4. ~Opfer.~

Bei der Frage nach der Zahl der ermordeten, verhungerten und

islamisierten Armenier kann es sich selbstverständlich nur um ganz

vage Schätzungen handeln. Nach allgemeiner Annahme, die auch von

deutschen Konsuln geteilt wird, ist mit einem Verlust von einer Million

türkischer Armenier zu rechnen, darunter eine halbe Million Frauen und

Kinder. An Kaukasus-Armeniern sollen noch 50 bis 100000 dazu kommen.

Die Berichte enthalten die folgenden Angaben:

Am 12. August 1915, 6-7 Wochen nach der Massenverschickung, die

Ende Juni einsetzte, also zu einer Zeit, wo noch der größte Teil

der Karawanen unterwegs war und die Ernte des Hungersterbens in den

Konzentrationslagern der Wüste noch nicht in Betracht kam, es sich

also in der Hauptsache um Totschlag der Deportierten auf der Wanderung

oder um Massakers an Ort und Stelle handelte, wird nach Mitteilung

von Fürst Hohenlohe die Zahl der im Osten umgekommenen Armenier auf

wenigstens zwei, wahrscheinlich mehrere Hunderttausend geschätzt.

Einige Wochen später bezifferte Enver Pascha die Zahl der getöteten

Armenier mit 300000[20]. Am 30. September 1915 schreibt Herr von

Tyszka aus Konstantinopel: „Ob die Opfer 500000 übersteigen oder

nicht erreichen, ist gleichgültig.“ Am 4. Oktober 1916 wird die Zahl

der Umgekommenen zwischen 800000 und 1 Million geschätzt. So enorme

Zahlen werden verständlich, wenn man aus Konsularberichten erfährt, daß

die einzelnen Abschlachtungen in den Städten und in den Wanderlagern

in der Regel nach Hunderten und Tausenden zählen, ja Zehntausend

übersteigen. Von den ostanatolischen Transporten ist kaum ein Drittel

am Verschickungsziel angekommen. Was unterwegs nicht umkam, wurde

in den größeren Konzentrationslagern systematisch dem Hungertode

ausgesetzt. An einem einzigen dieser Lagerplätze, Meskene, am Knie des

Euphrats zwischen Aleppo und Rakka, liegen nach Aussage des türkischen

Militärapothekers, die von einem türkischen Offizierstellvertreter

bestätigt wurde, 55000 Armenier begraben.[21] Bei den Massakers

auf den Wanderungen handelt es sich überwiegend um Männer, bei dem

Hungersterben in den Konzentrationslagern fast ausschließlich um

Frauen, Kinder und Greise. Die Transporte, die nach Der es Zor

kamen, wurden 1915 auf 60000 geschätzt. Die immer neuen Transporte

konnten nur dadurch Aufnahme finden, daß die ersten Transporte bereits

verhungert oder wieder abgeschoben waren. So wurden am 15. April 1916

vier Transporte, 19000 an der Zahl, nach Mossul geschickt, 300 km

quer durch die Wüste. Von diesen Transporten sind am 22. Mai, also

5 Wochen später, etwa 2500 in Mossul angelangt. Ein Teil der Frauen

und Mädchen wurde unterwegs an Beduinen verkauft, alle übrigen sind

durch Hunger und Durst umgekommen. Anfang Juli 1916 zählte man noch

20000 Deportierte in Der es Zor. Acht Wochen später betrug die Zahl,

nach dem Zeugnis eines deutschen Offiziers, nur noch einige hundert

Handwerker, die für die Truppen arbeiteten. Alle übrigen -- auch

diejenigen, die in den nördlicheren Stationen sich wirklich anzusiedeln

begonnen hatten -- waren verschwunden. Die Regierung behauptete, sie

seien nach Mossul geschickt worden. Das Volk, sie seien in den Tälern

südöstlich von Der es Zor umgebracht worden. Man habe sie nach und

nach in Trupps von einigen Hunderten abgeführt und von dazu bestellten

Tscherkessenbanden abschlachten lassen. Ein arabischer Augenzeuge,

der gerade vom Schauplatz einer solchen Szene kam, bestätigte die

Tatsache. Ähnliche Methoden sind für die Abschlachtung von 14000

Deportierten im Frühjahr 1916 nach zuverlässigen Erkundungen eines

Deutschen festgestellt worden. Einen Monat lang wurden täglich 300 bis

500 Verbannte aus dem Lager geführt und in einer Entfernung von etwa

10 Kilometer niedergemacht. Die Leichen wurden in den Fluß geworfen.

Die am 22. April in Ras ul Ain noch vorhandenen 2000 Deportierten, der

Rest der 14000, waren bei einem späteren Besuch des Platzes ebenfalls

verschwunden.

Bei solchem Verfahren, wenn es systematisch zwei Jahre lang fortgesetzt

wird, wird man es für möglich halten, daß nach der allgemeinen

Schätzung etwa eine Million von Armeniern vernichtet worden ist. Wie es

in den Konzentrationslagern herging, darüber lese man den Bericht im

Anhang Nr. 4. Wer ihn gelesen hat, wird sich nicht wundern, wenn ein

anderer Augenzeuge berichtet, daß Ende Januar, während er sich in Bab

aufhielt, in 2½ Tagen 1029 Armenier starben.

Ein eigenartiger Weg der Schätzung wird (Nr. 302, 4. 10. 16) auf Grund

einer Tabelle über das Schicksal der Eltern und Angehörigen von 720 in

Aleppo gesammelten Kindern eingeschlagen. Die 720 deportierten Kinder

im Durchschnittsalter von 9 Jahren hatten ihre Väter und Mütter durch

folgende Umstände verloren: Während der Mann im Heere diente, waren 246

Mütter mit ihren Kindern deportiert worden. Eines natürlichen Todes

starben 129 Väter und 53 Mütter, eines unnatürlichen Todes starben 321

Väter und 379 Mütter. Die Zahl der Angehörigen der Kinder, die während

des Transportes umkamen, betrug 2616. Die Transporte, von denen die 720

Kinder übriggeblieben waren, stammten aus zehn verschiedenen Wilajets

und zählten bei der Ausreise 3336 Personen. Es gingen also 78,5 Prozent

auf dem Transport verloren. Legt man dies Verhältnis zugrunde und nimmt

man die Gesamtzahl der Deportierten auf rund 1½ Millionen an, so

würde der überlebende Rest nur 322000 zählen. Natürlich hat dieses

Exempel nur den Wert einer Stichprobe.

Die Berechnungen, die sich in meinem „Bericht“[22] finden, ruhen

auf der Statistik der armenischen Bevölkerung der Türkei nach den

Gemeindelisten des Patriarchats. Nach ihnen zählte die Gesamtzahl der

Armenier der Türkei 1845450. Rechnet man die Armenier, die in den

Kaukasus und übers Meer nach Alexandrien geflüchtet sind, mit 244400

und die Armenier, die von der Deportation verschont geblieben sind,

mit 204700 (was vielleicht zu hoch gerechnet ist), so ist die Zahl

der Deportierten mit 1396350 anzusetzen. Die Zahl der Überlebenden

an den Rändern der arabischen Wüste soll nach neueren Angaben

zwischen 150- und 200000 betragen. Will man außerdem annehmen, daß,

was an islamisierten Armeniern, an verschleppten und verkauften

Frauen, Mädchen und Kindern noch 200000 betragen mag, wofür es

natürlich keine Gewähr gibt, so würde man zu dem ganz allgemeinen

Schätzungsergebnis kommen, daß von den 1845000 Armeniern rund 1 Million

umgekommen ist und 845000 noch am Leben sind, wovon ca. 200000 in

ihren Heimatsstädten zurückblieben, 200000 versprengt, 250000 in den

Kaukasus geflüchtet sind und 200000 noch als ausgehungerte Bettler

in den Konzentrationslagern übriggeblieben sind. Da die Mehrzahl der

Versprengten und der in den Konzentrationslagern Überlebenden als

islamisiert anzusehen ist, so wird man die Zahl der islamisierten

Armenier zwischen 250- und 300000 schätzen können. Die Verluste an

Menschenleben unter den kaukasischen und in den Kaukasus geflüchteten

Armeniern werden auf 50-100000 geschätzt.

Der Wert des konfiszierten Nationalvermögens der türkischen Armenier

wird auf eine Milliarde geschätzt.

Ich brauche nicht zu wiederholen, daß diesen Berechnungen jede exakte

statistische Grundlage fehlt und fehlen muß. Zu einem einigermaßen

zuverlässigen Ergebnis wird man erst gelangen können, wenn eine neue

Volkszählung der türkischen und kaukasischen Armenier einen Vergleich

mit dem früheren Volksbestande erlaubt. Wer wollte nicht hoffen, daß

die Zahl der überlebenden Armenier größer sein möchte, als man bis

jetzt annehmen darf.

Die Gesamtzahl der türkischen, kaukasischen, persischen und

ausländischen Armenier wurde vor dem Kriege auf 3600000 veranschlagt.

Schon der Verlust von 800000 Armeniern würde ein Viertel der gesamten

armenischen Nation ausmachen.

Welches von den kriegführenden Völkern darf seine Verluste mit denen

des armenischen Volkes in Vergleich stellen, das mit dem Kriege selbst

nichts zu tun hatte?

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 48 / 134 题