Zeitun und Suedije.[158]

Ich war ein Jahr lang Pfarrer im Dienste der armenisch-protestantischen

Kirche in Zeitun. Der folgende Bericht gibt meine persönlichen

Erfahrungen wieder:

Früh im Frühjahr dieses Jahres begann die Regierung eine drohende

Haltung gegenüber der Bewohnerschaft von Zeitun anzunehmen. Älteste

und Notable der Stadt wurden vorgeladen und einem inquisitorischen

Verfahren unter Anwendung der Bastonnade unterzogen. Absurde und

unmögliche Anklagen wurden erhoben, um Geld zu erpressen. Inzwischen

wurden 4000 Soldaten regulärer Truppen in den Kasernen oberhalb der

Stadt einquartiert. Ein Versuch, das armenische Kloster, in das sich

Deserteure geflüchtet hatten, zu überrumpeln, kostete den Türken

einige Verluste und verfehlte seinen Zweck. Die Besatzung des Klosters

verteidigte sich, und selbst als sie von Feldartillerie angegriffen

wurde, gelang es nicht, das Kloster zu nehmen.

Infolgedessen wurden fünfzig der angesehensten Männer von Zeitun in die

Kaserne geladen „zu einer Konferenz mit dem Kommandeur“. Sie wurden

sofort gefangen gesetzt, und ihre Familien wurden geholt. Jedermann

wartete ängstlich auf die Rückkehr dieser Leute. Aber nach einiger Zeit

erfuhr man, daß sie an einen unbekannten Bestimmungsort fortgeschickt

worden waren. Ein paar Tage später wurde eine andere und größere Gruppe

von Familien in die Kaserne befohlen und mit Drohungen und Flüchen an

einen anderen Verbannungsort fortgetrieben. Auf diese Weise wurden 300

oder 400 Familien fortgeschickt, auf abseitigen Wegen durch die Berge,

die einen nordwestlich nach Konia zu, andere südöstlich in heiße und

ungesunde Distrikte von Mesopotamien (Der es Zor). Tag für Tag sahen

wir, wie die verschiedenen Viertel der Stadt von Einwohnern entblößt

wurden, bis von den 10000 Einwohnern der Stadt nur ein kleiner Rest

übrigblieb.

Neben meinen Pflichten als Pfarrer hatte ich gerade damals die Aufsicht

über das Missions-Waisenhaus. Der Kommandeur ließ mich morgens holen

und sagte mir, ich solle mich sofort zur Abreise bereit halten. „Ihre

Frau muß auch gehen“, sagte er, „und die Kinder vom Waisenhaus.“ Wir

trafen eilends unsere Vorbereitungen, denn wir durften nur wenig mit

uns nehmen. Als wir fortzogen, sah ich mit trauerndem Herzen zurück

auf unsere Kirche, die leer und verlassen stand. Die letzte Schar

von unsern Landsleuten strömte das Tal hinunter in die Verbannung.

Ich hatte in früheren Zeiten Massakers gesehen, aber etwas Ähnliches

hatte ich niemals vorher gesehen. Ein Massaker ist wenigstens schnell

vorüber, aber die verlängerte Seelenqual einer solchen Deportation ist

fast nicht zu tragen.

Der erste Tagesmarsch erschöpfte uns alle. Als wir uns im Freien

niederlegten, kamen im Dunkeln türkische Maultiertreiber und beraubten

uns der wenigen Esel und Maultiere, die wir hatten. Am nächsten

Tag erreichten wir in kläglichem Zustand Marasch: die Kinder mit

geschwollenen und wunden Füßen. Durch dringende Fürsprache der

amerikanischen Missionare erhielten wir für mich und meine Frau vom

Gouverneur Erlaubnis, in mein Heimatdorf, Yughonoluk, das in der Nähe

der See, 12 Meilen westlich von Antiochia, gelegen ist, zurückzukehren.

Der Gouverneur gab die Erlaubnis nur aus dem Grunde, weil meine Frau

und ich nicht Eingeborene von Zeitun waren. Mein Herz war geteilt

zwischen dem Wunsch, dem Rest meiner Gemeinde in die Verbannung zu

folgen, und dem Wunsch, meine Frau an einen Ort zu bringen, wo sie in

meinem Elternhaus verhältnismäßig sicher war. Da der Reiseschein schon

ausgestellt war, hatte ich keine Alternative, sondern mußte gehen.

In Aintab fanden wir die große armenische Gemeinde in großer Sorge,

aber damals war noch nicht der Befehl gegeben, die Stadt zu verlassen.

Gerüchte erreichten uns, daß auch die Dörfer am Meer bedroht waren,

aber wir hielten es für das beste, unsern Weg nach Süden fortzusetzen,

obgleich die Reise zu solcher Zeit schwierig war.

Der letzte Teil unseres Weges führte uns durch eine fruchtbare

Ebene nach Antiochia. Reste der Römerstraße, die einst von Antiochia

nach Seleucia ans Meer führte, sind noch in dem Tal unterhalb

meines Heimatdorfes zu bemerken. Die steinernen Dämme der römischen

Hafenbauten von Seleucia sind durch die Stürme und Erdbeben der

Jahrhunderte noch nicht völlig zerstört worden.

Die Leute meines Heimatdorfes Yoghonoluk sind einfache fleißige Leute.

Jahrelang war ihre Hauptbeschäftigung das Sägen und Handpolieren

von Kämmen aus hartem Holz und Bein. Viele unserer Männer sind

auch geschickte Holzschnitzer. In den Nachbardörfern sind die

Hauptbeschäftigungen Seidenraupenzucht und Webereien für seidene

Taschentücher und Shawls auf Handwebstühlen. Jedes Haus ist von

Maulbeerbäumen umgeben, und viele schöne Obstgärten bedecken die

terrassenartigen Abhänge nach Süden und Westen. Reisende, welche in

Süditalien gewesen sind, erzählen uns, daß die Dörfer bei Neapel

den unsern gleichen. Der breite rauhe Rücken des Musa-Dagh, der an

den Djebel el Ahmar stößt, erhebt sich im Osten. Jede Schlucht und

jede Klippe unseres Berges ist unsern Knaben und Männern bekannt.

Unsere Leute lieben ihre Kirchen sehr, und seitdem die amerikanischen

Missionare hier Schulen eröffnet haben, haben die meisten unserer

Kinder Lesen gelernt.

Ich erwähne diese Dinge über mein Heimatsdorf, damit Sie etwas fühlen

können von dem ruhigen glücklichen Leben, das durch diesen letzten

Versuch der Türken, unsere Rasse auszurotten, so roh und so vollständig

zerstört worden ist.

Achtzehn Tage, nachdem ich meine Heimat erreicht hatte, kam ein

offizieller Befehl von der türkischen Regierung in Antiochia, daß

die sechs Dörfer am Musa Dagh sich innerhalb sieben Tagen auf die

Verschickung vorzubereiten hätten. Sie können sich die Bestürzung und

Entrüstung kaum vorstellen, welche dieser Befehl verursachte. Wir saßen

die ganze Nacht auf und überlegten, was wir am besten tun könnten. Es

schien hoffnungslos, der türkischen Regierung zu widerstehen, und doch

schien es eine so furchtbare Aussicht, unsere Familien in die ferne

Wüste zu schicken, die von fanatischen Araberstämmen bewohnt wird,

daß die Frauen sowohl als die Männer dahin neigten, sich dem Befehl

zu widersetzen und lieber den Zorn der Regierung auf sich zu laden.

Indessen waren nicht alle dieser Ansicht. Pastor Harutiun Nokhudian,

der Pfarrer der protestantischen Kirche in Beytias, zum Beispiel kam zu

der Überzeugung, daß es eine Torheit sein würde, Widerstand zu leisten,

und daß die Härte der Verbannung vielleicht irgendwie gemildert

werden könnte. Er war dafür, nachzugeben. Fünfzig Familien seines

eigenen Dorfes und eine beträchtliche Zahl aus dem Nachbardorf die ihm

zustimmten, trennten sich von uns und machten sich unter türkischer

Bewachung nach Antiochia auf den Weg. Sie wurden in der Richtung auf

den unteren Euphrat weitertransportiert. Wir haben alle Spur von ihnen

verloren und hören vielleicht niemals wieder von ihnen.

Unsere Freunde, die amerikanischen Missionare, waren von uns

abgeschnitten, 120 (engl.) Meilen weit nach Norden in Aintab. Da

alle Verbindungen mit der Außenwelt abgebrochen waren, sahen wir

uns auf unsere eigene Hilfe angewiesen, und es wurde uns klar, daß

die Gnade Gottes unsere einzige Hoffnung war. Da wir wußten, daß es

unmöglich sein würde, unsere Dörfer am Fuß der Berge zu verteidigen,

entschlossen wir uns, uns auf die Höhen des Musa-Daghs zurückzuziehen.

Wir nahmen soviel als möglich Nahrungsmittel mit und soviel Gerät, als

möglich war zu tragen. Alle Schafe und Ziegenherden wurden den Berg

hinaufgetrieben, und jede Verteidigungswaffe wurde instand gesetzt. Wir

fanden, daß wir 120 Büchsen und Gewehre hatten und vielleicht dreimal

soviel alte Feuersteinschloßgewehre und Sattelpistolen. Die Hälfte

unserer Männer blieb noch ohne Waffen. Es wurde uns schwer, unsere

Häuser zu verlassen und von unseren Kirchen und Schulen Abschied zu

nehmen. Am dritten Tage erreichten wir bei Eintritt der Nacht die Höhen

des Berges. Beim Morgengrauen des nächsten Tages waren alle Hände an

der Arbeit, um an den wichtigsten Stellen Gräben zu graben. Wo keine

Erde war, um Gräben zu graben, wurden Felsen aufeinandergerollt und

daraus Barrikaden gemacht, hinter welchen unsere Schützen verteilt

wurden. Die Sonne ging herrlich auf, und wir waren den ganzen Tag hart

an der Arbeit, um unsere Stellungen gegen einen Angriff zu befestigen,

den wir bald erwarten mußten.

Gegen Abend hatten wir eine allgemeine Zusammenkunft und wählten ein

Verteidigungskomitee, dem die oberste Autorität für unsere sechs

Gemeinden zuerkannt wurde. Einige begünstigten eine Wahl durch

Händehochheben, aber andere meinten, daß dies eine Sache von so

ungeheurer Wichtigkeit sei, daß die übliche Wahlmethode der Gemeinde

durch geheime Abstimmung befolgt werden sollte. Schnell wurden

Papierschnitzel gesammelt und die Wahl vorgenommen. Nachdem auf diese

Weise ein Rat gebildet worden war, wurden sofort Pläne gemacht, um

jeden Paß des Berges und jeden Zugang zum Lager zu verteidigen.

Wächter, Boten und eine Reservetruppe von Schützen wurden gewählt und

ihnen ihre Pflichten zugeteilt.

Der Regierungsbefehl war am 30. Juli ausgegeben worden. Die Frist von

sieben Tagen war jetzt fast verstrichen, und wir konnten feststellen,

daß die Türken unsere Flucht entdeckt hatten. Die Ebene von Antiochia

ist von Türken und Arabern bevölkert, und immer liegt eine starke

militärische Besatzung in den Kasernen von Antiochia.

Am 5. August begann denn auch der Angriff. Die Vorhut bestand aus 200

Regulären. Ihr Hauptmann rühmte sich, daß er den Berg an einem Tage

säubern würde. Aber die Türken hatten mehrere Verluste und wurden an

den Fuß des Berges zurückgeworfen. Als wir Vorbereitungen trafen,

uns zu lagern und das Abendessen zu kochen, setzte ein strömender

Regen ein, der die ganze Nacht andauerte. Darauf waren wir schlecht

vorbereitet. Es war nicht Zeit gewesen, Hütten aus Zweigen zu machen,

noch hatten wir irgendwelche Zelte aus wasserdichtem Stoff. Männer,

Frauen und Kinder, im ganzen etwas über 5000, wurden bis auf die Haut

naß. Viel von dem Brot, das wir mitgebracht hatten, wurde in eine

Teigmasse verwandelt. Wir waren mehr besorgt, unser Pulver und unsere

Büchsen trocken zu halten.

Als die Türken zu einem allgemeinen Angriff vorgingen, schleppten sie

zwei Feldkanonen auf den Berg, welche nach einigen Experimenten sich

einen Abschnitt sicherten und Verheerungen in unserm Lager anrichteten.

Einer unserer Schützen, ein beherzter junger Bursche, kroch durch das

Buschwerk hinunter und zwischen den Felsen entlang, bis er dem Bereich

der Feldkanonen nahe war, die auf einer Felsenfläche aufgestellt

waren. Nachdem er sich eine Barrikade von Zweigen gemacht hatte,

wartete er auf eine gute Gelegenheit. Er war so nahe, daß er die Türken

miteinander reden hören konnte, wenn sie die Kanonen luden. Als ein

Kanonier in Sicht kam, streckte ihn der junge Mann mit dem ersten Schuß

nieder. Mit 5 Kugeln tötete er 4 weitere Kanoniere. Der Hauptmann warf

voll Entsetzen seine Hände in die Höhe, und da er nicht fähig war,

unseren Schützen zu entdecken, befahl er, daß die Kanonen nach einem

gedeckten Platz geschleppt wurden. So wurden wir an jenem Tage und an

mehreren späteren vor schwerem Feuer bewahrt.

Aber die Türken zogen ihre Streitkräfte zu einem Hauptangriff

zusammen. Sie hatten in viele muhammedanische Dörfer Botschaft

geschickt, um die Leute zu den Waffen zu rufen. Armeebüchsen und viel

Munition wurden aus dem Arsenal in Antiochia ausgegeben, bis der Haufe

von 4000 Muhammedanern, die nach einem Massaker dürsteten, ein für uns

furchtbarer Feind geworden waren. Aber die Hauptmacht der Türken waren

die 3000 regulären Truppen, die an Disziplin und an Beschwerlichkeiten

gewöhnt waren.

Plötzlich eines Morgens meldeten unsere Späher unserm Hauptquartier,

daß der Feind an jedem der Bergpässe erschienen sei. Hier und da

hatten die Türken schon die Hänge und die Bergrücken besetzt. Unsere

Reservetruppe war unklugerweise, wie wir später merkten, in kleinen

Gruppen nach diesen verschiedenen Punkten geschickt worden. Kaum waren

unsere Kräfte so verteilt, als ein Massenangriff mit großer Gewalt

eine Schlucht hinauf einsetzte. Das gesamte übrige Vorgehen waren

Scheinangriffe gewesen, die nicht weiter verfolgt wurden. Mit der Zeit

erkannten unsere Leute die Lage und berichteten von verschiedenen

Punkten, daß die Türken unsere Späher erschossen und einen wichtigen

Paß genommen hätten. Zu unserm Entsetzen sahen wir sie schon in vollem

Besitz der Höhen, so daß sie unser Lager bedrohten. Verstärkungen

rückten beständig den Berg herauf, und als der Nachmittag herankam,

sahen wir, daß wir weit in der Minderzahl waren. Wir merkten auch, daß

die Schußweite der türkischen Büchsen unsern altmodischen Feuerwaffen

weit überlegen war. Bei Sonnenuntergang hatte der Feind 3 Kompagnien

durch das dichte Unterholz und den Wald vorgeschickt, bis auf 400 Ellen

vor unsern Hütten. Eine tiefe dumpfige Schlucht lag dazwischen, und die

Türken entschlossen sich, lieber da, wo sie standen, zu biwakieren als

in der Dunkelheit weiter vorzugehen.

Unsere Führer hielten in aller Eile Rat ab, flüsterten nur leise und

erlaubten kein Licht im Lager. Jedermann wußte, daß die Lage kritisch

war. Endlich wurde ein gewagter Plan angenommen. Im Dunkel der Nacht an

die türkischen Stellungen heran zu kriechen, eine Einkreisungsbewegung

auszuführen, dann einen plötzlichen Feuerüberfall zu eröffnen und

zum Nahkampf überzugehen. Wir wußten, daß alles verloren war, wenn

dieser Plan scheiterte. Mit außerordentlicher Geschicklichkeit krochen

unsere Männer durch die dunkeln und feuchten Wälder. Hier machte

unsere Vertrautheit mit jenen Schluchten und Dickichten es möglich,

etwas auszuführen, was Fremde nicht hätten versuchen können. Der Kreis

war tatsächlich geschlossen, als mit Blitzen und Krachen von allen

Seiten unsere Männer zum Angriff übergingen und mit verzweifeltem Mute

vorwärts stürmten.

Nach wenigen Augenblicken war es klar, daß Bestürzung und Schrecken das

türkische Lager in die größte Verwirrung gebracht hatte. Die Truppen

stürzten in der schwarzen Nacht hierhin und dorthin und stolperten über

Felsplatten und Baumstämme. Offiziere schrieen sich widersprechende

Befehle zu und mühten sich vergeblich, ihre Leute zusammenzuhalten.

Augenscheinlich glaubten sie es mit einem sehr gefährlichen Angriff

zu tun zu haben, denn nach weniger als einer halben Stunde gab der

türkische Oberst den Befehl zum Rückzug, und vor Morgengrauen waren

die Wälder tatsächlich von Truppen frei. Mehr als 200 Türken waren

gefallen, und wir hatten einige Beute gemacht: 7 Mausergewehre, 2500

Pack Munition und einen Maulesel. Kein Anzeichen deutete auf einen

Wiederbeginn des Kampfes, aber wir wußten, daß unser Feind nicht

geschlagen war. Er war nur vertrieben.

Während der nächsten Tage wurde die ganze muhammedanische Bevölkerung,

viele Meilen im Umkreis, mobil gemacht, eine Horde von vielleicht 8000

Menschen. Mit dieser Masse konnten sie den Musa Dagh umzingeln und

auf der Landseite belagern. Ihr Plan war, uns auszuhungern. Auf der

Seeseite war kein Hafen, noch irgendeine Verbindung mit einem Seehafen

möglich. Der Berg fiel steil zum Meere ab. Wir waren voll beschäftigt

mit der Sorge für unsere Verwundeten und der Ausbesserung des Schadens,

der in unserm Lager angerichtet war. Besondere Versammlungen wurden

abgehalten, um Gott zu danken, daß er uns so weit bewahrt hatte, und

für unsere Familien und für unsere Kleinen zu beten.

Als wir entdeckten, daß unser Berg im Belagerungszustand war, begannen

wir, unsere Nahrungsquellen abzuschätzen. Während der ersten Woche auf

der Höhe war das Brot, die Kartoffeln und der Käse, welche wir von

Hause mitgebracht hatten, zu Ende gegangen. Sehr wenige nur hatten Mehl

und andere Feldfrüchte mitbringen können. Einen Monat etwa lebten wir

von unsern Herden und schlachteten täglich eine Zahl Schafe und Ziegen.

Die Ziegenmilch brauchten wir für die Kinder und die Kranken. Diese

beständige Fleischnahrung bekam uns nicht, aber wir waren tief dankbar,

daß wir so dem Hungertode entgingen. Ende Juli zählten wir sorgfältig

die Herden und fanden, daß unser Vorrat, selbst bei reduzierter

Fleischration, nicht länger als zwei weitere Wochen reichen würde.

Von Anfang an hatten wir daran gedacht, ob wir nicht auf dem Seewege

entkommen könnten.

Ehe wir durch die Belagerung eingeschlossen waren, hatten wir einen

Läufer abgesandt, der die gefährliche Reise von 85 (engl.) Meilen durch

türkische Dörfer bis Aleppo, der Provinzialhauptstadt, machen mußte,

mit einer Bitte an den amerikanischen Konsul Mr. Jackson, uns, wenn

möglich, Hilfe von der See aus zu schicken. Aber es war durchaus nicht

wahrscheinlich, daß unser Läufer Aleppo je erreichen würde. Da kam

uns der Gedanke, daß möglicherweise ein Kriegsschiff der Verbündeten

35 Meilen nördlich im Hafen von Alexandrette liegen könnte. Einer

unserer jungen Leute, der ein guter Schwimmer war, erklärte sich

freiwillig bereit, durch die türkischen Linien zu kriechen und eine

Botschaft mitzunehmen, die an der Innenseite seines Gürtels befestigt

war. Es gelang ihm auch, die Hügel zu erreichen, von denen aus man

den Hafen von Alexandrette überblicken konnte, aber als er sah, daß

kein Kriegsschiff da war, kehrte er zurück. Sein Plan war gewesen, in

das Meer hinauszuschwimmen, das Kriegsschiff zu umkreisen und so den

türkischen Wachtposten auf den Straßen, die in die Stadt führen, zu

entgehen.

Wir stellten dann dreifache Abschriften des folgenden Hilferufs her und

bestimmten drei Schwimmer, welche ständig auf jedes vorüberfahrende

Schiff aufpassen, sich durch die Brandung durchschlagen und am Kap

hinausschwimmen sollten, um das Schiff zu erreichen:

„An irgendeinen englischen, amerikanischen, französischen,

italienischen oder russischen Admiral, Kapitän oder Befehlshaber, den

diese Petition erreichen mag.

Wir flehen im Namen Gottes und menschlicher Brüderlichkeit. Wir, die

Bevölkerung von sechs armenischen Dörfern, im ganzen etwa 5000 Seelen,

haben uns in den Teil des Musa Daghs, der Damlajik genannt wird, drei

Stunden Wegs nordwestlich von Suedije an der Meeresküste, geflüchtet.

Wir haben hier Zuflucht gesucht vor türkischer Barbarei und Grausamkeit

und vor allem vor der Schändung der Ehre unserer Frauen. Sir, Sie

müssen gehört haben von der Vernichtungspolitik der Türken gegen unsere

Nation. Unter dem Schein der Verschickung und dem Vorwand, einer

Rebellion vorzubeugen, vertreiben sie unsere Leute aus ihren Häusern

und berauben sie ihrer Gärten, Weinberge und aller ihrer Habe. Dieses

grausame Programm ist schon mit der Stadt Zeitun und ihrer 32 Dörfer,

auch mit Albistan, Göksun, Yarpus, Gürün, Diarbekr, Adana, Tarsus,

Mersina, Dörtjol, Hadjin usw. durchgeführt worden. Dieselbe Politik

wird auf die anderthalb Millionen Armenier in verschiedenen Teilen der

Türkei ausgedehnt.

Der Schreiber dieses war protestantischer Pfarrer in Zeitun vor wenigen

Monaten und war Augenzeuge von vielen unsagbaren Grausamkeiten. Ich sah

Familien von 8 oder 10 Köpfen die Straßen entlang getrieben, barfüßige

Kinder von 6 und 7 Jahren neben alten Großeltern, hungern und dürsten.

Ihre Füße geschwollen von der schwierigen Reise. Längs der Straße

hörte man Schluchzen, Fluchen und Gebete. Unter dem Druck der Angst

kamen Frauen in den Gebüschen an der Straßenseite nieder. Unmittelbar

nachher wurden sie von den türkischen Wachen gezwungen, ihre Reise

fortzusetzen, bis der gütige Tod ihrer Qual ein Ende bereitete.

Der Rest der Leute, welche stark genug waren, die Beschwerlichkeiten

des Marsches zu ertragen, wurden unter den Peitschen der Gendarmen in

die Steppen des Südens weitergetrieben. Einige starben vor Hunger.

Andere wurden beraubt auf dem Wege. Andere wurden von der Malaria

dahingerafft und mußten an den Straßen liegen bleiben. Als letzter Akt

dieser entsetzlichen Tragödie massakrierten die Araber und Türken alle

Männer und verteilten die Witwen und Frauen unter ihre Stämme.

Etwa vor 35 Tagen benachrichtigte uns die Regierung, daß unsere 6

Dörfer in die Verbannung gehen müßten. Wir zogen es vor, uns auf diesen

Berg zu flüchten, statt uns diesem Befehl zu unterwerfen. Wir haben

jetzt wenig Nahrung übrig, und die Truppen belagern uns. Wir haben

fünf heftige Kämpfe bestanden. Gott hat uns bisher geholfen, aber das

nächste Mal werden wir eine viel größere Macht gegen uns haben.

Sir, wir flehen Euch an im Namen Christi!

Bringt uns, wir bitten Euch, nach Cypern oder nach irgend einem andern

freien Lande. Unsere Leute sind nicht träge. Wir wollen unser Brot

selbst verdienen, wenn wir beschäftigt werden.

Wenn dies zu viel ist, um es uns zu gewähren, so nehmt wenigstens

unsere Frauen, alte Leute und Kinder auf. Stattet uns mit genügenden

Waffen aus, mit Munition und Nahrung, und wir wollen uns mit aller

Macht gegen die türkischen Streitkräfte verteidigen. Wir bitten, Sir,

wartet nicht, bis es zu spät ist!

Im Namen aller Christen hier.

2. September. Ihr untertäniger Diener

Digran Andreasian.“

Aber Tage vergingen, und nicht ein Segel war zu sehen. Der Krieg hatte

die Küstenschiffahrt auf ein Minimum reduziert. Inzwischen hatten auf

meinen Vorschlag unsere Frauen zwei große Flaggen zusammengenäht,

auf deren eine ich in großen, deutlichen, englischen Druckbuchstaben

schrieb: Christen in Not, Hilfe! Es war eine weiße Flagge mit bunten

Buchstaben, hastig von unsern Frauen gestickt. Die andere, welche meine

Schwester Iskuhi gemacht hatte, war auch weiß mit einem großen roten

Kreuz in der Mitte. Wir befestigten diese Flaggen an großen Bäumen und

stellten eine Wache am Fuß auf, um den Horizont vom Morgen bis zum

Abend abzusuchen. Einige Tage hatten wir Regen und an andern schweren

Nebel, die an unserer Küste ziemlich häufig sind.

Die Türken griffen uns wiederholt an, und wir hatten einige schwere

Kämpfe, aber niemals solche Nahkämpfe, wie während des ersten

Zusammenstoßes. Von einem günstigen Punkt aus konnten wir Felsstücke

die steile Bergseite hinunterrollen mit furchtbarer Wirkung auf unsern

Feind. Unser Pulver und unsere Kugeln verringerten sich, und die Türken

hatten augenscheinlich eine Ahnung von unserer Bedrängnis, denn sie

begannen uns mit lautem Geschrei in unverschämter Weise zur Übergabe

aufzufordern. Das waren ängstliche Tage und lange Nächte! Hier gebar

meine Frau ihr erstes Kind, einen Sohn. Als wir zwei Tage später an

die See hinunterflohen, litt sie sehr, aber ich trug sie und half ihr,

soviel ich konnte. Gott sei Dank geht es ihr und unserm kleinen Sohn

jetzt gut.

Eines Sonntagsmorgens, am 36. Tage unserer Verteidigung, während ich

mich eben auf eine kurze Predigt vorbereitete, um unsere Leute zu

ermutigen und zu stärken, wurde ich aufgeschreckt durch einen Mann, der

mit höchster Stimme schrie. Er raste durch unser Lager geradenwegs auf

meine Hütte zu. „Pastor! Pastor!“ schrie er, „ein Kriegsschiff kommt

und hat auf unsere Fahnen geantwortet! Gott sei Dank, unsere Gebete

sind erhört!... Wenn wir die Rote Kreuz-Flagge schwingen, antwortet das

Kriegsschiff mit Signalflaggen ... Sie sehen uns und kommen näher an

die Küste!“

Das Schiff erwies sich als der französische Kreuzer „Guichin“, ein

Schiff mit 4 Schornsteinen. Während eines der Boote herabgelassen

wurde, stürzten einige unserer jungen Leute zur Küste hinab und

schwammen zu dem stattlichen Schiff, welches uns wie von Gott gesandt

erschien. Mit klopfendem Herzen eilten wir hinunter zum Strand, und

bald kam eine Einladung vom Kapitän, eine Gesandtschaft solle an

Bord kommen und über die Lage berichten. Er schickte ein drahtloses

Telegramm an den Admiral der Flotte, und nach kurzer Zeit erschien

das Flaggschiff „Sainte Jeanne d’Arc“ am Horizont, von anderen

französischen Kriegsschiffen gefolgt. Der Admiral sprach Worte des

Trostes und der Aufmunterung zu uns und gab Befehl, daß jede Seele

unserer Gemeinde an Bord der Schiffe genommen werden sollte.

Die Einschiffung dauerte einige Zeit und war außerordentlich schwierig,

da die Küste so rauh war. Wir mußten über improvisierte Flöße klettern,

um durch die brüllende Brandung zu den Booten der Schiffe zu kommen.

Vier französische und ein englischer Kreuzer nahmen uns an Bord, und

man sorgte sehr freundlich für uns.

Nach zwei Tagen kamen wir in Port Said (Ägypten) an und haben uns

jetzt in einem dauernden Lager niedergelassen, welches die britischen

Behörden für uns eingerichtet hatten.

Wir sind Mr. William C. Hornblower besonders dankbar für die

ausgezeichnete Organisation dieses Lagers und Oberst P. G. Elgoot und

seiner Frau, wie Miß Russell für ihre große Güte und unermüdlichen

Bemühungen unseretwegen. Die armenische Rote-Kreuz-Gesellschaft,

welche kürzlich organisiert worden ist, hat uns drei Ärzte und

drei Pflegerinnen geschickt. Der gregorianische Bischof ist

Ehrenvorsitzender dieser Gesellschaft, Mr. Fermanian Direktor und

Professor Kayajan Sekretär. Eine genaue Statistik ist aufgestellt

worden, welche zeigt, daß die Zahl der Überlebenden folgende ist:

427 Säuglinge und Kinder unter 4 Jahren,

508 Mädchen von 4-14 Jahren,

628 Knaben von 4-14 Jahren,

1441 Frauen über 14 Jahre,

1054 Männer über 14 Jahre,

----

4058 Seelen im ganzen gerettet.

Nach der ersten Aufforderung der Türken am 30. Juli verteidigten wir

uns auf dem Musa Dagh 44 Tage und eine zweitägige Reise brachte uns

nach Port Said am 14. September.

Dikran Andreasian.

2.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 128 / 134 题