„Seit dem Ausbruch des Krieges waren die Städte und die armenischen
Dörfer von türkischen und kurdischen Banden angefüllt, die als Milizen
in die Armee eingestellt waren. Die Gendarmen beschäftigten sich
unter dem Vorwande von Requisitionen mit Räubereien und Plünderungen.
Den Armeniern wurden alle für den Winter aufgesparten Vorräte an
Lebensmitteln weggenommen, und man befürchtete für das Frühjahr eine
Hungersnot....
Gouverneur von Bitlis war Mustafa Chalil Pascha, Schwager des Ministers
des Innern Talaat Bey. In der Stadt und Umgegend hatte er bereits alle
männlichen Armenier zwischen dem 20. und 45. Jahre zum Heeresdienste
(d. h. zum Straßenbau und Lasttragen) ausheben lassen. Kirchen und
Häuser der Armenier mußten für Einquartierung geräumt werden. Nach
der Erklärung des Dschihad begannen die Mollahs, die Scheichs und die
Banden, die von bekannten Räubern geführt wurden, ihre aufreizende
Tätigkeit.
Die Muhammedaner wurden bewaffnet, und in den Moscheen wurde der
Christenhaß gepredigt. Schon in den Monaten Dezember und Januar kam es
zu mancherlei Untaten. Türken aus Bitlis hatten eine kurdische Bande
gebildet und belagerten das Dorf Urdap. Sie nahmen den Bauer Pallabech
Karapet und einige andere gefangen, führten sie gefesselt in die Stadt
und folterten sie, indem sie ihnen die Bärte ausrissen. Eine andere
Bande von 300 Mann unter Führung des Chumadji Farso (eines Nachkommen
des berüchtigten Kurdenscheichs Djelaleddin) und des Emirs Mehmed griff
10 armenische Dörfer im Gebiet von Gargar an, plünderte und verbrannte
sie....
Außer den Armeniern, die zur Armee ausgehoben waren, wurden
Armenier jeden Alters in beliebiger Zahl zum Wegebau und zum
Lasttragen requiriert. Die Lastträger hatten den Winter über durch
die verschneiten Gebirge schwere Lasten bis zu 70 Pfund an die
Kaukasusfront zu tragen. Schlecht genährt und ohne Schutz gegen
Kurdenüberfälle, kam die Hälfte auf dem Wege um, oft kehrte auch nur
ein Viertel zurück. Als nach den Kämpfen von Sarikamisch und Ardahan
die Kaukasusarmee in Schnee und Eis einquartiert war, desertierten
viele Soldaten. Aber auf fünf türkische Deserteure kam höchstens ein
armenischer.
Einzelne Deserteure kehrten in ihre Dörfer zurück. Die Gendarmen gingen
mit Listen von Deserteuren von Dorf zu Dorf, um die Auslieferung
derselben zu verlangen. Zugleich nahmen sie Haussuchungen nach Waffen
vor. Falls sich die Deserteure nicht fanden, wurden ihre Häuser
niedergebrannt und ihre Äcker eingezogen. Diese Razzias, die die
Gendarmen veranstalteten, führten gelegentlich zu Zusammenstößen.
Anfang März kam so der Kommissar Razim Bey und der Mülasim Djevded Bey
mit 40 Zaptiehs in das armenische Dorf Zronk. Bei einem Kugelwechsel
mit einem Flüchtling wird einem Gendarm das Pferd unter dem Leibe
weggeschossen. Er kehrt in das Dorf zurück, nimmt ein gutes Pferd
von den Bauern, läßt sich 40 türkische Pfund als Ersatz für das tote
Pferd zahlen, 25 Häuser anzünden, die Männer des Dorfes über die
Klinge springen und konfisziert die Äcker. In Armedan werden türkische
Freiwillige in armenischen Häusern einquartiert. Zum Dank für die
Verpflegung vergewaltigt der Anführer die Schwiegertochter seines
Quartierwirtes....
Ähnliche Dinge wiederholten sich in anderen Dörfern. Zu gleicher
Zeit wurden alle noch irgendwie tauglichen armenischen Männer zu den
Wegebau- und Lastträgerkolonnen (Hamalar-Taburi) und ohne Rücksicht
darauf, ob die Familien ohne Ernährer blieben, ausgehoben. So erhielt
z. B. der Vorsteher des Dorfes Goms in der Musch-Ebene Befehl, 50
Ochsen und 50 Mann für Transportzwecke zu stellen. Trotzdem das
Dorf nur 70 Männer, die Greise eingerechnet, hatte, brachte er 50
Ochsen und 45 Mann zusammen und bot für die fünf fehlenden Mann die
Militärbefreiungssteuer an. Der Müdir von Agdschemak, der nach Goms
gekommen war, wollte damit zufrieden sein, aber sein Begleiter, der
Kurde Mehmed Amin, ein Feind des Dorfvorstehers, nahm das Fehlen der
5 Mann zum Anlaß, den Dorfvorsteher auszupeitschen und 7 Armenier
zu erschießen. Es kam zu einem Zusammenstoß, bei dem 7 Gendarmen und
weitere 20 Armenier getötet wurden. Drei Tage nach diesem Vorfall
kam es zu einem Zwischenfall in dem Kloster Arakeloz. Dorthin hatten
sich 80 Armenier geflüchtet. Truppen aus Musch, die das Kloster
durchsuchten, brachen einen Streit vom Zaun, der blutig endete. Der
Mutessarrif von Musch schickte Truppen, forderte die Auslieferung
der Flüchtlinge, ließ sie aber nach weiteren Verhandlungen abziehen.
Trotzdem ließ der Mutessarrif die Leichen der Türken, die bei dem
ersten Zusammenstoß umgekommen waren, nach Musch bringen und sagte in
der Leichenrede öffentlich: „Für jedes Haar Eures Hauptes will ich
tausend Armenier hinschlachten lassen“...
Trotz aller Drangsalierungen verhielten sich die Armenier ruhig,
ertrugen die Übergriffe und ließen sich zu keinem Widerstand verleiten.
Sie beschwerten sich bei der Regierung, und zeitweise schien die
Regierung sie auch schützen zu wollen. In Musch hielt sich zu der Zeit
Wahan Papasian, der Abgeordnete des Parlaments für Musch, auf. Er
vertrat die Interessen der Armenier beim Mutessarrif von Musch und beim
Wali von Bitlis. Er versuchte, durch Verständigung mit der Regierung
(unter Zustimmung des Ministers des Innern Talaat Bey) dahin zu wirken,
daß Streitigkeiten geschlichtet wurden und die Ordnung, so gut es unter
den anarchistischen Zuständen möglich war, aufrecht zu erhalten.“
Ende Juni kam Djevded Bey, nachdem er Wan den Russen preisgegeben
hatte, mit seinen Truppen nach Bitlis, ließ dort die armenische
Bevölkerung massakrieren und den Rest, 900 Frauen und Kinder,
abtransportieren. Wie es heißt, wurde der Transport im Tigris ertränkt.
In Musch begann das Massaker am 11. Juli. Von den 15000 Armeniern der
Stadt blieben nur 200, von den 59000 Bewohnern der mit armenischen
Dörfern besäten Muschebene konnten sich nur 9000 in die Berge von
Sassun durchschlagen.
3.