Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.
Hermann Müller, Reichenbach, M. d. R.
An das Auswärtige Amt, Hier.
364.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 10. Dezember 1917.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Durch die deutsche sozialdemokratische Partei hat das
holländisch-skandinavische Komitee, welches die Sozialisten neutraler
Länder vertritt, unsere Intervention bei der türkischen Regierung
erbeten, damit angeblich geplante neue Armenierverschickungen aus
Konia und Aleppo und Umgegend unterbleiben.
Bitte bei dortiger Regierung festzustellen, ob der in letzter Zeit
mehrfach von feindlicher Presse erwähnte Verschickungsplan tatsächlich
besteht und gegebenenfalls dringend von Ausführung abzuraten.
Kühlmann.
365.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 11. Dezember 1917.
An Auswärtiges Amt.
Antwort auf Telegramm vom 10. Dezember.
Großwesir bittet kategorisch zu dementieren, daß neue Deportierung von
Armeniern erfolge.
Vertraulich fügte er hinzu, er habe die Absicht, wenn es zum
Separatfrieden mit Rußland komme, einen allgemeinen Gnaden- und
AmnestieerlaB für Armenier nebst Geldbewilligung zu veröffentlichen.
Jeder deportierte oder gefangene Armenier solle frei hingehen können,
wohin er wolle, und mit Geld unterstützt werden. Die Finanzfrage habe
er -- Talaat Pascha -- bereits mit Djavid Bey erörtert.
Bernstorff.
366.
Kaiserlich
Deutsche Botschaft. Pera, den 16. Dezember 1917.
Der armenisch-katholische Patriarch, Monseigneur Terzian, hat mir
kürzlich die in der Anlage beigefügte Übersicht über den Bestand der
armenisch-katholischen Gemeinden in den von den Armenierverfolgungen
betroffenen Bezirken in Kleinasien und Ostanatolien übergeben.
Danach zählten diese Gemeinden vor dem Kriege rund 70000 Seelen mit 157
Geistlichen und 128 Ordensschwestern; hiervon sind:
1. an Ort und Stelle
verblieben 16360 (23,37 %) 21 Geistliche, 24 Ordensschwestern
2. ausgesiedelt:
a) an anderen Orten
angesiedelt 13050 (18,64 %) 37 „ 56 „
b) verschollen 40590 (57,99 %) 99 „ 48 „
---------------------------------------------------
70000 157 „ 128 „
Unter den Verschollenen dürfte sich ein, wenn schon geringer
Prozentsatz von solchen finden, die sich zurzeit noch versteckt halten
oder zum Islam übergetreten sind; anderen dürfte es gelungen sein, nach
Rußland oder Persien zu flüchten. Von der Mehrzahl kann jedenfalls
angenommen werden, daß sie durch Krankheiten und Entbehrungen und auf
gewaltsame Weise ums Leben gekommen ist. Am schlimmsten betroffen sind
die Gemeinden Diarbekr, Trapezunt, Siwas, Tokat, Harput, Kaisarieh,
Musch und Malatia. Sämtliche Verschickte sind aber durch die mit der
Aussiedelung verbundenen Vermögenskonfiskationen um ihr gesamtes Hab
und Gut gekommen.
Bernstorff.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Grafen von Hertling.
1918
_Februar._
367.
(Auswärtiges Amt.)
Telegramm.
Berlin, den 8. Februar 1918.
An Deutsche Botschaft, Pera.
Deutsche Armenierfreunde sind durch Meldung der Milli-Agence
vom 4. Februar über armenische Greuel lebhaft beunruhigt. Sie
bezweifeln Richtigkeit dieser Meldungen und befürchten türkische
Vergeltungsmaßnahmen.
Euere Exzellenz bitte ich, bei der dortigen Regierung bei jeder sich
bietenden Gelegenheit mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen: Es
ist im eigensten Interesse der Türkei durchaus notwendig, bei dem
Vormarsch der Kaukasusarmee die strengste Disziplin zu halten, von
allen Vergeltungsmaßregeln abzusehen und lediglich diejenigen Armenier
den Gerichten zur Bestrafung zu übergeben, die an Verbrechen gegen die
muselmanische Bevölkerung teilgenommen haben.
Für die Türkei, und zwar auch für ihr Verhältnis zu den Bundesgenossen
müßte eine Wiederholung der türkischen Armeniergreuel die schwersten
Folgen haben. Erbitte Drahtbericht über die Aufnahme Ihrer
Vorstellungen.
Freihr. v. d. Bussche.
368.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Konstantinopel, den 10. Februar 1918.
An Auswärtiges Amt.
Antwort auf Telegramm vom 8. Februar.
Bereits mehrfach habe ich mich im Sinne der Weisungen Euerer Exzellenz
ausgesprochen, insbesondere General v. Seeckt gebeten, dafür zu sorgen,
daß nicht etwa militärischerseits Repressalien angeordnet werden. Auch
Halil werde ich energisch auf mögliche Folgen aufmerksam machen. Da
hierzulande nur ein Mann Autorität besitzt, nämlich Talaat Pascha,
dürfte es sich daher empfehlen, schon jetzt vor seiner Abreise aus
Brest oder Berlin auf ihn einzuwirken.
Bernstorff.
369.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 11. Februar 1918.
An Auswärtiges Amt.
Im Anschluß an Telegramm vom 10. Februar.
Auf meine Vorstellungen antwortete mir Halil Bey, daß sehr strenge
Befehle erlassen wären, um Repressalien wegen der armenischen Banden
zu verhindern. Ich erinnerte den Minister an das Versprechen des
Großwesirs, nach Abschluß des Friedens mit Rußland eine armenische
Amnestie zu erlassen, und sagte ihm, jetzt sei dazu der Moment
gekommen, worin mir Halil Bey zustimmte. Ich darf annehmen, daß der
Herr Staatssekretär Gelegenheit gehabt haben wird, Talaat Pascha
in unserem Sinne zu beeinflussen, da mir Halil Bey sagte, daß der
Großwesir die Frage mit Trotzki besprochen hätte.
Bernstorff.
370.
Orient- und Islam-Kommission
des Deutschen Evangelischen Missions-Ausschusses.
Berlin, den 11. Februar 1918.