Bitlis-Musch.[159]

„Seit dem Ausbruch des Krieges waren die Städte und die armenischen

Dörfer von türkischen und kurdischen Banden angefüllt, die als Milizen

in die Armee eingestellt waren. Die Gendarmen beschäftigten sich

unter dem Vorwande von Requisitionen mit Räubereien und Plünderungen.

Den Armeniern wurden alle für den Winter aufgesparten Vorräte an

Lebensmitteln weggenommen, und man befürchtete für das Frühjahr eine

Hungersnot....

Gouverneur von Bitlis war Mustafa Chalil Pascha, Schwager des Ministers

des Innern Talaat Bey. In der Stadt und Umgegend hatte er bereits alle

männlichen Armenier zwischen dem 20. und 45. Jahre zum Heeresdienste

(d. h. zum Straßenbau und Lasttragen) ausheben lassen. Kirchen und

Häuser der Armenier mußten für Einquartierung geräumt werden. Nach

der Erklärung des Dschihad begannen die Mollahs, die Scheichs und die

Banden, die von bekannten Räubern geführt wurden, ihre aufreizende

Tätigkeit.

Die Muhammedaner wurden bewaffnet, und in den Moscheen wurde der

Christenhaß gepredigt. Schon in den Monaten Dezember und Januar kam es

zu mancherlei Untaten. Türken aus Bitlis hatten eine kurdische Bande

gebildet und belagerten das Dorf Urdap. Sie nahmen den Bauer Pallabech

Karapet und einige andere gefangen, führten sie gefesselt in die Stadt

und folterten sie, indem sie ihnen die Bärte ausrissen. Eine andere

Bande von 300 Mann unter Führung des Chumadji Farso (eines Nachkommen

des berüchtigten Kurdenscheichs Djelaleddin) und des Emirs Mehmed griff

10 armenische Dörfer im Gebiet von Gargar an, plünderte und verbrannte

sie....

Außer den Armeniern, die zur Armee ausgehoben waren, wurden

Armenier jeden Alters in beliebiger Zahl zum Wegebau und zum

Lasttragen requiriert. Die Lastträger hatten den Winter über durch

die verschneiten Gebirge schwere Lasten bis zu 70 Pfund an die

Kaukasusfront zu tragen. Schlecht genährt und ohne Schutz gegen

Kurdenüberfälle, kam die Hälfte auf dem Wege um, oft kehrte auch nur

ein Viertel zurück. Als nach den Kämpfen von Sarikamisch und Ardahan

die Kaukasusarmee in Schnee und Eis einquartiert war, desertierten

viele Soldaten. Aber auf fünf türkische Deserteure kam höchstens ein

armenischer.

Einzelne Deserteure kehrten in ihre Dörfer zurück. Die Gendarmen gingen

mit Listen von Deserteuren von Dorf zu Dorf, um die Auslieferung

derselben zu verlangen. Zugleich nahmen sie Haussuchungen nach Waffen

vor. Falls sich die Deserteure nicht fanden, wurden ihre Häuser

niedergebrannt und ihre Äcker eingezogen. Diese Razzias, die die

Gendarmen veranstalteten, führten gelegentlich zu Zusammenstößen.

Anfang März kam so der Kommissar Razim Bey und der Mülasim Djevded Bey

mit 40 Zaptiehs in das armenische Dorf Zronk. Bei einem Kugelwechsel

mit einem Flüchtling wird einem Gendarm das Pferd unter dem Leibe

weggeschossen. Er kehrt in das Dorf zurück, nimmt ein gutes Pferd

von den Bauern, läßt sich 40 türkische Pfund als Ersatz für das tote

Pferd zahlen, 25 Häuser anzünden, die Männer des Dorfes über die

Klinge springen und konfisziert die Äcker. In Armedan werden türkische

Freiwillige in armenischen Häusern einquartiert. Zum Dank für die

Verpflegung vergewaltigt der Anführer die Schwiegertochter seines

Quartierwirtes....

Ähnliche Dinge wiederholten sich in anderen Dörfern. Zu gleicher

Zeit wurden alle noch irgendwie tauglichen armenischen Männer zu den

Wegebau- und Lastträgerkolonnen (Hamalar-Taburi) und ohne Rücksicht

darauf, ob die Familien ohne Ernährer blieben, ausgehoben. So erhielt

z. B. der Vorsteher des Dorfes Goms in der Musch-Ebene Befehl, 50

Ochsen und 50 Mann für Transportzwecke zu stellen. Trotzdem das

Dorf nur 70 Männer, die Greise eingerechnet, hatte, brachte er 50

Ochsen und 45 Mann zusammen und bot für die fünf fehlenden Mann die

Militärbefreiungssteuer an. Der Müdir von Agdschemak, der nach Goms

gekommen war, wollte damit zufrieden sein, aber sein Begleiter, der

Kurde Mehmed Amin, ein Feind des Dorfvorstehers, nahm das Fehlen der

5 Mann zum Anlaß, den Dorfvorsteher auszupeitschen und 7 Armenier

zu erschießen. Es kam zu einem Zusammenstoß, bei dem 7 Gendarmen und

weitere 20 Armenier getötet wurden. Drei Tage nach diesem Vorfall

kam es zu einem Zwischenfall in dem Kloster Arakeloz. Dorthin hatten

sich 80 Armenier geflüchtet. Truppen aus Musch, die das Kloster

durchsuchten, brachen einen Streit vom Zaun, der blutig endete. Der

Mutessarrif von Musch schickte Truppen, forderte die Auslieferung

der Flüchtlinge, ließ sie aber nach weiteren Verhandlungen abziehen.

Trotzdem ließ der Mutessarrif die Leichen der Türken, die bei dem

ersten Zusammenstoß umgekommen waren, nach Musch bringen und sagte in

der Leichenrede öffentlich: „Für jedes Haar Eures Hauptes will ich

tausend Armenier hinschlachten lassen“...

Trotz aller Drangsalierungen verhielten sich die Armenier ruhig,

ertrugen die Übergriffe und ließen sich zu keinem Widerstand verleiten.

Sie beschwerten sich bei der Regierung, und zeitweise schien die

Regierung sie auch schützen zu wollen. In Musch hielt sich zu der Zeit

Wahan Papasian, der Abgeordnete des Parlaments für Musch, auf. Er

vertrat die Interessen der Armenier beim Mutessarrif von Musch und beim

Wali von Bitlis. Er versuchte, durch Verständigung mit der Regierung

(unter Zustimmung des Ministers des Innern Talaat Bey) dahin zu wirken,

daß Streitigkeiten geschlichtet wurden und die Ordnung, so gut es unter

den anarchistischen Zuständen möglich war, aufrecht zu erhalten.“

Ende Juni kam Djevded Bey, nachdem er Wan den Russen preisgegeben

hatte, mit seinen Truppen nach Bitlis, ließ dort die armenische

Bevölkerung massakrieren und den Rest, 900 Frauen und Kinder,

abtransportieren. Wie es heißt, wurde der Transport im Tigris ertränkt.

In Musch begann das Massaker am 11. Juli. Von den 15000 Armeniern der

Stadt blieben nur 200, von den 59000 Bewohnern der mit armenischen

Dörfern besäten Muschebene konnten sich nur 9000 in die Berge von

Sassun durchschlagen.

3.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 129 / 134 题