wollen es mir nicht verübeln, wenn ich noch einmal eine dringliche
Bitte zugunsten des armen armenischen Volkes ehrerbietigst vorzutragen
mir erlaube.
An den Wechsel des Großwesirats hatte sich, wie Nachrichten vom Orient
erkennen ließen, die Hoffnung auf Milderung der gegen die Armenier
getroffenen Maßnahmen geknüpft. Neuere Eingänge, die durch die dem
Auswärtigen Amt vorliegenden Berichte nur bestätigt werden, lassen
leider erkennen, daß das Elend noch immer wächst, ja neuerdings wieder
Verschärfungen eingetreten sind.
Sollte es nicht Euerer Exzellenz möglich sein, die Anwesenheit des
Herrn Großwesirs zu benutzen, um ihm persönlich darzulegen, wie
schlechthin unerträglich es für uns deutsche Christen ist, mit
verschränkten Armen mit ansehen zu sollen, daß ein altes christliches
Volk unter den Händen unserer Bundesgenossen dahinstirbt, und ihn zu
bitten, daß er endlich eine Lösung der Armenierfrage suche, die den
politischen Bedürfnissen und den wahren Interessen des osmanischen
Reiches entspricht, ohne seine neue Entwicklung mit so furchtbarer
Blutschuld und dem Fluch der gesamten gesitteten Welt zu beladen?
Die Frage ist besonders dringlich geworden durch den Abbruch der
politischen Beziehungen zwischen der Türkei und Amerika, weil dadurch
die Fortführung der amerikanischen Liebestätigkeit in Frage gestellt
ist. So sollte wenigstens uns Deutschen, deren loyale Gesinnung gegen
die Türkei ja jenseits jeden Zweifels steht, der Weg zur Hilfeleistung
vertrauensvoll freigegeben werden.
D. Karl Axenfeld,
Vorsitzender der Orient- und Islamkommission
des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses.
Seiner Exzellenz dem Herrn Reichskanzler, Berlin.
337.
(Auswärtiges Amt.) Berlin, den 6. Mai 1917.
Euer Hochwohlgeboren beehre ich mich auf das an den Herrn Reichskanzler
gerichtete gefällige Schreiben vom 27. v. M. zu erwidern, daß die
Armenierfrage selbstverständlich bei Talaat Pascha während seiner
Anwesenheit in Deutschland zur Sprache gebracht und unser Standpunkt
dabei nachdrücklich dargelegt worden ist.
Wegen Euer Hochwohlgeboren Anregung, im Hinblick auf die Einstellung
der amerikanischen Liebestätigkeit der deutschen Hilfeleistung, wenn
möglich, einen weiteren Spielraum zu verschaffen, habe ich mich mit dem
Kaiserlichen Botschafter in Konstantinopel in Verbindung gesetzt.
Zimmermann.
An den Vorsitzenden der Orient- und Islamkommission des Deutschen
Evangelischen Missionsausschusses, Herrn Missionsdirektor D. Karl
Axenfeld, Hochwohlgeboren, Berlin.
338.
(Notstandswerk Urfa.) Urfa, den 28. April 1917.
Gestern bin ich wohlbehalten von Rakka zurückgekehrt. Dort angekommen,
erfuhr ich, daß die dortigen Emigranten kurz vor Ostern (armenische)
250 Ltq. Gold von Aleppo erhalten haben. Aber was bedeutet dies für
die Übriggebliebenen! Jedes Glied erhielt 5 Piaster. Ich konnte auch
nicht mehr geben. Also eine Verlängerung der Leiden bis zum Eintritt
des sicheren Hungertodes um einige Tage! Wenn deren Gebundenheit an
den Ort noch länger als zwei Monate anhält, so wird wenig mehr von
ihnen übrig bleiben. Der Hunger wird sie alle hinraffen. Ich überlege
mir, ob es nicht richtig wäre, in Zukunft, wenn wieder Mittel für die
Unglücklichen anlangen, man nicht am besten täte, damit eine kleinere
Anzahl zu beschenken, damit diese wenigen womöglich durchgebracht
werden.
Ohne eine Summe von 3-5000 Ltq. wieder dorthin zu gehen, ist bei diesen
niedrigen Notenkursen eigentlich fruchtlos, denn was sind 5 Goldpiaster
(92,5 Pf.)! Allerdings ist vorauszusehen, daß bis in zwei Monaten viele
am Hunger gestorben sein werden und daß dann vielleicht auch mit einer
kleineren als der oben genannten Summe noch etwas zu erreichen wäre.
Auf der Rückreise besuchte ich auch noch die 400 Emigranten im Dorfe
Ain Isse. Hier der gleiche, womöglich noch trostlosere Zustand wie
in Rakka. Bis jetzt konnten sich die Armen noch von Gras ernähren,
aber jetzt ist auch diese Möglichkeit durch das Vertrocknen desselben
ausgeschlossen. Wenn nur die Regierung anfangen wollte, die wenigen
noch Übriggebliebenen, vor denen sie wahrlich keine Angst mehr zu haben
brauchte, frei zu lassen. In größeren Städten würde sich manche Witwe
mitsamt ihren Kindern durchzuschlagen wissen mit ihrer Hände Werk.
Jakob Künzler.
An den Kaiserlichen Konsul, Herrn Rößler,
Hochwohlgeboren, Aleppo.
_Mai._
339.
Kaiserlich
Deutsches Konsulat. Aleppo, den 1. Mai 1917.
Euerer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage eine
Zusammenstellung der vom Diakon Künzler in Urfa verwalteten
Notstandsgelder für Armenier. -- Die Zahl der dort unterstützten
Waisenkinder ist auf 2200 gestiegen.
Rößler.
Seiner Exzellenz dem Reichskanzler
Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.
Anlage.
Zusammenstellung der vom Diakon Künzler in Urfa verwalteten
Notstandsgelder für Armenier.
Einnahmen seit dem 1. Juni 1916 bis 31. März 1917. Piaster
von Basel 255344,35
von Potsdam, Dr. Johs. Lepsius 207491,--
vom Deutschen Hilfsbund 9975,--
vom amerikanischen Konsulat 140000,--
----------------
Total 612810,35
Ausgaben 1916.
Waisenversorgung, Witwenversorgung, Bekleidung.
Juni 3783,05
Juli 7954,--
August 11203,--
September 18513,--
Oktober 29542,05
November 26868,--
Dezember 41662,30
Januar 66684,20
Februar 57813,10
März 106551,15
Für Arbeitsbeschaffung, Taschentücherarbeit und
Seidenzucht 43774,25
Für Gehälter 17500,--
----------------
Total 431849,30
Aktivsaldo pro April 180961,10 Piaster.
340.
(Kaiserliches
Konsulat Aleppo.)
Telegramm.
Abgang aus Aleppo, den 2. Mai 1917.
Ankunft in Pera, den 3. Mai 1917.
An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.
Werden Gelder, die bisher dem amerikanischen Konsul überwiesen wurden,
in Zukunft seinem noch zu bestimmenden Vertreter überwiesen? Ist
bekannt, ob die amerikanische Zentrale für Zahlung der Hilfsgelder
(Peet, Bibelhaus) bestehen bleibt? Der amerikanische Konsul hat
Schwester Rohner den Rest der Hilfsgelder übergeben. In Rakka fallen
täglich eine Anzahl Menschen dem Hungertode zum Opfer.
Rößler.
341.
American Bible House. Pera, May 3rd. 1917.
My dear Dr. Mordtmann.
In view of the present situation which brings my work to an end, I
have decided, to take advantage of the opportunity given to leave the
country and to take a vacation. My wife needs this change even more
than I do. She has been most devotedly attached to her work in the
hospitals and in divising work for the poor. I am distressed in view of
the misery which may come to the poor people in the interior and I am
doing what I can to keep the stream of help which we have supplied thus
far from dying out altogether.
I cannot leave without sending a word of thankfulness for your
never-failing kindness to me in these matters.
I have also most grateful recollections of the Embassy’s courtesy in
their share of the work.
It will always afford me pleasure to testify of this.
Yours faithfully
M. M. Peet.
342.
(Kaiserlich
Deutsche Botschaft.)
Telegramm.
Pera, den 7. Mai 1917.
An Deutsches Konsulat, Aleppo.
Antwort auf Telegramm vom 2.5.
Bibelhaus wird versuchen, die Notstandsaktion durch den Vertreter des
Herrn Peet fortzuführen und amerikanische Gelder über Holland oder
Schweden hierher zu leiten.
Waldburg.
343.
Bible House. May 12, 1917.
My dear Mr. Mordtmann,
Before leaving for Europe, Mr. Peet told me of his conversation with
you, and of your willingness to help us in the matter of carrying on
Relief to the poor in the Aleppo District, through our German friends
there, Miss Rohner and Miss Schaeffer.
I should be very glad of an opportunity to talk over this matter
with you, now that I am attempting to carry on Mr. Peet’s work. If
convenient for you, could I call at your home some time soon to see
you? I live near Tokatlian’s Hotel, and so could come in some evening,
if that would be more convenient for you than during the day time.
Trusting that you will be able to see me on this matter,
Believe me,
Very truly yours,