L. R. Fowle.

344.

(Kaiserliches

Konsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 14. Mai 1917.

Ankunft in Pera, den 14. Mai 1917.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Antwort auf Telegramm vom 7. Mai.

Deutsch-armenische Gesellschaft und Direktor Axenfeld mögen etwa zur

Verfügung stehende Notstandsgelder durch die Deutsche Orientbank an

Zollinger, Aleppo, überweisen lassen.

Schwester Rohner hat infolge Erkrankung ihre Arbeit einer Kommission

von Armeniern unter Aufsicht von Zollinger übergeben und zieht sich

nach Marasch zurück.

Rößler.

345.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Aleppo, den 14. Mai 1917.

Euer Exzellenz überreiche ich gehorsamst in der Anlage eine

Aufzeichnung des Diplomingenieurs Bünte über Beobachtungen

gelegentlich, einer vom 1. bis 6. April am Chabur ausgeführten

Reise. Es ist kein Zweifel, daß die dort in großen Mengen liegenden

menschlichen Schädel und Gebeine von den Armeniermetzeleien des vorigen

Juli und August herrühren, über die ich zuletzt am 5. September v. J.

berichtet habe[145]. Die aus armenischer Quelle stammenden Erzählungen

der Anlagen jenes Berichtes, welche als eine Stelle, bei der

hauptsächlich die Metzeleien erfolgt seien, Schedadie (Kalat Scheddad)

genannt hatten, finden dadurch ihre Bestätigung.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

Anlage.

Aleppo, den 11. Mai 1917.

Ich bin in der Zeit vom 1. bis 6. April zusammen mit Herrn Hauptmann

Loeschebrand und Herrn Unteroffizier Langenegger von Buseir am Euphrat

den Chabur hinaufgegangen und fand am linken Ufer große Mengen von

ausgebleichten Menschenschädeln und Gerippen, zum Teil waren die

Schädel mit Schußlöchern. An einigen Stellen fanden wir Scheiterhaufen,

ebenfalls mit menschlichen Knochen und Schädeln. -- Gegenüber der

Kischla Scheddade waren die größten Anhäufungen. Die Bevölkerung sprach

von 12000 Armeniern, die hier allein niedergemetzelt, erschossen oder

ertränkt seien[146].

An dieser Stelle verließen wir den Fluß und fanden auf dem Wege zum

Sindjar keine Spuren mehr.

Bünte,

Diplomingenieur, K. O. Oberleutnant.

346.

(Kaiserliches

Konsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 17. Mai 1917.

Ankunft in Pera, den 18. Mai 1917.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Bitte zu veranlassen, daß das Bibelhaus von jetzt an das Geld an

Zollinger, Aleppo, schickt. Schwester Rohner ist abgereist und zieht

sich endgültig von der Arbeit zurück.

Rößler.

Notiz. Ich habe den Verwalter der amerikanischen Hilfsgelder (Mr.

Fowle, American Bible-House) unter der Hand verständigt.

Mordtmann.

347.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 19. Mai 1917.

Wie der Kaiserliche Konsul in Aleppo meldet, ist die Schwester

Beatrice Rohner, welche bisher die Hilfsaktion für die deportierten

Armenier leitete, infolge Erkrankung nach Marasch zurückgereist und

hat die Arbeit einer Kommission von Armeniern übergeben, die von Herrn

Zollinger kontrolliert wird. Da die Genannte endgültig zurückgetreten

ist, so werden die deutsch-armenische Gesellschaft und die Orient-

und Islamkommission des deutschen Evangelischen Missionsausschusses

gebeten, die von ihnen eventuell zu bewilligenden Hilfsgelder durch die

Deutsche Orientbank an Herrn Zollinger in Aleppo zu überweisen.

Ich bitte gehorsamst, vorstehendes zur Kenntnis der beiden genannten

Vereine bringen zu wollen.

Waldburg.

An das Auswärtige Amt, Berlin.

348.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 19. Mai 1917.

Das hiesige American Bible House, das bisher die amerikanischen

Hilfsgelder für die Türkei verwaltete und verteilte, hofft

bestimmt, daß weder von amerikanischer noch auch von türkischer

Seite der Fortführung des Liebeswerkes, das sich nicht nur auf die

deportierten Armenier erstreckte, sondern auch anderen christlichen

Bevölkerungselementen (Griechen, Syrer etc.) und den Muhammedanern

zugute kam, keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. In dieser

Beziehung wird darauf hingewiesen, daß die amerikanische Hilfsaktion

für die notleidende Bevölkerung in Belgien auch nach dem Bruche mit

Deutschland unter neutraler Leitung ihren Fortgang nimmt, und daß

die hiesigen türkischen Behörden und speziell Talaat Pascha sich der

Tätigkeit des Bible House gegenüber bisher wohlwollend verhalten haben.

Übrigens sind seitens des Bible House bereits Verhandlungen angeknüpft

worden, um eventuell, d. h. sobald die amerikanische Regierung die

Verwendung der Hilfsgelder nach der Türkei gestattet und sofern kein

anderer Weg sich bietet, diese über Holland oder Schweden hierher zu

leiten. Im Augenblick verfügt das Bible House noch über genügend Fonds

für etwa zwei Monate und hat hiervon noch in den letzten Tagen u. a.

einen größeren Betrag nach Aleppo überwiesen; bereits vorher hatte

der dortige amerikanische Konsul Jackson bei seiner Abreise den Rest

seiner Hilfsgelder an die Schwester Rohner abgegeben. Die Verwalter

dieser Fonds (Mr. W. W. Peet, der inzwischen am 9. d. M. nach der

Schweiz abgereist ist, und sein Nachfolger, Mr. Fowle) haben unter der

Hand die Bitte ausgesprochen, daß die Kaiserliche Botschaft und die

Kaiserlichen Konsulate in der Provinz ihnen in der bisherigen Weise

die rein geschäftlichen Berichte der im Innern mit dem Hilfswerke

betrauten Personen übermitteln möchten, und ich trage um so weniger

Bedenken, dieser Bitte zu entsprechen, als es sich hauptsächlich um die

Vermittelung der Korrespondenz mit Schweizer Staatsangehörigen, wie z.

B. Schwester Rohner und Hr. Zollinger in Aleppo, handelt.

v. Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

349.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft.

Telegramm.

Pera, den 23. Mai 1917.

An Deutsches Konsulat, Aleppo.

Das amerikanische Bibelhaus überwies durch die ottomanische Bank am

15. Mai 3000 t. Pfund. Glauben Sie, daß es zu erreichen wäre, Merrill

oder Martin von Aintab zur Organisation und Kontrolle des Hilfswerkes

nach Aleppo kommen zu lassen? Geschäftliche Nachrichten über Hilfswerk

würden dem Bibelhause erwünscht sein und ihm von der Botschaft unter

der Hand mitgeteilt werden.

Kühlmann.

350.

(Kaiserliches

Konsulat Aleppo.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 31. Mai 1917.

Ankunft in Pera, den 1. Juni 1917.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Die Organisation, welche Zollinger leitet, ist von Schwester Rohner

geschaffen und so brauchbar als bei der schwierigen Lage möglich.

Meines Erachtens könnten Amerikaner aus Aintab hier nicht von der

Polizei ungestört arbeiten. Durch amtliche Verwendung für diesen Zweck

könnte das ganze Hilfswerk gefährdet werden.

Bitte dem Bibelhaus anheimzustellen, 3000 Pfund türkisch, die am 15.

Mai auf den Namen der Schwester Rohner überwiesen waren, auf Zollinger

überschreiben zu lassen.

Rößler.

_Juni._

351.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 15. Juni 1917.

Im Anschluß an den Bericht vom 19. v. M.

Das American Bible House, das bisher die amerikanischen Hilfsgelder

für die Türkei ihrer Bestimmung übermittelte, ist seit Abbruch der

diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und Amerika von jeder

Verbindung mit den Geldgebern abgeschnitten. Der bisherige Leiter des

Bible House, Mr. Peet, ist vor einiger Zeit nach der Schweiz abgereist

und hat bisher keine Nachrichten hierher gelangen lassen. Inzwischen

sind die vorhandenen Fonds fast völlig aufgebraucht, und der Betrieb

müßte demnächst eingestellt werden, wenn nicht dem Vertreter des Mr.

Peet neue Kredite eröffnet werden.

Meines Erachtens haben auch wir ein wesentliches Interesse daran, daß

die amerikanischen Geldsendungen nicht unterbrochen werden oder ganz

aufhören.

Ich glaube daher der Bitte des Mr. L. R. Fowle, der den abwesenden

Mr. Peet vertritt, um Beförderung des anliegenden Briefes entsprechen

zu sollen. Gegebenenfalls bitte ich die Antwort des Mr. Peet auf

gleichem Wege hierher gelangen zu lassen wollen; eine tunlichst baldige

Erledigung würde im allseitigen Interesse sein und von den Beteiligten

mit besonderem Dank begrüßt werden.

v. Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

352.

Berlin, den 20. Juni 1917.

Seiner Hochwohlgeboren Herrn Geheimrat von Rosenberg,

Auswärtiges Amt.

In der Anlage überreiche ich Ihnen die Abschrift eines Briefes, der

mir aus Angora zugegangen ist. Ich würde es für gut halten, wenn man

die Türkei doch wissen lassen würde, daß diese Art des Auftretens den

türkischen Interessen in Deutschland schädlich ist.

Erzberger, Mitglied des Reichstags.

353.

Auswärtiges Amt. Berlin, den 25. Juni 1917.

Nach dem auszugsweise hier beigefügten, dem Abgeordneten Erzberger

zugegangenen Schreiben des Dr. David in Angora gibt das Verhalten

der dortigen Behörden gegenüber den katholischen Armeniern

neuerdings zu Besorgnissen Anlaß. Nach Dr. Davids Ansicht ist es

auf Zwangsbekehrungen abgesehen; möglicherweise werden auch neue

Austreibungen beabsichtigt, die sich durch militärische Gründe nicht

würden rechtfertigen lassen.

Euere Exzellenz bitte ich, die türkische Regierung auf die Vorgänge in

Angora aufmerksam zu machen und die Erwartung auszusprechen, daß sie

die dortigen katholischen Armenier vor Zwangsbekehrungsversuchen und

anderen Verfolgungen der Ortsbehörden schützen wird.

Zimmermann.

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter

Herrn von Kühlmann, Konstantinopel.

Anlage.

Angora (Kleinasien), den 3. Juni 1917.

Seit Dezember vorigen Jahres fand sich hier wieder ein armenisch

katholischer Priester, der in vollkommener Freiheit Seelsorge ausüben

konnte. Die Folge war, daß die so hart geprüfte Bevölkerung wieder

aufatmete und neue Lebenshoffnung bekam. Damit ist es nun wieder völlig

vorbei.

Schon im Februar dieses Jahres verleidete man den Armeniern die

Teilnahme an meinem Gottesdienste, indem man während der hl.

Messe in brutalster Weise lärmend mit Polizei und Gendarmerie

eindrang und alle Armenier hinauswies. Seit Pfingsten ist nun auch

dem armenisch-katholischen Priester die Abhaltung öffentlicher

Gottesdienste untersagt. Außerdem finden Vorkehrungen statt, die

nach früheren Erfahrungen und nach ausdrücklicher Versicherung

unterer Polizeiorgane eine neue Exilierung einleiten sollen. Ich

habe allerdings einstweilen noch den Eindruck, es handele sich mehr

darum, die wieder mutiger gewordenen Katholiken einzuschüchtern, ihren

Widerstand gegenüber der Einladung zum Übertritt zum Islam zu lähmen

und die früher in nicht rechtsverbindlicher Form Übergetretenen beim

Islam festzuhalten.

Wie dem auch sei, jedenfalls liegt eine eigentliche religiöse

Verfolgung vor. Jedenfalls kommen Gründe militärischer Art gar nicht in

Betracht, da es sich fast nur um Frauen und Kinder handelt und Angora

zudem soweit als möglich von jedem Kriegsgebiet entfernt liegt.

Dr. David, Feldgeistlicher in Angora.

_Juli._

354.

(Auswärtiges Amt.) Berlin, den 1. Juli 1917.

Telegramm.

An Deutsche Gesandtschaft, Bern.

Bitte Herrn Peet, Genf, mitzuteilen: Wie die Botschaft Konstantinopel

drahtet, hat das amerikanische Bibelhaus, da seine Mittel erschöpft

sind, die Geldüberweisungen nach dem Innern eingestellt. Dringende

Gesuche um Unterstützung aus den amerikanischen Hilfsgeldern sind

gerade in den letzten Tagen durch das Konsulat Aleppo eingegangen.

Zimmermann.

355.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft. Pera, den 9. Juli 1917.

Auf Erlaß vom 25. Juni[147].

Auf Wunsch des Dr. David in Angora bin ich bereits im Monat Mai bei

der Pforte in der Angelegenheit der katholischen Armenier vorstellig

geworden.

Der Vertreter des Vereins vom heiligen Lande, Herr Dr. Schade, hat mir

einen Auszug verschiedener Briefe Dr. Davids zur Verfügung gestellt;

aus einem vom 13. Juni (also 10 Tage nach Abgang des Briefes an Herrn

Erzberger) datierten Schreiben ist folgende Stelle zu entnehmen:

„Vorige Woche kam mir eine telegraphische Weisung des Ministeriums

zur Sicht, in der kategorisch dem hiesigen Wali untersagt wird, die

Katholiken zu deportieren, selbst falls dafür Gründe vorlägen, und

aufgegeben wird, weitere Weisungen abzuwarten. Ich denke, daß dies

eine Wirkung der von der Botschaft unternommenen Schritte ist. Man

beschränkt sich seither auf Maßnahmen gegen solche, die früher einmal

zum Islam übergetreten waren, und scheint sich damit zufrieden zu

geben, wenn sie sich im Gefängnis bereit erklären, in Zukunft türkische

Tracht zu tragen.“

Aus weiteren Stellen der erwähnten Briefe geht hervor, daß in Angora

unter den armenischen Katholiken große Beunruhigung besteht. Bei der

nun einmal hier herrschenden Willkür ist es nicht ausgeschlossen,

daß gewisse Übergriffe von Zeit zu Zeit erfolgen werden. Immerhin ist

die Regierung zweifellos gewillt, ein schärferes Vorgehen gegen die

armenischen Katholiken zu vermeiden. Dr. Schade erhält mich fortgesetzt

auf dem Laufenden über die Verhältnisse in Angora. Ich werde nicht

verfehlen, die Angelegenheit im Auge zu behalten und nötigenfalls die

hiesige Regierung auf die Vorgänge in Angora aufmerksam zu machen.

v. Kühlmann.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

356.

Deutsche Evangelische

Missionshilfe. Berlin-Steglitz, den 14. Juli 1917.

An das Auswärtige Amt, Berlin.

Als Vorstandsmitglied der Deutschen Blindenmission im Orient ging mir

von dem Leiter unseres Blindenheims in Malatia, Ernst J. Christoffel,

ein Brief vom 26. März d. J. zu, der die Anschauung des Herrn

Christoffel über die Lage und Zukunft der Armenier in Kleinasien

enthält. Ich erlaube mir, denselben in Abschrift zur Kenntnisnahme

vorzulegen, ohne zu den Mitteilungen Stellung zu nehmen.

A. W. Schreiber,

Direktor der Deutschen Evangelischen Missionshilfe.

Anlage.

Bericht des Herrn J. Christoffel, Vorsteher des Blindenheims Malatia,

über die Lage der Armenier, an Pastor G. Stoevesandt, Berlin.

Malatia, den 26. März 1917.

Ich benutze eine günstige Gelegenheit, um Nachricht zu geben. In der

Hauptsache die Lage der orientalischen Christen Betreffendes.

Die Verluste des armenischen Volkes seit der Verschickung Sommer 1915

bis heute übersteigen 1 Million. Ein Teil wurde in den Gefängnissen,

nach fürchterlichen Folterqualen, getötet. Von Frauen und Kindern

starben die meisten auf dem Wege in die Verbannung, an Hunger, Seuche

und Mord. Auf Einzelheiten kann ich nicht eingehen. Sollte A. K.

Gelegenheit haben, Sie zu sehen, so kann er mehr oder weniger meine

nackten Sätze illustrieren.

Ein kümmerlicher Rest der Verschickten fristet in den Ebenen Syriens

und Nordmesopotamiens ein elendes Dasein und wird durch Seuchen und

Zwangsbekehrungen täglich kleiner. Männer sind nur vereinzelt übrig

geblieben. In den Städten Anatoliens befindet sich noch eine Anzahl

Versprengter, Geflüchteter, die aber meistens zum Islam übergetreten

sind. Neben den Zwangsbekehrungen, die in Massen stattfanden, stand als

ein anderes charakteristisches Zeichen die Massenadoption armenischer

Kinder. Es handelt sich da um viele Tausende. Sie werden künstlich zu

fanatischen Muhammedanern gemacht. Das Morden hat nachgelassen, aber

der Vernichtungsprozeß hat nicht aufgehört, hat nur andere Formen

angenommen.

Den Leuten ist alles geraubt worden. Eigentum, Familie, Ehre,

Religion, Leben. Im Herbst 1915 kam für die protestantischen und

katholischen Armenier, wahrscheinlich auf Veranlassung der deutschen

und österreichischen Botschaft, ein Gnadenerlaß heraus, der diese vor

der Verschickung bewahren und sie in Besitz ihres Eigentums lassen

sollte. Er war nur wie ein Schlag ins Wasser. Meistenteils wurde er

unterdrückt, bis die protestantischen Männer getötet waren, und auch

für die Frauen und Kinder hatte er kaum praktische Bedeutung.

Vom Schwarzen Meer bis nach Syrien ist die Predigt des Evangeliums

verstummt, ausgenommen in den deutschen Anstalten. Die protestantischen

Gemeinden sind vernichtet. Ihre Prediger, bis auf einzelne Ausnahmen

(vielleicht 4 bis 5), getötet. Ihre Kapellen und Schulen weggenommen,

geschändet oder zerstört. Dasselbe gilt von den katholischen und

altarmenischen Gemeinden.

Den armenischen revolutionären Kreisen die Verantwortung zuzuschieben,

ist ein Unsinn. Die haben vom türkischen Standpunkt aus gefehlt, nicht

so vom armenischen aus. Die Nation als solche war nicht schuldig. Das

weiß die türkische Regierung so gut wie jeder in diesem Lande. Für

uns deutsche Missionare ist es unsagbar schwer, daß Deutschland von

Christen und Muhammedanern als der Urheber der Greuel angesehen wird.

Die Ansicht wird von türkischer Seite genährt und gestärkt. Bleibt

dieser Vorwurf auf Deutschland haften, dann wird er auf Jahrzehnte

hinaus das größte Hindernis deutscher Mission sein, sowohl den Christen

wie den Muhammedanern gegenüber. Nachrichten aus türkischen oder

turkophilen Kreisen sind entweder glatt abzulehnen oder mit größtem

Mißtrauen zu behandeln. Wenn jemals diese Verfolgung untersucht werden

sollte, so müßte von deutscher Seite darauf gedrungen werden, daß damit:

1. Unparteiische, unabhängige Männer beauftragt würden, die auch

Verständnis für die religiöse Seite der Frage haben.

2. Den Armeniern, die zwangsweise zum Islam bekehrt wurden, muß

Gelegenheit gegeben werden, den Übertritt rückgängig zu machen, und

zwar dieses, ohne daß sie für Leib und Leben zu fürchten haben.

3. Die Verwandten derjenigen Kinder, die in muhammedanischen Häusern

weilen, müssen das Recht haben, dieselben zurückzufordern.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 106 / 134 题