Fünftes Kapitel

Man schlägt sich beim dritten Aufgebot, geht zum

Abendmahl und hält Hochzeit, kommt aber doch nicht

ins Brautbett

Daß niemand besser ist, als wenn er stirbt, und keiner schlechter, als

wenn er heiratet, mußte Carlsson bald erfahren. Gustav hatte gebrüllt

wie ein hungriger Seehund, hatte drei Tage lang getobt, während

Carlsson eine kleine Reise unter irgend einem Vorwande unternahm.

Der alte Flod wurde aus der Erde ausgegraben und nach allen Seiten

gewendet, um für den besten Menschen erklärt zu werden, der bisher

geschaffen worden. Dagegen kehrte man Carlsson um wie alte Kleider, um

ihn auf der innern Seite voller Flecken zu finden. Man entdeckte, daß

er Bahnarbeiter und Reiseprediger gewesen, von drei Stellen fortgejagt

worden, ein Mal ganz sicher geflüchtet, ein Mal, nach nicht verbürgter

Angabe, wegen Schlägerei bestraft worden sei.

Das alles hielt man Frau Flod unter die Nase; aber die Flamme brannte

nun einmal, und mit der Aussicht, daß der Witwenstand zu Ende sei,

schien die Alte wieder aufzuleben und sich ein dickes Fell anzulegen,

mit dem sie alles vertragen konnte.

Die Feindseligkeit gegen Carlsson hatte ihre Wurzel darin, daß er,

der Fremdling, jetzt durch die Heirat in Besitz dieses Stück Landes

kommen sollte, das die Eingeborenen gewissermaßen als ihr Eigentum

betrachtet hatten.

Da die Alte wahrscheinlich noch manches Jahr leben würde, verringerten

sich des Sohnes Aussichten, einst sein eigener Herr zu werden; und

seine Stellung auf dem Hofe würde künftighin wohl die eines Knechtes

sein, und zwar unter der Vormundschaft und dem guten Willen des

frühern Knechtes. Es war also ganz natürlich, daß der Abgesetzte

raste. Er gab der Mutter scharfe Worte, drohte zur Polizei zu gehen,

Anzeige zu machen und den künftigen Stiefvater fortjagen zu lassen.

Noch böser wurde er, als Carlsson von seiner kleinen Reise im

schwarzen Sonntagsrock und der Seehundsmütze des seligen Flod

zurückkam, die er bei der ersten zärtlichen Gelegenheit als Morgengabe

erhalten hatte. Gustav sagte nichts, bestach aber Rundqvist, Carlsson

einen Schabernack zu spielen.

Eines Morgens, als man sich an den Frühstückstisch setzte, lag auf

Carlssons Platz ein Handtuch, das eine Menge unsichtbarer Dinge

verbarg. Carlsson, der nichts Böses ahnte, hob das Handtuch auf und

sah sein Tischende mit all dem Plunder gedeckt, den er in seinen Sack

gesammelt und unter dem Bett auf seiner Kammer verborgen hatte. Da

standen leere Hummerbüchsen, Sardinendosen, Champignonkrüge, eine

Porterflasche, unendlich viel Körke, ein gesprungener Blumentopf und

anderes mehr.

Ihm wurde grün vor den Augen; er wußte aber nicht, gegen wen er

losbrechen sollte.

Rundqvist verhalf ihm zu einem Ableiter, indem er erklärte, das sei

ein üblicher »Spaß« in der Gegend, wenn sich jemand verheirate.

Unglücklicher Weise kam Gustav gerade hinzu, um sein Erstaunen

auszusprechen, daß der Lumpensammler so früh im Herbst gekommen,

während er sonst sich nicht vor Neujahr zu zeigen pflege. Gleichzeitig

griff Norman ein, um zu erklären, es sei kein Lumpensammler da

gewesen, das seien Carlssons Andenken an Ida; mit denen habe Rundqvist

dem Carlsson einen Streich spielen wollen, da es jetzt zwischen den

beiden aus sei.

Nun fielen scharfe Worte. Das Ende war, daß Gustav zur Pfarre segelte.

Dort gelang es ihm, Carlssons Hochzeit auf sechs Monate zu

verschieben, da dessen Papiere nicht in Ordnung waren.

Das war für Carlsson ein Strich durch die Rechnung. Doch er suchte

den, so gut er konnte, wieder auszukratzen, indem er sich Ersatz

verschaffte.

Zuerst hatte Carlsson seine neue Stellung feierlich aufgefaßt; als das

aber übel ablief, beschloß er, sie wenigstens den Leuten auf dem Hof

gegenüber scherzhaft zu nehmen. Das gelang ihm auch, nur mit Gustav

nicht; der unterhielt beständig einen unterseeischen Kampf, ohne

irgend ein Zeichen zur Versöhnung blicken zu lassen.

So verging der Winter, langsam und still. Man haute Holz, flickte

Netze, fischte auf dem Eis. Dazwischen spielte man Karten und trank

Kaffeehalbe. Feierte Weihnachten durch einen Schmaus. Lag der

Eisvogeljagd ob.

* * * * *

Es wurde wieder Frühling. Der Eiderstrich lockte aufs Meer hinaus;

aber Carlsson setzte alle Kräfte an die Bestellung, um auf eine gute

Ernte rechnen zu können. Die war nötig, um den Ausfall zu ersetzen,

den die Hochzeit bringen würde; besonders da man die Absicht hatte,

eine große Hochzeit zu halten, an die man noch Jahre lang denken

sollte.

Mit den Zugvögeln kamen auch die Sommergäste. Der Professor nickte

freundlich wie im vorigen Jahre und fand, es sei alles »schön« wie

früher, besonders daß man Hochzeit halte. Glücklicher Weise war Ida

nicht dabei. Sie hatte im April den Dienst verlassen und sollte sich

bald verheiraten. Ihre Nachfolgerin war nicht besonders anziehend;

auch hatte Carlsson zu viel Eisen im Feuer, um sich mit ihr

einzulassen; zumal er das Spiel in der Hand hatte und nicht geneigt

war, es zu verlieren.

Am Mittsommertag wurden die Verlobten aufgeboten, und die Hochzeit

sollte zwischen Heumahd und Kornernte stattfinden; dann war immer eine

kleine Ruhepause in der Arbeit, sowohl zu Lande wie zu Wasser.

Nach dem Aufgebot machte sich eine Änderung in Carlssons Wesen

bemerkbar, die nicht gerade angenehm war; Frau Flod war die erste, die

sie zu empfinden hatte. Nach der Sitte des Landes hatten sie seit der

Verlobung wie verheiratete Leute gelebt; und der Bräutigam, den der

Aufschub bedrohte, wußte sein Benehmen immer nach den zwingenden

Umständen einzurichten. Als die Gefahr aber vorüber war, trug er den

Kopf hoch und zeigte die Klauen.

Das machte jedoch auf Frau Flod, die sich ebenfalls sicher fühlte,

keinen andern Eindruck, als daß sie die Zähne zeigte, so viel sie noch

hatte. So gerieten sie am Tage des dritten Aufgebots an einander.

Die ganze Bevölkerung der Insel außer Lotte war nach der Kirche

gefahren, um das Abendmahl zu nehmen. Wie gewöhnlich hatte man das

kleinste Boot genommen, um, falls man rudern mußte, so wenig Mühe wie

möglich damit zu haben. Es war also eng im Boot, zumal man Proviant,

Fische für den Pastor und Lichter für den Küster mitführte; außerdem

hatte man alle möglichen Kleidungsstücke zum Wechseln mitgenommen;

ganz abgesehen von Segel und Rudern, Schöpfgefäßen und Eimern,

Schemeln und Tritten.

Nach Gewohnheit hatte man ein besseres Frühstück gegessen; hatte

einander aus Krügen und Flaschen zugetrunken. Heiß war es auch auf

See, und niemand wollte rudern; ein kleiner Streit brach unter den

Männern aus, von denen keiner Lust hatte, schwitzend in die Kirche zu

kommen. Die Frauen traten dazwischen; und als man in die Kirchbucht

kam und die Glocken hörte, die man seit Jahr und Tag nicht vernommen,

wurde der Zwist beigelegt.

Es läutete erst zum ersten Male; man hatte also noch viel Zeit. Frau

Flod ging darum mit den Fischen nach der Pfarre hinauf.

Der Pastor rasierte sich gerade und war bei grimmiger Laune.

-- Seltenen Besuch hat die Kirche heute, da die Hemsöer kommen, grüßte

er und prüfte das Messer am Zeigefinger. Kommen die Leute mit Fischen,

als hätte man die See nicht vor der Tür, schnauzte er.

Carlsson, der die Fische trug, konnte in die Küche gehen, um sich

einen Schnaps geben zu lassen.

Dann ging man mit den Lichtern zum Küster; und dort gab es auch einen

Schnaps.

Schließlich trafen sich alle vor der Kirche, sahen sich die Pferde der

Großbauern an, lasen die Grabsteine und begrüßten Bekannte. Frau Flod

machte dem Grabe Flods einen kurzen Besuch, während Carlsson bei Seite

ging.

Als es zum letzten Male geläutet hatte, trat die Gemeinde in die

Kirche ein.

Da die Hemsöer, nachdem die alte Kirche verbrannt war, keinen eigenen

Kirchenstuhl hatten, mußten sie auf dem Gange stehen. Heiß war es, und

fremd fühlten sie sich in dem großen Raume; aus reiner Verlegenheit

schwitzten sie; sie sahen aus wie eine Bande aus der Besserungsanstalt,

die am Pranger stand.

Die Uhr wurde elf, ehe man zum Kanzellied kam; die Hemsöer hatten

einige zwanzig Male die Beine umgestellt und die Füße gewechselt. Die

Sonne schien so heiß in die Kirche, daß der Schweiß ihnen von den

Stirnen perlte; aber sie standen wie in einer Zange und konnten sich

nicht nach einem schattigen Fleck retten.

Da kommt der Kirchendiener und setzt Nummer 158 des Gesangbuches an.

Die Orgel spielt ein Vorspiel und der Küster beginnt mit der ersten

Strophe. Die wird mit Lust und Liebe gesungen, da man unmittelbar nach

ihr die Predigt erwartete. Aber siehe, es kommt Strophe zwei und drei.

-- Es kann doch nicht sein Ernst sein, alle achtzehn durchzunehmen?

flüsterte Rundqvist Norman zu.

Aber es war Ernst! In der Tür zur Sakristei war Pastor Nordströms

zorniges Gesicht zu sehen, das die Gemeinde trotzig und herausfordernd

anblickte; er hatte beschlossen, ihr eine gehörige Lehre zu geben, da

er sie ein Mal unter den Händen hatte.

Und alle achtzehn Strophen wurden gesungen; die Uhr war halb zwölf,

als der Pastor endlich auf die Kanzel kam. Da aber waren sie weich, so

weich, daß sie auf ihr Angesicht niederfielen und einschliefen.

Lange dauerte jedoch der Schlaf nicht, denn eins, zwei, drei schrie

der Pastor sie an, daß die Schlummernden auffuhren, die Köpfe in die

Höhe warfen und den Nachbar dumm anstarrten, als fragten sie, ob Feuer

ausgebrochen sei.

Carlsson und die Alte hatten sich so weit vorgedrängt, daß ein

Rückzug nach der Tür unmöglich war, ohne Aufsehen zu erregen. Die Alte

weinte aus Müdigkeit und infolge ihrer engen Stiefel, die um so ärger

drückten, je höher die Wärme stieg. Zuweilen warf sie ihrem Bräutigam

einen bittenden Blick zu, als flehe sie ihn an, sie an die See

hinunter zu tragen; der aber war so in den Gottesdienst vertieft, wie

er da in Flods weiten roßledernen Stiefeln stand, daß er die

Ungeduldige nur mit bösen Blicken strafte.

Die andern dagegen waren achteraus gesackt und unter die Orgelempore

gekommen; dort war es kühl und man hatte etwas Schatten. Dort

entdeckte Gustav auch die Feuerspritze, ließ sich darauf nieder und

nahm Clara auf den Schoß.

Rundqvist lehnte sich an einen Pfeiler und Norman stand neben ihm, als

die Predigt begann.

Es waren »Worte und keine Lieder«, scharfe Worte, und sie dauerten

sechs Viertelstunden. Der Text handelte von den klugen und törichten

Jungfrauen; da keiner von den Mannsleuten den auf sich bezog, schlief

die ganze Gesellschaft; schlief sitzend, hängend, stehend.

Als eine halbe Stunde vergangen war, stieß Norman Rundqvist, der sich

die Stirn mit der Hand hielt, als sei ihm nicht wohl, in die Rippen

und zeigte mit dem Daumen nach Clara und Gustav auf der Feuerspritze.

Rundqvist drehte sich behutsam zur Seite, sperrte die Augen auf, als

sehe er den Bösen selber; schüttelte den Kopf und lächelte, als habe

er verstanden. Clara hatte nämlich die Augen geschlossen und ließ die

Zunge hängen, als schliefe sie in schmerzlichen Träumen; Gustav aber

starrte unverwandt Pastor Nordström an, als wolle er jedes Wort

aufessen und strenge sich an, das Stundenglas rinnen zu hören.

-- Aber die sind ja toll, flüsterte Rundqvist, ging langsam und

vorsichtig rückwärts, behutsam mit den Fersen tappend, um nicht heftig

gegen die Ziegelsteine zu stoßen.

Norman aber hatte Rundqvists Gedanken schon gelesen: schnell wie ein

Aal war er zum Kirchhof hinaus geschlüpft. Dorthin folgte Rundqvist

ihm bald. Beide eilten dann zusammen nach dem Boot hinunter.

Draußen wehte ein kühler Seewind, und die hastig eingenommenen

Erfrischungen setzten ihre Kräfte bald wieder in Stand. Leise, wie sie

gekommen, kehrten sie wieder in die Kirche zurück.

Dort war Clara in des schlafenden Gustavs Armen entschlummert; die

umfaßten sie aber so hoch oben, daß Rundqvist sie etwas

hinunterschieben zu müssen glaubte. Dabei erwachte Gustav jedoch und

umfaßte seinen Raub von neuem, als habe jemand ihm das Mädchen nehmen

wollen.

Eine halbe Stunde dauerte noch die Predigt; und dann ging noch eine

halbe darauf mit dem Kirchenliede, ehe das Abendmahl begann.

Unter starker Erregung wurden die Gnadenmittel genommen. Rundqvist

weinte.

Als die feierliche Handlung zu Ende war, wollte sich Frau Flod in

einen Kirchenstuhl drängen. Dabei wäre es beinahe zu einem Streit

gekommen, und sie wurde aus dem Stuhl wieder hinausgewiesen. So

brachte sie die letzte halbe Stunde hinter dem Stuhl des

Kirchenvorstehers zu, auf den Hacken stehend, als verbrennten die

Ziegelsteine ihr die Sohlen. Wie der Pastor das Aufgebot vorlas, wurde

sie ganz wild, weil die Leute sie ansahen.

Endlich war alles aus, und man stürzte nach dem Boot hinunter. Frau

Flod konnte nicht mehr warten, sondern zog, sobald sie die

Glückwünsche vor der Kirche empfangen, ihre Schuhe aus und trug sie

hinunter zum Boot. Dort steckte sie die Füße ins Wasser und schalt

Carlsson aus.

Dann machte man sich über den Mundvorrat her. Als man entdeckte, daß

die Pfannkuchen fehlten, wurde Lärm geschlagen. Rundqvist hielt es für

wahrscheinlich, daß sie vergessen waren; Norman meinte, jemand habe

sie auf dem Hinweg aufgezehrt; dabei warf er einen argwöhnischen Blick

auf Carlsson.

Schließlich stieg man ins Boot. Da aber erinnerte sich Carlsson, daß

er ein Faß Teer aus dem Kirchenschuppen abzuholen habe. Das gab einen

Sturm. Die Frauen schrien, sie wollten keinen Teer im Boot haben; um

keinen Preis, da sie neue Kleider anhätten. Doch Carlsson holte die

Teertonne und verstaute sie.

Da entstand wieder ein Leben über die Frage, wer neben dem

gefährlichen Gefäß sitzen sollte.

-- Worauf soll man denn sitzen? jammerte Frau Flod.

-- Nimm die Röcke hoch und setz dich auf den Hintern, antwortete

Carlsson, der sich jetzt, nachdem er aufgeboten war, sehr viel mehr zu

Hause fühlte.

-- Was sagst du? zischte die Alte.

-- Ja, das sage ich: setz dich ins Boot, damit wir fortkommen!

-- Wer hat den Befehl auf See, möchte ich wissen? fiel Gustav ein, der

fand, daß man seiner Ehre zu nahe trat.

Und Gustav setzte sich ans Steuer, ließ aufhissen und nahm die Schot

in die Hand.

Das Boot war tief beladen, der Wind war äußerst schwach, die Sonne

brannte heiß und die Köpfe befanden sich in Gärung. Das Boot kroch

dahin »wie eine Laus auf geteerter Birkenrinde«, und es half nicht,

daß die Mannsleute einen Segelschnaps nahmen.

Die Geduld verging ihnen bald und das Schweigen, das eine Weile

geherrscht hatte, wurde von Carlsson unterbrochen, der die Segel

reffen und rudern wollte. Das wollte Gustav aber nicht:

-- Wartet nur! Sobald man aus den Kobben heraus ist, kann man schon

segeln, meinte er.

Und man wartete. Schon war draußen im Gatt zwischen den Inseln ein

dunkelblauer Streifen zu sehen, und man hörte die See gegen die

äußeren Schären branden. Ein starker östlicher Wind war im Anzuge, und

Leben kam in die Segel. Gerade als man um eine Landzunge bog, kam

solcher Wind, daß sich das Boot legte, wieder hoch hob und dahin

schoß, daß es hinter ihm gurgelte.

Jetzt mußte die ganze Gesellschaft einen Schnaps nehmen. Alle lebten

auf, als das Boot guten Gang machte.

Dann aber frischte der Wind auf; das Boot lag leewärts unter Wasser,

wurde aber vom Wind durchgedrückt.

Carlsson ward bange, hielt sich an den Tauen fest und bat, man solle

reffen und zu den Riemen greifen.

Gustav antwortete nicht, sondern holte die Schot an, daß Wasser ins

Boot kam.

Da erhob sich Carlsson, wurde wild und wollte ein Ruder auslegen. Aber

die Alte packte ihn beim Rock und zog ihn nieder.

-- Sitz still im Boot, Mensch, in Jesu Namen! schrie sie.

Carlsson setzte sich wieder, aber sein Gesicht war weiß. Aber er saß

nicht lange, als er auffuhr und, ganz außer sich, den Rockschoß

aufhob.

-- Alle Wetter, leckt der Racker! heulte er und schlug mit dem

Rockschoß.

-- Was leckt? fragten alle auf einmal.

-- Das Teerfaß!

-- Herr Jesus! riefen alle und rückten von dem Teerfluß fort, der allen

Bewegungen des Bootes folgte.

-- Sitzt still im Boot, brüllte Gustav; sonst segle ich euch um!

Carlsson hatte sich wieder erhoben, gerade als eine Brise kam.

Rundqvist sah die Gefahr, erhob sich vorsichtig im Sitz und gab ihm

eine Maulschelle, daß er niederstürzte.

Eine Schlägerei stand bevor. Frau Flod geriet außer sich und schritt

ein. Sie ergriff ihren Liebsten am Rockkragen und schüttelte ihn.

-- Was ist das für ein Tropf, der noch nicht gesegelt hat? Weißt du

nicht, daß man im Boot still sitzen muß?

Carlsson wurde böse, riß sich los, verlor aber ein Stück vom

Rockkragen.

-- Reißt du meine Kleider kaputt, Weibstück! schrie er und

setzte die Stiefel auf die Bootsseite, um sie vorm Teer zu schützen.

-- Was sagst du? flammte die Alte auf. Deine Kleider? Von wem hast du

denn den Rock? Weibstück für solch einen Laichhering, der nichts hat ...

-- Schweig, brüllte Carlsson, in seinem empfindlichsten Punkt

getroffen; sonst antworte ich!

-- Antworte nur; ich werde schon zurückgeben, meinte Frau Flod.

-- Ja, ich könnte sagen: mancher hobelt schlecht auf trockenem Brett,

der gut ist auf frischem.

Gustav fand, nun ging es zu weit, und stimmte einen Schottischen an;

in den fielen Norman und Rundqvist ein. Das giftige Gespräch flaute

ab, um auf den gemeinsamen Feind überzugehen, den Pastor Nordström,

der sie fünf Stunden hatte stehen und achtzehn Strophen hatte singen

lassen.

Die Flasche machte die Runde, der Wind wurde gleichmäßiger, die

Gemüter beruhigten sich. Die beste Stimmung herrschte, als das Boot in

die Bucht einfuhr und an der Brücke anlegte.

* * * * *

Die Vorbereitungen für die Hochzeit, die drei Tage dauern sollte,

nahmen ihren Anfang. Man schlachtete ein Ferkel und eine Kuh; kaufte

hundert Kannen Branntwein; legte den Strömling in Salz und

Lorbeerblätter; scheuerte, backte, braute, kochte, briet, mahlte

Kaffee.

Gustav ging während all dieser Zurüstungen mit einem geheimnisvollen

Gesicht umher; ließ die Andern gewähren und äußerte keinerlei Ansicht.

Carlsson dagegen saß meist vor der Klappe des Sekretärs und rechnete;

fuhr nach dem Badeorte Dalarö; ordnete alles, wie er es haben wollte.

Der Tag vor der Hochzeit war da. Zeitig am Morgen packte Gustav seine

Tasche, nahm die Flinte und ging. Die Mutter erwachte und fragte,

wohin er wolle. Gustav antwortete, er wolle hinausfahren, um

nachzusehen, ob der Badefisch schon gekommen. Damit drückte er sich.

Sein Boot hatte er mit Mundvorrat für mehrere Tage versehen; auch nahm

er eine Bettdecke, einen Kaffeekessel und andere Sachen mit, die für

einen Aufenthalt auf den Schären nötig waren.

Unten am Strand setzte er sofort Segel. Statt aber in die Buchten

einzubiegen, um nachzusehen, ob der Kühlung auf die warmen sandigen

seichten Ufer zum »baden« hinauf gezogen sei, hielt er geradewegs

zwischen die Kobben hindurch.

Der Morgen war jetzt Ende Juli blendend klar, der Himmel blauweiß wie

abgerahmte Milch; Inseln, Holme, Schären, Kobben, Riffe lagen so weich

und schmelzend im Wasser, daß man nicht sagen konnte, ob sie der Erde

oder dem Himmel angehörten. Ins Land hinein standen Fichten und Erlen,

und auf den Landzungen lagen Sägergänse, Trauerenten, Taucher, Möwen.

Nach dem offenen Meer zu waren nur Meerkiefern zu sehen, und Teiste,

Alke, schwarze, papageiähnliche, schwärmten frech um das Boot, um den

Jäger von den in den Bergschluchten versteckten Nestern abzuleiten.

Schließlich wurden die Schären niedriger, nackter; und hier draußen

war nur eine vereinzelte Kiefer übrig gelassen, um den Nistkasten zu

tragen, in dem man Eider und Sägergänse ihre Eier legen ließ; oder

eine Eberesche, über deren Krone eine Wolke von Mücken sich im Winde

schaukelte. Dahinter lag das offene Meer. Dort hielt die Raubmöwe ihre

Jagd, in Fehde mit Seeschwalben, Möwen und Blaumänteln. Dorthin lenkte

der Meeradler seinen schweren Flug, um vielleicht eine liegende

Eiderente zu packen.

Dorthin, nach der letzten Schäre, steuerte jetzt Gustav, an der

Ruderpinne liegend, die Pfeife im Munde. Von einer lauen südlichen

Brise ließ er sich schleppen; gegen neun ging er auf der Schäre

Norsten an Land.

Es war eine felsige Insel, einige Morgen groß, mit einer Talmulde in

der Mitte. Einige kahlköpfige Ebereschen standen zwischen den Steinen;

auch wuchs der prachtvolle Spindelbaum mit seinen feuerroten Beeren in

den Klüften; und die Talmulde war mit einer dichten Matte aus

Heidekraut, Krähenbeere, Multebeere bedeckt; die letzten hatten

angefangen, gelb zu werden. Vereinzelte Wachholderbüsche lagen wie

platt getreten an den Felsen und schienen sich mit den Nägeln

festzuhalten, um nicht fortgeweht zu werden.

Hier war Gustav zu Hause; kannte jeden Stein; wußte, welchen

Wachholderbusch er heben mußte, um die brütende Eider zu finden, die

sich den Rücken streicheln ließ und ihn ins Hosenbein biß. Er steckte

seine Gabelstange in einen Bergspalt und zog die Alke heraus, um ihnen

den Hals umzudrehen, da er sie zum Frühstück haben wollte.

Hier draußen fischten die Hemsöer ihre Strömlinge. Hier hatten sie

zusammen mit einer andern Fischergesellschaft einen Schuppen gebaut,

in dem sie Nachtherberge zu nehmen pflegten. Dorthin lenkte auch

Gustav seine Schritte, nahm den Schlüssel von seinem gewöhnlichen Ort

unterm Dachbart und trug seine Gerätschaften hinein. Der Schuppen

bestand nur aus einem Raum ohne Fenster, hatte aber Bettkojen, die

fachförmig übereinander aufgeschlagen waren; einen Herd, einen Tisch,

einen Dreifuß zum Sitzen.

Nachdem er seine Sachen verstaut hatte, kletterte er nach dem Dach

hinauf, um die Schornsteinluke zu öffnen. Als er wieder herunter kam,

holte er die Streichhölzchen von ihrem Platze unter einem Balken und

machte Feuer im Herd; dort hatte der letzte Besucher, nach altem

Brauch, einen Arm voll Brennholz für seinen Nachfolger zurecht gelegt.

Dann setzte er den Kartoffelkessel auf und legte einige gesalzene

Fische über die Kartoffeln. Während er wartete, rauchte er eine

Pfeife.

Als er gegessen und getrunken hatte, nahm er die Flinte und ging zum

Boot hinunter, wo er die Lockvögel hatte. Ruderte die hinaus und

verankerte sie vor einer Landzunge. Kroch dann in die Schießkoje, die

aus Steinen und Reisig gebaut war.

Die Lockvögel schaukelten auf den langen Wellen, die hereinbrachen,

aber keine Eider fielen ein. Das Warten wurde ihm lang, und er

ermüdete. Trieb sich auf den Sandsteinen umher, um eine Otter

aufzuscheuchen; sah aber nur schwarze Nattern und Wespennester

zwischen glänzendem Weiderich und vertrocknetem Sandhafer.

Es schien ihm aber auch nichts daran zu liegen, etwas zu bekommen; er

trieb sich mehr herum, um sich herumzutreiben; um nicht daheim sein zu

müssen; es machte ihm Vergnügen, sich hier draußen herumzutreiben, wo

niemand ihn sah, niemand ihn hörte.

Nach dem Mittagessen legte er sich in den Schuppen nieder und schlief.

Zur Vesperzeit ruderte er mit der Dorschleine hinaus, um sein Glück

auf diese Art zu versuchen. Die See lag jetzt blickstill, und er sah,

wie sich das Land gleich dünnem Rauch in der goldenen Straße der

sinkenden Sonne streckte. Es war still um ihn wie in einer windstillen

Nacht, und er hörte das Dunken der Ruderdollen meilenweit. Die

Seehunde badeten in gehöriger Entfernung, steckten ihre Schwachköpfe

aus dem Wasser, blökten, pusteten und tauchten wieder unter.

Der Dorsch biß wirklich; es gelang Gustav einige Weißbäuche

heraufzuholen, die mit ihrem großen aber ungefährlichen Schlund nach

Wasser schnappten und mit ihren Augen in die Sonne blinzelten, als sie

aus ihrer dunkeln Tiefe hervorgeholt wurden und über die Reling ins

Boot sprangen.

Gustav hatte auf der nördlichen Seite der Schäre gehalten; als es aber

schnell Abend wurde und er wendete, um zurückzufahren, merkte er erst,

daß der Schornstein des Schuppens rauchte. Sich fragend, wer das sein

könne, machte er, daß er so schnell wie möglich hin kam.

-- Bist du's? hörte er von innen und erkannte die Stimme des Pastors.

-- Nein, Sie sind's, Herr Pastor, rief Gustav erstaunt, als er den

Geistlichen am Herdfeuer sitzen und Heringe braten sah. Sind Sie

allein draußen?

-- Ich bin herausgefahren, um Dorsch zu fischen; ich habe auf der

Südseite gesessen, deshalb habe ich dich nicht gesehen. Aber warum

bist du nicht zu Hause und hilfst die Hochzeit rüsten?

-- Ich werde die Hochzeit nicht mitmachen, meinte Gustav.

-- Ach Geschwätz, warum solltest du sie nicht mitmachen?

Gustav erklärte, so gut er konnte, seine Gründe; aus denen ging

hervor: er wollte erstens ein Fest nicht mitmachen, das ihn anwiderte;

zweitens wollte er den brandmarken, der sein Gegner war.

-- Aber deine Mutter? wandte der Pastor ein; ist es nicht schade um

sie, so bloßgestellt zu werden?

-- Das kann ich nicht finden, antwortete Gustav. Es ist eher schade um

mich: ich kriege diesen Knoten zum Stiefvater und kann den Hof nicht

erben, solange er darauf sitzt.

-- Ja, mein Junge, das ist jetzt nicht mehr zu ändern; vielleicht aber

kann man später ein Mal etwas dabei machen. Jetzt mußt du morgen ganz

früh dein Boot nehmen und heimsegeln. Die Hochzeit mußt du jedenfalls

mitmachen!

-- Daraus wird nichts, da ich's mir einmal in den Kopf gesetzt habe,

versicherte Gustav.

Der Pastor ließ den Stoff fallen und fing an, auf dem Herdstein seinen

Hering zu essen.

-- Du hast wohl keinen Schnaps bei dir? begann er von neuem. Siehst du,

meine Alte schließt alles Starke ein, und ich kriege so früh nichts.

Gustav hatte Branntwein. Der Pastor nahm sich einen gehörigen Schluck.

Darauf wurde er gesprächig und schwatzte alles mögliche über die

Angelegenheiten des Kirchspiels, sowohl die äußeren wie die innern.

Auf den Steinen vorm Schuppen sitzend, sahen sie die Sonne untergehen

und die Dämmerung sich wie ein melonenfarbiger Nebel über Kobben und

Wasser legen. Die Möwen gingen auf der Tangbank zur Ruhe, und die

Krähen zogen nach den innern Schären, um in den Wäldern Nachtquartier

zu suchen.

Es ward Zeit, zu Bett zu gehen. Erst aber mußten die Mücken aus dem

Schuppen verjagt werden. Zu diesem Zweck wurde die Tür geschlossen und

der Raum mit »Schwarzem Anker« vollgeraucht; darauf wurde die Tür

wieder geöffnet und die Jagd mit Ebereschenzweigen unternommen.

Die beiden Fischer warfen die Röcke ab und kletterten in ihre Kojen.

-- Jetzt mußt du mir noch einen Flohschluck geben, bettelte der Pastor,

der schon sein gehöriges Teil erhalten hatte.

Auf dem Bettrand gab Gustav ihm die letzte Ölung. Dann wollte man

schlafen.

Es war dunkel im Schuppen; nur der eine und der andere Streifen

Tageslicht brach durch die undichten Wände. Doch in der schlechten

Beleuchtung fanden einzelne Mücken ihren Weg zu den Schläfrigen, die

sich in ihren Kojen wanden und warfen, um den Quälgeistern zu

entgehen.

-- Nein, das ist doch toll! stöhnte schließlich der Pastor. Schläfst

du, Gustav?

-- Bewahre! Heute Nacht wird wohl nichts aus dem Schlafen werden. Aber

womit soll man sich die Zeit vertreiben?

-- Wir müssen wohl aufstehen und wieder Feuer anzünden; einen andern

Rat weiß ich nicht. Wenn wir nur ein Spiel Karten hätten, könnten wir

eine Mariage machen. Du hast wohl keins?

-- Nein, ich nicht, aber ich glaube zu wissen, wo die Qvarnöer ihres

haben, antwortete Gustav, kletterte aus dem Bett, kroch unter die

letzte Koje und kam wieder heraus mit einem Spiel Karten, das etwas

abgegriffen war.

Der Pastor hatte Feuer geschlagen, legte Wachholderreisig auf den Herd

und steckte einen Lichtstumpf an. Gustav setzte den Kaffeekessel auf

und zog eine Strömlingstrommel herbei; die wurde zwischen die Knie

gestellt und diente als Spieltisch. Man steckte die Stummelpfeifen an.

Bald tanzten die Karten.

Die Stunden vergingen.

-- Drei frische, passe, Trumpf, war zu hören; dazwischen ein Fluch,

wenn eine Mücke unversehens ihren Schröpfkopf auf Nacken und Knöchel

der Spieler ansetzte.

-- Hör mal, Gustav, unterbrach der Pastor, der seine Gedanken anderswo

als bei Karten und Mücken gehabt zu haben schien, schließlich das

Spiel, könntest du ihm nicht einen Streich spielen, ohne gerade der

Hochzeit fern zu bleiben? Es sieht ja feig aus, wenn du diesem Knoten

aus dem Weg gehst! Willst du ihn ärgern, so weiß ich bessern Rat.

-- Wie sollte ich das anfangen? fragte Gustav, dem es allerdings leid

tat, um die Bewirtung zu kommen, die noch dazu von seinem väterlichen

Erbe genommen wurde.

-- Komm am Nachmittage, unmittelbar nach der Trauung, heim; sag, du

seist auf der See aufgehalten worden. Das ist genug Schikane. Dann

nehmen wir beide zusammen uns den Carlsson vor und machen ihn

betrunken, damit er nicht ins Brautbett kommt; auch sorgen wir dafür,

daß die Burschen ihren Spaß mit ihm treiben. Ist das vielleicht nicht

genug?

Gustav schien nicht abgeneigt zu sein. Der Gedanke, drei Tage allein

auf der Schäre zu hausen, um nachts von den Mücken aufgefressen zu

werden, machte ihn weich; zumal er sich wirklich danach sehnte, all

die Herrlichkeiten, die er hatte zubereiten sehen, auch sich schmecken

zu lassen.

Der Pastor entwarf also den Plan, wie das Abenteuer auszuführen sei,

und Gustav erklärte sich bereit, bei der Ausführung mitzuwirken.

Mit sich selbst und einander zufrieden, krochen sie schließlich in

ihre Kojen, als schon das Tageslicht durch die Türspalten drang und

die Mücken ihres nächtlichen Tanzes müde geworden waren.

* * * * *

Carlsson hatte am selben Abend von heimkehrenden Strömlingsfischern

gehört, daß man sowohl Gustav wie den Pastor nach der Schäre Norsten

habe steuern sehen. Er zog daraus den richtigen Schluß, es sei eine

Teufelei im Werke. Gegen den Pastor hegte er einen heftigen Groll,

erstens, weil der die Hochzeit sechs Monate verschoben hatte;

zweitens, weil der Pastor ihm eine nie ermüdende Geringschätzung

zeigte. Carlsson hatte vor ihm gekrochen, sich an ihm gerieben, ihn

geschmiert, aber ohne Erfolg. Waren sie im selben Zimmer, drehte ihm

der Pastor immer seinen breiten Rücken zu; hörte nie auf das, was er

sagte; erzählte immer Geschichten, die sich sehr wohl auf den

vorliegenden Fall anwenden ließen.

Statt nun abzuwarten, wie der Pastor und Gustav ihren Anschlag gegen

ihn ausführen würden, entwarf Carlsson einen Plan, wie er ihnen

begegnen könne. Der Seesoldat der Küste befand sich zufällig auf

Urlaub und war augenblicklich als Mundschenk und Handlanger auf Hemsö

angestellt; dort war seine Gewandtheit als Leiter bei Tänzen und

dergleichen wohl bekannt und geschätzt. Carlsson hatte richtig

gerechnet, wenn er glaubte, der Seesoldat werde mitwirken, um dem

Pastor einen Streich zu spielen; Rapp, so hieß der Bootsmann, war

nämlich vom Pastor nicht konfirmiert worden, weil er Mädchen

nachgestellt hatte; dieser Verlust eines Jahres hatte ihm

Schwierigkeiten bei der Marine gemacht.

Die beiden Pfaffenhasser spannen also bei einer Kaffeehalben ihren

Plan. Der Streich, den sie dem Pastor spielen wollten, lief auf nichts

Geringeres hinaus, als ihn betrunken zu machen; was dann weiter zu tun

war, würden die Umstände schon ergeben.

Die Minen waren also von beiden Seiten gelegt; und der Zufall mußte

entscheiden, welche die wirksamere war.

Der Hochzeitstag brach an.

Alle erwachten müde und schlechter Laune, infolge der vielen

Vorbereitungen.

Als die ersten Gäste zu früh anlangten, da die Wasserverbindungen

niemals pünktlich sein können, empfing sie niemand; verdutzt strichen

die Gäste um die Häuser, als seien sie zum Schmarotzen gekommen.

Die Braut war noch nicht angezogen. Der Bräutigam eilte in Hemdsärmeln

umher, um Gläser abzutrocknen, Flaschen aufzuziehen, Lichter in die

Leuchter zu stecken.

Die Stuga war gescheuert und belaubt; alle Möbel waren hinaus getragen

und hinter einer Ecke aufgestellt worden, daß es aussah, als sei

Auktion. Auf dem Hofe war eine Flaggenstange errichtet; auf der hatte

man die Zollflagge gehißt, die man für die Feier vom Zollaufseher

geliehen. Über der Haustür hingen Kranz und Krone aus Preißelbeerreis

und Gänseblumen; zu beiden Seiten standen Birkenbüsche.

In den Fenstern waren Flaschen aufgereiht, deren Schilder in den

stärksten Farben leuchteten; wie in einem Branntweinladen: Carlsson

liebte starke Effekte. Der goldgelbe Punsch schien wie Sonnenstrahlen

durch das seifengrüne Glas; der Purpur des Kognaks leuchtete wie

Kohlenfeuer; die silberähnlichen Zinnkapseln, welche die Korke

bedeckten, funkelten wie blanke Geldstücke.

Einige der Kühnsten unter den jungen Bauern traten näher und gafften,

als ständen sie vor einem Ladenfenster; sie fühlten den Vorgeschmack

eines angenehmen Kratzens im Schlunde.

Auf jeder Seite der Tür lag ein Faß von sechzig Kannen; wie grobe

Mörser bewachten sie den Eingang. Das eine enthielt Branntwein, das

andere Dünnbier. Hinter ihnen lagen in Haufen, Kugelpyramiden gleich,

zweihundert Bierflaschen.

Der Anblick war prachtvoll und kriegerisch, und Bootsmann Rapp ging

umher wie ein Gefreiter, den Korkzieher am Bauchriemen, das

Kriegsgerät ordnend, das unter seinem Befehl stand. Er hatte die

Fässer mit Fichtenreisern verziert, sie angestochen und mit

Metallhähnen versehen; er schwang seinen Spundhammer wie einen

Kanonenwischer und klopfte dann und wann an die Gefäße, um hören zu

lassen, daß sich etwas in ihnen befand.

In Paradeuniform mit blauer Jacke und umgeschlagenem Kragen, weißen

Hosen und Glanzlederhut, jedoch der Sicherheit halber ohne

Seitengewehr, flößte er den Bauernburschen großen Respekt ein. Außer

seiner Befassung als Mundschenk hatte er den Auftrag, Ordnung zu

halten, Unfug zu verhüten, bei Bedarf hinauszuwerfen, bei Schlägereien

einzuschreiten. Die reichen Burschen taten so, als verachteten sie

ihn; das war aber nur Neid; sie hätten so gern die Uniform angezogen

und der Krone gedient, wenn sie nicht das Tauende und die launischen

Kanoniere gefürchtet hätten.

In der Küche standen zwei Kochtöpfe für den Kaffee auf dem Herde, und

zusammen geliehene Mühlen krachten und knirschten. Zuckerhüte wurden

mit dem Beil zerschlagen und Kaffeekuchen war in den Fenstern

aufgeschichtet. Die Mägde liefen hin und her zwischen Küche und

Vorratsschuppen, der mit Gekochtem und Gebratenem aller Art und mit

Säcken voll frischgebackenem Brot behängt war.

Zuweilen steckte die Braut, mit losem Haar und in Hemdsärmeln, den

Kopf durchs Kammerfenster und rief, bald nach Lotte, bald nach Clara.

Segel auf Segel bog in die Bucht ein, fuhr geschickt um den

Brückenkopf und legte unter Flintenschüssen an. Aber die Leute wagten

sich noch nicht in die Stuga hinauf, sondern strichen in Scharen um

den Hof.

Ein glücklicher Zufall hatte es gefügt, daß des Professors Frau und

Kinder landeinwärts zu einem Geburtstage hatten reisen müssen, und nur

der Professor zu Hause war. Der hatte daher freundlich die Einladung

angenommen, gab auch seinen großen Saal für die feierliche Handlung

her und seinen Rasen unter den Eichen für Kaffeetrinken und

Abendschmaus. Da waren lange Bretter auf Böcke und Fässer gelegt, um

Tische und Bänke zu bilden; die Tische waren bereits mit Decken

versehen und mit Kaffeetassen gedeckt.

Auf der Höhe vor der Stuga bildeten sich jetzt kleine Gruppen.

Rundqvist, Seehundstran im Haar, frisch rasiert, in schwarzer Jacke,

hatte sich selber die Aufgabe gestellt, die Gäste durch spöttische

Anmerkungen zu erheitern.

Norman hatte den Auftrag erhalten, zusammen mit Rapp den Ehrengruß zu

donnern, hauptsächlich mit Dynamitpatronen; er hielt sich hinter der

Hausecke und übte sich in kleinerem Maßstabe mit einem Terzerol. Dafür

hatte er aber seine Harmonika hergeben müssen; die war heute in Acht

und Bann getan, weil man den besten Geigenspieler der Gegend, den

Schneider aus Fifong, berufen hatte; und dieser Herr war sehr

empfindlich, wenn man in seine Kunst griff.

Dann kam der Pastor. Er war in scherzhafter Hochzeitslaune, bereit,

mit dem Brautpaar zu spaßen, wie der Brauch es forderte. Er wurde von

Carlsson auf der Schwelle empfangen und willkommen geheißen.

-- Nun, müssen wir auch gleich taufen? grüßte Pastor Nordström.

-- Nein, potztausend, so eilig ist's denn doch nicht! antwortete der

Bräutigam, ohne verlegen zu werden.

-- Bist du deiner Sache auch sicher? fragte der Pastor, während die

Bauern grinsten. Ich habe schon ein Mal auf einer Hochzeit getraut und

getauft, aber das waren auch flinke Leute, die sich es leisten

konnten. Im Ernst, wie steht's mit der Braut?

-- Hm, dieses Mal ist keine Gefahr; aber man kann nie wissen, wann es

los geht, antwortete Carlsson, indem er dem Pastor seinen Platz

anwies, zwischen der Mutter des Kirchenvorstehers und der Witwe von

Owassa, die der Pastor mit Fischerei und Wetter unterhielt.

Der Professor kam, in Frack und weißer Binde, mit schwarzem hohen Hut.

Der Pastor nahm ihn sofort als ebenbürtige Standesperson in Anspruch

und fing ein Gespräch an, das die Frauen mit gespannten Augen und

Ohren belauschten; sie waren nämlich davon überzeugt, der Professor

sei ein grundgelehrter Mann.

Aber Carlsson kam und verkündete, alles sei bereit; man suche nur

Gustav noch, um anfangen zu können.

-- Wo ist Gustav? rief man jetzt auf dem Hof und wiederholte es bis zur

Scheune.

Niemand antwortete. Keiner hatte ihn gesehen.

-- Oh, ich weiß es wohl, wo er ist, erklärte Carlsson.

-- Wo kann er denn sein? höhnte Pastor Nordström so, daß Carlsson es

merkte.

-- Man hat ihn draußen auf Norsten gesehen, hat ein Vogel gezwitschert;

und ein Fuchs war mit ihm, der ihn zum trinken verführte!

-- Wenn er in schlechte Gesellschaft geraten ist, hat es keinen Zweck,

auf ihn zu warten, meinte der Pastor. Es ist jedenfalls unrecht von

ihm, sich nicht zu Hause zu halten, wo er so gute Vorbilder und so

treue Freunde hat. Aber was sagt die Braut? Sollen wir anfangen oder

sollen wir warten?

Die Braut ward gehört. Ob sie gleich recht traurig war, wollte sie

doch, daß man anfange, weil sonst der Kaffee kalt werde.

So begann man aufzubrechen, während hinten auf den Bergfelsen der

Dynamit donnerte. Der Spielmann harzte und schraubte, der Pastor zog

den Talar an, die Brautdiener gingen voran. Der Pastor führte die

Braut. Die war in schwarze Seide gekleidet, trug den weißen Schleier

mit dem Myrtenkranz und war sehr geschnürt; was verborgen werden

sollte, wurde um so sichtbarer.

So zog man in den Saal des Professors hinauf, während die Geige

knirschte und die Schüsse knallten.

Die Braut warf noch im letzten Augenblick unruhige Blicke um sich, um

nach dem verlorenen Sohn zu spähen; als sie zur Tür hinein sollte,

mußte der Pastor sie schleppen, während sie die Augen hinten hatte.

Sobald sie in den Saal kamen, stellten sich die Gäste rings an den

Wänden auf, als bildeten sie die Wache für eine Hinrichtung. Das

Brautpaar nahm vor zwei umgekehrten Stühlen Platz, die mit einem

brüsseler Teppich bedeckt waren.

Der Pastor hatte das Buch genommen, befühlte seinen Kragen und wollte

sich gerade räuspern, als die Braut ihre Hand auf seinen Arm legte.

-- Nur noch einen Augenblick, dann kommt Gustav wohl!

Es wurde fast ganz still im Zimmer; man hörte nur das Knarren von

Stiefeln und das Knittern gestärkter Hemden; nach einigen Augenblicken

hörte das auf, man sah einander an, wurde verlegen, hustete; dann ward

es wieder still. Schließlich sagte der Pastor, an dem aller Blicke

hingen:

-- Jetzt beginnen wir; länger können wir nicht warten! Ist er noch

nicht gekommen, so kommt er auch nicht.

Dann begann er:

-- Teure Christen, die Ehe ist von Gott selbst gestiftet ...

Eine gute Weile war vergangen, die älteren Frauen rochen an ihrem

Lavendel und weinten, als plötzlich ein Knall vom Hofe zu hören war

und das Geklirr von Glasscherben. Man horchte einen Augenblick auf,

ließ sich aber nicht weiter stören; nur Carlsson rührte sich etwas

unruhig und schielte zum Fenster hinaus. Bald aber kam ein neues puff!

puff! puff!, als entkorke man Champagnerflaschen; die Jungen, die an

der Tür standen, fingen an zu kichern.

Als sich die Unruhe wieder legte, fragte der Pastor den Bräutigam:

-- Vor Gott dem Allwissenden und in Gegenwart dieser Gemeinde frage ich

dich, Johannes Eduard Carlsson, ob du diese Anna Eva Flod zur Ehefrau

haben und sie in Lust und Leid lieben willst?

An Stelle der Antwort schmetterte eine neue Salve Flaschenkörke,

Glasscherben klirrten und der Hund begann ganz toll zu bellen.

-- Wer zieht denn da draußen Flaschen auf und stört den heiligen Akt?

brüllte Pastor Nordström wütend.

-- Danach wollte ich gerade fragen, platzte Carlsson heraus, der seine

Neugier und Unruhe nicht länger zurückhalten konnte. Macht Rapp diesen

Spektakel?

-- Was soll ich machen, rief Rapp, der in der Tür stand und sich von

der Zumutung verletzt fühlte.

Puff! puff! puff! knallte es unaufhörlich.

-- Geht doch um Himmels willen hinaus und seht nach, was los ist, damit

nicht noch ein Unglück geschieht, schrie der Pastor; nachher fahren

wir fort.

Einige Hochzeitsgäste stürzten hinaus, andere drängten sich an die

Fenster.

-- Das ist das Bier! schrie jemand.

-- Das Bier, das Bier platzt! wiederholte der Professor.

-- Wie kann man aber auch das Bier in die Sonne legen!

Wie Kugelspritzen lagen die Bierflaschen in ihren Haufen und knallten

und brausten, daß der Schaum auf die Erde rann.

Die Braut war über die unerwartete Unterbrechung der heiligen Handlung

erregt; das bedeutete nichts Gutes! Der Bräutigam wurde gescholten,

weil er seine Anordnung schlecht getroffen hatte; beinahe wäre er in

eine Schlägerei mit dem Bootsmann gekommen, auf den er die Schuld

schieben wollte. Der Pastor war zornig, daß die heilige Handlung von

den Flaschen gestört worden. Draußen aber standen die Jungen und

tranken die Reste aus den Flaschenböden; während ihrer Rettungsarbeit

bargen sie auch einige halbvolle Flaschen, aus denen nur die Korke

heraus gesprungen waren.

Als sich schließlich der Sturm gelegt hatte, versammelte man sich von

neuem im Saal, allerdings nicht mehr so andächtig wie vorher. Nachdem

der Pastor die Frage an den Bräutigam wiederholt hatte, wurde die

heilige Handlung zu Ende geführt, ohne daß sie von etwas Anderm

unterbrochen wurde als dem Kichern, das die Jungen im Flur nicht zu

unterdrücken vermochten.

Die Glückwünsche regneten auf die Neuvermählten nieder; und so schnell

man konnte, verließ man den Saal, der nach Schweiß, Tränen, feuchten

Strümpfen, Lavendel und welken Blumensträußen roch.

Eilig ging's an den Kaffeetisch.

Carlsson nahm zwischen Professor und Pastor Platz; aber die Braut

hatte nicht die Ruhe zum Sitzen, sondern mußte hierhin und dorthin

eilen, um nach den Zurüstungen zu sehen.

Die Sonne schien glänzend an diesem Juliabend, und unter den Eichen

plauderte und lachte man. Der Branntwein floß in die Kaffeetöpfe, als

die zweite Tasse kam, in die man nicht mehr den Kuchen tauchte. Doch

oben am Kopfende beim Bräutigam wurde Punsch geboten; weder Bauern

noch Burschen sahen scheel darauf. Es war ein Getränk, das man sich

nicht alle Tage leistete, und der Pastor ließ sich's aus seinem

Kaffeetopf wohl bekommen.

Heute war er ungewöhnlich mild gegen Carlsson und trank ihm

unaufhörlich zu, rühmte ihn und zeigte ihm die größte Aufmerksamkeit.

Doch vergaß er den Professor nicht, dessen Bekanntschaft ihm mehr

Vergnügen machte, weil er so selten einen gebildeten Mann traf. Aber

es war nicht leicht, ihn im Gespräch zu finden, da Musik nicht die

starke Seite des Pastors war und der Professor aus Höflichkeit das

Gespräch auf das Gebiet des Pastors zu bringen suchte, dem dieser

gerade entkommen wollte. Da man einander so schwer verstand, konnte

der eine dem andern auch nicht näher kommen. Überhaupt sprach der

Professor, der gewohnt war, seinen Gefühlen in Musik Luft zu machen,

nicht viel.

-- Sind viel Leute in der Kirche? fragte er.

-- Oh nein, das kann man nicht sagen, nur wenn Abendmahl ist. Werden

wir Sie nie bei uns sehen, Herr Professor? fragte der Pastor.

-- Nein, ich nehme nie das Abendmahl; ich kann nicht.

-- Können nicht! Warum nicht?

-- Ich muß den Ablaß ausspeien! antwortete der Professor und machte ein

saures Gesicht.

Pastor Nordström, der nicht verwöhnt war, fand, das war roh gesagt von

einem so feinen Herrn; wandte sich von ihm ab und fuhr fort, dem

Bräutigam zuzusetzen.

-- Du bist Reiseprediger gewesen, Carlsson? warf er dem hin. Was hast

du denn gepredigt?

-- Gottes Wort, wie der Herr Pastor, grinste Carlsson.

-- Na, das lasse ich mir gefallen, aber habt ihr gehört, Burschen --

damit wandte er sich an die Männer -- habt ihr von jenem Reiseprediger

sprechen hören, der jetzt umherläuft und den Bauern zeigen will, wie

man Kinder macht!

-- Hahaha! lachten Männer und Burschen, während die Frauen sich

abwandten und grinsten.

-- Solch ein Teufel, dem Vater ins Handwerk zu fuschen!

-- Aber, das kann doch nicht Ernst sein? fragte Rundqvist mit einer

schurkisch unschuldigen Miene. Als wüßte man nicht, wie man auf der

Tenne drischt, während man den Roggen draußen läßt.

Jetzt kam der Spielmann, dem es sehr schwer wurde, unbemerkt

dazusitzen, zum Hochsitz hinauf; durch Kaffeehalbe in seinem Mut

gestärkt, wollte er mit dem Professor über Musik sprechen.

-- Bitte um Verzeihung, Herr Kammermusikus, grüßte er und knipste an

seiner Geige; wir haben ja gewissermaßen etwas gemeinsam, denn ich

spiele auch, wenn auch nur auf meine Art.

-- Geh zur Hölle, Schneider! Sei nicht unverschämt! wies ihn Carlsson

ab.

-- Ich bitte um Verzeihung, aber Euch geht's nichts an, Carlsson!

Versuchen Sie nur diese Geige, Herr Kammermusikus, und sagen Sie mir,

ob die nicht gut ist; sie hat zehn Reichstaler gekostet.

Der Professor knippste die Quinte, lächelt und sagte freundlich:

-- Recht gut!

-- Wenn sich nur jemand darauf versteht, dann kann man ein wahres Wort

hören! Aber über Kunst sprechen mit diesen -- er wollte flüstern, aber

die Stimmittel weigerten sich, zu nuancieren, und er schrie --

Bauernlümmeln ...

-- Gebt dem Schneider einen Tritt in den Hintern! schrie man im Chor.

-- Hör mal, Schneider, du darfst dich nicht betrinken: dann können wir

nicht tanzen!

-- Rapp, du mußt auf den Spielmann achten, daß er nicht mehr trinkt!

-- Bin ich nicht zum Trinken eingeladen? Bist du vielleicht geizig, du

Preller?

-- Setz dich, Friedrich, und sei ruhig, meinte der Pastor, sonst

kriegst du Schläge.

Aber der Spielmann wollte unbedingt über seine Kunst schwatzen; um

seine Behauptung, daß die Geige vortrefflich sei, zu bekräftigen, fing

er an zu quinkelieren.

-- Hören Sie nur, Herr Kammermusikus, diese Bässe; die klingen ganz wie

eine kleine Orgel ...

-- Der Schneider soll das Maul halten! ...

Um die Tische entstand Bewegung und der Rausch nahm zu.

Da schrie jemand:

-- Gustav ist da!

-- Wo? Wo?

Clara sagte, sie haben ihn unten beim Holzhaufen gesehen.

-- Sag es mir, wenn er drinnen ist, bittet der Pastor; aber nicht

früher, als bis er drinnen ist, hörst du!

Die Groggläser werden vorgesetzt, und Rapp zieht die Kognakflaschen

auf.

-- Das geht etwas hitzig, meinte der Pastor abwehrend.

Carlsson aber fand, es gehe, wie es gehen soll.

Rapp forderte alle heimlich auf, mit dem Pastor anzustoßen. Bald hatte

der seinen ersten Grog geleert und mußte den zweiten bereiten.

Der Pastor beginnt mit den Augen zu rollen und kaut. Er betrachtet so

genau, wie er kann, Carlssons Züge und sucht zu ergründen, ob der

seine volle Ladung erhalten. Das Sehen aber fällt ihm schwer, darum

beschränkt er sich darauf, mit ihm anzustoßen.

Da kommt Clara und ruft:

-- Jetzt ist er drinnen, Herr Pastor! Jetzt ist er drinnen!

-- Nein, was sagst du, zum Teufel, ist er schon drinnen!

Der Pastor hatte vergessen, um wen es sich handelte.

-- Wer ist drinnen, Clara? widerhallte es im Chor.

-- Gustav natürlich!

Der Pastor erhob sich, ging in die Stuga hinunter und holte Gustav.

Scheu, verwirrt, kam der zu Tisch. Der Pastor ließ ihn mit einer Tasse

Punsch und Hurrahrufen begrüßen.

Dann stieß Gustav mit Carlsson an und sagte ein kurzes:

-- Glück auf!

Carlsson wurde gefühlvoll und trank bis auf den Grund aus; erklärte,

es sei ihm ein großes Vergnügen, ihn zu sehen, wenn er auch spät

komme; und er wisse von zweien, deren alten Herzen es wohl tue, ihn zu

sehen, wenn er auch spät komme.

-- Und glaube mir, schloß er, wer den alten Carlsson richtig zu nehmen

versteht, der weiß auch, wo er ihn hat.

Hingerissen war Gustav nicht, aber er forderte Carlsson auf, ein Glas

mit ihm zu trinken.

Die Dämmerung kam, die Mücken tanzten, die Leute schwatzten, Gläser

klangen, Lachen schallten. Hier und dort in den Büschen waren bereits

kleine Notschreie zu hören, unterbrochen von Kichern und Hurrahen,

Hallohen und Schüssen, während der Himmel des lauen Sommerabends

erblaßte. Draußen auf den Wiesen zirpte das Heimchen und snarpte die

Wiesenknarre.

Die Tische wurden abgeräumt; es sollte zum Abendbrot gedeckt werden.

Rapp hing farbige Laternen, die er vom Professor geliehen, in die Äste

der Eiche. Norman trug Haufen von Tellern. Rundqvist lag auf den Knien

und zapfte Dünnbier und Branntwein. Die Mädchen trugen Butter in

Schobern herbei, Strömlinge in Diemen, Pfannkuchen in Stapeln,

Fleischklöße in Hocken.

Als alles fertig war, klatschte der Bräutigam in die Hände:

-- Bitte, nehmt ein Butterbrot! lud er ein.

-- Aber wo ist der Pastor? sperrten sich die alten Frauen.

Ohne den Pastor wollte niemand anfangen.

-- Und der Professor? Wo sind sie geblieben? Es geht wirklich nicht,

daß man ohne sie anfängt!

Man rief und suchte, aber keine Antwort.

In Gruppen umstand man die Tische, wie hungrige Hunde mit funkelnden

Augen, bereit, sich auf das Essen zu stürzen; aber keine Hand rührte

sich und das Schweigen wurde bedrückend.

-- Vielleicht sitzt der Pastor im Häuschen! ertönte Rundqvists

unschuldige Stimme.

Ohne weiteren Aufschluß abzuwarten, ging Carlsson hinunter, um den

geheimen Ort aufzusuchen. Ganz richtig, bei offener Tür saßen da

Pastor und Professor, jeder seine Zeitung in der Hand, und waren in

lebhaftem Meinungsaustausch begriffen. Die Laterne stand auf dem Boden

und warf ein Rampenlicht auf die beiden Thronbesteiger, die Carlsson

aus Achtung vor der Heiligkeit des Ortes nicht in ihrer natürlichen

Ausübung einer zwingenden Pflicht stören wollte.

-- Nein, lallte der Pastor, ein Mal in der Woche, siehst du, mein

Bruder -- er glaubte, sie hätten Brüderschaft getrunken -- _ein_ Mal in

der Woche, das ist mein Regime. Nicht mehr, und nicht weniger.

-- Jaja, jaja, das ist sehr gut, aber ich ...

-- _Ein Mal in der Woche_, sage ich, und nie mehr als einen Ritt! sagt

Hufeland, und das ist mein Regime, siehst du, mein Bruder.

Das Gespräch drohte langwierig zu werden, und Carlsson mußte

einschreiten.

-- Entschuldigen Sie, meine Herren, aber die Butterbröte werden kalt!

-- Bist du's, Carlsson? Achso! Fangt nur an; wir kommen sofort!

-- Ja, aber alle Leute warten! Mit Respekt zu sagen: die Herren könnten

sich wohl etwas beeilen!

-- Kommen gleich, kommen gleich! Geh nur; geh nur!

Carlsson hatte mit Befriedigung zu bemerken geglaubt, daß der Pastor

»gerührt« war; er entfernte sich und beeilte sich, die Gesellschaft

mit der Erklärung zu beruhigen, der Pastor mache sich bereit und werde

gleich kommen.

Einen Augenblick später irrte eine Laterne über den Hof und näherte

sich den gedeckten Tischen; zwei schwankende Schatten folgten.

Das bleiche Gesicht des Pastors wurde bald am oberen Ende des Tisches

sichtbar. Die Braut trat mit dem Brotkorb auf ihn zu, um dem

peinlichen Warten ein Ende zu machen. Carlsson aber hatte etwas

anderes im Sinn; indem er mit einem Messer an die Schüssel mit den

Fleischklößen klopfte, schrie er mit lauter Stimme:

-- Still, gute Leute, der Herr Pastor will einige Worte sagen!

Der Geistliche starrte Carlsson an, schien nicht zu verstehen, wo er

zu Hause war; sah, daß er einen glänzenden Gegenstand in der Hand

hatte; erinnerte sich, daß er bei seiner letzten Weihnachtsrede eine

silberne Kanne in der Hand gehabt; hob die Laterne wie einen Pokal in

die Höhe und sprach:

-- Meine Freunde, wir haben heute ein frohes Fest zu feiern.

Er starrte Carlsson an, um etwas über Charakter und Zweck des Festes

zu erfahren, denn er war bereits so vollständig abwesend, daß sich

Jahreszeit, Ort, Ursache, Absicht verflüchtigt hatten. Aber Carlssons

grinsendes Gesicht löste ihm das Rätsel nicht. Er starrte in die Luft,

um irgend einen leitenden Faden zu entdecken; sah die farbigen

Laternen in der Eiche und erhielt die schwankende Vorstellung von

einem riesengroßen Weihnachtsbaum: da hatte er die Spur gefunden.

-- Dieses frohe Fest des Lichtes, stieß er hervor, wenn die Sonne der

Kälte weicht, und der Schnee -- er sah das weiße Tischtuch sich wie ein

großes Schneefeld unendlich weit ausbreiten -- meine Freunde, wenn der

erste Schnee sich wie eine Decke über den Schmutz des Herbstes legt

... nein, ich glaube, ihr treibt euern Scherz mit mir ...

Er wandte sich fort und machte einen krummen Rücken.

-- Der Herr Pastor ist kalt geworden! sagte Carlsson; er will sich

niederlegen! Bitte, fangt an, meine Herrschaften!

Man ließ sich das nicht zwei Male sagen, sondern stürzte auf die

Schüsseln los, indem man den Pastor seinem Schicksal überließ.

Dem Pastor war die Bodenkammer des Professors zum Nachtquartier

angewiesen worden; um zu zeigen, daß er nüchtern war, lehnte er alle

Angebote von Hilfe ab, indem er mit Schlägen drohte. Die Laterne an

den Knien, zusammengefallen, als suche er Nadeln in dem tauigen Grase,

steuerte er auf ein Fenster zu, das erleuchtet war. Aber an der

Gartentür strauchelte er und stieß so heftig gegen den Türpfosten, daß

die Laterne zerbrach und erlosch. Wie ein Sack schloß sich die

Dunkelheit um ihn und er sank auf seine Knie nieder; aber das Fenster

mit dem Licht leuchtete ihm wie ein Leitfeuer. Beim Weitergehen

verspürte er das unangenehme Gefühl, daß die Knie seiner schwarzen

Hosen bei jedem Schritt feucht wurden, und seine eigenen Kniescheiben

schmerzten, als schlügen sie gegen Steine.

Schließlich kriegt er etwas sehr Großes, Rundes und Feuchtes zu

fassen; er tappt und sticht sich an einem Brief Stecknadeln oder

dergleichen; steckt die Hand in eine Bootsdolle oder ähnliches; da

hört er das Brausen von Wasser und fühlt, daß er naß wird. Von der

Furcht, in die See gegangen zu sein, aufgescheucht, erhebt er sich am

Mast und findet in einem lichten Augenblick, daß er an einem

Türpfosten steht; kommt mit einer Krängung in einen Flur; fühlt eine

Treppenstufe an den Knien; hört eine Magd schreien: »Herr Jesus, das

Dünnbier!«

Von einem dunkeln bösen Gewissen getrieben, kriecht er die Treppe

hinauf, stößt sich die Fingerknöchel an einem Schlüssel, kriegt eine

Tür auf, die nach innen nachgibt; stürzt in eine Kammer hinein und

sieht ein großes gemachtes Bett für zwei; hat soviel Kraft, die Decke

aufzuschlagen; kriecht mit Kleidern und Stiefeln hinein, um sich zu

verstecken, da man ihn unten mit Schreien verfolgt; glaubt zu sterben

oder zu erlöschen oder zu ertrinken, und meint, die Menschen rufen

nach Dünnbier!

Ab und zu erwachte er wieder zum Leben, ward wieder angezündet, aus

der See gezogen, lebte und stand am Weihnachtstisch; saß Lende an

Lende neben dem Professor und disputierte über Hufelands Kunst,

hundert Jahre zu leben; und dann wurde er wieder ausgeblasen wie ein

Licht, erlosch, starb, sank und wurde naß.

Inzwischen wurde das Abendbrot unter den Eichen fortgesetzt und mit

Bier und Branntwein so stark befeuchtet, daß keiner an den Pastor

dachte.

Als man das Essen soweit verschlungen hatte, daß der Boden in Tellern

und Schüsseln zu sehen war, ging man in die Stuga hinunter, um zu

tanzen.

Die Braut wollte dem Pastor etwas Gutes auf die Kammer schicken; aber

Carlsson überzeugte sie davon, daß der Pastor am liebsten Ruhe haben

wolle; es sei nicht richtig, ihn zu stören. Und dabei blieb es.

Gustav hatte sich von seinem Bundesgenossen abgewandt, als er merkte,

daß der überlistet war; er gab sich seinen Vergnügungen hin und vergaß

allen Groll im Rausch.

Der Tanz ging wie eine Mühle. Der Spielmann saß auf dem Herd und

fiedelte. In den offnen Fenstern kühlten sich schwitzende Rücken an

der Frische der Nacht. Draußen auf der Höhe saßen die Alten, rauchten,

tranken und scherzten im Halbdunkel, im schwachen Feuerschein, der

durch die Scheiben der Küche fiel, und bei den Lichtern in der

Tanzstube.

Draußen aber auf Wiesen und Höhen wanderte Paar um Paar in dem tauigen

Grase unter dem schwachen Schimmer des Sternenhimmels, um bei Heuduft

und Heimchengezirp das Feuer zu löschen, das die Wärme des Hauses, der

starke Geist des Kornweins, der wiegende Schritt des Tanzes in ihnen

entzündet hatten.

Mitternacht tanzte vorbei und der Himmel begann sich im Osten zu

lichten; die Sterne zogen sich zurück, und der große Wagen streckte

die Deichsel in die Luft, als sei er nach hinten umgekippt. Die Enten

schnatterten im Schilf. Die blanke Bucht spiegelte bereits die

Zitronenfarben der Morgenröte wieder, zwischen den Schatten der

dunkeln Erlen, die im Wasser auf dem Kopf zu stehen schienen und bis

auf den Seegrund reichten.

Das währte aber nur einen Augenblick; dann zogen Wolken von der Küste

auf und es wurde wieder Nacht.

Da ertönte ein Geschrei in der Küche.

-- Der Glühwein! Der Glühwein!

In Zugordnung kamen die Männer mit einer Kasserolle, die von

brennendem Branntwein flammte und einen blauen Schein um sich warf,

während der Spielmann einen Marsch spielte.

-- Mit dem ersten Glas zum Pastor hinauf! schrie Carlsson, in der

Hoffnung, seinem Werk die Krone aufsetzen zu können.

Mit Hurrahrufen wurde der Vorschlag angenommen. Der Zug setzte sich

nach der Stuga des Professors in Bewegung. Mit mehr oder weniger

sichern Schritten enterte man die Treppe.

Der Schlüssel saß in der Kammertür und man stampfte hinein, nicht ohne

eine gewisse Furcht, mit Schelten und Hieben empfangen zu werden.

Drinnen war es still, und bei dem blauen zitternden Scheine der

Kasserolle sah man, daß das Bett unberührt und leer war.

Eine schwarze Ahnung von einem furchtbaren Rückschlag erfaßte

Carlsson; aber er verbarg seinen Argwohn und machte der Ungewißheit

und den Vermutungen mit der improvisierten Erklärung ein Ende: er

erinnere sich jetzt, daß der Pastor gesagt habe, er wolle sich auf den

Heuboden legen, um den Mücken zu entgehen.

Da man sich mit dem Feuer nicht dem Heu nähern durfte, gab man die

Sache auf. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, um den Rückweg

anzutreten, hinunter nach dem Hof, wo das Trankopfer dargebracht

wurde.

Carlsson ernannte eilig Gustav zum stellvertretenden Wirt. Dann nahm

er Rapp bei Seite und teilte ihm seine schrecklichen Ahnungen mit.

Ohne daß die Andern es merkten, schlichen die beiden Verschworenen die

Treppe zur Brautkammer hinauf; einen Lichtstummel und Streichhölzchen

hatten sie mitgenommen.

Als sie die Tür öffneten, schlug ihnen ein Gestank entgegen, daß sie

beinahe auf den Rücken gefallen wären, wie sie später erzählten.

Rapp schlug Feuer, und im Brautbett sah Carlsson seine schlimmsten

Erwartungen übertroffen.

Auf dem weißen mit Hohlsaum genähten Kopfkissen lag ein zottiger Kopf,

ähnlich dem eines nassen Hundes, dessen Mund weit offen stand.

-- Potztausend, knirschte Carlsson, das hätte ich doch nicht gedacht,

daß der Halunke sich wie ein Schwein betragen würde. Gott erbarme

sich!

Rapp hob die Decke und hielt sich die Nase zu!

-- Oh Jesus, nein! Pfui, pfui!

Carlsson suchte nach einem Stock, aber es war keiner im Zimmer!

-- So ein verdammter Schurke! Gott im Himmel! Und auch die Stiefel hat

er an, der Stänker!

Hier war guter Rat teuer! Wie sollte man den Kranken fortschaffen,

ohne daß die Leute etwas erfuhren, vor allem, ohne daß die Braut etwas

merkte?

-- Wir müssen ihn durchs Fenster hinausschaffen! erklärte Rapp.

-- Nicht einmal mit einer Zange möchte ich ihn anfassen! versicherte

Carlsson.

-- Mit einer Talje geht es; dann schleppen wir ihn in die See! Lösch

nur das Licht, und dann nach der Scheune hinauf und die Geräte geholt!

Die Tür wurde von draußen verschlossen und der Schlüssel

herausgezogen. Dann schlichen die beiden Rächer auf einem Umwege nach

der Scheune hinauf. Carlsson fluchte und schwor:

-- Wenn wir ihn nur erst heraus haben, dann wollen wir ihn schon

kriegen!

Zufällig stand das Hebezeug noch vom letzten Schlachten her da.

Nachdem sie die Spiere heruntergenommen und Block und Seil gefunden

hatten, schleppten sie die Geräte auf Umwegen hinter die Stuga, bis an

den Giebel unter das Fenster des Pastors.

Rapp holte eine Leiter, scherte die Spiere und machte sie mit einer

Latte am First fest. Darauf splißte er einen Stropp, befestigte den

Block und schnitt die Talje ein. Dann kroch er in die Kammer, während

Carlsson unten mit einem Bootshaken stand, um abzustoßen.

Nachdem Rapp in der Kammer eine Weile gearbeitet hatte, pustend und

schnaubend, sah Carlsson ihn den Kopf herausstecken und hörte ihn

leise den Befehl geben:

-- Holen!

Carlsson holte, und bald erschien ein schwarzer Körper draußen auf dem

Fensterbrett.

-- Hol steif! befahl Rapp.

Carlsson holte an. Draußen auf dem Hebezeug baumelte jetzt der

schlaffe Körper des Pastors, der sich unglaublich verlängerte, wie der

eines Gehängten.

-- Fieren! befahl Rapp wieder.

Aber im selben Augenblick war ein Laut zu hören wie aus einem

angestochenen Dünnbieranker, und als es klack! sagte, strömte es

nieder über Carlssons Kopf und Schultern.

-- Herr Jesus, er kotzt! er kotzt, schrie der Bräutigam, der fühlte,

wie sein schwarzer Rock verdorben wurde und etwas Klebriges sich in

die Haarlocken legte, die Rundqvist mit der kleinen Kneifzange

gekräuselt hatte.

-- Fieren! schrie Rapp! Nur fieren! Hol an!

Aber Carlsson hatte schon losgelassen; wie ein Haufen lag der Pastor

in den Nesseln, ohne einen Laut von sich zu geben.

Im Nu war der Bootsmann zum Fenster hinausgeklettert, und eilte die

Leiter hinunter. Beide schleppten den Pastor nun nach der Waschbrücke.

Als sie ans Seeufer kamen, brach Carlsson los:

-- Jetzt sollst du baden, du Halunke!

Es war seicht am Strande, aber sehr schlammig, weil man Jahre lang das

Eingeweide der Fische dorthin geworfen hatte. Rapp packte den Stropp,

den er um den Leib des Schlafenden befestigt, und warf ihn in die See.

Da erwachte der Pastor und stieß einen Schrei aus, wie ein Ferkel beim

Schlachten.

-- Holen! befahl Rapp, der merkte, daß die Leute oben aufhorchten und

schon herbeieilten.

Carlsson aber legte sich auf die Knie und wälzte den Pastor im

Schlamm; dann rieb er mit den Händen dessen schwarzen Anzug so ein,

daß jede Spur von dem Unglück, das im Brautbett geschehen, vertilgt

war.

-- Was ist da unten los? Was ist? riefen die Leute, die herbeieilten.

-- Der Pastor ist in die See gefallen! antwortete Rapp und holte den

schreienden Geistlichen.

Jetzt entstand eine Volksversammlung. Carlsson spielte den edelmütigen

Retter und machte den mitleidigen Samariter, indem er frömmelte und

wehklagte.

-- Könnt ihr euch denken: ich komme ganz zufällig hierher, da höre ich

etwas plätschern und quellen, daß ich glaube, es sei ein Seehund. Als

ich näher kam, sehe ich, es ist unser lieber Herr Pastor. Herr Jesus,

sage ich zum Bootsmann, ich glaube, das ist Pastor Nordström selbst,

der dort liegt und mit den Flügeln schlägt. Und dann sagte ich zu

Rapp: Du, Rapp, lauf nach einer Trosse! Und Rapp lief nach einer

Trosse. Als wir aber den Stropp um den dicken Herrn schlangen, fing er

an zu schreien, als wollte man ihn ausweiden. Und wie er aussieht!

Der Pastor sah wirklich unbeschreiblich aus. Die Männer betrachteten

ihren Hirten mit Verdruß, aber auch mit unausrodbarer Ehrerbietung;

sie wollten ihn so schnell wie möglich fortschaffen.

Aus zwei Paar Rudern wurde eine Bahre gemacht, auf die man den Pastor

legte. Acht starke Schultern trugen ihn nach der Tenne hinauf, wo man

ihn umkleiden wollte.

Der Spielmann, der ganz betrunken war, glaubte, es handle sich um

irgendeine Posse; er stieß zu ihnen und zog mit, während er Bellmans

Trinklied »Macht Platz da, macht Platz da der Bahr des alten

Schmidt!« fiedelte.

Burschen kamen aus den Büschen hervor und gesellten sich dazu. Der

Professor glaubte seine verlorene Jugend wiedergefunden zu haben,

setzte sich an die Spitze und sang. Norman hatte seine Harmonika

vorgeholt, da er seine musikalische Suada nicht unterdrücken konnte.

-- Es stinkt arg! bemerkte der Professor, welcher der Dachtraufe von

der Bahre zu nahe gekommen war, und die Männer hielten sich die Nase

zu. Da rührte es sich oben, und über ihre Köpfe ergoß es sich von der

Höhe.

-- Er speit, er speit! schrie der Professor.

-- Nehmt euch in Acht, er kotzt, er kotzt, warnte Carlsson, aber zu

spät.

Als sie aber auf den Hof kamen, stürzten die Frauen herbei; sobald die

den Pastor in seiner traurigen Verfassung sahen, wurden sie von

Mitleid ergriffen und erbarmten sich über den Bewußtlosen. Frau Flod

holte eine Bettdecke, die sie, trotz Carlssons Warnungen, über den

Jammer warf. Dann setzte man warmes Wasser auf und borgte vom

Professor Wäsche und Anzug.

Als man zur Tenne hinauf kam, wurde der Kranke, wie man ihn nannte --

niemand hätte zugegeben, daß der Pastor betrunken sei -- auf trockenes

Stroh gelegt.

Rundqvist kam mit dem Schnäpper, um den Pastor zur Ader zu lassen,

wurde aber fortgejagt. Da bat er, den Kranken wenigstens besprechen zu

dürfen, denn er könne wassersüchtige Schafe besprechen. Er durfte sich

aber durchaus nicht mit dem Geistlichen befassen, und auch kein

anderer von den Mannsleuten.

Carlsson aber schlich sich wieder in die Brautkammer hinauf, dieses

Mal allein, um die Spuren seiner Demütigung zu verwischen. Als er die

Verwüstung in dem beschmutzten Brautbett sah, überfiel ihn einen

Augenblick Schwäche, ermüdet, wie er von den Arbeiten der letzten Tage

und den Anstrengungen dieser Nacht war. Er dachte daran, wie anders es

mit Ida gewesen wäre, wenn ihr Verhältnis zu Stande gekommen. Er trat

ans Fenster und blickte lange und schwermütig über die Bucht.

Die Wolken hatten sich zerstreut und die Nebel sammelten sich in

weißem Flor über dem Wasser; die Sonne ging auf und strahlte in die

Brautkammer hinein, beschien das bleiche Gesicht und die

ausgewässerten Augen, die sich zusammen kniffen, als kämpften sie

gegen hervorbrechende Tränen. Das Haar lag in feuchten Zotten auf der

Stirn, das weiße Halstuch war befleckt, der Rock hing schlaff herunter

und war bekotzt. Die Sonnenwärme ließ ihn erschauern; mit der Hand

über die Stirn fahrend, wandte er sich ins Zimmer hinein, noch ein Mal

das beschmutzte Bett betrachtend.

-- Aber das ist doch ganz furchtbar! sagte er zu sich selbst, riß sich

aus seiner Schlaffheit und fing an, die Bezüge von den Betten zu

ziehen.

Die Inselbauern; oder, Die Leute auf Hemsö · 第 16 / 18 题