Das „schwache Geschlecht“ wurde neuerdings mit einer Gabe der
galanten Hapag erfreut; jede Dame erhielt in elegantem Etui mit dem
aufgedruckten Bilde von der „Auguste Viktoria“ und ihrem wackern
Kapitän eine Kollektion feiner Chokoladebonbons und außerdem die
ganze Sammlung der während unserer Fahrt verwendeten, künstlerisch
ausgestatteten Menus.
Die späten Abendstunden waren zauberhaft schön; in herrlicher
Beleuchtung der sinkenden Sonne kreisten malerische Segler und
Boote aller Arten um unser Schiff; aus manchen ertönten, von hellen
Stimmen gesungen, nordische Weisen an unser Ohr; von andern schallten
fröhliches Lachen und freundliche Grüße herauf, und erst spät in der
Nacht mochte man sich von dem schönen Schauspiel trennen.
Am andern Morgen besuchten wir in aller Frühe den Fischmarkt, der
höchst interessant ist. Was da für merkwürdige Gebilde des Meeres
in den mächtigen Verkaufseimern herumzappeln! Aber die gutmütigsten
norwegischen Gesichter haben sich bei diesem Verkaufsgeschäfte eine
gewohnheitsgemäße Grausamkeit angeeignet, die auch einem nicht
sentimentalen Ungewohnten peinlich auffällt. Was der Käufer oder
vielleicht eine sonst zart besaitete junge Bergerin sich an lebender
Ware auswählt, das wird -- während harmlosen Geplauders -- mit einigen
Messerhieben bewegungs- und fluchtunfähig gemacht, um wo möglich noch
lebend im Korb in die Küche zu kommen. Unter den lebenden Fischen
fielen uns besonders ganz intensiv blaugefärbte von forellenähnlichem
Bau auf. Manche Fische sind so groß, daß sie kilo- und zehnkiloweise
mit breitem Haumesser auf der Fleischbank ausgewogen werden.
Den übrigen Teil des Vormittags verwendete ich dazu, ein Stück
menschlichen Elendes zu sehen. Im Südosten der Stadt liegt, mit
elektrischem Tram bequem erreichbar, zwischen der Hauptstraße und
dem großen Lungegaardssee, durch einen schattigen Garten an den
letztern grenzend, das Spital für Aussätzige. Der Aussatz -- diese
schreckliche, schon Moses bekannte Krankheit -- kommt in Norwegen noch
relativ häufig vor, ist aber glücklicherweise doch in stetem Abnehmen
begriffen. 1870 zählte man daselbst (auf nicht ganz zwei Millionen
Einwohner) noch 2526 Lepröse (~lepra~ = Aussatz), 1880: 1795, 1890:
954, und jetzt beträgt die Zahl der Beklagenswerten nur noch 5-600.
Strenge sanitätspolizeiliche Maßregeln und vor allem das Heiratsverbot
für Aussätzige tragen wohl das Wesentliche zu der Verminderung dieser
schrecklichen Krankheit bei. Wo Mittel und Verhältnisse eine Isolierung
des Kranken nicht gestatten, muss derselbe in das Lepraspital gebracht
und zeitlebens dort versorgt werden, sofern eine vorübergehende
Besserung, resp. ein Stillstand des Leidens nicht eine temporäre
Entlassung gestattet. Das von mir besuchte Haus ist ein älteres
geräumiges Holzgebäude, das allerdings kaum den jetzigen Anforderungen
an ein Hospital entspricht. Obschon die Zimmer groß sind, war die Luft
oft entsetzlich verpestet und manchen Anforderungen an Reinlichkeit und
gesundheitliche Vorkehren nicht Genüge gethan. Die Krankheitsbilder,
die man hier sieht, sind zum Teil entsetzliche; ich will die Leser mit
Schilderungen verschonen. Aber auch junge, frische, kräftige Leute
saßen da, an welchen die ersten Spuren des Verderbens kaum in Form
einiger blaßroter Knötchen zu erkennen waren. Vertreten sind unter
den zirka 250 Kranken alle Altersstufen, vom 10jährigen Kinde bis zur
84jährigen Greisin, letztere seit 60 Jahren krank und in der Anstalt.
Entsetzlich ist folgende Familientragödie: Ein Mann, aus gesunder
Familie war kurze Zeit mit einer Frau verheiratet, bei welcher sich
Spuren der Lepra zeigten. Sie starb. In zweiter Ehe heiratete er eine
ganz gesunde Bauerntochter. Während er selbst gesund blieb, erkrankte
seine zweite Frau und sämtliche vier Kinder, die sie ihm gebar, an der
schrecklichen Krankheit. Drei davon sah ich beisammen in der Anstalt,
zwei bereits mit Knötchenbildung im Auge, was mit mathematischer
Sicherheit allmähliche Erblindung bedeutet. -- Chef des Lepra-Hauses
ist der berühmte ~Dr.~ Armauer Hansen, der 1881 den Leprabacillus
entdeckte, leider bisher ohne Erfolg für die Bekämpfung der Seuche.
Gerne entfloh ich dem Hause des menschlichen Elends, immerhin die
Überzeugung mit mir nehmend, daß dort das Schicksal der Armen so
erträglich als möglich gestaltet ist. Sie schienen sogar zum größern
Teil ganz sorglos und getrost zu sein; aber die Erinnerung an einige
besonders Elende mit leeren Augenhöhlen, zum Teil abgefallenen Fingern
und Zehen und geschwärig verengter Stimmritze, so daß sie nur durch von
außen in die Luftröhre geschnittene Kanüle atmen können, geht mir doch
heute noch nach.
Neben dem Lepraspital liegt ein großer Friedhof; dort harrten meiner
neben dem Grabe Ole Bulls meine Gefährtinnen, und -- unter dem
Eindrucke meiner Erzählungen etwas weniger froh, als wir gekommen,
-- kehrten wir nochmals auf unser Schiff zurück, um uns für den
freundlicheren Teil des Tages, die Fahrt nach Yttre-Arne, bereit zu
machen.
Da stund er ja schon, unser Landsmann, und hielt einen bequemen
Zweispänner für uns in Bereitschaft, und vorwärts ging’s quer durch
die Stadt und dann durch die ganze Länge der nördlichen Vorstadt
Sandviken. Von dort an steigt die schöne Straße in ungeheuren Windungen
steil am Felsengebirge in die Höhe und läßt bald die neue Bergensche
Irrenanstalt unmittelbar links liegen. Während wir den erhabenen
Ausblick auf die zu Füßen liegende Stadt und das Meer genossen, tönte
das Schreien Wahnsinniger an unser Ohr, und von oben herab sah man die
verschiedenartigsten Formen Geisteskranker in den ummauerten Gärten
umherschleichen oder -- toben.
Endlich waren wir, entfernt von allem menschlichen Elend, auf der Höhe
des Berges; nochmals grüßte der Blick das wunderbare Panorama; dann
führte die Straße auf einem öden, steinigen und wenig bewachsenen
Hochplateau vorwärts, vorbei an einigen kleinen Bergseen, zu Füßen
steil aufsteigender Gebirgsstöcke. Oft unterbrechen Nadelholzgruppen
oder glühend rote Ericafelder die monotone Felsenlandschaft; hie und
da sprießen auch spärliche Weiden und dann zeigen sich menschliche
Wohnstätten in der Nähe; an den meisten Stellen war das niedrige
Berggras abgeschnitten und an den früher beschriebenen Holzhecken zum
Dörren aufgehängt, was bei dem häufigen Regen nach Aussage unseres
Begleiters oft 2-3 Wochen in Anspruch nimmt.
In zwei Stunden sollten wir am Bestimmungsorte sein; aber schon
waren fast drei Stunden vorüber und das Ziel noch nicht sichtbar. Das
versetzte uns in eine äußerst unbehagliche Stimmung; wir _mußten_ ja
spätestens halb 7 Uhr wieder in Bergen sein, um die Abfahrt unseres
Schiffes nicht zu verfehlen, und wenn wir uns vergegenwärtigten, daß
wir -- vielleicht durch irgend ein Mißgeschick mit unserm Vehikel
-- den Zeitpunkt nicht innehalten könnten, so lief’s uns ganz heiß
über den Rücken. Das wäre gleichbedeutend gewesen mit achttägiger
Verspätung, ganz abgesehen davon, daß wir ja alles zum Dasein Nötige
in unseren Kabinen liegen hatten. Aber endlich senkte sich die Straße,
vorbei an einem See, dem Wasserreservoir für die Baumwollfabriken
unseres Landsmannes, hinunter zu einem dunkelblauen Fjord, und
kurze Zeit darauf führte uns der liebenswürdige Gastfreund in sein
behagliches Heim, eine ganz heimelig unter Bäumen gelegene Holzvilla.
Erfreut sprangen uns entgegen die Kinder des Hauses, drei fröhliche
Jungen, die mit norwegischen Knixen uns begrüßten, und der prächtige,
treue Haushund Nero, der vor Vergnügen über die Rückkehr seines Herrn
die ausgelassensten Sprünge machte.
In dem geräumigen Wohnzimmer wartete unser eine behaglich gedeckte
und blumengeschmückte Tafel; von den Wänden und Ecken grüßten lauter
heimatliche Erinnerungen, an dem Ehrenplatze das Pfarrhaus in Güttingen
und die einstigen Insassen; auf dem Rauchtische lag neben Pfeife und
Aschenbecher die „Thurgauer Zeitung“. So waren wir denn daheim, und
nach dem Essen setzte man sich plaudernd zum Kaffee auf die anstoßende
Veranda, welche ganz direkt über dem Wasserspiegel des Fjords liegt und
zwischen dem Grün der Gartenbäume einen Ausblick voll wohlthuender Ruhe
und Stille gewährt.
Kleine Geschenke, welche wir den drei braven Jungen von Verwandten
aus der Schweiz zu überbringen hatten, wurden von denselben mit
rascher Beugung des Kopfes und freundlichem Mange tak (Vielen Dank)
entgegengenommen. Nachher ging’s unter der Führung von Vater und Söhnen
(die Mama war leider abwesend) in jeden Winkel von Haus und Garten, in
dem uns unter anderm mit Stolz ein früchtetragender Kirschbaum gezeigt
wurde.
Yttre-Arne existierte vor 40 Jahren noch gar nicht. Damals kam der
Schwiegervater unsers Landsmannes aus Schleswig-Holstein ins Land und
fing an, eine vorhandene Wasserkraft durch Erstellung einer kleinen
Baumwollspinnerei auszunützen. Und heute ist der Platz eine stattliche
Kolonie: verschiedene Fabrikgebäude, zahlreiche Arbeiterhäuser, Villen,
Kirche, Schulhaus; das Ganze macht vom Fjord aus den Eindruck einer
kleinen Stadt, und alles hat die Energie eines einzigen Mannes aus dem
Boden gezaubert. Die Fabrikarbeiter verdienen hier bei 61 Wochenstunden
3 bis 4 Franken per Tag und haben recht nette Wohnungen mit kleinem
Grundbesitz.
Zu diesem wohlthuenden Bilde stimmt die einfache und schlichte
Lebensführung der Besitzer des Ganzen, zu welchen auch unser Gastfreund
gehört. Außer Arbeit und Naturgenüssen ist in Yttre-Arne nichts
zu wollen, die freien Stunden und Tage durchstreift der Vater mit
seinen Buben Berg und Busch, im Winter auf Skis, skandinavischen
Schneeschuhen, oder sie rudern und fischen auf dem Wasser des Fjords.
Rascher als uns lieb war, mußten wir von dem freundlichen Platze
Abschied nehmen. Vater, Söhne und Nero begleiteten uns die steile
Bergstraße hinauf. Im Weggehen kreuzten wir eine norwegische Hochzeit,
die sich in langem Zuge von der Kirche zu einem der Arbeiterhäuser
verfügte -- voraus einer, der die Handharmonika mit Gefühl spielte;
dann Bräutigam und Braut, der erstere trotz des sonnigen Wetters mit
gewaltigem Regenschirm bewaffnet, hernach die Gäste -- alt und jung
bunt durcheinander.
Oben am Berge holten wir unsern vorausgeschickten Wagen ein; nicht
ohne gegenseitige Rührung nahmen wir Abschied von dem Stück Thurgau in
Skandinavien, und lange noch sah uns der biedere Landsmann nach, als
wir mit dem letzten „Mange tak“ dem Ufer eines kleinen Bergsees folgend
davonrollten.
Trotz der schönen Rückfahrt -- in welche wir ab und zu, die
Straßenwindungen abkürzend, kleine Spaziergänge über buntbewachsenes
Geröll einschalteten -- empfanden wir doch ein Gefühl der
Erleichterung, als wir die Häuser Bergens wieder zu unsern Füßen liegen
sahen. Es war ein Genuß -- angesichts des herrlichen Panoramas, welches
den Blick bis ins offene Meer gleiten ließ -- thalwärts zu fahren,
und fast zu rasch hatte unser Wagen das holperige Pflaster der Stadt
erreicht und ließ uns beim Postgebäude aussteigen. Noch blieb uns eine
Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes, gerade genug, um in einigen
Kaufläden unsere Geldbeutel um verschiedene Kronen zu erleichtern;
überall trafen wir ähnlich Beflissene der „Auguste Viktoria“, denn
Bergen war ja der letzte Platz, der die Gelegenheit zur Erwerbung
norwegischer Spezialitäten bot, und allerlei, das im Norden um ½
Krone zu teuer erschienen war, wurde hier gierig um den doppelten Preis
zusammengekauft.
Die letzte Barkassenfahrt nach unserem Schiffe war fast
lebensgefährlich, so wimmelte es von Gehörnten, d. h. Passagieren,
welche erstandene Rentier- und Elchgeweihe bei sich trugen und aus
Platzersparnis hoch in die Luft hielten.
~XVI.~
Abfahrt von Bergen. -- Abschied der Lotsen. -- Letzter Tag zur
See. -- Brahmskultus mit Schwierigkeiten. -- Zollrevision in der
Elbe. -- Abschied von der „Auguste Viktoria“. -- Zum letzten Male
die norwegische Nationalhymne. -- Heimkehr.
Die Ausfahrt aus dem Hafen von Bergen wird allen Beteiligten in
unauslöschlicher Erinnerung bleiben. Unser Schiff war umschwärmt von
Booten aller Art. An der Küste stunden Hunderte und winkten. Aus
der Festung grüßte es mit Kanonendonner, und als sich die „Auguste
Viktoria“ unter den Klängen der norwegischen Nationalhymne in Bewegung
setzte, da begann ein Tücherwehen und Abschiedsrufen von allen Seiten.
Herrlich ging die Sonne unter und vergoldete mit breitem Saume Meer
und Gebirge; mit dem erlöschenden Glanze des Tagesgestirnes kämpfte
das silberne Licht des Vollmondes. Alle Linien, namentlich die Umrisse
der felsigen Inseln, zwischen denen wir dahinglitten, erschienen in
radierter Schärfe; einmal winkte von geisterhaftem Riffe herab eine
jugendliche Norwegerin dem stolz vorbeisteuernden Schiffe, während sie
mit der rechten Hand die Augen gegen den glänzenden Abendsonnenreflex
schützte -- ein überaus reizendes Schattenbild, das Konewka geschnitten
haben konnte.
Und nun kam eine kleine Szene, die manche Augen feucht machte.
Zur Rechten hatten wir die letzte Insel, welche gegen das offene
Meer vorgeschoben ist, und beim Glanze des Vollmondes sahen wir
das unendliche majestätisch vor uns ausgebreitet. Da hielt unser
Schiff; ein kleines Boot näherte sich ihm, vom Wogengange gehoben
und gesenkt. Die Strickleiter wurde vom Hauptdecke zur Wasserfläche
heruntergelassen, und auf ihr schieden von uns die beiden prächtigen
Grauköpfe, die norwegischen Lotsen, welche seit drei Wochen unser
Schiff sicher durch all’ die Fährlichkeiten der nordischen Schärenwelt
gelenkt hatten. Als sie in dem schwankenden kleinen Boote saßen,
der eine sofort am Steuer, und ihre Hüte zum Abschiede schwenkten,
da ertönte nochmals von unserer braven Schiffskapelle die Hymne des
norwegischen Volkes, und ein brausendes Hurrah ging wie ein Sturmwind
durch die ganze Länge des Schiffes. Alles rief, winkte und dankte, und
alles war gerührt bei den Klängen des liebgewonnenen Landes und im
Bewußtsein, daß wir nun -- vielleicht für immer -- ihm Lebewohl gesagt
hatten.
Bald war das Lotsenboot unseren spähenden Blicken entschwunden, und uns
empfing der Ocean, die gewaltige, wogende Wasserfläche, die uns vom
europäischen Festlande trennte.
Der folgende Tag -- der letzte ganze unserer Meerreise -- war
ein herrlicher Sonntag; ruhig und glatt die See und über ihr die
strahlende Sonne an wolkenlosem Himmel. Man genoß die Ruhe in vollen
Zügen, bequem auf Deck ausgestreckt, das zum Lesen mitgebrachte Buch
unbenutzt auf dem Schoß oder am Boden, denn die Augen hatten anderes
zu thun; sie spähten über die endlose Wasserfläche und erhaschten da
und dort einen Segler oder einen rauchenden Dampfer am Horizonte; sie
suchten rückwärts Norge, das herrliche Land, oder aber -- geschlossen
-- versenkten sie sich vorwärts in den Zauber der Heimat, die wir nun
bald wieder begrüßen sollten. Einige Stunden des Tages waren allerdings
unruhiger Arbeit gewidmet; alles packte und räumte in den Kabinen und
ordnete seine Siebensachen, denn am andern Morgen sollte bei Zeiten
in der Elbe die Uebersiedlung mit Hab und Gut auf kleinere Dampfer
stattfinden, um nach Hamburg befördert zu werden.
Abends war noch ein üppiges Abschiedsdiner, als Glanznummer ~glace
illuminée~. Es wurden plötzlich die elektrischen Lampen ausgelöscht
und wir saßen einen Moment unter augenblicklichem Stocken der
Konversation und allgemeinem Ah! im Dunkeln. Aber das Licht kam sofort
in origineller Gestalt. Es stürzte herein das Heer der Stewards: jeder
trug auf eleganter Servierplatte eine kristallhelle, dicke Eisscheibe,
welche in einer mittleren Höhlung eine leuchtende Flamme enthielt;
an den Rand der Scheibe angelehnt lag Gefrorenes in allen Farben
und reflektierte außerordentlich hübsch in dem spiegelglatten Eise.
Diese wandelnden bunten Lichtquellen, von welchen man sich allerorten
seinen Bedarf an Glace wegschnitt, machten einen sehr originellen
Effekt. Unterdessen hatte sich ein mächtiges Gewitter zusammengezogen;
eine drohende schwarze Wand war schon längst gegen Süden aufgetürmt
und grelle Blitze zuckten darin, deren Donnern erst nach Minuten zu
uns gelangte. (In Hamburg und Berlin hatte das Unwetter, wie wir
hernach erfuhren, übel gehaust.) Immer näher kam die großartige
Naturerscheinung und unsere Masten wurden schleunigst mit ins Meer
tauchenden Blitzableitern versehen.
Bei dieser Gelegenheit bot die tintenschwarze Flut den Anblick des
Meerleuchtens, wenn auch lange nicht in der Intensität, wie ich es von
tropischen Gewässern her in Erinnerung hatte.
Auf 9 Uhr war ein Dankgottesdienst im großen Speisesaal angesagt.
Als Prediger funktionierte der amerikanische Krösus; die Sache war
gut gemeint, aber fürchterlich lang, und statt der Befriedigung
eines innern Verlangens, der Dankbarkeit für die so genußreich und
ohne Unfall zurückgelegte Fahrt irgendwie und -wo Ausdruck verliehen
zu sehen, empfand ich schließlich -- wahrscheinlich ein schlimmes
Selbstzeugnis -- entsetzliche Langeweile und ärgerte mich über jede
Minute, die ich länger unter Deck sein mußte, während ja draußen Gott
in der Natur zu uns sprach. Aber nicht wahr, Frau Landrat, Ihnen ging’s
auch so?
Schließlich ergriff, von Herrn Wanamaker, der natürlich englisch resp.
angloamerikanisch gesprochen hatte, eingeladen, noch ein Deutscher
oder Deutschamerikaner das Wort und schilderte sehr beredt, was für
ein ausgezeichneter Mann der Herr Vorredner sei und wie ihm die ganze
Gesellschaft für die Veranstaltung des heutigen Dankopfers zu Dank
verpflichtet bleibe. Und damit schloß der „Dankgottesdienst“, wofür
denn endlich auch noch ich von Herzen dankbar sein konnte.
Das Finale des heutigen Tages bildete ein Kunstgenuß im Musiksalon,
eine kleine Brahmsfeier. Wir hatten nämlich in letzter Stunde eine
eminente Klavierspielerin entdeckt in der Persönlichkeit einer
jugendlichen Berlinerin. Die schwärmte für Bach, Schumann und Brahms --
aber sie _kannte_ sie auch, ihre Angebeteten, und ich war im höchsten
Grade überrascht, als ich tags zuvor als unbemerkter Zuhörer Zeuge sein
konnte nicht nur einer hervorragenden Technik, sondern einer vollendet
künstlerischen Auffassung und eines phänomenalen musikalischen
Gedächtnisses, über welche die aus dem Vollen spendende junge Dame
verfügte. Heute Abend wollte sie uns Brahms spielen, so hatte sie
freundlich und ohne sich lange bitten zu lassen versprochen. Aber dazu
brauchte es die Weihe eines stillen Ortes und einer kleinen andächtigen
Zuhörerschaft. Wir pilgerten so gegen 11 Uhr zum Konversationssalon,
wo der Steinwegflügel stand und wo’s in jenem Momente leer und ruhig
schien. Aber die Eintretenden empfing ein Herr, der wohl nur auf
Zuhörerschaft gewartet hatte, mit gräßlichem Klaviergehack: halb
Straußwalzer, halb Volkslied, halb freie Phantasie, dazu immer den
unrichtigen Baß, als ob rechte und linke Hand auf Kriegsfuß mit
einander lebten. Nachdem wir einige Minuten so gelitten, lenkte der
freie Vortrag, der sich eben noch im Gewühle einer Schlacht oder auf
einer unmusikalischen Bauernhochzeit bewegt haben mochte und dem
plötzlich der Atem ausgegangen, ganz genial unvermittelt ein in ~la
prière d’une vierge~; aber nachdem das _einmal_ und unter ständiger
Zuhülfenahme des Pedals heruntergezittert war und nochmals an die Reihe
kommen sollte, da schwand unsere Kraft und Selbstverleugnung, und ich
erklärte dem ~Orlando furioso~ die Situation, in der Meinung, auch ihm
damit einen Dienst zu erweisen. Die Voraussetzung war falsch. Der gute
Mann war tödlich beleidigt, entfernte sich mit Ostentation und erschien
sehr bald wieder als Störefried in unserer kleinen Brahmsgemeinde, und
als ich, dem Wunsche der um Ruhe bittenden Künstlerin folgend, mich
als Hindernis vor die geschlossene Thüre setzte, da ging der Wütende
und wiegelte das Volk auf, und nun kamen sie in Scharen und verlangten
stürmisch freie Passage, wobei ich, von Blicken durchbohrt, ruhig
sitzen blieb. So wäre es beinahe zu einem zweiten kleinen Schwabenkrieg
gekommen; aber schließlich gab einer nach, diesmal ich, und zwar
wieder auf Wunsch der Spielenden, und als das Flugloch wieder offen
stand, war unterdessen dem Paar wilder Vögel das Fliegen verleidet,
und wir konnten nach und nach in Ruhe unsern Brahms genießen, bis der
vernünftige Papa kam und sagte: „Liebes Kind, jetzt mußt du aber zu
Bette; sonst schläfst du mir vor lauter Brahms wieder die ganze Nacht
nicht.“
Thatsächlich konnten auch wir Zuhörer lange nicht einschlafen; denn
das vergeistigte Spiel der schwärmerischen Künstlerin, die ihr Bestes
gegeben, hatte uns in ganzer Seele bewegt und uns ein paar neue
Einblicke in die Tiefe der Brahmsschen Kunst geöffnet.
Es schien kaum der Mühe wert, das ärgerliche Intermezzo dieser
weihevollen Stunde hier überhaupt zu erzählen; aber ich wollte mich
dadurch rechtfertigen gegenüber einigen sonst sehr anständigen
Mitpassagieren, welche damals, falsch unterrichtet, vor dem
geschlossenen Musikthor auch über den „arroganten Schweizer“
mittobten, ohne zu wissen, daß die Arroganz in diesem Falle eine
selbstverständliche höfliche Rücksicht war.
Vor Mitternacht passierten wir Helgoland, dessen Leuchtturm und
Strandlichter weithin glänzten und lange sichtbar blieben, und
einige Stunden später fuhr unser Schiff -- mondbestrahlt -- in die
Elbemündung, um am ehemaligen Ausgangspunkte, bei Brunshausen, sich
vor Anker zu legen. Da schlief denn wohl ausnahmsweise einmal alles an
Bord, vom Kapitän bis zum Heizer, einige Stunden.
Am andern Morgen steckten wir in dichtem Nebel und vernahmen die
tröstliche Kunde, daß bei solchem Wetter an ein Ausbooten nicht zu
denken sei. Ein Steward erzählte mir als Aufmunterung, wie die „Auguste
Viktoria“ von Amerika zurückkehrend einst fast dreimal 24 Stunden vor
der Elbemündung im Nebel liegen mußte, eine rechte Geduldsprobe für
die sich nach dem nahen Festlande sehnenden überseeischen Passagiere.
Aber gegen 9 Uhr wurde das Nebelmeer dünner und durchsichtiger; schon
erschienen die Häuser Brunshausens am Strande in geisterhaften Formen
und Umrissen, und endlich wurde die liebe Sonne gänzlich Meister
und die Elbufer glänzten weithin bis gegen Hamburg in vollkommener
Klarheit. Da sahen wir denn auch die „Blankenese“ und einen
Frachtdampfer auf uns zusteuern, welche Menschen und Legionen von
Koffern nach Hamburg schaffen sollten.
Unterdessen aber entwickelte sich an Bord der „Auguste Viktoria“
ein interessantes Leben und Treiben. Was an Kisten und Koffern und
Taschen den Passagieren gehörte, wurde von den Stewards aufs Hauptdeck
geschleppt, um von der unterdessen eingetroffenen Zollbehörde
revidiert zu werden. Mächtige Gepäckstücke waren schließlich dort der
ganzen Schiffslänge nach auf beiden Bordseiten aufgetürmt, und die
endlose Barrikade krönten Dutzende von Geweihen und andere unbequeme
Naturalien, während man sich die kleinern norwegischen Sachen längst
durch den Schiffsschreiner in solide Holzkisten hatte zusammenpacken
lassen. Da hielt denn jeder Wacht bei seiner Bagage; kaum blieb ein
schmaler Gang des Hauptdeckes frei, durch welchen man mit einigen
Hindernissen passieren konnte, und doch wurden immer noch neue
Koffer und Dinge von ganz unheimlichen Dimensionen heraufgeschafft
und -- teilweise über unsern bedrängten Köpfen -- weiter befördert.
Diese Situation, die etwa eine Stunde, d. h. bis zur Erledigung der
Zollrevision, dauerte, zeitigte eine ganz besondere Art von Humor, und
unter fast unausgesetztem und rasch sich ausbreitendem Gelächter fügte
man sich in die komischen Unzulänglichkeiten derselben.
Eben wird ein Tisch für den Sekretär der Zollbehörde mit Mühe und die
Ecken in drohender Nachbarschaft unserer vorsichtig zurückgelegten
Häupter vorbeigetragen. „Jetzt fehlt nur noch eine Nähmaschine und ein
Fortepiano“ meint unser Nachbar. „Bitte genieren Sie sich gar nicht“
sagt ein dicker, zwischen Gepäckstücken eingezwängter Herr, vor dessen
Nase sie eben eine Riesenkiste vorbeischieben, während die Träger
seine Hühneraugen als Unterlagen benutzen. „Habe soeben die Front
abgeritten“, meldet ein jovialer Bayer, welcher sich mit den Ellbogen
und einer sehr ungenierten Schnauze an der Koffer-Allee vorbeigedrückt
und bis zu unserem Standorte durchgearbeitet hatte.
Was zollrevidiert war, wurde sofort auf den Frachtdampfer geschafft,
während die Besitzer sich auf der „Blankenese“ einen guten Platz
suchten. Endlich kam die Reihe auch an uns. Am meisten Verzögerung
veranlaßte die Wienerin mit den 32 (oder waren es 22?) Hüten, welche
17, wohlgezählt siebzehn mächtige Koffer und Körbe an Bord hatte und
so der Schreck der ganzen Schiffsmannschaft geworden war, daß ihr
Verlangen, mit der „Auguste Viktoria“ nach Amerika zu fahren, von der
zuständigen Verwaltung rundweg abgewiesen wurde.
Als der letzte Passagier das herrliche Schiff verlassen, da fiel
die Brücke zwischen ihm und der kleinen „Blankenese“, und nun ging’s
ans Abschiednehmen von dem stolzen schwimmenden Gebäude, das uns
während 22 Tagen Heimat in schönen fremden Landen und Meeren gewesen
war. Buntbewimpelt grüßte es seine scheidenden Insassen; Stewards
und Matrosen standen in langen Reihen und winkten. Auf dem Hauptdeck
waren die Schiffsoffiziere plaziert, und was zum Schiffe gehörte,
stimmte mit ein in das dreifache Hoch, das der erste Offizier zu Ehren
der Reisegesellschaft ausbrachte. Oben auf dem Promenadendeck aber
harrte, ebenfalls Abschied winkend, die wackere Schiffskapelle des
Taktstockzeichens ihres Dirigenten; jetzt erhebt er den Arm und senkt
ihn rasch, und nochmals -- zum letztenmal -- erklingt die uns so lieb
gewordene norwegische Nationalhymne („Ja, wir lieben dieses Land“),
und die Wirkung, welche dieser letzte Gruß Norges in unseren Seelen
erzeugte, brachte es uns zum Bewußtsein, daß auch _wir_ dieses Land
lieben gelernt haben.
Langsam umkreiste die Blankenese den ruhig daliegenden Riesen; aller
Blicke blieben unverwandt auf ihn gerichtet und suchten nochmals die
Plätze, auf welchen man gewöhnlich geweilt und von denen aus man so
viel Schönes hatte sehen dürfen.
Dann aber ging’s elbaufwärts Hamburg zu. Unterwegs verabschiedete man
sich von seinen Schiffsbekannten, ein Abschied ohne Thränen und Seufzer
zwar, aber von den lieben Holsteinern, unsern Tafelgenossen, doch mit
dem Gefühle aufrichtigen Bedauerns.
Bald nachher saßen wir in Hamburg an aussichtsreichem Fenster unseres
Gasthofes und schwelgten -- den Blick halb verloren auf das bewegte
Straßenleben gerichtet -- in der Erinnerung an die schönen Reisetage.
Plötzlich warf sich meine Schwester fast aus dem Fenster und wir
folgten nach. Was war’s? Eine amerikanische Familie, welche zu den
Passagieren der „Auguste Viktoria“ gehört, mit welcher wir aber nie
ein Wort gewechselt und die wir nicht einmal dem Namen nach kannten,
fuhr vorbei, und wir begrüßten uns mit so intimem Gebärdenspiel, als
ob vertraute Freunde nach jahrelanger Trennung sich unerwartet wieder
getroffen hätten.
Dieses Schauspiel wiederholte sich noch verschiedene mal, denn die
Stadt Hamburg wimmelte an jenem Tage von Auguste Viktoria-Leuten, und
wir erfuhren, daß in der That gemeinschaftlich verlebte Reisewunder ein
Kitt sind, der die heterogensten Menschen sich näher bringen und etwas
zusammenhalten kann.
Von Hamburg ging’s über Berlin, Dresden, Karlsbad, München nach
Hause und mit Lust wieder an die Arbeit. Daheim wurde mit aller
Sorgfalt die in Spitzbergen erbeutete Flora in den Garten versetzt und
seither tagtäglich begossen und behütet, so daß sie nun -- zaghaft
zwar, doch hoffnungserweckend -- zu grünen beginnt. An anderer Stelle
aber -- im Herzen -- grünen und blühen die von unserer Nordlandsfahrt
mitgenommenen Erinnerungen, und die haben lebenskräftige Wurzeln gefaßt.
Von demselben Verfasser ist im Verlage von _J. Huber in Frauenfeld_
ferner erschienen und liegt bereits in =fünfter Auflage= vor:
=Briefe aus dem fernen Osten.=
Hübsch gebunden Preis 5 Fr.
Ebenfalls die Buchausgabe in der „Thurgauer Zeitung“ erschienener
Briefe, diesmal von einer Reise nach Hinter-Indien, China und Japan
und, wie das vorliegende Buch, zerfallend in die Abschnitte „Unterwegs“
und „Daheim.“
Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.