Abschriftlich

Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter i. a. M. Herrn v.

Kühlmann, Konstantinopel,

zur gefälligen Kenntnis übersandt.

Eingeständnis des armenischen Verrats am türkischen Staat.

Artikel des Retsch Nr. 24 vom 26. 1./8. 2. 17:

Am 25. Januar a. St. stattete eine aus angesehenen Vertretern

der einheimischen armenischen Bevölkerung bestehende Deputation

der Stadtduma von Petersburg einen Besuch ab und übergab dem

Stadtoberhaupt im Namen des Katholikos aller Armenier, Kework,

eine Dankesadresse für die von der Duma erwiesene Unterstützung

der armenischen Bevölkerung. Das Schriftstück ist an das ehemalige

Stadtoberhaupt Graf J. J. Tolstoi gerichtet, der an der Spitze

eines Komitees zur Unterstützung der Armenier stand und darin eine

wirksame Tätigkeit entfaltete. Der Patriarch schreibt in seiner

Adresse u. a. folgendes: Euerer Erlaucht ist die Vergangenheit und

Zukunft des armenischen Volkes bekannt. Von jeher hat die türkische

Regierung meinem Volke jegliche Menschenrechte verweigert. Leben,

Ehre und Vermögen der Armenier blieben nicht vor den grausamsten

Vergewaltigungen verschont, und so konnte mein Volk nie frei denken

und nie ruhig für den nationalen Fortschritt und Wiederaufbau

arbeiten. Jetzt aber werden die unglücklichen Söhne meines Volkes noch

schonungsloser unterdrückt und verfolgt, unbewaffnet und wehrlos sind

sie den räuberischen Kurden und türkischen Beamten ausgeliefert, von

denen nicht einmal Frauen und unschuldige Kinder verschont werden;

die Kinder werden gewaltsam zum muhammedanischen Glauben bekehrt.

Und diese an der wehrlosen christlichen Bevölkerung vollzogenen

Greueltaten werden damit entschuldigt, ~daß die Armenier auf der

Seite des großen Rußlands und seiner Verbündeten stehen und mit ihnen

sympathisieren~. In der Stunde der großen Prüfung des armenischen

Volkes haben Euere Erlaucht zusammen mit den würdigen Vertretern

der Petersburger Stadtverwaltung geruht, 50000 Rubel zu gunsten der

armenischen Flüchtlinge, die nicht nur ihre ganze Habe, sondern oft

auch ihre nächsten Verwandten verloren haben, zu opfern...“

Die Adresse schließt mit dem Ausdrucke heißer Dankbarkeit für die

brüderliche Unterstützung der Armenier in der Zeit der schweren Prüfung.

324.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft.

Notiz.

Pera, den 15. März 1917.

Nach meinem Dafürhalten rechtfertigt die gesperrte Stelle in der

Dankesadresse des Katholikos von Etschmiadsin nicht die sensationelle

Überschrift „Eingeständnis des armenischen Verrats am türkischen Staat“.

Nach der Fassung des betreffenden Passus ist es vielmehr

wahrscheinlich, daß die Worte:

„daß die Armenier auf der Seite des großen Rußlands und seiner

Verbündeten stehen und mit ihnen sympathisieren“

vom Katholikos den Türken in den Mund gelegt werden.

Selbst wenn aber diese Auffassung nicht zutrifft, liegt keinesfalls

Bestätigung der Gesinnung durch Handlungen vor.

Mordtmann.

325.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Pera, den 12. März 1917.

An Deutsches Konsulat, Aleppo.

Die im Auslande lebenden Armenier haben die Deutsch-Armenische

Gesellschaft gebeten, die Verteilung und Überweisung der von ihnen für

ihre deportierten Stammesgenossen gesammelten Hilfsgelder, die bisher

hauptsächlich über Amerika gingen, zu übernehmen. Die Gesellschaft

beabsichtigt zu diesem Zwecke einen Vertreter nach der Türkei zu

entsenden.

Das Kaiserliche Konsulat ersuche ich um gutachtliche Drahtäußerung und

um eventuelle Vorschläge über die Wege, auf welchen die Hilfsgelder

zweckentsprechend geleitet werden könnten.

Kühlmann.

326.

(Kaiserliches Konsulat.)

Telegramm.

Abgang aus Aleppo, den 15. März 1917.

Ankunft in Pera, den 15. März 1917.

An Deutsche Botschaft, Konstantinopel.

Antwort auf Telegramm vom 12. März.

Nach Auflösung ihrer Waisenhäuser ist Schwester Rohner sowohl vom

amerikanischen Konsul als von türkischen Behörden gebeten worden,

die Notstandsarbeiten in der Stadt Aleppo neu zu organisieren, wobei

letzteren allerdings nicht bekannt sein wird, daß es sich um 20000

Bedürftige handelt.

Die in der Organisation begriffene Arbeit soll sich auch auf 1200

verwahrloste Kinder erstrecken. Bleiben amerikanische Gelder aus, so

wäre deren Ersetzung aus deutschen Quellen hierbei am unauffälligsten.

Die Schwester geht zunächst nach Marasch. Nach Rückkehr in einem Monat

ist sie bereit, deutsche Gelder zu dem gedachten Zweck zu verwenden,

woran sich wahrscheinlich die Arbeit nach außerhalb anknüpfen ließe.

Die deutsch-armenische Gesellschaft muß als Geldgeber unbekannt

bleiben. Geld könnte durch die deutsche Orientbank an dieses Konsulat

überwiesen werden. Die Tätigkeit eines besonderen Vertreters der

Gesellschaft könnte unmöglich unbekannt bleiben und riefe die Gefahr

hervor, die ganze Hilfsarbeit unmöglich zu machen.

Rößler.

327.

Kaiserlich

Deutsches Konsulat. Aleppo, den 16. März 1917.

Im Anschluß an den Bericht vom 14. Februar.

Die türkische Regierung hat ihre Absicht, die von der Schwester B.

Rohner geleiteten Waisenhäuser aufzulösen, zur Ausführung gebracht, wie

sie es sich von vornherein vorbehalten hatte.[142] Bei ihrer Berufung

im Dezember 1915 zur Leitung eines damals auf das furchtbarste

verwahrlosten und von Krankheiten heimgesuchten Hauses hatte Djemal

Pascha erklärt, daß es ein Waisenhaus der Regierung bliebe, dessen

Unterhaltung derselben obliege. Tatsächlich haben die Behörden durch

gelegentliche Lieferung von Lebensmitteln wenigstens Beiträge zum

Unterhalt geleistet.

Die höchste Zahl der von der Schwester Rohner zu einer Zeit vereinigten

Kinder hat etwa 850 betragen. Als ihr aus dieser Schar die größeren

Knaben genommen wurden, um zu Straßen- und Häuserbauten verwendet

zu werden, gab sie eine Anzahl von solchen an Frauen zurück, die in

einer Menge von zuerst 4000, jetzt 10000 von der türkischen Etappe

in Arbeitshäusern mit Spinnen und Weben beschäftigt werden und sich

tagsüber um die Kinder natürlich nicht kümmern können, so daß sie

zuerst von der Schwester aufgenommen waren. -- Die Zahl der Mädchen

hatte sie schon vorher nach Möglichkeit beschränkt, um zu verhüten, daß

die Waisenhäuser von den Muhammedanern als Sammelstellen betrachtet

wurden, aus denen sie sich nach Belieben Mädchen für Zwecke ihres

Haushalts entnehmen könnten. So betrug gegen Mitte Februar die Zahl

der Kinder etwa 600, wozu die Angestellten mit ihren Familien in

Stärke von 100 Köpfen kamen, als am 13. Februar die ersten 70 nach

dem Libanon verschickt wurden. Etwa 370 Kinder sind darauf der

Schwester entflohen und haben wohl größtenteils bei den tagsüber in

Arbeitshäusern beschäftigten Frauen Unterschlupf gefunden. -- 60 kranke

und kleine, zur Reise unfähige sind von der Schwester in einem von

Armeniern geleiteten Waisenhaus untergebracht. -- Als die Regierung

noch 400 Kinder verlangte, waren nur noch 280 vorhanden, darunter 30

Mädchen. Die Behörde nahm daher 70 aus jenem armenischen Waisenhaus,

woraufhin die meisten der dort unterhaltenen Kinder auch zerstieben,

und 70 sammelte sie von der Straße auf. -- Alle 400 ließ sie von der

Schwester aus Notstandsgeldern einkleiden und hat sie dann am 5. d. M.

mit der Bahn abbefördert. Sie hat erklärt, daß sie zur Verteilung auf

Regierungswaisenhäuser in Konia, Ismid, Balikesri und Adabazar bestimmt

seien. Auf die Frage der Schwester, warum die Regierung die Kinder

gerade aus ihren Häusern zur Verschickung zuerst genommen habe, hat ihr

der Wali bezeichnend und naiv geantwortet, „daß ihre Kinder am besten

genährt und am saubersten gekleidet seien. Wenn er andere verwahrloste

Kinder schicke, so würde die Regierung fragen, was er mit den ihm

überwiesenen Notstandsgeldern angefangen habe.“

Hat auch das Werk der Schwester, bei dem sie von Schwester Anna Jensen

unterstützt war, sein Ende genommen, so ist es doch nicht vergeblich

gewesen. -- Hunderte von Kindern sind fünf Vierteljahr hindurch dem

Elend entrissen gewesen. Wäre es nicht getan worden, so wären die

Kinder schon 1915 an Krankheiten zugrunde gegangen oder in die Wüste

geschickt worden.

Der bisherige Verschickungskommissar von Aleppo hat die Kinder auf

ihrer Reise nach Norden begleitet. Ein Nachfolger wird nicht ernannt

-- das Verschickungsbüro ist aufgehoben. Doch würde es meines

Erachtens falsch sein, daraus auf eine versöhnlichere Stimmung der

Regierung gegenüber den Armeniern zu schließen. Die hartherzige Arbeit

ist vielmehr im wesentlichen getan. Für das Nachspiel genügen die

gewöhnlichen Verwaltungsbehörden. Jeder, der für „verdächtig“ gilt,

wird voraussichtlich auch in Zukunft ohne weiteres verschickt werden.

Im übrigen ist Befehl ergangen, daß jeder Armenier zu bleiben habe,

wo er sich gegenwärtig befindet. Dieser Befehl wird auf das härteste

ausgelegt. Familien bleiben auseinandergerissen. Kinder dürfen nicht zu

ihren nächsten Anverwandten zurück.

Schwester Rohner ist inzwischen vom amerikanischen Konsul und von der

türkischen Etappe gebeten worden, die Notstandsarbeit in Aleppo neu

zu organisieren. Für den amerikanischen Konsul war der Grund, daß

sich Mißstände in der Arbeit herausgestellt hatten. Dem türkischen

Etappenoffizier Oberst Kemal Bey unterstehen die Spinnereien und

Webereien, in denen die Arbeitsleistung und der Lohn so gering sind,

daß sie nicht ausreichen, das Leben der Arbeiterinnen und ihrer Kinder

zu fristen. -- Er würde seinen Vorgesetzten gegenüber berechtigt sein,

zugrunde gehen zu lassen, was dabei nicht bestehen kann, hat aber

ein Herz und wünscht zu helfen. -- Mit der Gewinnung der Schwester

Rohner hofft er auch die Notstandsgelder für die Frauen und Kinder zur

Verwendung zu bringen. Er beabsichtigt, zwei Waisenhäuser einzurichten,

sei es als Internat, sei es als Tagesschulen mit Suppenküche. Die

Schwester hat zugesagt. -- Sie hat zunächst dieser Tage die Verteilung

der Notstandsgelder für die 20000 bedürftigen Armenier der Stadt

Aleppo auf eine neue Grundlage gestellt. Am 19. d. M. wird sie sich

auf einen Monat zur Erholung nach Marasch begeben und wird sich dann

der Etappe zur Arbeit an den 1200 verwahrlosten Kindern zur Verfügung

stellen. Wieder unter dem eigenen Namen eine Arbeit zu eröffnen, hat

sie abgelehnt, dagegen hat sie Oberst Kemal Bey erklärt, daß sie

gern bereit sei, zu helfen.[143] -- Außer den genannten 1200 Kindern

befinden sich noch 450 in der gregorianischen Kirche unter armenischer

Obhut und 400 in dem oben erwähnten, wieder neu gefüllten armenischen

Waisenhaus.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.

Rößler.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn Dr. von Bethmann Hollweg.

328.

(Kaiserlich

Deutsche Botschaft.)

Telegramm.

Abgang aus Konstantinopel, den 25. März 1917.

Ankunft in Berlin, den 26. März 1917.

Der Kaiserliche Botschafter an Auswärtiges Amt.

Für Deutsche Bank von Anatolischer Bahn:

Neuerdings haben wieder Armenierausweisungen eingesetzt. Die zweite

Baudivision meldet Ausweisung aus Amanusstrecke von 505 Arbeitern mit

187 Familienmitgliedern seit dem achtzehnten. Vom Taurus etwa gleiche

Zahl.

Kühlmann.

_April._

329.

Kaiserlich

Deutsche Botschaft.

Pera, den 5. April 1917.

Der Fragebogen des D. Karl Axenfeld ist den Kaiserlichen

Konsularbehörden in Aleppo, Bagdad, Beirut, Damaskus und Mossul

übermittelt worden. Bisher liegt nur die Beantwortung aus Aleppo vor;

die Berichte der übrigen Konsulate folgen bei Eingang nach.

Waldburg.

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler

Herrn von Bethmann Hollweg.

Antworten auf die Fragebogen.

330.

(1. Deutsches Konsulat Aleppo.)

Aleppo, den 20. März 1917.

Fragen. Antworten.

1. Welche Zahl von deportierten 1. Etwa 45000.

Armeniern befindet sich ungefähr

in Ihrem Wirkungskreise?

2. Können Sie uns Mitteilung 2. 10000 Frauen sind in Aleppo

machen über ihren Zustand und mit Spinnen und Weben beschäftigt,

ihre Bedürfnisse? doch reicht ihr Arbeitsverdienst

zur Ernährung nicht aus. Die

übrigen 35000 sind in äußerster

Not, viele am Verhungern.

3. Können Sie den Deportierten 3. Ja, doch sind überwiegend nur

Unterstützungen zukommen lassen? Geldunterstützungen möglich. --

In welcher Weise? Mit wessen Durch Schwester B. Rohner vom

Hilfe? Deutschen Hilfsbund, die in Aleppo

als der Zentrale des Hilfswerkes

bleibt. In Marasch mit Hilfe des

Hilfsbundes, in Aintab mit Hilfe

der amerikanischen Mission (an

deren Stelle nur in dem äußersten

Notfall, daß die Missionare

abzureisen hätten, Eingeborene

treten müßten), in Urfa mit Hilfe

der Deutschen Orientmission. Nach

anderen Gegenden, wie Sabkha und

Rakka, muß auf Gelegenheiten zur

Entsendung von Hilfsgeldern

gewartet werden.

4. In welchem Umfange wären 4. Ein Kilo Weizen kostet mehr als

Mittel erforderlich? 2 Mark. Wollte man nicht allen

45000, sondern nur 35000 täglich

250 Gramm Weizen ohne andere

Nahrung geben, so wären täglich

17500 Mark erforderlich. Ein Kilo

Brot kostet gar 3,40 Mk.

5. Haben Sie zu diesem 5. In Aleppo ist das Werk, so gut

Hilfswerk Hilfskräfte nötig? es geht, mit armenischen

Hilfskräften Mitte März von

Schwester Rohner neu organisiert.

-- Anderen deutschen Kräften als

ihr würde die Arbeit von den

türkischen Behörden bald unmöglich

gemacht werden. -- Unter Umständen

kommt, wenn Schwester Rohner es

wünschen sollte, die Zuteilung

einer zweiten Hilfsbundschwester

in Frage.

Schwester Rohner ist am 19. März

auf einen Monat zur Erholung nach

Marasch gereist. Vorher hat sie

noch hier in Aleppo mit

amerikanischem Geld für einen Monat

für die Bedürftigen in der Stadt

vorgesorgt.

Schätzung.

Marasch 4500

Aintab und Umgegend 8000

Urfa jetzt 2500

Biredjik und Djerablus 2000

Aleppo jetzt 20000

Rakka 6400

Zwischen Aleppo und Sabkha 3200

-------

46600

331.

(2. Deutsches Konsulat Beirut.)

Beirut, den 24. März 1917.

Fragen. Antworten.

1. Welche Zahl von deportierten 1. a) Zum Islam übergetretene

Armeniern befindet sich ungefähr Armenier: in Beirut ca. 40

in Ihrem Wirkungskreise? Familien; in Saida und Sur ca. 200

Familien. Für diese Familien sorgen

die türkischen Regierungsstellen

durch Brotverteilung,

Arbeitsnachweis etc.

b) Nicht zum Islam übergetretene

gregorianische Armenier, die sich

meistenteils heimlich, d. h. ohne

bei der Polizei gemeldet zu sein,

hier aufhalten:

In Beirut 17 Familien, davon ein

Drittel wohlhabend, ein Drittel hat

Arbeit, ein Drittel in Not. Im

Libanon, in Zahle und Dur-e-Schuer

ca. 50 Familien, davon reichlich

ein Drittel in Not.

2. Können Sie uns Mitteilungen 2. In wirklicher Not sollen sich

über ihren Zustand und ihre von obigen unter 1b verzeichneten

Bedürfnisse machen? Armeniern ca. 25 Familien mit etwa

100 Angehörigen befinden. Die

Männer können sich aus Besorgnis,

zum Militärdienst gezwungen zu

werden, und weil sie polizeilich

nicht angemeldet sind, nicht frei

bewegen, demzufolge auch nicht frei

arbeiten.

3. Können Sie den Deportierten 3. Ja, mit Hilfe hiesiger

Unterstützungen zukommen wohlhabender Armenier, wie z. B.

lassen? In welcher Weise? Mit des Sackis Cassabian, Inhabers der

wessen Hilfe? angesehenen Firma Jusuffian u.

Cassabian in Mersina, der für die

Kriegsdauer hierher übersiedelte.

4. In welchem Umfang wären 4. Bei den heutigen Preisen wären

Mittel erforderlich? pro Person 5 Ltq. monatlich, also

100 Personen 500 Ltq., zum

Unterhalt erforderlich.

5. Haben Sie zu diesem 5. Nein.

Hilfswerk Hilfskräfte nötig?

332.

(3. Deutsches Konsulat Damaskus.)

Damaskus, den 23. März 1917.

Fragen. Antworten.

1. Welche Zahl von 1. Im Mai v. J. wurde die Zahl der

deportierten Armeniern befindet zwischen Aleppo und dem Hedschas

sich ungefähr in Ihrem befindlichen Armenier von dem

Wirkungskreise? Vorsitzenden der

Auswandererkommission, Wali a. D.

Hussein Kasim Bey, der als

aufrichtig und Armenierfreund gilt,

auf 60000 Seelen geschätzt. Von

diesen dürfte etwa die Hälfte

inzwischen gestorben sein.

Im April v. J. gab der auf

Empfehlung des Kaiserlichen

Konsulats Aleppo mit dem hiesigen

armenischen Liebeswerk betraute

armenische Hilfsprediger V. B.

Tachmisian die Zahl der im Wilajet

Damaskus befindlichen Armenier mit

2000 Familien zu je 5 Köpfen (10000

Seelen) an. Der Genannte schätzt

jetzt die Zahl der in der Provinz

Damaskus (Hama, Homs, Damaskus,

Hauran und Kerak) befindlichen

Armenier auf 30000 Seelen. Es ist

bei der Zerstreutheit der Armenier

und bei ihrer Zurückgezogenheit

nicht leicht, ihre Zahl genau

anzugeben.

2. Können Sie uns Mitteilungen 2. Sie befinden sich größtenteils

über ihren Zustand und ihre in einem beklagenswerten Zustand.

Bedürfnisse machen? Immerhin hat sich dieser in den

letzten Monaten etwas gebessert,

indem ihnen in den Städten die

Möglichkeit zum Erwerb gegeben

wurde. Als fleißige und geschickte

Handwerker verstehen sie sich

durchzusetzen. Viele von den

Armeniern sind, wenn auch

zwangsweise, Muselmanen geworden

und können infolgedessen

ungestörter ihren Lebensunterhalt

erwerben. Bei der zunehmenden

Teuerung, über die ich in der

Anlage eine Zusammenstellung der

wichtigsten Lebensmittelpreise

beifüge und bei der Entwertung des

Papiergeldes, das heute nur 25% des

Nennwertes beträgt und

voraussichtlich weiter sinken wird,

befinden sich die meisten Armenier

in einer schweren Notlage. Es würde

sich darum handeln, ihnen Brot und

sonstige Nahrungsmittel, ferner

Kleider und gesunde Unterkunft

zukommen zu lassen.

3. Können Sie den Deportierten 3. Bisher hat dieses Kaiserliche

Unterstützungen zukommen Konsulat hauptsächlich durch den

lassen? In welcher Weise? Mit armenischen Hilfsprediger V. B.

wessen Hilfe? Tachmisian, ferner durch den

hiesigen deutschen Missionar

Hanauer und in gewissen Fällen das

Kaiserliche Konsulat direkt Geld an

die Armenier verteilt. Im

allgemeinen empfiehlt es sich, das

Geld durch einen vertrauenswürdigen

Europäer verteilen zu lassen, der

ein Herz für das armenische

Liebeswerk hat und außerdem in

geschickter unauffälliger Weise

zu arbeiten versteht. Die

türkischen Behörden sehen es im

allgemeinen nicht gern, wenn sich

Europäer der Armenier annehmen.

Sie fürchten, daß diese hierdurch

in ihrer Opposition gegen die

türkische Regierung gestärkt

werden. Ein gewandter Europäer oder

Europäerin, die die orientalischen

Verhältnisse kennen, würden

trotzdem eine Organisation schaffen

können, die in unauffälliger Weise

den Armeniern helfen könnte. Der

hiesige Prediger Hanauer kennt Land

und Leute. Für die Konsularbehörde

ist es nicht möglich, eine solche

Organisation zu schaffen und offen

zu überwachen, da sie in den

Verdacht kommen würde, gegen die

türkische Regierung zu arbeiten.

Sie kann höchstens mit Rat zur

Seite stehen und von Zeit zu Zeit

unter der Hand der einen oder

anderen Person und den Armen auf

der Straße Unterstützungen zukommen

lassen.

4. In welchem Umfange wären 4. Von den hiesigen Armeniern

Mittel erforderlich? sollen etwa 10% sich selbst

erhalten können. Die anderen sollen

unterstützungsbedürftig sein. Für

die Person kann man täglich etwa 1

Mk. gleich ca. 5 Piaster wenigstens

für den Unterhalt rechnen,

vorausgesetzt, daß dieser Betrag in

Hartgeld gezahlt wird. Bei

Papiergeld müßte der 4 fache Betrag

gerechnet werden.

Nimmt man die Zahl der im Wilajet

Damaskus unterstützungsbedürftigen

Armenier mit durchschnittlich 15000

Seelen an, so würden täglich 15000

Mk. und im Monat 450000 Mk. zu

zahlen sein, wenn man allen helfen

wollte.

5. Haben Sie zu diesem 5. Wie bereits unter Nr. 3

Hilfswerk Hilfskräfte nötig? hervorgehoben, würden besonders

europäische Hilfskräfte für das

gedachte Unterstützungswerk am

geeignetsten sein, die sich

ihrerseits armenischer

Vertrauenspersonen als Unterorgane

bedienen könnten.

Damaskus, den 23. März 1917.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 103 / 134 题