Euer Exzellenz

bitte ich als Vorsitzender der Orient- und Islam-Kommission des

Deutschen Evangelischen Missionsausschusses unsere ernste, neuerdings

aufs höchste gesteigerte Sorge um das Geschick des armenischen Volkes

gehorsamst vortragen zu dürfen, wie ich mich in gleicher Angelegenheit

wiederholt an Euer Exzellenz Herrn Amtsvorgänger habe wenden dürfen.

Wenn schon im Januar d. J. die durch die Verhandlungen in Brest-Litowsk

eröffnete Aussicht auf Wiederbesetzung des von den Russen eroberten

Teils von Türkisch-Armenien durch die Türken die Gefahr neuer,

schlimmer Ausschreitungen nahelegte, so läßt die vom Wolffschen Büro

am 4. Februar mitgeteilte Meldung der Agence Milli für die nächste

Zeit Vorgänge befürchten, die alles, was schon während dieses Krieges

an Greueln bekannt wurde, unter Umständen weit hinter sich lassen

können. Wenn es wahr ist, daß nachdem die russischen Truppen von ihrer

dortigen Front abgezogen sind, die armenischen Kadres des russischen

Heeres aber, verstärkt durch armenische Freischärler von türkischer

Seite, um ihre Landsleute nicht wehrlos in die Hände der nach den

früheren Erlebnissen nicht ohne Grund gefürchteten Türken fallen zu

lassen, sich selbständig zur Wehr gesetzt, die armenische Republik

erklärt, und bereits an türkischer Bevölkerung, die ihnen erreichbar

war, Racheakte verübt haben, so ist nicht nur zu erwarten, daß die

Türken bei der Niederwerfung dieses verzweifelten, in letzter Stunde

gewagten armenischen Freiheitskampfes mit schonungsloser Grausamkeit

vorgehen werden, sondern es ist auch die Lage der noch in Anatolien

und Syrien lebenden Armenier aufs neue und sehr ernstlich gefährdet.

Aber selbst wenn die armenische Bevölkerung im türkischen Machtbereich,

eingeschüchtert durch ihre furchtbaren Erlebnisse in den letzten

Jahren, sich gänzlich loyal verhält, so ist nicht anzunehmen, daß ihre

muslimische Umwelt ihnen das glauben wird. Auf beiden Seiten sind von

der Vergangenheit her Verbitterung, Rachsucht und Mißtrauen jetzt

so hoch gehäuft, daß schon ein grundloses Gerede genügen könnte, um

Ausbrüche der Volkswut auszulösen. Sind aber solche Exzesse erst an

einigen Stellen vorgekommen, so ist das Unheil unter Umständen nicht

mehr aufzuhalten, und das Ende kann die fast völlige Ausrottung des

armenischen Volkes werden.

Diese unsere Sorgen wären selbst in dem Falle begründet, daß die

türkische Regierung jetzt den ernstlichen Willen hätte, Ausschreitungen

zu verhüten, wie auch wir hofften neuerdings voraussetzen zu dürfen.

Aber die erwähnte Meldung der Agence Milli spricht leider stark

für das Gegenteil. Kam es der türkischen Regierung nur darauf an,

militärische Maßnahmen über die Waffenstillstandsgrenze hinaus zur

Pazifizierung ihres früheren Gebietes im voraus vor der Öffentlichkeit

Europas zu rechtfertigen, so genügte dazu der Hinweis auf den dem

Waffenstillstandsvertrag zuwiderlaufenden Abzug der russischen Truppen

und auf das Auftreten irregulärer armenischer Banden. Wenn sie statt

dessen in jener Meldung sich über die an Türken verübten armenischen

Gewalttaten, die, so verabscheuenswert sie sind, nicht ein Tausendstel

dessen ausmachen, was während dieses Krieges Türken an Armeniern

begangen haben, ausführlich ergeht, so kann ihr die Wirkung solcher

Schilderung auf die muselmanische Bevölkerung des eigenen Landes nicht

unbewußt gewesen sein. Dazu kommt, daß in der durch die Agence Milli

unter dem 5. Februar mitgeteilten Rede von Halil Pascha die Worte,

„Wir weisen noch einmal alle Vorschläge oder Ratschläge, die uns

von welcher Seite auch immer in Form einer Einmischung in unsere

inneren Angelegenheiten zugehen, entschieden zurück.“

nach dem Zusammenhang und nach ihrer Betonung auffallen. Ist denn die

Selbständigkeit der Türken in ihren inneren Angelegenheiten durch

irgendwen außer durch die Ententemächte bedroht? Oder soll hier im

voraus einem Einspruch auch der Bundesgenossen, den zu befürchten man

allen Grund hat, ein Riegel vorgeschoben werden?

Ich bitte, das Mißverständnis, als sei diese meine ehrerbietige

Vorstellung aus unfreundlicher, illoyaler Gesinnung gegen unsere

osmanischen Bundesgenossen geflossen, völlig ausschließen zu

dürfen. Die zu der von mir geleiteten Orient- und Islam-Kommission

gehörigen evangelischen Missionen und Liebeswerke verfolgen

rein religiös-charitative Ziele. Unsere Instruktion bildet der

supranationale Missionsbefehl Jesu. Wir dienen den Völkern, zu denen

wir uns gesandt wissen, mit dem Evangelium und sind überall der

bestehenden Obrigkeit untertan. Als einen verhängnisvollen Mißgriff

müßten wir es verurteilen, wenn eine Mission ein unterworfenes Volk

zum Freiheitskampf verleiten, oder in ihm bestärken oder unterstützen

wollte. Als Einzelne verfolgen wir die politischen Ziele unseres

deutschen Vaterlandes, als Missionsarbeiter im fremden Lande kennen

wir politische Ziele nicht. Uns treibt allein christliches Erbarmen,

dieses aber ist ebenso der muselmanischen Bevölkerung zugewandt,

wie der armenischen. Wir können den Untergang eines altchristlichen

Volkes durch fremde und eigene Schuld nicht teilnahmslos mit ansehen,

wissen auch wohl, daß die Türkei durch seine Ausrottung sich selbst

den größten Schaden zufügt, und dürfen auch nicht gleichgültig bleiben

gegenüber dem ungeheuren Ärgernis, mit dem dadurch der deutsche Name in

aller Welt belastet wird.

Von allen Verleumdungen, die gegen Deutschland erhoben sind, hat nach

unserer Kenntnis keine eine so unheilvolle Dauerwirkung erlangt,

wie die, daß Deutschland der verborgene Anstifter der armenischen

Greuel sei. Man geht im Auslande von der irrigen Voraussetzung

aus, daß Deutschland, was es wollte, bei der Türkei habe erreichen

können, ist auch beeinflußt durch türkische Äußerungen, die ohne

Scheu ihre Maßnahmen auf deutschen Befehl zurückführen, und durch die

unseligen Ableugnungen des tatsächlich Geschehenen seitens deutscher

Türkenfreunde, die, wie man im Auslande richtig sieht, dadurch die

türkische Regierung gegen die Vorwürfe der übrigen Welt unempfindlich

machen und in ihrer Armenierpolitik bestärken. Die Überzeugung von der

Verantwortlichkeit Deutschlands für die Behandlung der Armenier durch

die Türken ist tatsächlich in der neutralen und feindlichen Welt so

weit verbreitet und hat so tief gewurzelt, daß auch die Empörung, die

über neuerliche Massakres ausbrechen müßte, in erster Linie wieder

Deutschland zur Last fallen würde. Es kann somit die Frage ihrer

Verhütung nicht lediglich als eine innere Angelegenheit der Türkei

angesehen werden, die Deutschland außer Betracht zu lassen hätte.

Wie aber die politische Leitung Deutschlands deswegen angegriffen wird,

so erregt es in der außerdeutschen Christenheit auch Ärgernis, daß, wie

man meint, wir deutsche Christen und besonders die Missionskreise zu

dem allen gewissenlos stillschweigen. Neue Greuel müssen daher auch den

Riß in der Christenheit noch weiter vertiefen.

Aus all diesen Gründen bitte ich inständigst und gehorsamst, mit allen

überhaupt in Frage kommenden Mitteln auf die türkische Regierung

einzuwirken, daß sie die Maßnahmen gegenüber den armenischen

Insurgenten in den Grenzen des Unerläßlichen halte und an ihrem Teil

Ausschreitungen allerwärts ernstlich zu verhüten suche.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 113 / 134 题