Der Festungsoffizier von Kars, Karapetian, welcher am 4. Juni
aus türkischer Gefangenschaft geflohen ist, berichtet folgende
erschütternde Geschichte:
„Wir waren 28 Offiziere: 12 russische, 6 georgische und 10 armenische.
Wir gerieten in der Station Allahwerdi in türkische Gefangenschaft. Man
brachte uns nach Aschagha-Maral, wobei man uns unterwegs die Schuhe
auszog. Dann kam ein türkischer Offizier und sagte: Folgt mir zu
unserem Pascha, welcher sich in der Nähe in dem Büro von Mantascheff
befindet und Euch verhören will.
Als man uns aus dem Eisenbahnwagen herausholte, fragte einer der
Askjaris (türkischer Soldat): Habt Ihr die Maschinengewehre gebracht?
Der andere hieß ihn drohend schweigen. Wir folgten dem Unteroffizier,
umzingelt von Askjaris. Nachdem man uns etwa 3 Werst weiter geführt
hatte, wurde der Regimentskommandeur Wladimiroff vorgerufen und seiner
Kleider und Barschaft (1500 Rubel) beraubt, ebenso verfuhren sie mit
den übrigen Offizieren. Auch mir nahmen sie die Kleider und 3833 Rubel
weg. Dann hieß man uns zusammen hinsetzen, während der Unteroffizier
die Gewehre zu laden befahl. In einem Halbkreis, 6 Schritt von uns
entfernt, legten sich die Askjaris mit geladen Flinten hin. Gerade als
der Befehl -- Feuer -- erteilt werden sollte, flohen wir alle, aber nur
drei von uns konnten sich retten: ich und zwei andere, Leutnant des
Ephremoffschen Regiments Smirnoff und Militärbeamter Kusma Fomin.
Die Nacht verbrachten wir im Schilf. Im Morgengrauen des 5. Juli
krochen wir nach dem Platz, wo das Verbrechen begangen worden war und
sahen dort die Leichen unserer Kameraden umherliegen, darunter die
des Regimentskommandeurs Wladimiroff, des Offizierstellvertreters
Sohraboff, des Bataillonchefs Bosnakian und des Offizierstellvertreters
Bosnakian.
Mit großen Schwierigkeiten konnten wir die Station Kumis erreichen,
von wo aus deutsche Offiziere uns nach Tiflis brachten. Barfuß und
in Unterkleidern meldeten wir uns bei dem Stab der Roten Garde und
erhielten Kleider und Schuhe.“
Ferman Wehib Paschas.
Zum Zwecke der Wiederherstellung der Eisenbahnverbindung zwischen
Eriwan und Elisabethpol wurden besondere Züge abgelassen, in denen sich
türkische Offiziere befanden. Diese Offiziere nahmen einen Ferman Wehib
Paschas mit, in dem der tatarischen Bevölkerung mitgeteilt wurde, daß
nunmehr der Friede geschlossen sei und ihre feindselige Haltung den
Armeniern gegenüber aufzuhören habe. Ebenso sei es verboten, fernerhin
die Armenier zu töten[150].
Auf der kaukasischen Heeresstraße.
(Zur Lage der armenischen Flüchtlinge.)
Aus Wladikawkas wird uns vom 2. Juli berichtet:
Es gibt keinen Armenier, dem nicht in Lars bei Kasbek ein Unglück
begegnet wäre. Die armenischen Flüchtlinge werden nicht nur
ihres Geldes und ihrer Habe beraubt, sondern sie haben dazu noch
Erniedrigungen und Vergewaltigungen aller Art zu erdulden. Die
Flüchtlinge, welche Wladikawkas erreichen, glauben, dort in Sicherheit
zu sein. Nach kurzer Rast daselbst begeben sich die Flüchtlinge
nach Armavir. Auf den Stationen Darkoch und Elchotowo wird der
Flüchtlingszug das Opfer eines organisierten Räuberüberfalles. Hier
werden die Flüchtlinge von den Räubern gründlich ausgeplündert, die
geraubte Habe wird auf kleine Wagen verladen und nach den Wohnsitzen
der Räuber geschleppt. Dies alles geschieht am hellen Tage und
straflos. Die dortige Regierung, welche alle diese Ereignisse mit
ansehen mußte, hat nun endlich strenge Maßnahmen ergriffen. Diesen
zufolge sollten die Züge durch Soldatenabteilungen beschützt werden
und hauptsächlich aus Panzerwagen bestehen. Wir hoffen, daß die
räuberischen Überfälle nunmehr bald aufhören werden.
Aus Duschet wird uns vom 8. Juni gemeldet:
Einige Kilometer von Kazbek entfernt, brachen Feindseligkeiten zwischen
den Gardisten der georgischen Republik und den Gardisten der russischen
kommunistischen Republik aus. Die beiderseitigen Gegner schlossen,
als sie das Elend der Flüchtlingsscharen auf dem betreffenden Gebiet
sahen, einen Waffenstillstand von 8 Uhr früh bis 2 Uhr nachmittags,
um den Flüchtlingen Gelegenheit zu geben, gruppenweise die Linien zu
passieren. Nach 2 Uhr sollte das „Kriegsspiel“ wieder aufgenommen
werden. Nicht wenige Flüchtlinge werden trotzdem Opfer dieser
Scharmützel und müssen, oft unter Zurücklassung ihrer gesamten Habe,
schleunigst flüchten, um nur das nackte Leben zu retten. Auf den
Sammelstellen der Flüchtlinge herrschen schreckliche Zustände. Kälte,
Schmutz, Nächte unter dem freien Himmel fördern gefährliche Epidemien,
denen viele zum Opfer fallen.
Auszug aus der Depesche der armenischen Delegation in Konstantinopel.
Aus dem Felde, den 12. Juli 1918.
Ankunft, den 12. Juli 1918.
Kaiserliche Botschaft an Auswärtiges Amt.
Für Dr. Ohandjanian, Berlin.
Avons reçu de Tiflis conseil national télégramme suivant date 7
juillet. Nationalrat erhält täglich alarmierende Nachrichten aus dem
von türkischen Truppen besetzten Gebiet Lori. Fälle von Plünderungen
und Morden seitens türkischtatarischer Banden im Süden von Sanahin
mehren sich. Nach Unterzeichnung des Vertrages von Batum sind in
Karakilissa fast 2000 armenische Männer, Frauen und Kinder Massakers
zum Opfer gefallen. Zahlreiche Banden operieren noch jetzt in dieser
Gegend. Nationalrat ersucht Euch um energischen Protest und um
unverzügliche Räumung des armenischen Gebietes, das noch von türkischen
Truppen besetzt ist. Essad Pascha Batum sandte mir ein Schreiben, worin
er mitteilt, daß Rückkehr armenischer Flüchtlinge nach Akhalkalaki
unangängig, da Bevölkerung noch stark erregt sei, über Verbrechen, die
Armenier in demselben Gebiet verübten.
409.
Berlin, den 15. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
Bei Besprechungen im Großen Hauptquartier sind in bezug auf die
Kaukasusstaaten sowie in bezug auf Persien die in der folgenden
Niederschrift enthaltenen Richtlinien festgelegt worden. General
Ludendorff, der sich mit diesen Richtlinien einverstanden erklärt
hat, hat mich beauftragt, im Auswärtigen Amt dem Herrn Staatssekretär
Vortrag zu erstatten und bittet, daß möglichst völlige Übereinstimmung
der politischen und militärischen Stellen herbeigeführt wird.
von Lossow.
410.
Berlin, den 15. Juli 1918.
~Richtlinien.~
Armenien, Kaukasisch-Aserbeidschan, Nordkaukasische Republik.
Nachdem die Verhandlungen mit Georgien beendet sind, folgen der Reihe
nach Verhandlungen mit Armenien, Aserbeidschan und Nordkaukasus.
Bezüglich Armeniens und Aserbeidschans könnte die Verhandlung
gleichfalls in einer Revision der von der Türkei mit diesen Ländern
in Batum geschlossenen Verträge bestehen. Auf der Konferenz wäre an
die Delegierten dieser Länder als erste Frage zu stellen: „Wer ist
Euer Staat, wer ist Eure Regierung, ist Eure Unabhängigkeit anerkannt
oder nicht?“ Da eine befriedigende Antwort auf diese Fragen noch nicht
gegeben werden kann, so ist es klar, daß die weiteren Verhandlungen
mit diesen Staaten nur provisorischen Charakter haben können. Immerhin
ist es möglich, daß für Armenien und Aserbeidschan der bisher rein
türkische Vertrag durch einen provisorischen allgemeinen Vertrag
ersetzt wird, der die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen
zwischen diesen neuen Staatengebilden und den Vierbundmächten
einigermaßen festlegt. Für die Nordkaukasusstaaten, deren staatliche
Grundlage auf noch unsicheren Füßen steht, wird der Abschluß eines
Vertrages vielleicht großen Schwierigkeiten begegnen.
General Ludendorff spricht sich dahin aus, daß sich die deutsche
Oberste Heeresleitung und die Oberste Kriegsleitung auf die rein
militärische Seite der Kaukasusfragen zurückzuziehen wünscht und die
politische Leitung ausschließlich dem Auswärtigen Amt überlassen will.
General Ludendorff bittet den Staatssekretär, ihn darin zu unterstützen.
Bezüglich Armeniens ist noch nachzutragen, daß die deutsche Oberste
Heeresleitung anstrebt, daß auch seitens der österreichisch-ungarischen
Obersten Heeresleitung einige Bataillone und Batterien zur Verfügung
gestellt werden, um in Armenien eine ähnliche Aufgabe zu übernehmen,
wie die Deutschen in Georgien, vor allem den Schutz der physischen
Existenz der Armenier gegenüber drohenden türkisch-tatarischen
Massakers.
Weiter ist erwünscht, daß die armenischen Streitkräfte organisiert und
wieder verwendungsfähig gemacht werden, in ähnlicher Weise, wie wir es
in Georgien beabsichtigen.
411.
Kaiserlich Deutsche
Delegation im Kaukasus.
Telegramm.
Tiflis, den 16. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt.
Frhr. v. Frankenstein hat seiner Regierung folgende Beobachtungen
gedrahtet, die sich mit meinen decken:
„In Begleitung des Bischofs Mesrop und eines k. u. k. Militärarztes
habe ich gestern einen Teil der in den Wäldern von Bakuriani
kampierenden ca. 40000 Armenier besichtigt, die aus dem 2 Tagereisen
entfernten Achalkalaki angesichts des türkischen Vormarsches im Mai
geflüchtet sind. Ein Teil ist noch im Besitz geringer Vorräte, die
übrigen sind in großer Not, liegen teils krank herum, dem Regen
ausgesetzt; Flecktyphus und andere Krankheitsfälle sind in Zunahme.
Sollten diese Flüchtlinge noch längere Zeit in ihrer gegenwärtigen
Lage bleiben, so wird nach Ansicht der unter ihnen tätigen Ärzte eine
hohe Sterblichkeit durch Hunger eintreten. Die georgische Regierung
gestattet wegen der Seuchengefahr nicht ihre Verteilung in Georgien.
Die besonders gut stehende Ernte in ihren Heimatdörfern muß in 10 bis
20 Tagen spätestens eingebracht werden. Falls die Flüchtlinge nicht bis
dahin geschützt gegen türkische Gewalttätigkeiten zurückkehren können,
so wird voraussichtlich ein großer Teil der Ernte zugrunde gehen, da
die Türken zur Bergung der Ernte nicht in der Lage sein werden, und es
wird nötig sein, daß die Mittelmächte in den kommenden Monaten diese
Leute mit Getreide versorgen oder der Hungersnot überlassen. Gegen
30000 geflüchtete Armenier sind notdürftigst in Tiflis untergebracht
und befinden sich, wie ich heute persönlich festgestellt habe,
wegen hiesigen Brotmangels an der Verhungerungsgrenze; sie erwarten
sehnsüchtig eine Möglichkeit zur Heimkehr.
Wie Bischof Mesrop versichert, ist die Lage der rund 500000 in die
Umgebung von Eriwan gedrängten Armenier geradezu verzweifelt.“
Kreß.
412.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 18. Juli 1918.
Auf Bericht vom 12. 7. 1918.
Euer Exzellenz bitte ich dem Nuntius zu sagen, daß wir prinzipiell
gern bereit sind, die Übermittlung von Unterstützungsgeldern an die
armenische und syrochaldäische Bevölkerung im Kaukasus und in Persien
zu übernehmen. Ob und wie weit die Ausführung -- insbesondere in
Persien -- praktisch möglich ist, steht allerdings dahin.
Frhr. v. d. Bussche.
An die Königlich Preußische Gesandtschaft München.
413.
Armenische Republik.
Delegation in Berlin. Berlin, den 15. Juli 1918.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
Die Depesche unserer Delegation in Konstantinopel vom 12. d. M., die
Sie uns zuzusenden die Güte hatten, übermittelt uns ein Telegramm
des armenischen Nationalrats aus Tiflis vom 7. d. M., wonach täglich
alarmierende Nachrichten über Greuel gegen Armenier aus den von den
türkischen Truppen besetzten armenischen Gebieten einlaufen. Zahlreiche
türkische und tatarische Banden treiben ungestraft ihr Unwesen. Im
Süden von Sanahin in Lori mehren sich die Plünderungen und Morde
an Armeniern, und in Karaklis sind noch nach Unterzeichnung des
Friedensvertrages von Batum fast 2000 armenische Männer, Frauen und
Kinder den Massakres zum Opfer gefallen. Nach den bitteren Erfahrungen
in Türkisch-Armenien bedeuten diese Vorgänge, die ähnlich auch in
anderen Gegenden sich häufen -- so z. B. bei der deutschen Kolonie in
Katharinenfeld --, das Vorspiel zu katastrophalen Ereignissen, und
aus diesen Befürchtungen heraus ersucht der armenische Nationalrat
seine Delegierten, gegen diese Untaten energischen Protest zu erheben,
und auf die unverzügliche Räumung des armenischen Gebiets durch die
türkischen Truppen zu dringen.
Wir durften bereits durch unser ergebenes Schreiben vom 2. Juli der
schweren Sorge Ausdruck geben, die uns und unserer Nation die Fortdauer
der türkischen Besetzung unseres Gebiets bereitet, wodurch die Lage
der Hunderttausende zählenden armenischen Flüchtlinge, die nackt und
hungrig in den Bergen und Wäldern umherirren und massenweise den
Entbehrungen erliegen, sich in steigendem Maße verschlimmert und die
Rückkehr von Ruhe, von Beruhigung in unser Volk unmöglich gemacht wird.
Jede Woche, um die sich die Räumung verzögert, erschwert die Lage,
verwickelt die Situation mehr und treibt einem Zustand entgegen, dessen
Gefahren für das Schicksal der Flüchtlinge und die Existenz unserer
Nation überhaupt offensichtlich sind. Wir bitten auch, darauf hinweisen
zu dürfen, daß die mit der türkischen Besetzung zusammenhängenden
dauernden Ausschreitungen gegen die Armenier bei unseren Volksgenossen
in allen Ländern begreiflicherweise starke Erregung und Befürchtungen
hervorrufen.
Von dem dringenden Wunsche der Deutschen Regierung,
Armenierverfolgungen im Kaukasus zu verhindern, sind wir vollkommen
überzeugt und dankbar dafür. Aber solange die Türken noch Teile unseres
Gebiets besetzt halten, werden sie immer Mittel und Wege finden, offen
oder versteckt, direkt oder indirekt, durch organisierte türkische und
tatarische Banden ihrer Politik der Armenier-Ausrottung nachzugehen.
Schon die Vertreibung der Armenier aus ihren Heimstätten ist ein
solches Mittel, das die Flüchtlinge wirtschaftlich ruiniert und sie
zugleich allen Gefahren der Aufreibung aussetzt. Daher werden die
Türken in jeder Weise ihre Rückkehr in ihre Wohnstätten verhindern.
In dem Telegramm des armenischen Nationalrats ist auch von einem
Schreiben Essad Paschas die Rede, der die Rückkehr der armenischen
Flüchtlinge aus Achalkalaki für unmöglich erklärt, weil die Bevölkerung
angeblich über Verbrechen der Armenier dort noch stark erregt ist. Von
Verbrechen, die Armenier in Achalkalaki verübt haben sollen, ist uns
nichts bekannt; aber die Hinfälligkeit der Begründung Essad Paschas
ergibt sich schon aus der Tatsache, daß in Achalkalaki die Muhammedaner
-- auf die sich doch nur die Erregung beziehen könnte -- nur einen
verschwindend kleinen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung ausmachen. In
dem Bezirk Achalkalaki leben:
82775 Armenier,
9939 christliche Georgier und nur
5400 Muhammedaner und
800 Kurden.
Das einzige Mittel, den verderblichen Absichten der Türken bezüglich
der Armenier rechtzeitig und wirksam zu begegnen, bietet nur die
baldige Räumung unseres Gebiets und die Verwirklichung der Bedingungen
des Brester Vertrags hinsichtlich unserer Grenzen. Nur ein energisches
Eingreifen Deutschlands vermag die Türken zur Zurücknahme ihrer
Truppen zu nötigen, und im Hinblick auf die wachsende Erregung und
Panik, die das Verbleiben und die Ausschreitungen türkischer Truppen
auf unserem Gebiet verursachen, wiederholen wir, indem wir gegen die
türkischen Ausschreitungen in aller Form protestieren, inständigst
unsere dringende Bitte, durch alsbaldige Entfernung der türkischen
Besatzungen unser Volk aus einer Lage folgenschwerer Entwurzelung und
voll lauernder Gefahren zu retten, bevor es zu spät ist. Wir bitten
ferner, bis zur Durchführung der Räumung und zu ihrer Überwachung die
Armenier durch eine militärische Expedition vor weiteren Verfolgungen
schützen zu wollen.
Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung.
Dr. H. Ohandjanian. A. Suraboff.
414.
(Auswärtiges Amt.) Berlin, den 17. Juli 1918.
Aufzeichnung für mündlichen Vortrag.
Armenien hat sich zu einer selbständigen Republik erklärt.
Sein Gebiet ist aber zum größten Teil von den Türken besetzt, die
Bevölkerung teils in die Berge zusammengedrängt, teils nach Georgien
geflohen, und die armenische Regierung außerhalb des Landes in Tiflis.
Die Lage der Armenier ist derart, daß etwas für sie geschehen muß.
Das den Armeniern zur Verfügung stehende Gebiet ist so beschränkt,
daß die Armenier unmöglich darin leben können und bei Fortdauer
des gegenwärtigen Zustandes dem Untergange geweiht sind. Es wird
daher erforderlich sein, die Türken zu bewegen, hinter die Grenze
zurückzugehen, die ihnen im Vertrage von Brest-Litowsk zugestanden
worden ist und auf armenischem Gebiete höchstens Bahnwachen zu belassen
zur Sicherung der ungestörten Abwicklung der Militärtransporte in
der Richtung auf Djulfa und Täbris. Die Armenier werden aber nur
dann in ihr altes Gebiet zurückkehren können, wenn ihnen ein Schutz
sowohl gegen erneute türkische Einfälle wie gegen Ausschreitungen
tatarischer Banden gegeben wird. Dies läßt sich nur erreichen, wenn das
Land von zuverlässigen Truppen besetzt wird. Die russische Regierung
würde die Anwesenheit deutscher Truppen in Armenien vielleicht ohne
Widerspruch hinnehmen, wenn ihr klar gemacht wird, daß diese Maßnahme
nur aus humanitären Gründen erfolgt, um die Reste des armenischen
Volkes zu retten. Können wir die für diesen Zweck erforderlichen
Kräfte zur Verfügung stellen? Es darf darauf hingewiesen werden, daß
die Rückführung der Armenier dringlich ist, damit die Ernte in den
in Betracht kommenden Gebieten wenigstens noch zum Teil gerettet und
Armenien vor einer Hungersnot bewahrt wird.
415.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 18. Juli 1918.
An Auswärtiges Amt.
Der Armenierführer Aharonian hat bei mir wieder verschiedene Klagen
vorgebracht. Es handelt sich in erster Linie um die armenischen
Flüchtlinge, wegen deren ich schon mehrmals beim Großwesir vorstellig
wurde. Ferner bat Aharonian, Armenien durch österreichische oder
deutsche Polizeitruppen zu besetzen. Er ist mit mir der Ansicht,
daß die Beschlüsse der Konferenz einen Schlag ins Wasser bedeuten
werden, wenn nicht die betreffenden Gebiete durch deutsche oder
österreichische Truppen besetzt sind. Schließlich war Aharonian sehr
besorgt wegen einer Unterredung des Berliner armenischen Delegierten
mit Joffe. Dieser habe gesagt, daß Rußland zur Not Georgien anerkennen
werde, aber nicht Armenien und Aserbeidjan. Lieber würde Rußland
die Türkei mit Waffengewalt hinter die Grenzen von Brest-Litowsk
zurücktreiben. Es scheint, daß die Russenherrschaft von den Armeniern
ebenso sehr gefürchtet wird wie die der Türken.
Bernstorff.
416.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 25. Juli 1918.
An Auswärtiges Amt.
Täglich werde ich von der hiesigen armenischen Delegation mit der
Bitte um Entsendung deutscher oder österreichischer Truppen nach
Armenien bestürmt. Ohne eine solche Hilfeleistung unsererseits
würde es unmöglich sein, die Anarchie in Armenien zu unterdrücken.
Die armenischen Flüchtlinge würden jede Hoffnung verlieren, sich
zusammenrotten und Banden bilden, um die Türken und die Tataren zu
bekämpfen. Gefahr sei im Verzuge. Selbst wenn die Konferenz bald
zusammentreten und Beschlüsse fassen sollte, würden diese in Armenien
nicht befolgt werden, wenn nicht deutsche oder österreichische Truppen
ihre Durchführung überwachten. Aharonian übergab dem Großwesir eine
Denkschrift über die Lage in Armenien, welche ich mit dem nächsten
Feldjäger einreiche. Talaat Pascha machte die üblichen Versprechungen;
diese werden aber natürlich nicht erfüllt werden, da die lokalen
türkischen Militär- und Zivilbehörden Weisungen aus Konstantinopel
bekanntlich nicht befolgen, am allerwenigsten dann, wenn sie wissen,
daß diese Weisungen die Folge eines deutschen Drucks sind.
Bernstorff.
417.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 27. Juli 1918.
An die Deutsche Botschaft, Pera.
General von Kreß drahtet vom 19. Juli:
„Ist bei der türkischen Regierung die dauernde Rückkehr der armenischen
Flüchtlinge nicht sofort zu erreichen, so bitte ich dringend,
durchzusetzen, daß eine größere Anzahl Männer vorübergehend zur
Ausführung der Erntearbeiten in ihre Heimat zurückkehrt. Andernfalls
werden Hunderttausende Hungers sterben müssen. Es ist größte Eile
geboten. Die Türkei muß auf Konferenz unbedingt dazu gezwungen werden,
daß sie die Rückkehr der Armenier gestattet. Armenien ist viel zu
klein, um alle diese Leute zu ernähren.“
Ferner vom 20. Juli:
„Ich halte es für meine Pflicht, nochmals darauf hinzuweisen, daß
wir unter allen Umständen durchsetzen müssen, daß die Türken den
geflüchteten Armeniern sofort die Heimkehr und Bergung ihrer Ernte
gestatten.
Abgesehen vom Gebot der Menschlichkeit würde unser Ansehen und unser
Einfluß im Orient die schwerste Einbuße erleiden, wenn wir uns so
schwach zeigten, daß wir die Rettung einer halben Million Christen vom
sicheren Hungertod bei den Türken nicht durchzusetzen vermögen.“
Euere Exzellenz bitte ich bei der dortigen Regierung in diesem Sinn
nachdrückliche Vorstellungen zu erheben. Der österreichisch-ungarische
Geschäftsträger erhält entsprechende Weisung.
Ich bitte die Oberste Heeresleitung, auf Enver Pascha im gleichen Sinne
einzuwirken[151].
Hintze.
418.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 30. Juli 1918.
An Auswärtiges Amt, Berlin.
Endlich haben sich nun der Großwesir und Nessimi Bey entschlossen,
in der Kaukasusfrage bestimmte Stellung zu nehmen, nachdem die
Angelegenheit mehrfach im Ministerrat besprochen worden ist.
Was die armenischen Flüchtlinge betrifft, so will die türkische
Regierung sofort mit der Zurückführung in die Heimat beginnen.
Talaat und Nessimi behaupteten, daß sie den Widerstand Envers, der
militärische Gründe vorschütze, mit großer Mühe überwunden hätten.
Letzterer habe auch bestimmt verlangt, daß für den Bezirk Achalkalaki
bis nach Abschluß der Konferenz eine Ausnahme gemacht werde. Dort
ständen nur neu gebildete schwache türkische Truppen, auf deren
Disziplin man sich nicht verlassen könne. Die Armenier hätten dort vor
ihrem Rückzug mit den Greueltaten begonnen; es liege daher die Gefahr
nahe, daß die Türken sich rächen würden.
In der Frage der Grenzregulierungen blieb die türkische Regierung
vollkommen intransigent.
Wir haben meines Erachtens gar kein Mittel, die Türken zum Nachgeben zu
zwingen. Mit jeder Art von Repressalien ist bereits vergeblich gedroht
worden.
Sollten Euere Exzellenz es für ausgeschlossen erachten, daß wir auf
obiger Basis zu einer Einigung mit der Türkei kommen, so bliebe meines
Erachtens nur übrig, mehr Truppen nach Armenien und Georgien zu
schicken.
Bernstorff.
419.
Deutscher Militärbevollmächtigter.
Konstantinopel, den 30. Juli 1918.
Generalfeldmarschall von Hindenburg drahtet am 29. 7. für Euere
Exzellenz:
„Verschiedene Meldungen weisen übereinstimmend auf die dringende
Notwendigkeit hin, den armenischen Flüchtlingen die Rückkehr nach
Armenien zu gestatten, damit sie die Ernte einbringen können.
Andernfalls müßten Hunderttausende Hunger sterben, da ihre anderweitige
Versorgung nicht möglich ist. Allergrößte Eile sei geboten. Mit Euerer
Exzellenz weiß ich mich darin eins, daß wir nicht gegen die Bevölkerung
Krieg führen wollen. Euere Exzellenz werden es auch verstehen, wenn
ich mich hier als Christ für die Errettung von 500000 Glaubensgenossen
vom sicheren Hungertod einsetze. Im Interesse der Menschlichkeit bitte
ich Euere Exzellenz, Befehl zu geben, daß die Unglücklichen in ihre
Heimat zurückkehren dürfen. Ich zweifle nicht, daß Euere Exzellenz,
nun Sie durch mich von der Lage der Armenier unterrichtet sind, keinen
Augenblick zögern werden, allerstrengste Weisung zu geben und ihre
Durchführung zu überwachen.“
Lyncker.
Seiner Exzellenz dem Herrn Kriegsminister
und Vizegeneralissimus Enver Pascha.
420.
Großes Hauptquartier, den 31. Juli 1918.
Telegramm.
An General von Seeckt für Enver Pascha.
Die Mitteilungen über die Bewegungen der türkischen Divisionen
in Richtung Djulfa bestätigen, daß in diesen Gegenden Kämpfe
mit Armeniern stattfinden. Ich würde es für einen ebenso großen
politischen wie militärischen Fehler halten, wenn diese Kämpfe über
das militärisch unbedingt nötige Maß ausgedehnt würden. Wir können
auch aus militärischen Gründen nicht über die bedenkliche Stimmung
hinwegsehen, die durch Exzesse gegen die Einwohner bei diesen Kämpfen
in Transkaukasien hervorgerufen würde.
v. Hindenburg.
_August._
421.
Armenische Republik.
Delegation in Berlin. Berlin, den 2. August 1918.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
Wir erlauben uns, in der Anlage Auszüge aus den Briefen unserer
Delegation in Konstantinopel zur gütigen Kenntnisnahme zu überreichen.
Sie konstatieren eine weitere Verschlimmerung der Lage der armenischen
Flüchtlinge, die äußerste Gefährdung ihrer Existenz und eine
bedenkliche Zunahme der blutigen Gewalttätigkeiten der türkischen
Truppen und tatarischen Banden. Angesichts dieser verhängnisvollen
Entwicklung, die uns mit der tiefsten Sorge um unsere Nation erfüllt,
bitten wir, unsere dringende Bitte um baldige Hilfe wiederholen zu
dürfen.
Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung.
Dr. H. Ohandjanian.
Anlage.
Die letzten Nachrichten über die Lage in Kaukasisch-Armenien.
Aus dem Brief des Vorsitzenden des armenischen Nationalrates, Herrn
Aharonian, vom 20. Juli.
„... Sie können sich dort keine Vorstellung davon machen, welchen
ungeheuren Maßstab die Flucht unserer Nation angenommen hat und wie
furchtbar das daraus entspringende Elend ist. Von Eriwan bis Dilidjan
und Neubayazid sind die Straßen ein einziges Meer von armenischen
Flüchtlingen. Die Heeresstraße zwischen Tiflis und Wladikawkas
ist bedeckt von flüchtenden Armeniern... Die 80000 Armenier von
Achalkalaki sind in den Schluchten von Bakuriani zusammengedrängt,
ausgesetzt den amtlichen und nichtamtlichen Feindseligkeiten der
fremden Ortsobrigkeiten. Die Täler von Karakilissa sind gefüllt
mit Flüchtlingen. Dort befinden sich alle armenischen Einwohner
von den Bezirken Kars und Alexandropol. Tataren aus Kaasch und
Bortschalu haben, ermutigt durch die Gegenwart der türkischen
Truppen, unmenschliche Metzeleien gegen sie verübt. So haben sie
allein im Bezirk Karakilissa 2000 Armenier ermordet. Auf der Station
Aschaghaserail wurden armenische Waisen, die mehrere Waggons
füllten, mit ihren Lehrerinnen niedergemetzelt. Überhaupt ist die
Eisenbahnlinie von Karakilissa bis Tiflis das „Schlachthaus“ unserer
Nation geworden... Die Schar der Flüchtlinge, die an Zahl eine halbe
Million übersteigt, schwindet in Not und Elend dahin, täglich und
stündlich... Wenn nicht sehr bald unser Gebiet bis zur Brester Grenze
geräumt wird, ist unser Volk verloren...“
Aus dem Brief des Ministers des Auswärtigen, Herrn Chatissian,
vom 20./23. Juli.
„... Auf unsere Note, betreffend die Frage der Flüchtlinge, hat die
türkische Regierung noch nicht geantwortet, obgleich sie versprochen
hatte, die Angelegenheit binnen drei Tagen zu prüfen... Die türkischen
Truppen verhalten sich sehr unkorrekt und begingen selbst Metzeleien
in Karakilissa, Lori, Nucha, im Bezirk Achalkalaki usw..... Unsere
Flüchtlinge gehen aus Lori über die Berge nach Dilidjan und von dort
nach Neu-Bayazid und Eriwan. Die Türken führen die Tataren aus Kasach
in den Bezirk von Kars über, um sie in den Ortschaften der geflüchteten
Armenier anzusiedeln...“
Aus dem Briefe des Sekretärs der armenischen Delegation in
Konstantinopel
Herrn Kotscharian, vom 20. Juli.
„... Der Verkehr ist noch nicht wiederhergestellt, weder nach Baku noch
nach Eriwan.... Es bestätigt sich, daß viele Armenier aus der Ebene
Schirak festgenommen und nach der Türkei verschleppt worden sind. In
Elisabethpol sind die Armenier von den Türken ihrer Waffen beraubt
worden.... Die armenischen Flüchtlinge aus den Tälern von Lori haben
sich nach Kasach und andere Gegenden zerstreut. Die Heeresstraße nach
Wladikawkas ist endgültig versperrt.... Die Flüchtlinge aus Achalkalaki
sind noch nicht zurückgekehrt, Räuberbanden treiben in diesem Bezirk
ihr Unwesen.... Die Zahl der armenischen Flüchtlinge allein aus unserem
beschränkten Gebiet beläuft sich auf über 600000. Hunger und Epidemien
herrschen unter ihnen und nehmen tagtäglich an Umfang zu.... Die
Armenier entfernen ihre Familien aus der Stadt Baku...“
422.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 3. August 1918.
An Auswärtiges Amt.
Enver Pascha hat folgendes Telegramm an Feldmarschall von Hindenburg
gerichtet:
„Ich habe dem (türkischen) Auswärtigen Ministerium, welches sich mit
der Frage der armenischen Flüchtlinge beschäftigt, mitgeteilt, ich
könne vom militärischen Standpunkt zustimmen, daß die Flüchtlinge in
das Gebiet bis zu 20 km östlich der Bahn Alexandropol-Dschulfa sowie in
die Distrikte zurückkehren, in welchen keine Kämpfe zwischen Muselmanen
und Armeniern stattgefunden haben[152]. Als solcher ist z. B. die
Gegend von Batum anzusehen. Im einzelnen muß Oberbefehlshaber der 3.
Armee bestimmen. Ich vermag noch nicht anzugeben, inwieweit hiernach
vom Auswärtigen Ministerium die Zulassung der Flüchtlinge erfolgen
wird, werde jedoch nicht verfehlen, die Angelegenheit beschleunigen zu
lassen und Euerer Exzellenz Mitteilung von dem Ergebnis zu machen.
Zu meinem Bedauern bin ich aus zwingenden militärischen Gründen bei
vollster Würdigung der Euerer Exzellenz leitenden Beweggründe und dem
lebhaften Bestreben, den Wünschen Euerer Exzellenz zu entsprechen,
nicht in der Lage, die Rückkehr der Armenier in vollem Umfang und ohne
Einschränkung zuzulassen.
Ich bitte, bei Beurteilung dieser Frage unsere Lage den Armeniern
gegenüber in Betracht ziehen zu wollen. Vor Baku, bei Dschulfa und
bei Urmia stehen sie uns im Kampf gegenüber, ihre Verbindung mit
den Engländern ist nachweisbar. Eine Trennung zwischen Volk und
militärischem Gegner ist in diesem Falle kaum möglich bei aller
Bereitwilligkeit, grundsätzlich nicht gegen eine Bevölkerung Krieg
zu führen. Euere Exzellenz verlangen von mir, eine halbe Million zum
Teil bewaffneter und feindlich gesinnter Einwohner im Rücken unserer
kämpfenden Armeen zu lassen, ohne daß irgend eine Gewähr für ihr
friedliches Verhalten gegeben werden kann. Sie werden jedoch wie
früher im russischen, so jetzt im englischen Sold unserer Kriegführung
Schwierigkeiten machen. Zurückgekehrt in Gebiete, die durch
Jahrhunderte alten nationalen Haß durchwühlt sind, werden sie Anlaß zu
neuen blutigen Kämpfen geben. Euere Exzellenz wollen berücksichtigen,
daß seit der letzten russischen Zählung allein im Gebiet Kars sich
die Zahl der muselmanischen Einwohner um 45000 vermindert hat, welche
alle den Verfolgungen der Armenier erlegen sind[153], da in dieser
Gegend eine russische Aushebung nicht stattgefunden hat. Es ist
unausbleiblich, daß das muselmanische Volk in diesen Gegenden zur Rache
aufstehen wird, so daß die türkischen Truppen gezwungen wären, um die
Armenier zu schützen, gegen ihre eigenen Stammes- und Glaubensgenossen
einzuschreiten. Gerade im Interesse der Menschlichkeit muß ein solcher
erneuter Bürgerkrieg mit seinen unausbleiblichen grausamen Folgen
vermieden werden. Die Rückkehr der Armenier würde ein Truppenaufgebot
im Innern bedingen, welches die beabsichtigten Operationen unmöglich
machen und unsere Kriegführung lahmlegen würde. Euere Exzellenz bitte
ich, bei Beurteilung unseres Verhaltens diese Verhältnisse würdigen zu
wollen.
Wenn ein Abzug der Armenier aus Baku und ihre Rückkehr in das
armenische Staatsgebiet unmittelbar oder durch Vermittlung des
Generals von Kreß verlangt wird, so werden von dem in Aserbeidschan
kommandierenden türkischen Befehlshaber keine Schwierigkeiten gemacht
werden. Ihre Entfernung aus Baku kann uns nur erwünscht sein, da es
leichter sein wird, sich mit den dortigen Russen zu verständigen, falls
nicht der dort anscheinend herrschende Einfluß eine Verständigung
verhindert.“
423.
(Auswärtiges Amt.) Berlin, den 4. August 1918.
An General v. Kreß, Tiflis.
Die türkische Regierung hat sich auf unsere von der Obersten
Heeresleitung unterstützten sehr zahlreichen Schritte bereit erklärt,
mit der Zurückführung der armenischen Flüchtlinge in die Heimat sofort
zu beginnen. Nur der Bezirk Achalkalaki bleibt aus militärischen
Gründen bis nach Abschluß der Kaukasuskonferenz ausgenommen. Wir
hoffen, weiter Erfolg zu haben.
Der Staatssekretär
Hintze.
424.
(Delegation im Kaukasus.)
Telegramm.
Abgang aus Tiflis, den 4. August 1918.
Ankunft, den 15. August 1918.
Augenschein und eingehende Besprechung mit Regierung und Katholikos in
Eriwan, von wo wir eben zurückgekehrt sind, haben unsere Auffassung
bestätigt und bestärkt, daß nur baldige Hilfe der Mittelmächte Armenien
vom Untergang retten kann. Kleines jetziges Armenien kann nicht einmal
seßhafte Bevölkerung ernähren, geschweige denn die zurzeit dort
befindlichen drei bis fünfhunderttausend Flüchtlinge, die Herstellung
der Ruhe unmöglich machen. Entgegen dem Willen der Regierung führt
schwierige Lage der Flüchtlinge dauernd zu neuen Bandenbildungen
und hervorruft somit neue Verwickelungen mit Türken. Armenien wird
von Türken ringsum hermetisch abgeschlossen, diese verhindern
jeglichen Handel und Verkehr, veranlassen Abwanderung tatarischer
und persischer Bevölkerung, so daß armenische Regierung Angriff
auf Eriwan befürchtet. Türken haben auch hier Bedingungen Batumer
Friedens nicht eingehalten, sondern halten jenseits Batumer Grenze
wichtige Gebiete besetzt. Armenien nur lebensfähig mit Brest-Litowsker
Grenzen ohne von Türken angestrebte Grenzberichtigungen, welche gerade
wirtschaftlich wichtigste Distrikte an Türkei bringen würden. Zurzeit
sind produktionsfähige Gebiete fast sämtlich von Türken besetzt,
welche sie planmäßig ausraubten. Trotz Vertrags führen sie besonders
große Baumwollvorräte aus. Die Ernte zum Teil von Türken eingebracht,
zum Teil geht sie zugrunde. Bis Nachitschewan muß Eisenbahn unbedingt
armenisch werden. Türken wäre Anspruch auf Truppentransport einzuräumen
wie in Georgien. Bahn in leidlich gutem Zustande. Armenier stellen
ebenso wie ich bestimmt in Abrede, daß es zwischen beiden Staaten zu
Kämpfen kommt, wenn Türken sich auf Batumer Grenze zurückzogen. Envers
gegenteilige Behauptung nur Vorwand, um für die völlige Zerstörung und
Ausbeutung vertragswidrig besetzten Landes Zeit zu gewinnen, Türken
wollen neuerdings von Aserbeidschan aus in rein armenische Provinz
Karabagh einrücken und diese entwaffnen. Neue Kämpfe der wehrhaften
Bergbewohner gegen Mohammedaner sind unvermeidlich, wenn wir sie nicht
daran hindern.
In Eriwan Empfang warm und herzlich.
Kreß.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling.
425.
Der k. u. k. Vertreter in Tiflis. Tiflis, den 4. August 1918.
An Seine Exzellenz den Herrn Minister des k. u. k. Hauses und des
Äußern, Stefan Grafen Burian.
Eröffnung des armenischen Parlamentes.
Während Baron Kreß wegen dringender Angelegenheiten nach eintägigem
Aufenthalte in Eriwan nach Tiflis zurückkehren mußte, blieb ich noch
einen Tag in der Hauptstadt Armeniens, um der Eröffnung des Rates von
Armenien beizuwohnen, hierbei Eindrücke zu sammeln und um noch mit dem
Minister des Innern ein Gespräch zu führen.
Der bisherige Präsident des armenischen Nationalrates verlas von einer
Tribüne vor den 46 Mitgliedern des Parlaments, hinter denen sich ein
zahlreiches Publikum versammelt hatte, eine längere Eröffnungsrede,
in welcher er zuerst einen historischen Überblick über die Vorgänge
gab, die zur Selbständigkeitserklärung geführt haben, durch welche das
Ziel jahrhundertelanger Bestrebungen erreicht worden sei. (Im Jahre
1046 verlor Armenien endgültig seine Selbständigkeit.) Er erklärte
sodann, daß die Grenzen des Batumer Vertrages, innerhalb welcher
Armenien nicht leben könne, nicht feststehend seien und revidiert
werden würden. Alle in Armenien wohnenden Nationalitäten sollen ihr
ruhiges Heim in der Republik haben, daher sei Wert darauf gelegt
worden, daß die Nationalitätenvertreter bereits bei der ersten Sitzung
anwesend seien. (Im Gegensatze hierzu sind im georgischen Nationalrate
bisher nur georgische Volksvertreter, doch soll eine Vertretung der
hiesigen anderen Nationalitäten in dieser Körperschaft geplant sein.)
Er übergebe die Fürsorge für das Wohl des Vaterlandes dem Parlamente
und trete als Präsident des Nationalrates zurück. Er wurde sodann
einstimmig zum Parlamentspräsidenten gewählt. Seine Rede wurde
hierauf zuerst auf türkisch und dann auf russisch verlesen, weil die
Nationalitätenvertreter zum Teil armenisch nicht verstehen.
Die Volksvertretung ist folgendermaßen zusammengesetzt:
18 Daschnakzagan,
6 Freisinnige,
6 Sozialdemokraten,
6 Sozialrevolutionäre,
2 Parteilose,
6 Tataren,
1 Russe,
1 Yeside.
Die Yesiden sind ein den Kurden verwandter Stamm, der Religion nach
sogenannte Teufelsanbeter.
Unter der Präsidententribüne hatten links die Präsidenten des
tatarischen und des russischen Nationalrates Platz genommen, rechts
die Pressevertreter. Über diesen in einer Loge die Minister und
die Generäle, ihnen gegenüber war der leer gebliebene Armstuhl des
Katholikos. Neben diesem war die Loge für die fremden Vertreter, in
welcher sich außer mir zwei deutsche, nach Eriwan zur politischen
und wirtschaftlichen Orientierung detachierte Offiziere, ferner der
türkische und der persische Konsul und der Vertreter der Ukraine
befanden. Außer der erwähnten Rede des Präsidenten wurden keine
Ansprachen gehalten. Ein Teil der Abgeordneten verlangte dringend,
daß am nächsten Tage sofort eine Sitzung abgehalten werde, da die
furchtbare Notlage Armeniens sofortige Arbeit erheische.
Anschließend an die Eröffnungssitzung fand eine Parade aller
Waffengattungen statt, zu der der größte Teil der Truppen morgens von
der nahen türkischen Front gekommen war. Sie waren schlecht adjustiert,
aber bemerkenswert große und kräftige Leute, die stramm marschierten.
Das zahlreiche bunte Publikum -- größtenteils Bauern -- von Polizisten
in Ordnung gehalten, verhielt sich ruhig.
Der k. u. k. Vertreter.
426.
Kaiserlich Deutsche
Delegation im Kaukasus. Tiflis, den 5. August 1918.
Am 30. v. M. abends fuhr ich mit Baron Frankenstein und einigen Herren
meines Stabes von Tiflis über Alexandropol nach Eriwan, um mich der
armenischen Regierung vorzustellen. Essad Pascha hatte sein Versprechen
gehalten und dafür gesorgt, daß unser Zug ohne ernstliche Belästigung
das von den Türken besetzte Gebiet passieren konnte. Die Fahrzeit
betrug etwa 22 Stunden. Wir trafen um 9 Uhr abends in Eriwan ein und
wurden noch zu einem vom Bürgermeister gegebenen Essen eingeladen.
Am 31. vormittags machten wir den Ministern und dem Vorsitzenden des
Nationalrats unseren Besuch und fuhren dann nach Etschmiadzin, um dem
Katholikos unsere Aufwartung zu machen. Seine Heiligkeit lud uns zu
Tisch. Nachmittags kamen der Ministerpräsident und der Präsident des
Nationalrats zu einer langen vertraulichen Besprechung zu uns. Abends
wurde uns zu Ehren ein Bankett gegeben, an dem alle Würdenträger der
Republik Armenien teilnahmen.
Ich trat noch am gleichen Abend die Rückreise an, während Baron
Frankenstein die Einladung zur Teilnahme an der am nächsten Tage
stattfindenden Parlamentseröffnung annahm. Ich konnte mich nicht dazu
entschließen, meinen Aufenthalt in Eriwan zu verlängern, weil die
zurzeit bestehende Spannung zwischen Aserbeidschan und Georgien meine
sofortige Rückkehr nach Tiflis wünschenswert machte.
Die Aufnahme, die uns von der Regierung und der Bevölkerung zuteil
wurde, war warm und sympathisch. Mir fiel besonders vorteilhaft die
gute Haltung und Straßendisziplin der armenischen Offiziere und
Soldaten auf. Der Oberkommandierende General Nazarbekow macht einen
sehr guten Eindruck; er soll auch in der russischen Armee den Ruf eines
besonders tüchtigen Generals besessen haben.
Der Bolschewismus scheint beim armenischen Volke und beim armenischen
Soldaten nur wenig Anhänger gefunden zu haben.
An der Spitze der Regierung steht als Ministerpräsident Herr Ruben
Katschasnuni, ein etwa 60 jähriger, verständiger, sympathischer Mann,
Minister des Innern ist Herr Aram Marukian, Minister des Auswärtigen
Herr Alexander Chatissian, Kriegsminister General Aschwerdian und
Finanzminister Herr Chatschatur Kartschikian.
Die Herren scheinen ruhige besonnene und zielbewußte Arbeiter zu sein.
Eine imponierende Persönlichkeit ist der Katholikos. Ein schöner
stattlicher Greis von etwa 70 Jahren, von der Würde seiner hohen
Stellung und dem ganzen Gewicht der auf ihm lastenden Verantwortung
durchdrungen, klug und zielbewußt, während der Verhandlungen von
einer geradezu abweisenden Zurückhaltung und Kälte, bei Tisch der
aufmerksamste und liebenswürdigste Hausherr.
Die Unterredung des Katholikos mit Baron Frankenstein und mir nahm
einen geradezu dramatischen Verlauf. Während von draußen das Summen und
Brausen der tausendköpfigen Menge von Flüchtlingen, die in den weiten
Höfen des Klosters biwakieren, in das klösterliche Gemach hereindrang,
sprach sich der greise Katholikos bei der ergreifenden Schilderung des
Elends seines Volkes, das der Vernichtung preisgegeben sei, und dem
er als oberster geistlicher Hirte nicht helfen könne, in eine solche
Erregung hinein, daß er am ganzen Körper zitterte. Er beruhigte sich
wieder, als ich die Rolle schilderte, die die Mittelmächte bei den
Armeniergreueln 1915 gespielt haben und ihm auseinandersetzte, wie
Deutschland, das mit einer Welt von Feinden um seine Existenz kämpfte,
der Armenier halber nicht das Bündnis mit den Türken auf das Spiel
setzen konnte, und deshalb gezwungen war, sich auf Proteste gegen das
Vorgehen der Türken in der Armenierfrage zu beschränken.
Im folgenden erlaube ich mir, die augenblickliche Lage Armeniens zu
skizzieren, wie sie sich mir auf Grund persönlicher Beobachtung und auf
Grund der Besprechungen mit den maßgebenden Persönlichkeiten darstellt.
Die Armenier sind zurzeit von den Türken auf einem ganz kleinen Gebiete
eingekreist, das mit Ausnahme des Beckens von Eriwan vollkommen
Hochgebirgscharakter trägt und nahezu völlig unproduktiv ist. Ebenso
wenig wie gegenüber Georgien haben die Türken Armenien gegenüber
die Bestimmungen des von ihnen selbst diktierten Friedens von Batum
eingehalten. Sie haben jenseits der von ihnen festgesetzten Grenze
eine Reihe von Gebieten besetzt, deren Verlust für Armenien ganz
besonders schmerzlich ist, weil ihnen dadurch auch noch die letzten
Produktionsgebiete abgenommen wurden.
Zurzeit scheinen die Türken von Aserbeidschan aus gegen die zu 90
Prozent von Armeniern besiedelte Provinz Karabach vorgehen und die
dortige Bevölkerung entwaffnen zu wollen, unter dem Vorwand, daß dort
neuerdings die Armenier gegen die Muselmanen aggressiv geworden seien.
Die türkische Politik gegen die Armenier zeichnet sich klar ab. Die
Türken haben ihre Absicht, die Armenier auszurotten, noch keineswegs
aufgegeben, sie haben nur ihre Taktik gewechselt. Man reizt die
Armenier, wo nur irgend möglich, man provoziert sie in der Hoffnung,
dadurch einen Vorwand zu neuen Angriffen auf Armenien zu erhalten.
Gelingt dies nicht, so will man sie aushungern und wirtschaftlich
völlig ruinieren. Zu diesem Zwecke wird das unter nichtigen Vorwänden
entgegen dem Vertrag von Batum besetzte Gebiet systematisch und
planmäßig ausgeplündert und alles, was nicht niet- und nagelfest ist,
abgeführt. Die Beute an Kriegsmaterial, die die Türken in und bei
Alexandropol gefunden haben, ist außerordentlich groß. Daß sie entgegen
den Bestimmungen des Aprilvertrages auch alle Baumwolle ausführen,
deren sie habhaft werden können, habe ich bereits gemeldet. Baron
Frankenstein, der im Kraftwagen über Akstafa hierher zurückreiste,
begegnete einer Kolonne von 3-400 schwer mit Baumwolle beladenen
Bauernwagen, die aus Aserbeidschan nach Karakilissa fuhren.
Der Widerstand, den die Türken allen Aufforderungen zum Räumen des
widerrechtlich besetzten Gebietes entgegensetzen, ist meines Erachtens
lediglich darauf zurückzuführen, daß es ihnen noch nicht gelungen
ist, alle Beute aus diesen Gebieten wegzuführen. Armenien befindet
sich demgegenüber in einer sehr schwierigen Lage. Die Regierung ist
fest entschlossen, alles zu vermeiden, was den Türken einen Vorwand
zu neuen Angriffen geben könnte; aber sie besitzt nicht die Macht,
zu verhindern, daß sich immer wieder neue Banden bilden. Es sind
weniger politische Motive, aus denen heraus diese Banden entstehen,
als der Hunger, der die Leute zwingt, auf Raub auszuziehen. Die
Armenier in Karabach sind wilde Bergstämme, die niemals freiwillig
ihre Waffen ausliefern werden. Wenn die Türken trotz meiner Warnungen
die Entwaffnung durchführen wollen, so sind heftige Kämpfe mit allen
den hier üblichen Begleiterscheinungen unvermeidlich. Der bekannte
Bandenführer Andranik sollte in Armenien verhaftet werden. Man konnte
aber nur eines Teiles seiner Bande habhaft werden, der Rest, unter
Andraniks Führung, ist aus der Republik Armenien geflohen und führt nun
auf eigene Faust Krieg gegen die Türken. Die armenische Regierung ist
sich der Gefahr, in der sich ihr Land dauernd befindet, wohl bewußt.
Sie ist entschlossen, dem Kampf auszuweichen und ihn solange wie irgend
möglich zu vermeiden. Sie ist aber ebenso fest entschlossen und weiß
sich darin mit dem ganzen armenischen Volke eins, sich bis zum letzten
Mann zu verteidigen, falls die Türken ihr Land nochmals angreifen
sollten. Die Türken würden dann in einen Gebirgskampf verwickelt, der
unter Umständen recht beträchtliche Kräfte auf längere Zeit bindet --
falls die Armenier nicht durch den Hunger besiegt werden.
Die Behauptung Envers, die Türken müßten die Bezirke von Alexandropol,
Karakilissa usw. besitzen, um Zusammenstöße zwischen Armeniern and
Georgiern zu verhindern, ist darauf berechnet, soviel Zeit zu gewinnen,
daß die Ernte aus diesen Gebieten weggeführt und die Gebiete noch
völlig ausgeraubt werden können.
Was die innere Lage Armeniens angeht, so wird sie außerordentlich
erschwert durch die große Anzahl von Flüchtlingen, die sich gegenwärtig
auf dem kleinen Gebiet Armeniens und insbesondere in der Gegend von
Eriwan angesammelt haben.
Die eingesessene Bevölkerung des derzeitigen Gebietes der Republik
Armenien wird auf 750000 Köpfe geschätzt. Auf dem Gebiet, das schon
diese Leute nicht annähernd ernähren kann, befinden sich zurzeit aber
außerdem noch 300-500000 Flüchtlinge. Diese Leute sind Hals über Kopf
vor den Türken geflüchtet und mußten vielfach ihr ganzes Hab und Gut
zurücklassen. Die geringen Vorräte, die sie mitgebracht haben, sind
schon längst verzehrt. Sie schlachten nach und nach ihr Vieh und
berauben sich damit der letzten Möglichkeit zu Gründung einer neuen
Existenz. Die Regierung schreitet energisch gegen Marodeure ein,
aber der Hunger ist stärker als die Furcht vor der Strafe. Auf diese
Weise geht auch der eingesessenen Bevölkerung der größere Teil ihrer
Ernte verloren. Mit gebundenen Händen müssen inzwischen die Armenier
zusehen, wie in den von Türken besetzten Gebieten die Ernte weggeführt
wird oder zugrunde geht. Die armenische Regierung und den Katholikos
bedrückt die doppelte Sorge, wie die Bevölkerung im laufenden Jahre
ernährt werden soll und wie sich die Ernährungsfrage in der Zukunft
gestalten wird. Wenn es den Zentralmächten Ernst ist mit ihrer Absicht,
die Armenier vor der Vernichtung zu schützen, so müssen sie ihnen auch
so viel Grund und Boden verschaffen, daß wenigstens die Hauptmenge
des Verpflegungsbedarfes aus dem Lande gedeckt werden kann. Über das
laufende Jahr aber müssen wohl oder übel die Zentralmächte durch
Getreidelieferungen hinweghelfen. Ich kann mir nicht vorstellen,
daß das Deutsche Reich ruhig zusehen kann, wie die Muhammedaner ein
christliches Volk der Vernichtung durch Hunger preisgeben.
Nachdem die Türken trotz unserer Vorstellungen die armenische Ernte
zugrunde gehen ließen, ist es wohl nicht mehr wie recht und billig,
daß das zum Unterhalt des armenischen Volkes benötigte Getreide jenen
Beständen entnommen wird, die die Türken sonst aus der Ukraine oder aus
Rumänien erhalten würden.
Die armenischen Flüchtlinge leben im Freien. In kürzester Zeit werden
die Nächte kalt. Dann wird sich zum Hunger der Frost gesellen, um
die Flüchtlinge zu dezimieren, wenn sie nicht vorher in ihre Heimat
zurückkehren durften. Unsere Hilfe muß bald wirksam werden, sonst kommt
sie zu spät. Wenn die Konferenz von Konstantinopel noch lange auf sich
warten läßt, sind viele Tausende von Menschen zum Tode verurteilt.
Die Frage, was zu geschehen hat, um Armenien lebensfähig zu machen
und ihm zu ermöglichen, unter Anlehnung an eine der Mittelmächte ein
selbständiges Dasein zu führen, möchte ich dahin beantworten, daß
Armenien die Grenzen des Brest-Litowsker Vertrages erhalten muß, aber
ohne daß den Türken die von ihnen angestrebten Grenzberichtigungen
bewilligt werden. Gerade diese Grenzberichtigungen würden Armenien
seiner besten Grenzgebiete berauben. Wenn diese Gebiete den Türken
überlassen werden, so geht ihre Produktion infolge der geschäftlichen
Untüchtigkeit der Türken sofort zurück und ist für den Markt verloren.
Bei entsprechendem Ausbau der Bewässerungsanlagen, bei Einfuhr der
nötigen Maschinen usw. werden die Armenier, aber niemals die Türken,
aus diesen fruchtbaren Gebieten eine reiche Ernte von Seide, Baumwolle,
Reis, Wein, Kognak, Spiritus und Obst, wahrscheinlich auch an
Montanprodukten, herausholen.
Ich werde mir in Bälde erlauben, Euerer Exzellenz einen ausführlichen
Bericht über die wirtschaftlichen Verhältnisse in Armenien vorzulegen.
Kreß.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling, Berlin.
427.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 6. August 1918.
An Auswärtiges Amt.
Der Ministerrat hat endlich die Amnestie für die türkischen Armenier
beschlossen, Djambolat wird mit der Ausführung beauftragt[154].
Bernstorff.
428.
(Großes Hauptquartier.)
Telegramm.
Großes Hauptquartier, den 6. August 1918.
Der Kaiserliche Legationssekretär an Auswärtiges Amt.
Bei zweckmäßiger Auswahl der Truppen hat General Ludendorff keine
Bedenken[155]. General v. Cramon erhielt bereits vor mehreren Tagen
Weisung, unter dieser Einschränkung die Frage der Entsendung einer
österreichisch-ungarischen Polizeitruppe mit Generaloberst von Arz zu
besprechen.
Berckheim.
429.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 14. August 1918.
An General v. Kreß, Tiflis.
Die bisherige Haltung der türkischen Regierung in der Angelegenheit der
Rückkehr der armenischen Flüchtlinge nötigt uns zur Prüfung der Frage,
ob eine Abwanderung der Flüchtlinge nach dem Norden möglich ist und
unverzüglich ins Werk gesetzt werden kann.
Euer Hochwohlgeboren wollen sich hierzu umgehend telegraphisch äußern;
gegebenenfalls bitte ich geeignete Maßnahmen in die Wege zu leiten.
v. Stumm.
430.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 20. August 1918.
An General v. Kreß, Tiflis.
Ohne die politische Wichtigkeit, die eine Besserung der Lage der
Armenier für uns und für die Türkei besitzt, im geringsten zu
verkennen, und bei aller menschlichen Teilnahme für ihre Leiden müssen
wir uns doch eine gewisse Zurückhaltung mit Rücksicht auf die Türkei
auferlegen.
Wir würden selbstverständlich für rein humanitäre Maßnahmen freie
Hand haben. In dieser Hinsicht regen hiesige Armenierfreunde an,
der Regierung in Eriwan dasselbe Quantum Getreide zu liefern,
wie der Georgischen Regierung. Ob es möglich sein würde, das
Kriegsernährungsamt zur Hergabe zu bestimmen, ist noch zweifelhaft.
Ehe ich einen Versuch in dieser Richtung unternehme, bitte ich Euer
Hochwohlgeboren um Äußerung, ob es angängig erscheint, Getreide durch
Georgien nach Armenien gelangen zu lassen, obwohl wir den Georgiern
selbst nur ein geringeres Quantum geben können als zuerst versprochen.
Hintze.
431.
Kaiserlich Deutsche Delegation
im Kaukasus. Tiflis, den 21. August 1918.
Urschriftlich dem Auswärtigen Amt, Berlin
gehorsamst vorgelegt.
Frhr. von Kreß.
Der armenische Nationalrat
von Kars. Tiflis, den 19. August 1918.
Der armenische Kirchenrat von Kars, der einzig und allein befugt ist,
den Willen und die Interessen der vielgeprüften armenischen Bevölkerung
des erwähnten Gebietes auszudrücken, protestiert auf das entschiedenste
im Namen der armenischen Bevölkerung des Gouvernements gegen das von
der türkischen Regierung unternommene Referendum der Bevölkerung des
Gouvernements, wonach dieses Gebiet ohne weiteres dem ottomanischen
Reiche einverleibt werden soll und erklärt hierdurch, daß § 4 des
Brester Vertrages durch die türkische Regierung auf die gröbste
Weise verletzt worden ist, da erstens die türkische Regierung teils
mit Gewalt, teils mit Zwang, den sie auf die kaukasischen Regierungen
geübt, wider den direkten und ausgesprochenen Sinn des Vertrages das
Land okkupiert hat und zweitens allein und eigenmächtig ohne Rücksicht
auf die Signatarmächte, die in demselben Paragraphen neben der Türkei
erwähnt werden, die Willensäußerung ~nur der muhammedanischen
Bevölkerung~ herbeigeführt habe, da ja die armenische Bevölkerung,
die eine Majorität im Sandjak Kars bildet mit den anderen christlichen
Völkern gänzlich von ihren Stammsitzen fortgetrieben, jeglicher
juridischer Willensäußerung entzogen worden ist, obwohl sie faktisch
durch ihre Flucht aus dem durch die türkischen Truppen okkupierten
Lande ihre Willensrichtung deutlich zur Genüge an den Tag gelegt hat.
Im Namen der Rechte, die auf Grund des Brester Vertrages der ganzen
Bevölkerung und nicht allein ihrem muhammedanischen Teile zugesprochen
sind, appelliert der armenische Nationalrat von Kars an das Gewissen
der im Brester Vertrage erwähnten Signatarmächte und bittet erstens,
die türkischen Okkupationstruppen, sowie auch die muhammedanischen
Massen, die von verschiedenen Nachbargebieten dorthin gezogen
worden sind, um eine Stimmenmehrheit mit türkischer Orientierung
herbeizuführen, zu entfernen und zweitens, Bedingungen zu schaffen,
die der christlichen Bevölkerung die Rückkehr und die Festsetzung in
ihrer Heimat ermöglichen, damit sie in den Stand gesetzt werden, laut
demselben Vertrage ihre Regierungsform selbst zu bestimmen.
Eine diesbezügliche, ausführliche, durch geschichtliche, geographische
und ethnographische Angaben unterstützte Denkschrift wird in Bälde der
Kaiserlich Deutschen Regierung unterbreitet.
Der Vorsitzende des armenischen nationalen Rates von Kars.
Die Mitglieder: Unterschriften.
Der Schriftführer: Unterschrift.
An die Kaiserlich Deutsche Regierung in Berlin.
432.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 22. August 1918.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Von General v. Kreß ging nachstehendes Telegramm vom 12. August ein:
„Envers Antwort[156] geht von falschen Voraussetzungen aus. Nicht
darum handelt es sich, daß Armenier in das Gebiet östlich von
Alexandropol-Djulfa einwandern dürfen, sondern darum, daß die dort
eingepferchten und durch Hunger zur Verzweiflung getriebenen Armenier
über die Bahn nach Westen zurückwandern dürfen, und daß das Gebiet bis
zur Brester Grenze der Republik Armenien zur Ansiedlung der Flüchtlinge
zurückgegeben wird. Die Durchführung der im Prinzip erteilten Erlaubnis
zur Rückwanderung der Armenier in bestimmte Bezirke, wie Batum, wird
dadurch erschwert, daß Essad Pascha für jeden einzelnen Armenier ein
schriftliches Gesuch verlangt und diese Gesuche nicht erledigt. Nach
Angabe des hiesigen türkischen Vertreters sollen sich bei Essad Pascha
seit Wochen mehr als 1200 unerledigte Gesuche befinden.
Die armenische Regierung will und braucht Frieden mit der Türkei. Bei
Djulfa, Baku und Urmia handelt es sich um Banden, die sich meist aus
ehemaligen türkischen Armeniern zusammensetzen, Leuten, die alles
verloren haben und deshalb weiter kämpfen.
Die rückwärtigen Verbindungen der türkischen Armee könnten durch
Österreicher und Deutsche geschützt werden.
Die auf dem kleinen Gebiet der Republik Armenien bestehende Ansammlung
vom Hungertode bedrohter Hunderttausender von Flüchtlingen bedeutet
zweifellos eine größere Gefahr als die Verteilung der Leute im Lande.“
Euere Exzellenz wollen die Pforte darauf aufmerksam machen, daß ihre
Absicht, den armenischen Flüchtlingen die Rückkehr in gewisse Gebiete
freizugeben, durch das Verfahren Essad Paschas vereitelt wird. Sie
wollen die türkische Regierung um Abhilfe ersuchen und sie bitten,
nochmals zu erwägen, ob nicht überwiegende Gründe dafür sprechen, das
ganze Gebiet bis zur Brester Grenze den Rückwanderern zu öffnen.
v. Hintze.
433.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 24. August 1918.
An den Kaiserlichen Delegierten in Tiflis.
Mit Euerer Exzellenz Reise nach Eriwan und Ihrem dortigen Auftreten
bin ich völlig einverstanden. Da die sehr ernsten Vorstellungen des
Kaiserlichen Botschafters und die energischen Schritte der Obersten
Kriegsleitung die Türkei nicht zur Räumung des armenischen Gebiets und
zur Bewilligung der Rückkehr der Flüchtlinge bestimmt haben, erscheint
es leider zweifelhaft, ob wir überhaupt imstande sein werden, den
Armeniern wirksam zu helfen. Unser weiteres Vorgehen hängt von der
allgemeinen politischen und militärischen Lage ab.
Hintze.
434.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Abgang aus Konstantinopel, den 25. August 1918.
Ankunft, den 26. August 1918.
An Auswärtiges Amt.
General von Kreß telegraphiert unterm 20. August:
„Das scheinbare türkische Zugeständnis in der Frage der Rückkehr
armenischer Flüchtlinge ist vollkommen wertlos. Während in den von
türkischen Truppen besetzten Gebieten die Ernte, soweit sie nicht
von den Türken selbst fortgeschafft wird, aus Mangel an Arbeitskraft
verfault, gehen die zusammengeballten Menschenmassen in den
unproduktiven Gebieten östlich der von Enver Pascha bezeichneten Linie
ihrem sicheren Untergang entgegen. Die Lage verschlimmert sich täglich.
Sollten alle verzweifelten Hilferufe der Regierung und der obersten
Geistlichkeit Armeniens ungehört verhallen, so wird die Verantwortung
für Vernichtung dieses alten christlichen Volkes für immer auf
Deutschland und Österreich lasten. Geschichte wird und kann nicht
gelten lassen, daß die beiden großen Christenreiche Mitteleuropas nicht
imstande waren, wenigstens hier, wo es sich um Sein oder Nichtsein
eines ganzen Volkes handelt, ihrem asiatischen Verbündeten ihren Willen
aufzuzwingen.“
Bernstorff.
_September._
435.
Kaiserlich Deutsche
Delegation im Kaukasus. Tiflis, den 3. September 1918.
Euer Exzellenz berichte ich gehorsamst, daß ich am 30.8., einer
Einladung Halil Paschas und den dringenden Bitten der armenischen
Regierung folgend, zusammen mit Baron Frankenstein Halil Pascha bei
seinem Antrittsbesuch in Eriwan begleitet habe.
Ich habe die an mich gerichtete Einladung angenommen, weil ich hoffte,
bei dieser Gelegenheit Halil Pascha davon überzeugen zu können, daß
die Vorstellungen, die man sich in Konstantinopel von der sogenannten
Armeniergefahr macht, unrichtig und unberechtigt sind. Ich hoffe,
daß es den Berichten Halil Paschas gelingen wird, die türkische
Oberste Heeresleitung davon zu überzeugen, daß all den Schlagworten,
wie „militärische Notwendigkeiten“, „Bedrohung der rückwärtigen
Verbindungen“ und dergleichen mehr, mit denen man den Mord an vielen
Tausenden von Menschen zu rechtfertigen und die Bemühungen des
deutschen Botschafters und der deutschen Obersten Heeresleitung zur
Rettung der Armenier lahmzulegen versucht, jeder berechtigten Grundlage
entbehren.
Die türkischen Truppen im Kaukasus, mit den Armeeführern angefangen
bis herunter zum letzten Leutnant, der auf Grenzwache steht, sind
von Wehib Pascha derart gegen die Armenier und Deutschen verhetzt,
daß es voraussichtlich lange dauern wird, bis es Halil Pascha, der
auf einem weit vernünftigeren Standpunkt steht, gelingen wird, sich
durchzusetzen. Essad und Ali Ichsan Pascha, sowohl wie insbesondere
Schewki Pascha machen ihm nach jeder Richtung hin Schwierigkeiten. Der
letztere hat jüngst Halil Pascha geschrieben, er könne sich mit seiner
Politik in keiner Weise einverstanden erklären. Seitdem er, Halil
Pascha, den Oberbefehl übernommen habe, mache sich schon wieder der
Einfluß dieser Deutschen fühlbar. Hinsichtlich der Einzelheiten unseres
Besuches bitte ich auf die beiliegende Abschrift eines von Baron
Frankenstein verfertigten Berichtes, dem ich in allen Punkten beitrete,
Bezug nehmen zu dürfen.
Ich möchte mir erlauben, die folgenden Punkte als besonders
charakteristisch für die türkische Politik unterstreichen zu dürfen.
1. Auf das Drängen der deutschen Regierung und Obersten Heeresleitung
hin, sagt die türkische Regierung unserem Botschafter und den
armenischen Bevollmächtigten in Kospoli zu, daß die Bezirke Lori and
Pambak unter gewissen Bedingungen den Armeniern eingeräumt werden
sollen. Ein diesbezügliches, von General v. Seeckt unterzeichnetes
Telegramm trifft in Batum ein, mit dem Auftrag, auch mir hiervon
Kenntnis zu geben. 2 Stunden später setzt ein Telegramm Envers den von
General v. Seeckt gezeichneten Befehl außer Kraft. Ich erhalte keine
Mitteilung.
2. Enver ordnet an, daß die armenischen Flüchtlinge, unter gewissen
Bedingungen, nach gewissen Gegenden zurückkehren können. Essad
Pascha sollte die nötigen Vollzugsbestimmungen erlassen. Da dieser
grundsätzlich auf Briefe und Telegramme, die ihm nicht genehm sind,
keine Antwort gibt, schicken Baron Frankenstein und ich den K. u.
K. Oberstleutnant Pawlas nach Batum, um mit Essad Pascha über die
Formalitäten der Rückkehr der Flüchtlinge zu verhandeln. Dieser schickt
ihn wieder weg mit der Behauptung, die Kommandoverhältnisse hätten sich
geändert, Halil Pascha sei nunmehr zuständig. Wir kommen zu Halil, um
von ihm zu erfahren und durch Dokumente belegt zu erhalten, daß die
Behauptung Essads glatt erfunden ist.
3. Halil las uns einen Bericht vor, den er von Nuri Pascha zur
Weitergabe nach Konstantinopel erhalten hatte. In diesem Bericht wird
wider besseres Wissen behauptet, daß „die Armenier“ im Bezirk von
Karabag innerhalb 2 Tagen 30 tatarische Dörfer niedergebrannt hätten.
Nuri weiß sehr wohl, daß es sich hier nicht um die Armenier, d. h.
die armenische Republik, sondern nur um Andranik handelt, mit dem die
armenische Regierung nichts zu tun hat. Nuri weiß ferner sehr wohl,
daß höchstens 10 Dörfer zerstört sind, wenn ein Tatare ihm meldet, daß
30 vernichtet worden seien, er weiß auch sehr wohl, daß man sich in
Kospoli nicht 4 oder 5 armselige Lehmhütten darunter vorstellt, wenn
er von Tatarendörfern meldet. Dies ist nur ein Beispiel für viele,
in welch gewissenlos tendenziöser Weise nach Kospoli berichtet wird,
um dort völlig übertriebene und unrichtige Vorstellungen von der
sogenannten Armeniergefahr zu erwecken. Nur aus dieser wissentlich
falschen Berichterstattung läßt es sich erklären, daß man sich,
ungeachtet unserer Berichte, noch immer auf den Standpunkt stellt, daß
die Rückkehr der armenischen Flüchtlinge in die Heimat eine Gefahr für
die türkische Armee bedeute. „Man kann nicht zugeben, daß eine halbe
Million bewaffneter Feinde im Rücken unserer Armee angesiedelt wird.“
Diese halbe Million bewaffneter Feinde sind Greise, Weiber und Kinder.
Dafür, daß nahezu keine waffenfähigen Männer mehr zurückkehren können,
haben die Türken und Tataren gründlich gesorgt. Es ist ein leichtes,
die Flüchtlinge beim Überschreiten der Grenze völlig zu entwaffnen.
Auf ein weites Gebiet verstreut, bilden die verelendeten Flüchtlinge
eine geringere Gefahr, als wenn sie auf einem engen Raum versammelt
durch Hunger zu Verzweiflungstaten getrieben werden.
Wenn die Armenier wollten, so könnten sie heute tagtäglich in
dem unübersichtlichen Gebirgsgelände ohne alle Schwierigkeit die
rückwärtigen Verbindungen der Türken an einer der zahlreichen
Kunstbauten der Gebirgsbahn Sanain-Karakilissa auf Wochen unterbrechen.
Wenn die Türken sich gegen eine Bedrohung ihrer rückwärtigen
Verbindungen sichern wollen, dann können sie dies nur dadurch tun, daß
sie sich die Armenier zu Freunden machen. Treiben sie aber die Armenier
zur Verzweiflung, so erreichen sie gerade das Gegenteil von dem, was
sie beabsichtigen.
Die diesjährige Ernte in den von den Türken besetzten armenischen
Gebieten ist zum Teil von den Türken eingebracht worden. Zum weitaus
dem größeren Teil aber haben die Türken die Ernte dadurch vernichtet,
daß sie ihre Pferde und ihr Vieh auf die Felder trieben.
Wenn die Flüchtlinge nicht zurückkehren dürfen, so werden diese reichen
Gebiete -- in erster Linie zum Schaden der Türken -- auch im nächsten
Jahre keine Ernte tragen.
Frhr. von Kreß.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling, Berlin.
Anlage.
Ergebnis der Eriwaner Verhandlungen Halil Paschas und der armenischen
Regierung unter unserer Mitwirkung:
Im Gegensatz zu den tendenziös entstellten Meldungen Essad, Schefki
und Nuri Paschas über die der Türkei seitens Armeniens drohende
Gefahr, gewann Halil Pascha den Eindruck, daß Armenien keineswegs
beabsichtigt, gegen die Türkei vorzugehen. Halil versprach, Enver
darüber aufzuklären, es handle sich bei der Rückkehr der Flüchtlinge
hauptsächlich um Frauen, Kinder, Greise, die wenigen übrig gebliebenen
Männer könnten vorher leicht entwaffnet werden. Er bezeichnete selbst
Envers Zugeständnis der Rückkehr der Armenier in Gebiet 20 km östlich
Bahnlinie Alexandropol-Djulfa als wertlos.
Die Rückgabe der Gebiete von Lori und Pambak, die General v. Seeckt vor
einiger Zeit durch Telegramm nach Batum anordnete, Enver Pascha aber
durch ein zweites Telegramm widerrief, versprach Halil wärmstens zu
befürworten.
Essad Paschas Hinterhältigkeit ist durch die Oberstleutnant Pawlas
gegenüber abgegebene offensichtlich unwahre Erklärung erwiesen, die
Feststellung der Gebiete in seinem Kommandobereiche, in welche die
Flüchtlinge ohne Gefahr der Niedermetzelung zurückkehren könnten, falle
infolge Kommandoveränderung in Halil Paschas Kompetenz, was dieser
selbst als unrichtig bezeichnet.
Erbitten eheste Mitteilung, ob Halil in obigem Sinne Enver berichtete,
und mit welchem Ergebnisse.
Sterblichkeit unter den Flüchtlingen zunehmend.
Kreß. Frankenstein.
436.
Kaiserlich Deutsche
Delegation im Kaukasus. Eriwan, den 10. September 1918.
An die Kaiserlich Deutsche Delegation im Kaukasus, Tiflis.
1. Am 9. September traf der politische Vertreter der Türkei, Mehmed Ali
Pascha, mit 2 Offizieren in Eriwan ein.
2. Die erste Zusage Halils, Zurücksendung der armenischen Gefangenen,
ist in Ausführung begriffen. Es sind bis heute ca. 400 Mannschaften
und Offiziere eingetroffen. Der Zustand der Leute ist allerdings
fürchterlich.
Der gestern eingetroffene zweite Transport soll ein gleiches Bild
geboten haben.
Die türkische Regierung hat den armenischen Flüchtlingen erlaubt,
wieder in ihre Dörfer, die jetzt zerstört sind, zurückzukehren.
Eisenmann.
437.
Auswärtiges Amt. Berlin, den 20. September 1918.
An den Herrn Geschäftsträger, Pera.
Talaat Pascha hat geäußert, daß er sich bei seinen hiesigen
Besprechungen mit Georgiern und Armeniern davon überzeugt habe, wie
wichtig ein gutes nachbarliches Verhältnis mit beiden Völkern für die
Türkei sei, und daß, abgesehen von Kars, Ardahan und Batum, das von
den Türken besetzte Gebiet zurückgegeben werden müsse. Es ist daher zu
hoffen, daß die türkische Regierung in der Rückwanderungsfrage jetzt
Entgegenkommen zeigen wird.
von Stumm.
438.
Kaiserlich
Deutsche Delegation. Tiflis, den 23. September 1918.
Wie mir Halil Pascha mitteilt, hat Nuri den Einmarsch regulärer
armenischer Truppen in das Karabachgebiet zur Entwaffnung der Bande
des Generals Andranik mit der Begründung abgelehnt, daß Karabach
aserbeidschanisches Gebiet sei; demnach dürften die türkischen Klagen
über die angeblich illoyale Haltung der armenischen Regierung und
ihr geheimes Einvernehmen mit den Feinden der Türkei fortab jeder
Berechtigung entbehren.
Freiherr v. Kreß.
An das Auswärtige Amt, Berlin.
_Oktober._
439.
Armenische Republik.
Delegation in Berlin. Berlin, den 1. Oktober 1918.
Das Ergebnis der kürzlich in Berlin mit Talaat Pascha gepflogenen
Verhandlungen gestattet uns, zu hoffen, daß die türkische Regierung,
nachdem sie ihren Widerstand gegen die Anerkennung der Brester Grenze
aufgegeben hat, nunmehr durch die baldige Räumung unseres Gebiets ihrem
Zugeständnis die Tat folgen lassen wird. Wir sind uns der Bemühungen
wohl bewußt, die von der Deutschen Regierung aufgewendet wurden, um
dieses für uns erfreuliche Resultat herbeizuführen, und bitten, dafür
den Ausdruck unserer aufrichtigen Dankbarkeit gütigst entgegennehmen zu
wollen.
Unsere hiesige Delegation wurde in einem Augenblick äußerster Gefahr
für unsere Existenz nach Berlin geschickt, um bei der Deutschen
Regierung Schutz und Hilfe zu suchen. Wir wurden hier freundlich
aufgenommen und genossen in weitestem Maße Gastfreundschaft, ein
Zeichen gütigen Wohlwollens, welches wir zu schätzen wissen und das uns
zur Dankbarkeit verpflichtet hat.
Durch die hoffentlich baldige Lösung der Räumungsfrage ist wohl der
dringendste Teil der Aufgabe unserer hiesigen Delegation erfüllt.
Dr. H. Ohandjanian,
Bevollmächtigter Vertreter der armenischen Regierung.
An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.
440.
Kaiserlich Deutsche Delegation
im Kaukasus. Tiflis, den 17. Oktober 1918.
Urschriftlich nebst Anlage
Seiner Großherzoglichen Hoheit dem Reichskanzler,
Prinz Max von Baden,
gehorsamst vorgelegt.
Frhr. von Kreß.
La République de l’Arménie
M. A. E.
Mission diplomatique
en Géorgie, Tiflis. Tiflis, Le 17 Octobre 1918.
Excellence!
J’ai l’honneur de communiquer à Votre Excellence la traduction
textuelle de la note de protestation, que je viens d’adresser à
Monsieur le Représentant Diplomatique de l’Azerbaidjan concernant le
massacre de la population arménienne dans la ville de Bacou.
Je prie Votre Excellence d’avoir l’obligeance de porter à la
connaissance du Gouvernement Impérial le contenu de cette note et
les protestations de mon Gouvernement au sujet des cruautés inouies,
commises lors de la prise de la ville de Bacou.
Profitant de cette occasion, je me fais plaisir de renouveler à Votre
Excellence l’assurance de ma très haute considération.
Djamalian.
Chargé d’Affaires de la République de l’Arménie en Géorgie.
Son Excellence Monsieur le Général Kress von Kressenstein,
Chef de la Délégation Impériale Allemande au Caucase.
La République de l’Arménie.
Mission diplomatique en Géorgie.
Traduction.
Tiflis, le 16 Octobre 1918.
Le soussigné, Chargé d’Affaires de la République d’Arménie en Géorgie,
a l’honneur de communiquer à Monsieur le Représentant Diplomatique
de l’Azerbeidjan auprès du Gouvernement Géorgien, que d’après des
renseignements d’une source certaine, reçus par le Gouvernement de la
République d’Arménie, la prise de la ville de Bacou a été suivie d’un
cruel massacre de la population paisible arménienne sans distinction de
sexe et d’âge et complétée par un pillage des maisons, commis par des
foules musulmanes.
Le nombre des victimes s’élève de vingt cinq jusqu’à trente mille
personnes. Les scènes d’une barbarie inouie ont eu lieu pendant trois
jours, et ce n’est qu’après l’expiration de ce délai, que des mesures
ont été prises par les autorités, et quelques bandits alors surpris sur
place ont été punis.
Lors de l’établissement du pouvoir du Gouvernement de l’Azerbeidjan,
de nombreuses arrestations ont été opérées parmi les restes de la
population arménienne et surtout parmi la classe intellectuelle, quant
aux arméniens riches, des extorqueurs les somment, sous menace de les
délivrer, à verser des sommes d’argent considérables.
Les blessés restés sans soins, les enfants jetés sur le pavé complètent
le spectacle affreux de la domination de la foule dans cette ville.
En informant de ce qui précède, le soussigné a l’honneur de prier
Monsieur le Représentant Diplomatique de porter à la connaissance
du Gouvernement de l’Azerbeidjan la protestation la plus énergique
du Gouvernement de la République d’Arménie, contre la non-prise des
mesures opportunes pour faire cesser le massacre de la population
paisible arménienne. Le Gouvernement de la République d’Arménie insiste
également et sur la punition la plus sévère des personnes coupables
d’agressions contre les habitants arméniens et sur l’adoptation des
mesures efficaces, afin de mettre fin aux violences, qui ont lieu sur
les malheureux survivants.
A. Djamalian.
Pour traduction conforme: M. Toumanoff, Conseiller de Légation.
441.
Kaiserlich Deutsche Delegation
im Kaukasus. Tiflis, den 21. Oktober 1918.
Euerer Großherzoglichen Hoheit beehre ich mich, anliegend Abschrift
einer Eingabe des armenischen diplomatischen Vertreters in Tiflis
gehorsamst vorzulegen.
Ich habe den Vertreter der Delegation in Baku, Oberstleutnant Freiherr
von der Goltz, beauftragt zu helfen, soweit dies möglich ist.
Frhr. von Kreß.
Seiner Großherzoglichen Hoheit dem Reichskanzler
Prinzen Max von Baden.
Anlage.
Stempel der Vertretung
der armenischen Regierung in Tiflis. Tiflis, le 19. Octobre 1918.
Excellence!
Vos bonnes intentions pour tout ce qui concerne Bacou me sont connues.
Je sais également tous les efforts que Votre Excellence a apporté à
introduire à Bacou un détachement avec les troupes turco-tatares, ce
qui aurait occasionné une garantie des biens et des vies des habitants
arméniens de Bacou. Il ne m’est également pas inconnu le refus tenace
qui était opposé à toutes vos intentions.
Tout le monde connaît maintenant les horreurs dont fut victime la
population inoffensive arménienne de Bacou et je n’ai aucun doute
que les renseignements que vous avez, seront à temps communiqués au
Gouvernement et à la nation Allemande. Toutefois la conduite inhumaine
qui continue à avoir lieu envers cette population martyrisée, et le
cauchemar sous lequel continuent à vivre encore les Arméniens de Bacou
-- ne sont pas connus à tout le monde.
Une terreur règne à Bacou. D’après les récits et les rapports des
témoins de nationalités différentes et dans ce nombre il faut inclure
et des musulmans, toute la classe intellectuelle arménienne est arrêtée
et endure des tortures inimaginables. De ce nombre jusqu’à présent nous
avons appris l’arrestation des personnes suivantes.
1. Tigrane Sakharian (docteur en médecine),
2. Djoumchout Aroutiuniantz (l’ex-maire de la ville),
3. Artem Egiasarian,
4. Konstantin Kalantarian (ingénieur),
5. Samson Amiroff,
6. Serge Melikoff,
7. Georges Melikoff,
8. Petre Souraboff,
9. Stepan Tigranian (avocat),
10. Mickail Atabékian (directeur de la banque du Caucase),
11. Konstantin Khisanian (ingénieur),
12. Manandian (avocat),
13. Khoublarian (directeur de la banque de commerce),
14. Grigor Ogandjanian.
La plupart des emprisonnés n’ont aucun rapport avec la politique, car
tous ceux qui ont organisé la défense de la ville de Bacou, d’après les
mêmes sources, ont quittée la ville à temps. L’arrestation de la classe
intellectuelle peut être envisagé comme un acte de vengeance d’une
cruauté inutile.
Les poursuites et les oppressions de la population arménienne ont fait
surgir des groupes d’extorqueurs qui achèvent de ruiner cet élément.
Sous la menace de dénoncer aux autorités, ces groupes d’extorqueurs
somment beaucoup d’arméniens riches à verser des sommes d’argent plus
que considérables et en cas de refus menacent de les faire emprisonner,
les accusant d’avoir pris part au massacre des tatares.
Après le massacre apparurent une foule d’orphelins et de blessés,
équi sans aucun aide de quel coté que ce fut, survivent à des jours
effroyables et des bruits en plus circulent, que les autorités de Bacou
ont l’intention d’amasser les réfugiés dans des camps de concentration,
où ces derniers seront voués sans aucun doute à une mort certaine.
En vous communiquant tous ces faits, je prie Votre Excellence au nom de
l’humanité et de la charité dont vous vous êtes toujours guidés à bien
vouloir protéger les malheureux habitants arméniens afin qu’ils soient
à l’abri des attentats qui pourraient se commettre et sur leurs vies et
sur leurs biens.
Veuillez agréer, Excellence, l’expression de ma plus haute
considération.