Man hat Deutschland nicht nur bezichtigt, die Maßregel der Deportation
inspiriert und organisiert zu haben, man hat auch einzelne Deutsche
beschuldigt, sich aktiv an den Massakers beteiligt zu haben. Soweit mir
ausländische Druckschriften und Zeitungen zu Gesicht gekommen sind,
handelt es sich um drei Fälle.
1. Der Fall ~Rößler~. In der englischen und französischen Presse
(Times, Westminster Gazette, Matin, Havas-Telegramm von 30. September)
wurde Konsul Rößler beschuldigt, sich von Aleppo nach Aintab begeben
zu haben, „um dort in Person Massakers zu dirigieren“. Im englischen
Oberhaus wurde als indirekter Beweis der Mitschuld Deutschlands von
Lord Crewe auf Grund von „Berichten amerikanischer Augenzeugen“
mitgeteilt, „daß deutsche Konsularbeamte in Kleinasien nicht nur
zugesehen, sondern zu den Greueltaten kräftig aufgemuntert hätten“.
Es könnte genügen, auf den gesamten Inhalt der hier veröffentlichten
deutschen Konsularberichte hinzuweisen, um diese Verleumdungen
zu entkräften. Da es sich aber im Falle Rößler um spezialisierte
Angaben handelt, die auf die Dienstreise des Konsuls nach Marasch
vom 28. März bis zum 10. April 1915 Bezug nehmen, habe ich Zeugnisse
von amerikanischen Missionaren in Marasch und Aintab und von Mr.
E. C. Woodley, der englischer Staatsangehöriger ist, in die Akten
aufgenommen, die die Beschuldigung vollkommen entkräften. (Nr. 25, Anl.
2; Nr. 188, Anl. 1-5.)
2. Der Fall ~Eckart~. In dem englischen Blaubuch Nr. 31 (1916)
„The Treatment of Armenians in the Ottoman Empire, 1915/16 Documents
presented to Viscount Grey of Fallodon by Viscount Bryce. London,
Causton and Sons 1916“ (auch verwertet von A. Mandelstam, „Le sort
de l’Empire Ottoman, Payot et Cie“, 1917, S. 304) findet sich
unter Nr. 134, S. 530, der Auszug eines Briefes von Mr. Toumas K.
Muggerditschian, publiziert in der armenischen Zeitung „Gotchnag“
vom 1. April 1916. Mr. Muggerditschian bezieht sich auf den Bericht
zweier Damen, von denen eine, eine Engländerin, auf der Durchreise
durch Aleppo von zwei Armeniern, die von Urfa kamen und dort Gäste
des Deutsch-Schweizers Jakob Künzler waren, das Folgende über
die Mitwirkung von Herrn Eckart bei den Massakers in Urfa gehört
haben will. Ich schicke voraus, um die angebliche letzte Quelle zu
charakterisieren, daß Herr Eckart und Herr Künzler im Dienst der
gleichen deutschen Missionsgesellschaft stehen, der von mir begründeten
Deutschen Orientmission, daß sie meine Mitarbeiter und Freunde sind,
und zwei Jahrzehnte lang, auch während des Krieges, alle ihre Kräfte
dem armenischen Hilfswerk in Urfa gewidmet haben. Herr Künzler war
Diakon am Missionsspital, Herr Eckart Leiter des Waisenhauses und der
Teppichmanufaktur. Herrn Künzler also werden die folgenden Aussagen in
den Mund gelegt:
„Zugleich bedauerte Herr Künzler, daß Herr Eckart (im englischen
Text fälschlich geschrieben Eckhard) die Armenier verraten und die
Türken gegen sie aufgereizt habe. Herr Eckart -- der Expräsident des
deutschen Waisenhauses in Urfa und jetzt der Geschäftsleiter der
Teppichfaktorei -- ist ein deutscher Artilleriehauptmann, der nach den
Massakers von 1895/96 als Missionar und Spion nach Urfa kam. Im Herbst
1915 ermutigte er den türkischen, kurdischen und arabischen Mob, die
Armenier anzugreifen, und ist für die dreimal wiederholten Massaker
verantwortlich. Das erste Massaker, in dem 250 Armenier getötet wurden,
fand am 19. August 1915 statt; das zweite fand am 23. September statt,
es dauerte eine Woche, in der ungefähr 300 Personen getötet und die
Stadt geplündert wurde; das dritte fand um den 1. Oktober statt.
Zunächst wurden alle Armenier aufgefordert, sich bereit zu machen, nach
Der es Zor zu gehen. Als sie einwandten, daß sie alles verloren hätten
und nichts behalten hätten, das sie mitnehmen könnten, befahl Fakhri
Pascha, sie zu massakrieren. Das Massaker dauerte 10 Tage. Der deutsche
Artilleriehauptmann zerstörte die armenischen Quartiere, die Kirche und
alles andere, in dem er so der armenischen Bevölkerung von Urfa ein
Ende machte. Damals war es, daß Rev. Apelian, der Apotheker Apraham
Attarian, Solomon Effendi Knadjian, Abuhajadian und Hagobian auf
Verlangen des Herrn Eckart eingekerkert wurden. Rev. Apelian, Attarian
und Hagobian wurden erhängt, Knadjian und Abuhajadian erschossen.“
Über den wirklichen Hergang der Ereignisse in Urfa liegen die Berichte
von Herrn Künzler in den Aktenstücken vor. Die massiven Lügen über
Herrn Eckart, die angeblicherweise Herrn Künzler in den Mund gelegt
werden, sind mit wenigen Worten zu entkräften. Herr Eckart war
vor 20 Jahren Volksschullehrer. Er hat niemals bei der Artillerie
gedient und niemals in seinem Leben ein Geschütz abgefeuert. Er
war nicht Expräsident, sondern bis zu seiner Abreise von Urfa im
Jahre 1918 Leiter des armenischen Hilfs- und Waisenwerks und der
Teppichmanufaktur, die von mir mit Hilfe deutscher, dänischer,
holländischer und schweizer Armenierfreunde als armenisches Hilfswerk
vor 20 Jahren nach den Abdul Hamid’schen Massakers begründet worden
ist und bis zum Ausbruch des Krieges 400 armenischen Frauen und
Mädchen Arbeit und Brot gab. Im Waisenhaus hat er über 700 armenische
Waisenkinder auferzogen. Auch während des Krieges hat Herr Eckart
alles, was in seinen Kräften stand, getan, um das Leben der Armenier
von Urfa zu schützen und den Notleidenden zu helfen.
Es ist nichts Ungewöhnliches, daß sich die Verleumdung, wie es die
Fälle Rößler und Eckart beweisen, gerade diejenigen Männer aussucht,
die sich in Wahrheit die größten Verdienste erworben haben.
3. Der Fall eines deutschen Offiziers in Musch. In Nr. 25 (S. 94) des
genannten Blaubuches wird im Zusammenhang eines Berichtes über das
Massaker von Musch nach der kaukasischen Zeitschrift „Mschak“ folgendes
erzählt:
„Nach kaukasischen Berichten sammelten die Türken durch Verrat und
Täuschung gegen 5000 Armenier von 20 armenischen Dörfern rund um das
Kloster St. Garabed in Musch und massakrierten sie. Bevor das Massaker
begann, trat ein deutscher Offizier auf die Mauer des Klosters und
machte den Armeniern Vorwürfe, weil die türkische Regierung ihnen große
Freundlichkeit bewiesen und sie ausgezeichnet habe, daß sie aber nicht
zufrieden gewesen wären und Autonomie verlangt hätten. Dann gab er
durch einen Revolverschuß das Zeichen zum allgemeinen Massaker[17].“
Auch diese Geschichte ist erfunden. Durch eine Nachfrage bei der
deutschen Militärmission ist festgestellt worden, daß Deutsche im Juli
1915 bei den Ereignissen in und um Musch nicht zugegen waren. Auf
Anfrage von mir erklärte Schwester Alma Johansson, jetzt in Ronneby,
Schweden, die das Massaker miterlebt hat:
„Kein Deutscher war im Sommer 1915, ebensowenig zur Zeit des Massakers,
in der Muschgegend.“
Den drei Fällen von Verleumdungen stehen die zahlreichen Zeugnisse
der Dokumente gegenüber, die von dem unermüdlichen Eintreten der
deutschen Konsuln für die Deportierten, von der aufopferungsvollen
Notstandsarbeit deutscher Missionare und Missionarinnen und von dem
erfolgreichen Eintreten deutscher Offiziere zum Schutz bedrohter
Armenier Zeugnis ablegen.
Es genüge hier, die mir bekannt gewordenen Fälle militärischen Schutzes
aufzuführen.
1. Der deutsche Kriegsfreiwillige ~Karl Schlimme~, Konsulatsdiener
des deutschen Konsulats in Erzerum erzählt, wie er am 18. Juni
Mitglieder der österreichischen Ski-Mission begleitete, denen eine
armenische Familie, zu der auch die Schwester des armenischen Bischofs
von Erzerum gehörte, vom Wali anvertraut worden war. In Baiburt wurde,
nachdem man ihnen den Kutscher fortgenommen hatte, der Versuch gemacht,
ihnen die Armenier zu entreißen, wogegen sie sich zur Wehr setzten. Auf
dem weiteren Wege trafen sie regelrechte Posten von Komitatschis. Die
zur Bedeckung mitgegebenen Gendarmen weigerten sich, weiter mitzukommen
und machten mehrfach den Vorschlag, die Armenier niederzumetzeln. Unter
eigener Lebensgefahr brachten die Reisenden die Familie nach Ersindjian.
2. Herr ~von Scheubner-Richter~, der in Erzerum bis zur Ankunft
des Herrn Werth mit der Vertretung des Konsulats betraut war und im
August 1915 in militärischem Auftrage nach Mossul unterwegs war,
verhinderte dadurch, daß er mit den ihm unterstellten deutschen
Offizieren und Mannschaften seine Mitwirkung verweigerte, daß ein
Lager von Deportierten, das sich aus Furcht vor einem Massaker
zwischen Bitlis und Mossul verschanzt hatte, von den ihn begleitenden
türkischen Offizieren mit ihren Mannschaften laut Befehl aus Mossul
massakriert wurde.
3. Generalfeldmarschall ~Freiherr von der Goltz~ erfuhr
nach seiner Ankunft in Mossul (Dezember 1915), daß der bisherige
Oberkommandierende in Mesopotamien, Nureddin Bey, Befehl gegeben
hatte, die nach Mossul transportierten Armenier von Bagdad von dort
weiter zu verschicken und auch die in Mossul ansässigen Armenier
nach dem Euphrat zu schaffen. Der Feldmarschall hielt diese Maßregel
militärisch in keiner Weise für gerechtfertigt und intervenierte
bei den Wilajetbehörden; zunächst ohne jeden Erfolg. Er erreichte
wenigstens, daß die Armenier einstweilen in Mossul bleiben konnten. Als
bis Mitte Januar 1916 keine Antwort aus Konstantinopel kam, verbot der
Feldmarschall von sich aus auf Grund seiner Oberbefehlshaberbefugnisse
dem Wali von Mossul, die Armenier weiter zu transportieren. Bis Ende
Januar erhielt er keine Antwort, erfuhr aber, daß die Regierung auf dem
Abtransport bestehe. Hierauf bat der Feldmarschall telegraphisch um
seine sofortige Abberufung. Erst jetzt antwortete Enver Pascha in einem
verbindlich gehaltenen Telegramm, in welchem er Zusicherungen bezüglich
des Verbleibens der Armenier in Mossul machte, im übrigen aber den
Feldmarschall darauf hinwies, daß ihn seine Oberbefehlshaberbefugnisse
nicht berechtigten, sich in die inneren Angelegenheiten des türkischen
Reiches einzumischen.
4. General ~Liman von Sanders~[18] erfuhr am 9. November, als er
zur Besichtigung der 56. Division und der nach dem europäischen
Kriegsschauplatz beorderten 16. Division in Smyrna weilte, daß am
8. November mehrere hundert Armenier in Smyrna verhaftet und mit
der Eisenbahn ins Innere transportiert worden waren, darunter alte
Frauen und kranke Kinder, die von der Polizei in der rohesten Weise
aus den Betten geholt worden waren. Am 10. November schickte er den
Stabschef der 5. Armee zum Wali und ließ ihm sagen, daß er derartige
Massenverhaftungen und Transporte nicht dulden und eine Fortsetzung
der Maßnahmen mit Waffengewalt durch die ihm unterstellten Truppen
verhindern würde. Zugleich gab er Befehl, die nötigen Vorkehrungen zu
treffen. Er ließ dem Wali bis Mittag Bedenkzeit. Gegen ½2 Uhr meldete
ihm sein Stabschef, daß die Verhaftungen und Transporte eingestellt
seien. Ebenso intervenierte General Liman von Sanders wegen der
Verhaftung der zehn angesehensten und reichsten griechischen Notabeln
von Urla, die ohne Verhör in das Gefängnis von Smyrna gebracht worden
waren.
5. General von Lossow und General Freiherr ~Kreß von
Kressenstein~[19] (Chef der deutschen Delegation in Tiflis) haben
sich mit der größten Energie dafür eingesetzt, daß die türkische
Kaukasusarmee, die im Widerspruch mit den Abmachungen des Friedens
von Brest-Litowsk in die Gouvernements Tiflis, Eriwan, Elisabethpol
und Baku einrückte, hinter die Vertragsgrenze zurückgezogen wurden.
Die aus ihren Wohnsitzen geflüchteten kaukasischen Armenier kamen in
eine so verzweifelte Lage, daß eine halbe Million von Männern, Frauen
und Kindern mit dem Hungertode bedroht war. Trotz der Weigerung Enver
Paschas hat die Oberste Heeresleitung (siehe Telegramme von Hindenburg
und Ludendorff) ihren Willen durchgesetzt und ermöglicht, daß die
geflüchteten Armenier endlich in ihre Wohnsitze zurückkehren konnten.
6. Oberstleutnant ~Paraquin~, der damals dem Stabe des
Armeeführers Halil Pascha angehörte, war nach der Einnahme von Baku
Zeuge davon, daß Nury Pasha der Niedermetzelung der Armenier durch die
Tataren freien Lauf ließ, ohne einzugreifen und die Christen der Stadt
zu schützen. Als Oberstleutnant Paraquin, der schon zuvor vergeblich
Vorbeugungsmaßregeln gefordert hatte, von seinem Unwillen keinen
Hehl machte und energisch auf Schutzmaßregeln drang, zog er sich das
Mißfallen Nury Paschas in dem Maße zu, daß er am Tage darauf von Halil
Pascha seiner Stellung enthoben wurde.
7. In der deutschen Kolonie ~Katharinendorf~ sind durch
bewaffnetes Einschreiten der deutschen Kolonisten 152 Armenier aus
einem von den Tataren veranstalteten Massaker gerettet worden.
Ich zweifle nicht, daß noch viele deutsche Offiziere, wo sie in die
Lage kamen, gefährdeten Armeniern ihren Schutz angedeihen zu lassen,
ebenso gehandelt haben. Es würde mir wertvoll sein, von deutschen
Kriegsteilnehmern, die aus der Türkei zurückgekehrt sind, zur
Vervollständigung meines Materials Mitteilungen über die Erfahrungen zu
erhalten, die sie im Zusammenhang mit der Armenierverfolgung gemacht
haben.