Wan.[160]

~Halil Bey in Nordpersien.~

In den ersten Kriegsmonaten Ende 1914 und Anfang 1915 waren türkische

Truppen in Nordpersien in das Gebiet von Urmia und Dilman eingefallen.

Den 20000 Regulären hatten sich noch 10000 Kurden aus dem oberen

Zabgebiet angeschlossen. Auch Djevdet Bey, der Wali von Wan, beteiligte

sich an diesen Operationen. Djevdet Bey ist ein Schwager des türkischen

Kriegsministers Enver Pascha; Halil Bey, der Kommandeur des Korps,

das in Persien einfiel, ein Onkel von Enver Pascha. Die türkischen

und kurdischen Truppen verwüsteten auf persischem Gebiete alle

christlichen Dörfer. Die syrische Bevölkerung des Urmiagebietes und

die armenische Bevölkerung der Salmas-Ebene (um Dilman) wurde, soweit

sie nicht auf russisches Gebiet flüchten konnte oder in dem Anwesen

der amerikanischen Mission Schutz fand, von den Kurden erbarmungslos

niedergemacht.

~Djevdet Bey in Wan.~

Als Djevdet Bey, der Wali von Wan, Mitte Februar aus Salmas

zurückkehrte, begrüßte er freundlich die armenischen Führer, versprach

den Plünderungen der Dörfer Einhalt zu tun und die Geplünderten zu

entschädigen. Nur bat er, noch einige Wochen zu warten, bis die

persische Expedition vorüber sei. Zugleich aber hörte man, daß er in

einer Versammlung von türkischen Notabeln gesagt habe: „Wir haben mit

den Armeniern und Syrern von Aserbeidschan (Nordpersien) reinen Tisch

gemacht; wir müssen mit den Armeniern von Wan das gleiche tun.“

An der Spitze des Daschnakzagan-Komitees standen damals drei bekannte

Armenier, Wramjan, Deputierter von Wan, Ischchan und Aram.

Der Wali stellte sich in den nächsten Wochen freundlich mit ihnen

und bat sie, wie bisher, mit ihm zusammenzuarbeiten, um die Ordnung

im Wilajet aufrechtzuerhalten. Es wurden Kommissionen gebildet, die

in die Dörfer geschickt wurden, um den Plünderungen der Kurden und

den Gewalttaten der Gendarmen Einhalt zu tun und Streitigkeiten zu

schlichten. Inzwischen hatte der Wali um Verstärkungen von Erzerum

gebeten und rechnete wohl auch auf die Unterstützung durch die Truppen,

die in Persien eingefallen waren, falls sein geplantes Vorgehen gegen

die Armenier, die sich noch nichts Schlimmes von ihm versahen, auf

Widerstand stoßen würde. Plötzlich demaskierte er sich und zeigte sein

wahres Gesicht.

In Schatakh, einem überwiegend von gregorianischen und katholischen

Armeniern, zum geringeren Teile auch von Kurden bewohnten Landstädtchen

von über 2000 Einwohnern, an den Quellen des östlichen Tigris (50

Kilometer von Wan), wurde am 14. April der Armenier Howsep, ein

Daschnakzagan, von Gendarmen verhaftet. Seine Freunde wollten ihn

befreien, es gab einen blutigen Zusammenstoß. Als der Wali davon

hörte, ließ er die drei Führer der Daschnakzagan, Wramjan, Ischchan

und Aram, zu sich kommen und bat sie, zusammen mit dem Müdir der

Polizei von Wan nach Schatakh zu gehen, um den Streit zu schlichten.

Das Komitee bestimmte, daß Ischchan mit drei anderen Armeniern namens

Wahan, Kotot und Miran nach Schatakh gehen sollte. Der Müdir der

Polizei nahm einige tscherkessische Saptiehs mit sich. Halbwegs nach

Schatakh, in der Flußniederung von Hayoz-Dzor, übernachteten sie in

dem Dorfe Hirtsch. Als die vier Armenier eingeschlafen waren, ließ der

Müdir der Polizei sie im Schlaf durch die Tscherkessen ermorden. In

der Frühe des nächsten Tages, ehe noch die Armenier von Wan etwas von

dem Meuchelmorde wußten, ließ der Wali Djevdet Bey die beiden andern

armenischen Führer Wramjan und Aram zu sich bitten. Aram war zufällig

abwesend. Wramjan geht arglos zum Wali und wird, sobald er den Konak

betreten hat, verhaftet. Der Wali schickt ihn sofort gefesselt nach

Bitlis. Von Bitlis wurde Wramjan, der als Deputierter von Wan in

besonderem Ansehen stand, nach Diarbekr transportiert und unterwegs

ermordet.

Noch am gleichen Morgen bereitete der Wali Djevdet Bey den Angriff

auf die beiden armenischen Viertel vor und ließ Kanonen gegen sie

in Stellung bringen. Es gab damals in Wan 10-15 Kanonen älterer

Konstruktion und zwei neue Maschinengewehre, die kürzlich mit einer

Abteilung Soldaten von Erzerum gekommen waren. Zur selben Zeit, als

der Wali sich der Führer zu bemächtigen suchte, hatten die Massaker in

Ardjesch und den Dörfern der Hayoz-Dzor schon ihren Anfang genommen.

Die Armenier der Stadt konnten nichts anderes erwarten, als daß ein

Massaker über sie verhängt werden sollte, auch hatten sie gehört, daß

der Wali 6-7000 Mann Kavallerie aus Erzerum angefordert und beiläufig

gesagt hatte, jetzt würde es gefährlich für die Armenier.

Wir lassen nun den Bericht des amerikanischen Missionars folgen, der

die weiteren Ereignisse miterlebt hat[161]:

~Die Belagerung von Wan.~

„Wan ist eine Stadt von Gärten und Weinbergen, die inmitten einer

von hohen, prächtigen Bergen umgebenen Ebene am Wansee liegt. Die

von Mauern umgebene Stadt enthält den Bazar und den größten Teil der

öffentlichen Gebäude. Sie wird beherrscht von dem Kastell-Felsen, einem

gewaltigen Felsblock, der sich steil aus der Ebene erhebt, von alten

Mauern und Festungswerken gekrönt ist und nach der Seeseite zu berühmte

Keilinschriften trägt. Die Vorstadt Aigestan, die „Gärten“ genannt

(weil jedes Haus seinen Garten oder Weinberg hat), erstreckt sich 4

(engl.) Meilen ostwärts der umwallten Stadt und ist 2 (engl.) Meilen

breit.

Das Grundstück der amerikanischen Mission liegt am südöstlichen Rand

des mittelsten Drittels der Gärten auf einer kleinen Anhöhe, wodurch

die Gebäude ihre Umgebung beträchtlich überragen. Diese Gebäude

bestehen aus einer Kirche, zwei großen, neuen Schulgebäuden, zwei

kleineren, einer Spitzenschule, einem Hospital, Klinik und vier

Missionsgebäuden. Nach Südosten dehnt sich, ganz in der Nähe, die

große Ebene aus. Hier lag die größte Kaserne der großen türkischen

Garnison, unmittelbar an dem Bereich der amerikanischen Mission.

Nordwärts, durch einige Straßen getrennt, lag eine andere Kaserne, und

noch weiter nördlich in Schußweite der Burgfelsen (Topkala) mit einer

kleinen Kaserne darauf, die die Armenier „Pfefferdose“ getauft hatten.

5 Minuten östlich von den amerikanischen Instituten liegt das deutsche

Waisenhaus, dem Herr Spörri nebst Frau und Tochter, Schweizer von

Herkunft, und drei unverheiratete Damen vorstanden. Die amerikanische

Mission bestand zurzeit aus der alten Mrs. Raynolds (Dr. Raynolds war

in Amerika), Dr. Usher, dem Chefarzt des Hospitals, Mrs. Usher, der

Leiterin der Spitzenindustrie, Mr. und Mrs. Yarrow, den Leitern der

Knabenschule, Miß Rogers, Vorsteherin der Mädchenschule, Miß Silliman,

Leiterin der Vorschule, Miß Usher, Lehrerin für Musik, Miß Bond, der

Oberin des Hospitals und der Missionarin Mc. Claren. Auch Miß Knapp aus

Bitlis war zu Besuch da.

Die Stadt Wan hatte 50000 Einwohner, von denen drei Fünftel Armenier

und zwei Fünftel Türken waren. Ich sage „waren“, denn inzwischen haben

sich die Verhältnisse vollständig geändert. Die Führer der Armenier

waren Wramjan, Ischchan und Aram, Leiter der Partei der Daschnakzagan.

In der Zeit seit der Mobilisation, im letzten Herbst und Winter, waren

die Armenier unter dem Vorwand von Requisitionen in der härtesten

Weise ausgeplündert worden. Reiche Leute wurden ruiniert und arme

Leute völlig entblößt. Die armenischen Soldaten in der türkischen

Armee wurden vernachlässigt, äußerst mangelhaft ernährt, gezwungen,

nur niedrige Arbeiten zu tun, und, was das Schlimmste war, jeder Waffe

beraubt, so daß sie der Gnade ihrer fanatischen muhammedanischen

Kameraden ausgeliefert waren. Kein Wunder, daß, so viele es vermochten,

sich von ihrer Militärpflicht loskauften, andere auch desertierten.

Wir ahnten im voraus, daß es zu einem Zusammenstoß kommen würde. Aber

die Daschnakzagan benahmen sich mit erstaunlicher Zurückhaltung und

Klugheit, beherrschten die heißblütige Jugend, patrouillierten in den

Straßen, um Unruhen zuvorzukommen, und befahlen den Dorfbewohnern,

lieber schweigend zu dulden, daß das eine oder andere Dorf

niedergebrannt werde, als durch Gegenwehr den Anlaß für ein Massaker zu

geben.

Trotzdem Dr. Usher seit Beginn des russischen Krieges manche verwundete

türkische Soldaten aufgenommen und behandelt hatte, versuchte die

Regierung gleichwohl, die Arzneien der amerikanischen Apotheke zu

requirieren und das Hospital zu schließen. Außerdem hatten Miß Mc

Claren und Schwester Martha vom deutschen Waisenhaus im Dezember

angefangen, die Verwundeten in dem anderthalb (engl.) Meilen von

unserem Grundstück entfernten türkischen Militärlazarett zu pflegen, wo

keine Pflegeschwestern und die Zustände unbeschreiblich waren.

Als Djevdet Bey, der Generalgouverneur des Wilajets, in den ersten

Frühlingswochen von den Grenzkämpfen zurückkehrte, ahnte jedermann,

daß bald etwas geschehen würde. Und so war es. Er verlangte von den

Armeniern 3000 Soldaten. Sie waren aufs äußerste besorgt, Frieden zu

halten, so daß sie seinem Verlangen nachzukommen versprachen. Aber

gerade da brach in der Gegend von Schatakh der Streit zwischen Türken

und Armeniern aus, und Djevdet Bey verlangte von Ischchan, daß er

mit drei anderen angesehenen Daschnakzagan dorthin gehen sollte, um

Frieden zu stiften. Auf dem Wege wurden alle vier heimtückischerweise

ermordet. Das war Freitag, den 16. April. Dann befahl Djevdet Wramjan

zu sich unter dem Vorwand, daß er sich mit ihm beraten wolle, ließ

ihn verhaften und verschickte ihn. Die Daschnakzagan wußten nun, daß

sie Djevdet Bey nicht trauen konnten und daß es daher unmöglich wäre,

ihm die geforderten 3000 Mann zu geben. Sie sagten, sie würden 400

geben und nach und nach die Militärbefreiungssteuer für die übrigen

zahlen. Der Wali erklärte aber, er brauche Leute und nicht Geld, sonst

würde er die Stadt angreifen. Einige Armenier baten Dr. Usher und Mr.

Yarrow, zu Djevdet Bey zu gehen und zu versuchen, ihn zu begütigen.

Unterwegs begegnete ihnen ein Offizier, der ausgeschickt war, um sie

zu rufen. Der Wali war hartnäckig. Man habe zu gehorchen. Er werde

diesen Widerstand unter allen Umständen brechen, es koste, was es

wolle. Erst werde er Schatakh bestrafen und dann die Sache mit Wan

vornehmen. Wenn aber die Armenier nur einen Schuß abfeuerten, würde das

für ihn das Zeichen zum Angriff sein. Für das amerikanische Grundstück

wollte er eine Wache von 50 Soldaten stellen[162]. Diese Wache müsse

entweder angenommen werden, oder man müsse ihm schriftlich das Zeugnis

ausstellen, daß die Wache verweigert worden wäre und er dadurch von

aller Verantwortung für unsere Sicherheit frei sei. Er verlangte

sofortige Antwort, war aber schließlich bereit, bis Sonntag zu warten.

Ferner verlangte er, daß Miß Mc Claren und Schwester Martha ihre Arbeit

im türkischen Lazarett fortsetzen sollten. Sie gingen und waren darauf

gefaßt, vielleicht für längere Zeit nicht mit uns korrespondieren zu

können.

Als Dr. Usher am Montag den Wali wiedersah, fragte der Wali, ob er die

Wache senden solle. Dr. Usher überließ ihm die Entscheidung. Wir haben

keine Wache erhalten.

Dienstag, den 20. April, um 6 Uhr morgens, versuchten einige türkische

Soldaten, aus einem Trupp Frauen, die nach der Stadt kamen, sich eine

herauszugreifen[163]. Sie floh. Armenische Soldaten kamen hinzu.

Der türkische Soldat schoß auf sie und tötete sie. Herr Spörri war

Augenzeuge von diesem Ereignis, mit dem die Feindseligkeiten begannen.

Den Tag über gab es mehr oder weniger anhaltendes Gewehrfeuer; vom

Burgfelsen her wurde beständiger Kanonendonner auf die befestigte Stadt

vernommen, die nun von aller Verbindung mit den Gärten abgeschnitten

war. Nachts sah man nach jeder Richtung hin Häuser in Flammen stehen.

Die Zahl der in den Gärten wohnenden Armenier betrug gegen 30000,

während die armenische Bevölkerung in der inneren befestigten Stadt

nur gering war. Die Bewohner der Gartenstadt wurden nun in einem

Bezirk von etwa einer (engl.) Quadratmeile zusammengebracht, und

dieser Raum wurde durch „Dirks“ (Barrikaden), sowie durch Mauern und

Verhaue geschützt. Von den Verteidigern konnten 1500 mit Gewehren

bewaffnet werden, ebensoviele etwa noch mit Pistolen. Ihr Vorrat an

Munition war gering, darum waren sie sehr sparsam damit und wandten

allerlei Listen an, um die Angreifer zum Feuern und zum Verbrauch

ihrer Munition zu verführen. Sie machten sich daran, Kugeln zu gießen

und Patronen anzufertigen, 3000 wurden täglich fertig. Ebenso machten

sie sich Schießpulver, und nach einiger Zeit machten sie sich auch

drei Mörser. Der Materialverbrauch für alle diese Dinge war gering,

Methoden und Einrichtung roh und primitiv. Aber sie waren sehr froh und

hoffnungsvoll und freuten sich ihrer Geschicklichkeit, den Angreifern

standzuhalten. Einige der Regeln, die sie für ihre Leute aufgestellt

hatten, waren: Haltet euch sauber, trinkt nicht, sagt immer die

Wahrheit, sagt nichts gegen die Religion des Feindes.

An die Türken der Stadt schickten sie ein Manifest, um ihnen kundzutun,

daß sie nur mit einem einzigen Manne (dem Wali) Streit hätten und

nicht mit ihren türkischen Nachbarn. Walis würden gehen und kommen,

aber die beiden Rassen müßten fortfahren, miteinander zu leben, und sie

hofften, daß, wenn Djevdet gegangen wäre, ihre Beziehungen zueinander

wieder friedlich und freundlich sein würden. Die Türken antworteten

in demselben Sinne und sagten, sie wären gezwungen, zu kämpfen.

Tatsächlich wurde auch von mehreren vornehmen Türken ein Protest

gegen diesen Kampf unterzeichnet, aber Djevdet ließ ihn vollständig

unbeachtet.

Die Kaserne nördlich von unserem Grundstück wurde von den Armeniern

erobert und niedergebrannt. Die Insassen ließen sie entkommen. Eine

weitere Offensive versuchten sie in keiner Weise, da ihre Zahl zu

gering war. Sie kämpften nur für ihre Heimstätten und für ihr Leben.

Kein bewaffneter Mann durfte unser Grundstück betreten. Aram, der

Führer der Armenier, verbot sogar, daß die verwundeten Armenier in

unser Hospital gebracht würden, damit unsere Neutralität nicht verletzt

würde. Dafür behandelte sie Dr. Usher in ihrem eigenen provisorischen

Lazarett.

Am 23. April schrieb Djevdet Bey an Dr. Usher, daß man bewaffnete

Leute unser Grundstück habe betreten sehen und daß die Rebellen

Verschanzungen in unserer Nähe aufgeworfen hätten. Wenn bei einem

Angriff ein Schuß von diesen Schanzen abgefeuert würde, würde er zu

seinem Bedauern gezwungen sein, seine Kanonen auf unser Grundstück zu

richten und es vollständig zu zerstören; wir möchten das als sicher

annehmen.[164] Dr. Usher antwortete, daß wir unsere Neutralität mit

allen uns zu Gebote stehenden Mitteln aufrecht erhielten. Kein Gesetz

könnte uns verantwortlich machen für Handlungen von Personen oder

Organisationen, die sich außerhalb unseres Anwesens befänden.

Unsere Verhandlungen mit dem Wali wurden durch unseren amtlichen

Vertreter, Signore Sbordone, den italienischen Konsularagenten,

geführt, und unser Briefträger war eine alte Frau, die sich durch eine

weiße Fahne schützte. Bei ihrem zweiten Ausgang fiel sie in einen

Graben, und als sie darauf ohne ihre Fahne wieder aufstand, wurde

sie sofort von den türkischen Soldaten erschossen. Es fand sich eine

andere, aber sie wurde verwundet, als sie vor der Tür ihrer Hütte, in

der Nähe unseres Grundstücks, saß.

Da erklärte Aram, er würde keine weitere Korrespondenz mehr erlauben,

bis nicht der Wali auf einen Brief des Konsularagenten Sbordone

geantwortet hätte, in welchem gesagt war, Djevdet könne von den

Armeniern nicht erwarten, daß sie sich jetzt übergeben, da sein

Vorgehen gegen die Armenier den Charakter eines Massakers habe.

Während der Zeit der Belagerung hausten die türkischen Soldaten

und ihre Gesellen, die wilden Kurden, fürchterlich in der ganzen

Umgegend. Sie massakrierten Männer, Frauen und Kinder und brannten

ihre Heimstätten nieder. Kleine Kinder wurden in den Armen ihrer

Mütter erschossen, andere schrecklich verstümmelt, Frauen ihrer

Kleider beraubt und geschlagen. Die Dörfer waren auf einen Angriff

nicht vorbereitet, andere widersetzten sich, bis ihre Munition

verschossen war. Sonntag, den 25. kam der erste Trupp Flüchtlinge

mit ihren Verwundeten in die Stadt. Unser Hospital, das in normaler

Zeit 50 Betten hat, mußte für 142 Patienten Raum schaffen. Bettzeug

wurde geliehen und überall auf den Fußböden Lagerstätten geschaffen.

Leichtverwundete wurden täglich verbunden.

4000 Menschen waren mit aller ihrer Habe aus „den Gärten“ ausgezogen

und füllten unsere Kirche, Schulgebäude sowie alle nur irgendwie

entbehrlichen Räume unserer Missionshäuser. Eine Frau sagte zu Mrs.

Silliman: „Was sollten wir tun, wenn die Missionare nicht wären?

Das ist nun das dritte Massaker, während dessen ich hier Zuflucht

gefunden habe.“ Ein großer Teil dieser Leute mußte ernährt werden,

denn sie waren so arm, daß sie ihr Brot täglich vom Bäcker gekauft

hatten, und nun gab es das nicht mehr. (Die Armenier backen ihr Brot

meistens selbst und sorgen dafür, daß sie fürs ganze Jahr die nötigen

Weizenvorräte haben.) Diese vielen Menschen unterzubringen, für ihre

Gesundheit, Nahrung und Disziplin zu sorgen, waren Probleme, die

uns zu schaffen machten. Mr. Yarrow organisierte Komitees für diese

Arbeit. Jedem irgendwie fähigen Mann wurde darin eine Rolle zugewiesen,

und es zeigte sich ein wundervoller Geist der Selbstlosigkeit und

Aufopferungsfähigkeit. Ein Mann gab allen Weizen, den er besaß, mit

Ausnahme von einem Monatsvorrat, den er für seine Familie behielt.

Ein öffentlicher Backofen wurde erworben, Weizen und Mehl gekauft und

verteilt, Brotkarten ausgegeben und später eine Suppenküche eröffnet.

Miß Rogers und Miß Silliman sicherten sich einen täglichen Milchvorrat

und ließen die Milch von ihren Schulmädchen kochen und an die kleinen

Kinder verteilen. Hundertneunzig wurden auf diese Weise ernährt. Die

Schuljungen betätigten sich als Schutzleute, schützten die Gebäude

gegen Feuersgefahr, hielten unser Grundstück sauber, sahen nach den

Kranken und verteilten Milch und Eier an Kinder und Kranke außerhalb

unseres Grundstücks. Ein regelrechtes Stadtregiment wurde von den

Armeniern mit Bürgermeister, Richtern und Polizisten organisiert.

Nach Ablauf von zwei Wochen ließen uns die in der befestigten Stadt

in ihrem Viertel belagerten Armenier sagen, daß sie einige von den

Regierungsgebäuden erobert hätten, obgleich sie nur eine Handvoll waren

und Tag und Nacht bombardiert wurden. Ungefähr 16000 Kanonenkugeln oder

Schrapnells wurden auf sie gefeuert. Die altmodischen Kugeln trafen

die drei Fuß dicken Lehmmauern, ohne viel Schaden anzurichten. Mit der

Zeit fielen die Mauern natürlich ein, aber es waren die oberen Mauern,

und die Leute flüchteten hinter die unteren, so daß nur drei Personen

ihr Leben ließen. Einige von den „Dirks“ in „den Gärten“ wurden auch

bombardiert, aber ohne viel Schaden. Es schien, als wolle der Feind

sein schweres Geschütz und seine Schrapnells bis zuletzt aufbewahren.

Drei Kanonenkugeln fielen in der ersten Woche auf unser Grundstück,

eine davon gegen ein Tor von Dr. Ushers Haus; 13 Personen wurden von

Kugeln auf unserem Grundstück verwundet, eine tödlich. Unser Grundstück

liegt so im Mittelpunkt, daß die Kugeln der Türken hindurch pfiffen,

in mehrere Zimmer eindrangen, die Ziegel der Dächer zerbrachen und die

Mauern draußen mit Löcherspuren verzierten.

Dr. Usher tat und tut noch die Arbeit von drei Menschen. Als einziger

Arzt in der belagerten Stadt mußte er natürlich für die Patienten

im Hospital, die verwundeten Flüchtlinge und die verwundeten

armenischen Soldaten tätig sein, aber auch seine Poliklinik und

seine Außenpatienten vermehrten sich in erschreckender Weise. Bei den

Flüchtlingen hatten Not und Mangel unzählige Fälle von Lungenentzündung

und Dysenterie im Gefolge; dazu wütete unter den Kindern eine

Masernepidemie. Miß Silliman übernahm die Masernkranken, Miß Rogers

und Miß Usher halfen im Hospital, wo Miß Bond und ihre armenischen

Krankenschwestern bis an die Grenzen ihrer Kraft angestrengt wurden.

Nach einer Weile eröffnete Miß Usher mit Hilfe von Miß Rogers ein

weiteres Hospital in einem armenischen Schulhaus, in dem vorher

Flüchtlinge Unterkunft gefunden hatten. Dabei war die Schwierigkeit,

Bettzeug, Utensilien, Helfer, ja selbst Nahrung für die Patienten zu

bekommen. Die ärztliche und wundärztliche Tätigkeit wurde durch Mangel

an Medikamenten gehemmt, denn die jährlichen Lieferungen für Dr. Ushers

Apotheke lagerten im Hafen von Alexandrette.

Zwei Wochen nach dem Beginn der Belagerung kam ein aus Ardjesch

geflüchteter Mann, um von dem Schicksal dieser Stadt, der zweitgrößten

im Wilajet nach Wan, zu berichten. (Ardjesch liegt in der fruchtbaren

Ebene, die das Nordufer des nordöstlichen Ausläufers des Wansees, der

See von Ardjesch genannt wird, bildet. Die alte Stadt, eine Residenz

der armenischen Könige und des Seldschukken Toghrul Beg, ist vor 70

Jahren vom See überschwemmt worden, und der Name ist auf die neue

Stadt [Agantz] übergegangen. Die Ebene von Ardjesch ist durch ihre

Fruchtbarkeit von Melonenkultur berühmt.) Der Kaimakam von Ardjesch

hatte die Männer von allen Handwerksgilden zusammengerufen. Da er immer

freundlich gegen sie gewesen war, vertrauten sie ihm. Als sie alle

beisammen waren, ließ er sie von den Soldaten niedermähen. Soweit wir

in Erfahrung bringen konnten, entkam nur ein Mann und zwar dadurch, daß

er sich die ganze Nacht unter einem Haufen von Leichen versteckt hielt.

Viele von den Flüchtlingen hatten nahe bei der Stadt in dem kleinen

Dorf Schuschanty auf einem Berge, wo man einen Blick auf die Stadt

hat, haltgemacht. Hier befahl ihnen Aram zu bleiben. Am 8. Mai stand

das Dorf in Flammen, und ebenso verbrannte das danebenliegende Kloster

Warak nebst seinen unersetzlichen alten Manuskripten. Jetzt kamen die

Flüchtlinge in die Stadt. Der Wali Djevdet schien seine Taktik geändert

zu haben. Er ließ Frauen und Kinder zu Hunderten hereintreiben,

damit sie die Hungersnot in der Stadt vermehren hülfen. Dank der

Mobilisation im vorigen Herbst waren die Weizenvorräte in „den Gärten“

schon im Anfang sehr zusammengeschmolzen und nun, da zehntausend

Flüchtlingen eine tägliche Ration gegeben wurde -- wenngleich eine

Ration, die kaum zur Erhaltung des Lebens genügte --, neigten sich

die Vorräte schleunigst ihrem Ende zu. Auch die Munition wurde knapp.

Die Aussichten schienen sehr trübe. Djevdet konnte viele Leute und

Munition von anderen Städten heranschaffen. Wenn nicht von anderer

Seite Hilfe kam, war es nicht möglich, die Stadt noch länger zu halten,

und die Hoffnung auf solche Hilfe schien sehr schwach zu sein. Wir

hatten keine Verbindung mit der Außenwelt. Ein Telegramm, das wir an

unsere Botschaft schicken wollten, kam nie aus unserer Stadt heraus.

Die Daschnakzagan schickten Hilferufe an die russisch-armenischen

Freiwilligen an der Grenze, aber keiner von den Boten kehrte zurück,

und wir haben seitdem erfahren, daß keiner seinen Bestimmungsort

erreichte. Wir wußten, daß in der letzten Bedrängnis unser Grundstück

die letzte Hoffnung für die Leute in den belagerten „Gärten“ sein

würde. Von Djevdet, der über die lange Belagerung wütend war, konnte

man kaum hoffen, daß er das Leben von irgendeinem dieser Männer,

Frauen und Kinder schonen würde. Er würde vielleicht den Amerikanern

persönliche Sicherheit versprechen, wenn sie das Grundstück verließen,

aber das wollten wir natürlich nicht tun. Wir wollten das Schicksal

unserer Leute teilen. Und es war auch durchaus nicht unwahrscheinlich,

daß der Wali uns nicht einmal Sicherheit bieten würde, da er zu glauben

schien, daß wir die „Rebellen“ unterstützten.

Sonnabend und Sonntag, den 15. und 16. Mai, sah man mehrere Schiffe

Avantz, den Hafen von Wan, verlassen. Sie enthielten die Familien von

Türken und Kurden; den Männern war verboten worden, sich zu entfernen.

Wir begaben uns nun alle auf die Dächer, sahen durch Ferngläser und

wunderten uns. Bei den Türken herrschte augenscheinlich eine Panik.

Schon einmal, am Anfang des Jahres, war unter ihnen eine Panik

ausgebrochen, als die Russen bis Sarai vorgerückt waren; aber es war

weiter nichts erfolgt. Hatte diese Flucht eine ähnliche Bedeutung?

Wie dem auch sein mochte, jedenfalls hatten die Türken die Absicht,

noch so viel Unheil als möglich anzurichten. Am Sonnabend begannen die

Kanonen der großen Kasernen auf uns zu schießen. Zuerst konnten wir

nicht glauben, daß die Schüsse auf unser Sternenbanner zielten, aber

schließlich blieb kein Zweifel darüber[165]. Sieben Bomben fielen auf

unser Grundstück, eine auf das Dach von Miß Rogers und Miß Sillimans

Haus, wobei sie ein großes Loch machte. Zwei andere bewirkten dasselbe

auf den Dächern der Knaben- und Mädchenschule. Am Sonntagmorgen begann

das Bombardement von neuem. 26 Bomben fielen schon am Vormittag auf

unser Grundstück, am Nachmittag weitere 10, die entweder niederfielen,

oder in der Luft explodierten. Das Pfeifen der Schrapnells war ein

Laut, den man nie wieder vergißt. Eine Granate explodierte in einem

Zimmer von Mrs. Raynolds Haus und tötete ein kleines Kind. Eine andere

Granate schlug durch die äußere Mauer von Miß Knapps Zimmer in Dr.

Ushers Haus, explodierte, und dabei drangen die Hülsen und die Kugeln,

die sie enthielt, durch die Mauer in das angrenzende Zimmer und

zerbrachen die Tür der entgegengesetzten Mauer.

Nach Sonnenuntergang war alles still. Es kam ein Brief von den

Bewohnern des einzigen armenischen Hauses innerhalb der türkischen

Linien, das verschont geblieben war, weil Djevdet als Knabe darin

gelebt hatte[166]. Darin wurde mitgeteilt, daß die Türken die Stadt

verlassen hätten. Die Kasernen auf dem Burgfelsen und am Fuß desselben

enthielten eine so kleine Wache, daß sie leicht überwältigt wurden.

Dann wurden die Kasernen niedergebrannt. Dasselbe geschah mit

sämtlichen türkischen „Dirks“ (Verschanzungen), die danach aufgesucht

wurden. Die große Kaserne spie ihre Garnison aus, einen Trupp von

zahlreichen Reitern, die über die Hügel davon ritten. Nach Mitternacht

wurde dann die Kaserne niedergebrannt. Man fand große Vorräte von

Weizen und Munition. Das alles erinnerte an 2. Könige 7 (Belagerung von

Samaria).

Die ganze Stadt war wach, man sang und freute sich die ganze Nacht. Der

Weg zur befestigten Stadt war nun offen, ebenso auch zum türkischen

Hospital. Nun aber kam der erste Dämpfer auf unsere Freude. Miß Mc

Claren und Schwester Martha waren nicht da. Sie waren vor vier Tagen

mit den verwundeten Soldaten nach Bitlis geschickt worden. (Ein

Brief von Djevdet Bey an Herrn Spörri besagte, „das Kriegsglück habe

sich gewendet und die Schwestern seien mit ihrem Willen nach Bitlis

gegangen“[167].) Aus anderer Quelle erfuhr ich, daß Djevdet ihnen nicht

gestattet hätte, uns zu besuchen, weil (so sagte er) die Armenier

vernichtet worden seien und es nicht sicher für sie wäre, zu uns zu

gehen. Wir waren ihretwegen sehr besorgt[168]. 25 türkische Soldaten,

die zum Reisen zu krank waren, hatte man ohne Nahrung und Wasser im

Hospital zurückgelassen. Sie wurden zu uns gebracht. Man fand viele

Leichen, einige von russischen Kriegsgefangenen, die die Türken bei

ihrer Flucht getötet hatten.

Am Dienstag, den 18. Mai, kam die Vorhut der russisch-armenischen

Freiwilligen. Sie hatten keine Botschaft von Wan erhalten und wußten

nicht, daß die Stadt schon in den Händen der Armenier war. Am Mittwoch,

den 19. Mai, kamen die Freiwilligen mit Soldaten der russischen

Armee herein. Sie hatten das ganze Land östlich des Wansees von

türkischen Truppen gesäubert und fuhren damit fort. Auch heute wurde

heftig gekämpft. Russische Truppen hatten schon den Weg nach Bitlis

eingeschlagen, wo bis dahin noch kein Massaker stattgefunden hatte,

wie uns der russische General erzählte. Das Feldlazarett war bei dem

schnellen Vormarsch mehrere Tage hinter der Armee zurückgeblieben;

ebenso war es mit den Proviantkolonnen. Es war für die Stadt eine

schwere Aufgabe, jetzt auch noch die Armee zu ernähren und ihr alles zu

überlassen. Es gab Weizen, aber kein Mehl, denn die Mühlen hatten nicht

mehr gearbeitet. Fleisch war kaum zu bekommen, obwohl die Kosaken große

Schafherden in den kurdischen Bergen requiriert hatten.

Auf unserm Grundstück sind tausend türkische Frauen und Kinder, die

die armenischen Soldaten uns gebracht haben, weil das der sicherste

Zufluchtsort für sie wäre[169]. Ein verwundeter Soldat, der vom

türkischen Hospital zu uns gebracht wurde, rühmte sich, daß er 20

Armenier getötet habe. Sie setzten ihn bei uns ab und taten ihm weiter

nichts. Die Ernährung der Flüchtlinge in dieser Notzeit und die Frage,

was mit ihnen werden solle, sind schwierige Probleme für unsere

Mission und werden schwieriger von Tag zu Tag. Es würde ihr Tod sein,

sie jetzt wegzuschicken, sie müssen unbedingt durchgebracht werden, und

niemand außer uns kann es tun. Der General hat uns eine Wache für sie

versprochen.

Inzwischen ordnen sich allmählich die Verhältnisse. Aram ist zum

Gouverneur ernannt worden. Die Dorfleute kehren zu ihren Heimstätten

zurück. Unsere 4000 Gäste haben uns verlassen. Wir haben die

Schutzvorrichtungen von unseren Fenstern entfernt. Die Freiwilligen

haben unser zweites Hospital übernommen; so wird die Arbeit in unserem

eigentlichen Hospital wieder leichter.“

Soweit der amerikanische Bericht.

~Armenischer Bericht.~

„12000 Granaten wurden gegen die Stadt gefeuert. Die Kanonenschüsse

haben fast keine Verluste gebracht. Sie zerschossen am Tage die

Häuser, aber in der Nacht wurden sie wieder instand gesetzt, so daß

die Armenier kein Terrain verloren, dagegen wurden 20 türkische Häuser

von ihnen besetzt. Den Hauptvorteil gewannen sie, als es ihnen am

vierten Tage gelang, die Hamid-Agha-Kaserne in die Luft zu sprengen und

niederzubrennen. Sie legten eine Bombe an die Grundmauer der Kaserne,

die explodierte. Obwohl die Kaserne nicht zusammenstürzte, geriet

sie in der Nacht plötzlich in Brand. Einige Soldaten verbrannten,

die übrigen flohen im Schutz der Nacht. Durch Besetzung des Terrains

dieser Kaserne waren die Armenier Herren von Aigestan. Die Stärke der

Regierungstruppen überstieg nicht 6000 Mann, nur die Hälfte waren

reguläre Truppen. Die Regierung versuchte alle Mittel, die Armenier zur

Übergabe zu bewegen. Bis zur letzten Stunde wußten sie nichts von einem

Entsatz.

Die Belagerung hatte genau 30 Tage gedauert. Auf armenischer Seite

sind im ganzen nicht mehr als 18 gefallen, aber viele verwundet;

die Verluste der Türken sollen beträchtlicher gewesen sein. Von den

armenischen Stadtteilen verbrannten Glortach und Surb Hagop, ebenso

mehrere türkische Quartiere. Die türkischen Bewohner flohen nach

Bitlis. Zehn Tage nach dem Einmarsch der russischen Vortruppen in Wan

kam der General Nikolajeff mit dem Gros in die Stadt. Aram begrüßte

ihn und sagte in seiner Ansprache: „Als wir vor einem Monat zu den

Waffen griffen, rechneten wir nicht damit, daß die Russen kommen

würden. Unsere Lage war damals verzweifelt. Wir hatten nur die Wahl,

uns zu ergeben und uns wie die Schafe abschlachten zu lassen oder mit

klingendem Spiel im Kampfe zu sterben. Wir zogen das letztere vor.

Unerwartet wurden wir von Ihnen entsetzt, und jetzt sind wir Ihnen,

nächst der tapferen Verteidigung der Unsrigen, unsere Errettung

schuldig.“

Es ist wichtig, festzustellen, daß, wie die amerikanischen Missionare

und der Bericht über den Empfang der Russen übereinstimmend bezeugen,

die Armenier von Wan in keiner Verbindung mit den Russen und den

russisch-armenischen Freikorps standen, auch während der Belagerung

nicht in der Lage waren, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Der

sogenannte „Aufstand von Wan“ war ein Akt der Selbstverteidigung und

eine Episode in der Geschichte der Massakers, nicht Landesverrat[170].

Der Entsatz von Wan war eine Etappe in den Operationen der

russischen Truppen gegen Nordpersien und das Wangebiet, nicht eine

Aktion zugunsten der Armenier von Wan. Die beiden Ereignisse, die

Selbstverteidigung der Wan-Armenier gegen das ihnen drohende Massaker

und der Vormarsch der Russen stehen in keinem kausalen Zusammenhange

mit einander. Hätten die Türken genügende Truppen und fähige Führer

gehabt, um den russischen Vormarsch aufzuhalten, der ihnen ihre

nordpersischen Eroberungen und die nordöstliche Hälfte des Wilajets Wan

kostete, so hätte die Episode keinerlei Bedeutung für die Kriegslage an

der kaukasisch-persischen Grenze gehabt. Durch ihre Selbstverteidigung

bezweckten die Wan-Armenier nichts anderes, als das Leben der Ihrigen

zu retten. Sie hätten sonst dasselbe Schicksal wie die Armenier der

übrigen Wilajets erlitten.

4.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 130 / 134 题