Drittes Kapitel

Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch, wird

Herr auf dem Hof, duckt die jungen Hähne und tritt

seine Hühner selbst

Der Blei laichte, der Wachholder knospete, der Faulbeerbaum blühte und

Carlsson säete Frühlingssaat in die erfrorene Herbstsaat, schlachtete

sechs Kühe, kaufte trockenes Stallheu für die andern, damit die wieder

auf die Beine kommen und in den Wald gelassen werden konnten. Er

rüstete und er ordnete, er arbeitete selbst für zwei: er hatte eine

Fähigkeit, die Leute in Bewegung zu setzen, die allem Widerstand

trotzte.

Auf einer Fabrik in Wärmland geboren, von ziemlich unbestimmten Eltern

stammend, zeigte er schon früh eine entschiedene Unlust zu

körperlicher Arbeit, entwickelte dagegen ein unglaubliches

Erfindungsvermögen, sich dieser unangenehmen Folge des »Sündenfalls«

zu entziehen. Darin hatte er ja Recht, zumal die Gedankenarbeit sowohl

nützlicher, ehrenvoller, bequemer ist, wie sich mehr lohnt.

Zugleich von einem Verlangen getrieben, alle Seiten menschlicher

Tätigkeit kennen zu lernen, blieb er nicht unnötig lange auf einer

Stelle sitzen. Sobald er gelernt, was er wollte, suchte er einen neuen

Wirkungskreis. Auf diese Weise war er vom Schmiedehandwerk zur

Landwirtschaft übergegangen, hatte sich im Stalldienst versucht, beim

Kaufmann gehandelt, war Gärtnerbursche, Bahnarbeiter, Ziegelstreicher

und schließlich Reiseprediger gewesen!

Durch diese Wandlungen war sein Wesen geschmeidig geworden, hatte er

die Fähigkeit erworben, sich in alle Verhältnisse und alle möglichen

Menschen zu schicken; ihre Absichten zu verstehen, ihre Gedanken zu

lesen, ihre geheimen Wünsche zu erraten. Er war mit einem Wort eine

Kraft, die ihre Umgebung überragte. Seine mannigfachen Kenntnisse

machten ihn fähiger, ein Ganzes zu leiten und zu ordnen; er wollte

sich nicht als ein Rad dem Wagen einfügen, sondern sich von dem Wagen

tragen lassen.

Durch einen Zufall in seine neue Stellung geworfen, sah er sofort ein:

hier konnte er von Nutzen sein, hier vermochte er mit seinen

Fähigkeiten das jetzt Wertlose zum Ertrag zu bringen, hier werde er

deshalb bald geschätzt werden und schließlich unentbehrlich sein. Er

hatte jetzt ein festes Ziel für sein Streben vor sich; und daß die

Belohnung in einer verbesserten Lebensstellung auf ihn warte, hatte er

hinter sich als sichere Hoffnung und treibende Kraft. Er arbeitete für

die Anderen, sichtlich und unleugbar; aber zugleich schmiedete er sein

eigenes Glück. Und wußte er's so anzustellen, daß es aussah, als

widmete er Zeit und Kraft fremdem Vorteil, so zeigte er damit, daß er

klüger als mancher war, der es gern ebenso gemacht hätte, es aber

nicht konnte.

Das größte Hindernis, das sich ihm in den Weg stellte, war der Sohn.

Bei dem bestimmten Geschmack des Fischers und Jägers für das

Ungewisse, für Überraschungen, hatte der einen entschiedenen

Widerwillen für alles Geordnete, alles Sichere. Ackert man, meinte

der, so kriegt man allerhöchstens so viel, wie man berechnet hat;

niemals mehr, oft aber viel weniger. Setzt man dagegen Netze, so

kriegt man das eine Mal nichts, aber das nächste Mal das Siebenfache

von dem, was man erwartet. Fuhr man aus, um Aale zu fangen, geschah es

zuweilen, daß man einen Seehund schoß; lag man einen halben Tag in den

Schären, um auf Jägergänse zu lauern, konnte es vorkommen, daß einem

Eider vor den Flintenlauf kamen. Immer war es etwas, und oft etwas

anderes, als man erwartet hatte.

Übrigens galt die Jagd noch, nachdem sie als Vorrecht von den oberen

Klassen zu den unteren gekommen war, für vornehmer und protziger, als

hinter Pflug oder Dungwagen herzugehen. Das war den Leuten so in

Fleisch und Blut übergegangen, daß man keinen Knecht dazu bringen

konnte, mit einem Paar Ochsen zu fahren; wohl auch weil der Ochse

beschnitten, »verändert«, war; vor allem aber, weil das Pferd von

Alters her in abergläubischem Ansehen stand.

Ein zweiter Stein auf dem Wege war Rundqvist. Eigentlich war es ein

alter Schelm, der auf seine Art das irdische Paradies wieder zu

gewinnen suchte, ein Paradies ohne schwere Arbeit und mit langen

Mittagsschläfchen und vielen Schnäpsen, indem er Kenntnis von

verborgenen Dingen vorspiegelte; indem er allen Ernst, besonders die

grobe Arbeit, fortscherzte; indem er, im Notfall, durch Vortäuschung

geistiger Schwäche und körperlicher Übel Mitleid zu erwecken wußte,

besonders wenn dieses sich in einer Tasse Kaffee mit Branntwein oder

einem halben Pfund Schnupftabak äußerte. Er verstand Schafe und Ferkel

zu verschneiden; glaubte mit der Wünschelrute Quellen zu finden;

behauptete, den Barsch ins Netz locken zu können; heilte allerlei

leichte Übel bei Andern, behielt aber seine eigenen; sagte bei Neumond

schönes Wetter voraus, wenn es einen halben Monat geregnet hatte;

opferte fremdes Geld unter einem großen Stein am Strande, wenn der

Strömling kommen sollte.

Er konnte aber auch eine Menge Schlechtigkeiten, wie er behauptete:

Täschelkraut aufs Feld des Nachbars bringen, die Kühe gelt machen,

Hexenschüsse austeilen und dergleichen. All das umgab seine Person mit

einer gewissen Furcht, so daß man ihn gern zum Freund haben wollte.

Seine Verdienste, denn die besaß er auch und ihretwegen war er

unentbehrlich, bestanden darin, daß er schmieden und tischlern konnte.

Aber seine unglaubliche Fähigkeit, alles zu machen, was auffiel, erhob

ihn zu einem gefährlichen Nebenbuhler; denn was Carlsson unter dem

Stalldach oder draußen auf dem Felde tat, fiel nicht so sehr auf.

Blieb Norman, ein tüchtiger Arbeiter; der mußte Gustavs mächtigem

Einfluß entrissen und der regelmäßigen Feldarbeit wieder gewonnen

werden.

Carlsson hatte also ein gehöriges Stück Arbeit zu leisten und außerdem

nicht geringe diplomatische Schlauheit zu entwickeln, um

durchzudringen; da er aber der klügste war, siegte er.

Mit Gustav nahm er den Kampf gar nicht erst auf; den ließ er laufen,

nachdem er dessen Bundesgenossen Norman durch allerlei Vorteile von

ihm fortgelockt hatte. Das war nicht so schwer, denn Gustav war, offen

gesagt, etwas geizig und behandelte Norman auf den Jagden meist als

Ruderer, der nie den ersten Schuß tun durfte; kriegte er wirklich

einen Schnaps, nahm Gustav heimlich deren drei. So brachten die

Vorteile, die Carlsson dem Norman auswirkte, höherer Lohn, neue

Strümpfe, ein Hemd und andere Kleinigkeiten, diesen bald zum Abfall;

zumal Carlssons steigende Macht mehr versprach als Gustavs sinkende.

Durch Normans Abfall wurde auch die Jagdlust des Sohnes herabgesetzt,

denn allein umher zu fahren, war kein Vergnügen. Infolge dieses

Mangels an Gesellschaft schloß sich Gustav den Andern bei der Arbeit

an.

Rundqvist zu schuppen, war etwas schwerer; dieser Fisch war sowohl

häßlich wie alt; aber Carlsson kriegte ihn auch bald in den

Fischkasten.

Statt Geldstücke zu opfern, ließ Carlsson die Netze ausbessern und

neue Leinen in alle Schleppzüge ziehen; und siehe da, der Strömling

blieb besser hängen als früher. Statt mit der auf einem andern Baum

gewachsenen Mistel nach neuen Quellen zu suchen, ließ Carlsson den

alten Brunnen füttern und reinigen, baute eine Wanne darum und steckte

einen Pumpenstock hinein; damit war die Mistel auf den Kehrichthaufen

geworfen. Statt die Kühe zu besprechen und Feuer über sie zu schlagen,

ließ er sie putzen und gab ihnen trockene Streu. Konnte Rundqvist

Hufnägel schmieden, zog Carlsson Haken; konnte Rundqvist einen Rechen

schnitzen, tischlerte Carlsson sowohl Pflug wie Walze.

Als Rundqvist sich aus allen seinen Maulwurfslöchern verjagt sah,

griff er zu Mitteln, die mehr in die Augen fielen. Er begann rings ums

Haus aufzuräumen; schaffte weg, was man den Winter über aus

Nachlässigkeit oder infolge der Dunkelheit auf den Hof hatte »fallen«

lassen; machte Hühnern und Katze den Hof; setzte eine neue Klinke an

die Tür.

-- Nein, wie nett Rundqvist geworden ist! Hat uns eine neue Klinke an

die alte Tür gemacht! Ja, er kann nett sein, wenn er nur will.

So hörte Carlsson die Mägde in der Küche sprechen.

Aber Carlsson war wie ein Pfeil hinter ihm her. Eines Morgens war der

Herd weiß gestrichen; eines andern Morgens waren die Wassereimer grün

angemalt, mit schwarzen Rändern und weißen Herzen; wieder eines andern

Morgens lag das Holz unter einem Dach, das er hinter der Vorratskammer

aufgeschlagen. Carlsson hatte vom Feinde gelernt, die Großmacht der

Küche zu gewinnen; mit dem neuen Pumpenstock war er unwiderstehlich

geworden.

Rundqvist war jedoch zäh und hinterlistig; in einer Sonnabendnacht

strich er den Abtritt grell rot.

Carlsson aber war ihm gewachsen; er gewann Norman mit einem Viertel

Branntwein, und in der Dreifaltigkeitsnacht hörte die Alte, wie es um

die Wände des Hauses tuschelte und raschelte; da sie aber zu

verschlafen war, um aufzustehen, sah sie erst am Morgen, daß die ganze

»Stuga« rot gestrichen war und weiße Fensterpfosten und weiße

Dachrinnen hatte!

Damit war es mit Rundqvists Kraft, einen für sein Alter gar zu

anstrengenden Kampf fortzusetzen, zu Ende. Man lachte jetzt über

seinen köstlichen Geschmack, die Verschönerungen mit dem Abtritt zu

beginnen. Norman, als echter Abtrünniger, machte einen Witz über ihn,

der lange im Schwange blieb:

-- Man muß am rechten Ende anfangen, sagte Rundqvist und strich zuerst

den Abtritt an.

Rundqvist ergab sich, legte sich aber auf die Lauer, um noch einmal

neue Schliche zu versuchen oder einen vorteilhaften Frieden zu

schließen.

Gustav ließ sie gewähren; er sah zu und fand gut, was geschah.

-- Pflügt ihr nur, dachte er; ich werde schon kommen und einheimsen.

* * * * *

Bisher hatte Carlssons Tätigkeit noch nicht Zeit genug gehabt, um es

zu greifbaren Ergebnissen zu bringen. Das Geld, das für den Verkauf

der Kühe eingenommen war, hatte allerdings einige Tage im Sekretär

gelegen, nachdem es bei der Aufzählung einen ausgezeichneten Eindruck

gemacht; es war aber bald wieder ausgegeben worden und hatte die Leere

des Vermissens zurückgelassen.

Es ging gegen Mittsommer. Carlsson hatte viel zu bestellen gehabt und

wenig Zeit zu Spaziergängen gefunden. Eines Sonntagsnachmittags ging

er aber die Höhe hinauf und guckte sich um. Da fiel ihm die große

Stuga in die Augen, die mit herabgelassenen Rollgardinen verödet

dastand. Neugierig, wie er war, ging er hin und fand die Tür offen. Er

trat in den Flur und entdeckte eine Küche; ging weiter und kam in ein

großes Zimmer, das wirklich herrenmäßig aussah: weiße Gardinen,

Himmelbett mit Messingbeschlägen, ein Spiegel mit geschnitztem und

vergoldetem Rahmen und geschliffenem Glas -- das war fein, das wußte

er! -- Sofa, Sekretär, Kachelofen; alles genau wie auf einem Herrenhof.

Auf der andern Seite des Flurs war ein ebenso großes Zimmer mit Kamin,

Eßtisch, Sofas, Wanduhr ...

Er war erstaunt und empfand Respekt. Bald aber begann er die Besitzer,

die so wenig Unternehmungsgeist besaßen, zu bemitleiden und zu

verachten; besonders als er sah, daß das Haus noch zwei Kammern mit

mehreren gemachten Betten hatte.

-- Oh, oh, oh, dachte er laut; so viel Betten und keine Badegäste.

Von dem Gedanken an die künftige Einnahme berauscht, ging er sofort

zur Alten hinunter und hielt ihr vor, es sei Verschwendung, die Stuga

nicht an Sommergäste zu vermieten.

-- Ach was, wir finden niemand, der hier wohnen will! wehrte sich die

Alte.

-- Wie wißt Ihr das? Habt Ihr versucht? Habt Ihr die Stuga in der

Zeitung angezeigt?

-- Das heißt nur Geld in die See werfen! meinte Frau Flod.

-- Man wirft auch Netze in die See, antwortete Carlsson. Und das muß

man tun, wenn man was erhalten will.

-- Versuchen kann man's ja; aber Badegäste kriegen wir nicht, schloß

die Alte, die nicht mehr an die Erfüllung von Wünschen glaubte.

Acht Tage später kam ein feiner Herr über die Wiese und sah sich um.

Er kam näher. Als er auf den Hof trat, wurde er allein von dem Hunde

empfangen, weil sich die Leute, nach ihrer Gewohnheit, aus

Schüchternheit oder Feingefühl, in Küche und Stube verborgen hielten,

nachdem sie vorher in einem Knäuel draußen gestanden und nach dem

Besuch gegafft hatten. Erst als der Herr in die Tür trat, kam Carlsson

als der Mutigste ihm entgegen.

Der Kömmling hatte eine Anzeige gelesen.

-- Jaja, das ist hier!

Carlsson führte ihn nach der Großstuga hinauf.

Der Herr war ziemlich zufrieden. Carlsson versprach alle

Verbesserungen, wenn der Herr sich sofort entscheide; denn der

Bewerber seien viele und die Jahreszeit sei vorgeschritten.

Der Fremde schien von der schönen Lage des Hauses gefesselt zu werden

und beeilte sich, abzuschließen.

Nachdem beide Teile sich nach den gegenseitigen Verhältnissen,

wirtschaftlichen sowohl wie familiären, erkundigt hatten, entfernte

der Fremde sich wieder.

Carlsson begleitete ihn bis zur Feldtür. Dann stürzte er in die Hütte

zurück und legte vor Hausfrau und Sohn sieben Scheine zu je zehn

Kronen und einen zu fünf auf den Tisch.

-- Aber es ist nicht richtig, den Leuten soviel Geld abzunehmen, murrte

die Alte.

Gustav aber war zufrieden; zum ersten Male sprach er Carlsson seine

Anerkennung aus, als dieser erzählte, wie er durch den Hinweis auf

viele Bewerber den Herrn gedrängt habe.

Geld auf den Tisch, das war ein Trumpf für Carlsson. Nach diesem

Stückchen, bei dem ihm seine Erfahrung in Geschäftssachen zu gute

gekommen war, sprach er in einem höheren Tone.

Es sei nicht nur das bare Geld für die Miete, das ihnen in den Schoß

gefallen; es werde auch indirekte Einkünfte regnen.

Und Carlsson malte die Aussichten den lauschenden Zuhörern in raschen

Zügen aus.

Man werde Fische, Milch, Eier, Butter verkaufen; Feuerung brauche man

nicht umsonst zu liefern; nicht zu sprechen von den Fahrten nach dem

Badeort Dalarö, für die man jedes Mal eine Krone nehmen könne. Und

dann könnte man ein Kalb, ein Schaf, ein Huhn, Kartoffel und Gemüse

absetzen. Oh, da sei etwas zu machen! Und es sei ein feiner Mann!

Am Mittsommerabend langten die erwarteten Goldfische an. Es waren Mann

und Frau, eine Tochter von sechzehn und ein Sohn von sechs Jahren,

dazu zwei Dienstmädchen.

Der Herr war Geiger der Hofkapelle, lebte in guten Verhältnissen, war

ein Mann des Friedens, stand am Eingang der Vierziger. Er war von

deutscher Geburt und konnte die Inselbauern nicht gut verstehen; darum

beschränkte er sich darauf, zu allem, was sie sagten, beifällig zu

nicken und »schön« zu sagen; so kam er rasch in den Ruf, ein sehr

netter Herr zu sein.

Die Dame war eine ordentliche Hausfrau, die ihr Haus und ihre Kinder

pflegte und sich durch ihr würdiges Benehmen bei den Mägden in Respekt

zu setzen wußte, ohne zu wettern oder zu bestechen.

Carlsson nahm sich sofort als der am wenigsten Schüchterne und am

meisten Sprechende der Fremdlinge an. Dazu hatte er ja auch ein

Vorrecht, da er sie hergebracht. Auch besaß niemand von den andern

weder die unternehmende Lust noch die gesellige Gabe, ihm seinen Platz

streitig zu machen.

* * * * *

Die Ankunft der Städter unterließ nicht, ihren Einfluß auf Sinne und

Sitten der Inselbauern auszuüben. Täglich Menschen vor sich zu sehen,

die festtäglich gekleidet waren, jeden Tag zum Sonntag machten, ohne

Ziel spazieren gingen und ruderten, badeten und musizierten; sich die

Zeit vertrieben, als gebe es keinen Kummer, keine Arbeit in der Welt --

das erregte anfangs keinen Neid sondern nur Erstaunen; Erstaunen

darüber, daß das Leben sich so gestalten könne; Erstaunen über

Menschen, die ihr Dasein so angenehm und ruhig, so rein und fein vor

allem einzurichten vermochten, ohne daß man sagen konnte, sie hätten

Andern Unrecht getan oder Arme geplündert.

Ohne sich dessen bewußt zu werden, fingen die Inselbauern an, sich

stillen Träumen hinzugeben; verstohlene Blicke nach der Großstuga zu

werfen. Sahen sie ein helles Sommerkleid auf der Wiese aufleuchten,

blieben sie stehen und weideten sich an dem Anblick wie an etwas sehr

Schönem. Gewahrten sie einen weißen Schleier um einen italienischen

Strohhut, ein rotes Seidenband um einen schlanken Leib, in einem Boot

auf der Bucht, zwischen den Fichten des Waldes, wurden sie still und

andächtig vor Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas, das sie nicht zu

hoffen wagten, zu dem sie sich aber hingezogen fühlten.

Gespräch und Lärm unten in der Küche und der alten Stuga nahmen eine

stillere Art an. Carlsson erschien beständig in reinem, weißem Hemd,

hatte auch wochentags eine blaue Tuchmütze auf und nahm allmählich das

Aussehen eines Verwalters an; hatte einen Bleistift in der Brusttasche

oder hinterm Ohr und rauchte oft eine leichte Zigarre.

Gustav zog sich dagegen zurück, hielt sich so abseits wie möglich, um

nicht zu Vergleichen Anlaß zu geben; sprach bitter von Städtern im

allgemeinen; mußte sich und andere öfters als früher an das Geld auf

der Bank erinnern; machte weite Bogen, um an der Großstuga

vorbeizukommen und den hellen Kleidern auszuweichen.

Rundqvist ging mit finsterm Gesicht umher, hielt sich meist in der

Schmiede auf und erklärte, er frage den Teufel nach der ganzen Welt,

und sei es die Königinwitwe selber.

Norman dagegen holte seine Soldatenmütze hervor, schnallte den

Hungerriemen über das Wams und schlug Haken um den Brunnen, wohin die

Mägde der Herrschaft morgens und abends zu kommen pflegten.

Am schlimmsten kamen Clara und Lotte weg; die sahen bald alle

Mannsleute feige abfallen, um zu den Mägden der Herrschaft

überzugehen, die sich auf Briefen Fräulein nennen ließen und im Hut

nach Dalarö, dem Badeort, fuhren. Clara und Lotte mußten barfuß gehen;

im Viehstall war es so schmutzig, daß sie ihre Stiefel bald verdorben

hätten; und in der Küche war es zu heiß, um beschuht zu sein. Sie

trugen dunkle Kleider und konnten sich nicht einmal eine weiße Passe

erlauben, infolge von Schweiß, Ruß, Spreu. Clara machte einen Versuch

mit Manschetten, kam aber übel an; sie wurde sofort entlarvt, und man

lachte lange über sie, daß sie sich in Wettstreit eingelassen. Doch am

Sonntag hielten Clara und Lotte sich schadlos; da legten sie einen

Eifer für den Kirchgang an den Tag, wie man seit Jahr und Tag nicht

gesehen; nur um ihre besten Kleider anziehen zu können.

Carlsson machte sich immer etwas beim Professor zu schaffen; blieb

stets am Vorbau stehen, wenn jemand dort saß; fragte nach dem

Befinden; sagte schönes Wetter voraus; schlug Ausflüge vor; gab

Ratschläge über die Seefischerei. Dann und wann bekam er ein Glas Bier

oder einen Kognak. Die Anderen beschuldigten ihn bald, halblaut, er

schmarotze.

Am Sonnabend, wenn die Köchin der Herrschaft nach dem Badeort Dalarö

fuhr, um einzukaufen, entstand ein Meinungsaustausch, wer sie rudern

solle. Carlsson entschied die Sache ganz einfach zu seinen Gunsten,

denn das kleine, schwarze, weißhäutige Mädchen hatte es ihm angetan.

Als die Alte ihm Vorstellungen machte, der erste und wichtigste Mann

auf dem Hofe dürfe sich nicht mit solchen kleinen Dingen befassen,

antwortete Carlsson, der Professor habe ihn eigens gebeten, weil

wichtige Briefe zur Post müßten. Gustav verriet wider Willen, daß auch

ihm daran gelegen sei, den Boten zu machen, indem er vorschlug, die

Briefe sollten ihm anvertraut werden.

Carlsson aber erklärte bestimmt, er könne unmöglich zugeben, daß der

Hausherr Knechtesdienste verrichte; das gebe den Leuten nur Stoff zum

Klatschen. Und dabei blieb es.

Den Dalaröboten zu machen, hatte seine Vorteile, die der findige

Knecht im voraus aufgespürt. Zuerst war man allein mit einem Mädchen

auf See und konnte ungestört mit ihr schwatzen und schäkern. Dann

folgten Bewirtung und Trinkgelder. Und im Badeorte konnte er sich alle

Kaufleute verpflichten, indem er ihnen einen Kunden verschaffte; das

brachte immer einen Händedruck ein, einen Schnaps hier, eine Zigarre

dort; auch fiel ein gewisser Schein von Ansehen auf den, der Aufträge

vom Professor zu besorgen hatte, am Wochentag fein gekleidet war und

sich in Gesellschaft eines Fräuleins aus Stockholm befand.

Die Fahrten nach Dalarö fanden jedoch nur ein Mal in der Woche statt

und hatten keinen störenden Einfluß auf den regelmäßigen Gang der

Arbeit. Carlsson war nämlich so pfiffig, die Tage, an denen er fort

war, den Burschen die Arbeit in Akkord zu geben: sie mußten so und so

viele Klafter entwässern, so und so viele Äcker pflügen, so und so

viele Bäume fällen; dann waren sie frei. Die Leute gingen mit

Vergnügen darauf ein, denn auf diese Weise konnten sie schon zur

Vesperzeit fertig sein.

Bei solchen Gelegenheiten, wenn die Arbeit zugemessen und die

geleistete geprüft werden mußte, kam der Bleistift und das jetzt

eingeführte Notizbuch zu Ehren. Carlsson gewöhnte sich daran, als

Verwalter aufzutreten und allmählich die Arbeit auf andere Schultern

gleiten zu lassen.

Gleichzeitig richtete er sich auf der Kammer wie in seinem eigenen

Junggesellenzimmer ein. Tabakrauchen war längst eingeführt; auf den

Tisch am Fenster hatte er ein grünes Taschentintenfaß, Federhalter,

Bleifeder, einige Bogen Postpapier aufgetischt und mit Leuchter und

Streichholzgestell geordnet: es sah aus wie ein Schreibtisch. Das

Fenster ging nach der Großstuga; daran saß er in seinen

Erholungsstunden und beobachtete die Bewegung der Herrschaft; auch

konnte er hier zeigen, daß er zu schreiben verstand.

Abends machte er das Fenster auf, legte die Ellbogen aufs Fensterbrett

und schmauchte eine Pfeife oder einen Zigarrenstummel, den er aus der

Westentasche hervorsuchte. Oder er las ein Wochenblatt. Von unten sah

das so aus, als sei er der Hausherr selbst.

Wenn es aber dämmerig wurde und er Licht ansteckte, legte er sich

aufs Bett und rauchte. Dann kamen die Träume, Pläne vielmehr; die

bauten sich auf Umstände auf, die zwar noch nicht eingetreten waren,

aber durch eine kleine Änderung sich vielleicht einstellen konnten.

Als er eines Abends so auf dem Rücken lag und »Schwarzen Anker«

qualmte, um die Mücken zu betäuben, während seine Augen sich auf das

weiße Laken hefteten, das die Kleider bedeckte, ließ dieses plötzlich

los und fiel zu Boden. Wie den Schatten einer Reihe Soldaten sah er

die ganze Garderobe des Verstorbenen an der Wand Flankenmarsch machen;

gegen das Fenster und zurück zur Tür, je nachdem das Licht im Zuge

flackerte. Carlsson glaubte den Toten in all den Gestalten zu sehen,

welche die Kleider auf die karrierte Tapete zeichneten. Da kam er in

Joppe aus blauer Boi und in grauen Tuchhosen, in denen Knie waren, da

er mit denen im Trebel am Steuer gesessen, wenn er mit Fischen nach

der Stadt segelte, um dann in der »Messingstange« mit dem Fischkäufer

Toddy zu trinken. Hier kam er in schwarzem Gehrock und langen,

flatternden Hosen: so ging er zur Kirche, wenn Beichte war; so war er

auf Hochzeit, Begräbnis, Kindstaufe gekleidet. Dort hing die schwarze

Jacke aus Schaffell; die hatte er an, wenn er im Herbst und Frühling

am Strande stand und Zugnetze zog. Dort brüstete sich der große

Seehundpelz, der noch Spuren vom Weihnachtsschmaus trug. Der

Reisegurt, mit grünem, gelbem, rotem Wollgarn gestickt, ringelte sich

wie die große Seeschlange bis auf den Boden und steckte den Kopf in

einen Stiefelschaft.

Carlsson wurde warm unterm Hemd, wenn er sich in den schönen,

seidenweichen Pelz hineindachte; sich vorstellte, wie er auf einem

Schlitten übers Eis schoß, eine Kappe aus Seehundsfell auf dem Kopf;

wie die Nachbarn den Weihnachtsgast am Strande mit Feuern und

Büchsenschüssen empfingen; wie er in der warmen Stube den Pelz auszog,

um dann im schwarzen Tuchrock dazustehen; wie der Pastor ihn mit du

begrüßte und er ganz oben an der Schmalseite des Tisches sitzen

durfte, während die Knechte an der Tür standen oder sich aufs

Fensterbrett geschwungen hatten.

Die Vorstellungen von den erwünschten Seligkeiten wurden so lebhaft,

daß sie Carlsson auf die Beine brachten; ehe er sich dessen bewußt

wurde, war er in den Pelz geschlüpft und strich mit der Hand über die

Pulswärmer; als kose er die Brüste eines Weibes, so weich und fein war

das Fell; und es schauerte ihn, als der Kragen seine Backe kitzelte.

Dann zog er den schwarzen Gehrock an und knöpfte ihn zu; stellte

seinen Rasierspiegel auf den Stuhl und sah nach, wie der Rock im

Rücken saß; steckte die Hand unter den Aufschlag und ging im Zimmer

auf und ab. Ein Gefühl von Reichtum verbreitete sich von dem

seidenweichen Tuch; etwas Geräumiges, etwas Rundliches, als er zur

Probe den Schoß spaltete und sich auf den Bettrand setzte; so tuend,

als sei er auf Besuch.

Während er so ganz in berauschenden Träumen versunken war, hörte er

von draußen Stimmen, die plauderten; als er aufhorchte, merkte er, wie

sich Idas (das war die hübsche Köchin) und Normans Stimmen

verflochten, zusammenfielen, Seite an Seite gingen, sich gleichsam

schnäbelten. Das gab ihm einen Stich; mit einem Griff hatte er Gehrock

und Pelz unter die Kleider hinter das Laken gehängt; bewaffnete sich

mit einer neuen Zigarre und ging die Treppe hinunter.

* * * * *

Mit ernsten Zukunftsplänen beschäftigt, hatte Carlsson bisher alle

Händel mit Mädchen vermieden. Erstens wußte er, wieviel Zeit dabei

verloren geht; dann fühlte er, im selben Augenblick, in dem er das

Feuer nach dieser Seite eröffnete, gab es keine Sicherheit mehr; er

konnte sich eine Blöße geben, die schwer zu verteidigen war; und war

er einmal auf diesem Felde geschlagen, war es aus mit Respekt und

Ansehen.

Als sich jetzt aber die anerkannte Schönheit dem Wettstreit aussetzte,

und der Sieger zu viel zu gewinnen hatte, fühlte er sich veranlaßt,

die Sporen zu benutzen und den Kamm zu erheben; mit dem festen

Entschluß, der Hahn zu werden, ging er auf den Holzplatz hinunter, wo

das Spiel schon in vollem Gange war. Es ärgerte ihn nur, daß er sich

mit Norman messen mußte; wäre es wenigstens Gustav gewesen! Aber

dieser Tropf Norman! Nun, der sollte mal sehen!

-- Guten Abend, Ida! begann er, ohne von dem Nebenbuhler Notiz zu

nehmen, der unwillkürlich seinen Platz am Zaun verließ.

Carlsson nahm diesen Platz sofort ein und begann das Spiel. Während

Ida Holz und Späne in die Holztrage las, machte er von seiner

überlegenen Beredsamkeit einen solchen Gebrauch, daß Norman kein

Wörtchen anbringen konnte.

Ida aber war launenhaft wie beim Mondwechsel; sie warf Norman

Seitenworte zu, die Carlsson jedoch im Fluge aufgriff und

zurücksandte, hübsch verziert und schön ausgemalt.

Aber die Schöne fand Gefallen an dem Kampf und bat Norman, ihr etwas

Kienholz zu spleißen. Ehe der Glückliche bis zur Tür kam, war Carlsson

schon über den spitzen Zaun gestiegen, hatte sein Klappmesser gezogen

und begann einen trockenen Fichtenklotz zu spleißen. In wenigen

Minuten legte er die Späne in die Holztrage, faßte alles mit dem

kleinen Finger zusammen und trug es direkt in die Küche, in die ihm

Ida folgte. Dort blieb er am Türpfosten stehen, indem er sich so breit

machte, daß niemand weder hinaus noch herein konnte.

Norman, dem es nicht gelang, irgend ein Anliegen zu erfinden,

umkreiste zuerst einige Male den Holzplatz, um milzkrank darüber

nachzusinnen, wie leicht der Unverschämte im Leben vorwärts kommt; bis

er schließlich für gut fand, abzuziehen. Er setzte sich auf den

Brunnenrand und stöhnte seine Klage in einem Schottischen aus, den er

aus der Handharmonika holte.

Die weichen Töne der Blechzungen drangen doch durch die dicke

Abendluft, am Türpfosten vorbei, und erreichten den Thron der

Barmherzigkeit am Küchenherd: Ida erinnerte sich jetzt, sie müsse zum

Brunnen gehen, um für den Professor Trinkwasser zu holen.

Carlsson folgte ihr; dieses Mal aber fühlte er sich doch etwas

unsicher in dem Kampf auf einem Felde, das ihm ganz fremd war. Um die

Wirkung des zauberischen Lockrufs aufzuheben, nahm er Idas

Kupferflasche und flüsterte zärtliche Worte; in einem so schmachtenden

und wohlklingenden Tone, wie er nur irgend vermochte; als wolle er der

verführerischen Musik Worte unterlegen und das Solo zu einer

untergeordneten Begleitung herabsetzen.

Aber gerade als sie zum Brunnen kamen, rief die Hausmutter oben aus

der Hütte. Sie rief Carlsson, und in ihrem Ton war zu hören, daß es

sich um etwas Wichtiges handelte.

Zuerst wurde Carlsson böse und wollte nicht antworten; da aber fuhr

der Teufel in Norman: mit schallender Stimme rief der:

-- Hier, Tante! Er kommt sofort!

Indem er den falschen Spielmann zur Hölle wünschte, riß sich der

Sieger aus den Armen der Liebe und ließ die halb errungene Beute dem

Schwächern, der sein Liebesglück nur einem Schicksal zu verdanken

hatte.

Die Alte rief noch ein Mal; mit zorniger Stimme antwortete Carlsson,

er komme so schnell, wie er nur könne.

-- Wollt Ihr näher treten, Carlsson, und eine Halbe trinken, empfing

die Alte ihn im Vorbau, mit der Hand die Augen beschattend, um die

leichte Sommerdämmerung zu durchdringen und zu sehen, ob er allein

komme.

Carlsson hätte sonst gern eine Halbe getrunken, aber in diesem

Augenblick wünschte er allen Kaffee und Branntwein zur Hölle; doch

konnte er nicht nein sagen; während Normans norrköpinger

Scharfschützenmarsch siegesstolz und hohnvoll von der Quellwiese

heraufklang, mußte er in die Stuga hinein.

Die Alte war milder als gewöhnlich; Carlsson aber fand sie älter und

häßlicher als gewöhnlich. Je freundlicher sie sich zeigte, desto

mürrischer wurde er; das machte die Alte schließlich beinahe zärtlich.

-- Die Sache ist die, Carlsson, sagte sie schließlich, während sie ihm

Kaffee eingoß: wir müssen für nächste Woche zur Mahd aufbieten. Darum

möchte ich natürlich erst mit Euch sprechen.

Die Harmonika verstummte mitten in den schmelzenden Akkorden des

Trios; Carlsson erstarrte und wurde unaufmerksam, um schließlich

einige Worte ohne Klang und ohne richtigen Zusammenhang

hervorzubringen:

-- Jaja, also die Mahd in nächster Woche!

-- Und da möchte ich, fuhr die Alte fort, daß Ihr am Sonnabend mit

Clara hinfahrt und aufbietet; dann kommt Ihr auch etwas unter die

Leute und könnt Euch zeigen, denn das ist immer gut.

-- Aber am Sonnabend kann ich nicht, antwortete Carlsson mürrisch; da

muß ich für Professors nach Dalarö.

-- Einmal könnte wohl Norman die Fahrt machen, wendete die Alte ein

und drehte dem Knecht den Rücken, um seine Miene nicht sehen zu

müssen.

In diesem Augenblick brachte die Harmonika einige weiche, von Pausen

unterbrochene Sätze hervor, die sich zu entfernen schienen, um draußen

in der Sommernacht, wo die Nachtschwalbe schon an ihrem surrenden

Rocken spann, zu verhallen.

Carlsson schwitzte Todesschweiß, goß den Kaffeebranntwein hinunter,

fühlte Steine auf der Brust, Nebel um den Kopf, eine allgemeine

Schwäche in den Nerven.

-- Das kann Norman nicht, stieß er hervor; Norman kann die Geschäfte

des Professors nicht besorgen -- und -- er wird auch nicht damit

betraut.

-- Aber ich habe den Professor gefragt, schnitt die Alte den Faden ab;

und er sagte, er habe für diesen Sonnabend nichts.

Es war wie verhext für Carlsson; die Alte hatte ihn wie eine Maus

gepackt; es war kein Loch mehr vorhanden, in das er schlüpfen konnte.

Und seine Gedanken gingen nach so verschiedenen Richtungen, daß er sie

kaum zu einer Gegenwehr sammeln konnte. Das sah die Alte auch, und sie

wollte darum kneten, solange der Teig gärte.

-- Hört mal, Carlsson, sagte sie; Ihr müßt es Euch nicht zu Herzen

nehmen, wenn ich Euch was sage; denn ich meine es gut mit Euch.

-- Ihr mögt meinetwegen sagen, was zum Teufel Ihr wollt: denn jetzt ist

es mir doch ganz einerlei, brach Carlsson los, der die zärtlichen Töne

der Harmonika im Hag verklingen hörte.

-- Ich wollte nur sagen, Ihr müßt Euch für zu gut halten, um mit den

Mädchen zu spielen; das nimmt nur ein schlimmes Ende. Ja, ich weiß;

ich kenne das; und es ist gut gemeint von mir, Carlsson. Solche

Stadtmädchen müssen immer einen Troß Männer hinter sich haben, damit

es nach was aussieht; und dann wird hier scherwenzelt und dort

gehänselt; und gehen sie in den Wald mit Einem, laufen sie in den Hag

mit dem Andern. Und wenn es schief geht, so nehmen sie den, ders am

besten tragen kann. So ist's bestellt!

-- Was kümmert's mich, wer die Burschen bürstet; meiner sollen sie

nicht habhaft werden. Übrigens ist ein Unterschied zwischen Mädchen

und Mädchen; alle sind nicht Dirnen, die verkommen, erleichterte

Carlsson sein volles Herz.

-- Nicht übel aufnehmen, tröstete die Alte. Aber ein Mann wie Ihr,

Carlsson, sollte ans Heiraten denken, nicht solchen Mädchen

nachlaufen. Hier in den Schären gibt es viele reiche Mädchen, kann ich

Euch sagen; und seid Ihr klug und macht Ihr Eure Sache gut, so könnt

Ihr früher als Ihr glaubt Euer eigener Herr werden. Darum müßt Ihr

nicht eigensinnig sein, Carlsson, sondern auf das hören, was ich Euch

sage, wenn ich Euch bitte, zu den Nachbarn zu fahren und sie zur Mahd

zu laden. Bedenket doch, nicht Jeden hätte ich aufgefordert, im Namen

des Hofes zu fahren; und der Junge wird wohl auch über mich herfallen.

Aber daran kehre ich mich nicht: halte ich mich an einen, so stütze

ich ihn auch; darauf könnt Ihr Euch verlassen.

Es begann in Carlssons Innern ruhig zu werden; es leuchtete ihm ein,

daß es seine Vorteile haben müsse, den Hof zu vertreten; aber er war

noch zu sehr gereizt, um seine Flamme gegen etwas Ungewisses zu

vertauschen; er hatte ein Bedürfnis, zuerst etwas Handgeld zu

erhalten, ehe er sich auf das Geschäft einließ.

-- So wie ich hier bin, kann ich nicht gehen, und saubere Kleider habe

ich nicht, warf er seine Schnur aus.

-- So schlimm ist es mit den Kleidern wohl nicht, meinte die Alte;

wenn aber weiter nichts fehlt, so werden wir schon Rat schaffen.

Weiter mochte Carlsson in dieser Richtung nicht gehen; dafür wollte er

lieber das angedeutete Versprechen gegen ein anderes, bestimmtes,

auswechseln. Nach verschiedenen Einwendungen der Alten gelang es ihm

auch, zu erreichen, daß Norman, als unentbehrlich beim Schleifen der

Sensen und Ausbessern des Heuwagens, zu Hause bleiben sollte, während

Lotte Ida nach Dalarö fuhr.

* * * * *

Es war drei Uhr morgens an einem Julitage im Anfang des Monats. Es

raucht schon aus dem Schornstein, der Kaffeekessel ist aufgesetzt; das

ganze Haus ist wach und in Bewegung; draußen auf dem Hof ist ein

langer Kaffeetisch gedeckt.

Die Schnitter sind am Abend vorher gekommen und haben auf Heuboden und

Scheune geschlafen. Zwölf stattliche Männer aus den Schären, in weißen

Hemdärmeln und Strohhüten, stehen in Gruppen vor der Stuga, mit Sensen

und Wetzsteinen bewaffnet.

Da ist der Alte aus Owassa und der Alte aus Svinnockar, deren Rücken

vom Rudern rund geworden sind; da ist der von Aspö mit seinem langen

Heldenbart, einen Kopf höher als die Andern, mit tiefen, traurigen

Blicken von der Einsamkeit draußen am offenen Meere, von Kummer ohne

Namen und ohne Klage; das ist der Fjällonger, eckig und halb gedreht,

wie eine Meerkiefer draußen auf der letzten Schäre; der von

Fiversätra, mager, durchweht, lebhaft, trocken wie eine Kaffeehaut;

die Quarnöer, Bootbauer von Ruf; die von Longskär, die ersten

Seehundschützen; der Bauer von Arnö mit seinen Jungen.

Und um ihnen, zwischen ihnen bewegten sich die Mädchen, in

Hemdärmeln, mit Brusttüchern über den Busen, in hellen Kleidern aus

Baumwolle, mit Tüchern auf dem Kopf. Die Harken, die in allen Farben

des Regenbogens frisch bemalt waren, hatten sie selbst mitgebracht.

Sie sahen aus, als gingen sie zu einem Fest, nicht zu einer Arbeit.

Die Alten klopften sie mit den Fingerknöcheln auf die Taille und

sagten ihnen vertrauliche Worte. Die Burschen aber verhielten sich so

früh am Morgen beiseite; sie warteten den Abend mit Dämmerung, Tanz

und Musik ab, um ihre Liebesspiele zu spielen.

Die Sonne war seit einer Viertelstunde aufgegangen, aber noch nicht so

weit über die Wipfel der Kiefernhöhe gekommen, um den Tau aus dem Gras

zu lecken. Die Bucht lag spiegelblank da, von dem jetzt blaßgrünen

Schilf eingefaßt; das Piepen der eben ausgebrüteten jungen Enten war

zwischen dem Schnattern der alten zu hören; die Möwen fischten dort

unten Ukeleis, segelnd, groß, flügelbreit, schneeweiß wie die

Gipsengel der Kirche; in der Kellereiche waren die Elstern erwacht und

schwatzten und kicherten von den vielen Hemdärmeln, die sie unten auf

dem Haushügel gesehen; der Kuckuck rief im Hag, brünstig, rasend, als

sei die Zeit des Begehrens zu Ende, wenn er den ersten Heuschober

erblickte; die Wiesenknarre arpte und schnarpte unten im Roggenfelde;

aber auf dem Hügel sprang der Hund und begrüßte alte Bekannte.

Hemdärmel und Leinenpassen glänzten im Sonnenschein, streckten sich

über den Kaffeetisch, auf dem Tassen und Schüsseln, Gläser und Kannen

klirrten: die Bewirtung hatte begonnen.

Gustav, sonst schüchtern, machte den Wirt; sich unter den alten

Freunden seines Vaters sicher fühlend, setzte er Carlsson in Schatten

und handhabte selber die Branntweinflasche.

Carlsson aber, der auf seiner Einladungsfahrt Bekanntschaften

geschlossen, benahm sich, als sei er zu Hause, wie ein älterer

Angehöriger oder Gast, und ließ sich den Hof machen. Da er vor Gustav

zehn Jahre voraus hatte und ein männlicheres Aussehen besaß, stach er

diesen aus; zumal Gustav für die Männer, die sich mit seinem Vater

geduzt, kaum etwas anderes als »der Junge« werden konnte.

Der Kaffee war getrunken, die Sonne stieg, die Veteranen setzten sich

in Bewegung, um nach der großen Wiese hinunter zu ziehen, die Sensen

auf den Schultern; die Jungen und die Mädchen folgten.

Das Gras reichte den Männern bis an die Schenkel und stand dicht wie

ein Fell. Carlsson mußte über die neue Bewirtschaftung der Wiese

Bescheid geben; wie er Laub und Gras vom vorigen Jahr abräumte, die

Maulwurfshaufen ebnete, in die Frostflecken säete, mit Jauche begoß.

Dann verteilte er wie ein Hauptmann seine Truppe; gab den Alten und

Vermögenden Ehrenplätze und ging selbst an letzter Stelle; verlor sich

also nicht im Haufen.

Und so begann die Schlacht. Zwei Dutzend weiße Hemdärmel in einem

Keil, ziehenden Schwänen gleich, die Sensen Ferse an Ferse; und

hinterdrein, in zerstreuter Ordnung, wie ein Volk Fischschwalben,

launenhaft hin und her springend, aber doch zusammen haltend, die

Mädchen mit ihren Harken; jede ihrem Mäher folgend.

Es sauste um die Sensen, und das tauige Gras fiel in Büscheln. Seite

an Seite lagen alle Blumen des Sommers, die sich aus Wald und Hag

heraus gewagt: Gänseblume und Kuckucksblume, Pechnelke und Labkraut,

Kälberkropf, Heidenelke, Erve, Wachtelweizen, Steinsame, Pestwurz,

Kleeblatt; und alle Gräser und Halbgräser der Wiesen. Es duftete nach

Honig und Gewürzen; Bienen und Hummeln flohen in Schwärmen vor der

mörderischen Schar. Die Maulwürfe verkrochen sich in die Eingeweide

der Erde, als sie es in ihrem gebrechlichen Dach krachen hörten. Die

Ringelnatter schlüpfte erschrocken in den Graben und verschwand in ein

Loch, das nicht größer als ein Tauende war. Aber über das Schlachtfeld

in die Höhe schwang sich ein Lerchenpaar, dessen Nest ein Absatzeisen

zertreten hatte. Als Nachhut trippelten die Stare, um allerhand

Getier, das in den brennenden Sonnenschein geraten war, aufzulesen und

aufzupicken.

Die erste Bahn war bis zum Feldrain abgemäht. Die Kämpfer hielten inne

und betrachteten, auf ihre Sensenschäfte gestützt, das Werk der

Zerstörung, das sie hinter sich gelassen. Sie wischten sich den

Schweiß aus dem Mützenstreifen und nahmen eine neue Prise Schnupftabak

aus den Messingdosen. Inzwischen hatten sich die Mädchen beeilt in die

Frontlinie zu kommen.

Dann geht es wieder auf das grüne Blumenmeer los, das unter der

wachsenden Morgenbrise wogt; bald bunte leuchtende Farben zeigt, wenn

die steiferen Stengel und Köpfe der Blumen sich in den Wellen des

weichen Honiggrases behaupten; bald sich in einem einzigen Grün wie

ein See in Windstille ausbreitet.

Es ist Fest in der Luft und Wetteifer in der Arbeit; man würde lieber

am Sonnenstich niederstürzen, als die Sense fortstellen.

Carlsson hat Ida zur Harkerin, und da er der Letzte in der Reihe ist,

kann er, ohne die Waden zu gefährden, sich prahlerisch umdrehen, um

ihr ein Wort zuzuwerfen. Aber Norman hat er unter strenger Bewachung

schräg vor sich; sobald dieser einen verliebten Blick nach Südosten

tun will, hat er Carlssons Sense an den Hacken und hört einen eher

unfreundlichen als wohlwollenden Warnungsruf:

-- Die Füße in Acht nehmen!

Als die Uhr acht ist, liegt die Quellwiese wie ein eben geeggter

Acker da, glatt wie eine Hand, und das Heu in langen Schwaden. Jetzt

wird das Werk beschaut und die Schläge geprüft. Über Rundqvist sitzt

man zu Gericht; man kann sehen, wo er gegangen ist; es sieht aus, als

hätten Elfen dort getanzt. Aber Rundqvist verteidigt sich: er habe

nach dem Mädchen sehen müssen, das man ihm gegeben; denn es sei nicht

gestern gewesen, daß ein Mädchen ihm nachgelaufen.

Jetzt halloht Clara oben von der Höhe zum Frühstück; die

Branntweinflasche funkelt in der Sonne und der Anker Dünnbier ist

angestochen; der Kartoffeltopf raucht auf der Felsplatte, der

Strömling dampft in den Schüsseln, die Butter ist aufgelegt, das Brot

ist geschnitten; die Schnäpse werden eingegossen, und das Frühstück

ist im Gang.

Carlsson hat Lob erhalten und ist siegestrunken; Ida ist ihm auch

gewogen, und er wartet ihr mit einer Aufmerksamkeit auf, die auffällt;

aber sie ist auch die Schönste des Tages.

Die Alte, die mit Schüsseln und Tellern aus und ein läuft, streicht

oft an den beiden vorbei; zu oft, um nicht von Ida bemerkt zu werden;

doch nicht eher von Carlsson, als bis sie ihm mit dem Ellbogen sanft

in den Rücken stößt und flüstert:

-- Ihr müßt Wirt sein, Carlsson, und Gustav helfen; Ihr müßt tun, als

seiet Ihr hier zu Hause!

Carlsson hat nur Augen und Ohren für Ida und antwortet der Alten mit

einem Scherz. Jetzt aber kommt Lina, das Kindermädchen des Professors,

und erinnert Ida daran, daß sie nach Haus muß, um aufzuräumen.

Aufregung und Trauer bricht unter den Männern aus, aber die Mädchen

sind nicht sehr betrübt.

-- Wer soll denn für mich aufnehmen, wenn ich kein Mädchen mehr habe?

ruft Carlsson mit gespielter Verzweiflung aus, die den wirklichen

Verdruß verbergen soll.

-- Dann muß es Tante wohl tun? antwortet Rundqvist, der Augen im Rücken

haben soll.

-- Tante muß harken! rufen die Männer im Chor. Tante muß kommen und

harken.

Die Alte schlägt abwehrend mit der Schürze:

-- Was soll ich alte Frau unter den Mädchen? Nein, niemals, niemals!

Ihr seid wohl närrisch!

Aber der Widerstand reizt.

-- Nimm die Alte, flüstert Rundqvist, während Norman sich aufheitert

und Gustav finster wie die Nacht wird.

Es blieb keine Wahl; unter Lärm und Lachen eilt Carlsson ins Haus, um

die Harke der Alten zu holen, die irgendwo oben auf dem Boden liegen

muß. Hinter ihm drein läuft die Alte, die schreit:

-- Nein, um Gottes willen, Ihr dürft nicht in meinen Sachen kramen.

So verschwinden die Beiden, während die Zurückbleibenden laute und

beißende Bemerkungen machen.

-- Ich finde, unterbricht Rundqvist schließlich das Schweigen, das

entstanden ist, sie bleiben etwas lange aus! Geh, Norman, und sieh

nach, was geschehen ist!

Stürmischer Beifall ermuntert den Ehrgeizigen, fortzufahren.

-- Was mögen sie oben nur machen? Das ist doch zu arg! Ich werde

wirklich unruhig, wißt ihr.

Gustavs Lippen wurden dunkelblau, aber er zwang sich zu einem Lachen,

um sich nicht von den Andern abzusondern.

-- Gott verzeihe mir meine Sünden, fuhr Rundqvist im selben Tone fort;

jetzt aber halte ichs nicht länger aus; ich muß nachsehen, was die

Beiden vorhaben.

In diesem Augenblick kommt Carlsson mit der Alten aus dem Vorbau und

bringt die gesuchte Harke. Die ist fein, mit zwei Herzen bemalt, »Anno

1852« gezeichnet; es war einst die Brautharke der Alten, die Flod

selbst angefertigt. Sie hatte Erbsen im Schaftknauf, die klapperten,

wenn man die Harke rührte.

Die Erinnerung an vergangene Freuden scheint den frischen Sinn der

Alten in eine muntere Stimmung zu versetzen; ohne eine Spur von

krankhafter Empfindsamkeit zeigt sie auf die Jahreszahl und sagt:

-- Das war nicht gestern, als der Flod mir die Harke machte ...

-- Und du ins Brautbett stiegst, Tante, fiel der von Svinnockar ein.

-- Kannst es wohl noch ein Mal, meinte der aus Owassa.

-- Sechs Wochen alten Ferkeln und zwei Jahre alten Witwen kann man

nicht trauen, neckte der Fjällonger.

-- Je trockener der Zunder, desto schneller fängt er Feuer, brannte der

von Fiversätra los.

Und jeder warf seinen Scheit aufs Feuer. Die Alte aber schmunzelte und

wehrte sie ab, machte gute Miene zum bösen Spiel und scherzte mit;

böse zu werden, hatte keinen Zweck.

Dann gings auf die Bruchwiese hinunter. Da standen Segge und

Schachtelhalm so hoch wie ein Kiefernwald und das Wasser ging den

Männern bis an die Stiefelschäfte. Die Mädchen zogen Strümpfe und

Schuhe aus und hingen sie auf den Feldzaun.

Die Alte harkte hinter Carlsson so fleißig, daß sie es den Andern

zuvortat. Manches Scherzwort über das junge Paar, wie sie genannt

wurden, fiel. Diesen Ausdruck benutzten sie als Feigenblatt, um

darunter zu verbergen, was im Geheimen zu wachsen begann.

So ward es Mittag und so ward es Abend.

Der Spielmann war mit seiner Geige gekommen; die Tenne war geräumt

und gekehrt, die schlimmsten Astlöcher mit Pech verkittet worden. Als

die Sonne unterging, begann der Tanz.

Carlsson eröffnete ihn mit Ida; deren schwarzes Kleid war viereckig

ausgeschnitten, hatte eine weiße Krause und einen Maria-Stuart-Kragen;

wie eine beneidete Dame stand Ida unter den Bauernmädchen da; die

Alten betrachteten sie mit Furcht und Kälte, die Jungen mit Verlangen.

Carlsson konnte allein den neuen Walzer; darum nahm Ida ihn gern, ein

Mal nach dem andern, nachdem ein Versuch mit Norman mißlungen war. Als

der so aus dem Felde geschlagen wurde, verfiel er auf den

unglücklichen Gedanken, zu seiner Handharmonika zu greifen; um sein

gequältes Herz auszuschütten und vielleicht mit einer letzten Leimrute

den feinen und unbeständigen Vogel zu fangen; vor einigen Wochen

glaubte er ihn in der Hand zu haben, bald aber saß er wieder auf dem

Dach und schnäbelte mit einem andern.

Carlsson fand indessen die Begleitung überflüssig, da er eigens einen

wirklichen Spielmann gedungen; und die engbrüstige Harmonika hielt mit

der leichtfüßigen Geige nicht Schritt, sondern störte den Takt und

brachte Unordnung in den Tanz. Die gute Gelegenheit, den Nebenbuhler

abzutun, lockte Carlsson, zumal die Meinung, die Harmonika störe nur,

allgemein zu sein schien. Er nahm also den Mund etwas voll und schrie

dem unglücklichen Liebhaber, der sich in einer Ecke verkrochen hatte,

über die Tenne hinüber zu:

-- Halloh, schnür den Lederbeutel, du! Mach, daß du hinauskommst, und

laß die Luft aus, wenn du aufgeblasen bist.

Die allgemeine Meinung verurteilte den Sünder mit einem zustimmenden

Lachen. Norman aber waren einige Schnäpse zu Kopf gestiegen, und Idas

Krause hatte ungeahnte Kräfte hervorgezaubert.

-- Halloh! ahmte er Carlsson nach, der unversehens in seine Mundart

verfallen war, die auf Hochschweden lächerlich wirkte. Komm nur hinaus

auf den Hof, dann werde ich dir schon die Flöhe aus dem Schweinepelz

lausen!

Carlsson fand seine Stellung noch nicht so bedroht, um zu den Fäusten

übergehen zu müssen, sondern hielt sich auf dem unschuldigeren Gebiet

des Zungenkampfes.

-- Was ist das für ein merkwürdiges Schwein, das Flöhe im Pelz hat?

-- Das stammt wohl aus Wärmland, glaube ich, antwortete Norman.

Das verletzte die Nationalehre; noch im letzten Augenblick nach einem

vernichtenden Wort suchend, das sich aber nicht einstellte, ging

Carlsson auf den Feind los, packte ihn bei der Weste und riß ihn auf

den Hof hinaus.

Die Mädchen stellten sich in die Türöffnung, um dem Zusammenstoß

zuzusehen; niemandem fiel es ein, dazwischen zu treten.

Norman war klein und untersetzt, aber Carlsson war gröber gebaut und

höher gewachsen. Im Nu warf er den Rock ab, um den er bange war, und

die Kämpfer rannten zusammen. Norman mit dem Kopf voran, wie ers von

den Lootsenburschen gelernt hatte. Carlsson aber packte ihn, zielte

einen häßlichen Fußtritt nach dem Unterleib, und wie ein

zusammengerollter Igel fiel Norman auf den Dunghaufen.

-- Rallbuse! schrie er, außer stande, sich weiter mit den Fäusten zu

verteidigen.

Carlsson schäumte; vergebens nach Schimpfwörtern suchend, setzte er

Norman das Knie auf die Brust und ohrfeigte den Geschlagenen. Der

spuckte und biß um sich, bekam aber schließlich eine Handvoll Streu in

den Mund.

-- Jetzt werde ich dir das ungewaschene Maul putzen! schrie Carlsson

und rieb den Geschlagenen mit einem Strohwisch, den er aus dem

Dunghaufen gerissen, so, daß die Nase blutete.

Aber das öffnete dem wutschnaubenden Norman den Mund: seinen ganzen

Vorrat von Schimpfworten schleuderte er dem Sieger ins Gesicht, der

die Zunge des Besiegten doch nicht binden konnte.

Die Musik war verstummt, der Tanz hatte aufgehört. Die Zuschauer

hatten ihre Bemerkungen über die Wendungen des Wortstreites und

Faustkampfes gemacht und mit demselben gleichmütigen Interesse

zugehört und zugesehen, wie sie einem Schlachten oder einem Tanz

zusahen. Doch fanden die Alten, Carlssons Angriff sei nicht ganz

regelrecht, nicht nach alter Sitte gewesen. Plötzlich aber war ein

Schrei zu hören, der den Haufen sprengte und alle aus der Feststimmung

riß:

-- Er zieht ein Messer! schrie einer; man konnte nicht unterscheiden,

wer.

-- Ein Messer! wurde im Haufen geantwortet. Keine Messer! Fort mit den

Messern!

Und die Kämpfer wurden umringt; Norman, dem es gelungen war, sein

Klappmesser zu öffnen, wurde entwaffnet und auf die Füße gestellt,

nachdem man Carlsson von ihm losgerissen.

-- Raufen könnt ihr euch, Burschen, aber nicht messern, schloß der Alte

von Svinnockar die Schlägerei.

Carlsson zog seinen Rock an und knöpfte ihn über seine zerrissene

Weste; aber Norman hing der eine Hemdärmel wie ein Fetzen aufs Bein

herab. Im Gesicht übel zugerichtet, schmutzig, blutig, hielt ers fürs

Beste, sich um die Ecke zu entfernen, um seine Niederlage nicht den

Mädchen zu zeigen.

Mit der frohen Zuversicht des Siegers und des Stärkern trat Carlsson

wieder auf die Tanzbahn, um, nach einem tüchtigen Schluck, das Spiel

mit Ida von neuem zu beginnen, die ihn mit Wärme, ja beinahe

Bewunderung empfing.

Der Tanz ging los wie ein Dreschwerk. Die Dämmerung war

hereingebrochen. Der Branntwein machte die Runde, und man widmete dem

Tun und Lassen des Nächsten geringere Aufmerksamkeit. Darum konnte

Carlsson mit Ida aus der Tenne heraus kommen und das Hagtor erreichen,

ohne daß jemand naseweise Fragen stellte. Aber gerade als das Mädchen

über den Zauntritt gestiegen war und Carlsson oben auf dem Zaune

stand, hörte er durchs Halbdunkel die Stimme der Alten, ohne jemand

sehen zu können.

-- Carlsson! Ist Carlsson da! Kommt und tanzt eine Runde mit Eurer

Harkerin.

Aber Carlsson antwortete nicht, sondern glitt hinunter und schlüpfte

in den Hag, leise wie ein Fuchs.

Die Alte hatte ihn jedoch gesehen, und obendrein noch Idas weißes

Taschentuch, das diese um den Leib geknüpft, um ihr Kleid vor den

schweißigen Händen zu schützen. Als sie noch ein Mal gerufen, ohne

Antwort zu erhalten, ging sie nach, über den Zauntritt, in den Hag.

Der Weg unter den Haselbüschen lag vollständig im Dunkel; sie sah nur

etwas Weißes, das in dem Schwarzen ertrank und schließlich auf den

Boden des langen Tunnels sank. Sie wollte nachlaufen; da aber waren

neue Stimmen am Zauntritt zu hören, eine gröbere und eine klingendere;

aber beide gedämpft und, als sie näher kamen, flüsternd. Gustav und

Clara stiegen über den Zaun, der unter den etwas unsichern Schritten

des Burschen knackte; und von zwei starken Armen gehoben, sprang Clara

hinunter.

Die Alte versteckte sich in den Büschen, während das Paar Arm in Arm

vorbeizog; halbsingend, küssend dahintanzte, wie sie selbst einst

getanzt, gesungen und geküßt hatte.

Noch ein Mal knackte der Zauntritt, und wie ein junger Stier kam der

quarnöer Bursche mit dem fjällonger Mädchen angesprungen. Als sie hoch

oben auf dem Zaun stand, das Gesicht vom Tanz gerötet und mit

ausgelassenem Lachen die weißen Zähne zeigend, legte sie die erhobenen

Arme über Kreuz hinter den Nacken, als wolle sie sich fallen lassen;

und mit schnaubendem Lachen und aufgeblähten Nasenflügeln warf sie

sich dem Burschen in die Arme; der empfing sie mit einem langen Kuß

und trug sie in die Dunkelheit hinein, wo sie verschwanden wie unter

einer Decke.

Die Alte stand hinter den Haselbüschen und sah Paar nach Paar kommen,

gehen, wiederkehren; ganz wie in ihrer Jugend; und altes Feuer glühte

wieder auf, das unter der Asche von zwei Jahren versteckt gewesen; und

sie fühlte die »Plage« noch im Fleische wüten, stechend wie Verlangen

ohne Hoffnung, wie Vermissen des für immer Verlorenen.

Währenddessen war die Geige allmählich verstummt. Es war über

Mitternacht, und die Morgenröte stand im Norden bereits schwach über

dem Walde. Die Stimmen auf der Tenne wurden lauter und einzelne

Hurrahrufe von der Wiese gaben an, daß sich die Tanzgesellschaft

zerstreut hatte und die Heimfahrt für die Mäher bevorstand.

Die Alte mußte zurück, um beim Abschied zugegen zu sein.

Als sie in den Hohlweg kam, wo sich die Dunkelheit so zu lichten

anfing, daß man das grüne Laub unterscheiden konnte, sah sie Carlsson

und Ida ganz hinten auf der Höhe kommen, Hand in Hand, als wollten sie

einen neuen Tanz beginnen, blaß wie Leinen, mit großen dunkeln

Löchern, wo die Augen, die sie nicht sah, sitzen mußten. Fürchtend,

hier im »grünen Gange« getroffen zu werden, kehrte sie um und eilte

über den Zauntritt, um nach Hause zu kommen, ehe die Gäste gingen.

Aber auf der andern Seite des Zauntritts stand Rundqvist und schlug

die Hände zusammen, als er die Alte erblickte, die ihr Gesicht in der

Schürze barg, um nicht zu zeigen, wie sie sich schämte.

-- Nein, ist die Tante auch im Hag gewesen und hat Eier gesucht? Ich

sage ja, auf die Alten ist doch nicht mehr Verlaß als auf ...

Sie hörte nicht mehr, sondern eilte, so schnell sie konnte, der Stuga

zu.

Dort hatte man sie schon gesucht und empfing sie jetzt mit

Hurrahrufen, Händeschütteln und Dankesworten für gute Bewirtung, um

sich dann zu verabschieden.

Als alles wieder still geworden und die Flüchtlinge aus Hag und

Wiese herbeigerufen waren, ohne daß sich alle einstellten, ging die

Alte zu Bett. Lange aber lag sie wach und lauschte, ob sie nicht

Carlsson die Treppe zur Kammer hinaufgehen hörte.

Die Inselbauern; oder, Die Leute auf Hemsö · 第 14 / 18 题