Die ersten fast gleichzeitigen Schläge der Gesamtdeportation in ganz
Anatolien fielen in die letzten Tage des Juni, den Juli und August
1915. Damals setzten sich die ungeheuren Menschenkarawanen, die
wie Viehherden unter der Glut der orientalischen Sonne von rohen
Gendarmen durch die baumlosen Gebirgstäler von Anatolien getrieben
wurden, vom Osten, Norden und Westen des Reiches in Bewegung. Die
Wanderzüge waren Monate unterwegs, schlecht oder gar nicht ernährt,
von angeworbenen Tschettäs und Kurdenbanden überfallen, getötet,
geschändet, mißhandelt, durch Hunger und Krankheit aufgerieben. Meist
nur der dritte Teil erreichte das Verschickungsziel, die Ränder der
arabischen Wüste, bei Mossul, Nisibin, Ras ul Ain, Rakka, Der es Zor,
Deraa, Hauran, Kerak. Auch am Ende des Todesweges ließ man ihnen keine
Ruhe, trieb sie wochenlang im Kreis herum, füllte und entleerte die
Konzentrationslager, ließ sie kaltblütig an Hunger und Seuchen sterben
oder massakrierte sie zu Tausenden. Die Leichenstraßen verpesteten die
Luft. Der Flecktyphus verseucht alle Etappenstraßen.
Da die Pforte für die Vorstellungen der Botschaft taub blieb, war den
deutschen Konsulaten in den Jahren 1916 bis 1918 nichts anderes übrig
geblieben, als die Notstandswerke der im Lande verbliebenen deutschen
und amerikanischen Missionen, wo es irgend hinter dem Rücken der
türkischen Behörden möglich war, zu fördern und zu schützen. Nach dem
Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Amerika und der Türkei
(20. April 1917) blieb die Last allein auf den Schultern der Missionare
und Schwestern deutscher Hilfsgesellschaften, die durch amerikanische,
schweizer, holländische, nordische und deutsche Hilfsgelder unterstützt
wurden.
Das Auswärtige Amt, die Botschaft und die Konsulate taten ihr
Möglichstes, um die gesammelten Gelder an ihren Bestimmungsort
zu leiten. Doch alles, was auf diese Weise geschehen konnte, war
jammervoll wenig. Die Deportierten in den Konzentrationslagern
starben wie die Fliegen, zu Tausenden und Zehntausenden. Am meisten
aber wurden die Notstandswerke dadurch erschwert, daß die türkischen
Behörden durch generelle Verbote alle Werke der Barmherzigkeit an
den Deportierten zu verhindern suchten. In den Städten ging es noch
an, da manche türkische Beamte trotz der Regierungsbefehle ein
Auge zudrückten. In Aleppo blieb ein deutsches Waisenhaus, das
hinter dem Konsulat gelegen war, verschont. Die übrigen Häuser mit
Hunderten von Waisenkindern, die von deutschen Schwestern gekleidet
und gefüttert wurden, standen unter türkischer Kontrolle und wurden
später wieder ausgeräumt. Die Kinder wurden auf rein muhammedanische
„Regierungswaisenhäuser“ nach Damaskus, Konia, Ismid und andere
Plätze im Innern verteilt, wo sie muhammedanische Namen empfingen
und im muhammedanischen Glauben auferzogen werden sollten. Es war
Methode in der Sache. Gesuche amerikanischer, schweizer und deutscher
Gesellschaften, Hilfsexpeditionen in die Notstandsgebiete senden zu
dürfen, wurden, trotz der Befürwortung durch die deutsche Botschaft,
rundweg abgelehnt. Auf einen Antrag der Deutschen Orientmission erhielt
die deutsche Botschaft von der Pforte die Antwort, „daß die türkische
Regierung keinerlei fremde Hilfsaktion für die Armenier zulassen könne,
da hierdurch die Armenier in ihren Hoffnungen auf das Ausland bestärkt
würden“ (28. April 1916). Eine Anfrage, die die Botschaft durch den
Konsul Loytved in Damaskus an Djemal Pascha, den Oberkommandierenden
der IV. Armee, richten ließ, welche Aussichten eine vom American Bible
House geplante größere Hilfsunternehmung für die notleidenden Armenier
in Damaskus hätte, wurde dahin beantwortet, „daß er persönlich das
Los der Armenier nach Möglichkeit erleichtern möchte, aber strenge
Anweisungen von Konstantinopel habe, jede deutsche und amerikanische
Beteiligung an einer Hilfsunternehmung für Armenier zu verhindern, da
der innere Widerstand der Armenier gegen die türkische Regierung nur
gebrochen werden könne, wenn ihnen beigebracht würde, daß sie keinerlei
Unterstützung von irgend einer fremden Regierung zu erwarten hätten“
(29. März 1916).
Auch das armenische Patriarchat wurde von den türkischen Behörden
verhindert, den notleidenden Verbannten zu Hilfe zu kommen, so daß das
Patriarchat genötigt war, sich zu diesem Zweck fremder Vermittlung zu
bedienen. „Es gewinnt den Anschein“, schreibt Graf Wolff-Metternich,
„als ob die Pforte jede Notstandshilfe, von welcher Seite sie auch
kommen möge, ablehnt.“
Ein Funkspruch vom Eiffelturm meldet unter dem 12. August 1916:
„Aus Washington erfährt man, daß die Türkei die Bitte der Vereinigten
Staaten von Amerika abgeschlagen hat, einem neutralen Komitee zu
erlauben, in Syrien, wo Tausende von Einwohnern Hunger leiden, Hilfe zu
schaffen.“
Ein von Djemal Pascha selbst in Damaskus in die Wege geleitetes
Hilfswerk, für das der ehemalige Wali von Saloniki und Aleppo, Hussein
Kjasim Bey, den besten Willen mitbrachte, hatte nach seinem eigenen
Zeugnis das folgende Schicksal:
„Seine Maßregeln werden nicht nur nicht ausgeführt, sondern die
Behörden handeln ihnen entgegen. Die Armenier, die er programmmäßig
von Deraa nach Damaskus schicke, werden von den hiesigen Stadtbehörden
wieder zurückgeschickt. Die Regierung stelle ihm viel zu wenig
Geldmittel zur Verfügung, um wirksam der großen Not der Armenier
entgegentreten zu können. Er sei ganz verzagt und glaube überhaupt
nicht mehr an den ernsten Willen der türkischen Regierung, den
ausgewiesenen Armeniern helfen zu wollen. Er fürchte sogar, daß
man sie systematisch ausrotten wolle. Er höre, daß die nach Aleppo
geleiteten Armenier wieder nach dem Osten, nach Mossul und Der es Zor
gebracht würden, wahrscheinlich um den Beduinen zum Opfer zu fallen.
Diese grausame Vernichtungspolitik sei eine Schmach für die Türkei und
würde nach dem Frieden der Türkei sehr schaden und auch Deutschland in
Verlegenheit bringen, weil es von der Welt beschuldigt würde, nicht
wirkungsvoller für die Armenier eingetreten zu sein.“
Die Konzentrationslager aufzusuchen und an Ort und Stelle den
Verhungernden Kleider, Brot oder Geld zu bringen, war nahezu unmöglich,
da die Regierung es mit allen Mitteln zu verhindern suchte. Nur wenigen
Deutschen ist es gelungen, die gewagte Expedition auszuführen. Den
deutschen Schwestern war verboten, die Städte zu verlassen, obwohl sie
sich gern allen Gefahren ausgesetzt hätten. Die Deutschen wurden um
nichts besser als Neutrale behandelt. Unter den Verschickten und dem
Hungertode Ausgelieferten fanden sich zahlreiche in deutschen Schulen
und Waisenhäusern erzogene deutschsprechende Kinder. Das armenische
Lehr- und Hilfspersonal deutscher Anstalten und Schulen, armenische
Ärzte, Apotheker, Krankenschwestern deutscher Hospitäler wurden wahllos
deportiert, eingekerkert, erschossen, gehängt und zum mindesten
zwangsweise islamisiert. Den deutschen Waisenanstalten in Mamuret
ul Asis wurden vier ihrer mit Waisenkindern angefüllten Häuser für
Militärzwecke requiriert und nachher nicht einmal gebraucht. „Er war
ein Schlag gegen die deutsche Arbeit.“
Die deutsche Botschaft tat, was sie konnte, um den Wünschen,
die vom Papst, von evangelischen und katholischen Missions- und
Hilfsgesellschaften an sie gelangten, bei der Pforte Nachdruck zu
verleihen. Alles umsonst. Durch Sabotage der Barmherzigkeit sollte der
Prozeß, der durch Totschlag, Hungersterben und Seuche das armenische
Volk der Vernichtung zuführte, beschleunigt werden.