Da ich hier nicht eine Geschichte der Armenischen Frage schreiben
kann, sondern mich darauf beschränken muß, aus den wichtigsten Daten
der vorliegenden Dokumente die Summe zu ziehen, so habe ich nicht zu
erörtern, wie es dahin kam, daß nach dem Sturz Abdul Hamids und der
Einführung der Konstitution die Einmütigkeit der auseinanderstrebenden
Nationalitäten des osmanischen Reiches, die im ersten Rausch der
Revolution zur Tatsache geworden und durch eine demokratische
Verfassung verbürgt zu sein schien, nach kurzer Zeit dem alten
Zerrüttungsprozeß anheimfiel. Das jungtürkische Komitee, das allen
nichttürkischen Nationen eifersüchtig und mißtrauisch gegenüberstand,
kehrte mit den cilicischen Massakers und den albanesischen Dragonaden
zu den Methoden Abdul Hamids zurück. In drei aufeinanderfolgenden
Kriegen führte seine unweise Politik in der kurzen Zeit eines
Jahrzehnts zuerst den Verlust der afrikanischen Besitzungen, als
dann den Verlust der europäischen Türkei herbei und zuletzt den
Zusammenbruch des ganzen Reiches, das den Weltkrieg voraussichtlich nur
noch als inneranatolischer Kleinstaat überleben wird. Das politische
Programm des Komitees für Einheit und Fortschritt, die Aufrichtung
eines rein islamischen pantürkischen Großreiches, hat sich als Utopie
erwiesen. Die historische Mission der Jungtürken war die Liquidation
der Türkei.
Die Maßregel der Deportation fiel in die kritischste Phase des Krieges.
Die Türkei, auf drei Fronten, an den Dardanellen, im Kaukasus und
in Mesopotamien, von drei europäischen Großmächten angegriffen, war
während der ersten elf Kriegsmonate auf ihre eigene militärische Kraft
angewiesen. Die Zentralmächte waren infolge der Neutralität Bulgariens
und Rumäniens außerstande, ihr mit nennenswerten Truppenkontingenten zu
Hilfe zu kommen. So seltsam es erscheinen muß, daß den jungtürkischen
Machthabern gerade der äußerste Gefahrpunkt ihrer militärischen Lage
-- während der heißesten Dardanellenkämpfe -- als die „günstigste
Gelegenheit“ erschien, ihr innerpolitisches nationalistisches Programm
durchzuführen und mit ihrer wirtschaftlichen Existenz zugleich ihren
moralischen Kredit aufs Spiel zu setzen, so sehr entsprach doch diese
Va-banque-Politik dem abenteuerlichen Charakter der jungtürkischen
Machthaber.
Gleichwohl erforderte die Bundesgenossenschaft mit den Zentralmächten
eine Verhüllung der leitenden Motive und Zielgedanken der
jungtürkischen Politik. Ein offenes Bekenntnis zu den asiatischen
Methoden, die zum Erbgut des Islams gehören, konnte den verbündeten
Mächten gegenüber die Pforte erst wagen, als sie in der Hauptsache ihre
Absicht erreicht und durch die Zertrümmerung der armenischen Nation die
„Armenische Frage“ hinter dem Rücken der Botschafter „gelöst“ hatte.
Vor den europäischen Diplomaten erschien das türkische Mittelalter im
Gehrock. „Militärische Notwendigkeiten“ wurden vorgeschützt, um hinter
dem Wandschirm der Deportation die Abwürgung der armenischen Nation den
Blicken Europas zu entziehen.
Die „militärischen Notwendigkeiten“ wurden mit einer Reihe von amtlich
gemeldeten Vorfällen begründet, deren Gewicht nicht ohne weiteres
abschätzbar war:
1. Einzelne, nicht völlig aufgeklärte Spionageakte an der cilicischen
Küste.
2. Scharmützel mit Deserteuren, die sich einer (schon vor dem Kriege
in der Nachbarschaft von Zeitun bestehenden) Räuberbande angeschlossen
hatten.
3. Bombenfunde, wirkliche oder angebliche, an vereinzelten Plätzen
(Kaisarie, Erzerum).