1. Die Türken müssen den Brester Vertrag als Basis anerkennen.

2. Um den Türken den Rückzug zu erleichtern, wird der muhammedanische

Bezirk von Achalzich in Form von Grenzregulierungen gegen georgisches

Gebiet nördlich Batum und den rein armenischen Ostteil vom Bezirk Kars

ausgetauscht, wobei Festung Kars den Türken verbleibt.

Halils Stellung noch unbekannt. Sobald der Vorschlag angenommen ist,

kann der Transport türkischer Truppen auf der Strecke Kars-Dschulfa

beginnen, jedoch nur unter deutscher Leitung und Garantie. Ich bitte

daher, sofort kleine Kommission zu schicken, die gemeinsam mit mir

in Tiflis die Bahnsachen bearbeitet, sowie ein deutsches Bataillon,

das Wach- und Ordnungsdienst auf den Stationen von Alexandropol bis

Dschulfa übernimmt. Dies wird von Kaukasiern unbedingt verlangt,

da sie den Türken mit größtem Mißtrauen gegenüberstehen. Türkische

Leitung oder Beeinflussung der kaukasischen Bahn lehnen sie mit größter

Entschiedenheit ab.

Nachsatz: Aus einer Besprechung, die ich nachmittags mit Halil hatte,

geht klar hervor, daß er, Wehib und ich im Prinzip einig sind.

Dagegen bleibt Enver auf seinen Forderungen bestehen und verlangt

ein sofortiges Ultimatum. Soll ein neuer blutiger Krieg im Kaukasus

vermieden werden, so muß der Botschafter unverzüglich dem Großwesir

erklären, daß die deutsche Oberste Heeresleitung niemals Envers

Forderung unterstützen kann und schärfsten Protest gegen das die

verbündeten Interessen schwer schädigende türkische Vorgehen einlegt.“

Bernstorff.

393.

Kars, den 16. Mai 1918.

Am 14. April d. J. trat ich von Konstantinopel die Reise nach meinem

früheren Amtssitz Erzerum an. An Bord der „Gul Nihal“, die eigentlich

nach dem von den Türken am 26. Februar d. J. zurückeroberten Trapezunt

gehen sollte, befand sich Enver Pascha und das türkische große

Hauptquartier. Da auf hoher See durch Funkspruch die Einnahme von Batum

gemeldet wurde, so ließ Enver Pascha trotz erheblicher Minengefahr

die „Gul Nihal“ nach Batum gehen und lief Trapezunt nur an, um den

türkischen Oberbefehlshaber Wehib Pascha an Bord zu nehmen.

Bei dem Aufenthalt in Batum vom 18. bis 20. April konnte ich

authentisch feststellen, daß die Türken, ebenso wie ich es in Trapezunt

am 26. Februar beobachtet hatte, strenge Manneszucht hielten und

den Einwohnern von Batum gegenüber Milde walten ließen. Die meisten

Armenier waren aus Furcht vor Massakres aus Batum geflohen, jedoch

erwies sich ihre Furcht als unbegründet und einige kehrten bereits

dorthin zurück. Gewiß trug die persönliche Anwesenheit Enver Paschas,

Wehib Paschas und des Generals von Seeckt zur Aufrechterhaltung der

Disziplin bei. Es handelte sich hier um Truppen der 37. kaukasischen

Division des Kjasim Bey, die sich bereits bei Trapezunt, Rize und Chope

ausgezeichnet hatten.

Vom 22. bis 25. April hatte ich in Trapezunt Gelegenheit, griechische

und persische Kaufleute zu sprechen, die ebenfalls keine Klagen

über das Verhalten der Türken hatten. In Trapezunt war seit einigen

Tagen der neue Wali eingetroffen und die Zivilverwaltung hatte

wieder eingesetzt. Ich erfuhr Einzelheiten über die Verschickung der

Armenier aus Trapezunt im Sommer 1915, wobei dieselben auf Mahonen

verladen wurden, die jedoch nicht am Bestimmungsort Samsun ankamen,

sondern mit Mann und Maus auf hoher See untergegangen sind[148]. Ich

stellte authentisch fest, daß auf dieser tragischen Fahrt auch der mir

persönlich aus Bagdad und Erzerum befreundete Armenier Regiedirektor

Belekdjian mit seiner hochgebildeten Frau und seinen Söhnen umgekommen

ist. Während der russischen Okkupation hat im Trapezunter Bezirk

Ordnung geherrscht. Als jedoch nach der russischen Revolution vom

Kaukasus aus armenische Regimenter nach Trapezunt in Garnison kamen,

begannen trübe Zeiten für die Muselmanen. Nach dem Abzug der russischen

Truppen im Februar 1918 hatten sich im Gebiet von Trapezunt und

Erzindjan armenische Freischaren gebildet, die das Land gegen die

vorrückenden Türken verteidigen wollten. Auf der Strecke von Trapezunt

bis Erzindjan vom 25. bis 30. April passierte ich viele verwüstete

Dörfer. Ob diese Verwüstungen von den armenischen Freischaren verübt

worden sind, oder ob die abziehenden griechischen Einwohner vor

den anmarschierenden Türken oder die abziehenden Türken vor den

armenischen Freischaren selbst ihre Dörfer angezündet haben, war nicht

festzustellen.

In Erzindjan verblieb ich vom 1. bis 4. Mai. Die Stadt, die ich

in ihrer besten Blütezeit noch im Juni 1914 besucht hatte, war

nicht wieder zu erkennen. Es sollen nach dem türkisch-kaukasischen

Waffenstillstand im Dezember 1917 dort die Armenier unter Führung von

Mrat Pascha ein Schreckensregime geführt haben. 600 Muselmanen im

Alter von 3-70 Jahren sollen ermordet worden sein, Hunderte werden

vermißt. Beim Abzug im März d. J. hatten die Armenier eine Mine

gelegt, um die hervorragenden Regierungskonaks und das von Zeki Pascha

erbaute Generalkommando zu sprengen; die Mine versagte jedoch. Am

furchtbarsten sah das früher blühende armenische Viertel aus, das

nach der Verpflanzung der Armenier aus Erzindjan nach Mesopotamien

von den Türken okkupiert worden war. Der Bischofssitz, in dem ich dem

armenischen Bischof gemeinsam mit dem englischen Konsul in Erzerum,

Mr. Monahan, im Juni 1914 einen längeren Besuch abgestattet hatte, war

völlig abgebrannt.

In Erzindjan erfuhr ich auch noch Einzelheiten von dem tragischen Ende

des mir aus Erzerum befreundeten armenischen Bischofs Sinbad, der ein

gern gesehener Gast im deutschen Konsulat in Erzerum gewesen war.

Nach den mir gemachten Angaben ist Bischof Sinbad, den ich als einen

überaus sympathischen und loyalen türkischen Armenier hochschätzte, im

Juli 1915 auf dem Wege von Erzindjan nach Kemach, einige Kilometer von

Erzindjan entfernt, von türkischen Gendarmen ermordet worden.

Zwischen Erzindjan und Erzerum hatte ich schon auf der

Informationsreise im Juni 1914 festgestellt, daß außer dem Flecken

Mamachatun, dem Sitz des Kaimakams des Kasa Terdjan, nur einige

ganz kleine Weiler am Wege lagen. Mamachatun, um dessen Besitz von

1915 bis 1918 Russen und Türken heftig gekämpft hatten, war ein

Trümmerfeld. Jetzt ist es türkische Etappenstation und von etwa 100

Muselmanen bewohnt. Seit Ende April war bereits wieder eine türkische

Zivilverwaltung eingerichtet. Der Kaimakam sagte mir, daß alsbald

von der türkischen Heeresleitung die Genehmigung zur Rückkehr der

nach Kemach und Kharput geflüchteten muselmanischen Einwohner in ihre

Ländereien zu erwarten sei. Von ihm erfuhr ich auch, daß der bisherige

Wali von Sivas zum Wali von Erzerum ernannt sei und in einigen Tagen in

Erzerum eintreffen solle.

In Erzerum verblieb ich vom 5. bis 8. Mai. Die Stadt, die bereits im

Frieden einen trostlosen Eindruck gemacht hatte, war nun fast gänzlich

verwüstet. Das deutsche Konsulat, das von den Kosaken am 7. Februar

1916 geplündert worden war, hatte bis zur Wiedereinnahme der Stadt

durch die Türken als russisches Hospital gedient. Nun war es türkisches

Hospital; in jedem der fünf Zimmer lagen 10 sieche türkische Soldaten.

Besonders stark hatte das armenische Viertel gelitten, in dem sich

die armenischen Freischaren bis zum Einzug der Türken im April 1918

verteidigt hatten. Dieses Viertel war bereits von den Türken beim

Abzug aus Erzerum zerstört worden, dann jedoch von den Russen wieder

aufgebaut worden. Von den 10000 Armeniern, die ich im Jahre 1914

dort gekannt hatte, fand ich keinen mehr vor. Doch stellte ich mit

Genugtuung fest, daß die beim deutschen Konsulat angestellten Armenier

Solighian und Scherefian sowie alle österreichischen Schutzgenossen

(die armenisch-römisch-katholischen Mechitaristen, sowie der

armenisch unierte katholische Bischof) von den Türken im Sommer

1915 verschont worden waren und sich in Siwas und Konstantinopel in

Sicherheit befinden. Dagegen war der mir befreundete zweite Direktor

der Ottomanbank, Setrak Pasdirmadjian, ein Opfer der Leidenschaften

geworden. Seine Töchter haben zwangsweise türkische Gendarmen

geheiratet und sollen zurzeit in Urfa leben. In Erzerum selbst sollen

bei dem Auszug der Armenier im Juni 1915 Ausschreitungen gegen das

Leben der Deportierten nicht vorgekommen sein, da der Wali Tahsin Bey

nur strikt den Ausweisungsbefehl aus Konstantinopel durchführte. Dem

Führer der Daschnakisten in Erzerum, Rostom Effendi, war es gelungen,

nach Rußland zu entkommen. Die nach der am 6. Februar 1916 erfolgten

Einnahme von Erzerum durch Russen dort verbliebenen Muselmanen hatten

ein trauriges Los. Viele wurden ins Gefängnis geworfen oder nach

Sibirien verschickt. Ein neben mir im Todeskorridor der Zitadelle

Tiflis inhaftierter Kurdenscheich wurde ohne kriegsgerichtliches Urteil

auf Befehl des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch im Februar 1917

gehängt. Einwandfreie Augenzeugen, deutschstämmige russische Soldaten

aus den deutschen Kaukasus-Wolga-Kolonien, hatten mir bereits in

Tiflis übereinstimmend erzählt, daß russische und armenische Soldaten

türkische Frauen und Kinder in Erzerum unter dem Vorwande, nach

Waffen zu suchen, vergewaltigt und geschändet hätten. Einzelheiten

über die gegen die Muselmanen von armenischer Seite verübten

Racheakte teilte der belgische Journalist Simais in Tiflis mit, der

im Stabe des Generals Tschernosuboff den Einmarsch der Russen von

Persisch-Azerbeidjan nach Wan und Rewanduz mitgemacht hatte. Dabei

sollen armenische Drujinen (Freiwilligenkorps) nach dem russischen

Vormarsch auf Bitlis und Musch Einwohner der hinter der neuen

russischen Front gelegenen türkischen Dörfer niedergemetzelt haben.

Von türkischer Seite wurde dann noch erzählt, daß, als die russischen

Soldaten im Januar 1918 freiwillig Erzerum verließen und die Armenier

beschlossen, unter Leitung französischer Offiziere die besetzten

Gebiete der Türkei zu verteidigen, die Muselmanen Erzerums furchtbaren

Martern ausgesetzt worden seien. Hunderte von Muselmanen, Männer,

Frauen und Kinder, seien in zwei gegenüberliegende Häuser eingesperrt

worden, die alsdann angezündet wurden.

Von andrer Seite erfuhr ich jedoch auch, daß vorher die Türken bei der

Wiedereroberung von Erzerum sämtliche in der Stadt zurückgebliebenen

Armenier hatten über die Klinge springen lassen.

Ich reiste von Erzerum über das Schlachtfeld von Sarikamisch nach

Kars, wo ich vom 10. bis 14. Mai verblieb. Nach der Erzählung von

Deutschrussen, die den Einmarsch der Türken in Kars Ende April d.

J. miterlebt haben, war diesmal die Manneszucht gelockert und die

einziehenden Truppen raubten und plünderten. Auch gingen die Türken

sehr rigoros bei Requirierung von Proviant und Vieh vor. Trotz Weisung

Enver Paschas konnte nicht verhindert werden, daß das Symbol von Kars,

eine zur Verherrlichung des russischen Sieges 1878 gesetzte Statue

eines russischen Soldaten in Bronze, der mit dem Fuße eine ottomanische

Fahne zertritt, von den erbitterten türkischen Soldaten sofort

zertrümmert wurde.

Zurzeit leisten die armenischen Truppen, die sich nach Preisgabe der

früheren russisch-türkischen Grenze bei Alexandropol konzentriert

haben, den Türken verzweifelten Widerstand.

Anders.

394.

(Auswärtiges Amt.) Berlin, den 21. 5. 1918.

Aufzeichnung.

Ich habe Herrn Nasariantz beim Abschied folgende Mitteilung gemacht:

Seit die Delegierten des armenischen Nationalrates von dem

stellvertretenden Herrn Staatssekretär empfangen worden sind, haben

sich die Ereignisse im Kaukasus weiter entwickelt. Die Türken haben

sich aus militärischen Gründen veranlaßt gesehen, die Grenzen von

Ardahan, Kars und Batum zu überschreiten. Leider erscheint es

infolgedessen zu Zusammenstößen mit Armeniern gekommen zu sein. Wir

stehen wegen dieser Fragen in Telegrammwechsel mit der türkischen

Regierung. Auch wird bereits in nächster Zeit der Oberst Freiherr von

Kreß, ein guter Kenner der Türkei und der Türken, nach dem Kaukasus

entsandt werden. Die armenischen Delegierten könnten sich nach ihrer

Rückkehr in die Heimat mit ihren Wünschen an Oberst von Kreß wie

auch an General von Lossow wenden. Herrn von Kreß ist die armenische

Angelegenheit besonders ans Herz gelegt worden.

Göppert.

395.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Abgang aus Konstantinopel, den 23. Mai 1918.

Ankunft, den 24. Mai 1918.

An Auswärtiges Amt.

General von Lossow drahtet:

Eine Deputation armenischer Vertrauensmänner sowie die armenischen

Vertreter in transkaukasischer Delegation, die gleichzeitig als

Minister der Regierung angehören, hatten mehrfach Besprechungen mit

mir. Armenier erwarten von Deutschland Rettung und Hilfe in ihrer

verzweifelten Lage.

Das Ziel der türkischen Politik ist, wie ich immer wiederhole, dauernde

Besitznahme der armenischen Distrikte und Ausrottung der Armenier.

Alle gegenteiligen Versicherungen Talaats und Envers sind wertlos.

In Konstantinopel herrscht die extreme armenierfeindliche Richtung.

Türkischer Plan liegt klar vor mir: den muhammedanischen Bezirk von

Achalzich glauben sie sicher zu bekommen, den völlig armenischen Bezirk

von Achalkalaki suchen sie unter Verschleierung der Tatsachen als zum

Bezirk Achalzich gehörig hinzustellen. Die Stadt Alexandropol ist von

ihnen besetzt. Die Bahnstrecke nach Djulfa wollen sie einschließlich

eines Geländestreifens 25 Kilometer östlich der Bahn okkupieren; um ihn

nie wieder mehr zurückzugeben.

Die Annexion des Gouvernements Elisabethpol und Baku haben die

Türken mit Einverständnis tatarischer Bevölkerung bewirkt, zugleich

vorgehen sie auf Baku, um dortige Bolschewiki zu vertreiben und sich

dort festzusetzen. Ferner sind türkische Truppen auf Front südlich

Achalkalaki im Vorrücken gegen Tiflis und Eriwan. Die Armee begleitende

kurdische und tatarische Freiwillige rauben und morden in armenischen

Ortschaften. Männer werden alle abgeführt. Die armenischen Truppen

weichen, um Konflikte zu vermeiden, nach Osten aus. Armenische

Bevölkerung flieht nach Osten, wo sie alsbald auf Tataren stoßen muß,

was zu Massakers führen muß. Türkische Politik hat offenbar das Ziel,

unter Vermeidung von Ultimatum bezüglich des Territorialbesitzes ein

fait accompli zu schaffen. Für armenische Bevölkerung bleibt kein

Platz zum Leben. Dies muß zu Guerillakrieg führen, der Transport und

Nachschub auf Linie Alexandropol-Djulfa unmöglich machen wird. Wie

ich vermute, liegt dies in türkischer Absicht. Der Bevollmächtigte

der Delegation armenischen Volkes, armenischen Nationalrats nachsucht

Schutz Deutschlands gegen völlige Vernichtung und bittet, den Rest

armenischen Territoriums unter deutsches Protektorat zu nehmen.

Offizielles Schriftstück hierfür befindet sich in meiner Hand. Wenn

die Ausrottung der Armenier verhindert werden soll, ist sofortiger

ständigster Druck auf Türkei notwendig. Erbitte baldigst deutsches

Kriegsschiff, damit ein Bataillon nach Poti, ferner Instruktionen über

Stellungnahme zu offizieller armenischer Erörterung. Sofortige Aktion

erforderlich.

396.

(Auswärtiges Amt.)

Telegramm.

Berlin, den 26. Mai 1918.

An den Botschafter, Wien.

Infolge des Verhaltens der türkischen Regierung sind die

Verhandlungen in Batum gescheitert. Die transkaukasische Republik ist

auseinandergefallen, während sich Georgien vermutlich inzwischen als

selbständiger Staat proklamiert hat.

Die türkische Regierung hat sich auf Grund der Bestimmungen des

Brester Vertrags, wonach die Bezirke Ardahan, Kars und Batum von

Rußland geräumt und es der Bevölkerung überlassen wurde, ihre

staatsrechtlichen und völkerrechtlichen Verhältnisse im Einvernehmen

mit den Nachbarstaaten, besonders mit der Türkei, neu zu ordnen,

für berechtigt gehalten, diese Bezirke zu okkupieren. Sie hat aber

an ihren Grenzen nicht haltgemacht, sondern den Vormarsch weiter

fortgesetzt. Die türkischen Delegierten haben bei den Verhandlungen

in Batum mit dem Vorrücken ihrer Truppen immer weitergehende

Gebietsforderungen gestellt. Außer Ardahan, Kars und Batum verlangten

sie die Bezirke Achalzych und Achalkalaki, im Gouvernement Eriwan

die Bahn Alexandropol-Djulfa, einschließlich des Gebiets westlich

davon und einen 25 km breiten Streifen östlich der Bahn, das Gebiet

nördlich Batums bis in die Höhe von Kubelity, wogegen sie sich

zur Rückgabe des weiter nördlich von ihnen besetzten georgischen

Gebietes bereit erklärten. Demgegenüber haben wir der türkischen

Regierung nachdrücklichst geraten, die Grundlage des Brester Vertrages

nicht zu verlassen und ihr empfohlen, die Stadt Batum nicht zu

behalten, sondern den Georgiern zu überlassen, da es sonst wegen der

Bevölkerungsverhältnisse und aus wirtschaftlichen Gründen schwerlich

zu dauernd friedlichen Verhältnissen zwischen Türken und Georgiern

kommen würde. Wir haben einen Austausch des Bezirks Batum nördlich

des Tschorochflusses gegen andere und zwar von Tataren bewohnte

transkaukasische Gebietsteile ins Auge gefaßt und der Türkei dringend

nahegelegt, eine freundschaftliche Einigung mit der transkaukasischen

Regierung herbeizuführen.

Statt diesem Rate zu folgen, haben die Türken jedes Maß verloren. Sie

haben in Elisabethpol und anderen tatarischen Bezirken die türkische

Flagge gehißt, beabsichtigen die Annexion des ganzen Gouvernements

Elisabethpol und Baku und gehen auf Baku vor, um die Bolschewisten

zu vertreiben und sich dort festzusetzen. Auf der Front südlich

Achalkalaki sind türkische Truppen im Vorrücken gegen Tiflis und

Eriwan. Die sie begleitenden kurdischen und tatarischen Freiwilligen

rauben und morden in armenischen Ortschaften, aus denen alle Männer

abgeführt werden. Die armenische Bevölkerung flieht nach Osten, wo sie

alsbald auf Tataren stoßen wird.

Die Lage muß als außerordentlich kritisch bezeichnet werden. Ein

weiterer Vormarsch der Türken würde im Kaukasus den allgemeinen Kampf

entfesseln. Ferner ist zu besorgen, daß die kaukasischen Christen,

besonders die Armenier, dem Wüten der tatarischen Bevölkerung und der

irregulären Truppen preisgegeben, ausgeplündert, aus ihren Wohnsitzen

vertrieben werden und, wenn es ihnen gelingt, ihr Leben zu retten,

in jeder Weise vergewaltigt werden. Wir können es aber weder vor

unserem eigenen Volke, noch vor der Welt verantworten, wenn wir es

zuließen, daß die Bestimmungen des Brester Vertrages, die mit unserer

Hilfe durchgesetzt worden sind, als Freibrief zur Verfolgung der

Christen im Kaukasus mißbraucht werden. Abgesehen hiervon, werden

durch das türkische Vorgehen im Kaukasus starke Kräfte den wichtigsten

militärischen Aufgaben der Türkei, den Operationen zur Verteidigung

Mesopotamiens und Palästinas und zur Wiedergewinnung des verlorenen

Gebietes, entzogen.

Unter diesen Umständen ist dem Kaiserlichen Botschafter in Pera

folgende Instruktion erteilt worden:

„Das Vorgehen der Türken, die sich über unsere, von wahrer

Bundesfreundlichkeit eingegebenen Mahnungen und Warnungen hinweggesetzt

haben, hat die Hoffnung auf eine gütliche Einigung mit dem Kaukasus

zerstört und die kaukasische Konföderation gesprengt. Angesichts dieser

neuen schwierigen und bedauerlichen Lage bitte ich Euere Exzellenz, der

Pforte in freundschaftlicher aber bestimmter Form mündlich folgende

Erklärung abzugeben:

1. Die Kaiserliche Regierung wahrt sich gegenüber allen Geschehnissen

im Kaukasus freie Hand und behält sich namentlich ihre Stellung vor zu

solchen innerhalb oder außerhalb der Bezirke Ardahan, Kars und Batum

getroffenen Maßnahmen, die nicht in Einklang mit dem Friedensvertrag

von Brest-Litowsk stehen.

2. Die Kaiserliche Regierung kann einen weiteren Vormarsch türkischer

Truppen im Kaukasus und eine türkische Propaganda außerhalb der

genannten drei Bezirke weder billigen noch unterstützen.

3. Die Kaiserliche Regierung erkennt die georgische Regierung als

de-facto-Regierung an und erklärt sich vorbehaltlich der Zustimmung

der russischen Sowjet-Republik grundsätzlich zur Anerkennung der

Unabhängigkeit Georgiens bereit. Sie ladet die Kaiserlich Osmanische

Regierung ein, ebenso zu verfahren und die Grenzen Georgiens zu achten.

Die genaue Abgrenzung Georgiens wird unter Beteiligung Deutschlands zu

vereinbaren sein.

4. Die Kaiserliche Regierung ersucht die Kaiserlich Osmanische

Regierung, die angemessene Behandlung der Armenier in den von der

Türkei besetzten Gebieten sicher zu stellen. Sie behält sich nähere

Vorschläge hierüber vor.

5. Die Kaiserliche Regierung macht die Kaiserlich Osmanische Regierung

darauf aufmerksam, daß die Türkei aus den bestehenden politischen

Verträgen gegen Deutschland keine Ansprüche auf Schutz oder Beistand

für solche militärischen oder diplomatischen Aktionen herleiten kann,

die sie ohne unsere Zustimmung oder gar gegen unseren Rat unternimmt.

Die Kaiserliche Regierung lehnt jede Verantwortung für derartige

auf eigene Faust begonnene Unternehmungen ab und muß der Türkei die

Folgen überlassen. Sollte sich durch willkürliche Zersplitterung der

Kräfte die Gesamtlage der Türkei verschlechtern und die Erreichung

der vertragsmäßig verbürgten Ziele in Frage gestellt werden, so wird

sich die Türkei damit abzufinden haben, da wir uns ihr gegenüber auf

eine Mehrbelastung unseres politischen Kontos nicht einlassen können.

Ebenso wenig könnten wir die Türkei decken, wenn gegen die christliche

Bevölkerung des Kaukasus von türkischer Seite Ausschreitungen verübt

würden.“

Unsere Oberste Heeresleitung hat entsprechende Schritte bei der

türkischen Heeresleitung unternommen.

Da Gefahr im Verzuge ist, war es nicht möglich, uns vorher mit der

österreichisch-ungarischen Regierung ins Einvernehmen zu setzen. Ich

wäre aber dem Grafen Burian besonders dankbar, wenn er den Markgrafen

Pallavicini mit größtmöglicher Beschleunigung anweisen wollte, die

gleiche Erklärung wie Graf Bernstorff abzugeben, damit sich die

türkische Regierung einem einheitlichen Vorgehen der beiden verbündeten

Großmächte gegenübersieht und nicht den Versuch macht, die eine gegen

die andere auszuspielen.

Einem schleunigen Drahtbericht über die Antwort des Grafen Burian sehe

ich entgegen.

Kühlmann.

_Juni._

397.

(Auswärtiges Amt.)

Telegramm.

Berlin, den 1. Juni 1918.

An die Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Talaat Pascha hat uns in der Armenierfrage vor mehr als einem Monat

einen Amnestieerlaß als unmittelbar bevorstehend angekündigt und eine

entsprechende Veröffentlichung anheimgestellt. Daraufhin ist hier eine

solche Veröffentlichung veranlaßt worden. Deshalb und als Beweis des

guten Willens der Türken müssen wir erwarten, daß die Amnestie nunmehr

erlassen wird.

Kühlmann.

398.

(Auswärtiges Amt.)

Telegramm.

Berlin, den 3. Juni 1918.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Euere Exzellenz wollen den dort vorliegenden Bericht des Konsuls in

Aleppo vom 15. 5. 1918 inhaltlich beim Großwesir verwerten[149].

Stellvertretender Unterstaatssekretär von Langwerth.

399.

Großes Hauptquartier.

Telegramm.

Den 8. Juni 1918.

Der K. Legationssekretär an Auswärtiges Amt.

General Ludendorff hat an Enver Pascha gedrahtet:

„Die Türkei hat sich ohne irgendwelche Rücksichten auf die

Bundesgenossen über die in Brest geschlossenen Verträge, soweit sie

Transkaukasien betreffen, hinweggesetzt. Die deutsche Regierung hat

hiergegen bereits Verwahrung eingelegt und auf die Folgen eines solchen

Verfahrens hingewiesen. Ich möchte nicht unterlassen, Euerer Exzellenz

zu versichern, daß ich mich mit dem Vorgehen der deutschen Regierung

in vollster Übereinstimmung befinde.

General von Lossow hat den Bahnschutz auf der Bahnlinie

Poti-Tiflis-Alexandropol aus deutschen Kommandos gebildet, nicht

lediglich aus deutschem Interesse, sondern auch im Interesse der

türkischen Operationen in Richtung Djulfa. Diese Bahnwachen sind

deutsche Truppen, und ich erhebe Einspruch dagegen, daß sie von dem

Führer der 3. Armee nicht entsprechend respektiert werden.

Euere Exzellenz ersuche ich nochmals, die durch den Brester Vertrag

gezogenen Grenzen zu respektieren, widrigenfalls ich mir die Freiheit

weiterer Entschließungen vorbehalten muß.

Verträge, die zwischen der Türkei und den transkaukasischen Staaten

unter Umgehung Deutschlands, Österreichs und Bulgariens abgeschlossen

wurden, vermag ich von vornherein nicht anzuerkennen.

Wie Euerer Exzellenz bekannt, habe ich stets Ihre Interessen und

Wünsche warm vertreten. Ich muß es Euerer Exzellenz gegenüber klar

aussprechen, daß ich dies für die Folge nicht nur nicht tun kann,

sondern daß das vertragswidrige Vorgehen der Türkei für mich jedes

Zusammengehen mit Euerer Exzellenz ausschließen würde.“

Berckheim.

400.

Großes Hauptquartier, den 9. Juni 1918.

Der Kaiserliche Legationssekretär an Auswärtiges Amt.

Feldmarschall Hindenburg läßt drahten:

Ich habe an Enver Pascha gedrahtet:

Im Namen der Obersten Heeresleitung ersuche ich Euere Exzellenz,

anzuordnen:

daß alle türkischen Truppen aus dem kaukasischen Gebiet mit Ausnahme

der Bezirke Kars, Ardahan und Batum zurückgezogen werden.

Berckheim.

401.

Tiflis, den 14. Juni 1918.

Bericht über das Blutbad bei Katharinenfeld am 1. Juni 1918.

Ich glaube von dem Ereignis, das sich am 1. Juni in der Nähe von der

Kolonie Katharinenfeld zugetragen hat, ein ziemlich richtiges Bild zu

besitzen. Insofern ich nicht selbst Augenzeuge war von den Tatsachen,

konnte ich dieselben durch Ausfragen von Tataren, die an den Metzeleien

beteiligt waren, und von geretteten Armeniern ergänzen.

Nach blutigen Kämpfen zwischen Türken und Armeniern bei Karakilissa,

in denen die letzteren unterlagen und schließlich von den Türken

umringt wurden, gelang es einer Schar von ungefähr 800 Armeniern --

Soldaten und Flüchtlingen --, in der Richtung der Bahnlinie den Türken

zu entkommen. Unter Verfolgung der Türken flohen diese der Bahnlinie

entlang, und der größere Teil erreichte glücklich die Station Sanain,

wo sie, wie anzunehmen war, die Türken nicht mehr zu fürchten hatten,

da die Station von einer deutschen Truppenabteilung bewacht wurde

und der dortige deutsche Kommandant die Armenier unter seinen Schutz

nahm. Doch ihr Ziel war Tiflis; da allein, glaubten sie, würde ihr

Leben gesichert sein. Sie schlugen den Weg über Ach-Kjoerpi nach

Bolnis-Chatschin ein, wo von der gesamten Zahl nur noch 480 Mann

ankamen. Unterwegs hatten sie große Not: keine Lebensmittel; kein Dorf

wollte sie durchlassen, weder ein tatarisches, noch ein armenisches,

aus der Befürchtung, dafür als Feinde der Türken betrachtet werden

zu können. So mußten sie, meist auf Umwegen, durch tiefen Wald und

auf menschenleeren Bergrücken entlang, flüchten und gelangten den

29. Mai, ganz ausgehungert, in die Nähe des armenischen Dorfes

Bolnis-Chatschin. Da Bolnis-Chatschin bekanntlich ein reiches Dorf

ist, so hofften auch die Unglücklichen hier bestimmt auf Aufnahme

und Unterstützung von seiten ihrer Volksgenossen. Doch, wie ich von

verschiedener Seite vernommen habe, sollen sie bei dem Versuche, sich

dem Dorfe zu nähern, auch hier bewaffnetem Widerstande nicht nur

der Tataren der benachbarten Dörfer, sondern auch der Bewohner von

Bolnis-Chatschin begegnet sein. Sie wurden nachts, währenddem sie sich

in dem benachbarten Walde (von den Deutschen der „Judenwald“ genannt)

aufhielten, von der Seite des Dorfes her beschossen. Da trat ein

tapferer Fähnrich der armenischen Bergbatterie, der sich schon vorher

auf dem Wege als tüchtiger Führer bewährt hatte, kühn mit der weißen

Fahne vorangehend auf und erklärte, daß seine Leute fast waffenlos

seien. Daraufhin wurde ihnen erlaubt, das Dorf zu betreten. Doch hier

mußten sie bald entdecken, daß sie von einer übermächtigen tatarischen

Horde umringt waren, an deren Spitze ein gewisser Israfil-Begh aus

Bolnis-Kapanaktschi stand. Man verlangte von den Belagerten vor allem

die Abgabe ihrer Waffen, die im ganzen ungefähr noch 80 Flinten

ausmachten. Was die übrigen Flinten anbetrifft, so -- gaben die

Flüchtlinge an -- hatten sie die längst teilweise bei Karakilissa an

die Türken verloren, teilweise unterwegs bei der Bevölkerung gegen Brot

ausgetauscht. Nach langem Zögern traten sie schließlich ihre Waffen

ab, unter Versicherung ihrer Volksgenossen, sowie der Tataren, sie

glücklich nach Katharinenfeld zu bringen. Dann erklärte Israfil-Begh,

im Namen des sich in Katharinenfeld befindlichen türkischen Paschas,

des angeblichen Divisionsstabschef aus Dschelal-Ogly, die Entwaffneten

als türkische Gefangene, die er die Aufgabe habe nach Katharinenfeld

zum Pascha zu bringen. Hierbei muß bemerkt werden, daß in der Kolonie

die Gemüter schon längst in Aufregung waren infolge verschiedener

Gerüchte von dem Anrücken der Türken und der verzweifelten Flucht der

armenischen Partisanenschar unter der Führung des berüchtigten und weit

und breit gefürchteten Andraniks.

Die Türken zeigten sich denn eines Tages wirklich in Person zweier

Offiziere, die von Dschelal-Ogly angekommen waren. Doch hatte sich

die Nachricht von der Ankunft des Andraniks nie bewährt. So war es

denn nichts Neues, als am 29. Mai tatarische Reiter mit der Nachricht

angesprungen kamen, daß Andranik mit einem einige tausend Mann

starken Haufen in Bolnis-Chatschin eingetroffen sei, doch wurde die

Angabe so kategorisch wiederholt und dabei betont, Andranik wolle

sich über Katharinenfeld nach Tiflis durchschlagen, daß es wiederum

die ganze Kolonie auf die Füße brachte und eine gewaltige Panik

hervorrief und den deutschen Bataillonschef veranlaßte, sämtliche

Mannschaften unter Gewehr zu bringen. Dies geschah am Abend des 29.

Mai. Um den Durchzug etwaiger Banden durch die Kolonie zu verhindern,

wurden sofort 3 Posten, je 60 Mann stark, in den Richtungen südlich,

westlich und nördlich, in 2 Kilometer Entfernung von der Kolonie

ausgestellt, die, in ununterbrochener Verbindung mit einander

stehend, die ganze Nacht durch Wache hielten. Um Mitternacht wurden

Reiter nach Bolnis-Kapanaktschi ausgeschickt, die von dort ganz

beruhigende Nachrichten brachten. Namentlich ist ihnen unterwegs

niemand begegnet, und in dem Tatarendorfe gab man ihnen eine Auskunft,

aus der man schließen konnte, es sei nichts los. Gegen Morgen wurden

die ausgestellten Posten wieder zurückgezogen. Hierauf trat eine

verhältnismäßige Ruhe ein; die Kolonisten, gewöhnt an verschiedenartige

Provokation der Tataren, kamen zu dem Entschluß, daß auch diesmal

Ähnliches vorliege und begaben sich auf die Arbeit. Nur erschien

an demselben Tage -- das ist der 30. Mai -- wieder ein türkischer

Offizier, nachdem die oben genannten ersten zwei die Kolonie verlassen

hatten. Derselbe gab sich für den Stabschef der Division, die in

Dschelal-Ogly stand, aus. Am selben Tage kamen die Tataren und Armenier

aus den benachbarten Dörfern, u. a. auch aus Bolnis-Chatschin, und

brachten dem „Pascha“ ihre Huldigung dar. Im übrigen verlief der Tag

ruhig.

Am 31. morgens kamen wiederum aus Kapanaktschi Boten (Tataren) mit

der Meldung an den „Pascha“, daß in Bolnis-Chatschin 700 bis 1000

Mann armenischer Soldaten angekommen seien. Doch bald wuchs die

Zahl derselben, da immer neue Boten aus dem Bolnistale ankamen, bis

auf etliche tausend Mann. Die Panik war wieder groß in der Kolonie.

Obwohl ich diesen Nachrichten wenig Glauben schenkte, ging ich doch

auf den Kirchenplatz, um womöglich Näheres zu erfahren. Dort traf ich

den türkischen Stabsoffizier, welcher mir sagte, daß er soeben oben

erwähnte Nachricht erhalten habe, und bat mich, Alarm zu blasen. Es

ist zu bemerken, daß die Angaben der Tataren sich unterdessen schon an

10000 Mann beliefen. Ich, an derartige Übertreibungen tatarischerseits

gewöhnt, riet dem Offizier, den Tataren nichts zu glauben, da ohnehin

5 von meinen Soldaten, die ich vor einer Stunde in den „Faldasch“ (das

Wasserscheidegebirge zwischen dem Muschawer- und Bolnistale) geschickt,

um das Nähere auszukundschaften, in einer Stunde hier sein müßten mit

zuverlässigen Nachrichten. Er war einverstanden, auf das Eintreffen

meiner Soldaten zu warten und gab offen sein Mißtrauen zu den

tatarischen Meldungen kund. Nach einer Stunde kamen meine Soldaten vom

Faldasch zurück und meldeten, die Tataren hätten die ganze Bergkette

Faldasch besetzt, und somit den Weg nach Katharinenfeld abgesperrt.

Obwohl dieser Bericht uns nicht beunruhigte, alarmierten wir doch

sofort die ganze Mannschaft. Es wurden wieder Posten ausgestellt; einer

im Süden bei der Muschawerbrücke und einer im Westen der Kolonie.

Hier muß ich jedoch bemerken, daß diesmal auf den Alarm nur wenige

eintrafen, denn die Kolonisten, die letzten Tage schon so oft

unnötigerweise alarmiert, verhielten sich ziemlich gleichgültig und

schenkten der Bekanntmachung keinen Glauben mehr. Darum konnten nur

verhältnismäßig schwache Posten ausgestellt werden.

Es verlief der Abend und die Nacht zum 1. Juni ganz ruhig. Am Morgen

des 1. Juni ging ich zu dem türkischen Stabsoffizier, welcher mich

mit den Worten empfing: „Es ist doch unglaublich, wie die Tataren

lügen können. Es hat sich nun herausgestellt, daß in Bolnis-Chatschin

nur 80 Mann bewaffneter Armenier sind.“ Auf dieses hin hoben wir die

Posten auf und entließen unsere Mannschaften bis auf die wachthabende

Halbkompagnie, und alles machte sich wieder an die Arbeit, da diese in

den Gärten sehr dringend war.

Bis 5 Uhr nachmittags am 1. war alles ganz ruhig. Da, plötzlich fing

am St. Georgsberg eine heftige Schießerei an. Ich begab mich sofort

in den höher gelegenen Teil der Kolonie, von wo aus man das Tal und

die daran grenzende Anhöhe, die „Tatarensteppe“, übersehen konnte.

Die letztere wimmelte von Tatarenhaufen, deren Zahl ich ungefähr auf

3000 Mann schätzte. Im Verlaufe von etlichen Minuten hatten sich die

Massen ins Tal heruntergewälzt, wo das Schießen immer heftiger wurde.

In unglaublich kurzer Zeit waren große tatarische berittene Haufen im

Galopp den Mühlenweg und den Karbacher Viehtrieb herangeritten und

hatten so ihren Opfern den Zutritt zur Kolonie unmöglich gemacht.

Etliche von den Reitern erklärten den Deutschen, daß diese sich ruhig

verhalten möchten, da sie es nur mit den Armeniern zu tun hätten. An

ein Einmischen unsererseits war übrigens im Moment auch gar nicht zu

denken, da, wie schon gesagt, die ganze Mannschaft entlassen worden war

und sich in den Gärten und Feldern auf der Arbeit befand. Es standen

uns alles in allem nur 90-100 Mann zur Verfügung. Dazu kam noch der

Zufall, daß von den auf der Tatarensteppe Arbeitenden niemand das

Herannahen der Haufen zeitig bemerkt hatte. Und so wußte man den

genauen Sachverhalt lange nicht. Die Tataren sagten nur, das wären die

Armenier, die schon etliche Tage erwartet würden; sie würden jedoch

allein mit denselben fertig werden.

Schnell verpflanzte sich unterdessen der „Kampf“ in die dicht an die

Kolonie angrenzenden Weingärten, bis in die westlichen Straßenenden des

Dorfes hinein, wo wir uns inzwischen, mit Maschinengewehren versehen,

aufgestellt hatten, und zwar anfangs mit der Absicht, keinenfalls

irgend jemand von den Banden in das Dorf herein zu lassen. Erst

durch die von Deutschen geretteten und in die Kolonie eingeführten

Armenier erfuhren wir den wahren Sachverhalt, woraufhin wir uns fest

entschlossen, so viel als möglich, von den Armeniern, koste es was

es wolle, zu retten. Die Armenier erzählten nämlich, daß -- was oben

schon teilweise vorausgegriffen ist -- sie in Bolnis-Chatschin auf

die Versicherung des Tatarenführers Israfil-Begh, sie ungefährdet

nach Katharinenfeld zu bringen, als Kriegsgefangene des türkischen

„Paschas“, ihre Waffen -- etwa 80 Flinten -- ausgeliefert und sich

den Tataren übergeben hätten. Auf dem Wege in die Kolonie seien sie

aber am Fuße des St. Georgsberges plötzlich von ihren Begleitern

überfallen und der größere Teil zwischen der Kolonie und der erwähnten

Stelle niedergemacht worden. Diese Angaben bestätigten sich u. a. auch

tatarischerseits. Nur wenigen, berichteten weiter die Armenier, sei

es gelungen, in die Weingärten zu entkommen, seien jedoch auch hier,

verfolgt von den Tataren, größtenteils niedergemacht worden.

Nun gingen wir energisch vor und stellten den Tataren die kategorische

Forderung, das Gemetzel einzustellen. Wir machten uns bereit zum

Eingreifen, richteten das Maschinengewehr gegen die Tatarenmassen

auf und drohten jeden niederzuknallen, der sich noch erlauben würde,

einem Armenier nachzustellen. Gleichzeitig schickte ich eine Abteilung

deutscher Schützen in das Innere der Kolonie, um sämtliche Muselmanen,

deren in der Kolonie eine große Anzahl wohnt, und die, Blut gerochen,

auch bereit waren, auf die Armenier loszugehen, in ihre Häuser zu

treiben und sie zu bewachen.

Die Tataren, die anfangs, trotz der Drohung der Deutschen, immer

noch vordrangen und fortfuhren, einzelne sich flüchtende Armenier zu

verfolgen, fügten sich zwar grollend den Deutschen, als sie merkten,

daß unserer mehr geworden waren. Die Leute hatten sich unterdessen,

beunruhigt durch das gewaltige Schießen, schleunig allerseits von den

Gärten in die Kolonie begeben und die Mannschaft sich gesammelt. Dies

alles geschah innerhalb von stark zwei Stunden.

Um die Verwundeten aufzulesen und die sich dort noch aufhaltenden

Tataren zu verjagen, durchstreiften wir nun die Gärten und das Tal. Es

bot sich uns daselbst ein schauderhaftes Bild dar. Die ganze Gegend

war bestreut mit nackten blutbefleckten, unmenschlich zugerichteten

Leichen und Schwerverwundeten. Aus verschiedenem Versteck, aus dem

Gebüsch, aus hochgewachsener Saat, aus Wassergräben und Kanälen

krochen auf unseren Ruf die am Leben Gebliebenen hervor und freuten

sich unbeschreiblich, als sie sich in den Händen der Deutschen wußten.

So gelang es uns, hundert unversehrte und 52 verwundete Armenier zu

retten. Die Toten ließen wir vorläufig noch liegen, da es inzwischen

Nacht geworden war, die Verwundeten aber schneller Hilfe bedurften.

Die 152 Mann wurden nun im Schulhause untergebracht, wo ihnen

sogleich ärztliche Hilfe durch die Ärzte Ljesnik und Tetter zuteil

wurde. Auch stellte sich sofort eine Anzahl deutscher Frauen und

Mädchen bereitwillig zur Verfügung, die Unglücklichen zu pflegen. Die

Kolonisten brachten gleich Wäsche, Kleider, Brot, Milch, Butter und

Käse und alles Mögliche herbei, um die Untergebrachten zu stärken.

Diese konnten sich für ihre Rettung nicht genug bedanken.

Erst am nächsten Morgen, am Sonntag den 2. Juni, machten wir uns

daran, die Toten zusammenzufahren. Dank zahlreicher Teilnahme konnte

das schnell geschehen. Wir fuhren sie an einen Hügel westlich von

der Kolonie zusammen. Nachmittags um 1 Uhr wurden sie da in einem

Massengrabe mit der Teilnahme unseres Herrn Pastor Steinwand christlich

beerdigt, im ganzen 270 Mann.

Die hundert Mann, die unversehrt geblieben und von den Kolonisten

mit Kleidern und Speise versehen waren, wurden von dem türkischen

Stabsoffizier als seine Gefangene erklärt und uns zur Bewachung

überlassen. Am selben Tag traf in Katharinenfeld eine Eskadron

türkischer Reiter ein, mit denen die Gefangenen sogleich nach

Dshelal-Ogly befördert werden sollten. Dieser Umstand versetzte die

Armenier in solche Angst, daß noch in derselben Nacht 35 Mann von

ihnen flüchteten, darunter auch der oben erwähnte Fähnrich von der

armenischen Bergartillerie. Die übrigen 65 Mann wurden am 3. Juni mit

den türkischen Soldaten nach Dshelal-Ogly befördert. Die Verwundeten

wurden in Katharinenfeld in unserer Pflege zurückgelassen, wo sie sich

noch jetzt befinden. Jedoch sind davon die am schwersten Verwundeten,

20 an der Zahl, schon gestorben.

Leutnant Walker.

402.

(Kaiserliches

Konsulat Tiflis.)

Telegramm.

Tiflis, den 19. Juni 1918.

An Auswärtiges Amt.

Deutsche Bahnwachen haben unverändert strengen Befehl, nichts

Feindseliges gegen die Türken zu unternehmen. Einfahrt der Türken ohne

deutsche Genehmigung ist gemäß Artikel 2 unseres Abkommens dadurch

verhindert worden, daß die Züge an der Grenze von der deutschen

Kommission angehalten werden mit der Drohung, die Eisenbahnstrecke

werde zerstört, falls die Türken gewaltsam weiterfahren sollten.

Türken haben tatsächlich nachgegeben und haben bis heute noch keinen

Transportantrag bei der deutschen Kommission gestellt.

Türkische Truppen haben gestern morgen nördlich Kalageran deutsche

Truppen beschossen, die Feuer erwiderten. Türken haben auf der Strecke

nach Karakliß 3 Brücken verbrannt, Schanze Tiegenhof, nördlich

von Kalageran, und denken vorläufig nicht daran, auf Karakliß

zurückzugehen. Truppentransporte wegen vernichteter Brücken nunmehr

dort unmöglich.

Türken haben in Batum alle muhammedanischen Nationalisten

(türkenfeindliche und zu Georgien neigende) verhaftet. Hiesige

Regierung bittet dringend, etwas für diese Leute zu tun, da sonst

Abstimmung in Batum voraussichtlich für Türken ausfallen wird.

Schulenburg.

_Juli._

403.

Armenische Delegation. Berlin, den 2. Juli 1918.

An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.

Durch unsere Denkschrift vom 15. Juni und bei Gelegenheit der

Unterredungen, die Sie uns zu gewähren die Güte hatten, durften

wir die Aufmerksamkeit der Deutschen Regierung auf die äußerst

besorgniserregende Lage der armenischen Flüchtlinge im Kaukasus lenken.

Fast aus allen Ortschaften Transkaukasiens, die von den Türken besetzt

wurden, sind die Armenier mit Weib und Kind geflüchtet, Hab und Gut

im Stiche lassend und nur darauf bedacht, das nackte Leben zu retten.

Die Zahl der so geflüchteten Armenier wird, niedrig geschätzt, mit

600000 berechnet (die Flüchtlinge türkisch-armenischer Herkunft nicht

einbegriffen). Viele dieser Unglücklichen haben in den Bergen Zuflucht

gesucht, und fast alle leben unter freiem Himmel, da für Unterbringung

und Verpflegung solcher Massen bei der Einschränkung des armenischen

Territoriums und der allgemein herrschenden Not keinerlei Möglichkeit

besteht.

Ist der Zustand der armenischen Flüchtlinge jetzt schon unerträglich,

so verschlimmert er sich in steigendem Maße von Woche zu Woche.

Das Wenige an Lebensmitteln, die sie vielleicht mitnehmen konnten,

wird bald erschöpft sein, und sie dürfen angesichts des allgemeinen

Mangels auf eine nennenswerte Hilfe von anderer Seite nicht rechnen.

Andererseits naht der Herbst heran, und das Hausen im Freien wird

in dem herben Klima der gebirgigen Gegend ohne ernste Gefahr für

Leben und Gesundheit nicht möglich sein. Dazu kommt noch, daß ihre

Felder und Äcker herrenlos zurückgelassen unbestellt bleiben und

ihre Wirtschaften und Baulichkeiten gänzlich verfallen müssen, wenn

sie nicht bald in ihre Heimatsorte zurückkehren. Das wäre ein Ruin

für viele Hunderttausend Menschen, aber auch ein großer Nachteil

für die Lebensmittelversorgung und das wirtschaftliche Gedeihen von

ganz Transkaukasien. Auch der Umstand, daß unter den armenischen

Flüchtlingen bereits epidemische Krankheiten aufgetreten sind und sich

ausbreiten, birgt Gefahren in sich, die für diese selbst verderblich,

aber auch für die übrige Bevölkerung der Gegend verhängnisvoll werden

können.

Nur durch eine sehr baldige Zurückführung der Flüchtlinge in ihre

Heimstätten könnte allen diesen Gefahren vorgebeugt werden. Dank der

schützenden Hand Deutschlands ist glücklicherweise der Schaden an Leben

und Eigentum infolge des türkischen Einmarsches in Transkaukasien

nicht in dem Maße eingetreten, wie wir es befürchtet hatten. Wird den

Flüchtlingen die Möglichkeit der baldigen Rückkehr in ihre Wohnorte

gegeben, so kann auch der durch ihre Flucht herbeigeführte Schaden

in engeren Grenzen gehalten werden. Aber solange die Türken ihre

Ortschaften besetzt halten, wird es nicht möglich sein, die Flüchtlinge

zur Rückkehr zu bewegen. Sie befürchten, von den Türken festgenommen

und verschleppt zu werden, wie das mit ihren zurückgebliebenen

Volksgenossen an manchen Orten geschehen ist, wo die Männer über 16

Jahre eingezogen wurden und verschwanden.

Die Flüchtlinge werden erst dann zurückkehren, wenn die Türken die

Gegend geräumt haben. Wir durften erfahren, daß die Deutsche Regierung

entschlossen ist und Schritte getan hat, die türkischen Truppen zur

Räumung des armenischen Gebietes bis zu der durch den Brester Vertrag

gezogenen Grenze zu veranlassen. Dieser wirksame Schutz unserer

nationalen Existenz im Kaukasus erfüllt uns mit tiefster Dankbarkeit

und läßt uns vertrauensvoll in die Zukunft blicken. Es bleibt uns

zu bitten, daß die Räumung, da sie nunmehr beschlossen ist, mit

Rücksicht auf die unhaltbare Lage der armenischen Flüchtlinge und die

Dringlichkeit ihrer sehr baldigen Rückkehr rechtzeitig genug erfolgt,

um die geflüchteten Armenier vor größten Gefahren und Nachteilen zu

bewahren.

Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung.

Dr. H. Ohandjanian.

404.

(Kaiserlich Deutsche Delegation

im Kaukasus.)

Telegramm.

Tiflis, den 10. Juli 1918.

An Auswärtiges Amt.

Brieflich eingegangen am 30. Juli.

Bischof Mesrop ist mit Lebensgefahr von Eriwan hierher gekommen, um

deutsche Hilfe zu erflehen. Nach seiner Angabe müssen mindestens

eine halbe Million Armenier Hungers sterben, wenn nicht sofort den

Armeniern die Rückkehr in die Gegend von Sadarabad-Igdir und Darvala

erlaubt wird, um die reife Ernte einzubringen. Die Schilderungen des

glaubwürdigen und verdienten Bischofs sind erschütternd. Die türkische

Absicht, die ganze armenische Nation durch völlige Abschließung

verhungern zu lassen, liegt klar zutage. Essad hat meine Bitte, den

armenischen Flüchtlingen und dem armenischen Nationalrat die Rückkehr

zu erlauben, unter nichtigen Vorwänden abgeschlagen. Stärkster Druck

der Mittelmächte auf die Türken ist dringendes Gebot der Menschlichkeit

und Politik.

Kreß.

405.

Kaiserlich Deutsche Delegation

im Kaukasus. Tiflis, den 11. Juli 1918.

Heute hat mich der armenische Bischof Mesrop, ehemaliger Verweser

des Erzbistums Tiflis, besucht, wie ich Euerer Exzellenz bereits

anderweitig berichtete.

Der Bischof, ein ehrwürdiger Mann, Ende der fünfziger Jahre, ist

in Dorpat geboren und spricht gut deutsch. Er ist allein zu Pferde

über das Gebirge durch die tatarischen Banden hindurch in steter

Lebensgefahr von Eriwan nach Tiflis geritten, um die deutsche Hilfe zur

Rettung der Reste der armenischen Nation zu erbitten.

In ergreifenden Worten schildert der Bischof das Schicksal seiner

Nation. Er hat sich redlich bemüht, das Elend zu lindern und zu helfen.

Mehr als eine halbe Million von Armeniern aus den von den Türken

besetzten und bedrohten Gebieten haben in der ersten Hälfte des April

in panikartiger Flucht ihre Dörfer verlassen und sind vor den Türken

geflohen. Sie sind zurzeit in der Gegend von Eriwan versammelt. Man

hat zwar etwas Geld aufgebracht, um sie zu unterstützen, aber sie

bekommen auch für schweres Geld nichts zu essen. Viele, viele Tausende

leben seit Wochen nur von Gras. Selbstverständlich wüten ansteckende

Krankheiten und fordern zahllose Opfer unter den halb verhungerten und

verelendeten Menschen.

Die Türken haben ungeachtet des Friedensvertrages von Batum und

der Anerkennung der Selbständigkeit von Armenien das armenische

Gebiet nicht geräumt und erlauben vor allem dem in Tiflis sitzenden

Nationalrat und den in Georgien befindlichen Flüchtlingen nicht, in die

Heimat zurückzukehren. Da der Nationalrat keine Verbindung mit Armenien

hat, kann er seinen Regierungspflichten nicht nachkommen.

Die Ernte wird in den nächsten Tagen reif. Sie soll besonders in dem

Gebiet zwischen Sardarabad-Igdir und Darvala gut sein. Wenn aber

den armenischen Bauern nicht in kürzester Zeit gestattet wird, in

ihre Heimat zurückzukehren, so ist die Ernte verloren. Die Armenier

müssen dann entweder Hungers sterben oder ihre Ernährung fällt den

Mittelmächten zur Last.

Etwa 14000 Armenier im Alter zwischen 17 and 60 Jahren sollen von

den Türken zum Arbeitsdienst gepreßt sein. Nach Angabe des Bischofs

herrscht größtes Elend unter ihnen. Jeder Armenier erhält trotz

schwerer Arbeit täglich nur ein Stück türkisches Hartbrot (etwa 200

g). Der Bischof appelliert im Namen der armenischen Nation und in

seiner Eigenschaft als Priester einer christlichen Kirche an die

Großmut Seiner Majestät des Kaisers und der Deutschen Regierung.

Nur Deutschland sei in der Lage, die Türkei zu zwingen, daß sie von

ihrem verbrecherischen Beginnen einer systematischen Aushungerung der

geringen Reste der armenischen Nation ablasse.

Deutschland müsse sich bewußt sein, daß es vor der Geschichte die

Verantwortung zu tragen habe, wenn es seine Macht nicht dazu ausnutze,

um eine christliche Nation vor der Ausrottung durch die Muhammedaner zu

schützen.

Euere Exzellenz bitte ich, meine persönliche Auffassung dahin äußern zu

dürfen, daß nach all den zahlreichen Nachrichten und Berichten, die ich

hier erhalten habe, wohl kaum ein Zweifel darüber bestehen dürfte, daß

die Türken systematisch darauf ausgehen, die wenigen Hunderttausende

von Armeniern, die sie bis jetzt noch am Leben gelassen haben, durch

systematische Aushungerung auszurotten.

Es steht mir nicht zu, Euere Exzellenz auf die Pflichten aufmerksam

zu machen, die Deutschland als christliche Nation den christlichen

Armeniern gegenüber zu erfüllen hat, und auf den Eindruck, den es auf

unsere öffentliche Meinung und die ganze christliche Welt machen wird,

wenn wir die Armenier nicht vom Untergange retten. Ich darf aber die

Aufmerksamkeit Euerer Exzellenz darauf lenken, daß unser Ansehen im

Kaukasus und den umliegenden Gebieten schweren Schaden leiden wird,

wenn es uns nicht gelingt, die Armenier gegen die Türken zu schützen.

Entschieden wird man uns vorwerfen, daß uns der gute Wille gefehlt

habe, oder man wird annehmen, daß wir nicht die Kraft und die Macht

besitzen, den Türken gegenüber unseren Willen durchzusetzen. Wir

würden uns die zahlreichen und infolge ihres großen Reichtums sehr

einflußreichen Georgier armenischer Abstammung zu unversöhnlichen

Feinden machen und würden unseren Gegnern ein ganz besonders wirksames

Propagandamittel gegen uns in die Hand geben.

Ich bitte deshalb Euere Exzellenz ebenso dringend wie gehorsamst, mit

allen verfügbaren Mitteln und möglichst rasch einen energischen Druck

auf die türkische Regierung auszuüben, daß sie sofort ihre Truppen

aus Armenien zurückzieht, den geflüchteten Armeniern die Rückkehr in

ihre Heimat gestattet, dafür sorgt, daß die Armenier unbehindert und

ungefährdet an Leben und Gut ihre Ernte einbringen können, und daß die

zum Arbeitsdienst gepreßten Armenier sofort in ihre Heimat entlassen

werden.

Freiherr von Kreß.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn Grafen von Hertling.

406.

Königlich

Preußische Gesandtschaft. München, den 12. Juli 1918.

Der Nuntius bittet mich soeben, festzustellen, ob es möglich wäre,

durch die Deutsche Regierung dringende Unterstützung für die armenische

und syrochaldäische Bevölkerung im Kaukasus und in Persien zu senden,

da es nicht möglich sei, solche vermittels der englischen Regierung

über Konstantinopel zu schicken.

Der Nuntius ist zu dieser Anfrage durch den Kardinalstaatssekretär

beauftragt und legt auf Beschleunigung der Antwort großen Wert.

Treutler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn Grafen von Hertling.

407.

Armenische Republik.

Delegation in Berlin.

Berlin, den 15. Juli 1918.

An das Auswärtige Amt des Deutschen Reiches, Berlin.

Wir haben die Ehre, in der Anlage Auszüge aus Briefen und Nachrichten

aus der Heimat einzusenden, die als Belege für unsere Mitteilungen über

die kritische Lage in Kaukasisch-Armenien dienen mögen.

Die Bevollmächtigten der armenischen Regierung.

Dr. H. Ohandjanian. A. Suraboff.

408.

Berlin, den 15. Juli 1918.

Neueste Nachrichten aus Kaukasisch-Armenien.

Auszüge aus dem Brief des Präsidenten des Nationalrates Herrn

Aharonian vom 11. Juni (n. S.) aus Tiflis.

... Es hat den Anschein, daß Deutschland bezüglich Georgien ernste

und entschiedene Engagements hat, die es in edler Weise und mutvoll

verwirklicht, während unsere Sache noch in der Schwebe ist. Durch das

türkische Eindringen flieht unser Volk zu Hunderttausenden, alles im

Stiche lassend. Der Bezirk Achalkalaki ist schon ganz entvölkert;

die Stadt ist niedergebrannt und liegt in Trümmern. 80000 Einwohner

sind geflüchtet und haben sich in den Schluchten von Bakuriani

eingeschlossen. Aus ganz Surmalu, aus allen besetzten Gebieten von

Alexandropol und Kars, aus Etschmiadsin und den sonstigen Gegenden, bis

wo die Türken vorgedrungen sind, flieht die Bevölkerung in großer Eile

und geht zu Zehntausenden zugrunde. Diese Tatsache, daß die Türken aus

Stadt und Bezirk Alexandropol die ganze armenische Jugend gesammelt und

ins Innere der Türkei verschleppt haben, verbreitet Schrecken, und kein

Flüchtling will in die von den Türken besetzten Gebiete zurückgehen.

Das armenische Volk geht in den „Krallen“ der Flucht zugrunde, wie

es in Türkisch-Armenien zugrunde gegangen ist. Deutschland, das in

Türkisch-Armenien dieses furchtbare Verbrechen gegen die Armenier

dulden mußte, weil sein Arm nicht hinreichte, wird es dulden wollen,

daß nun auch hier im Kaukasus das armenische Volk durch Hunger und

Flucht ausgetilgt wird, da Deutschlands Arm hinreicht und Wunder

tun kann, wenn es will? Das müssen Sie unseren deutschen Freunden

verständlich machen.

Der deutsche Vertreter, Graf von Schulenburg, verhält sich uns

gegenüber wohlwollend; doch hat er die erforderlichen Anweisungen aus

Berlin noch nicht erhalten, zu unseren Gunsten ebenso zu wirken, wie er

zugunsten Georgiens tätig ist.

In der Tat beherrschen die Türken heute ganz Aserbeidschan bis

Ciskaukasien. Sie beherrschen selbst die armenischen Gebiete, die

nach dem letzten (Friedens-) Vertrag nicht unter die türkische

Herrschaft fallen. Die türkischen Truppen halten besetzt: Lori,

Kasach, Bortschalu. Aus Eriwan haben wir keine Nachrichten. Wir sind

abgeschnitten. Die Eisenbahn und der Telegraph sind außer Betrieb.

Es ist eine unerträgliche Lage. Wir konnten selbst die Nachricht von

dem Friedensschluß dem General Nazarbekoff nicht mitteilen. Wir sind

auch von Baku abgeschnitten. Wir versuchen, eine Regierung unserer

armenischen Republik zu bilden; aber es besteht keine Möglichkeit einer

Reise nach Eriwan. Unser Volk ist herrenlos, unsere Flucht unendlich,

die Sterblichkeit riesengroß. Wir müssen entschieden und sofort wissen:

Will Deutschland uns in der Tat beschützen oder nicht?

Auszüge aus der in Tiflis erscheinenden armenischen Zeitung

„Horizon“ vom 11. Juni (Nr. 112).

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 117 / 134 题