Viertes Kapitel

Es poltert zur Hochzeit;

die Alte wird ums Geld genommen

Das Heu war unter Dach, Roggen und Weizen geborgen. Der Sommer war zu

Ende und er war gut gewesen.

-- Er hat Glück, der Kerl! sagte Gustav über Carlsson, dem man nicht

ohne Grund die Erhöhung des Wohlstandes zuschrieb.

Der Strömling war gekommen, und alle Männer außer Carlsson waren

draußen in den äußersten Schären, als die Familie des Professors zur

Eröffnung der Oper nach Haus mußte.

Carlsson hatte auch das Packen übernommen und lief den ganzen Tag mit

der Bleifeder hinterm Ohr herum; trank Bier am Küchentisch, im

Eßzimmer, im Vorbau. Hier kriegte er einen abgelegten Strohhut, dort

ein Paar ausgetretene Segelschuhe; eine Pfeife, ungerauchte Zigarren

nebst Spitze, leere Schachteln und Flaschen, Angelruten und

Liebigbüchsen, Korke, Bindfaden, Nägel -- alles, was man nicht

mitnehmen konnte oder für unnötig hielt.

Es fielen so viele Brosamen von des Reichen Tische, und man hatte

allgemein das Gefühl, man werde die Abreisenden vermissen; von

Carlsson an, der seine Liebste verlor, bis hinunter zu den Hühnern und

Ferkeln, die nicht länger Sonntagsessen aus der herrschaftlichen Küche

bekamen. Am wenigsten bitter war der Kummer für die verlassenen Mägde

Clara und Lotte; trotzdem sie so manche gute Tasse Kaffee bekommen

hatten, wenn sie Milch hinaufbrachten, fühlten sie doch, ihr Frühling

werde wiederkommen, wenn nur der Herbst die Mitbewerberinnen auf dem

Liebesmarkte entfernte.

Am Nachmittage, als der Dampfer kam und anlegte, um die Familie

abzuholen, war große Aufregung auf der Insel, denn noch nie hatte dort

ein Dampfer angelegt.

Carlsson leitete die Landung, gab Befehle und führte das große Wort,

während der Dampfer an die Brücke heranzukommen suchte. Da aber hatte

er sich auf ein Eis begeben, das ihn nicht tragen konnte, denn das

Seewesen war ihm fremd; und gerade in dem stolzen Augenblick, als die

Leine geworfen wurde und er, in Idas und der Herrschaft Gegenwart,

seine Gewandtheit zeigen wollte, kriegte er einen Arm voll Tau von

oben auf den Kopf, daß ihm die Mütze heruntergeschlagen wurde und in

die See fiel. In einem und demselben Augenblick wollte er die Trosse

anziehen und nach der Mütze greifen; aber der Fuß blieb in einer Fuge

hängen, er machte einige Tanzschritte und fiel nieder, während der

Kapitän ihn schalt und die Matrosen ihn auslachten. Ida wandte sich

fort, böse über das ungeschickte Benehmen ihres Helden; beinahe hätte

sie geweint, so schämte sie sich seinetwegen. Mit einem kurzen

Lebewohl ließ sie ihn schließlich am Landungssteg zurück; und als er

ihre Hand behalten und vom nächsten Sommer, von Briefwechsel und

Adresse plaudern wollte, wurde der Landungssteg ihm unter den Füßen

fortgerissen; er kippte nach vorn über, und die nasse Mütze rutschte

ihm in den Nacken; gleichzeitig brüllte der Steuermann ihm von der

Kommandobrücke aus zu:

-- Wirst du endlich das Tau losmachen!

Ein neuer Schauer Scheltworte hagelte auf den unglücklichen Liebhaber

nieder, ehe er die Trosse losbekam.

Der Dampfer fuhr den Sund hinunter, und wie ein Hund, dessen Herr

fortreist, lief Carlsson am Strande entlang, sprang auf Steine,

strauchelte über Wurzeln, um die Landzunge zu erreichen, auf der er

seine Flinte hinter einem Erlenbusch versteckt hatte, um den Ehrengruß

abzugeben. Aber er mußte mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett

gestiegen sein, denn gerade, als der Dampfer vorbeifuhr und er die

hoch erhobene Flinte abfeuern wollte, versagte der Schuß. Er warf die

Flinte ins Gras, holte sein Taschentuch heraus und winkte; lief am

Strande entlang und schwang sein blaues Taschentuch, hurrahte und

schnaubte.

Vom Dampfer aber antwortete niemand; nicht eine Hand erhob sich, nicht

ein Taschentuch bewegte sich. Ida war verschwunden!

Aber unermüdlich, rasend lief er über Granitfindlinge, sprang ins

Wasser, stürzte gegen Erlenbüsche, kam an einen Feldzaun und fuhr halb

durch ihn hindurch, daß er sich an den Pfählen riß. Schließlich,

gerade als das Boot hinter der Landzunge verschwinden wollte, stieß er

auf eine Schilfbucht; ohne sich zu bedenken, sprang er ins Wasser,

schwang noch ein Mal sein Taschentuch und stieß ein letztes

verzweifelndes Hurrah aus. Das Achter des Dampfers kroch hinter die

Kiefern, und er sah, wie der Professor mit seinem Hut zum Abschied

winkte. Dann fuhr der Dampfer hinter die Waldspitze, die blaugelbe

Flagge mit dem Posthorn hinter sich her schleppend, die noch ein Mal

zwischen den Erlen hindurch schimmerte. Dann war alles verschwunden,

nur der lange schwarze Rauch lag noch auf dem Wasser und machte die

Luft dunkel.

Carlsson plumpste ans Land und ging Schritt vor Schritt zu seiner

Flinte zurück. Er blickte sie mit bösen Blicken an, als sehe er eine

andere, die ihn im Stich gelassen; er schüttelte die Pfanne, setzte

ein neues Zündhütchen auf und feuerte ab.

Darauf kam er an die Landungsbrücke zurück. Er sah den ganzen Auftritt

noch ein Mal; wie er gleich einem Hanswurst auf den Brückenplanken

umher tanzte; hörte das Lachen und Schelten, erinnerte sich an Idas

verlegene Blicke und kalten Handschlag; spürte noch den Dunst von

Steinkohlenrauch und Maschinentalg, vom Bratenfett aus dem Küchenherd

und von der Ölfarbe der Schiffsbekleidung.

Der Dampfer war hierher in sein künftiges Reich gekommen und hatte

Stadtmenschen mitgebracht, die ihn verachteten; die ihn in einem

Augenblick von seiner Leiter herabstürzten, auf deren Sprossen er

schon ein gutes Stück hinauf geklettert war; die ihm -- er schluckte in

der Halsgrube -- sein Sommerglück und seine Sommerfreude entführten.

Er blickte eine Weile ins Wasser, das die Radschaufeln zu einer

einzigen Brühe aufgerührt hatten, auf deren Oberfläche Ruß in Flocken

und Öl in Spiegeln lag; diese Spiegel flammten in Regenbogenfarben wie

eine alte Fensterscheibe. Allen möglichen Schmutz hatte das Untier in

der kurzen Zeit von sich gegeben und damit das klare grüne Wasser

verunreinigt: Bierkorke, Eierschalen, Zitronenrinde, Zigarrenstummel,

abgebrannte Streichhölzchen, Papierfetzen, mit denen Ukeleis spielten.

Es war, als sei der Rinnstein der ganzen Stadt hierher geflossen und

habe auf ein Mal Unrat und Schelte ausgeworfen.

Es war ihm einen Augenblick schaurig zu Mut, als er daran dachte:

wenn er sich wirklich seine Liebste erringen wollte, müsse er in die

Stadt, in die Gassen und Rinnsteine, wo es den hohen Tagelohn und den

feinen Rock gab, Gaslaternen und Schaufenster, das Mädchen mit Krause,

Manschetten und Knöpfstiefeln; wo es alles gab, was lockte. Aber er

haßte die Stadt auch, wo er der Letzte war, wo seine Mundart

ausgelacht wurde, seine grobe Hand die feinen Arbeiten nicht leisten

konnte; wo seine mannigfachen Fertigkeiten nichts abzuwerfen

vermochten. Und doch mußte er daran denken, denn Ida hatte gesagt,

einen Bauernknecht werde sie nie heiraten, und Bauer konnte er nicht

werden!

Konnte er nicht?

Der Sund kräuselte sich, und ein kühler Wind, der immer stärker wurde,

rührte das Wasser auf; das schlug gegen die Brückenpfähle, fegte den

Ruß fort und klärte den blanken Abendhimmel auf. Das Rauschen der

Erlen, das Plätschern der Wellen, das Zerren der Boote, rissen ihn aus

seinen Gedanken. Er warf die Flinte über die Schulter und wanderte

heimwärts.

Der Weg ging unter den Haselbüschen über einen Hügel; auf dem stand

noch eine höhere Grausteinwand, die mit Kiefern bewachsen war; die

hatte er noch nie besucht.

Von Neugier gelockt, kletterte er zwischen Farnkraut und

Himbeerdickicht hinauf; bald stand er oben auf einem Grausteinfelsen,

auf dem ein Seezeichen errichtet war.

Im Sonnenuntergang lag die Insel vor ihm ausgebreitet; mit einem

einzigen Rundblick konnte er ihre Wälder und Äcker, Wiesen und Häuser

übersehen; und dahinter Holme, Kobben, Schären, bis aufs offene Meer

hinaus. Es war ein großes Stück der schönen Erde, und Wasser, Bäume,

Steine: alles konnte sein werden, wenn er nur die Hand ausstreckte,

die eine nur, und die andere zurückzog, die nach Eitelkeit, Bettlust

und Armut griff. Es brauchte kein Versucher neben ihm zu stehen und zu

betteln, vor diesem Bild auf die Knie zu fallen, das die zauberischen

Strahlen einer sinkenden Sonne rosig färbten; auf dem blaues Wasser,

grüne Wälder, gelbe Äcker, rote Hütten sich zu einem Regenbogen

mischten, der auch einen schärferen Verstand betört hätte, als ein

Bauernknecht ihn hat.

Von der absichtlichen Vernachlässigung der Treulosen gereizt, die in

fünf Minuten das letzte kleine Versprechen, ihm zum Abschied zu

winken, vergessen; von den Schimpfworten der übermütigen Stadtflegel

so verletzt, als habe er den Stock gekostet; vom Anblick der fetten

Erde, der fischreichen Gewässer, der warmen Hütten entzückt, faßte er

seinen Entschluß: einen letzten Versuch oder zwei zu machen, um das

falsche Herz zu prüfen, das ihn vielleicht schon vergessen hatte; dann

aber zu nehmen, was gewonnen werden konnte, ohne daß man stahl.

* * * * *

Als er nach Haus zurückkehrte und die Großstuga leer stehen, die

Rollgardinen herabgelassen, Stroh und leere Kisten draußen herumliegen

sah, würgte es ihn im Halse, als habe er Apfelstücke quer geschluckt.

Nachdem er seine Andenken an die ziehenden Sommergäste in einen Sack

gesammelt, schlich er so lautlos wie möglich auf seine Kammer hinauf.

Dort verbarg er seine Schätze unter dem Bett, setzte sich an den

Schreibtisch, holte Papier und Feder hervor und machte sich bereit,

einen Brief zu schreiben.

Die erste Seite ergoß sich in einem einzigen Wortstrom, teils aus

seiner eigenen Vorratskammer, teils aus der »Sagengeschichte« und den

»Schwedischen Volksliedern« von Afzelius; die hatten einen starken

Eindruck auf ihn gemacht, als er sie beim Verwalter in Wärmland

gelesen.

-- Liebe, geliebte Freundin! begann er. Einsam sitze ich hier auf

meinem Kämmerchen und sehne mich ganz furchtbar nach Dir, Ida. Als sei

es gestern gewesen, weiß ich noch, wie Du hierher kamst: wir säeten

Frühlingsroggen und der Kuckuck rief im Ochsenhag. Jetzt ist es

Herbst, und die Burschen sind draußen auf der Schäre, um Strömling zu

fangen. Ich würde nicht so viel danach fragen, wenn Du nicht abgereist

wärst, ohne mich vom Dampfer noch ein Mal zu grüßen, wie es der

Professor so freundlich vom Achterdeck getan, als der Dampfer an der

Landzunge vorbei fuhr. Es war leer wie ein Loch nach Dir heute Abend,

und das ist vor allem der Grund, warum der Kummer so schwer lastet.

Damals beim Schnittertanz hast Du etwas versprochen, Ida, erinnerst Du

Dich noch? Ich erinnere mich so gut, als hätte ich's aufgeschrieben;

aber ich bin auch im Stande, zu _halten_, was ich verspreche. Dazu sind

aber nicht _alle_ im Stande; doch das ist einerlei, und ich frage nicht

so genau danach, wie die Menschen gegen mich sind; die ich aber einmal

liebe, die vergesse ich nicht; das möchte ich gesagt haben.

Die Trauer des Vermissens hatte sich jetzt gelegt, und die Bitterkeit

kam; die Furcht vor unbekannten Nebenbuhlern tauchte auf, vor den

Versuchungen der Stadt mit ihren Vergnügungen; und im Bewußtsein, daß

er außer Stande sei, den befürchteten Sündenfall zu verhüten, schlug

er die edlern Gefühle an. Sofort kamen ihm alte Erinnerungen an die

Zeit, da er Reiseprediger war. Er wurde hochgestimmt, streng,

sittlich; ein strafender Rächer, durch dessen Mund ein ANDERER sprach:

-- Wenn ich bedenke, wie Du jetzt allein in der großen Stadt

umhergehst, ohne daß ein Arm Dich stützt, der Gefahr und Versuchung

von Dir abwenden kann; wenn ich an alle die sündhaften Gelegenheiten

denke, die den Weg breit und den Fuß leicht machen, fühle ich einen

Stich in meinem Herzen; ist mir's, als habe ich vor Gott und Menschen

unrecht getan, daß ich Dich ins Garn der Sünde ließ; wie ein Vater

hätte ich Dir sein sollen, Ida; und Du hättest dem alten Carlsson wie

einem rechten Vater vertraut ...

Bei den Worten »Vater« und »alter Carlsson« wurde er weich und

erinnerte sich an das letzte Begräbnis, das er mitgemacht hatte.

-- Einem Vater, der immer Nachsicht und Verzeihung im Herzen und auf

den Lippen hat. Wer weiß, wie lange der alte Carlsson (er liebte das

Wort bereits!) hier noch wandelt; wer weiß, ob nicht die Zahl seiner

Tage gezählt ist, wie die Wassertropfen in der See oder die Sterne in

der Luft; vielleicht, ehe man sich's versieht, liegt er da wie

trockenes Heu ... Dann wird vielleicht _jemand_ ihn ausgraben wollen,

der's jetzt nicht glaubt; aber wir wollen hoffen und beten, daß er

noch den Tag erlebt, da die Blumen wieder aus der Erde kommen und die

Turteltaube sich in unserem Lande hören läßt. Dann ist eine liebliche

Zeit für _manchen_, der jetzt klagt und seufzt und mit dem Psalmisten

singen möchte ...

Er hatte vergessen, was der Psalmist sang, und mußte das Testament aus

seinem Kasten holen, um nachzuschlagen. Aber er hatte die Wahl

zwischen hundert Psalmen, und Clara rief schon zum Abendbrot; er mußte

also aus der Menge einen herausgreifen, und er nahm:

-- Die Weiden in der Wüste sind auch fett, daß sie triefen; und die

Hügel umher sind lustig; die Anger sind voll Schafe, und die Auen

stehen dick mit Korn, daß man jauchzet und singet.

Als er die Stelle durchlas, fand er darin eine glückliche Anspielung

auf die Vorzüge, die das Landleben vorm Stadtleben hat; und da das

gerade der wunde Punkt war, beschloß er, ihn nicht mehr zu berühren,

sondern die Anspielung für sich sprechen zu lassen.

Dann überlegte er, was er noch schreiben solle; fühlte sich hungrig

und müde; konnte sich nicht verhehlen, daß es schließlich einerlei

sei, was er schrieb, denn Ida war ihm doch wohl verloren, bis der

Frühling wiederkam.

Dann aber wurde er wieder von dem Gedanken gequält, daß ein Anderer

sie besitzen könne, und mit kaltem Blute beschloß er, im Voraus die

Kanonen der unbekannten Feinde zu vernageln. Darum fügte er eine

Nachschrift an, nachdem er mit »Getreu und ergeben« unterzeichnet

hatte.

N. S. Du mußt Dich vor Berns Salon und Blanks Café hüten, Ida, denn

der Professor sagte, alle jungen Leute in Stockholm seien angesteckt

und ... (Am besten, man haut ihn gleich nieder, dachte er, da er doch

in einigen Tagen mit den Fischen nach der Stadt fahren soll.) Norman

ist auch angesteckt worden. (Um aber, falls es nötig sein sollte, eine

rückwirkende abschreckende Wirkung zu erzielen, setzte er hinzu:) als

er im vorigen Jahre Soldat war.

D. O.

* * * * *

Darauf ging er in die Küche hinunter, um zu Abend zu essen.

Es war dunkel geworden und der Wind hatte sich aufgemacht. Unruhig kam

die Alte und setzte sich an den Tisch, an dem sich Carlsson

niedergelassen, nachdem er ein Talglicht angesteckt hatte. Die Mädchen

gingen still und abwartend zwischen Herd und Tisch hin und her.

-- Carlsson, Ihr sollt heute Abend ein Glas Branntwein haben, sagte die

Alte. Ich sehe, Ihr habt es nötig.

-- Ja, ja, es war nicht so leicht, die Sachen an Bord zu bringen,

antwortete Carlsson.

-- Darum müßt Ihr Euch jetzt ausruhen, meinte die Alte und ging nach

dem Stundenglas. Was das für ein Wind heute Abend ist, und von Osten

kommt er auch; die Burschen werden es heute Nacht schwer haben mit den

Netzen.

Da kann ich ihnen nicht helfen; übers Wetter vermag ich nichts, biß

Carlsson den Faden ab. Aber nächste Woche muß es schön werden; da

denke ich mit dem Trebel nach der Stadt zu fahren, um selbst mit dem

Fischhändler zu sprechen.

-- Soso, das wollt Ihr, Carlsson?

-- Ja, ich finde, die Burschen erzielen nicht den richtigen Preis für

die Fische; und das muß doch wohl an irgend etwas liegen; wer nun die

Schuld haben mag.

Die Alte zupfte am Tisch und dachte wohl, ein anderes Geschäft als der

Fischhandel führe ihn nach der Stadt.

-- Hm! sagte sie. Dann seid Ihr wohl so gut und sprecht beim Professor

vor?

-- Ja, das tue ich wohl, wenn ich Zeit habe; er hat nämlich einen

Flaschenkorb hier vergessen ...

-- Sehr nette Menschen waren es jedenfalls ... Wollt Ihr nicht noch

eine Halbe nehmen, Carlsson?

-- Danke sehr, Tante! Ja, das waren feine Leute, und ich glaube, sie

kommen wieder, wenigstens nach dem, was ich von Ida hörte.

Mit großem Vergnügen sprach er den Namen aus, und er legte seine ganze

Überlegenheit hinein. Die Alte fühlte auch, wie sehr sie ihm

unterlegen war; eine Glut stieg ihr in die Wangen und ein Brand in die

Augen.

-- Ich glaubte, es sei aus zwischen Euch und Ida, flüsterte die Alte.

-- Nein behüte, weit davon, antwortete Carlsson, der sehr wohl fühlte,

wie er seine Schnur einholen mußte und daß etwas am Haken saß.

-- Wollt ihr euch denn heiraten?

-- Gewiß, wenn die Zeit kommt; aber ich muß mich erst nach einer neuen

Stellung umhören.

Es zuckte in dem gefurchten Gesicht der Alten, und die magere Hand

zupfte und zupfte, wie die Hand eines Fieberkranken am Laken zupft.

-- Ihr gedenkt uns zu verlassen? wagte sie mit zitternder,

vertrockneter Stimme zu sagen.

-- Ein Mal muß es doch sein, antwortete Carlsson; früher oder später

will man sein eigener Herr werden; und sich für andere abarbeiten, tut

man auch nicht gern um nichts.

Clara war mit dem Mehlbrei gekommen, und Carlsson wurde plötzlich von

einer Lust erfaßt, mit ihr zu schäkern.

-- Nun, Clara, seid ihr nicht bange davon, heute Nacht allein schlafen

zu müssen, da die Burschen fort sind? Vielleicht wollt ihr, daß ich

hinunterkomme und euch Gesellschaft leiste?

-- Oh, das ist durchaus nicht nötig! antwortete Clara.

Carlsson faßte sie beim schwellenden Oberarm und spielte den Bösen:

-- Was ist nicht nötig? Was weißt du, Clara, davon, was ich nötig habe?

-- Ist denn Ida Euch nicht genug gewesen? Ich hörte einen Vogel singen,

daß Ihr Euch Hilfe habt nehmen müssen!

Carlsson wurde rot bis in die Kopfhaut, über das Gesicht der Alten

aber huschte Hoffnung, Neugier und Überraschung.

Einen Augenblick herrschte Schweigen in der Küche, während Carlsson

nachdachte, welche Antwort am vorteilhaftesten sei. Man hörte, wie

draußen der Sturm durch den Wald sauste, das Laub von den Birken riß,

an den Feldzäunen rüttelte, an Wetterfahnen und Dachtraufen zauste.

Zuweilen fuhr ein Windstoß in den Schornstein hinein und blies Feuer

und Rauch aus vom Herdmantel, daß Lotte sich die Hand vor Augen und

Mund halten mußte.

Als der Wind einen Augenblick ausblieb, hörte man das offene Meer

gegen die östliche Landspitze schlagen. Plötzlich gab der Hund draußen

auf dem Hofe Hals, und das Gebell entfernte sich, als sei der Hund

jemandem entgegen gesprungen, um ihn zu begrüßen oder zu bedrohen.

-- Seht bitte nach, wer das sein kann, sagte die Alte zu Carlsson.

Der stand sofort auf, froh, auf Claras heikle Frage nicht antworten zu

müssen, und ging zur Tür hinaus. Er sah nur ein Dunkel, das so dick

war, daß man es mit Messern schneiden konnte; und der Wind empfing ihn

mit einem Stoß, daß ihm das Haar wie Erbsensträucher um den Kopf

stand. Er lockte den Hund, aber das Gebell war bereits unten auf der

Quellwiese und klang jetzt freudig, als erkenne das Tier einen

Menschen.

-- Es kommt so spät noch Besuch, sagte Carlsson zur Alten, die sich in

die Tür stellte. Wer kann das sein? Ich muß wohl gehen und nachsehen.

Clara, steck die Laterne an und gib mir meine Mütze!

Er bekam die Laterne und arbeitete sich gegen den Wind auf die Wiese

hinaus, folgte dem Gebell und gelangte in das Kieferngehölz, das die

Wiese vom Strande trennte. Das Gebell war verstummt, aber zwischen den

rauschenden und knackenden Föhren hallten Schritte von eisernen Haken

gegen den Bergfelsen; krachten Zweige, die jemand brach, der seinen

Weg suchte; spritzten Wasserlachen auf; antworteten Flüche auf das

Winseln des Hundes.

-- Wer da? rief Carlsson.

-- Der Pastor! antwortete eine rostige Stimme.

Carlsson sah Funken sprühen, die ein eiserner Haken an einem

Granitfindling schlug, und aus einem Dickicht stürzte ein kleiner,

breitschultriger Mann den Hügel hinab. Das grobe, wetterharte Gesicht

wurde von wildem, grauem Backenbart eingerahmt und von kleinen

scharfen Augen belebt, deren Brauen Astmoos glichen.

-- Höllische Wege habt ihr hier auf der Insel! zankte er zum Gruß.

-- Herr Jesus, sind Sie's, Herr Pastor? In diesem Hundewetter

unterwegs? beantwortete Carlsson achtungsvoll die Willkommsflüche

seines Seelsorgers. Aber wo ist denn das Boot?

-- Es ist das Fischerboot, und das hat Robert in den Hafen gebracht.

Laß uns nur unter Dach kommen, denn heute Abend weht der Wind einem

durch den Leib. Vorwärts marsch!

Carlsson ging mit der Laterne voran und der Pastor folgte, während der

Hund in den Büschen herumschnüffelte, nach einem Birkhuhn, das sich

eben erhoben und in den Bruch gerettet hatte.

Die Alte war dem Laternenschein auf den Hof hinaus entgegen gegangen;

als sie den Pastor erkannte, freute sie sich und hieß ihn willkommen.

Der Pastor hatte Fische nach der Stadt bringen wollen und war

unterwegs vom Sturm überrascht worden, der ihn zum landen zwang. Er

fluchte und schalt, weil er nicht zur Zeit nach der Stadt kommen

konnte, um seine Fische los zu werden.

-- Jetzt sind ja alle Teufel draußen und kratzen nach jedem einzigen

Fisch, der im Wasser lebt.

Die Alte wollte ihn in die Stube führen, er aber ging geradeswegs in

die Küche hinein, denn er zog das Herdfeuer vor: dort konnte er

trocken werden.

Wärme und Licht schienen indessen dem Pastor nicht gut zu bekommen;

er zwinkerte mit den Augen, als wolle er sich ermuntern, während er

die nassen Schmierstiefel auszog. Carlsson half ihm unterdessen aus

einer graugrünen Joppe, die mit Schaffell gefüttert war. Bald saß der

Pastor in wollenem Wams und bloßen Strümpfen an der Ecke des Tisches,

den die Alte abgeräumt und mit Kaffeegeschirr gedeckt hatte.

Wer Pastor Nordström nicht kannte, hätte nicht vermutet, daß dieser

Fischer ein geistliches Amt bekleidete; so sehr hatten dreißig Jahre

Seelsorge draußen in den Schären den Mann verwandelt, der einst recht

fein gewesen war, als er von der Universität Uppsala kam. Ein äußerst

knappes Gehalt hatte ihn genötigt, sein Auskommen aus See und Acker zu

ergänzen; und da es auch dann noch nicht reichte, mußte er sich an den

guten Willen seiner Gemeinde wenden, den er durch geselliges Wesen,

sich seiner Umgebung anpassend, lebendig erhielt.

Doch zeigte sich der gute Wille meist in Kaffeehalben und

Bewirtungen, die an Ort und Stelle verzehrt werden mußten, also den

Wohlstand des Pfarrhauses nicht erhöhen konnten; eher unvorteilhaft

auf den physischen und moralischen Zustand des Empfängers wirkten.

Außerdem wußten die Schärenleute aus teuern Erfahrungen, wie in Seenot

Gott nur dem half, der sich selber half; auch waren sie unfähig, einen

starken östlichen Wind mit dem augsburgischen Bekenntnis in

Zusammenhang zu bringen. Sie machten sich deshalb wenig aus der

kleinen hölzernen Kapelle, die sie hatten bauen lassen. Der Kirchgang,

der durch lange Ruderfahrten erschwert oder von ungünstigen Winden

unmöglich gemacht wurde, war mehr eine Art Volksmarkt, auf dem man

Bekannte traf, Geschäfte machte, Ankündigungen hörte. Und der Pastor

war die einzige Behörde, mit der man in Berührung kam; der Amtmann,

der die Polizeigewalt ausübte, wohnte weit entfernt und wurde bei

Rechtssachen nie bemüht; die machte man vielmehr unter einander ab,

mit einigen dänischen Küssen oder einem Schoppen Branntwein.

Nicht eine Spur von Latein und Griechisch konnte man in dieser vom

Herdfeuer und zwei Talglichtern beleuchteten Gestalt sehen, einer

Kreuzung von Bauer und Seemann. Die einstmals weiße Hand, die in ihrer

ganzen Jugend in Büchern geblättert hatte, war braun und borkig, hatte

gelbe Leberflecke von Salzwasser und Sonnenbrand, war hart und

schwielig von Rudern, Segeln, Steuern; die Nägel waren halb abgenagt

und trugen von der Berührung mit Erde und Geräten schwarze Ränder. Die

Ohrmuscheln waren mit Haar zugewachsen und gegen Katarrh und Fluß von

Bleiringen durchbohrt. Aus der auf das wollene Wams aufgenähten

Ledertasche hing eine Haarschnur, die einen Uhrschlüssel aus einem

gelben Metall mit einem Karneol trug. In die feuchten wollenen

Strümpfe hatte die große Zehe Löcher gerissen, welche die

schlingernden Bewegungen der Füße unter dem Tisch unablässig verbergen

wollten. Das Wams war unter den Armen von Schweiß gelbbraun geworden,

und der Hosenschlitz stand halb offen, weil Knöpfe fehlten.

Er holte eine kurze Pfeife aus der Hosentasche, klopfte sie, während

allgemeines achtungsvolles Schweigen herrschte, gegen die Tischkante

aus, daß sich ein kleiner Maulwurfshaufen von Asche und sauerm Tabak

auf den Boden legte. Aber die Hand war unsicher und das Stopfen ging

unregelmäßig vor sich; war zu umständlich, um nicht Unruhe zu erregen.

-- Wie steht es heute Abend mit Ihnen, Herr Pastor? Ich glaube, Sie

sind nicht ganz wohl, fuhr die Alte dazwischen.

Der Pastor hob das auf die Brust gesunkene Haupt, sah sich nach den

Balken der Decke um, als suche er nach der Sprechenden.

-- Ich? sagte er und stopfte eine Prise Tabak am Pfeifenkopf vorbei.

Dann schüttelte er den Kopf, als wolle er in Frieden gelassen werden,

und versank in schwermütige Gedanken ohne bestimmte Form.

Carlsson sah, wie es stand, und flüsterte der Alten zu:

-- Er ist nicht nüchtern!

Und im Glauben, einschreiten zu müssen, nahm er die Kaffeekanne und

goß die Tasse des Pastors voll, stellte die Branntweinflasche daneben

und bat ihn mit einer Verbeugung, fürlieb zu nehmen.

Mit einem vernichtenden Blick hob der Alte seinen grauen Kopf, als

wolle er, daß der Schlag Carlsson rühre; mit Ekel die Tasse von sich

schiebend, spuckte er aus:

-- Bist du hier zu Hause, Knecht?

Dann wendete er sich zur Alten:

-- Gebt mir eine Tasse Kaffee, Frau Flod!

Und dann versank er für eine Weile in tiefes Schweigen, sich

vielleicht an die Größe früherer Tage erinnernd und erwägend, wie die

Unverschämtheit beim Volk überhand nahm.

-- Verfluchter Knecht! schnaubte er noch ein Mal. Mach, daß du

hinauskommst, und hilf Robert beim Boot!

Carlsson versuchte es mit Schmeichelei, wurde aber sofort

unterbrochen:

-- Weißt du nicht, wer du bist?

Carlsson verschwand durch die Tür.

Nachdem sich der Pastor mit einem Schluck aus der Tasse erfrischt

hatte, fuhr er die Alte an, die eine Entschuldigung für den Knecht zu

drechseln suchte:

-- Habt ihr die Zugnetze draußen?

-- Ja, lieber Herr Pastor, öffnete die Alte die Schleusen, und alle

Schleppnetze auch. Um sechs herum konnte noch niemand wissen, daß für

die Nacht Sturm kommen werde; und ich kenne Gustav. Er würde eher zu

Grunde gehen, als daß er das Garn heute Nacht liegen ließe.

-- Ach was, der weiß sich schon zu helfen! tröstete der Pastor.

-- Sagen Sie das nicht, Herr Pastor! Mag das Garn meinetwegen

draufgehen, es steckt zwar ein gut Stück Geld darin, wenn nur der

Junge heil aus der Sache herauskommt ...

-- Er wird doch nicht so dumm sein, die Netze in diesem Wetter

aufzunehmen? Die ganze See liegt ja darauf!

-- Das gerade kann man von ihm erwarten! Wie der Vater hat er immer

etwas Besonderes vorstellen wollen, und er wäre im Stande, sein Leben

daran zu setzen, um die Zugnetze nicht verloren gehen zu lassen.

-- Ist es so mit ihm bestellt, Frau, dann kann ihm selbst der Teufel

nicht helfen! Übrigens es fischt sich gut! Wir waren vergangene Woche

mit sechs Schleppnetzen draußen bei den Erlenkobben, und wir haben

achtzehn mal achtzig gefangen.

-- War der Strömling denn auch fett?

-- Das will ich meinen, fett wie Butter. Aber sagt mal, Frau Flod, was

ist das für ein Geschwätz, das von Euch umläuft: Ihr sollt daran

denken, Euch wieder zu verheiraten? Ist das wahr?

-- Ei potztausend, brach die Alte los, sagt man das? Das ist doch toll,

was die Leute schwatzen können.

-- Mir geht es ja nicht zu nahe, erwiderte der Pastor; verhält es sich

aber so, wie man sagt, daß es sich um den Knecht handelt, so wäre es

um den Jungen schade.

-- Oh, für den Jungen ist keine Gefahr, und einen schlechtern

Stiefvater hat mancher gekriegt.

-- Es ist also wahr, höre ich. Brennt es noch so heftig in dem alten

Körper, daß Ihr's nicht mehr aushalten könnt? Das Fleisch will das

Seine haben, und der Pfahl sitzt da, hahaha!

Hier warf der Pastor einen prüfenden Blick auf Clara und Lotte, um zu

sehen, wie sie aussahen, wenn sie verlegen wurden; sie sahen wirklich

recht schelmisch aus, wie sie vergebens das Lachen zu verbeißen

suchten, denn der Pastor fühlte sich veranlaßt, den Scherz noch weiter

zu spinnen.

-- Ihr grinst, Mädchen? Als ob ihr das nicht kenntet!

-- Wollen Sie nicht noch eine Halbe trinken, Herr Pastor? unterbrach

ihn die Alte, die ängstlich wurde über die Wendung, die das Gespräch

ins Liebesgebiet nahm.

-- Bitte, Frau; seid so freundlich! Danke! Aber ich muß auch ins Bett,

und Ihr habt wohl noch nicht für mich aufgebettet.

Lotte wurde auf die Kammer geschickt, um das Bett zu machen, nachdem

man beschlossen, daß Carlsson und Robert in der Küche schlafen

sollten.

Der Pastor gähnte und rieb den einen Fuß gegen den andern, fuhr mit

der Hand über die Stirn bis zur nackten Glatze hinauf, als wolle er

namenlosen Kummer fortstreichen; dabei sank der Kopf in kurzen Rucken

gegen die Tischplatte, wo schließlich das Kinn seine Stütze fand.

Die Alte, die sah, wie es stand, trat näher und legte ihm die Hand

behutsam auf die Schulter, klopfte sacht und bat mit rührender Stimme:

-- Lieber Herr Pastor! Können wir nicht ein gutes Wort heute Abend

hören, ehe wir zu Bett gehen? Denken Sie an die Alte und ihren Jungen,

der auf See ist.

-- Ein gutes Wort? Ja! Gebt mir das Buch; Ihr wißt ja, wo es steckt.

Die Alte nahm den ledernen Proviantsack und holte ein schwarzes Buch

mit goldenem Kreuz heraus. Wie ein Reisekästchen, aus dem alten Frauen

und Kranken stärkende Tropfen geboten werden, pflegte man dieses Buch

vorzunehmen. Andächtig, als habe sie ein Stück von der Kirche in ihre

niedrige Hütte gebracht, trug sie das geheimnisvolle Buch, behutsam

wie ein warmes Brot, auf ihren beiden Händen; schob vorsichtig die

Tasse des Pastors bei Seite, wischte den Tisch mit ihrer Schürze ab

und legte das heilige Buch vor den schweren Kopf.

-- Lieber Pastor, flüsterte die Alte, während der Wind im Schornstein

lärmte, da ist das Buch.

-- Gut, gut, antwortete der Pastor wie im Schlaf; streckte den Arm aus,

ohne den Kopf zu heben, tappte nach der Kaffeetasse und fuhr mit dem

Finger so gegen den Henkel, daß er die Tasse umstieß; in zwei Bächen

floß der Branntwein über den fettigen Tisch.

-- Oh oh, klagte die Alte und rettete das Buch; das geht nicht! Sie

sind schläfrig, Herr Pastor, und müssen sich niederlegen.

Aber der Pastor schnarchte schon; er ruhte mit dem Arm auf der

Tischplatte und hatte den langen Finger zu einer albernen Gebärde

ausgestreckt, als zeige er nach einem unsichtbaren Ziel, das

augenblicklich unerreichbar war.

-- Wie sollen wir's nur anfangen, ihn ins Bett zu bringen? klagte die

Alte den Mädchen.

Sie wußte, in welch furchtbare Laune er geraten konnte, wenn er aus

dem Rausch geweckt wurde. Ihn in der Küche zu lassen, ging nicht der

Mädchen wegen; auch in die Stube durfte er nicht; dann hätte man

darüber geklatscht.

Die drei Frauen gingen um den Schlafenden herum, wie Ratten die Katze

umkreisen, um ihr Schellen anzuhängen, ohne es jedoch zu wagen.

Inzwischen war das Feuer im Herd erloschen und der Wind drang durch

Fenster und undichte Wände. Der Alte, der ja in bloßen Strümpfen

dasaß, mußte kalt geworden sein, denn eins, zwei, drei erhob sich der

Kopf, der Mund öffnete sich gähnend, und drei Aufschreie, die klangen,

wie wenn der Fuchs seinen Geist aufgibt, ließen die Frauen

zusammenfahren.

-- Ich glaube, ich habe geniest, sagte der Pastor, erhob sich und ging

mit geschlossenen Augen zu einem Fenstersofa; dort sank er nieder,

streckte sich auf den Rücken aus, faltete die Hände über der Brust und

schlummerte mit einem langen Seufzer ein.

Ihn von dort weg zu bringen, daran war nicht zu denken.

Auch Carlsson und Robert, die jetzt zurückkamen, wagten nicht, ihn

anzurühren.

-- Er schläft! Nehmt euch in Acht, sagte Robert. Gebt ihm nur ein

Kissen unter den Kopf und werft eine Decke über ihn, dann schläft er

bis zum Morgen.

Die Alte nahm die Mädchen mit in die Stube. Robert mußte auf dem

Heuboden über dem Vorratsschuppen schlafen. Carlsson ging auf seine

Kammer. Die Lichter wurden gelöscht und es ward still in der Küche.

Da aber erinnerte sich die Alte, daß der Pastor kein Trinkwasser habe,

und Clara wurde mit der Kupferflasche zu ihm hineingeschickt. Sie ging

auf Zehen, so leise sie konnte, ohne mit der Tür zu knarren, kam aber

schnell wieder heraus:

-- Oh, das ist ja ein Ferkel!

-- Was, was? fragte die Alte eifrig, im Glauben, dem Pastor sei etwas

zugestoßen.

-- Oh, könnt Ihr glauben, Tante, er wollte, ich solle mich zu ihm legen ...

Das ist ja schrecklich!

-- Das kann ich nicht glauben, meinte die Alte, welche die Ehre, den

Pastor als Gast unter ihrem Dache zu haben, sich nicht schmälern

lassen wollte. Das kann ich nicht glauben.

-- Ja, aber er hat mich um den Leib gefaßt und wollte mich ...

-- Ach, Geschwätz, schnauzte die Alte, schloß die Tür und löschte das

Licht. Gute Nacht!

Bald lag das ganze Haus im Schlaf, der mehr oder weniger ruhig war.

* * * * *

Am nächsten Morgen, als der Hahn krähte und Frau Flod aufstand, um

ihre Leute zu wecken, waren der Pastor und Robert fort. Der Sturm

hatte sich etwas gelegt, kalte weiße Herbstwolken zogen von Osten ins

Land hinein und der Himmel war wieder blau.

Gegen acht begann die Alte ihre Wanderungen nach der östlichen

Landspitze hinunter, um nachzuschauen, ob sich kein Boot auf dem Meere

zeige. Draußen in der Rinne zwischen den Kobben tauchte das eine und

das andere gereffte Rahsegel auf, verschwand und kam wieder zum

Vorschein. Die See lag blau da wie Stahl, und die äußersten Schären

dämmerten, hingen wie an luftfarbigen Tüchern, als seien sie aus dem

Wasser in die Höhe geflossen und im Begriff, sich wie Nachtnebel zu

erheben. Die jungen Sägegänse lagen auf Buchten und Landspitzen und

liefen auf den Seen; tauchten, wenn sie den Meeradler auf seinem

schweren Flug über sich sahen, und kamen wieder in die Höhe; liefen

von neuem, daß das Wasser sprühte.

Sah Frau Flod draußen auf einer Schäre die Möwen fliegen und hörte

sie sie schreien, dachte sie: da kommt ein Segel; und es kamen auch

Segel, aber alle zogen an der Insel vorbei, entweder nach Norden oder

nach Süden.

Der kalte Wind und die weißen Wolken peinigten die Augen der Alten;

sie ging in den Wald zurück, des Wartens müde. Sie fing an

Preiselbeeren in die Schürze zu pflücken, denn sie konnte nicht ohne

Beschäftigung sein, sondern mußte etwas haben, mit dem sie sich die

Unruhe vertrieb. Der Sohn war ihr doch das Liebste; und sie war nicht

halb so bekümmert gewesen an jenem Abend, als sie am Zauntritt stand

und eine andere dunkle Hoffnung in der Finsternis verschwinden sah.

Heute sehnte sie sich mehr nach ihrem Jungen, denn sie hatte ein

Gefühl, er werde sie bald verlassen. Das Wort des Pastors gestern

Abend über das Geschwätz hatte den Pulverfaden angesteckt; bald würde

es puff! machen. Wem dann die Augenbrauen versengt würden, war nicht

zu bestimmen; daß aber einem etwas geschehen werde, war anzunehmen.

Schließlich schlenderte sie langsam nach Hause. Als sie auf die

Eichenhöhe kam, hörte sie Stimmen unten von der Landungsbrücke. Durch

das Eichenlaub sah sie, wie Menschen sich um den Seeschuppen bewegten,

mit einander sprachen, verhandelten, stritten. Es hatte sich, während

sie fort war, etwas zugetragen! Aber was?

Die Unruhe jagte die Neugier auf, und sie trabte die Anhöhe hinunter,

um zu erfahren, was geschehen war.

Als sie an den Feldzaun kam, sah sie das Achterstück des Netzbootes.

Sie waren also um die Insel herum gerudert!

Normans Stimme war deutlich zu hören, wie er den Verlauf schilderte:

-- Er ging auf den Grund wie ein Stein; dann kam er wieder in die Höhe;

da aber kriegte er den Tod mitten durchs linke Auge; es war genau so,

als lösche man ein Licht aus.

-- Herr Jesus, ist er tot? schrie die Alte und stürzte über den Zaun.

Aber niemand hörte sie, denn Rundqvist setzte die Leichenrede im Boot

fort.

-- Und dann warfen wir die Dregg und als der Ankerflügel ihn im Rücken

packte, da ...

Die Alte war hinter die Stangen gekommen, an denen die Netze

trockneten, und konnte nicht hindurch; aber sie sah, wie durch einen

Schleier vor einem Spiegel, hinter den aufgehängten Netzen, wie alle

Leute des Hofes um einen grauen Körper, der im Boot verstaut war,

lagen, knieten, krochen. Sie schrie auf und wollte unter den Netzen

durch, aber die Schwimmer blieben in ihren Haarflechten hängen und die

Senker schlugen wie eine Geisel.

-- Was haben wir denn da in den Flundernetzen gefangen? schrie

Rundqvist, der sah, daß das Garn lebendig wurde. Nein, ich glaube, das

ist Tante!

-- Ist's aus mit ihm? schrie Frau Flod so laut sie konnte. Ist's aus

mit ihm?

-- Aus wie mit einem toten Hund!

Die Alte kam endlich los und eilte an die Landungsbrücke. Da lag

Gustav mit bloßem Kopfe im Boot auf dem Bauch, aber er bewegte sich,

und unter ihm war ein großer haariger Körper zu sehen.

Bist du's, Mama? grüßte Gustav, ohne sich umzudrehen. Sieh, was wir

gefangen haben!

Die Alte machte große Augen, als sie einen fetten Seehund erblickte,

dem Gustav gerade das Fell abzog. Seehunde gab's allerdings nicht alle

Tage; das Fleisch konnte man essen, wie es jetzt war; der Tran reichte

zu manchem Paar Stiefel; das Fell war wohl seine zwanzig Kronen wert.

Aber nötiger war doch der Winterströmling, und sie sah nicht eine

Flosse im Boot; wurde deshalb etwas verstimmt, vergaß sowohl den

wiedergefundenen Sohn wie den unerwarteten Seehund und brach in

Vorwürfe aus:

-- Und der Strömling?

-- Dem war nicht beizukommen, antwortete Gustav. Aber den kann man ja

schließlich kaufen, während man Seehunde nicht alle Tage kriegt.

-- Ja, so sprichst du immer, Gustav! Aber es ist wirklich eine Schande,

drei Tage auszubleiben und nicht einen einzigen Fisch heimzubringen.

Was sollen wir denn diesen Winter essen?

Sie fand aber keine Zustimmung; vom Strömling hatte man genug

bekommen, und Fleisch war Fleisch; außerdem hatten die Jäger durch

ihre Erzählung des merkwürdigen Jagdabenteuers alle Aufmerksamkeit auf

sich gelenkt.

-- Ja, benutzte Carlsson die Gelegenheit, indem er sich ein Stück vom

Aas abhieb, hätten wir jetzt nicht den Ackerbau, so kriegten wir

nichts zu essen!

An diesem Tage fischte man nicht mehr; der große Waschkessel wurde

aufs Feuer gesetzt, um den Tran auszukochen; in der Küche wurde

gebraten und geschmort; dazwischen trank man Kaffeehalbe. Auf der

südlichen Wand der Scheune wurde das Fell wie ein Siegeszeichen

ausgespannt; Leichenreden wurden dabei gehalten, und alle kommenden

und gehenden Kleingläubigen mußten ihre Finger in die Schußlöcher

stecken und anhören: wie das Blei dahin gekommen; wo der Seehund auf

den Stein gekrochen war; was Gustav im letzten Augenblick, als der

Schuß losgehen sollte, zu Norman sagte; wie sich der sterbende Seehund

im letzten Augenblick benahm, als ihm das »Leben wie ein Faden

abgeschnitten wurde«.

Carlsson war kein Held in diesen Tagen, aber er schmiedete heimlich

sein Eisen; und als das Fischen zu Ende war, setzte er sich mit Norman

und Lotte ins Boot, um nach der Stadt zu fahren.

* * * * *

Als Frau Flod an die Landungsbrücke hinunter kam, um die aus der Stadt

Heimkehrenden zu empfangen, war Carlsson so freundlich und bescheiden,

daß die Alte sofort merkte, es war etwas dazwischen gekommen.

Nach dem Abendbrot ließ sie ihn in die Stube eintreten, damit er das

Geld aufzähle. Er mußte sich setzen und berichten. Aber das ging

träge; der Knecht schien keine Lust zu haben, etwas mitzuteilen; doch

die Alte ließ nicht locker, bis er mit einem Reisebericht

herausrückte.

-- Nun, Carlsson, melkte sie, Ihr seid doch auch bei Professors

gewesen, nicht wahr?

-- Ja, natürlich war ich dort, antwortete Carlsson, der augenscheinlich

von der Erinnerung unangenehm berührt wurde.

-- Nun, wie geht's ihnen denn?

-- Sie lassen alle auf dem Hof grüßen; sie waren so freundlich, mich

zum Frühstück einzuladen. Es war sehr fein in der Wohnung, und wir

haben auch etwas Gutes gekriegt.

-- Was habt Ihr denn Gutes gekriegt?

-- Oh, wir haben Hummer mit Schwammpignons gegessen und dazu Porter

getrunken.

-- Da habt Ihr wohl auch die Mädchen gesehen, Carlsson?

-- Ja gewiß, antwortete Carlsson freimütig.

-- Und die sind sich gleich geblieben, nicht wahr?

Das waren sie nun allerdings nicht; das würde aber die Alte zu sehr

gefreut haben; darum antwortete Carlsson nicht darauf.

-- Ja, sie waren sehr nett! Wir sind abends in Berns Salon gewesen, um

uns die Musik anzuhören; da habe ich sie mit Sherry und belegten

Brötchen traktiert. Es war, wie gesagt, sehr nett.

In Wirklichkeit war es aber durchaus nicht nett gewesen; die Sache war

nämlich ganz anders verlaufen.

Carlsson war in der Küche von Lina empfangen worden, denn Ida war

ausgegangen; an der Ecke des Küchentisches hatte er dann eine halbe

Flasche Bier getrunken. Dabei war die Frau des Professors in die Küche

gekommen und hatte zu Lina gesagt, sie solle einen Hummer holen, da

abends Besuch komme; dann war sie wieder gegangen.

Als Carlsson mit Lina wieder allein war, wurde die etwas verlegen;

schließlich kriegte Carlsson aus ihr heraus, daß Ida seinen Brief

empfangen und ihn eines Abends, als ihr Bräutigam dagewesen, laut

vorgelesen habe; das war in der Kammer geschehen, wo der Bräutigam

Porter trank und Lina Champignons reinigte. Und sie hatten sich halb

tot gelacht. Zwei Male habe der Bräutigam den Brief gelesen, laut wie

ein Pastor. Am meisten hatten sie sich über den »alten Carlsson« und

seine »letzten Stunden« amüsiert. Als sie an die Stelle von

»Versuchungen und Irrwegen« kamen, hatte der Bräutigam -- er war

Bierfahrer -- vorgeschlagen, nach Berns Salon in die Versuchung zu

gehen. Und sie waren dorthin gegangen und wurden von dem Bräutigam mit

Sherry und belegten Brötchen traktiert.

Ob nun Linas Erzählung Carlssons Sinn erregt und sein Gedächtnis

erschüttert hatte; oder ob er sich so lebhaft in die Kleider des

Bierfahrers gewünscht, daß er sich in dessen angenehme Lage als Wirt

versetzt, sich mit dem Hummer essenden Gast verwechselt, den Porter

des Bräutigams getrunken und Linas Champignons gegessen hatte -- genug,

er stellte die Sache der Alten so dar, daß er die Wirkung erzielte,

die er beabsichtigte; und das war die Hauptsache.

Nachdem er so weit gekommen war, fühlte er sich ruhig genug, um zum

Angriff überzugehen. Die Burschen waren auf See, Rundqvist hatte sich

niedergelegt, und die Mädchen waren für diesen Tag fertig geworden.

-- Was ist das für ein Geschwätz, das hier im Kirchspiel umläuft; das

ich überall hören muß? begann er.

-- Was schwatzt man jetzt wieder? fragte Frau Flod.

-- Ach, es ist das alte Geschwätz: wir dächten daran, uns zu heiraten.

-- Ja, das ist nichts Neues; das haben wir so oft gehört.

-- Aber es ist doch ganz unglaublich, daß die Leute behaupten, was

nicht wahr ist! Das ist mir ganz unbegreiflich, sagte der listige

Carlsson.

-- Ja, was solltet Ihr, der junge, flinke Kerl, auch mit einem alten

Weibe, wie ich bin, anfangen?

-- Oh, was das Alter betrifft, damit hat's keine Gefahr. Darf ich für

mein Teil sprechen: sollte ich einmal daran _denken_, mich zu

verheiraten, so wäre es nicht mit einer Dirne, die nichts kann und

nichts weiß; denn seht Ihr, Tante, die Lust ist eine Sache und sich

verheiraten eine andere! Denn die Lust, die weltliche Lust vergeht wie

ein Rauch, und die Treue ist wie Kautabak, wenn ein anderer kommt, der

Zigarren spendiert. Seht, so bin ich, Tante: mit der ich mich

verheirate, der halte ich auch Treue; und so bin ich immer gewesen,

und wer etwas anderes sagt, der lügt.

Die Alte spitzte die Ohren und merkte die Anspielung.

-- Aber Ida? Ist es nicht Ernst zwischen ihr und Euch? untersuchte sie.

-- Ida, ja, die ist ja an und für sich ganz gut; ich brauchte nur den

Finger nach ihr auszustrecken, dann hätte ich sie! Aber, Tante, sie

hat nicht die rechte Gesinnung; sie ist weltlich und eitel, und ich

glaube, sie wandelt sogar auf unrechten Wegen. Übrigens muß ich sagen,

ich fange an alt zu werden und habe keine Lust zum Schäkern mehr. Ja,

gerade heraus gesagt: _sollte_ ich ans Heiraten denken, so würde ich

eine ältere, verständige Person nehmen, eine, welche die rechte

Gesinnung hat. Ich weiß nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll,

aber Ihr versteht mich doch wohl, Tante, denn Ihr habt ja die rechte

Gesinnung; ja, die habt Ihr.

Die Alte hatte sich am Tisch niedergelassen, um Carlssons Winkelzüge

besser verstehen zu können, damit sie nicht die Gelegenheit versäume,

ihr Amen zu sagen, wenn er mit seinem Ja herausrückte.

-- Aber sagt mal, Carlsson, begann sie ein neues Garnende, habt Ihr

denn nicht an die Witwe von Owassa gedacht, die allein steht und

nichts Besseres verlangt, als wieder zu heiraten?

-- Ach nein, die kenne ich wohl, aber die hat nicht die _rechte

Gesinnung_: wer mich haben will, der muß die rechte Gesinnung haben!

Geld und äußeres Getue und feine Kleider, das macht auf mich keinen

Eindruck, denn so bin ich nicht! Und wer mich wirklich kennt, der kann

nichts anderes sagen.

Der Stoff schien nun von allen Seiten benagt zu sein; einer mußte das

letzte Wort sagen, solange es noch möglich war.

-- Nun, an wen habt Ihr denn gedacht, Carlsson? wagte sich die Frau

einen kühnen Schritt vor.

-- Gedacht? Gedacht! Man denkt dies und das; ich habe überhaupt noch

nichts gedacht. Der etwas denkt, der spreche; ich schweige! Man soll

nachher nicht sagen können, ich habe jemanden verlockt: von der

Gesinnung bin ich nicht.

Die Alte wußte jetzt nicht recht, wo sie zu Hause war; und sie mußte

sich noch ein Mal vortasten.

-- Ja, aber, lieber Carlsson, wenn Ihr Ida in Gedanken habt, dann könnt

Ihr doch nicht in vollem Ernst an eine andere denken.

-- Ida, nein, die Füchsin will ich nicht geschenkt haben! Nein, etwas

Besseres muß es sein; Kleider am Körper muß sie wenigstens besitzen;

und hat sie noch etwas mehr, so schadet es auch nichts; doch sehe ich

nicht darauf, denn so bin ich, das ist meine Gesinnung.

Jetzt war man so viele Male hin- und hergefahren, daß man in die

Gefahr kam, sitzen zu bleiben, wenn die Alte sich nicht noch einen

Ruck gab.

-- Nun, Carlsson, was würdet Ihr sagen, wenn wir beide uns zusammen

täten?

Carlsson wehrte mit beiden Händen ab, als wolle er sofort vom ersten

Augenblick an jeden Verdacht einer solchen Niedrigkeit verjagen.

-- Aber das kann doch gar nicht in Frage kommen! beteuerte er. Daran

wollen wir nicht einmal denken, geschweige denn davon sprechen. Was

würden die Leute schwatzen: ich hätte Euch fürs Geld genommen. Aber so

bin ich nicht, und das ist nicht meine Gesinnung. Nein, über die Sache

wollen wir kein Wort mehr verlieren. Versprecht mir das, Tante, und

gebt mir die Hand darauf (er streckte seine Hand aus), daß wir nie

wieder davon sprechen! Gebt mir die Hand darauf!

Frau Flod aber wollte ihm nicht die Hand darauf geben, sondern sie

wollte gerade die Sache gründlich besprechen.

-- Warum soll man nicht von dem sprechen, was sich doch zutragen

könnte? Ich bin alt, das wißt Ihr, Carlsson, und Gustav ist nicht der

Mann dazu, den Hof zu übernehmen. Ich brauche jemanden, der mir zur

Seite steht und hilft; aber ich verstehe wohl, daß Ihr Euch nicht für

andere verbrauchen und Euch nicht für nichts abrackern wollt: darum

weiß ich mir keinen andern Rat, als daß wir uns verheiraten. Die Leute

laßt nur schwatzen; sie klatschen doch so wie so! Habt Ihr nichts

Besonderes gegen mich, Carlsson, so sehe ich nichts, was uns hindern

sollte. Was habt Ihr gegen mich?

-- Gegen Euch habe ich nichts, Tante, durchaus nichts; aber dieses

dumme Geschwätz; und übrigens Gustav wird uns das nie vergessen.

-- Ach was, seid Ihr nicht Manns genug, den Jungen im Zaun zu halten,

so werde ich's schon besorgen. In die Jahre bin ich ja gekommen, aber

so alt bin ich denn doch noch nicht, und ich muß ihm unter vier Augen

sagen, Carlsson ... wenn es darauf ankommt, bin ich noch ebenso gut

wie ein Mädchen. Ja, das ist keine Prahlerei, aber ich glaube, der

Flod hat sich nicht zu beklagen gehabt; und wenn einer Anregung

gebraucht hat, ich war es nicht.

Das war eine dunkle Rede, aber genug für den, der sie verstand.

-- Oh, darüber habe ich mich nicht abfällig geäußert, antwortete

Carlsson, und ich bin auch noch nicht so uralt, aber keiner von uns

ist so erpicht aufs Tanzen, daß _das_ eine Gefahr sein sollte. Tanzen

ist eine Sache, und Gesinnung eine andere, und wer die _rechte_

Gesinnung hat, mit der kann man ins Brautbett gehen, ohne die Decke zu

hoch heben zu müssen. Übrigens muß ich Euch sagen, Tante, ich bin

nicht sehr fleischlich, und Ihr habt wohl auch genug gehabt, nach dem

was ich über Flod gehört habe.

Das Gespräch hatte einen solchen Reiz erhalten, daß man nicht

aufhören konnte, zumal die Erinnerung an entschwundene Freuden der

Einen neue Hoffnungen einflößte, während der Andere neugierig wurde

auf das, was ihn erwartete.

-- Ja, den Flod wollen wir nun ruhen lassen, da er tot ist; aber seid

Ihr bange, Carlsson, so könnt Ihr ja die Probe machen, ehe Ihr Euch

entscheidet.

-- Oh, das ist durchaus nicht nötig, widersprach Carlsson. Aber ist das

hier am Orte Sitte mit den Mädchen, Herr Gott, so will ich alten

Brauch nicht brechen; man muß die Sitte nehmen, wie man sie findet ...

Das Eis war gebrochen. Nun kam eine Flut von Plänen und Beratungen,

wie man sich Gustav gegenüber verhalten und wie man es mit der

Hochzeit machen solle.

Die Verhandlungen dauerten lange, so lange, daß die Alte den

Kaffeekessel aufsetzen und die Branntweinflasche hervorholen mußte.

Bis tief in die Nacht hinein dauerten die Verhandlungen, bis Carlsson

in die rechte Gesinnung kam, um zu zeigen, daß er alten Brauch nicht

brechen wolle. Damit war der Bund besiegelt, wenn auch noch nicht

geweiht.

Die Inselbauern; oder, Die Leute auf Hemsö · 第 15 / 18 题