III. Das Schicksal der Deportierten.

Die Versicherung Talaat Beys, daß „augenblicklich nirgends mehr

Abtransporte stattfänden“, war allzu wörtlich gemeint. Nicht

Deportation -- denn es war fast nichts mehr zu deportieren -- sondern

systematische Vernichtung der Deportierten durch Aushungerung unter

Nachhilfe von gelegentlichen Massakers sollte jetzt das angefangene

Werk vollenden[12].

Was war inzwischen geschehen?

Nach der ursprünglichen Ankündigung sollte Mesopotamien das

Verschickungsziel und Neuansiedelungsgebiet der Deportierten sein.

Seit dem Herbst hatte man aber angefangen, die armenische Bevölkerung

auch der mesopotamischen Städte auszuräumen. Am 2. September waren

die Christen von Djesire (4750 Armenier, 250 katholische Chaldäer und

100 syrische Jakobiten) massakriert worden. Am 16. Oktober wurde die

armenische Bevölkerung von Urfa (20000 Seelen) teils massakriert, teils

deportiert. Am 18. Oktober hatte das Konsulat aus Aleppo berichtet:

„Nach Angabe des Direktors der politischen Angelegenheiten des Wilajets

sind bei Radju und Katma 40000 konzentriert. Weitere Scharen aus West-,

Mittel- und Nord-Anatolien sind im Anzuge. Zur „Ansiedelung“ nach

Süden (westlicher Hauran, Rakka, Der es Zor) weitergesandt 300000.

Diese werden nach genanntem Beamten am Ziel notgedrungen sich selber

überlassen und werden alle sterben.... Jedenfalls fehlt zur Ansiedelung

alles und jedes, für Konzentrationslager werden weder Zelte noch

ausreichendes Mehl, noch Brennmaterialien geliefert. Verschickten

Bauern sind von der Behörde selbst Hacken und Spaten abgenommen.

Allgemeine Überzeugung ist, daß sämtliche Verschickte dem Tode

verfallen.“

Wie aus den mesopotamischen Städten, wurde zuletzt auch aus Nordsyrien

alles, was an Armeniern noch übrig war, abtransportiert oder

abgeschlachtet. Anfang Januar wurden 5-6000 Armenier aus Aintab in die

Wüste geschickt, Mitte Februar alle Kinder von Killis deportiert. Am

6. April wurden in dem Konzentrationslager von Ras ul Ain von 14000

Deportierten 12000 abgeschlachtet; der Rest von 2000 später ebenfalls

beseitigt. Am 16. April wurden die in Maarra und den umliegenden

Dörfern „angesiedelten Armenier“ in die arabische Wüste geschickt; am

19. April folgten ihnen aus Marasch 9000 Armenier (der Rest von 24000)

nach Der es Zor. Das Hungersterben in den Konzentrationslagern sorgte

dafür, daß immer wieder Platz wurde[13].

Gleichwohl hatten sich die Machthaber in Konstantinopel in ihren

Besprechungen mit dem Botschafter im Dezember 1915 den Anschein

gegeben, als ob sie den Willen hätten, der Vernichtungsmaßregel Einhalt

zu tun. Da in der Tat noch immer einige Hunderttausend am Leben waren,

war man gerade um diese Zeit auf ein anderes Mittel verfallen, um das

zäh verfolgte Ziel der Eintürkung der christlichen Nationen bei den

überlebenden Resten auch auf unblutigem Wege zu erreichen.

Deutschland und Armenien, 1914-1918: Sammlung diplomatischer Aktenstücke · 第 38 / 134 题