches wir zu unserer Bequemlichkeit

innehaben sollten. Sobald wir nun mit ihm noch eine Treppe hinaufkamen,

schloß er eine vortreffliche schöne Stube auf, worinnen ein über alle

Maßen galantes Bett stund und alles sehr wohl in derselben Stube

aufgeputzt war; daselbst hieß er uns unsere Gelegenheit gebrauchen, und

wenn wir was verlangten, sollten wir nur zum Fenster hinunterpfeifen, so

würde der Hausknecht alsobald zu unsern Diensten stehen, und nahm

hierauf von uns wieder Abschied. Nachdem wir uns nun so ein bischen

ausgemaustert hatten, so kam der Wirt im grünen Samtpelze wieder hinauf

zu uns und rief uns zur Abendmahlzeit, worauf ich und der Herr Bruder

Graf gleich mit ihm gingen. Er führte uns die Treppe wieder hinunter

über den schönen Saal weg und in eine große Stube, allwo eine lange

Tafel gedeckt stund, auf welche die herrlichsten Traktamenten getragen

wurden. Der Herr Wirt hieß uns da ein klein wenig verziehen, die andern

Herren wie auch Damens würden sich gleich auch dabei einfinden und uns

Kompagnie leisten.

Es währte hierauf kaum so lange, als er davon geredet hatte, so kamen zu

der Tafelstube gleich auch hineingetreten die zwei italienischen Nobels,

welche uns zuvor bekomplimentiert hatten, ingleichen auch die zwei

Staaten aus Holland und die zwei portugiesischen Abgesandten, und

brachte ein jedweder eine vornehme Dame neben sich an der Hand mit

hinein geschleppt. O sapperment! als sie mich und meinen Herrn Bruder

Grafen dastehen sahen, was machten sie alle mit einander vor Reverenzen

gegen uns, und absonderlich die Menscher[11], die sahen uns, der Tebel

hol mer, mit rechter Verwunderung an. Da nun die ganze Kompagnie

beisammen war, welche mitspeisen sollte, nötigten sie mich und meinen

Herrn Bruder Grafen, daß wir die Oberstelle an der Tafel einnehmen

mußten, welches wir auch ohne Bedenken taten. Denn ich setzte mich nun

ganz zu oberst an, neben mir zur linken Hand saß der Herr Bruder Graf

und neben mir rechts an der Ecke saßen nacheinander die vornehmen

Damens, weiter hinunter hatte ein jedweder auch seinen gehörigen Platz

eingenommen. Unter währender Mahlzeit nun wurde von allerhand

Staatssachen diskuriert, ich und der Bruder Graf aber schwiegen dazu

stockstille und sahen, was in der Schüssel passierte, denn wir hatten in

drei Tagen keiner keinen Bissen Brot gesehen.

[11] Frauenspersonen, Damen.

Wie wir uns aber beide brav dicke gefressen hatten, so fing ich hernach

auch an, von meiner wunderlichen Geburt zu erzählen, und wie es mit der

Ratte wäre zugangen, als sie wegen des zerfressenen seidenen Kleides

hätte sollen totgeschlagen werden. O sapperment! wie sperrten sie alle

Mäuler und Nasen auf, da ich solche Dinge erzählte, und sahen mich mit

höchster Verwunderung an. Die vornehmen Damens fingen gleich an darauf,

meine Gesundheit zu trinken, welchen die ganze Kompagnie Bescheid tat.

Bald sagte eine, wenn sie soff: Es lebe der vornehme Herr von

Schelmuffsky! bald fing eine andere drauf an: Es lebe die vornehme

Standesperson, welche unter dem Namen Schelmuffsky seine hohe Geburt

verbirgt! Ich machte nun allemal eine sehr artige Miene gegen die

Menscher, wenn sie meine Gesundheit so nach der Reihe soffen. Die eine

vornehme Dame, welche flugs neben mir an der Tischecke zur rechten Hand

saß, die hatte sich wegen der Begebenheit von der Ratte ganz in mich

verliebt. Sie druckte mir wohl über hundertmal die Fäuste überm Tische,

so gut meinte sie es mit mir, weil sie sich in mich so sehr verliebt

hatte, doch war es nicht zu verwundern, weil ich so artig neben ihr saß

und alles dazumal, der Tebel hol mer, flugs über mich lachte. Nachdem

ich nun mit meinem Erzählen fertig war, so fing mein Herr Bruder auch

gleich an, von seinem Herkommen zu schwatzen und wo seine zweiunddreißig

Ahnen alle herkommen, und erzählte auch, in welchem Dorfe seine

Großmutter begraben läge und wie er, als er noch ein kleiner Junge von

sechzehn Jahren gewesen, einunddreißig Pumpelmeisen zugleich auf einmal

in einem Sprenkel gefangen hätte und was das Zeugs mehr alle war; allein

er brachte alles so wunderlich durcheinander vor und mengte bald das

Hundertste in das Tausendste hinein und hatte auch kein gut Mundwerk,

denn er stammerte gar zu sehr, daß er auch, wie er sah, daß ihm niemand

nicht einmal zuhörte, mitten in seiner Erzählung stille schwieg und sah,

was sein Teller guts machte. Wenn ich aber zu diskurieren anfing, Ei

sapperment! wie horchten sie alle wie die Mäuschen, denn ich hatte nun

so eine anmutige Sprache und kunnte alles mit so einer artigen Miene

vorbringen, daß sie mir nur, der Tebel hol mer, mit Lust zuhörten.

Nachdem der Wirt nun sah, daß niemand mehr aß und die Schüsseln ziemlich

ausgeputzt waren, ließ er die Tafel wieder abräumen. Wie solches

geschehen, machte ich und der Bruder Graf ein sehr artig Kompliment

gegen die sämtliche Kompagnie und standen von der Tafel auf. Da sie das

über Tische nun sahen, fingen sie alle miteinander an auch aufzustehen.

Ich und der Herr Bruder Graf nahmen hierauf ohne Bedenken zuerst wieder

unsern Weg zum Tafelgemach hinaus und marschierten nach unserm Zimmer

zu. Die sämtliche Kompagnie aber begleitete uns über den schönen Saal

weg und bis an unsere Treppe, wo wir wieder hinaufgehen mußten, allda

nahmen sie von uns gute Nacht und wünschten uns eine angenehme Ruhe. Ich

machte nun gegen sie gleich wieder ein artig Kompliment und sagte, wie

daß ich nämlich ein brav Kerl wäre, der etwas müde wäre, wie auch der

Herr Graf, und daß wir in etlichen Wochen in kein Bette gekommen wären.

So zweifelten wir gar nicht, daß wir wacker schlafen würden, und sie

möchten auch wohl schlafen. Nach dieser sehr artig gegebenen Antwort

ging nun ein jedweder seine Wege, ich und mein Herr Bruder Graf gingen

gleich auch die Treppe vollends hinauf und nach unsrer Stube zu. Wie wir

da hineinkamen, so pfiff ich dem Hausknechte, daß er uns ein Licht

bringen mußte, welcher auch augenblicks damit sich einstellte und wieder

seiner Wege ging.

Dann legten wir uns beide in das schöne Bette, welches in der Stube

stund. Sobald als der Herr Bruder Graf sich dahineinwälzte, fing er

gleich an zu schnarchen, daß ich vor ihm kein Auge zu dem andern bringen

kunnte, ob ich gleich sehr müde und schläfrig auch war. Indem ich nun so

eine kleine Weile lag und lauschte, so pochte ganz sachte jemand an

unsere Stubentüre an, ich fragte, wer da wäre, es wollte aber niemand

antworten. Es pochte noch einmal an, ich fragte wieder, wer da wäre, es

wollte mir aber niemand Antwort geben. Ich war her, sprang zum Bette

heraus, machte die Stubentüre auf und sah, wer pochte. Als ich selbige

eröffnete, so stund ein Mensche draußen und hatte ein klein Briefchen in

der Hand, bot mir im Finstern einen guten Abend und fragte, ob der

fremde vornehme Herr, welcher heute abend über Tische die Begebenheit

von einer Ratte erzählt, seine Stube hier hätte. Da sie nun hörte, daß

ichs selbst war, fing sie weiter an: Hier ist ein Briefchen an Sie, und

ich soll ein paar Zeilen Antwort drauf bringen. Hierauf ließ ich mir den

Brief geben, hieß sie ein wenig vor der Stubentüre verziehen und pfiff

dem Hausknechte, daß er mir das Licht anbrennen mußte, welches er auch

alsobald tat und mit einer großen Laterne die Treppe hinaufgelaufen kam.

Damit so erbrach ich den Brief und sah, was drinnen stund. Der Inhalt

war, wie folgt, also:

»A n m u t i g e r  J ü n g l i n g.

Woferne Euchs beliebet, diesen Abend noch mein Zimmer zu besehen,

so lasset mir durch gegenwärtige Servante[12] Antwort wissen.

Adjeu! Eure affektionierte Dame, welche bei Euch heute abend über

Tische an der Ecke zur rechten Hand gesessen.

L a  C h a r m a n t e.«

[12] Dienstmädchen.

Sobald ich diesen Brief nun gelesen, pfiff ich dem Hausknechte wieder,

daß er mir Feder, Tinte und Papier bringen mußte, darauf setzte ich mich

nur hin und schrieb einen sehr artigen Brief wieder an die Dame

Charmante zur Antwort, derselbe war nun auf diese Manier eingerichtet:

»M i t  W ü n s c h u n g  a l l e s  L i e b e s  u n d

G u t e s  z u v o r  W o h l-E h r b a r e

D a m e  C h a r m a n t e.

Ich will nur erstlich meine Schuhe und Strümpfe wie auch meinen

Rock wieder anziehen, hernach will ich gleich zu Euch kommen. Ihr

müsset aber, Wohl-Ehrbare Dame, die Servante unfehlbar wieder zu

mir schicken, daß sie mir die Wege weist, wo ich Eure Stube finden

soll, und lasset sie eine Laterne mitbringen, daß ich auch nicht im

Finstern falle, denn alleine komme ich, der Tebel hol mer, nicht.

Warum? es ist jetzo gleich zwischen elf und zwölf, da der Henker

gemeiniglich sein Spiel hat und mir leichtlich ein Schauer ankommen

möchte, daß mir auf den Morgen hernach das Maul brav ausschlüge,

und was würde Euch denn damit gedient sein, wenn ich eine grindige

Schnauze kriegte, wornach Ihr Euch zu achten wisset. Haltet nun wie

Ihrs wollt, holt das Mensche mich ab, wohl gut, kommt sie aber

nicht wieder, wie bald ziehe ich mich wieder aus und lege mich

wieder zu meinem Bruder Grafen ins Bette. Im übrigen lebet wohl,

ich verbleibe dafür

Meiner Wohl-Ehrbaren Madame Charmante

allezeit treu-gehorsamst dienstschuldigst

reisefertigster

S c h e l m u f f s k y.«

Diesen Brief schickte ich nun der vornehmen Dame Charmante zur Antwort

wieder und suchte meine Schuhe und Strümpfe unter der Bank flugs hervor,

daß ich sie anziehen wollte; ich hatte kaum den einen Strumpf an das

linke Bein gezogen, so stund die Servante schon wieder draußen und hatte

eine große papierne Laterne in der Hand, worinnen eine töpferne Lampe

mit zwei Dochten brannte, und wollte mich nach der Dame Charmante ihrem

Zimmer leuchten, daß ich nicht fallen sollte. Sobald als ich mich nun

angezogen, nahm ich meinen Degen, welches ein vortrefflicher

Rückenstreicher war, unter den Arm und ging mit nach der Charmante ihrer

Stube zu. Das Mensche, die Servante, kunnte mir mit der papiernen

Laterne überaus stattlich leuchten; sie führte mich von meiner Stube an

die Treppe wieder hinunter über den schönen Saal weg, einen langen Gang

im Hof hinten, allwo ich sechs Treppen hoch mit ihr wieder steigen

mußte, ehe ich an der Charmante ihr Zimmer kam.

Wie mir das Mensch die Stubentüre nun zeigte, so klinkte ich gleich auf

und ging ohne Bedenken unangemeldet hinein. Da mich die Charmante nun

kommen sah, bat sie bei mir um Verzeihung, daß ich solches nicht

ungeneigt aufnehmen möchte, daß sie bei später Nacht noch zu mir

geschickt und mich in ihr Zimmer bemüht hätte. Ich antwortete der

Charmante aber hierauf sehr artig wieder und sagte, wie daß ich nämlich

ein brav Kerl wäre, desgleichen man wohl wenig in der Welt antreffen

würde, und es hätte nichts auf sich, weil ich indem vor meines Herrn

Bruder Grafen seinem Schnarchen nicht einschlafen können. Als ich ihr

dieses nun so mit einer überaus artigen Miene zur Antwort gab, so bat

sie mich, daß ich ihr die Begebenheit doch noch einmal von der Ratte

erzählen sollte, da man sie wegen des zerfressenen seidenen Kleides mit

dem Besen totschlagen wollen.

Ich erzählte der Charmante hierauf augenblicks die ganze Begebenheit, so

gab sie hernach Freiens bei mir vor und sagte, ich sollte sie nehmen;

ich antwortete der Charmante aber hierauf sehr artig wieder und sagte,

wie daß ich nämlich ein brav Kerl wäre, aus dem was Rechts noch erst

werden würde, wenn er weiter in die Welt hineinkäme, und daß ich so

balde noch nicht Lust hätte, eine Frau zu nehmen. Doch wollte ich ihrs

nicht abschlagen, sondern es ein wenig überlegen. O sapperment! wie fing

das Mensche an zu heulen und zu gransen, da ich ihr von dem Korbe

schwatzte, die Tränen liefen ihr immer die Backen herunter, als wenn man

mit Mulden gösse, und machte sich da ein paar Augen wie die größesten

Schafkäsenäpfe groß.

Wollte ich nun wohl oder übel, daß sie sich nicht gar über mich zu Tode

heulen möchte, mußte ichs, der Tebel hol mer, zusagen, daß ich keine

andere als sie zur Frau haben wollte. Da nun solches geschehen, gab sie

sich wieder zufrieden, und nahm ich selben Abend von ihr Abschied und

ließ mich durch die Servante mit der papiernen Laterne wieder auf meine

Stube leuchten und legte mich zu meinem Herrn Bruder Grafen ins Bette,

welcher noch eben auf der Stelle dalag und in einem weg schnarchte. Ich

war kaum ins Bette wieder hinein, so kriegte ich auch etwa seine Laune,

und schnarchten da alle beide wie ein altes Pferd, welches dem Schinder

entlaufen war. Den andern Tag früh, da es etwa um neun Uhr sein mochte

und ich im besten Schlafe lag, so stieß jemand mit beiden Beinen an

unsere Stubentür lästerlich an, daß ich aus dem Schlafe klaffternhoch

vor Erschrecknis in die Höhe fuhr. Des Anschlagens wollte aber kein Ende

nehmen, ich war her und sprang flugs mit gleichen Beinen aus dem Bette

heraus, zog mein Hemde an und wollte sehen, wer da war. Wie ich

aufmachte, so stund des einen Staatens aus Holland sein Junge draußen,

welcher fragte, ob der von Schelmuffsky seine Stube hier hätte. Da ich

dem Jungen nun zur Antwort gab, daß ichs selber wäre, sagte er weiter,

sein Herr, der hielte mich vor keinen braven Kerl, sondern vor einen

Erzbärenhäuter, wenn ich nicht zum allerlängsten um zehn Uhr heute

vormittag mit einem guten Degen auf der großen Wiese vor dem

Altonaischen Tore erschiene, und da wollte er mir weisen, was Räson

wäre. O sapperment! wie verdroß mich das Ding, als mir der Kerl durch

seinen Jungen solche Worte sagen ließ. Ich fertigte den Jungen aber

alsobald mit folgender Antwort ab und sagte: Höre, Hundsfott, sprich du

zu deinem Herrn wieder, ich ließe ihm sagen, warum er denn nicht selbst

zu mir gekommen wäre und mir solches gesagt, ich hätte bald mit ihm

fertig werden wollen; damit er aber sehen sollte, daß ich mich vor ihm

nicht scheute, so wollte ich kommen und ihm nicht allein zu Gefallen

einen guten Degen, welches ein Rückenstreicher wäre, mitbringen, sondern

es sollten auch ein paar gute Pistolen zu seinen Diensten stehen, damit

wollte ich ihm weisen, wie er den bravsten Kerl von der Fortuna ein

andermal besser respektieren sollte, wenn er was an ihm zu suchen hätte.

Hierauf ging des Staatens sein Junge fort und muckte nicht ein Wort

weiter, ausgenommen, wie er an die Treppe kam, so schielte er mich von

der Seite mit einer höhnischen Miene recht sauer hinterrücks an und lief

geschwinde die Treppe hinunter.

Ich aber war her, ging in die Stube wieder hinein, zog mich geschwinde

an und pfiff dem Hausknechte, daß er eiligst zu mir kommen mußte.

Welcher sich auch flugs augenblicks bei mir einstellte und sagte: Was

belieben Euere Gnaden? Das Ding gefiel mir sehr wohl von dem Kerl, daß

er so bescheidentlich antworten kunnte. Ich fragte ihn hierauf, ob er

mir nicht ein paar gute Pistolen schaffen könnte, das und das ginge vor

sich, wollte ihm keinen Schaden daran tun und er sollte dafür ein

Trinkgeld zu gewarten haben. O sapperment! als der Kerl von dem

Trinkgelde hörte, wie sprang er zur Stubentüre hinaus und brachte mir

im Augenblick ein paar wunderschöne Pistolen geschleppt, welche dem

Wirte waren; die eine mußte er mir mit großen Hasenschroten und die

andere mit kleiner Dunst füllen und zwei Kugeln draufstopfen. Da solches

geschehen, gürtete ich meinen Rückenstreicher an die Seite, die Pistolen

steckte ich in den Gürtel und marschierte da immer stillschweigens nach

dem Altonaischen Tore zu. Wie ich nun vor das Tor kam, so erkundigte ich

mich nun gleich, wo die große Wiese wäre. Es gab mir aber ein kleiner

Schifferjunge alsobald Nachricht davon. Da ich nun ein klein Eckchen von

der Stadtmauer gegangen war, so kunnte ich die große Wiese sehen und

sah, daß ihrer ein ganzer Haufen dortstunden, auf welche ich gleich

sporenstreichs zumarschierte. Als ich nun bald an sie kam, sah ich, daß

der eine Staate dastund und ihrer Etliche noch bei sich hatte. Ich

fragte ihn aber gleich, wie ich zu ihm kam, ob er mich durch seinen

Jungen vor einer Stunde wohin hätte fordern lassen und was die Ursache

wäre. Worauf er mir zur Antwort gab: Ja, er hätte solches getan, und das

wäre die Ursache, weil ich die vergangene Nacht bei der Madame Charmante

gewesen, und das könnte er gar nicht leiden, daß ein Fremder sie

bedienen sollte; war hierauf augenblicks mit der Fuchtel heraus und kam

auf mich zu marschiert.

Da ich nun sah, daß er der Herr war, O sapperment! wie zog ich meinen

Rückenstreicher auch vom Leder und legte mich in Positur; ich hatte ihm

kaum einen Stoß auspariert, so tat ich nach ihm einen Saustoß und stach

ihm, der Tebel hol mer, mit meinem Rückenstreicher die falsche Quinte

zum linken Ellbogen hinein, daß das Blut armsdicke herausschoß, und

kriegte ihn hernach beim Leibe und wollte ihm mit der einen Pistole,

welche stark mit Dunst und Kugeln geladen war, das Lebenslicht vollends

ausblasen; es wäre auch in bösem Mute geschehen, wenn nicht seine

Kameraden mir wären in die Arme gefallen und gebeten, daß ich nur sein

Leben schonen sollte, indem ich Revenge[13] genug hätte. Die Sache wurde

auch auf vielfältiges Bitten also bemittelt, daß ich mich wieder mit ihm

vertragen mußte; und zwar mit dem Bedinge, daß er mir durch seinen

Jungen niemals mehr solche Worte sagen ließe, wenn ich der Madame

Charmante eine Visite gegeben hätte, welches er mir auch zusagte.

[13] Revanche, Genugtuung.

In was vor Ehren ich hernach von seinen Kameraden gehalten wurde, das

kann ich, der Tebel hol mer, nicht genug beschreiben, wo auch nur eine

Aktion vorging, da mußte ich allezeit mit dabei sein und die

Kontraparten[14] auseinandersetzen. Denn wo ich nicht dabei mit war,

wenn Schlägerei vorging, und wurde nur insgeheim so vertragen, davon

wurde gar nichts gehalten; wo es aber hieß, der von Schelmuffsky hat dem

und dem wieder sekundiert, so wußten sie alle schon, wieviel es

geschlagen hatte. Die gehabte Aktion mit dem einen Staaten aus Holland

erzählte ich alsobald der Dame Charmante und sagte, daß es ihretwegen

geschehen wäre. Das Mensche erschrak zwar anfänglich sehr darüber,

allein wie sie hörte, daß ich mich so ritterlich gehalten hatte, sprung

sie vor Freuden hoch in die Höhe und fiel mir um den Hals. Hernach so

ging ich zu meinem Herrn Bruder Grafen hinauf in die Stube, welcher zwar

noch im Bette lag und lauschte; demselben erzählte ichs auch, was mir

schon begegnet wäre in Hamburg. Der war nun so giftig, daß ich ihn nicht

aufgeweckt hatte, er hätte wollen auf seinem Schellenschlitten mit

hinausfahren und mir sekundieren helfen, ich gab ihm aber zur Antwort,

daß sich ein brav Kerl auch vor ihrer Hunderten nicht scheuen dürfte.

Hierauf kam der Wirt im grünen Samtpelze hinauf zu uns und rief uns

wieder zur Mittagsmahlzeit. O sapperment! Wie sprung mein Herr Bruder

Graf aus dem Bette heraus und zog sich über Hals und Kopf an, weil er

das Essen nicht versäumen wollte. Wie er sich nun angezogen hatte,

marschierten wir beide mit dem Herrn Wirte wieder hinunter zur Tafel. Es

stellte sich die ganze Kompagnie bei Tische wieder ein, welche vorigen

Abend mitgespeist hatte, ausgenommen der eine Staate, welchem ich die

falsche Quinte durch den Arm gestoßen hatte, der war nicht da. Ich und

mein Herr Bruder Graf nahmen nun ohne Bedenken die Oberstelle wieder

ein. Da meinte ich nun, es würde über Tische von der Aktion was

gestichelt werden, allein, der Tebel hol mer, nicht ein Wort wurde davon

erwähnt, und ich hätte es auch keinem raten wollen, denn die falsche

Quinte und der Saustoß lag mir noch immer im Sinne. Sie fingen von

allerhand wieder an zu diskurieren und meinten, ich würde auch etwa

wieder was erzählen, darüber sie sich verwundern könnten; sie gaben mir

auch Anleitung dazu, allein ich tat, der Tebel hol mer, als wenn ichs

nicht einmal hörte.

[14] streitenden Parteien.

Schelmuffskys wahrhaftige, kuriöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande · 第 1 / 9 段