Kämpff, Kommandant der A. V.“

Diese Nachricht gab nun den Gesprächen und Gedanken der Menschheit auf

der „Auguste Viktoria“ -- vom Schiffsjungen bis zum Fürsten -- längere

Zeit eine ganz bestimmte Richtung, und wo immer ihrer einige beisammen

stunden, wurde der Besuch bei Kaiser Wilhelm verhandelt und die

wichtige Toilettenfrage einläßlich besprochen, so daß die Pracht der

nördlichen Lofoten, welche wir bei Beginn unserer Rückfahrt passierten,

für viele vollständig verloren gegangen sein mag.

~XIII.~

Maschinen- und Vorratsräume der „Auguste Viktoria“. -- Die Welt

-- ein Dorf. -- Maraak. -- Vorbereitung für den Kaiserbesuch. --

Ankunft in Aalesund bei „S. M. Y. Hohenzollern“. -- Der Kaiser an

Bord. -- Besuch der „Hohenzollern“.

Das ist eine merkwürdige Welt, diese langgestreckte, wildzackige

Lofotenkette; bei Abend- und Mitternachtsbeleuchtung bot sie uns die

herrlichsten Landschaftsbilder. In Flammen strahlend zeichneten sich

die Umrisse der Berge außerordentlich scharf am Horizont ab, und Meer

wie Land erschienen in märchenhafter Farbenpracht.

Lange Zeit stritten wir uns und waren im Unklaren, ob eine nach

Mitternacht fern im Osten sichtbare ungeheure weiße Fläche, die nur

von einzelnen schwarzen Gipfeln überragt auf den Gebirgszügen lagerte,

ein Nebelmeer sei oder aber ein Schneefeld. Nach und nach aber konnte

kein Zweifel mehr herrschen; wir sahen den grandiosen Firn des

_Svartisen_; er bedeckt gegen 60 Kilometer lang und 16 Kilometer breit

eine durchschnittlich 1200 Meter hohe Fläche, aus der vereinzelte Höhen

aufragen, während nach allen Seiten mächtige Gletscher zu den Fjorden

absteigen. Stundenlang beherrschte die gespensterhaft weiße, erhabene

Riesenfläche das Landschaftsbild; sie wird in ihrem südlichen Teil vom

Polarkreis geschnitten. (Mein Nachbar auf Deck stellte sich auf die

Fußspitzen, um das besser zu sehen.)

Den folgenden Tag, 18. Juli, brachten wir auf offenem Meere zu und

hatten Zeit und Gelegenheit, allerlei Interessantes von den Eingeweiden

unseres Schiffes zu betrachten. Unter der Führung eines Maschinisten

war es gestattet, in die Maschinenräumlichkeiten hinabzusteigen. Wie

das alles glänzte und glitzerte und ruhelos arbeitete in diesen taghell

elektrisch beleuchteten eisernen Kammern! Und weiter unten, wo der

Heizer, halbnackt und schweißtriefend Kohlenberge ins Feuer warf,

glaubte man in eine Hölle zu schauen.

In ganz kleiner Gesellschaft, nur fünf Köpfe stark, besuchten wir

auch die Vorratsspeicher, welche rückwärts am Schiff, in der Nähe der

Schrauben, tief unter dem Hauptdeck unterhalb der Wasserlinie gelegen

sind. Eine Tag und Nacht funktionierende Dampfmaschine -- wie oft

hatte ich sie und ihre Kollegin, die elektrische Lichterzeugerin, zum

Kuckuck gewünscht, wenn ich Nachts zu schlafen versuchte! -- besorgt

die Abkühlung der Provianträume unter den Nullpunkt und alles, was an

Fleisch da hing und lag, Dutzende von halben Rindern, Kälbern, Schafen

und Schweinen, Tausende von gerupften und ausgeweideten Kapaunen und

Truthähnen, zirka 50,000 Pfund, war steinhart gefroren. Das für einen

Tag notwendige Quantum wurde je 24 Stunden vor der Verarbeitung in der

Küche aus der Gefrierkammer in einen Vorraum gelegt, um dort langsam

aufzutauen. Andere Abteilungen dieses unterseeischen Schiffsquartiers

enthielten erstaunliche Mengen von Konserven und Früchten aller Art,

worunter namentlich riesige Ananas und Hunderte von aufgehängten,

schwer mit Früchten beladenen Bananenstauden auffielen; Vorräte

von Butter, Käse, Eier, Milch, letztere teils als kondensierte,

hauptsächlich aber als einfach sterilisierte Mecklenburger Milch in

Büchsen von 6 Litern zugeschmolzen. Ich erfuhr erst hier, daß unsere

schweizerische Milchexportindustrie im Lande Fritz Reuters eine so

leistungsfähige Rivalin hat. Von dem Blick in die Bierlager und in die

Flaschenkeller, wo die vielen Tausende von Wein- und Champagnerflaschen

wohlgeordnet, jede in besonderm kleinem Holzlager, ruhen, will ich

lieber gar nicht weiter erzählen.

In jeder Ecke dieses aus Speis und Trank zusammengesetzten Labyrinths

zündet bei Bedarf ein elektrisches Glühlicht und über jedes nach

oben abgelieferte Gramm wird exakt Buch geführt. Was nun von den für

einen Tag bestimmten und an Koch, Bäcker und Konditor übermittelten

Konsumartikeln innerhalb dieses Tages nicht verzehrt wurde, wandert

ins Meer. Alltäglich, nachdem Passagiere und Schiffsangestellte

sich satt gegessen, bleiben große Quantitäten von „Gesottenem und

Gebratenem“ übrig, und es besteht strenge Vorschrift, daß nichts davon

weitere Verwendung für die Schiffstafel finden darf. Jeden Morgen

wurden unglaubliche Quantitäten von Fleisch und Brot, oft Hunderte der

appetitlichsten Kleinbrotartikel in die salzige Flut geschmissen, und

der Zahlmeister behauptete, daß mit diesem Fischfutter dreißig Familien

reichlich ernährt werden könnten. Wo immer wir vor Anker lagen, da

kreisten beständig einige armselige Boote um unser Schiff und suchten

„die Brosamen vom Tische der Reichen“ aufzufischen.

Der Zweck der verschwenderischen Vorschrift ist zwar klar: die

Gesellschaft will ihren Passagieren die Garantie für ausschließlich

frische und prima Nahrung bieten; aber es erscheint uns eben doch als

protziges Unrecht, daß man sich nicht die Mühe nimmt, diese wertvollen

Ueberbleibsel zu sammeln, zu konservieren und nachher an Unbemittelte

zu verschenken.

Mit jedem Tage kam sich die Reisegesellschaft etwas näher; Menschen,

die ursprünglich sich als wildfremd angeglotzt, fanden plötzlich

gemeinschaftliche Anknüpfungspunkte, und gegen das Ende der Fahrt gab’s

überhaupt kaum mehr absolute Fremdlinge. „Die Welt ist ein Dorf“ hörte

man zu wiederholten malen ausrufen, wenn zwei bis dahin Unbekannte

sich plötzlich als gemeinschaftliche Freunde oder gar Vettern eines

Dritten entpuppten. In einer feinen ältern Dame entdeckte ich durch

Zufall die Witwe eines mir sehr lieben Herrn, mit dem ich s. Z. in

Engelberg köstliche Stunden verlebt habe und der -- nun seit langem tot

-- dort als Papa G. in bester Erinnerung geblieben ist. Was freute sich

die, am Polarkreis von ihrem verstorbenen Gatten allerlei Heimeliges

erzählen zu hören; es war für sie wie eine kleine Auferstehung, und

als ich den freundlichen Graubart in einigen kleinen, ihr vielleicht

entschwundenen äußerlichen Zügen schilderte, z. B. wie er seine

Havannah nie abzuschneiden, sondern durch einen kräftigen Biß zugfähig

zu machen gewohnt war, da übernahm sie die Rührung und wir mußten das

Thema abbrechen.

Der weibliche Teil der Passagiere erfreute sich seitens der Hapag

bei verschiedenen Anlässen besonderer Aufmerksamkeiten. Schon am

ersten Tage auf hoher See hatte jede Dame eine elegante weiße

Schiffsmütze, die in Golddruck den Namen „Auguste Viktoria“ trug, als

Geschenk erhalten; nachher kamen bei Bevorzugten Hapag-Brochen und

andere Schmucksachen an die Reihe. Der blasse Neid der Männerwelt

konnte an der Sache nichts ändern. Aber als heute beim Diner neben

jedem weiblichen Couvert eine reizende gefüllte Silber-Bonbonniere

mit eingravierter Dedikation lag und wir armen Männer wieder leer

ausgingen, da drohte -- an unserm Tisch wenigstens -- heller Aufruhr,

und der Brust entrann der Schmerzensschrei: „Ach, wäre ich doch als

Jungfrau geboren!“

Das hat vielleicht jener amerikanische Ehe- und Ehrenmann auch

geseufzt, der am nämlichen Abend auf Deck und ~coram publico~ sich

geduldig von seiner rabiaten Gattin beohrfeigen lassen mußte.

Nächstes Ziel unserer Fahrt war Maraak (auch Marok oder Merok

genannt); der Weg dorthin ist reich an landschaftlichen Schönheiten,

die sich steigern, je weiter man in den zuführenden Fjorden vordringt.

Durch den Slyngs- und Sunelvsfjord erreicht man den weltberühmten

Geirangerfjord mit seinen schroffen Felsgebirgen und den zahlreichen

und wunderbar geformten Wasserfällen. Namentlich schön und merkwürdig

ist der Fall der „sieben Schwestern“; sie stürzen ganz oben als sieben,

weiter unten nur noch als vier milchweiße Bäche über eine senkrechte

Felswand herab, die sich auch im Wasser noch senkrecht weiter

fortsetzt, so daß das Schiff ganz dicht an die Fälle heranfahren kann.

Die Felsen der andern Seite zeigen seltsame Profile; bald glaubt man

eine Kanzel zu sehen, bald eine Ritterburg oder auch ein menschliches

Antlitz, und ein langgezogenes zerklüftetes Massiv sieht genau so aus

wie ein schartiges Rasiermesser unter dem Mikroskop. Immer enger treten

die Berge zusammen; immer mächtiger und vielgestaltiger werden die zu

Thal stürzenden Wassermassen. Ab und zu belebt ein malerischer Segler

den sonst menschenleeren Sund.

Unser Naturgenuß wurde erhöht durch ein ganz besonders ausgezeichnetes

Konzertprogramm, das die flotte und unermüdliche Schiffskapelle

abwickelte. Die Tannhäuser-Ouvertüre spielte sie mit einer Bravour,

die mich zu einem Bon für 50 Glas Münchner begeisterte. Das hatten die

braven Musikanten wohl verdient.

Plötzlich wird der Fjord abgeschlossen durch einen Bergkessel von

unbeschreiblicher Großartigkeit; aus einer Höhe von fast 2000 Meter

glänzt ein schneebedeckter Gletscher; alle Reize der Fjordlandschaft

vereinigen sich zu einem prächtigen Bilde; wir liegen vor Maraak.

Der kleine freundliche Ort besteht aus einfachen Häusern, die sich

an den Fjord schmiegen; auf der Höhe steht eine weithin grüßende

Holzkirche. Hinter Maraak steigt es steil empor zum Geiranger

Bergkessel, durch welchen an einer Ueberfülle von Wasserfällen vorbei

die großartigste Bergstraße Norwegens landeinwärts führt. Einige

Hotels, von welchen das höchstgelegene zirka 300 Meter direkt über

der Kirchturmspitze vom Meere aus zu sehen ist, signalisieren die

Fremdenstation. Es sind wieder fast ausschließlich Engländer, welche

sich diesen Platz zu längerm Aufenthalte wählen.

[Illustration: Maraak.]

Wir fuhren in aller Morgenfrühe ans Land, wo zahlreiche Karren für

die Alten und Faulen bereitstunden. Da wir aber zu keinen von beiden

gehören wollten, fußten wir stolz daran vorbei und rekognoszierten auf

heimeligen Wiesenpfaden Land und Leute. Ein herrlicher Heuduft ersetzte

in angenehmer Weise das Fisch- und Thranaroma, das uns vom Norden her

noch in der Nase lag. Unser erster Gang galt der freundlichen, auf

einem Hügel gelegenen Holzkirche. Sie ist von einem kleinen Friedhofe

umgeben, über dessen Steinmauern wir zuerst klettern mußten, um ins

Innere zu gelangen. Von dieser Stätte des Todes fällt der Blick auf

eine prächtige, lebenswarme, sonnige Welt. Die Kirche selbst ist ein

schlichter, achteckiger Holzbau, lose auf schlecht gemauerte Pfeiler

gestellt und mit Holzläden versehen. Der malerische Turm ist der Mitte

aufgesetzt, wie bei dem bekannten Kinderspielzeug. Der Straße bergan

folgend, die sich bis weit hinauf durch Staubwolken kennzeichnete,

erreichten wir nach zirka 15 Minuten das vom Hafen aus unsichtbare

Hotel Union; auf einer Seite desselben stürzt der wasserreiche Storfos,

als weißer Gischt, brausend über eine Felswand; auf der andern Seite

gleiten die Gewässer des Geirangerbergthales in klarem Strome zu Thal,

und vereint eilen beide dem Fjorde zu. Eine üppige grüne Vegetation --

auch stattlicher Baumwuchs, Birken, Erlen, Eschen -- bedeckt den ganzen

Bergabhang, und bis weit hinauf sind Hütten sichtbar und weidende

Herden, denen auch die Glocken nicht fehlen. Zu den Füßen liegt der

enge, scheinbar rings abgeschlossene Bergsee und hoch in die Lüfte

ragen gewaltige Gebirgsstöcke und Schneefelder. Das Hotel, aus Holz im

Chaletstil erbaut, sah recht einladend aus; an den Veranden blühten

Gaisblatt, Kapuziner und wilder Hopfen.

Je nach Wanderlust und verfügbarer Kraft wurde die Straße mehr oder

weniger nach oben fortgesetzt; viele ließen sich zum obern Hotel

(H. Udsigten = Bellevue) hinaufführen, wo der Blick auf die eisige

Gebirgswelt landeinwärts und im Gegensatz zu der wilden Fjordlandschaft

zu Füßen ein großartiger gewesen sein muß. Einen weiß ich -- ein

gelehrtes Haus -- der einsam noch weiterstrebte und in adamischem

Kostüm sich unter den Wasserschleier des schönsten Staubbaches stellte.

Das sei ein nicht zu beschreibendes Vergnügen und eine herrliche

Erquickung gewesen, rühmte er, als er halb tot, im Schweiß gebadet und

mit Straßenstaub gepudert, als einer der letzten an Bord zurückkehrte.

Um 12 Uhr mittags, als eben ein kleiner, sich vor Neugierde ganz auf

unsere Seite neigender Touristendampfer einfuhr, verließen wir Maraak

und kehrten auf demselben Wege zurück, die Schönheiten des Fjords

nochmals und in ganz anderer Beleuchtung genießend.

Den Jörundfjord, der noch auf unserem Programm gestanden hatte, ließen

wir links liegen, um rechtzeitig bei Kaiser Wilhelm anzukommen. Wir

nannten ihn übrigens nicht mehr Jörund- sondern Böhringer-Fjord, weil

ein Mitpassagier den Namen fälschlich so verstanden hatte; motiviert

wurde die Benennung durch uns mit der interessanten historischen Notiz,

daß der Großvater von Professor B. ihn vor genau 47 Jahren entdeckt

habe. Der Schiffsunsinn gedeiht unter allen Breitegraden.

An Bord herrschte während dieser Fahrt reges Leben. Ueberall wurde

gefegt und geputzt; die Böden sahen ganz jungfräulich aus und die

Metallbeschläge glänzten wie Spiegel. Inspizierende Schiffsoffiziere

durchwanderten alle Räume und der Verkehrston mit den Untergebenen

war heute ein auffallend strammer und militärischer. Ich saß allein

in dem Rauchsalon und schrieb an die „Thurgauer Zeitung“, als der

erste Offizier eintrat, jeden Winkel musterte und schließlich, als

er am Plafond ein bescheidenes Spinnengewebchen entdeckte, den

verantwortlichen Steward folgendermaßen apostrophierte: „Sie, Steward!

Machen Sie den Dreck ’runter! Glauben Sie, die Decke gehört nicht zum

Rauchzimmer? Wenn unser Kaiser kommt und sieht den Mist, so sagt er: No

was sind denn das für Schweinekerls, diese Rauchstewards!“

Scheinbar zerknirscht machte sich der gescheitelte Jüngling an die

Reinigungsarbeit; aber das Selbstgespräch, dessen Zeuge ich war,

nachdem der gestrenge Inspektor das Lokal verlassen, enthielt Worte

und Satzwendungen, die ich bisher aus der deutschen Litteratur nicht

gekannt hatte.

Alles, vom Kapitän bis zum Schiffsjungen, prangte im glänzenden

Sonntagsgewande; die hundert Stewards sahen geradezu imposant aus.

Aber auch die Passagiere blieben nicht zurück und hingen ihr Bestes

und Schönstes um. Gerne hätte ich mit meinem bohnengrünen Polarmantel

geprunkt; da dies aber aus koloristischen und klimatischen Gründen

nicht anging, mußte ich mich auf mein gewöhnliches Habit beschränken,

ehrte den hohen Gast aber durch den Luxus einer neuen, blendend weißen

Kravatte, und doch nahm er nachher nicht einmal Notiz davon.

Es war nachmittags 3¼ Uhr, als man sich Aalesund näherte. Was

Beine hatte, stund auf Deck, die Stewards in langen Reihen auf den

Blahen der Rettungsboote. Unsere Kapelle hielt sich spielbereit; die

ganze Welt zeigte die größte Spannung; nur einige junge Amerikanerinnen

beschäftigten sich mit ihren Stickrahmen. Hunderte von bunten Wimpeln

flatterten lustig als festliche Dekoration auf unserm Schiff, das

sich in langsamem, würdevollem Tempo dem Bestimmungsorte näherte.

Jetzt erscheint die weite Bucht von Aalesund, von auf grünem Teppich

aufgebauten Gebirgen umschlossen. Im Hintergrunde liegen blaue, mit

Schnee gekrönte Berge. Die aufblühende Stadt zählt bereits 9000

Einwohner und ist ein Hauptstapel- und Handelsplatz. Zahlreiche

Segler und Dampfer bevölkern den Hafen. Aber aller Augen sind auf

seinen Mittelpunkt gerichtet, wo die stolze „Hohenzollern“ vor

Anker liegt, in ihrer Nähe das begleitende Kriegsschiff „Hela“ und

ein schwarzes Torpedoboot. Eine gewisse nervöse Hast war in diesem

Moment auf unserer „Auguste Viktoria“ für einen nüchternen Beobachter

nicht zu verkennen, und sie stieg im Quadrat der Annäherung an das

Kaiserschiff. Sogar der wackere Kapellmeister zeigte sich davon

ergriffen und gab mehrfach Ordre und Contreordre, und die Musikanten

hatten Mühe, bei der scharfen Brise, die wehte, die hastig geänderten

Programmnummern rechtzeitig aufzulegen. Im Zufahren stieg erst

der Präsentiermarsch, dann der Wachparademarsch und endlich nahe

am Ziele der Hoch-Kaiser-Wilhelm-Marsch. Jetzt sind deutlich die

einzelnen Persönlichkeiten zu erkennen; der Kaiser steht in grauem

Civilanzug auf der Kommandobrücke und grüßt anhaltend mit seiner

dunkeln Tellermütze, was unsrerseits mit Hurrahrufen und Hüteschwenken

erwidert wird. Während die Musik den Preußenmarsch spielt, dreht unser

Schiff und bewegt sich -- eine mächtige, weiße Gischtstraße bildend

-- in großem Kreise um die „Hohenzollern“. Unter den Klängen des

Hohen-Friedberger-Marsches fällt endlich der Anker, und wir harren der

Dinge, der kaiserlichen, die da kommen sollen.

Kaum lag unser Schiff ruhig, so kam auch schon eine elegante Barkasse

von der „Hohenzollern“ hergedampft, um die Passagiere auf die

kaiserliche Yacht hinüberführen zu helfen, und in Gruppen von 30 bis

40 begann nun die Wanderung zwischen den beiden stolzen Dampfern,

wobei abwechslungsweise von der 40 Köpfe starken trefflichen Kapelle

an Bord der „Hohenzollern“ und von der unsrigen gespielt wurde.

Vorsichtigerweise pressierten wir drei nicht mit der Ueberfahrt; der

Kaiser sollte ja der „Auguste Viktoria“ einen Besuch abstatten, und die

Gelegenheit, ihn aus unmittelbarer Nähe und nachhaltig zu beobachten,

wollten wir uns doch nicht entgehen lassen. Und richtig -- dort kam er

ja; ein schlankes, von zweimal vier Ruderern in blauem Matrosenkostüm

pfeilschnell durch die Wogen gejagtes Boot trug vorne die kaiserliche

Standarte, und hinten am Steuer saß und lenkte das eilende Fahrzeug

Kaiser Wilhelm ~II~.

Das war ein Rennen und ein Jagen auf unserm Schiff. Atemlos kamen

die Amateurphotographen mit ihren Apparaten hergeeilt und postierten

sich, um das gekrönte Oberhaupt des deutschen Reiches im Momente, da

es an Bord trat, möglichst günstig zu erwischen. „Haben Sie ihn?“

hieß es kreuz und quer; „und von welcher Seite?“ Haarscharf schnitt

das kaiserliche Boot unsere Schiffstreppe; in derselben Sekunde hielt

es an; in der nächsten sprang der hohe Steuermann gewandt und sicher

auf den ersten Tritt, wo er vom Kapitän und einem Vertreter der

Schiffsgesellschaft bewillkommt wurde. Dann gings unter Hurrah und

gegenseitiger Begrüßung die Treppe hinauf auf Deck, wo sich der Kaiser,

geführt vom Kapitän, alles, aber auch alles ansah und durch vielerlei

Fragen sein Interesse an dem stolzen Schiffe bekundete. Auffälliger

Weise schritt der Kapitän stets zu seiner Rechten, und ich wurde nicht

klug, ob dies aus Versehen oder aber einem Wunsche des Kaisers zufolge

geschah, der ja bekanntlich links durch eine Lähmung und auffällige

Verkürzung des Oberarmes verstümmelt ist und auch, wie die Fama weiß,

am linken Gehörorgan krank sein soll. Im Rauch- und Konversationssalon

war ich ganz allein, als die beiden Herren eintraten; besondere Freude

zeigte der Kaiser an den Wandmalereien des ersteren, welches mit

künstlerischem Humor die verschiedenen Rauchertypen, vom Lotsen bis zur

Studentin, darstellen.

Nachdem uns auf diese Weise die vielgerühmte und vielgehaßte, aber

sicher geniale und wohlwollende Verkörperung des deutschen Reiches

menschlich näher getreten war und uns ganz sympathisch berührt hatte,

machten auch wir uns daran, seinen schwimmenden Palast kennen zu

lernen. So was behaglich Schönes, einfach Vornehmes hatten wir noch nie

gesehen. Bekanntlich hat die „Hohenzollern“, die ja verschiedene Male

kleiner ist als die „Auguste Viktoria“, 27 Millionen Mark gekostet,

die Vergoldung des Kieladlers allein 80,000 Mark, und doch ist das

Innere nicht so prunkvoll und überladen wie bei den großen Hamburger

Personen-Dampfern. Aber jeder Planke und jeder Niete sieht man die

hervorragende Qualität an, und es giebt nichts an dieser kaiserlichen

Yacht, das nicht das Attribut absoluter Vollkommenheit verdiente.

Eine breite, mit Teppichen belegte Treppe führt in bequemen Stufen

zu dem Verdeck, das in seiner ganzen Ausdehnung mit Linoleum bedeckt

ist und weite Spaziergänge erlaubt. Auf Vorderdeck war in Galauniform

die 40 Mann starke vortreffliche Kapelle postiert, welche die Gäste

auf Befehl des gastfreundlichen Kaisers zu begrüßen hatte. Jedenfalls

nicht in seinem Sinne und seiner nobeln Denkweise handelten ein paar

vollgegessene, abgelebte Byzantiner, welche, über die Brüstung gelehnt,

mit den fadesten Berliner Witzen und unter knabenhaftem Gelächter sich

über die Ankömmlinge „~minorum gentium~“ lustig machten. Nachdem ich

sie mit einem feindeidgenössischen Blicke vernichtet, freilich ohne

durchschlagenden Erfolg, durchwanderten wir, in Gruppen von 30 bis

40 geführt, die herrlichen Räume des Schiffes. Besonders schön ist

der große Speisesaal, der reich mit Blumen geschmückt war (der Kaiser

führt stets einen Gärtner mit an Bord). An der Stirnseite prangt in

großer Ausstattung das alte Familienwappen mit der Inschrift: „Hie guet

Zollere alleweg!“ Stilvolle künstlerische Wanddekorationen erfreuten

das Auge, z. B. geist- und humorvoll ausgestattete eingerahmte Menus

zur Erinnerung an besonders ereignisreiche Tage früherer Fahrten.

Im Rauchzimmer möchte man sich am liebsten gleich hinsetzen, die langen

Beine ausstrecken und eine Havannah veraschen; auch dort ist wie in

sämtlichen Räumen alles Große und Kleine auf die See abgestimmt; sogar

die reizenden wandständigen Aschenbecher sind silberne Schiffsteile ~en

miniature~, und die Asche wird an kleinen niedlichen Schiffsschrauben

abgestreift. Auch in das Arbeitszimmer des Kaisers wurden wir geführt;

dort sahen wir eben zu, wie eine Amerikanerin von dem goldgeränderten

kaiserlichen Briefpapier einen Bogen in ihre Tasche wandern ließ. In

einem danebenliegenden Salon hört der Fürst täglich die Vorträge der

mitreisenden Minister. Auch auf Deck hat er einen äußerst behaglich

ausgestatteten Privatraum, der mit wissenschaftlicher Schiffslitteratur

und allen möglichen Instrumenten vollgepfropft ist. Auf dem Tische

lagen ausschließlich französische Zeitungen und Werke.

In die Schlafräume gelangten wir nicht; dagegen konnten wir von der

Schiffstreppe aus in einige größere Kabinen einen Blick werfen und uns

überzeugen, daß auch dort ganz ungewöhnlich große Dimensionen vorhanden

sind mit behaglich schöner, nicht überladener Ausstattung. Licht und

Luft tritt nicht wie bei den Kammern der Passagierdampfer durch runde

Lucken, sog. Ochsenaugen, ein, sondern durch größere, mit in Messing

gefaßtem Glas verschließbare viereckige Fenster.

Wunderbar sind die Apparate für den elektrischen Signaldienst

und die Maschinen. Was der menschliche Geist je ersann, um eine

Meerfahrt sicher und genußreich zu gestalten, das hat die deutsche

Schiffsbaukunst sich für die Yacht ihres Kaisers zu nutze gemacht.

Entzückt von dem Geschauten kehrte nach und nach alles wieder zur

„Auguste Viktoria“ zurück, die uns im Vergleich zur „Hohenzollern“,

der wahrhaft Vornehmen, zuerst wie eine pompös ausgestattete

Straßenriesendame vorkommen wollte. Die letzten, die an Bord stiegen --

von den kaiserlichen Ruderern hergebracht -- waren Graf v. Metternich,

Herr Wanamaker und ein Hapag-Vertreter, Konsul Weber aus Hamburg,

welche der Kaiser zu sich zum Thee geladen hatte.

Eben fuhr die glänzende Yacht des amerikanischen Krösus Gould an uns

vorüber; die soll im Innern so raffiniert ausgestattet sein, daß der

deutsche Kaiser, der sie besuchte, das Wort sprach: „So was habe ich in

meinem Leben noch nicht gesehen.“

Um 7 Uhr abends fuhren wir weg von Aalesund. Nochmals umkreisten wir

zum Abschied die „Hohenzollern“; unsere Kapelle spielte das „Heil dir

im Siegeskranz“; der Kaiser winkte vom Verdeck her, unser Kapitän

salutierte, die Wimpel wurden grüßend aufgezogen; alle Welt rief Hurrah

und schwenkte Hüte und Tücher, und wieder ging’s hinaus gegen die hohe

See.

Nach einer halben Stunde sahen wir weit zurückliegend den Aalesund,

mitten drin in der blauen Fläche einen grauen Punkt -- die märchenhafte

„Hohenzollern“.

Abends an der Tafel bildete natürlich das zuletzt Erlebte den

Mittelpunkt des Gespräches, und als Kommerzienrat Schubart aus

Berlin sich erhob und ein Hoch auf den gastfreundlichen deutschen

Kaiser ausbrachte, erfüllten auch wir Nichtdeutsche gern und aus

innerm Antrieb diese Pflicht der Dankbarkeit und beteiligten uns,

wenn auch mit den anderen, unserem Herzen geläufigeren Worten, beim

gemeinschaftlichen Gesange der Nationalhymne.

Aber noch ein anderes freundliches Ereignis beschäftigte die

Gemüter; der kleine Schalk Amor hatte, wie -- ~dicitur~ -- auf jeder

Nordlandsfahrt, einige Herzen verwundet und zusammengeführt. Dort am

Ecktische unseres Saales sitzt das glückliche Paar, und eben erhebt

sich der Tischpräses, um ganz ~en famille~ eine kleine Verlobungsrede

zu halten, was in dem Lärm des Speisesaales, wie er dachte, ohne

weiteres Aufsehen möglich sein sollte. Aber kaum hatte er sich erhoben,

so schwieg der Konversationssturm, als ob ein Engel durch den Raum

schritte; erschrocken drehte der werdende Orator sich um und setzte

sich sprachlos und verblüfft, die Rede im Halse, wieder auf seinen

Stuhl -- eine kurze Scene voll unbeschreiblicher Komik, die ein

schallendes Chorgelächter hervorrief. Die Verlobung ging aber eineweg

ihren Gang.

~XIV.~

Durch den Sognefjord. -- Genrebilder im Naeröfjord. -- Gudwangen.

-- Naerödal und Stahlheim. -- Hungersnot. -- Oell und Musöst. --

Sprachverwirrung.

Erst am Ende des Tages, nachdem die Erlebnisse mit der „Hohenzollern“

längst vorbei waren, erfuhren wir, daß der Kaiser kurze Zeit vor

unserer Ankunft das Telegramm erhalten hatte, welches ihm die -- wie

es darin hieß -- nicht unbedeutende Verletzung der in Berchtesgaden

weilenden Kaiserin meldete. Er soll sehr konsterniert gewesen sein, und

daß er trotzdem das Tagesprogramm nicht änderte, sondern die Passagiere

der „Auguste Viktoria“ doch empfing, wurde ihm von denselben doppelt

hoch angerechnet.

Ohne ein Opfer unsererseits, d. h. von Seiten der Hapag, ging übrigens

diese kaiserliche Einladung nicht ab. Der zweistündige Aufenthalt vor

Anker bei Aalesund kostete unser Schiff die Kleinigkeit von 560 Kronen

(zirka 800 Franken) Hafengeld.

Es schien in der Nacht stürmisch und regnerisch werden zu wollen

und die Vorsichtigen legten sich rechtzeitig zu Bette, um auf alles

gefaßt zu sein. Aber die Witterung blieb günstig; kaum spürte man die

offene See, und morgens beim Aufwachen glitt unser Schiff längst wieder

über die glatte Fläche eines Fjords. Es war der Sognefjord, durch den

wir fuhren; 200 Kilometer weit schneidet er ins Land ein bei einer

Wassertiefe von 1200 Meter und einer Breite von durchschnittlich kaum

6 Kilometer. Der Hauptarm teilt sich in verschiedene ganz schmale, von

ungeheuern, bis 5000 Fuß hohen Steilwänden begrenzte Spalten, über

welche Wasserfall an Wasserfall stürzt, während an den Enden blaugrüne

Gletscher nach dem Fjord hereinblicken. Im Norden ist das größte

Firnfeld Europas, der fast 1000 Quadratkilometer große Jostedalsbrae.

An den Ufern des Sognefjords liegen die ältesten Kulturstätten

Norwegens; sie sind auch der Boden der herrlichen Frithjofssage. --

Bei nachtschlafender Zeit passierten wir ohne Gewissensbisse Ingeborgs

Königspalast und Frithjofs Hof; wir mußten ja im Rückweg nochmals

Gelegenheit finden, diese klassischen Orte zu grüßen.

Immer näher rückten die Felsen zusammen; oft war kein Ausweg zu

sehen, und es schien unmöglich, mit unserm Schiff vorwärts zu kommen;

dann öffnete sich plötzlich um die Ecke eine neue Spalte mit neuen

überraschenden Ausblicken. Wir befanden uns in dem südwestlichen

Endarme des Sognefjords, im Naeröfjord. Das ist die erhabenste Gebirgs-

und Meerlandschaft, die wir in Norwegen gesehen, und an Großartigkeit

von keinem der mir bekannten Bergseen erreicht. Und auch das Liebliche

fehlt nicht in dieser gigantischen Felsenwelt. Wo sich am Fuße der

himmelhohen Wände durch Absturz oder als Delta eines der Schlucht

entspringenden Bergbaches ein Stück flacher Küste gebildet hat, da

glänzt sie im saftigsten Wiesengrün und trägt ein paar freundliche

Häuser, hie und da auch ein Kirchlein, um das sie sich scharen.

Zuletzt schienen wir aber doch am Ende des schmalen Fjords zu sein;

in einem wilden, kahlen Felsenkessel mit steilen und unbewohnbaren

Ufern hielten wir an und warfen den Anker aus. Wunderbarerweise belebte

sich die Umgebung unseres Schiffes alsbald; kleine Boote -- meist mit

Frauen und Kindern angefüllt -- tauchten plötzlich auf, wie der See

entstiegen; denn eine menschliche Wohnstätte oder ein Ausweg aus den

geschlossenen Felskoulissen war nirgends zu erblicken. Sie lauschten

andächtig unserer Kapelle und staunten das mächtige Schiff an. Da

gab’s reizende Genrebilder für unsere Photographen, und die Apparate

klappten sehr geschäftig nach allen Seiten. Hier sitzt eine Mutter,

die Ruder eingezogen, mit dem jüngsten Kind auf dem Schoß, drei ältere

neben sich, und belehrt ihre Kleinen, wie sie mit ihren ärmlichen,

schmutzigen Nastüchern unsere winkenden Grüße erwidern sollen. Dort

füllt ein ganzes Rudel rotwangiger Buben und Mädchen ein Boot, dessen

Ruder ein Backfisch handhabt, während sich die übrigen Insassen sehr

seevertraut in dem schwankenden Fahrzeug lustig machen und oft mit

halbem Körper nach dem Wasser überragen, um ein schwimmendes Stück Brot

oder eine leere Konservenbüchse zu erhaschen. Sprach- und stimmlos vor

Erstaunen war ein schwarzer Hund, der als Mittelpunkt einer fröhlich

lachenden und winkenden Familie mit offenbar gespanntem Interesse das

fremde Schauspiel musterte und unverwandt nach unserm Schiffe sah.

Noch waren wir 10 Kilometer vom Ziele des heutigen Tages, von

Gudwangen, entfernt; aber weiter durfte und konnte unser großer

Oceandampfer nicht mehr in dem schmalen, vielfach gewundenen

Meeresarme. Ein kleineres, aber schmuckes norwegisches Dampfboot, der

„Kommandören“, war für den heutigen Tag von der Hapag gechartert;

bald lag er an unserer Seite und auf breiter Verbindungsbrücke ergoß

sich der Passagierstrom in wenigen Minuten herüber. Wir hatten einen

prachtvollen Platz auf dem aussichtsreichen hohen Verdeck erobert

und konnten nun die herrliche Fahrt vollauf genießen. Als das Schiff

sich in Bewegung setzte, erschien eben die Sonne über den Bergen und

spiegelte sich in der leicht gekräuselten Flut. Der Fjord verengte sich

gegen Gudwangen zu flußartig; die Entfernung der Ufer beträgt kaum mehr

200 Meter und wenig fehlt, so berührt sich in der Luft der Staub der

auf beiden Seiten herabstürzenden Schleierfälle.

Rechts liegt eine reizende kleine Kirche, umgeben von Bauernhöfen,

das Örtchen Bakke. Dahinter ein mächtig rauschender Wasserfall.

Dort biegen wir nochmals um die Ecke; dann erscheint vor den Augen

Gudwangen, ein paar Häuser und einige Hotels, von gewaltig aufragenden

Bergen eingeschlossen; man begreift, daß sie im Winter monatelang die

Sonne nicht zu sehen bekommen. Im Hafen lag bereits ein englischer

Touristendampfer vor Anker, eine schlechte Vorbedeutung für den

heutigen Tag; wir mußten erwarten, alles „abgeweidet“ zu finden, wo wir

hinkamen, und das stimmte denn auch so ziemlich.

Reiseziel war für alle das herrlich gelegene Stahlheim; von dort

sollte ein Teil der Passagiere auf dem Landweg über Vossewangen nach

Bergen fahren, während ein anderer Teil, abends per „Kommandören“

wieder auf die „Auguste Viktoria“ zurückgebracht, zur See die genannte

Stadt erreichen wollte.

Vom Landungsplatze längs der durch die kleine Ortschaft führenden

Straße waren wohl an die hundert norwegische Karren und Kutschen

aufgestellt, und man fragte sich, wo und wie dieses Heer von Wagen und

Pferden eigentlich hergekommen sei. Die Reisefirma Beyer hatte offenbar

alle Bauern von nah und fern mit ihrem Fuhrwerk für den heutigen

Tag aufgeboten. Im Sturme wurde die Wagenburg genommen; glücklich

diejenigen, welche sich einen Sitz zu erobern wußten; manch’ Einer, den

das Schicksal zu einem Kariol verurteilte, wird sich nach mehrstündiger

Fahrt auf der holprigen Bergstraße schmerzlich daran erinnert haben,

daß sogar die Sitzgegend mit Empfindungsnerven bedacht ist. Für

uns, die wir nicht unter Beyers Obhut, sondern als Wilde reisten,

kam diesmal nur Schusters Rappen in Frage. Wir marschierten tapfer

vorwärts, trotz der zu überwindenden 3½ Wegstunden; oft sauste dann

die lange Wagenreihe an uns vorbei, gar nicht von uns beneidet, die wir

den oft komischen Anstrengungen zur Erhaltung des Gleichgewichts und

zur Entlastung des Sitzes auf staubiger Straße von grünen Wiesenpfaden

aus zusehen konnten. Wo aber der Weg anstieg, da gewannen wir immer

wieder einen Vorsprung, und schließlich waren wir nicht einmal die

Letzten am Ziele.

Wenig außerhalb Gudwangen war ein norwegischer Polizeiposten vor

einem Schlagbaum aufgestellt, der jedes Fuhrwerk mit Bespannung genau

musterte und nur passieren ließ, wenn die Beschaffenheit alle Garantie

für ungefährdete Beförderung der Reisenden bot. Brüchiges Leder,

geflickte Riemen und beschädigte Achsen wurden abgeschätzt. Diese

Fürsorge der heiligen Hermandad hat uns sehr wohlthätig berührt.

Unser Weg führte in das malerische _Naerödal_, welches als Fortsetzung

des Fjords sich landeinwärts zieht und dessen wilden Charakter

beibehält. Nach starker halbstündiger Steigung schritten wir durch ein

mächtiges „Ur“, ein durch Absturz gebildetes Felsenmeer; dann gings

durch eine wunderbare und großartige Thallandschaft meist an der Seite

eines schäumenden Bergstromes und diesen mehrfach überbrückend. Die

Szenerie beherrscht der aus weißlich-grauem Labradorstein mächtig

aufgetürmte stumpfe Felskegel des Jordalsunt (1100 Meter).

Endlich -- nach 2½ Stunden -- zeigte sich dem entzückten Auge das

hochgelegene Stahlheimhotel; die „Klev“, der grüne Bergrücken, auf

dessen Höhe es erbaut ist, schließt das Thal wie eine Riesenmauer

vollständig ab, und in mächtigen, weithin sichtbaren Serpentinen steigt

die Straße daran empor. Zwei Staubfälle stürzen rechts und links -- das

Hotel zwischen sich lassend -- durch den grünen lichten Wald zu Thal

und vereinigen sich unten zum ruhigen, aber immer noch ungestüm weiter

fließenden Bergstrome.

Einen prachtvollen Anblick gewährten frische Abbruchstellen an den

dunkeln, senkrecht aufsteigenden Felsen, welche das Naerödal begrenzen

und die wie carrarischer Marmor aussehen, bis auch sie im Laufe der

Jahrzehnte durch Nässe und Moosansatz geschwärzt sein werden. -- Viele

Fuhrwerke ließen unten an der Klev ihre Passagiere aussteigen und

erwarteten, während die Pferde frei herumgrasten, deren Rückkehr. Nur

diejenigen, welche nach Vossewangen weiter zu fahren gedachten, mußten

ihre Wagen mit nach oben nehmen.

Das war nun ein schöner, aber mühseliger Aufstieg zu diesem

Stahlheimhotel; unter die entzückten Ausrufe über die jeder

Beschreibung spottende herrliche Gegend mischten sich Weh und Ach von

allen Seiten; denn die Sonne brannte fürchterlich, und der Durst wurde

geradezu phänomenal; wo man sich erschöpft in kleineren und größeren

Gruppen ins Gras oder auch glatt an den staubigen Wegrand geworfen,

fiel aller Blick hülfesuchend nach oben -- zum Hotel; -- dort malte man

sich kühle Räume und jedes ersehnte Labsal aus. -- Endlich waren wir

oben. Aber o Schreck! Den großen Speisesaal fanden wir dicht besetzt

bis auf den letzten Platz mit den zuerst eingetroffenen Unsrigen und

mit den Engländern, deren Schiff wir in Gudwangen gesehen hatten.

[Illustration: Stahlheim.]

All’ unser Stürmen und Drängen und Schreien nach Brot und Trank

nützte nichts; die Hotelleitung und Bedienung war in größter

Verlegenheit, und schließlich sah sie sich genötigt, die Thüre zum

Speisesaal einfach abzuschließen. Draußen tobte und polterte die

„hungrige Bestie“; von drinnen her ertönte Eß- und Trinkgeräusch „der

sich Sättigenden“, und so oft ein Pfropfen knallte, ging uns draußen

ein Stich durchs Herz. Übrigens war die Verlegenheit eine beidseitige.

Manch’ Einer kam im Sturmschritt von der Tafel zur Thüre gerannt, um

eine dringliche Exkursion zu unternehmen, und wir Ausgeschlossenen

amüsierten uns über die hastige Wut, mit welcher er erfolglos das

Thor zu öffnen suchte, und bombardierten ihn durchs Schlüsselloch mit

kleinen Aufmunterungen. Nach dreiviertelstündigem, mit Galgenhumor

ausgefülltem Warten hieß es, daß bis in frühestens einer halben Stunde

zum zweitenmal gedeckt würde. Das konnten wir nicht erleben; wir

mußten ja rechtzeitig wieder in Gudwangen sein; also frisch hinein

ins Unvermeidliche! Mit leerem Magen traten wir den Rückweg an; doch

nein, unten im Hotel gelang es uns ja, eine halbe Flasche Sodawasser

zu erstehen und in einer Art Verkaufslokal über den Pferdestallungen

entdeckten wir neben Thongeschirr, Leder- und Eisenwaren in

schmierigem Sacke etwas Eßbares, eine Art süßen Kleinbrots, das wir

gierig verschlungen, während wir die Serpentine der Stahlheimklev

hinuntereilten. Der Ausblick auf das zu Füßen liegende, dunkle

Naerödal mit den beidseitig gewaltig aufsteigenden Bergen ist ein so

großartiger, daß wir Hunger und Durst darüber vergaßen und meinten,

hier sei wohl das Erhabenste, was wir in Norwegen gesehen. Aber die

armen Beine! Bis jetzt hatte sie noch die sichere Hoffnung gestärkt,

unten am Berg eine Rückfahrtgelegenheit nach Gudwangen zu finden --

Täuschungen und Trugbilder! Das letzte Pferd war mit Beschlag belegt.

Da gab’s kein Besinnen. Tapfer und unverdrossen -- ja sogar in bester

Laune -- fußten wir die drei Stunden zu Thal; als Lohn der That winkte

uns ja im Haupthotel daselbst kühles Oell (Bier) und ein tüchtiges

Abendessen. Doch auch das erwies sich als ~fata morgana~!

Als wir endlich -- endlich Gudwangen und den blauen Fjord unmittelbar

vor uns liegen sahen, da verdoppelten sich unsere Schritte und im Tempo

des Gauls, der sich seiner Stallung und seinem Futtertroge nähert,

langten wir beim Vikingwanghotel an. Kaum vermochte die lechzende Zunge

das „Oell, Oell“ (Bier, Bier) noch herauszuschleudern; aber es gab

kein Oell und auch nichts Vernünftiges zu essen; die bösen Engländer

hatten, wie die Heuschrecken, mit allem aufgeräumt. Eine mitleidige

Seele verkündete uns, daß eine Strecke weiter zurück im kleinen Gasthof

bei Hansen Bier und allerlei zu haben sei. Also ohne Besinnen zurück zu

Vater Hansen! Im kleinen, behaglichen Speisesaal, dessen leere Tafel

noch die Überbleibsel der vorhergehenden Mahlzeit aufwies, däuchten wir

uns bei Oell, Smoerrebroed (Butterbrot) und Ost (Käse) wie Könige, und

die gestärkten Seelen gerieten sehr bald in jene fröhliche Stimmung,

wie sie nach überwundenen Schwierigkeiten gerne sich einstellt. Bald

kamen auch andere Naerödaler angelaufen, alle, wie wir, hungrig

und durstig und nach Speis und Trank rufend; aber es gelang nur

mit Mühe und oft auf komischen Umwegen, sich den zwei dienstbaren

Geistern, ehrsamen Töchtern des Hauses, doch fürchterlich schwer von

Begriffen, verständlich zu machen, und die Sprachverwirrung schuf

die unglaublichsten Szenen. Daß die korpulente Frau Baronin X. Käse

präsentiert erhielt, als sie zu wiederholten Malen Ansichtspostkarten

verlangt hatte, brachte sie zwar ganz aus dem Häuschen, war aber

begreiflich, denn ihre norwegischen Worte tönten ganz arabisch und aus

den begleitenden Gesten konnte man ebensogut auf Limburgerkäse wie auf

ein postalisches Kunstprodukt schließen.

Das Norwegische muß eben in seinen Feinheiten verstanden und gekannt

sein, wie ich gleich an einem Beispiel zeigen werde. Als nämlich --

durch das offene Fenster hereingewunken -- unsere Reisefreunde, Herr

und Frau ~Dr.~ T. aus Rom, sich zu uns gesellten, mit viel Geschick

beim Biertrinken mithalfen und über Hunger klagten, da suchte und

fand ich unter den Ueberresten der Tafel einen offenbar eßbaren,

nach Käse aussehenden gelblichen Kuchen, den ich sofort an unsern

kleinen Tisch herüberholte. Mit gespannter Erwartung kosteten wir

den Fremdkörper, um ihn sofort wieder unter den Zeichen des größten

Abscheues -- das gemütliche Gesicht von Frau ~Dr.~ T. war geradezu

in Angst und Entsetzen verzogen -- auf dem kürzesten Wege und mit

entsprechenden Begleittönen durch das Fenster herauszubefördern --

das Gericht schmeckte abscheulich, bittersauersüß und weckte bei

Katzenfreundinnen lebhafte Reminiscenzen an ihre Lieblinge. Nun galt es

aber, Ursprung und Namen des schrecklichen Nahrungsmittels zu erfahren.

Also: Norwegerinnen her! Sie kamen, die zwei Heben; indes war keine

Möglichkeit, ihnen unsere Absicht irgendwie begreiflich zu machen;

sie leisteten sehr bereitwillig und freundlich die unglaublichsten

und verkehrtesten Dinge auf alle gestellten Fragen, ohne unser wahres

Begehr zu ahnen, so daß schließlich unsere an die beweglichen und

geistig regsamen Italiener gewohnte schweizerische Römerin die Geduld

verlor und ihnen eine ganze Stufenleiter von der „Appele“ bis zur

„Schneegans“ an den Kopf warf, mit halb wohlwollendem, halb ärgerlichem

Lachen. Nun mußte der Vater Hansen her, um aus der Verlegenheit zu

helfen; der alte, graue, gemütliche Kerl trat vor, und unter Anspannung

der ganzen im Saale vorhandenen Intelligenz wurde ermittelt, daß

das Gericht Museost heißt und ein Käse ist. Aber was für Käse? Der

ernste Familienvater, ~Dr.~ T. aus Rom, setzte seine Arme als Geweih

auf seinen Kopf und springt nach Art der Rentiere im Zimmer herum.

Hansen winkt ab. Also kein Rentierkäs. Die stolze Römerin, Frau ~Dr.~

T., versieht sich ebenfalls mit Hörnern und ahmt den Gesang einer

Kuh erschütternd ähnlich nach. Das scheint nun eher zu stimmen; doch

deutet Vater Hansen mit seiner tief gehaltenen Hand, daß es sich um ein

_kleineres_ gehörntes Tier handelt. Eine meiner Begleiterinnen fängt

an zu meckern wie eine Ziege, worauf ein verklärtes Lächeln über das

bärtige Gesicht des alten Hansen gleitet; mitmeckernd und kopfnickend

bestätigt er die Vermutung.

So hatten wir denn mit allseitiger geistiger und körperlicher

Anstrengung und unter Aufwand all’ unserer norwegischen

Sprachkenntnisse, vor allem aber unter fröhlichem und anhaltendem

Lachen herausgebracht, daß das entsetzenerregende Gebilde „Geißkäs“ sei.

Schließlich wurden wir noch recht familiär mit dem alten Wirte und

ließen uns das ganze Haus und seine Angehörigen von ihm zeigen; Mutter

Hansen saß -- eine gichtbrüchige Matrone -- im Sorgenstuhl; aber

ihre Augen leuchteten so freundlich und in dem Stübchen war alles so

voll Blumen, daß ein Gedanke an Krankheit und Schmerz hier gar nicht

aufkommen konnte.

Der Museost hat uns sofort noch ein weiteres kleines Vergnügen

bereitet. Wir waren schon am Strande, neben übermütig spielenden

Schafen ins Grün gelagert, um den uns abholenden Kommandören zu

erwarten, als noch Einer der Unsrigen staubschwer, schweißtriefend

und erquickungsbedürftig dort anlangte. Sein Verlangen nach Speis und

Trank steigerten wir aufs höchste durch die Schilderung des kühlen

Biers bei Vater Hansen und vor allem „des ganz deliciösen norwegischen

Nationalgerichts“, des Museost. Es war grausam, den müden Wanderer so

hungern zu lassen, und so machten ~Dr.~ T’s. und ich uns nochmals auf

die Strümpfe als Wegweiser und Zeugen für den zu vollziehenden Eßakt.

Das arme hungrige Opfer unserer Grausamkeit führte sich sofort ein

tüchtiges Stück des köstlichen „Nationalgerichtes“ zum Munde und war

in Erinnerung an das uneingeschränkte Lob, das wir ihm gezollt, zu

höflich, um sofort seine wahre Empfindung zu zeigen und das Gegenteil

zu behaupten; er kaute also mit Todesverachtung, während ~Dr.~ T’s.

Gesicht im Kampf mit dem Lachen wetterleuchtende Grimassen schnitt,

als ob ihn das Zahnweh plagte, und seine Gattin unsagbar gleichgültig

im Zimmer umherschaute. Aber plötzlich ging’s nicht mehr; man platzte

los mit Lachen, und in der nämlichen Sekunde war unser Museostkoster,

die Situation begreifend, vom Stuhle auf und zum Fenster geflogen,

und uns blieb nachher die Pflicht, einige Flaschen kühlen Oells als

geschmackverbesserndes Heilmittel und zur Sühne für unsere Bosheit zu

stiften.

Um halb 8 Uhr waren wieder alle, welche den Seeweg nach Bergen der

Ueberlandtour vorzogen, an Bord des Kommandören, der uns durch die

wilde Pracht des Naerofjords nach unserer schwimmenden Heimat, der

„Auguste Viktoria“, zurückführte. Ein besonders nettes Bild boten bei

der Wegfahrt von Gudwangen einige Pferde, welche ohne Führung sich auf

dem malerischen Küstenpfade nach Bakke ihren Heimweg suchten, ab und zu

ein Maul voll grasend, hie und da auch einen erstaunten Blick auf den

vorbeirauschenden Dampfer werfend.

Erst um halb 10 Uhr waren wir wieder in unsern gewohnten

Schiffsräumen; dort wurde uns -- als Lohn des mühevollen Tages -- trotz

der späten Stunde noch ein vorzügliches Essen serviert, und während

wir uns sättigten, steuerte unser schwimmendes Hotel sicher zwischen

drohenden Felswänden dem Ausgange des Sognefjords zu.

~XV.~

An der Stätte der Frithjofssage. -- Ankunft in Bergen. --

Das norwegische Hamburg. -- Im Leprahospital. -- Fahrt nach

Yttre-Arne. -- Heimat in fremdem Lande. -- Mange tak.

Es konnte nach Mitternacht werden, bis wir die klassischen Stätten

der Frithjofssage berührten; aber diesmal wollten wir sie uns nicht

entgehen lassen. In Esaias Tegners herrliche Dichtung versunken

saßen wir an einsamer Stelle unseres Schiffes. Die Sonne war nach

10 Uhr untergegangen und eine laue, helle Nacht lagerte über der

Fjordlandschaft. Zum erstenmal nach 14 Tagen grüßte uns wieder ein

alter lieber Freund, der silberne Mond, dessen bisher aschgrauer

Umriß im Glanze der Mitternachtssonne vollständig außer Beobachtung

gefallen war. In erwartungsvoller Stille glitt unser Schiff auf der

dunkelglänzenden Flut vorwärts, und eine fast andächtige Gemeinde

saß auf Deck versammelt, die Augen vorwärts gerichtet. Da taucht

am südlichen Ufer eine tiefgrüne, weit in den Fjord vorgeschobene

Landzunge auf, die etwas zurückliegend auf der Höhe ein freundliches

weißes Kirchlein zeigt. Hier ist Vangnaes, das klassische Framnaes,

und hieher verlegt die Sage den Wohnsitz des Wikingssprossen Frithjof.

Von gegenüber grüßte vielfacher Lichterschein; einige große Hotels und

reizend im Grünen liegende Villen kündeten den herrlichen Balestrand,

wo einst Ingeborg in ihres Vaters Königspalast wohnte. Und nun folgte

ein Intermezzo, das der sinnige Kapitän für uns ausgedacht und das

allen Teilnehmern in freundlicher, ja erhebender Erinnerung bleiben

wird. Das Schiff hielt an mitten im Fjord angesichts der beiden

klassischen Stätten, deren auch in der Dämmerung auffallend lebendiges

Grün ein herrliches Schneegebirgspanorama als Hintergrund hatte. Sechs

Böllerschüsse erschütterten die Luft und fanden ein mächtiges Echo,

das über die Flut zu rollen schien. Dann stiegen Raketen auf, die

Strandbewohner zu grüßen, und während unsere Kapelle die ergreifende

norwegische Nationalhymne spielte, zündeten bengalische Feuergarben

vom Bootsdeck unseres Schiffes herab weit ins Meer und Land hinein und

erzeugten einen wunderbaren Farbeneffekt in dem nachtträumerischen

Naturgemälde.

In Balestrand wurde es alsbald lebendig; dutzende von Booten kamen

hergefahren und jubelten uns zu, in richtigem Verständnis dessen, was

wir hier hatten feiern wollen. Das war eine erhabene und von allem

Gewöhnlichen und Alltäglichen unberührte Seelenstimmung, da wir um

Mitternacht im Sognefjord die Bautasteine von Bele und Thorsten und

die Schatten Frithjofs und Ingeborgs grüßten, und ich erwachte wie aus

schönem Traume, als unser Dampfer plötzlich wieder vorwärtszurauschen

begann. Lange noch tönten -- immer schwächer werdend -- die

Abschiedsrufe der Balestrander an unser Ohr.

Zwischen 3 und 4 Uhr erreichten wir das offene Meer, wobei wir die vor

der Mündung des Fjords liegende gebirgige Inselgruppe Sulenör -- die

Solundar-Oe der Frithjofssage -- rechts liegen ließen.

„Fern hebt aus der Flut

Sich Solundar-Oe;

Sturmgeborgen ruht

In der Bucht die See.“

In aller Morgenfrühe des 21. Juli waren wir wieder auf Deck, um die

Einfahrt nach Bergen zu sehen. Durch ein wahres Chaos von Inseln,

die meisten als kahle, aber unendlich vielgestaltige Felsen sich

über die Meeresfläche erhebend, sucht das Schiff seinen Weg gegen

das Festland. Die Küste ist anfänglich fast ohne alle Vegetation;

auf den niedrigen, durch die Gletscher der Eiszeit abgeschliffenen

Vorbergen sieht man nur hie und da ein weithin leuchtendes Fischer-

und Schifferzeichen. Bei weiterm Vordringen werden die Berge höher,

zum Teil bewaldet, die Küsten zeigen Ansiedlungen; auf der Höhe sind

die Festungswerke sichtbar und allerlei ungewohnte Bauten: mächtige,

nach Art der Gasometer erstellte Petroleumreservoirs, Fabrikkamine,

elektrische Starkstromanlagen lassen die Nähe einer größern Stadt

vermuten. Plötzlich, da wir um eine Ecke biegen, liegt sie vor uns,

hüllt sich aber, um ihren alten Ruf als Regennest zu wahren, sofort in

ein Wasserfäden- und Nebelgewand. Schon glaubten wir, zum erstenmal

auf unserer Reise vom Regenschirm Gebrauch machen zu müssen, als das

Wetter plötzlich änderte und eine herrliche, lichte Sonne auf die

regenglänzende Stadt herabzuscheinen begann; sie ist uns während des

ganzen Aufenthaltes in Bergen treu geblieben, und das sei -- so hieß

es -- das größte Wunder der ganzen Nordlandfahrt; denn „in Bergen

regnet’s so beharrlich, daß dort die Kinder mit dem Regenschirm zur

Welt kommen“, sagt der nordische Volksmund.

Das „norwegische Hamburg“ grüßte die „Auguste Viktoria“ beim Einfahren

mit weithin dröhnenden Kanonenschüssen aus der Bergenhusfestung, die

in sechs- bis siebenfachem Echo widerhallten. Unser Schiff kreuzte

einige Zeit vor dem Hafeneingang, um den Anblick des wirklich schönen

Städtebildes recht ausgiebig zu gewähren, und lenkte dann vorüber

an der grünen Halbinsel Nordnaes mit prächtigen, terrassenförmig

ansteigenden Gärten in den Buddefjord, wo der Anker ausgeworfen wurde.

Sofort begann das Ausbooten; da wir aber bis zum folgenden Abend in

Bergen liegen sollten, blieben wir Drei ruhig noch einige Stunden an

Bord, wo uns in den menschenleeren Räumen keine plaudernde Gesellschaft

am Lesen und Schreiben störte. Von Zeit zu Zeit stürmten wir dann

wieder aufs Verdeck, um den interessanten Leben und Treiben im Hafen

zuzusehen und unser Auge an dem malerischen Landschaftsbilde zu

sättigen.

Bergen ist eine der ältesten, aber auch der schönsten Städte

Norwegens. Ihre Einwohnerzahl beträgt 70,000. Trotz der nördlichen

Lage -- es liegt etwas nördlicher als die Südspitze von Grönland

und Petersburg -- findet man hier fast alle Laubbäume Deutschlands

und einen herrlichen Blumenflor. Dadurch, daß die reiche Kultur des

Stadtbezirkes unmittelbar an die Gebirgswüsten grenzt, entsteht

eine sofort in die Augen fallende Kontrastwirkung, welche einen das

Landschaftsbild nicht so bald vergessen läßt. Die Häuser Bergens

liegen um den Haupthafen, die sog. Vaagen, herum, einerseits die

langgestreckte Landzunge Nordnaes bedeckend, auf der andern Seite über

die Felshöhen unter dem steilen Flöifjeld ansteigend.

Ich wußte, daß der Sprößling eines thurgauischen Pfarrhauses und

Bruder eines meiner Studienkameraden seit langen Jahren in der Nähe

von Bergen lebte, und hatte ihm deshalb lange zuvor die Ankunft von

engeren Landsleuten auf der „Auguste Viktoria“ mitgeteilt und ihn

gebeten, uns einige Stunden zu widmen. Persönlich kannte ich den

thurgauischen Norweger nicht; ich hatte ihn in meinem Leben nie

gesehen; aber als ich so gegen 11 Uhr wieder einmal auf Deck trat,

um die Augen voll nordischer Welt zu schöpfen, da sah ich über die

Brüstung unseres Schiffes gelehnt das Ebenbild eines gemütvollen

Geistlichen, mit welchem ich s. Z. zwei Jahre im Kantonsspital in

Münsterlingen zusammen geatmet hatte und der mir in freundlichem und

lebhaftem Andenken geblieben ist. Ich klopfte ihm ohne weiteres auf die

biedere Thurgauerschulter und wir begrüßten uns wie alte Bekannte, die

sofort in gemeinschaftliche Erinnerungen sich zu versenken begannen.

Ein Glas Münchner frisch vom Faß -- dem norwegisch Gewöhnten ein ganz

besonderer und seltener Genuß -- wurde auf unser erstes Zusammentreffen

genossen; nachher saßen wir vergnügt an der Schiffstafel und plauderten

von der Heimat, daß die Stunden nur so dahinflogen und wir später

als alle anderen Schiffspassagiere uns endlich aufmachten, um ans

Land zu fahren und Bergen aus der Nähe kennen zu lernen. Dabei wurde

denn nun allerdings unser freundlicher Führer mit Fragen bombardiert

und ausgequetscht wie eine Zitrone; er hat uns zahllose interessante

Auskünfte über Land und Leute in Norwegen gegeben und meine vorläufig

gefaßte Meinung bestätigt, daß die Bewohner dieses nordischen

harten Gebirgslandes mit uns Schweizern in vielen Beziehungen die

größte Aehnlichkeit haben, u. a. auch hinsichtlich ihres nationalen

Unabhängigkeitsgefühls.

Bekanntlich wurde im Jahre 1814 durch Beschluß der in Christiania

versammelten Reichsvertretung die bisherige Union Norwegens mit

Dänemark gelöst und der schwedische König, nachdem er das norwegische

Grundgesetz beschworen, zum König von Norwegen gewählt. Seit

Jahrzehnten aber geht eine immer stärker werdende politische Strömung

durch das Land, welche die völlige Lösung der Union zum Ziele hat. Als

äußerliches Zeichen dieser erstrebten Unabhängigkeit verlangen die

Norweger die Entfernung des Unionszeichens aus ihrer Landesflagge,

die sogenannte „reine Flagge“. Dreimal hat die Volksvertretung,

der Storthing, dieselbe beschlossen; zum drittenmal hat der König,

von seinem Rechte Gebrauch machend, sein Veto dagegen eingelegt;

nachdem auch nach dem dritten Veto der neugewählte Storthing auf

den Beschlüssen des frühern beharrt, hat der König nichts mehr zu

verbieten, und vom Herbst 1899 an wird es nicht nur wie bis jetzt

geduldet, sondern gesetzlich geboten sein, das in der obern äußeren

Ecke sitzende Unionszeichen auszumerzen und die reine Flagge zu führen.

Im Norden sahen wir lauter reine Flaggen ausgehängt; in Bergen aber war

ab und zu noch die Unionsflagge zu sehen.

Norwegen hat den Ruf, im Kampfe gegen den Alkoholismus gesetzgeberisch

am meisten gethan und auch am meisten erreicht zu haben. Das

Alkoholmonopol, das im ganzen Lande herrscht, ist nicht staatlich,

sondern kommunal. Jede Gemeinde hat sich das Recht des Verkaufs

geistiger Getränke gewahrt, und da die Zahl der konzessionierten

Verkaufsstellen eine geringe ist, stolpert man nicht wie bei uns jedes

zweite Haus über eine Kneipe. Betrunkene haben wir sehr wenige gesehen;

doch sagte unser Führer, daß die Trunksucht immer noch als nationales

Uebel gelte, wenn auch anderseits die Abstinenzbewegung größere

Fortschritte aufweise als in jedem andern Lande. Der beträchtliche

Gewinn, welcher den Gemeindekassen aus dem Alkoholverkauf erwächst,

darf nur zu wohlthätigen Zwecken verwendet werden.

Unser Streifzug durch die Straßen Bergens führte uns zu manch’

Interessantem. Ein auffälliger, mit Säulen gezierter -- im übrigen

schlichter -- Holzbau ist das Nationaltheater, das der berühmte Geiger

Ole Bull (ich hörte ihn 1878 als siebenzigjährigen Greis in Wien noch

konzertieren) in den Vierziger Jahren aus eigenen Mitteln erstellen

ließ, in der Absicht, seinem geliebten norwegischen Volke den Sinn für

dramatische Kunst zu wecken. Schön modelliert ist das auf großem freiem

Platze erstellte Standbild Christiés, des Befreiers der Norweger von

Dänemark und Präsidenten des ersten Storthings (1814).

Nicht nur als hervorragender Handels- und Hafenplatz läßt sich

Bergen mit Hamburg vergleichen, sondern auch im Städtebild liegt --

die Dimensionen natürlich außer Betracht gelassen -- eine gewisse

Aehnlichkeit, indem, gleich wie in Hamburg das große und das kleine

Alsterbassin, hier zwei Wasserbecken, von Gärten und Neubauten

bekränzt, zum Weichbild der norwegischen Stadt gehören. Dagegen hat

Bergen -- im Gegensatz zu Hamburg -- fast gar keine Juden; denn bis

vor kurzer Zeit konnten israelitische Kaufleute in Norwegen nicht

niederlassungsberechtigt werden, und erst der geistreiche politische

Poet und Satyriker und radikale Umstürzler Wergeland hat dem Volk

Israel die nordischen Thore geöffnet.

Das interessanteste Stück von Bergen sind der Fischmarkt und die

Tydskebryggen (deutsche Brücke) an der Vorderseite des Vaagen-Hafens,

letztere ein Quai mit einer langen Reihe jener altdeutschen

Giebelhäuser, wie sie von den Hansastädten her bekannt sind, die

einstigen Wohn- und Geschäftsräume der hanseatischen Kaufleute aus

Lübeck, Bremen und Hamburg. Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts haben

nämlich die Hanseaten den ganzen Bergischen Handel an sich gerissen;

dies war gleichbedeutend mit kommerzieller Beschlagnahme vom ganzen

Norden Norwegens, denn ein Privileg zwang das gesamte Nordland, den

Ertrag der Fischerei nur nach Bergen zu bringen. Der Fischhandel war

von jeher und ist auch heute noch die Grundlage des Reichtums von

Bergen, und die Gründung des „hanseatischen Kontors“ bedeutete einen

mächtigen Aufschwung für den Handel der Stadt, der sich auch nach der

Aufhebung dieses Monopols auf gleicher Höhe erhalten hat. In das Leben

und Treiben der hanseatischen Zeit gewährt ein Besuch des sogenannten

hanseatischen Museums einen höchst interessanten und lebendigen, aber

keineswegs wohlthuenden Einblick. Das eine der alten Häuser an der

Tydskebryggen ist nämlich noch vollständig im ursprünglichen Zustande

erhalten. Im Erdgeschoß befinden sich weite Räume, Magazine, in welchen

die Warenvorräte lagerten. Im ersten Stock betritt man durch einen

Vorsaal mit alter, origineller Zugglocke die Hauptstube, das Kontor des

Vertreters der Firma; dort wurde gehandelt; nach welchen Grundsätzen,

ist ersichtlich aus zwei vorgewiesenen mächtigen Gewichtssteinen, ganz

gleich in der Größe, aber durch angeschmolzenes Blei sehr ungleich im

Gewichte; der leichtere fand beim Verkaufe, der schwerere beim Einkaufe

Verwendung.

[Illustration: Bergen.]

Alle Möbel und Gebrauchsgegenstände sind die originalen, in vergangenen

Jahrhunderten gebrauchten. So auch im Speisezimmer, wo vor allem

riesige Zinnhumpen, mehrere Liter haltend, auffallen. Diese Herren

Hanseaten, respektive die hier wohnenden Vertreter, meist jüngere

Leute, die nicht verheiratet sein durften, müssen fürchterlich gekneipt

haben; der herumführende norwegische Wächter schloß wenigstens fast

jeden Abschnitt seiner in sehr holperigem Deutsch gegebenen Erklärung

mit dem Nachsatze: „denn sie waren immer besoffen.“ Jedenfalls wurde

in diesen Handelshäfen, namentlich im Winter, wo jede Arbeit ruhte,

ein zügelloses Lasterleben geführt; viele Vergehen gegen Recht

und Sitte konnten einfach mit Geld gesühnt werden, und wenn die

aufgestellten eisernen Strafenbüchsen voll waren, so wurde der Inhalt

gemeinschaftlich in Bier und Wein und Schnaps umgesetzt.

Sehr wenig einladend sind die Schlafstellen dieser Kaufleute; man

öffnet eine Kastenthüre, und in dem Kasten liegt ein schmales Bett,

in welchem sich ein erwachsener Mensch kaum rühren kann; ist die

Thüre geschlossen, so liegt man wie in einem Sarge. Ein kleiner

geheimer Schieber im Bettkasten des Chefs ermöglichte demselben von

der Schlafstätte aus die Kontrolle seiner Gesellen im nebenanliegenden

Kontor. Hier traute keiner dem andern. Eine geheime Treppe, die vom

Speisezimmer nach oben und auf Umwegen ins Freie führte, wird auch kaum

ehrlichen und anständigen Zwecken gedient haben. Im zweiten Stock der

Häuser lagen dann die Kläven (Konklave), d. h. die Schlafkasten der

Gesellen und Diener. Licht oder Feuer durfte im Hauptgebäude während

des ganzen langen Winters nie angezündet werden; „denn sie waren immer

besoffen“ motivierte der Führer. Deshalb befand sich dann weiter zurück

im Hofe, in der Nähe des zugehörigen Gemüsegartens, die sogenannte

Schüttstube, ein gemeinschaftliches Versammlungshaus für sämtliche

Bewohner eines Geschäftes; noch weiter zurück, aber unmittelbar

anstoßend, lagen Quartiere für liederliches Gesindel. So war jeder

der vielen dicht neben einander liegenden Verkaufshöfe beschaffen,

und feste Palissaden, durch gefürchtete Bulldoggen verstärkt, hielten

Unberufene von diesem Nachtleben der hanseatischen Kontoristen fern.

Das Ganze bildete für sich einen Staat im Staate, der zirka 3000 Seelen

zählte. Dem papierenen Gesetz nach mußten alle männlichen Geschlechtes

sein und auch weibliche Bedienung war verboten.

Die Bürgerschaft von Bergen hatte manchen schlimmen Akt der Willkür

von der deutschen Hansa zu ertragen; aber von Mitte des sechzehnten

Jahrhunderts an wurde ihre Macht im Norden gebrochen und 1763 ging die

letzte „Stube“ durch Kauf an einen Norweger über.

Ebenfalls in ursprünglicher Form erhalten sind die zu jedem

Hanseatenhaus gehörigen hölzernen Landungsbrücken, jede mit einem

primitiven mächtigen Vippebom (Wippenbaum) -- eine Art hölzernen

Krahnens -- versehen, zum Ausladen der Fische, welche von den

nordländischen Schiffen hiehergebracht werden. Da sahen wir denn ein

außerordentlich interessantes Treiben, überall geschäftige Fischer und

Händler und eine Menge von fremden und ungewohnten Produkten, alle dem

Meere entstammend. Zu Millionen wird hier der getrocknete Stockfisch

ausgeladen, in den über der Quaistraße liegenden Magazinen sortiert und

in Büscheln zusammengebunden, die genau wie dürres Holz aussehen. Die

gewöhnliche Jahreszufuhr beträgt 25 bis 30 Millionen Stück; dieses Jahr

war die Ausbeute viel geringer, weshalb der Preis per größern Fisch

sich auf 50 Oere = zirka 70 Rappen stellt gegenüber 25 Oere vom letzten

Jahre.

An anderer Stelle waren Männer beschäftigt, die zirka handtellergroßen

Eierstöcke vom Dorsch in große Fässer zu verpacken und einzusalzen;

dieselben wandern alle nach der französischen Küste, wo sie zum

Sardinenfang benützt werden. Ins seichte Küstenmeer geworfen, locken

sie die kostbaren Fische in Scharen herbei.

Auch alle Produkte der Thranindustrie waren hier zu sehen, z. B.

Thran in allen Reinigungsphasen. Der sorgfältigst mit Dampf gereinigte

Medizinalthran wurde vom Verkäufer auf 50 Kronen, zirka 70 Franken, per

Faß (116 Liter inklusive Doppelfaß) gewertet. Alle derartigen Auskünfte

besorgte uns bereitwilligst unser zuvorkommende Landsmann, der den

ganzen Nachmittag als trefflicher Dolmetsch unermüdlich funktionierte

und bei den Eingeborenen offenbar als waschechter Norweger galt; ihre

Landessprache ist ihm natürlich vollkommen geläufig, während das liebe

„Schwyzerdütsch“, so sehr er sich freute, es sprechen zu können, ihm

ab und zu kleine Verlegenheiten brachte -- begreiflicherweise; denn

er ist, wie er uns sagte, der einzige niedergelassene Schweizer in

Bergen, ja in ganz Norwegen, findet also nie Anlaß, sich in seiner

Muttersprache auszudrücken, und wenn er seinen Buben vom alten

Heimatlande und vom Tell und Winkelried erzählt, so thut er’s auf gut

norwegisch.

Ermüdet von Kreuz- und Quergängen durch die interessantesten

Stadtquartiere und vom Durchstöbern manches Kaufladens, wobei wir

namentlich in Pelzwaren wunderbare Dinge sahen, kehrten wir schon am

frühen Abend auf unser Schiff zurück, nachdem wir unser Programm für

den folgenden Tag festgesetzt hatten. Einer freundlichen Aufforderung

unseres Landsmannes folgend verabredeten wir, uns vormittags 11 Uhr an

der Landungsstelle der Dampfbarkassen zu treffen und per Wagen nach

Yttre-Arne, seinem Wohnort, zu fahren.

Unterdessen kehrten auch allmählich unsere Mitpassagiere auf der

„Auguste Viktoria“, welche von Stahlheim über Vossevangen, d. h. auf

dem Landwege Bergen erreicht hatten, an Bord zurück, und abends waren

wir wieder vollzählig an der Tafel, unsere lieben Holsteiner und das

botanische Ehepaar voll Entzücken über die Reize ihrer Überlandpartie.

Die Menschen, die man vor drei Wochen noch scheu und fremd von der

Seite angesehen, grüßte man jetzt nach vierundzwanzigstündiger Trennung

bereits als alte Bekannte, und man empfand schon hier und noch mehr

zwei Tage später bei dem definitiven Abschiede, daß die Erinnerung an

das gemeinschaftlich erlebte Schöne und Erhabene ein Band fürs Leben

bleiben wird.

Bei der Abendtafel spielte unsere Kapelle u. a. des deutschen Kaisers

„Gesang an Aegir“, und gleichzeitig wurden elegant (an Bord) gedruckte

Karten verteilt mit dem Wortlaute des Einladungstelegramms von Wilhelm

~II.~ und einer eben als Antwort auf eine Dankesadresse eingegangenen

in Drontheim aufgegebenen Depesche folgenden Inhalts:

„Es ist mir eine Freude gewesen, den Passagieren die Besichtigung des

„Hohenzollern“ gewähren zu können, und bitte denselben meinen Dank

für das freundliche Telegramm auszusprechen. Ich wünsche der „Auguste

Viktoria“ glückliche Fahrt und Heimkehr.

Briefe aus dem hohen Norden Eine Fahrt nach Spitzbergen mit dem HAPAG-Dampfer "Auguste Viktoria" im Juli · 第 7 / 9 题