Das Epigramma setze ich darumb zue der Satyra, weil die Satyra ein lang

Epigramma, vnd das Epigramma eine kurtze Satyra ist: denn die kürtze ist

seine eigenschafft, vnd die spitzfindigkeit gleichsam seine seele vnd

gestallt; die sonderlich an dem ende erscheinet, das allezeit anders als

wir verhoffet hetten gefallen soll: in welchem auch die spitzfindigkeit

vornemlich bestehet. Wiewol aber das Epigramma aller sachen vnnd wörter

fähig ist, soll es doch lieber in Venerischem wesen, vberschrifften der

begräbniße vnd gebäwe, Lobe vornemer Männer vnd Frawen, kurtzweiligen

schertzreden vnnd anderem, es sey was [D 3a] es wolle, bestehen, als in

spöttlicher hönerey vnd auffruck anderer leute laster vnd gebrechen.

Denn es ist eine anzeigung eines vnverschämten sicheren gemütes, einen

jetwedern, wie vnvernünfftige thiere thun, ohne vnterscheidt anlauffen.

Die Eclogen oder Hirtenlieder reden von schaffen, geißen, seewerck,

erndten, erdgewächsen, fischereyen vnnd anderem feldwesen; vnd pflegen

alles worvon sie reden, als von Liebe, heyrathen, absterben,

buhlschafften, festtagen vnnd sonsten auff jhre bäwrische vnd

einfältige art vor zue bringen.

In den Elegien hat man erstlich nur trawrige sachen, nachmals auch

buhlergeschäffte, klagen der verliebten, wündschung des todes, brieffe,

verlangen nach den abwesenden, erzehlung seines eigenen Lebens vnnd

dergleichen geschrieben; wie dann die meister derselben, Ouidius,

Propertius, Tibullus, Sannazar, Secundus, Lotichius vnd andere

außweisen.

Das ich der Echo oder des Wiederruffes zue ende der wörter gedencke,

thue ich erstlich dem Dousa zue ehren, welcher mit etlichen solchen

getichten gemacht hat, das wir etwas darvon halten; wiewol das so

Secundus geschrieben (wie alle andere seine sachen) auch sehr artlich

ist: darnach aber, weil ich sehe, das sie bey den Frantzosen gleichfalls

im gebrauche sein; bey denen man sich ersehen kan. So sind jhrer auch

zwey in meinen deutschen _Poematis_, die vnlengst zue Straßburg auß

gegangen, zue finden. Welchen buches halben, das zum theil vor etlichen

jahren von mir selber, zum theil in meinem abwesen von andern vngeordnet

vnd vnvbersehen zuesammen gelesen ist worden, ich alle die bitte denen

es zue gesichte kommen ist, sie wollen die vielfältigen mängel vnd

irrungen so darinnen sich befinden, beydes meiner jugend, (angesehen das

viel darunter ist, welches ich, da ich noch fast ein knabe gewesen,

geschrieben habe) vnnd dann denen zuerechnen, die auß keiner bösen

meinung meinen gueten namen dadurch zue erweitern bedacht ge-[D 3b]wesen

sein. Ich verheiße hiermitt, ehestes alle das jenige, was ich von

dergleichen sachen bey handen habe, in gewiße bücher ab zue theilen, vnd

zue rettung meines gerüchtes, welches wegen voriger vbereileten edition

sich mercklich verletzt befindet, durch offentlichen druck jedermann

gemeine zue machen.

Hymni oder Lobgesänge waren vorzeiten, die sie jhren Göttern vor dem

altare zue singen pflagen, vnd wir vnserem GOtt singen sollen.

Dergleichen ist der lobgesang den Heinsius vnserem erlöser, vnd der den

ich auff die Christnacht geschrieben habe. Wiewol sie auch zuezeiten

was anders loben; wie bey dem Ronsard ist der Hymnus der Gerechtigkeit,

Der Geister, des Himmels, der Sternen, der Philosophie, der vier

Jahreszeiten, des Goldes, &c.

Sylven oder wälder sind nicht allein nur solche _carmina_, die auß

geschwinder anregung vnnd hitze ohne arbeit von der hand weg gemacht

werden, von denen Quintilianus im dritten Capitel des zehenden buches

saget: _Diuersum est huic eorum vitium, qui primùm discurrere per

materiam stylo quàm velocissimo volunt, & sequentes calorem atque

impetum ex tempore scribunt: Hoc syluam vocant_; vnd wie an den schönen

_syluis_ die _Statius_ geschrieben zue sehen ist, welche er in der

Epistel für dem ersten buche nennet _libellos qui subito calore & quadam

festinandi voluptate ipsi fluxerant_: sondern, wie jhr name selber

anzeiget, der vom gleichniß eines Waldes, in dem vieler art vnd sorten

Bäwme zue finden sindt, genommen ist, sie begreiffen auch allerley

geistliche vnnd weltliche getichte, als da sind Hochzeit- vnd

Geburtlieder, Glückwündtschungen nach außgestandener kranckheit, item

auff reisen, oder auff die zuerückkunft von denselben, vnd dergleichen.

Die Lyrica oder getichte die man zur Music sonderlich gebrauchen kan,

erfodern zueföderst ein freyes lustiges gemüte, vnd wollen mit schönen

sprüchen vnnd lehren häuffig geziehret [D 4a] sein: wieder der andern

Carminum gebrauch, da man sonderliche masse wegen der sententze halten

muß; damit nicht der gantze Cörper vnserer rede nur lauter augen zue

haben scheine, weil er auch der andern glieder nicht entberen kan. Jhren

inhalt betreffendt, saget Horatius:

_Musa dedit fidibus diuos, puerosque deorum

Et pugilem victorem, & equum certamine primum,

Et iuuenum curas, & libera vina referre._

Er wil so viel zue verstehen geben, das sie alles was in ein kurtz

getichte kan gebracht werden beschreiben können; buhlerey, täntze,

banckete, schöne Menscher, Gärte, Weinberge, lob der mässigkeit,

nichtigkeit des todes, &c. Sonderlich aber vermahnung zue der

fröligkeit: welchen inhalts ich meiner Oden eine, zue beschliessung

dieses Capitels, setzen wil:

~Ode.~

Ich empfinde fast ein grawen

Das ich, Plato, für vnd für

Bin gesessen vber dir;

Es ist zeit hienauß zue schawen,

Vnd sich bei den frischen quellen

In dem grünen zue ergehn,

Wo die schönen Blumen stehn,

Vnd die Fischer netze stellen.

Worzue dienet das studieren,

Als zue lauter vngemach?

Vnter dessen laufft die Bach

Vnsers lebens das wir führen,

Ehe wir es innen werden,

[D 4b] Auff jhr letztes ende hin;

Dann kömpt (ohne geist vnd sinn),

Dieses alles in die erden.

Hola, Junger, geh' vnd frage

Wo der beste trunck mag sein;

Nim den Krug, vnd fülle Wein.

Alles trawren leidt vnd klage,

Wie wir Menschen täglich haben

Eh' vns Clotho fortgerafft

Wil ich in den süssen safft

Den die traube giebt vergraben.

Kauffe gleichfals auch melonen,

Vnd vergiß des Zuckers nicht;

Schawe nur das nichts gebricht.

Jener mag der heller schonen,

Der bey seinem Gold vnd Schätzen

Tolle sich zue krencken pflegt

Vnd nicht satt zue bette legt;

Ich wil weil ich kan mich letzen.

Bitte meine guete Brüder

Auff die music vnd ein glaß

Nichts schickt, dünckt mich, nicht sich baß

Als guet tranck vnd guete Lieder.

Laß ich gleich nicht viel zue erben,

Ey so hab' ich edlen Wein;

Wil mit andern lustig sein,

Muß ich gleich alleine sterben.

[E 1a] Das VI. Capitel.

Von der zuebereitung vnd ziehr der worte.

NAch dem wir von den dingen gehandelt haben, folgen jetzund die worte;

wie es der natur auch gemeße ist. Denn es muß ein Mensch jhm erstlich

etwas in seinem gemüte fassen, hernach das was er gefast hat außreden.

Die worte bestehen in dreyerley; inn der elegantz oder ziehrligkeit, in

der _composition_ oder zuesammensetzung, vnd in der dignitet vnd

ansehen.

Die ziehrligkeit erfodert das die worte reine vnd deutlich sein. Damit

wir aber reine reden mögen, sollen wir vns befleissen deme welches wir

Hochdeutsch nennen besten vermögens nach zue kommen, vnd nicht derer

örter sprache, wo falsch geredet wird, in vnsere schrifften vermischen:

als da sind, +es geschach+, für, +es geschahe+, +er sach+, für, +er

sahe+; +sie han+, für +sie haben+ vnd anderes mehr: welches dem reime

auch bißweilen außhelffen sol; als:

Der darff nicht sorgen für den spot,

Der einen schaden krieget hot.

So stehet es auch zum hefftigsten vnsauber, wenn allerley Lateinische,

Frantzösische, Spanische vnnd Welsche wörter in den text vnserer rede

geflickt werden; als wenn ich wolte sagen:

Nennt an die _courtoisie_, vnd die _deuotion_,

Die euch ein _cheualier_, _madonna_, thut erzeigen:

Ein' handvol von _fauor_ _petirt_ er nur zue lohn,

Vnd bleibet ewer Knecht vnd _seruiteur_ gantz eigen.

Wie selttzam dieses nun klinget, so ist nichts desto weniger die

thorheit innerhalb kurtzen Jharen so eingeriessen, das ein jeder, [E 1b]

der nur drey oder vier außländische wörter, die er zum offtern nicht

verstehet, erwuscht hat, bey aller gelegenheit sich bemühet dieselben

herauß zue werffen, Da doch die Lateiner eine solche abschew vor

dergleichen getragen, das in jhren versen auch fast kein griechisch wort

gefunden wird, das zwar gantz griechisch ist. Dann Juuenalis setzet inn

einem orte {zôê kai psychê}, eben dieselben auß zue lachen, die sich in

jhren buhlereyen mit griechischen wörtern behelffen: in dem andern orte

aber thut er es darumb, das er die schändliche sünde, daran Christen

auch nicht gedencken sollen, lateinisch auß zuesprechen abschew treget:

wiewol er sonsten kein blat für das maul nimpt. Was aber die _nomina

propria_ oder eigentlichen namen der Götter, Männer vnd Weiber vnd

dergleichen betrifft, dürffen wir nach art der Lateiner vnd Griechen

jhre casus nicht in acht nemen, sondern sollen sie so viel möglich auff

vnsere endung bringen. Als, ich mag künlich nach der Deutschen gebrauche

sagen:

Der schnelle plitz, des Jupiters geschoß,

vnd nicht, +des Jouis+. Item, +der Venus pfeile+, nicht +veneris+. Wie

es denn auch die Römer mit den griechischen wörtern machen. Die

Frantzosen gleichfals. Bartaß in seinem Buche, dem er den titel die

Herrligkeit gegeben:

_Vn grand Gymnosophiste, vn Druyde, vn Brachman._

Item die Hollender. Als Heinsius:

van daer is zij gegaen

By Thetis haer vrindin, en sprack Neptunus aen.

Doch können wir anfanges, weil es in vieler ohren noch etwas harte

lautet, etliche lateinische endungen noch gebrauchen, biß wir in die

gewonheit kommen sind. Als wenn ich der Erinnen, die Stobeus anzeucht,

verß geben wollte.

{Chaire moi Rhôma thygatêr Arêos},

mag ich wol setzen:

[E 2a] +O Rom, des Martis kind, sey sehr gegrüßt von mir+; denn im fall

ich spreche, +O Rom, du kind des Mars+, möchte es vielen zue anfange

seltzam vorkommen.

Die _diphthongi_ oder doppeltlautenden Buchstaben, weil sie bey vns

nicht vblich, dürffen nur mit dem selblautenden buchstaben geschrieben

werden, dessen thon sie haben; als +Enéas+, +Eschylus+, +Mecenas+ &c.

Newe wörter, welches gemeiniglich _epitheta_, derer wir bald gedencken

werden, vnd von andern wörtern zuesammen gesetzt sindt, zue erdencken,

ist Poeten nicht allein erlaubet, sondern macht auch den getichten, wenn

es mässig geschiehet, eine sonderliche anmutigkeit. Als wenn ich die

nacht oder die Music eine arbeittrösterinn, eine kummerwenderinn, die

Bellona mit einem dreyfachen worte kriegs-blut-dürstig, vnd so fortan

nenne. Item den Nortwind einen wolckentreiber, einen felssen stürmer vnd

meerauffreitzer: wie jhn Ronsardt (denn die Frantzosen nechst den

Griechen hierinnen meister sindt) im 202. Sonnet seines andern buches

der Buhlersachen heisset:

_Fier Aquilon horreur de la Scythie,

Le chasse-nue, & l'esbransle-rocher,

L'irrite-mer._

Welches auß dem _Ouidio_ genommen ist.

_Apta mihi vis est, hac tristia nubila pello,

Hac freta concutio, nodosaque robora verto._

Solches stehet auch an seinem orte bey den Lateinern nicht vbel; als da

Catullus saget in seinem vberauß schönen getichte vom Atys:

+_Vbi cerua syluicultrix, vbi aper nemoriuagus_+ Vnd Publius Syrus von

dem storche:

_Pietaticultrix, gracilipes, crotalistria,

Auis exulhiemis._

[E 2b] In welchen erfindungen Joseph Scaliger zue vnserer zeit meines

bedünckens alle andere, auch die alten selber, vbertroffen.

Darbey aber vns Deutschen diß zue mercken ist, das das _nomen verbale_,

als treiber, stürmer, auffreitzer, &c. allzeit, wie bey den Lateinern,

muß hinten gesetzt werden; wieder der Frantzosen gebrauch, derer sprache

es nicht anders mit sich bringt. So Heinsius in dem Lobgetichte des

Weingottes, welches er auch zum theil von dem Ronsardt entlehnet:

Nacht-looper, Heupe-soon, Hooch-schreeuwer, Groote-springer,

Goet-geuer, Minne-vrient, Hooft-breker, Leeuwen-dwinger,

Hert-vanger, Herßen-dief, Tong-binder, Schudde-dol,

Geest-roerder, Waggel-voet, Staet-kruijßer, Altijet-vol.

Vnd nach meiner verdolmetschung:

Nacht-leuffer, Hüffte-sohn, Hoch-schreyer, Lüfften-springer,

Guet-geber, Liebesfreundt, Haupt-brecher, Löwen-zwinger,

Hertz-fänger, Hertzen-dieb, Mund-binder, Sinnen-toll,

Geist-rhürer, wackel-fuß, Stadt-kreischer, Allzeit-voll.

Wie denn auch sonsten die _epitheta_ bey vns gar ein vbel außsehen

haben, wenn sie hinter jhr _substantiuum_ gesetzet werden, als: +Das

mündlein roht+, +der Weltkreiß rund+, +die hände fein+; für: +das rothe

mündlein+, +der [E 3a] runde Weltkreiß+, +die feinen hände+, &c. wiewol

bey vnsern reimenmachern nichts gemeiner ist.

So bringen auch die Frantzosen newe _Verba_ herfür, welche, wenn sie mit

bescheidenheit gesetzet werden, nicht vnartig sind. Als Ronsardt

brauchet in einer Elegie an die Caßandra, das wort _Petrarquiser_, das

ist, wie Petrarcha buhlerische reden brauchen:

_Apprendre l'art de bien Petrarquiser._

Vnd ich habe es jhm mit einem anderen worte nachgethan, da ich die Leyer

anrede:

Jetzt solt du billich mehr als wol,

O meine lust, Pindarisiren.

Ich darff aber darumb nicht bald auß dem Frantzösischen sagen:

_approchiren_, _marchiren_; oder auß dem Lateine: _dubitiren_,

_seruiren_; _gaudiren_, wie zwar die zue thun pflegen, die eher jhre

Muttersprache verterben, als das sie nicht wollen sehen laßen, das sie

auch was frembdes gelernet haben.

Wie nun wegen reinligkeit der reden frembde wörter vnnd dergleichen

mußen vermieden werden; so muß man auch der deutligkeit halben sich für

alle dem hüten, was vnsere worte tunckel vnd vnverstendtlich macht. Als

wann ich sagen wollte: +Das weib das thier ergrieff+. Hier were zue

zweiffeln, ob das weib vom thiere, oder das thier vom weibe were

ergrieffen worden: welches die Griechen eine {amphibolian} nennen.

Der {pleonasmos}, da etwas vbriges gesaget wird, verstellet auch die

rede zue weilen nicht wenig. Als wann ich spreche:

Ein schwartzes Kind das nicht war weiß;

weil es sich wol ohne diß verstehet. So wie Pansa sagete: Das Kind were

von der Mutter zehen monat im leibe getragen worden: fragete Cicero: ob

andere weiber die kinder im rocke trügen. Doch hilfft bißweilen das was

vbrig hinzue gesetzet wird auch zu [E 3b] auffmutzung der rede. So saget

Virgilius:

_Vocemque his auribus hausi._

Mit meinen ohren hab' ich es vernommen;

zue mehrer bestetigung deßen das er erzehlet.

Die {anastrophê} oder verkehrung der worte stehet bey vns sehr garstig,

als: +Den sieg die Venus kriegt+; für: +Die Venus kriegt den sieg+.

Item: +Sich selig dieser schätzen mag+; für: +Dieser mag sich selig

schätzen+. Vnnd so offte dergeleichen gefunden wird, ist es eine gewiße

anzeigung, das die worte in den verß gezwungen vnd gedrungen sein.

Auff die außlesung der worte, sagen wir nun billich auch von jhrer

zuesammensetzung; wie wir nemlich die buchstaben, syllaben vnd wörter

aneinander fügen sollen.

Weil ein buchstabe einen andern klang von sich giebet als der andere,

soll man sehen, das man diese zum offteren gebrauche, die sich zue der

sache welche wir für vns haben am besten schicken. Als wie Virgilius von

dem berge Etna redet, brauchet er alles harte vnd gleichsam knallende

buchstaben:

_Vidimus vndantem ruptis fornacibus Aetnam

Flammarumque globos, liquefactaque voluere saxa_

wie Etna, wenn er strewet

Die flammen in die lufft, vnd siedend' hartz außspeyet,

Vnd durch den holen schlund bald schwartze wolcken bläßt,

Bald gantze klüfften stein' vnd kugeln fliegen lest.

Heinsius saget:

Gelyck als Etna schiet vyt haere diepe kolcken

Een grondeloose zee van vlammen in de wolcken.

So, weil das L vnd R fließende buchstaben sein kan ich mir [E 4a] sie in

beschreibung der bäche vnd wäßer wol nütze machen, als:

Der klare brunnen quilt mitt lieblichem gerausche &c.

Wie nun bißweilen eine solche zuesammenstoßung der buchstaben recht vnd

guet ist; soll man sie doch sonsten mitt einander so wißen zue

vermengen, das nicht die rede dadurch gar zue raw oder zue linde werde.

Eben dieses ist es auch, wann eine syllabe oder wort zue offte

wiederholet wird; als: +Die die dir diese dinge sagen+.

Item, Es siehet nicht wol auß, wenn ein Verß in lauter eynsylbigen

wörtern bestehet. Deßen exempel Ronsard giebet:

_Ie vy le ciel si beau, si pur et net._

Wiewol wir deutschen, wegen der menge der einsylbigen wörter die wir

haben, es zuezeiten kaum vermeiden können.

Hergegen sollen die verß, sonderlich die Masculini (wie wir sie im

folgenden Capitel nennen werden) sich nicht mit viel sylbigen wörtern

enden.

Ich wil euch williglich mit vnterthänigkeit.

Zue dienste sein, Hertzlieb, bey der gelegenheit.

Dann die verß gar zue grob vnd harte dadurch gemacht werden.

Das ansehen vnd die dignitet der Poetischen rede anlangt, bestehet

dieselbe in den _tropis_ vnnd _schematibus_, wenn wir nemblich ein wort

von seiner eigentlichen bedeutung auff eine andere ziehen. Dieser

figuren abtheilung, eigenschafft vnd zuegehör allhier zue beschreiben,

achte ich darumb vnvonnöthen, weil wir im deutschen hiervon mehr nicht

als was die Lateiner zue mercken haben, vnd also genungsamen vnterricht

hiervon neben den exempeln aus Scaligers vnnd anderer gelehrten leute

büchern nemen können. Dessen wil ich nur erinnern, das für allen dingen

nötig sey, höchste möglichkeit zue versuchen, wie man die _epitheta_; an

denen bißher bey vns grosser mangel ge-[E 4a]wesen, sonderlich von den

Griechen vnd Lateinischen abstehlen, vnd vns zue nutze machen möge: Dann

sie den Poetischen sachen einen solchen glantz geben, das Stesichorus

für den anmutigsten Poeten ist gehalten worden, weil er desselbigen zum

füglichsten sich gebraucht hat.

Sie mussen aber so gemacht werden, das sie entweder die dinge von denen

wir reden von andern vnterscheiden; als da der Poet spricht: _nigra

hirundo_, +die schwartze Schwalbe+, oder sie vermehren als: _frigida

bello Dextera_, +eine handt die im kriege nicht viel außrichtet+.

Sie mussen auch warhafftig sein, vnd etwas nicht anders beschreiben als

es ist. Zum exempel: _florida Hybla_; weil viel Blumen darauff wachsen

sollen: _Parnassia laurus_, _æstuosa Calabria_, vnd dergleichen. Strabo

rhümet den Homerus, das er die eigenschafft eines, etwedern dinges sehr

genaw in acht genommen, vnd jhm vnfehlber sein gehöriges _epitheton_

allzeit gegeben habe. Die Poeten, denen mehr freyheit als den Oratoren

eingeräumet ist, können auch wol den schnee weiß, vnnd den wein feuchte

nennen: wie Aristoteles im dritten buche der Rhetoric, vnnd Quintilianus

im sechsten Capitel des achten buches saget. Wiewol Virgilius nicht ohne

vrsache setzet:

_cæduntque securibus humida vina;_

Denn in dem er spricht, das man in den Mitternächtischen Ländern den

gefrorenen Wein, der doch von natur sonst naß ist, mit äxten zuehawen

muß, macht er das man desto mehr der vngewöhnlichen kälte nachdenckt.

Letzlich haben wir in vnserer sprache dieses auch zue mercken, das wir

nicht vier oder fünff _epitheta_ zu einem worte setzen, wie die

Italiener thun, die wol sagen dürffen:

_Alma, bella, angelica, et fortunata donna;_

Du schönes, weisses, englisches, glückhafftes, edles bildt;

[F 1a] Denn solches bloß zue außfüllung des verses dienet.

Dieses sey nun von der allgemeinen zuegehör der Poetischen rede: weil

aber die dinge von denen wir schreiben vnterschieden sind, als gehöret

sich auch zue einem jeglichen ein eigener vnnd von den andern

vnterschiedener Character oder merckzeichen der worte. Denn wie ein

anderer habit einem könige, ein anderer einer priuatperson gebühret, vnd

ein Kriegesman so, ein Bawer anders, ein Kauffmann wieder anders

hergehen soll: so muß man auch nicht von allen dingen auff einerley

weise reden; sondern zue niedrigen sachen schlechte, zue hohen

ansehliche, zue mittelmässigen auch mässige vnd weder zue grosse noch

zue gemeine worte brauchen.

In den niedrigen Poetischen sachen werden schlechte vnnd gemeine leute

eingeführet; wie in Comedien vnd Hirtengesprechen. Darumb tichtet man

jhnen auch einfaltige vnnd schlechte reden an, die jhnen gemässe sein:

So Tityrus bey dem Poeten, wenn er seines Gottes erwehnet, redet er

nicht von seinem plitze vnd donner, sondern

+_Ille meas_+, sagt er, +_errare boues, vt cernis, & ipsum

Ludere quæ vellem calamo permisit agresti._+

Du siehst, er leßt mein Vieh herumb gehn ohne ziehl,

Vnd mich auff meiner flöt' auch spielen was ich wil.

Wie Theocritus sonsten inn dem paß wol jederman vberlegen, so weiß ich

doch nicht wie sein Aites mir sonderlich behaget: inmassen ich denn auch

halte, das Heinsius gleichfals grossen gefallen daran treget, der dieses

Idyllion Lateinisch vnnd Hollendisch gegeben. Weil ich jhm aber im

deutschen nachgefolget, vnd den niedrigen Character, von dem wir jetzo

reden, nicht besser vorzuestellen weiß, wil ich meine übersetzung

hierneben fügen.

[F 1b] =Theocriti Aites.=

Bist du gekommen dann, nach dem ich nun gewacht

Nach dir, mein liebstes Kind, den dritten tag vnnd Nacht?

Du bist gekommen, ja. doch wer nicht kan noch mag

Sein lieb sehn wann er wil, wird alt auff einen tag.

So viel der Früling wird dem Winter vorgesetzt,

Vor wilden pflaumen vns ein Apffel auch ergetzt,

Das Schaff mit dicker woll' ein Lamb beschämen kan,

Die Jungfraw süsser ist als die den dritten Man

Bereit hat fort geschickt; so viel als besser springt

Ein rehbock als ein Kalb, vnd wann sie lieblich singt

Die leichte Nachtigall den Vogeln abgewint,

So ist dein beysein mir das liebste das man findt.

Ich habe mich gesetzt bey diesen Buchbawm hin,

Gleich wie ein Wandersman thut im fürüber ziehn,

In dem die Sonne sticht. ach, das die liebe doch

Vns wolte beyderseits auch fügen an jhr ioch,

An jhr gewündtschtes Ioch, vnd das die nach vns sein

Von vns mit stettem rhum erzehlten vberein:

Es ist ein liebes par gewesen vor der zeit,

Das eine freyte selbst, das ander ward gefreyt:

Sie liebten beyde gleich. ward nicht das volck ergetzt

Wie liebe wiederumb mit liebe ward ersetzt!

Ach Jupiter, vnd jhr, jhr Götter gebt mir zue,

[F 2a] Wann ich nach langer zeit schon lieg' in meiner rhue,

Das ich erfahren mag, das dem der mich jtzt liebt

Vnd meiner trewen gunst ein jeder zeugniß giebt;

Doch mehr das junge volck. nun diß muß nur ergehn,

Jhr Götter, wie jhr wolt. es pflegt bey euch zue stehn

Doch lob' ich dich zwar hoch, so hoff' ich dennoch nicht

Das jrrgend jemand ist der etwas anders spricht.

Dann ob dein grimm mir schon offt' etwas vbels thut

So machst du es hernach doch doppelt wieder gut.

O volck von Megara, jhr schiffer weit bekandt,

Ich wündsche das jhr wol bewohnt das reiche landt

Vnd vfer bey Athen, weil jhr so höchlich liebt

Dioclem der sich auch im lieben sehr geübt:

Weil allzeit vmb sein grab sehr viel liebhaber stehn,

Die lernen einig nur mit küssen vmb recht gehn,

Vnd streiten gleich darumb, vnd wer dann Mundt an mundt

Am aller besten legt, dem wird der krantz vergunt,

Den er nach hause dann zue seiner Mutter bringt.

Ach, ach, wie glücklich ist dem es so wol gelingt

Das er mag richter sein. wie offte rufft er wol

Das Ganymedes jhm den Mund so machen sol

Als einen Stein durch den der goldschmiedt vrtheil spricht

Ob auch gewiß das Goldt recht gut sey oder nicht.

[F 2b] Hergegen in wichtigen sachen, da von Göttern, Helden, Königen,

Fürsten, Städten vnd der gleichen gehandelt wird, muß man ansehliche,

volle vnd hefftige reden vorbringen, vnd ein ding nicht nur bloß nennen,

sondern mit prächtigen hohen worten vmbschreiben. Virgilius sagt nicht:

_die_ oder _luce sequenti_; sondern

_vbi primos crastinus ortus

Extulerit Titan, radiisque retexerit orbem._

Wann Titan morgen wird sein helles liecht auffstecken,

Vnd durch der stralen glantz die grosse welt entdecken.

Die mittele oder gleiche art zue reden ist, welche zwar mit jhrer ziehr

vber die niedrige steiget, vnd dennoch zue der hohen an pracht vnd

grossen worten noch nicht gelanget. In dieser gestalt hat Catullus seine

Argonautica geschrieben; welche wegen jhrer vnvergleichlichen schönheit

allen der Poesie liebhabern bekandt sein, oder ja sein sollen. Bißhieher

auch dieses: nun ist noch vbrig das wir von den reimen vnd

vnterschiedenen art der getichte reden.

Das VII. Capitel.

Von den reimen, jhren wörtern vnd arten der getichte.

Buch von der Deutschen Poeterey · 第 2 / 4 段