Wir biegen ab in eine Seitenbucht, die sogenannte Adventbay. Dort

hat sich, teils durch Anschwemmung, wesentlich aber wohl durch

Abwitterung, welche durch Ebbe und Flut geglättet wurde, auf der

südlichen Seite ein ziemlich ausgedehntes, flaches und nachher sanft

bis zu den Hauptgebirgsstöcken ansteigendes Gelände gebildet, das

größtenteils schneefrei ist und auf welches die Strahlen der Sonne

bereits einen Blumenteppich gezaubert haben. Plötzlich entdeckt das

Auge, als einziges Symptom menschlichen Daseins, ein Fischerzelt und

200 Meter davon entfernt ein dunkles Holzgebäude, welches 1896 von der

Westeraalen Dampfschiffgesellschaft als Unterkunftshaus für Jäger und

Touristen erstellt wurde. Aus der Entfernung machte es den trostlosen

Eindruck einer im Torfmoor stehenden einsamen Köhlerhütte. Wir fanden

es geschlossen und leer, da der acht Tage zuvor nach Spitzbergen

fahrende Dampfer, welcher Proviant und den Wirt bringen sollte, wegen

ungünstiger Eisverhältnisse sich dem Inselreiche gar nicht hatte nähern

können.

Nirgends ist ein Baum oder Strauch zu erblicken; aber wo der Schnee weg

ist, so auf der Küstenniederung und in den Thälern grünt und blüht es

um die Wette. Viele der Thäler sind aber noch mit mächtigen Gletschern

ausgefüllt und werden noch Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte lang zu

thun haben, bis ihr Eisdepot ins Meer gesunken ist. Im Hintergrunde

aber, gegen das Innere der Insel, sieht man über den 2000 Fuß hohen

Bergen Eisfelder von unermeßlicher Ausdehnung.

Langsam und vorsichtig drang unser braver Dampfer mit einem Tiefgang

von zirka 10 Metern in dem fremden Fjorde vorwärts, während von 5 zu 5

Minuten ein alter Matrose Lothungen vornahm und mit lauter Stimme dem

Kapitän das Ergebnis auf die Kommandobrücke zuschleuderte. „20 Faden --

kein Grund!“ (1 Faden = 6 Fuß). „33 Faden -- kein Grund!“ „39 Faden --

Grund!“ Jetzt rasselte die Ankerkette nieder und fest saßen wir. Alles,

was Beine hatte, stund auf Deck, um den ungewohnten Anblick dieses

vergletscherten Polarlandes in sich aufzunehmen. Hunderte von Vögeln

umkreisten schreiend unser Schiff; ab und zu tauchte ein neugieriger

Seehund auf, um sofort wieder in dem salzigen Elemente zu verschwinden,

einmal auch die grauenhafte Fratze eines Walrosses.

In unglaublich kurzer Zeit waren die drei Benzinbarkassen unseres

Schiffes flott gemacht und luden durch ihren puffenden Atem zur Fahrt

ans Ufer ein, das immerhin noch einen Kilometer entfernt von uns lag.

Das Meer war etwas unruhig, so daß nur die weniger zaghafte meiner

Reisegefährtinnen sich zu sofortiger Ausbootung entschloß. Am Land

besuchten wir zuerst das Fischerzelt, in welchem eine Frau, zwei

Männer und ein Kind überwintert hatten. Das Ergebnis ihres Jagdfleißes

war vor ihrer Behausung aufgespeichert: getrocknete und eingesalzene

Fische in Menge, einige Fässer voll Thran, in Meersalzlauge gebettet

auch Kopf und Fell eines riesigen Eisbären, den sie zwei Monate vorher

geschossen, als er die Hütte zu beschnuppern kam; von der Menge

erlegter Rentiere und Seehunde, deren Geweihe und Felle herumlagen, gar

nicht zu reden.

Als wir den flachen Küstenstreifen durchwanderten, wollte unser

Erstaunen und Entzücken über die Fülle und den Farbenglanz reizender

Blumen kein Ende nehmen. Arktischer Mohn, zahlreiche Steinbrecharten,

Löffelkraut entsprießen zu Millionen dem bemoosten Boden. Von

besonderer Lieblichkeit ist eine Erica-Art, deren Blüten die Form

unserer Maiglöckchen haben. Als einzigen Strauch, der aber die

Moosfläche nicht überragt, fanden wir eine arktische Weidenart.

Ueberreste von Walen und Walrossen, ungeheure Knochen aller Art, Fisch-

und Vogelleichen zu Dutzenden lagen da, in Gestein und Grün gebettet,

merkwürdigerweise ohne allen und jeden Fäulnisgeruch; das Organische

fault in dieser nördlichen Breite auch unter dem Einfluß der Sonne

nicht, da die sie bedingenden Spaltpilze hier nicht fortkommen.

Mit Blumen seltenster Art und allerlei Trophäen (Mineralien, Knochen)

beladen, traten wir den Rückzug an, der nicht ohne ein kleines

Abenteuer verlaufen sollte. Bei der Abfahrt wurde nämlich unser Boot

auf eine seichte Stelle geworfen, saß dort fest und war nun ein

Spielball des unruhigen Meeres. Durchnäßt von den überschäumenden

Wellen und elend hin- und hergeschaukelt harrten wir der Erlösung.

Aber ein Versuch, uns durch eine andere Barkasse flott zu machen,

hätte beinahe unser Schiff zum Kentern gebracht und mußte aufgegeben

werden. So blieb nichts übrig, als in den auf- und abtanzenden Kahn

überzusteigen -- eine der Komik und unfreiwilliger Akrobatensprünge und

Körperverdrehungen nicht entbehrende Handlung -- welcher uns dann naß

zwar, aber in bester Stimmung an Bord brachte.

Ueber Spitzbergen ist noch Vieles zu erzählen; ebenso über die

herrliche Rückfahrt an der norwegischen Küste, über die Wunder

der Mitternachtssonne bei der Einfahrt in Tromsoe und das dortige

Lappenlager, über die Pracht der nordischen Welt bei Gudwangen und

Marak, über den Besuch von und bei dem deutschen Kaiser in Aalesund und

den Aufenthalt in Bergen, der durch die Freundlichkeit unseres dort

domizilierten Landsmanns, Herrn Herzog aus dem Pfarrhause Güttingen,

besonders genußreich sich gestaltete, und über vieles Andere mehr. Aber

unser Schiff eilt dem Endziele, Hamburg zu, und unser Verlangen geht

nach der Heimat und nach dem Berufe.

Daheim.

~VIII.~

Hapag. -- Patriotische Feststimmung. -- Gräber an der Adventbay.

-- Im Eise gefangen. -- Jagd auf Spitzbergen. -- Walfischfang.

Hapag! Wie anders wirkt dies Zeichen jetzt auf mich ein als noch

vor wenig Monaten! -- Dazumal glitt mein Auge nichtsachtend an

den fünf Buchstaben vorbei; heute zaubert das kleine Wort eine

Flut von Erinnerungen hervor; ich sehe die Wunder der nordischen

Schärenlandschaften und des Polarmeeres; auf letzterm gleitet die

stolze „Auguste Viktoria“, das prunkvolle kleine Universum; auf der

Kommandobrücke steht die Hünengestalt des braven Kapitäns Kaempff, dem

das Leben von nahezu 700 Menschen anvertraut ist. Keiner zaudert, ihm

volles Vertrauen zu schenken, dem schönen Typus eines pflichttreuen,

kaltblütig überlegenden Seemannes, der, ein Bär von Postur, mit

gleicher Sicherheit sein stolzes Schiff leitet, wie er mit ritterlicher

Grazie den Damenhandkuß zu applizieren weiß.

Vom Promenadendeck her tönt fröhliches Leben; dazwischen die flotten

Weisen der Schiffskapelle, vor allem die bergfrische Nationalhymne

Norwegens. Und an allen Ecken und Enden steht das Zauberwort ~Hapag~,

auf jedem großen und kleinen Schiffsteile -- vom Rettungsboote

bis zum Zahnstocher, auf dem Schilde der Kapitänsmütze und jedem

Kleidungsstücke, das der Steward und der Matrose am Leibe trägt.

Den jungen, frischen Schiffsjungen, der auf jedes Signal von der

Kommandobrücke her die Treppen hinauffliegt, um die Befehle „des

Königs“ entgegenzunehmen, hatten wir deshalb in naheliegender

Erweiterung seiner Signatur schon am ersten Tage Harpagon getauft und

ihn auf diesen Ruf folgen gelehrt.

=H=amburg-=A=merika-=P=acketboot-=A=ktien-=G=esellschaft ist der Sinn

des kleinen Wortes, das in der ganzen Welt so bekannt ist, daß ein mit

~Hapag~ adressierter Brief sicher seinen Weg findet, und ein Zufall,

der soeben meinen Blick auf die fünf Buchstaben fallen ließ, macht

mir plötzlich Mut und Lust, die in der „Thurgauer Zeitung“ begonnene

Schilderung unserer nordischen Reiseerlebnisse zu Ende zu führen.

Also zurück nach Spitzbergen! Auf Flügeln des Gedankens ist der Weg im

Nu zurückgelegt, obschon die Distanz ungefähr derjenigen zwischen Rio

Janeiro oder Kapstadt oder Tibet und unserer Heimat entspricht.

Am Morgen des zweiten Tages wurde bei Zeiten wieder und als

vollzähliges Trio das zauberhafte Land betreten. Dort erfuhr ich

eine heimelige Ueberraschung. Als wir an geschützter Stelle, in

das blumige Moos gelagert, die großartige Moos-, Gebirgs- und

Gletscherlandschaft bewunderten, packten meine Gefährtinnen aus: eine

veritable Schweizerfahne samt Stock und eine Flasche -- Sonnenberger[3]

1895er, von Paul Bartholdi.[4] Nun wurde ein echt vaterländisches

Fest gefeiert, wohl das erste Schweizerfest auf Spitzbergen, und

unter Schwenken der Fahne, ergötzlichen Reden und lautem Hoch auf

die liebe Heimat der Tropfen geleert, den die Sonne unseres Thurgaus

gezeitigt hatte und der mir in meinem Leben noch nie so vortrefflich

gemundet hat wie dazumal, am 12. Juli, unterm 78° nördl. Breite. Die

Flaschen-Etiquette trägt nun die Aufschrift: „Sonnenberger 1895 von P.

Bartholdi, am 12. Juli 1899 unter hochgehenden vaterländischen Gefühlen

geleert auf das Wohl der lieben Heimat von etc. etc. etc.“ In der

linken obern Ecke stehen groß und deutlich die Buchstaben O. G. V.,[5]

ein für spätere Polarfahrer, welche die Flasche entdecken, jedenfalls

unlösbares Rätsel.

Nach der patriotischen Fahnenweihe durchstreiften wir, soweit nicht

Sumpf und Morast uns hinderten, kreuz und quer das Gelände und jeder

Schritt führte zu etwas Außergewöhnlichem und Interessantem. Vor allem

erregte unsere Aufmerksamkeit ein Abhang aus Geröll, den ein starker

Gletscherbach im Laufe der Jahrzehnte angespült haben mochte, und auf

welchem verschiedene auffällige Erhebungen zu erblicken waren. Bei

der Annäherung fanden wir zwei schmucklose Grabzeichen aus Holz und

gemaltem Blech; das eine trug die Inschrift: Andrees Holm, Tromsoe;

födt 7. April 1896; das andere: Jakob Hansen af Hammerfest, födt 28.

August 1878, letzterer ein während der sommerlichen Jagdzeit hier

verunglückter Fischer, der erstere aber Teilnehmer einer nordischen

Tragödie, deren weitere Spuren in unmittelbarer Nähe zu finden waren

und mit der wir uns gleich beschäftigen werden. Wir schmückten die

rührenden Zeugen menschlichen Daseins und Kampfes in dieser nordischen

Einöde -- die schlichten Gräber -- mit den schönsten Blumen, welche der

Boden spendete.

Was hätte dieser Andrees Holm alles erzählen können! Im Sommer 1895

hatte er mit drei andern Norwegern, Klaus Thue, Anton Nils und Nils

Olsen, an den Küsten von Westspitzbergen dem Fischfang obgelegen, und

als sie auf ihrem kleinen, einmastigen Fangschiffe heimkehren wollten,

verlegte ihnen das unerwartet früh um die Südspitze herschwimmende

Eis den Weg. Ein starker Schneesturm trieb sie wieder nordwärts, und

wo immer sie Eingang in einen schützenden Fjord suchten, fanden sie

denselben bereits mit Eis gefüllt. Im nördlichen Eisfjord endlich, der

unter der Einwirkung des Golfstromes am längsten offen bleibt, und zwar

in dem Teil, in dem wir eben vor Anker lagen, der Adventbay, fanden sie

Zuflucht, und dort fror ihr Schiffchen, die „Ellida“, rasch ein, so

daß die Insassen sehr bald die traurige Gewissheit hatten, sieben bis

acht Monate in dieser trostlosen Eiswüste verweilen zu müssen, fern von

jeder menschlichen Hülfe.

An Bord zu bleiben war unmöglich. Die vier Männer errichteten daher

auf der nächstgelegenen Anhöhe eine Notbehausung, deren Konstruktion

und Überreste noch deutlich zu sehen sind. Etwa einen Meter tief ist

der Grund ausgehoben und die Grube mit Schiffsbrettern verschalt;

darüber findet sich aus Treibholz, Mast und Rudern ein Dach erstellt,

das noch teilweise mit Zinkblech vernagelt ist und das dazumal von

den Insassen mit Rentierhäuten,[6] Rasen- und Moospolstern bedeckt

wurde. Zum Eintritt diente die noch vorhandene Kajütenthüre. In der

jetzt großenteils abgedeckten Hütte, in welche ich hineinkroch,

waren als weitere Zeugen des dort verlebten Winters noch zu finden:

ein Bretterverschlag, der mit Rentierfellen ausgekleidet die

Schlafstätte gebildet hatte; dann ein verrosteter, zertrümmerter

Herd, der ehemalige Kochherd des Schiffes, ein niedriger Tisch, eine

Kiste mit Handwerkzeug; ferner zerrissene Strümpfe, Handschuhe und

Kleidungsstücke anderer Art; Knochen von Rentieren, Fischen, Vögeln --

die Überreste der winterlichen Mahlzeiten -- lagen ringsherum zerstreut.

[Illustration: Nothütte.]

Den langen Polarwinter brachten die Eingeschneiten und Vereisten mit

Jagd und dem Suchen nach Kohlen in möglichst entfernten Lagern zu, um

der Hauptgefahr der Unthätigkeit in der permanenten Dunkelheit, dem

Scorbut, möglichst zu entgehen. Bis 22 Grad Reaumur Kälte hatten sie zu

ertragen, so daß Anton Nils die Nase abfror; trotzdem ging er acht Tage

nachher wohlgemut und fröhlich singend auf die Jagd -- um nicht mehr

zurückzukehren. Wahrscheinlich hat ihn ein Eisbär verzehrt. Das zweite

Opfer war Andrees Holm, der am 30. März am Scorbut starb und, da die

Erde hart gefroren war, zum Schutz gegen Füchse und Bären einstweilen

in zwei Fässer gesteckt wurde. Sobald das Eis des Fjords -- im Juni

1896 -- in Bewegung kam, wagten sich die zwei Ueberlebenden auf kleinem

Boote hinaus, um Fischerschiffe aufzufinden; aber fünf Tage lang wurden

sie auf offenem Meere umhergeschlagen und hatten nur rohe Vögel als

Nahrung, und als endlich ein Fischer sie rettete, waren sie beide

auch am Scorbut erkrankt. Trotzdem fuhren die treuen Gesellen, bevor

sie heimwärts strebten, nochmals nach der Adventbay zurück, um ihren

Kameraden zu beerdigen, und das Grab, neben dem wir standen, war das

Werk ihrer matten und kranken Hände.

Ähnliche Unglücksfälle ereignen sich von Zeit zu Zeit und auch dem

größten Touristenschiffe kann es passieren, sofern es zur Unzeit,

später als Ende August, Spitzbergen aufsucht, daß es sich plötzlich und

unerwartet in einem Fjord durch Eis festgebannt sieht. -- Plötzliche

dichte Nebel, entsetzliche Stürme und unerwartete Treibeisblockade sind

die Gefahren des Polarmeeres für die Schiffahrt.

Einen Versuch, an den schneefreien Abhängen des nächstliegenden Berges

in die Höhe zu steigen oder eines der sich öffnenden Thäler zu begehen,

mußten wir bald aufgeben, weil der Boden infolge des herabrieselnden

Schneewassers überall morastig durchweicht war, so daß wir bis über

die Knöchel einsanken. Wie’s in dieser Beziehung weiter landeinwärts

beschaffen sein mochte, ersahen wir an Schuhwerk und Kleidern von Graf

Metternich und einigen andern Jagdfreunden, welche morgens 2 Uhr unter

der Führung von zwei norwegischen Fischern sich einige Stunden weit ins

Innere begeben hatten und nachmittags mit reicher Beute zurückkehrten.

Die Menge des angetroffenen Wildes stand zwar hinter ihren Erwartungen

zurück; einige Tage zuvor war der Kronprinz von Italien mit seiner

jungen Frau, die dem nordpolfahrenden Herzog der Abruzzen das Geleit

gaben, hier gewesen, und die jagdlustigen Italiener sollen innert

zweimal 24 Stunden gegen 200 Rentiere an der Adventbay erlegt haben;

nicht der geringste Teil fiel vor dem treffsicheren Rohre der

Montenegrinerin. Von der Beute wurden einfach die Geweihe mitgenommen;

das Übrige blieb liegen. Daß ein solch grausames Schützenfest die

harmlosen Rentierherden für die nächsten paar Wochen verscheuchte und

in entferntere Regionen trieb, liegt auf der Hand. Indes waren die

Spuren des Tieres überall so reichlich vorhanden, daß man glauben

konnte, sich auf einem ihrer Hauptweideplätze zu befinden. Auch

brauchte man nicht sehr weit zu gehen, um schön ausgebildete Geweihe

zu finden, welche von den Tieren jeweils im Dezember oder Januar

abgestoßen werden.

[Illustration: Gletschereis.]

Eingedenk der vortrefflichen Eigenschaften des Rentieres, seiner

Anspruchslosigkeit betreffs Ernährung, seiner universellen Nützlichkeit

und seiner absoluten Unschädlichkeit und in Erinnerung an die

Thatsache, daß es, wie fossile Reste -- sogar fossile von Menschenhand

bearbeitete Rentiergeweihe -- es beweisen, einst über den größern

Teil Mitteleuropas verbreitet gewesen sein muß, fragte ich mich oft,

warum es wohl noch niemandem eingefallen sei, unsere Alpen mit diesen

trefflichen Tieren zu bevölkern. Es ist doch sehr wahrscheinlich, daß

sie sich ganz gut akklimatisieren würden.

Die Nimrode unter den Schiffspassagieren, welche zu bequem waren,

stundenweit bergauf- und thaleinwärts zu laufen, ließen ihre Mordlust

an den arglos herumfliegenden Strandvögeln aus. Piff, paff, puff

knallte es allerorten, und Dutzende von zwecklos getöteten oder

verwundeten Enten, Möven und Eidergänsen fielen zur Erde oder zuckten

im letzten Kampfe auf der glatten Meeresfläche. Ich freute mich stets

königlich, wenn ein mit selbstbewußter Sicherheit abgegebener Schuß zum

Ärger des Schützen und unter Halloh der Zuschauer den einzigen Effekt

hatte, die Flug- oder Schwimmgeschwindigkeit des Zielobjektes um 100

pCt. zu beschleunigen, oder wenn eine Taucherente, welcher der tödliche

Schuß galt, blitzschnell unter dem Wasser verschwand, um sehr vergnügt

hundert Meter davon entfernt wieder aufzutauchen. Da in Spitzbergen

kein Jagdschein notwendig ist, bleibt es vorläufig das Eldorado aller

Jäger, bis die dortige Tierwelt so vernichtet sein wird, daß es sich

nicht mehr lohnt, Pulver und Blei dorthin zu tragen. Allerdings sind

ja nur einige Küstenstriche zugänglich und das mit 1000 Fuß dicker

Eisschicht bedeckte Landesinnere wird den Eisbären und Polarfüchsen

vorläufig noch ein sicherer Hort bleiben; aber wer weiß, mit welchen

Mitteln sich das raffinierteste aller Raubtiere, der Mensch, in Zukunft

auch diese unzugänglichen Einöden begehbar machen wird!

Die großartigste Jagdepoche Spitzbergens fällt in das siebenzehnte

Jahrhundert. Anno 1607 lenkte der berühmte Seefahrer Hudson die

Aufmerksamkeit der Welt auf die ungeheure Menge von Walfischen,

Walrossen, Robben und wertvollen Pelztieren, welche jene noch wenig

bekannte -- zehn Jahre vorher durch den Holländer Barents entdeckte --

Inselgruppe bevölkerte. Daraufhin fuhren alle seefahrenden Nationen hin

und lagen sich zwanzig Jahre lang tüchtig in den Haaren, bis endlich

durch einen Vertrag die Jagdgründe geregelt und verteilt wurden.

Die intensivste Fangthätigkeit entfaltete Holland. In der Smeerenberg

(Smeer = Fett; bergen = verwahren) auf der Amsterdaminsel waren

oft gleichzeitig gegen 300 holländische Schiffe anwesend; während

der kurzen Sommermonate bevölkerten über 12,000 Menschen die öde

Landschaft und die Mitternachtssonne war Jahrzehnte lang Zeuge aller

nur denkbaren Laster; das spielend leicht verdiente Geld wanderte in

Spiel- und Trinkhöllen und schuf ein arktisches Sodom und Gomorrha.

Der Walfischfang blieb zweihundert Jahre eine so ergiebige Quelle

des Reichtums, daß man in Holland unschlüssig war, ob dem Hafen von

Smeerenberg oder demjenigen von Batavia größere Bedeutung beizumessen

sei und welcher im Ernstfalle zuerst zu verteidigen wäre. Einige Zahlen

mögen diese unglaublichen Thatsachen erhärten:

Der grönländische Wal, der bis 3000 Zentner schwer wird, bildete

früher das Hauptwild der Gewässer Spitzbergens, hat sich jetzt aber

infolge Jahrhunderte langen rücksichtslosesten Vernichtungskrieges

fast ganz weiter nach Norden verzogen. Ein einziges Exemplar konnte

20,000 Mark an Wert abwerfen. Der Hauptwert liegt in der bis zu 40

Centimeter dicken Speckschichte zwischen Oberhaut und Muskelfleisch,

welche zu Thran ausgesotten wird, und in den sogenannten Barten,

jenen hornigen Kiefergebilden, aus welchen man das Fischbein gewinnt

(2500 Kilogramm per Tier und mehr). Die Barten dienen dem Tiere dazu,

seine Nahrung zu fangen; mit geöffnetem Maule von sechs Meter Länge

und vier Meter Breite durchschwimmt es den Ozean, wobei Millionen

kleinster gallertartiger Meertierchen des durchströmenden Wassers an

den Bartenhaaren hängen bleiben und verschluckt werden, sobald sie

sich in größerer Menge angesammelt haben. Wenn man erwägt, welche

Billionen dieser kleinsten Organismen tagtäglich nötig sind, um einen

derartigen Riesen zu ernähren, so kann man sich eine Vorstellung

machen, in welcher Zahl sie im Ozean enthalten sein müssen. Sie machen

das Polarmeer oft auf meilenweite Entfernung mißfarbig, und das

sogenannte „schwarze Wasser“ wird aus naheliegenden Gründen von den

Walfischfängern besonders gerne aufgesucht.

Die Holländer haben seiner Zeit jeden Sommer zu Hunderten dieser

kostbaren Tiere erlegt, also buchstäblich Gold aus dem Meere gehoben.

Genaue Zahlen aus jener Zeit sind mir nicht bekannt; dagegen erfuhr

ich, daß eine amerikanische Walfischfanggesellschaft noch 1858 eine

Jagdbeute von 20 Millionen Mark gemacht hat, und daß in den letzten

Jahren von den verschiedenen norwegischen Walfischstationen (die wegen

des entsetzlichen Gestankes, den die verwesenden Reste der Riesenleiber

ausströmen, alle auf Inseln oder von menschlichen Ansiedelungen

entfernten Küsten sich befinden) durchschnittlich 2 bis 3 Millionen

Mark per Jahr und per Station umgesetzt wurden.

Auch hier an der Küste der Adventbay trafen wir allerlei Ueberreste

von Walfischleibern, unter anderm riesige, von der Sonne gebleichte

Rücken-Wirbel, deren einer ein ganz respektables Gewicht repräsentierte.

Der Grönlandwal ist, wie oben erwähnt, in den Gewässern Norwegens

und Spitzbergens fast ganz ausgestorben und in die vom Eise

verbarrikadierten Zonen des höchsten Polarmeeres vertrieben. Die

Arten, die dort noch gejagt werden, sind: der massige und wertvolle

Blauwal, der Finnwal, das längste Tier der Erde, bis 100 Fuß lang, aber

bedeutend schlanker als der Grönwal, und einige kleinere Walarten,

alles sogenannte Furchenwale, weil ihre Bauchhaut im Gegensatz zum

grönländischen Wale in Längsfurchen gelegt ist. Der Schrift von Georg

Wegener entnehme ich, daß es auch eine Walart mit Zähnen giebt, von

den Seeleuten „Speckhugger“ genannt, weil sie, nach berühmten Mustern,

zu mehreren vereint ihre größten Vettern angreifen und große Stücke

Speck aus ihrem Leibe herausreißen. Es sind Kämpfe beobachtet worden,

bei welchen der geängstigte Großkapitalist in seiner Not weit über das

Wasser hinaussprang, ohne das er die fest an seinem Bauche hängenden

Schmarotzer abschütteln konnte.

Die Jagd auf Wale ist vier Seemeilen von der Küste entfernt für

jedermann frei; dagegen darf die Verwertung der Beute nur auf

norwegischem Gebiete stattfinden, weshalb ausländische Fänger nur

im Dienste einer norwegischen Gesellschaft fischen dürfen oder aber

einer Aktiengesellschaft angehören müssen, die auch Norweger zu ihren

Mitgliedern zählt.

In frühern Zeiten war der Walfischfang ein Geschäft voll Romantik und

Gefahr. Auf ausgesetztem kleinem Ruderboote mußte man sich dem Tiere

so weit zu nähern suchen, daß der Harpunier ihm den Widerhaken in den

Leib schleudern konnte; da galt es denn, im gleichen Momente das Boot

aus dem Bereiche der Schwanzflossenschläge des wütenden Tieres zu

bringen, und nachher kamen die kritischen Minuten, wo der davonrasende

verwundete Wal durch Abwickeln der Harpunenleine das Boot in Gefahr

brachte. Oftmals hat eine Störung des blitzschnellen Ablaufes der Rolle

Schiff und Leute in die Tiefe gerissen. Heutzutage bedient man sich zum

Walfischfange jener kleinen Dampfboote, deren wir eines vor Hammerfest

gekreuzt hatten. Es sind eiserne Dampfer von 70-80 Fuß Länge, die

äußerst schnell fahren und am Bug eine drehbare Kanone tragen. Die

Harpune, welche dieses Feuerrohr schleudert, ist an langer Leine am

Schiff befestigt und enthält in ihrem Kopfe ein Sprenggeschoß, das im

Momente des Eindringens in den Walfischkörper explodiert und lange

Widerhaken hervorschnellen läßt; das furchtbar verwundete Tier schießt

mit der Geschwindigkeit eines Blitzzuges in die Tiefe -- gefolgt

von der rasch sich abwickelnden Leine, kommt aber bald wieder zum

Vorschein, um zu atmen oder aber -- bereits verendet. Der Todeskampf

ist zuweilen so furchtbar, daß er die ganze See in Aufruhr bringt.

Mit Jubel wird es begrüßt, wenn das Tier nach dem Harpunenschuß Blut

bläst, „die rote Flagge zeigt“; das bedeutet eine ganz rasch tödliche

Verletzung von Herz und Lungen.

Es giebt wohl kein Tier, das für die Erforschung unserer Erde

eine solche Rolle gespielt hat, wie der Walfisch. Seinen Spuren

folgend drangen Walfischfänger schon in frühen Jahrhunderten bis in

die nördlichen Meere, und lange vor Kolumbus haben baskische und

normannische Walfischer den Weg nach Amerika zurückgelegt.

[3] Thurgauer Rotwein.

[4] Frauenfelder Geschäftsfirma.

[5] Oratorien-Gesang-Verein Frauenfeld, dessen Präsident der Verfasser

ist.

[6] Die Schreibart Rentier -- mit einem =n= -- ist die einzig richtige;

der Name stammt nicht etwa von rennen, sondern von reen, d. h. rein,

also eigentlich _Rein_tier.

~IX.~

„Malerische Gruppe“. -- Beutezug an der Küste. -- Fischerzelt. --

Die Yacht des italienischen Kronprinzen. -- Hotel Spitzbergen.

Unterdessen hatte sich der größte Teil der Schiffspassagiere ans

Land gemacht, und wir bemerkten aus der Entfernung, wie sie sich zu

einem Zuge ordneten, voraus einige Matrosen mit der deutschen, der

amerikanischen und der Hamburger Flagge, dann die Schiffsoffiziere

und die Musik; unter klingendem Spiele bewegte sich der Gewalthaufen

landeinwärts. Da giebt’s was zu sehen; also im Trab über Stock

und Stein und quatschende Pfützen, die Hände voll friedlichen

Raubs: Pflanzen, Knochen und Steine, in der rechten die flatternde

Schweizerfahne!

Vor einer sachten Erhebung machte der aus allen denkbaren Kostümen und

Toiletten zusammengesetzte Zug Halt, und es wurde zu den vorjährigen

Gedenkzeichen der Anwesenheit der „Auguste Viktoria“ auf Spitzbergen

ein neues gesetzt, eine hübsch ausgestattete eiserne Tafel mit der

Inschrift: „S. S. Auguste Viktoria, Hamburg; 12. Juli 1899.“ Ueber der

Tafel thronte ein Schild

~H~ ~A~

mit ~P~, getragen von einem Schiffsanker. Das Ganze

~A~ ~G~

wurde auf einem eisernen Stativ in den Boden gestoßen, mit Steinen

malerisch blockiert und von den Matrosen mit Moosplatten und Blumen

dekoriert. Unter dem Klange der verschiedenen Nationalhymnen (~n. b.~

das „Rufst du mein Vaterland“ der Schweizerkehlen ging in dem „Heil

dir im Siegeskranz“ nicht etwa unter; denn die Eidgenossen stunden,

wie in der Schlacht bei Sempach, dicht beisammen) und Schwenken der

Banner erhielt das Wahrzeichen unserer Nordlandsfahrt seine Weihe.

Dann ordnete man sich (es war in der Person des Herrn Dreesen aus

Flensburg ein vortrefflicher und weltbekannter Berufs-Photograph

anwesend) zu einer „malerischen Gruppe“, um durch die nordische

Sonne sich verewigen zu lassen. Ahnungslos stunden wir mit unserm

Schweizerfähnlein in vorderer Reihe. „Die Flagge muss wech!“ rief’s aus

der Hinterphalanx -- nicht etwa aus Animosität gegen das weiße Kreuz

im roten Feld, sondern weil der Reklamant mit Recht es sich verbitten

konnte, daß seine Gesichtszüge durch ein Stück -- wenn auch noch so

patriotisch flatternden -- Tuches zugedeckt würden. Wir marschierten

also unverwundet in die hinterste Reihe; von dort her aber fällt

die hochgehaltene Schweizerfahne auf der gelungenen Photographie

zu allererst in die Augen: in der Mitte der Fähnrich, vor ihm die

beiden getreuen Lebensgefährtinnen, rechts und links als Stützen des

Vaterlandes Papa Laroche und Professor Böhringer.

Da wurde dann gleich die patriotische Erregung weiter ausgeschmiedet:

Im Glockensund wollten wir am folgenden Tage offiziell das

eidgenössische Banner aufpflanzen und von dem Lande für Mutter

Helvetia Besitz ergreifen; Professor B. übernahm die Festrede, und

Papa L. wurde einstimmig zum Admiral der schweizerischen Marine

ernannt. In das schöne Projekt fiel _ein_ bitterer Tropfen: Die

Flasche Sonnenberger-Thurgauer war bis auf die Nagelprobe geleert;

wir hatten „keine zweite zu versenden“, und für den Festredner und

den Admiral blieb als einziger bescheidener Genuß das Riechen an der

leeren Flasche, deren Duft aber noch genügte, ihre Züge freundlich

zu verklären. Ein tückischer Polarnebel hat aber den Plan vereitelt

und damit auch die Gefahr einer politischen Intervention des übrigen

Europas abgewendet.

Nachdem die Zehntels-Sekunde Ruhe und freundliches Lächeln, welche

der Photograph verlangt hatte, glücklich überstanden war, zerstreute

sich das Volk nach allen Richtungen, und bald bot das fremdartige

Gelände ein recht malerisches und bewegtes Bild: Ueberall kleinere

Gruppen von entzückten Blumensammlern, da und dort ein blutdürstiger

Jäger zum Schuß bereit, an allen Ecken Amateurphotographen männlichen,

namentlich aber weiblichen und sogar sächlichen Geschlechts. Einzelne,

vorab die Schiffsbemannung, stürmten, ohne Rücksicht auf bodenlosen

Sumpf, landeinwärts und bergaufwärts, und männiglich kehrte mit

zusammengelesenen Rentiergeweihen und andern Raritäten zurück. Einen

Bären brachte Keiner; auch die größten Blagueure mußten gestehen,

keinen solchen, nicht einmal von weitem, erblickt oder gewittert zu

haben. Auch das ersehnte Walroß ließ sich nirgends sehen.

Wir begnügten uns mit dem leicht Erreichbaren, und unser Schatz wuchs

zusehends. Abgesehen von reizenden Pflanzen erbeuteten wir seltene

Mineralien, Steinkohlen, prächtige Versteinerungen von Kryptogamen und

allerlei Blattpflanzen. Dann erregte unser Interesse die Menge und

Verschiedenartigkeit des herumliegenden Treibholzes; teilweise zeigte

sich dasselbe bearbeitet, entstammte also Fahrzeugen, die vielleicht

in Westindien Schiffbruch gelitten hatten und deren Fragmente durch

den Golfstrom hieher geführt worden waren. Andere Stücke entpuppten

sich als Lerchen- und Erlenholz, und ich ließ mir erzählen, daß an

der Ostküste Spitzbergens erstaunliche Mengen dieser Stämme mit

Regelmäßigkeit angeschwemmt werden und oft ganze Buchten ausfüllen.

Sie wurzelten einst in dem großen sibirischen Stromgebiete, wurden

durch die im Sommer hochanschwellenden Gewässer ihrem Stammorte

entführt, ins Meer geschwemmt und gelangten mit dem Polarstrom endlich

an Spitzbergens eisumgürtete Küste. Es ist ja bekannt, daß diese

Treibhölzer den Bewohnern der baumlosen Gegenden Grönlands, Islands --

überhaupt der Polarländer -- seit Jahrhunderten ihr Nutz- und Brennholz

liefern, und die Kenntnis der arktischen Meere und ihrer Strömungen

ist nicht zum mindesten durch das großartige Phänomen des Treibholzes

erweitert worden.

Eine überaus interessante Thatsache ist es, daß man in Spitzbergen

oft stundenweit im Innern und auf beträchtlicher Höhe über dem

Meeresspiegel, zu welcher die größte Springflut niemals gelangen kann,

Treibholz und Walfischknochen findet. Daraus zieht man den Schluß,

daß im Laufe der Jahrhunderte entweder das Land sich gehoben oder

das Meer sich gesenkt haben muß. Diese Niveauveränderung wird auch

in Skandinavien beobachtet. Eingehauene Klippenzeichen haben sich

innert 40 Jahren um nahezu 50 Centimeter gehoben, und eiserne Ringe,

die vor vielen Jahren zum Anbinden der Kähne dienten und welche durch

einen umgemalten weißen Kreis weithin sichtbar gemacht sind, stehen

jetzt so hoch, daß sie nicht mehr gebraucht werden können. Da man

die alten Strandlinien weder unter sich, noch mit dem Meeresspiegel

parallel findet, wird eher an eine Bodenerhebung, als an ein Sinken der

Wasserfläche zu denken sein.

Einige der von mir gesammelten Treibholzstücke mögen seit Jahrhunderten

dort gelegen haben, ohne zu faulen; ihr Volumen ist unverändert,

und die Holzfaserung ist deutlich zu sehen; aber man glaubt zuerst,

ein helles _Mineral_ zu finden, und ist erstaunt über das geringe,

jedenfalls noch unter demjenigen des Korkholzes stehende spezifische

Gewicht. Auch Ueberreste von Tieren schleppten wir mit, unter anderm

einen Rentierschädel, in dessen Höhlungen sich allerlei arktische Moose

und Blütenpflänzchen angesiedelt hatten; dann Mövenflügel, Knochen,

Geweihe und andere Herrlichkeiten mehr.

Es war sehr unterhaltend, nachher an Bord die vom Lande her

Zurückkehrenden zu beobachten; die unglaublichsten Dinge wurden

hergebracht, und in mancher Kabine sah es gegen das Ende der Fahrt,

namentlich als in Tromsö die Lappen ihre duftenden Gegenstände

noch an den Mann und die Frau gebracht hatten, aus wie in einem

Naturalienkabinett; auch die Atmosphäre stimmte, und ich will hier

verraten, daß verschiedene Passagiere einige von ihren mit Stolz

gezeigten und mit Liebe geborgenen Trophäen -- des zunehmenden Aromas

halber -- nächtlicher Weise dem verschwiegenen Ozean anvertrauten. Das

Aroma aber blieb, wie das Phlegma beim Spiritus.

Einen besondern Anziehungspunkt bildete die kleine Ansiedlung der

norwegischen Fischerfamilie, welche im hölzernen Touristenhaus der

Vesteraalen-Dampfschiffgesellschaft überwintert, nun aber ihre Zelte

bezogen hatte und eifrig der Jagd oblag. Ihre edelste Beute war ein

Eisbär, dessen Pelz samt Kopf sie zur Konservierung der Haare in

ein Faß mit Salzlauge gesteckt hatten. 180 Kronen d. h. zirka 250

Franken sollte das Prachtstück kosten (in Bergen wurde für einen

ausgearbeiteten Pelz gleicher Größe das 2½fache verlangt), und um

150 Kronen erstand es schließlich ein Herr kurz vor der Abfahrt der

„Auguste Viktoria“, von Vielen beneidet um den Kauf, zu dem sie die

Courage nicht gehabt hatten. Da wiederholte sich dann die Geschichte

vom Fuchs und den sauren Trauben; „die Farbe des Pelzes war nicht

schön; wahrscheinlich ließen die Haare sehr bald; das Ausmachen würde

ein Heidengeld kosten“ etc. etc. „„Aber ein Esel war ich doch, daß ich

den Prachtskerl nicht gekauft habe; so ’n Fell! und dazu direkt ab

Spitzbergen!““ meinte ein Ehrlicher.

So lange der Eisbär keinen festen Besitzer hatte, wurde er gehörig

ausgenützt. Die zartesten Damen ließen sich an der Seite des grausamen

Tieres, dessen Kopf allerdings kaum mehr blutdürstig aus der Salzlauge

hervorguckte, photographieren. Einige von Photograph Dreesen

arrangierte Gruppen vor der Fischerhütte, inmitten der mannigfachen

Beute um den mächtigen Kopf des nordischen Eiskönigs gelagert und

durch die schlichten Fischersleute verstärkt, verdienten das Attribut

malerisch im höchsten Grade.

Als wir wissensdurstige (neugierige?) Schweizer unsere Köpfe ins Innere

des Hauptzeltes steckten, lagen die Männer noch schnarchend unter ihren

Fellen am Boden, während die Frauen und ein zirka sechsjähriges Kind

sehr munter die vielen Fremdlinge musterten. Der Haus- und Familienhund

-- ein langhaariger Spitz -- hatte längst das Weite gesucht; auf zirka

200 Meter Distanz bellte er die „Auguste Viktoria“ und ihre am Land

promenierenden Insaßen an und beantwortete jeden Lockruf und jede

Annäherung damit, daß er davon und wie verrückt in weiten Kreisen

herumrannte.

Das niedrige Zelt enthielt außer den Schlaflagern die unerläßlichsten

Haushaltungs- und Küchengegenstände; neben der Kaffeemühle thronte

eine Guitarre, die wohl einst die mehrmonatliche Polarnacht kürzen

half. Wie melancholisch mögen ihre Saiten in die nordlichtdämmernde

Eiswüste hinausgeklungen und was werden sich die lauschenden Bären und

Blaufüchse dabei gedacht haben!

Unterdessen erhoben sich auch die Väter des Fischerzeltes und

eröffneten sofort einen kleinen Markt; außer der mannigfachen

Jagdbeute: kostbaren Fuchsbälgen -- bis 100 Kronen pro Stück gewertet

-- Rentier- und Robbenfellen und Geweihen, getrockneten und frischen

Fischen und Vögeln aller Arten wurden namentlich auch sehr schöne

Versteinerungen feilgeboten, welche sie bei Jagdstreifzügen in den

nächstliegenden Thälern und Gebirgsstöcken gesammelt hatten.

Einige Säcke voll Eiderdaunen stunden verkaufsbereit, jener feinsten

Flaumfedern, mit welchen die Eidergänse ihre Brutnester dicht und

warm polstern und welche ihnen von den Sammlern unter dem Leibe und

den Eiern weggeraubt werden, meist mit samt einem Teil der letztern.

Ich beobachtete eben einen originellen Handel, den der eine unserer

norwegischen Lotsen abschloß, als Hochzeitsgeschenk für seine drei

im kommenden Monat gleichzeitig sich verheiratenden Töchter, wie er

mir sagte. Die zwei Fischer offerierten ihm einen mit Eiderdaunen

vollgestopften Sack zu 50 Mark. Das Gewicht taxierten sie -- da eine

Wage fehlte -- aus freier Schätzung auf 50 Kilo, „Wägung vorbehalten“.

Der Käufer bezweifelte die Richtigkeit der Taxation, und als ich, als

Unparteiischer darum ersucht, die Last auf höchstens 40 Kilo schätzte,

wurde ohne weiteres von den Fischern _dieses_ Gewicht in Rechnung

gesetzt und der Preis auf 40 Mark reduziert. Der Käufer machte ein

gutes Geschäft. Beim Reinigen der Daunen gehen allerdings fast zwei

Drittel verloren, so daß ihn schließlich -- die Reinigungsspesen

mitberücksichtigt -- das Kilo auf 4 Mark zu stehen kommen wird. Aber

schon in Tromsoe bezahlt man 36 Mark pro Kilo, und weiter südwärts

sind die Preise noch höher. Alles in allem wird also der Vater seinen

Töchtern je ein Geschenk im Werte von 180 Mark machen, für welches er

nur 20 Mark zu bezahlen brauchte.

Gegen Abend -- als wir schon die Hauptmahlzeit hinter uns hatten --

also zirka 9 Uhr, tauchte plötzlich eine Yacht auf, die vom Eisfjord

her sich unserer Bay näherte. Wer mochte das sein? Bald erkannte

das Auge des Kapitäns die italienische Flagge und signalisierte den

Kronprinzen von Italien mit Gemahlin und Gefolge. Rasch wanderte das

grüßende Flaggenzeichen auf die Mastspitze; die Kapelle erhielt Ordre,

die königlichen Gäste anzublasen und sich zur Empfangshymne bereit zu

stellen, und -- was Beine hatte -- stund auf Promenadendeck, um die

Ankömmlinge zu sehen. Jetzt -- ein mächtig widerhallender Salutschuß.

Die kronprinzliche Yacht ist in unmittelbarer Nähe und beginnt grüßend

unsern Schiffskoloß zu umkreisen. In diesem Moment intoniert unsere

wackere Schiffskapelle im Bewußtsein, ganz das Richtige getroffen zu

haben -- den Garibaldimarsch. Potz Wetter, gab das eine Aufregung!

Der erste Schiffsoffizier kam im Galopp gerannt und benannte den

Kapellmeister mit dem obersten Bestandteil einer nützlichen und

sonst harmlosen zoologischen Spezies; die Harmonien brachen bei dem

zirka siebenten Takte jäh ab und „es kam umgehend zum Vortrag“ die

regelrechte königlich italienische Nationalhymne. Ob der Kronprinz

den Lapsus bemerkt, weiß ich nicht; eingedenk der guten Freundschaft

zwischen seinem Großvater und dem Manne, der ihm die Krone brachte,

Garibaldi, hätte er sich jedenfalls nicht darüber zu ärgern brauchen.

Neben der Junogestalt seiner montenegrinischen Gattin sah der kleinere

und schwächliche italienische Thronfolger nicht gerade imponierend aus.

In dem gebrechlichen Körper soll aber, wie zuverlässige italienische

Berichterstatter uns sagten, ein feingebildeter Geist und trefflicher

Charakter wohnen.

[Illustration: Yacht des Kronprinzen von Italien vor Spitzbergen.]

Die Yacht war -- nachdem sie dem Herzog der Abruzzen das Geleit

gegeben -- hieher gekommen, um wo möglich Proviant aufzunehmen; da das

Adventbayunterkunftshaus aber noch leer stund, mußte sie unverrichteter

Sache weiterfahren. Selbstverständlich hatte es sich unser italienische

Fürst nicht nehmen lassen, die königlichen Hoheiten rasch an Bord

ihres Fahrzeuges zu besuchen. Dreimal umkreiste dasselbe unsere stolze

„Auguste Viktoria“; dann richtete es seinen Kurs unter gegenseitigem

Winken und Tücherwehen und Abschiedsrufen nach Süden.

Als Nansen am 26. Juli 1896 nach dreijähriger Abwesenheit im

Polareise auf Franz Josephsland zum erstenmal wieder mit Menschen

zusammentraf, erfüllte ihn keine aus der Heimat eingehende Nachricht

mit solchem Staunen, wie die Kunde von dem Touristenhotel, welches

die Vesteraalen-Dampfergesellschaft auf Spitzbergen errichtet hatte.

Es war auch wirklich eine ~fin de siècle~-That, in dem einsamen

nordischen Inselreiche, das bisher nur von Walfischfängern und

Nordpolfahrern berührt worden, ein Unterkunftshaus für Touristen zu

schaffen, dasselbe während der zwei Sommermonate durch regelmäßigen

zehntägigen Dampferverkehr mit dem norwegischen Festlande zu verbinden

und sogar -- ein Postamt, natürlich mit Ansichtspostkarten, daselbst

zu installieren. Kommandant des zwischen Spitzbergen und Hammerfest

zirkulierenden Dampfers ist Otto Sverdrup, der berühmte Kapitän der

„Fram“ Nansens; als Wirt auf Spitzbergen funktioniert jener Bernt

Bentsen, welcher von Nansen seinerzeit noch in letzter Stunde vor

Abfahrt der „Fram“ in Tromsoe für die Nordpolexpedition angeworben war.

Sportsleute haben nun Gelegenheit, mit Retourbillet nach Spitzbergen zu

fahren und nach Belieben einige Wochen in der Adventbay zu verweilen.

Alles zur Meer- und Küstenjagd Notwendige steht dort zu ihrer

Verfügung, und für 10 Kronen (zirka 14 Franken) per Tag finden sie in

dem „Hotel“ reichliche und gute Verpflegung und Unterkunft.

Wie schon gemeldet, war die Bude während unserer Anwesenheit noch

geschlossen, da der Dampfer, welcher Wirt und Proviant und die ganze

Installation bringen sollte, das blockierende Eis nicht zu durchdringen

vermochte. Die Gesellschaft hat allen Grund, dies zu bedauern; denn die

350 Passagiere der „Auguste Viktoria“, von den durstigen Musikanten

und Schiffsleuten nicht zu sprechen, hätten ihr eine reiche Einnahme

gesichert. Einen Schoppen auf Spitzbergen hätte jeder getrunken und

der Rarität halber wohl auch ein bißchen Walfischragout oder Ähnliches

gekostet.

Das kleine Hotel macht, aus der Nähe gesehen, einen ganz freundlichen

Eindruck; es ist ein einstöckiges Holzhaus im Chaletstil mit geräumiger

Veranda. An ein größeres Speisezimmer mit Wiener Sesseln reihen

sich beidseitig kleine schmucklose Schlafräume an mit je 4-6 nach

Art der Schiffskojen übereinander angebrachten Holzpritschen. Ein

Miniatureckzimmerchen war, wie einzelne rudimentäre Utensilien erkennen

ließen, Postoffice und „Schreibsalon“. Sogar ein halbvollendeter

norwegischer Brief lag auf dem tintenbeklexten Löschpapier.

Wir umstöberten das einsame Haus wie Einbrecher, probierten jede

Klinke, suchten jeden Laden, dessen Jalousien dürftigen Einblick

gewährte, zu öffnen, und einige junge Amerikaner erstiegen unter

Führung des Schiffsposthalters sogar das Dach, von wo sie sich Eingang

verschaffen konnten. Ihre Beute waren einige sehr leere Champagner- und

Bierflaschen.

Zum Schlusse postierten sich die 10 Mitglieder unserer

Tischgesellschaft möglichst malerisch auf der Veranda und ließen sich,

um ein bleibendes Andenken an den mehrwöchentlichen gemütlichen Verkehr

auf der „Auguste Viktoria“ zu haben, photographieren. Der Zahlmeister

des Schiffes -- gar nicht unser Freund -- hatte die Unverfrorenheit,

sich uneingeladen der Gruppe auch einzuverleiben; wir rächten uns

dadurch, daß wir beschlossen, den gutgenährten, etwas protzigen Herrn

in Uniform auf unserm Bilde als -- Hotelportier zu deklarieren.

[Illustration: Hotel Adventbay (Spitzbergen).]

Die ganze Nacht -- sie war ja taghell, flogen die Dampfbarkassen

zwischen Schiff und Küste hin und her. Immer wieder zog’s einen ans

Land, um nochmals die Wunder der nordischen Blütenwelt aus der Nähe zu

sehen oder noch irgend etwas Interessantes zu erleben oder zu erbeuten.

Und an Bord herrschte die allerbeste Stimmung. Die sonnige Nacht

war so lau, daß man ohne Überzieher auf Deck lustwandeln oder

bequem ausgestreckt die wunderbare Szenerie genießen konnte. Mit

überraschender Schärfe stachen die Konturen der Gebirge und Firnfelder

gegen den blauen Himmel ab, und die auf der Uferlandschaft noch

herumkrabbelnden Touristlein sah man in all’ ihren Bewegungen

lächerlich deutlich. Der Kontrast zwischen der Eintagsfliege Mensch

und den grandiosen Marksteinen der Ewigkeit ist mir kaum je so zum

Bewußtsein gekommen.

Zu Bett mochte niemand; das erhebende Gefühl, glücklich am Endziel der

Fahrt angelangt zu sein, und eine Flut ganz neuer, ungeahnter Eindrücke

verscheuchte allen Schlaf. Im Biersalon wurde -- ohne Respekt vor der

Polizeistunde -- stramm konzertiert; nach Mitternacht zog’s auch uns

solide Naturkneiper noch zu Pschorr und belegten Brötchen, und wir

erwischten als Zugemüse gerade noch den geistreichen Berliner-Walzer:

„Ist denn kein Stuhl da, Stuhl da, Stuhl da für meine Hulda, Hulda,

Hulda?“, der von der ganzen fröhlichen Gesellschaft -- in allen

Stimmlagen und Geschlechtern -- gleichviel ob leer der Mund oder

proviantvoll -- mit der nötigen Inbrunst mitgesungen wurde.

Endlich gab’s Ruhe und Frieden; der größte Teil der Menschheit

schlief, unbekümmert um die nachtschwärmenden Ausnahmen, und erwachte

erst, als andern Morgens in aller Frühe die Ankerkette rasselte und

unser Meerriese wieder zu atmen und sich zu recken begann.

~X.~

Abfahrt aus der Adventbay. -- Polarnebel. -- Seekrankheit. --

Herrliche Einfahrt in den Fjord von Tromsoe.

Der Morgen des 13. Juli war nicht von tadelloser Schönheit. Nebel und

Wolken verhüllten den größern Teil der majestätischen Gebirgs- und

Gletscherlandschaft; aber das Gewölk war in Bewegung und wer während

der Ausfahrt aus dem Eisfjord auf Deck stund und rückwärts schaute,

konnte abteilungsweise nochmals alle die Herrlichkeiten genießen,

welche sich tags zuvor ihm eingeprägt hatten. Bald erschien ein

imposanter schneebedeckter Gebirgsstock in der Wolkenlücke, bald ein

sonnenglänzender Gletscher, dessen Ende nicht abzusehen war, bald ein

grünender, schneefleckiger Abhang, und oft glaubte man, die Strahlen

der Sonne müßten im nächsten Augenblicke den Schleier zerreißen, der

über der nordischen Landschaft hing. Aber wenn eben die Konturen

erscheinen wollten und man im Begriff war, das malerische Gesamtbild

der Küste Spitzbergens nochmals in sich aufzunehmen, so verschwand es

wieder in dem neckischen Naturspiel, und man mußte zufrieden sein,

in irgend einem Teile des Gesichtsfeldes ein kleines Stück Welt zu

erblicken.

Je mehr wir uns dem offenen Meere näherten, desto dichter wurden Gewölk

und Nebel; schließlich sah man kaum mehr zehn Schritte vorwärts; der

Nachbar auf Deck erschien, auch wenn man fast Schulter an Schulter

mit ihm stund, in ziemlicher Entfernung, und man konversierte wie

Schwerhörige oder durch Hauslängen Getrennte.

Vom Kapitän erging der Befehl, die wasserdichte Schotte zu schließen

und die Rettungsboote klar zu machen. Dann ertönte jede Minute das

schreckliche Getöse des Nebelhorns. Diese Maßregeln hatten für Nervöse

und Zaghafte etwas Beunruhigendes; dem ruhig Überlegenden gaben sie ein

Gefühl von Sicherheit. Immerhin mag da und dort einer die Querschotte

zum Kuckuck gewünscht haben, wenn er -- vielleicht in sehr pressanten

Geschäften -- von seiner Kabine aus eine kleine Exkursion unternehmen

wollte und die altgewohnten Wege plötzlich durch eine eiserne Wand

verrammelt sah.

Langsam, langsam durchschnitt unser Schiff Nebel und Wellen; Kapitän

und Lotsen verließen die Kommandobrücke nie, und auf jedem Auslugposten

spähte ein Matrose in die graue Ungewißheit hinaus. Das Bewußtsein,

möglicherweise in unmittelbarer Nähe der Yacht des italienischen

Kronprinzen zu sein und sie gelegentlich anzurennen, mag wohl die

Aufmerksamkeit und Vorsicht noch vermehrt haben.

Nach 2 Uhr mußten wir auf der Höhe des Bellsund sein, in den wir

einlaufen sollten. Das war nun allerdings in dem Nebel eine absolute

Unmöglichkeit. Der Kapitän ließ anhalten; in fast lautloser Stille,

welche nur das grauenhafte Heulen des Nebelhorns unterbrach, hob und

senkte sich unser mächtiges Schiff auf der nebelbedeckten Flut und in

gespannter Erwartung harrten wir des Momentes, wo der Nebel zerreißen

und wir die Riesengletscher des Glockensundes erblicken könnten. Aber

er kam nicht und nach 1½-stündigem Warten meldete ein Anschlag, „daß

ein Anlaufen des Bellsundes leider unmöglich sei und die Fahrt nach

Tromsoe fortgesetzt werden müsse.“ Dann begann wieder das rhythmische

Geräusch der Maschinen; unser Schiff drehte nach Süden und wir

schwenkten die Hüte und riefen dem naheliegenden, aber unsichtbaren

Spitzbergen unser Lebewohl zu -- alle, trotz der Enttäuschung, in ganz

vergnügter Stimmung, nach und nach sogar Professor B., der doch seine

zweifellos schöne, für den Bellsund bestimmte Schützenfestrede nicht

hatte ablassen können.

Der Nebel wich nicht bis zum späten Abend, und wir fuhren nur mit

halber Geschwindigkeit, die übrigens, um Kohlen zu sparen, bis

Tromsoe beibehalten wurde, auch nachdem die Welt wieder durchsichtig

geworden war. Auf Deck blieb noch alles vollzählig, während die

Reihen an der Tafel bedenkliche Lücken aufwiesen. Das Drama, blaß und

angstschweißtriefend mit zugehaltenem Munde plötzlich bei der besten

Nummer des Menus vom Tische aufzustehen und -- von hundert mitleidlosen

Augenpaaren verfolgt -- hinauszuwanken, mochten Vorsichtige nicht

riskieren; wenn man zu spät kommt, ist’s für alle Beteiligten

unangenehm. Aber auch unter den Tapfern, die mutig vor ihrem

beladenen Teller saßen, gab’s einige Opfer, und ich sah k. k. höhere

Staatsbeamte, deren sonst blühende Gesichtsfarbe wachsbleich geworden

und deren Gangart beim plötzlichen Verlassen des Speisesaales von ihrer

gewohnten Gravität auffallend eingebüßt hatte. Oben schimpften sie

dann über das elende Sodawasser, mit dem sie sich gestern den Magen

verdorben hätten.

Probiert wurde wohl alles gegen die Seekrankheit: Fasten, wenig essen

und trinken, viel essen und trinken (das zuletzt genannte Verfahren

fand die meisten Liebhaber), Tropfen, Zeltli, Pulver, Cognac, Sekt

etc., und eine Lady schützte sich gegen den gefürchteten Zustand durch

das Aufsetzen einer -- dunkelroten Brille. Die Sache ist nicht so ganz

widersinnig, als sie auf den ersten Blick aussieht. Der Ausgangspunkt

der Krankheit ist das Gehirn, nicht der Magen, und es mag wohl sein,

daß die Eintrittspforten des Gesichtsorganes dabei eine wichtige Rolle

spielen. Wenigstens erleichtert das Schließen der Augen die Pein

um etwas. Geistige Ablenkung thut auch gut; die Skater und Jasser

brauchten keine „Brechschüsseln“, und eine Dame, die der Krankheit sehr

unterworfen ist, erzählte mir, daß sie und ihr Mann vollständig gefeit

die Fahrt über das sehr stürmische mittelländische Meer gemacht hätten,

nachdem sie bei der Ausfahrt aus Alexandrien zu ihrem großen und

nachhaltigen Schrecken die Thatsache entdeckt, daß ihnen eine Tasche

mit 6000 Franken in Gold beim Einbooten gestohlen worden war.

Unser Trio blieb vorläufig gesund -- meine Wenigkeit für alle Zeiten

-- und nach Tisch musterte ich fröhlich rauchend die verschiedenen

Situationen auf dem Promenadendeck. Wie zum Hohne spielte die Kapelle

einen Straußwalzer: Wein, Weib und Gesang: „Was soll die Angst,

was soll die Pein?“ Diese Reminiscenz an das letzte Konzert des

Oratorien-Gesang-Vereins im neuen Saale des Hotels Bahnhof trieb dem

Präses fast das Wasser in die Augen.

Am heutigen Abend stieg nun allerdings jeder und jede sehr rasch in die

Klappe; das Meer wurde recht unangenehm, und von Schlafen war nicht

die Rede. Geächz rechts und links und gegenüber in den Kabinen, und

noch prägnantere Geräusche bildeten die musikalische Unterhaltung.

Mein ~Vis-à-vis~ -- ein strammer Rittmeister -- wurde als hülflose

Jammergestalt von dem braven Steward zu Bett gebracht und mit wahrhaft

mütterlicher Sorgfalt und Ratschlägen zugedeckt: „So jetzt legen Sie

sich ’mal steif auf den Rücken, den Kopf tief und schließen Sie die

Augen und schnaufen Sie, was das Zeug hält, und wenn’s was gibt, so

ist hier gleich beim Kopfende ein Aschenbecher.“ Von dieser Form sind

die blechernen Behälter, welche die vorsorgliche „Auguste Viktoria“

ihren Gästen bei zweifelhaften Zuständen empfangsbereit an das

Schmerzenslager steckt.

Na nu! Das Ding wird aber ungemütlich! Das hob sich und senkte sich

und legte sich ein bißchen nach rechts und ein bißchen nach links,

bald der Vorsteven höher, bald der Hintersteven, und hie und da hatte

man die schwer zu beschreibende Empfindung, als ob alle Bewegungen

auf einmal sich vollzögen und im Innern des Körpers die entsprechende

spiralige Verkrümmung der Seele hervorriefen. Sogar meine hinter den

Spiegel gesteckte Schweizerfahne verlor das Gleichgewicht und fiel nach

Mitternacht mit Gepolter zu Boden.

Frühzeitig und gerne verließ man seine Lagerstätte, an deren Holzwerk

sich bald die rechten, bald die linken Rippen gescheuert hatten, und

bestieg etwas gerädert das Deck, wo’s wenigstens herrlich frische Luft

gab und das wiederholte Schauspiel spritzender Wale. Das Wetter hatte

sich gebessert. Der Nebel war ganz gewichen; richtiger -- wir waren

indessen in nebelfreie südlichere Breiten gekommen. Spitzbergen selbst

mag noch länger in seinem undurchsichtigen und kalten Gewand gesteckt

haben.

Unsere Kapelle blies zu ungewohnter Stunde -- schon vor dem ersten

Frühstück -- eine choralartige Melodie; darüber befragt, gab unser

überaus höfliche und deshalb eine Antwort nie versagende Tischsteward

die Auskunft, es sei heute deutscher Buß-, Dank- und Bettag. Unsere

darauf eingestellte Stimmung geriet aber ins Wanken, sobald als Nr. 2

des musikalischen Programmes „die Holzauk’tschon im Grunewald“ ertönte,

und der nie verlegene Kellner berichtigte dann sofort den Buß- und

Bettag in das Geburtsfest Wanamakers, welchem die Kapelle ein Ständchen

brachte, und das stimmte denn auch.

Gegen Abend waren wir schon wieder im Bereich der norwegischen

Schären und glitten ruhig und bei herrlichstem klarem Himmel durch die

spiegelglatten Fluten, jeden Augenblick durch ein neues Landschaftsbild

entzückt. Alles war wieder gesund und vergnügt. Wir schienen innert

Tagesfrist in eine ganz andere Welt versetzt. Das Schauspiel der

Mitternachtssonne erlebten wir hier in einer Pracht, wie es wohl

Nordlandsfahrern selten so zu teil wird. Solche Farbengluten hatte

ich nie zuvor gesehen, und wenn man im Übermaß des Entzückens das

Allerschönste zu sehen und zu genießen glaubte, so brachte eine

Wendung des Schiffes -- eine Biegung um eine Landzunge -- das vorher

Unglaubliche -- eine nochmalige Steigerung der prachtvollen Szenerie.

Die photographischen Apparate waren die ganze Nacht in Thätigkeit und

einzelne Passagiergruppen ließen sich der Kuriosität halber beim Glanze

der Mitternachtssonne abkonterfeien.

Bis halb 3 Uhr saßen und stunden wir dann, ein weihevoll, ja dieser

göttlichen Naturoffenbarung gegenüber fromm gestimmtes Volk, dicht

gedrängt auf dem Vorderdeck und ließen die Wunder Gottes an uns

vorüberziehen. Die nach Tromsoe leitenden Fjords zeigen saftig grüne

Ufer am Fuße schnee- und gletschergekrönter, steilaufsteigender

Berginseln; ab und zu erblickt man eine menschliche Niederlassung,

eine kleine freundliche Kirche, umgeben von Fischerhütten. Trotz der

vorgerückten Stunde war das Wasser sehr belebt. Malerische Segler,

Fischerboote kreuzten, während die Insassen die Netze auswarfen. Einmal

grüßten wir auch einen Walfischdampfer, und wo das Ufer bewohnt war,

nahten sich kleine Kähne mit neugierigen Mädchen unserm langsam und

ruhig dahingleitenden Riesen. -- Diese kleinen Fahrzeuge sind nach

Art der Wikingerschiffe vorn und hinten hoch aufgebaut und gewähren,

namentlich wenn bunt gekleidete Norwegerinnen am Ruder und Steuer

sitzen, einen äußerst malerischen Anblick. Da ereignete es sich dann

allerdings, daß die weihevolle Stille plötzlich durch lautes Zurufen

und Grüßen unterbrochen wurde, und die freundlichen Wikingerinnen

ließen mit Winken nicht nach, bis wir um eine Ecke ihrem Gesichtskreis

entschwunden waren.

Gegen halb 3 Uhr erfüllte ich die schwere Pflicht, die märchenhaft

schöne Welt zu verlassen und mich für einige Stunden zu Bett zu

legen. Aber das ging nicht leicht; kaum hatte ich einige Schritte in

der Richtung meiner 80 Meter weiter zurückliegenden Kabine gethan,

so wurden sie durch neue Ausrufe des Entzückens der staunenden Menge

gehemmt, und ich _mußte_ mich immer wieder umdrehen und immer wieder

nochmals beide Augen voll nehmen von der Pracht und Herrlichkeit.

Endlich lag ich und -- schlief nicht, aber ruhte und zehrte an

dem Bewußtsein, daß diese Einfahrt nach Tromsoe im Glanze der

Mitternachtssonne und im Gegensatze zu der kurz vorher erlebten

Polarnebelöde wohl das Schönste an der ganzen Reise sein und bleiben

werde. Und doch gab’s noch weitere Steigerungen!

~XI.~

Ankunft in Tromsoe. -- Besuch im Lappenlager. -- Die Stadt

Tromsoe. -- Küstenlappen. -- Musikabend an Bord. -- Spaziergang

beim Schein der Mitternachtssonne.

Gegen 8 Uhr fuhren wir in den eigentlichen Tromsoesund, welcher,

zirka 500 Meter breit, die Insel mit der gleichnamigen Stadt von dem

norwegischen Festlande trennt. Die Temperatur war eine so unerwartet

hohe, sommerlich schwüle, daß sie einen schweißtriefenden Berliner

Kommerzienrat zu dem Reime entflammte:

„Gestern in Spitzbergen,

Heute in Schwitzbergen“

Tromsoe ist eine Stadt von 6300 Einwohnern, mit lebhaftem Fisch-,

Thran- und Pelzhandel; sie nimmt sich vom Sund her ganz stattlich aus.

Die großen, der Fischereiindustrie dienenden Strandhäuser -- Magazine,

Dörranstalten, Schiffswerften etc. -- stehen auf hohen Pfählen, die

je nach Ebbe oder Flut mehr oder weniger im Wasser verschwinden. Man

glaubt eine Pfahlbaustation vor sich zu haben. Aus dem Hauptstadtbilde,

das im wesentlichen aus Holzhäusern besteht, springen einige Kirchen

und als größere Bauten das neue Museum, das Gymnasium und ein

Lehrerseminar in die Augen.

Der Abhang des Berges, an dessen Fuß Tromsoe liegt, ist teilweise mit

Birken und Ebereschen bewachsen und in den größern Lichtungen des

Dünen-Waldes liegen recht hübsche Villen mit gaisblattumrankten

Altanen; zu oberst auf dem Berge ist der Abend-Korso von ganz Tromsoe

-- ein Vergnügungsgarten, in welchem nur alkoholfreie Getränke zu haben

sind. Der würde bei uns leer stehen; in Norwegen aber bildet er den

Mittelpunkt einer fröhlichen und -- wie man mir sagte -- niemals ins

Rohe ausartenden Geselligkeit.

Sehr interessant ist das Leben im _Hafen_ von Tromsoe; dort liegen

außer Frachtdampfern und Seglern verschiedener Nationen namentlich auch

die für den Fang von Walrossen, Robben und Walfischen ausgerüsteten

Jagdschiffe. Mitten im Sund ankerte die weißglänzende Yacht des Fürsten

von Monaco, die wohl mit dem Ertrag des prunkvollen Elendes in Monte

Carlo erbaut und unterhalten wurde. Von unserm Schiffe aus bemerkten

wir während der Einfahrt ein äußerst bewegtes Leben auf dem weithin

sichtbaren Hauptplatze der Stadt -- eine bunte Volksmenge, welche

mit Fahnen und Blechmusik sich vorwärts schob. Wir vermuteten eine

kirchliche Prozession; es handelte sich aber, wie wir nachher erfuhren

-- um ein Schützenfest. Also auch hier wie bei uns.

Unter den Klängen der norwegischen Hymne und Grüßen vom Strande zum

Deck und umgekehrt fiel der Anker. Der erste, der nun in Funktion

trat, war unser wackerer Postmeister. Die in Tromsoe auf uns wartenden

Postsendungen wurden an Bord geschafft und im Konversationssaal zu

Händen ihrer Adressaten unter die Stewards verteilt -- bei sorgfältig

verschlossenen Thüren, um die ungeduldig harrenden und andrängenden

briefgierigen Passagiere fernzuhalten. Vierzehn Tage waren wir nun

ohne Nachrichten aus der Heimat, wenn auch nicht ohne alle Kunde von

der Welt; denn an jeder Haltestation, wo Telegraph und Zeitungen sich

fanden, wurde von einem Vertreter der Hapag in englischer und deutscher

Sprache ein Extrakt der wichtigsten Weltereignisse angefertigt und

jeweils am „schwarzen Brette“ unseres Schiffes angeschlagen, wo’s dann

nachher zirka eine Stunde lang her- und zuging wie auf einer Börse.

Das allgemeine Programm für den heutigen Tag lautete: Vormittags

Sehenswürdigkeiten in Tromsoe, nachmittags Besuch des Lappenlagers

in Tromsdal auf dem gegenüberliegenden Festlande. Wir drei machten

die Sache in umgekehrter Reihenfolge, um dem Gedränge zu entgehen und

ungestört beobachten und genießen zu können. Während die Dampfbarkassen

Gruppe um Gruppe nach Westen ans Land führten, suchte ich mir unter

den unser Schiff umkreisenden norwegischen und lappischen Booten ein

passendes heraus, dem ich die Leiber von drei Eidgenossen anvertrauen

durfte. Es war ein wetterharter, muskelstarker Frithjof, der uns auf

kleinem Nachen ostwärts über den Sund ruderte. Wir benützten die

stille Ueberfahrt, um ungestört durch das nahe Getriebe der Welt die

eingegangenen Briefe zu lesen, ersehnte Nachrichten aus der Heimat,

gottlob von allen Seiten nur Gutes. Das hob unsere Reisestimmung.

Nach halbstündiger Fahrt erreichten wir Storstennaes (Naes = Nase,

eine in Norwegen immer wiederkehrende Ortsbezeichnung für auf

Landzungen gelegene Ortschaften), wo einige Bauernhöfe und auch ein

kleines Gasthaus den Eingang in das grüne Romsdal hüten. Ein breiter

Fußweg führt durch Wiesen und dann durch einen lichten Wald von 3-5

Meter hohen Birken sanft aufsteigend thalaufwärts, während in der

Tiefe ein rauschender Strom dem Fjorde zueilt. Die Luft war heiß

und schwül und zahllose Mücken peinigten die Wanderer, fast wie in

tropischem Lande; hie und da war auch ein den Pfad kreuzender Bergbach

zu durchwaten. Aber was focht uns das alles an? Rechts und links vom

Wege duftete es wunderbar -- reizende Waldblumen in allen Farben;

gradaus fiel der Blick auf den unten lichtgrünen, oben schneebedeckten

Tromsdalstind, der das Thal gegen Osten abschließt, rückwärts glänzte

der blaue Fjord und seitwärts in der Tiefe schäumte ein ungestümes,

breites Schneewasser. Ab und zu begegneten wir bereits einigen Lappen,

die mit selbstverfertigten Artikeln zu Markte zogen, in Rentierfelle

oder blaue Kittel gekleidet, schmutzig und unsagbar duftig, jeder, wie

der Erdball, mit und in seiner eigenen Atmosphäre kreisend. Wehe dem,

der sie kreuzte! Aber die Gesichtsbildung fanden wir durchaus nicht

häßlich, wie man sie sonst schildert, weder beim weiblichen noch beim

männlichen Geschlechte, und wenn wir einen Jungen oder Alten mit unserm

stereotypen Gruß: „Grüetzi Lappi“ anredeten, ging sogar etwas recht

Freundliches, fast Anmutiges über seine Züge.

Nach ¾stündigem Marsche und einigen schließlichen Seufzern über

Hitze und Schnacken hatten wir das Ziel erreicht und befanden uns

inmitten des Lappenlagers, einer zerstreuten Gruppe von Stein- und

Lehmhütten; auch einige durch Birkenstämme gestützte Leinwandzelte

liegen dazwischen, bevölkert durch Lappen aller Lebensalter und durch

Ziegen, Kühe und Hunde, welche in friedlichem Durcheinander sich in die

herrlich grünen, aber stellenweise morastigen Rasenplätze teilten.

Die Lappen im Norden Schwedens, Norwegens und Rußlands -- deren Zahl

sich gegenwärtig auf 30,000 beläuft -- sind der letzte Ueberrest des

großen Stammes, der einst ganz Skandinavien beherrschte. Nach einem

Grenzvertrag vom Jahre 1751 haben die schwedischen Lappen das Recht,

mit ihren Rentieren im Sommer nach der norwegischen Meeresküste zu

ziehen und dort zu weiden, wogegen den norwegischen Lappen und ihren

Herden im Winter das waldigere, geschütztere schwedische Land offen

steht. Zur Zeit sind es nur noch gegen 2000 der in Skandinavien

lebenden Lappen, welche nomadisieren, während die übrigen, also die

Mehrzahl, sich im Laufe der letzten Jahrhunderte wesentlich unter

dem Einflusse der auch nach Norden drängenden seßhaften Norweger als

Fischer und Handwerker in schmutzigen Hütten angesiedelt hat, ohne

aber ihre ethnographischen Eigentümlichkeiten einzubüßen. Der einzige

Reichtum der nomadisierenden Lappen besteht in ihren Rentierherden;

vom Rentier entnehmen sie alles, was sie zu ihrer Nahrung und Kleidung

bedürfen. Aber für den Unterhalt einer einzigen Familie ist eine

beträchtliche Zahl notwendig; wer nicht mehr als 100 Tiere besitzt, muß

sich schon einem größeren Besitzer anschließen, zu welchem er dann in

ein Dienstverhältnis tritt.

Das von uns besuchte Lappenlager zählt zirka 10 associerte Familien, zu

welchen Rentierherden von insgesamt 3000 Stück gehören.

[Illustration: Lappen.]

Während aber ein paar milchliefernde Kühe und Ziegen getreulich

im Lager bleiben, streifen die Rentiere stundenweit über Berge und

Schneefelder und müssen im Bedürfnisfalle oder für die Weiterwanderung

erst mit Hülfe der zahlreich vorhandenen langhaarigen kleinen

Wolfshunde mühsam aufgesucht und zusammengetrieben werden. So auch

heute, wo die Touristenfirma Beyer durch eine Extraauslage von 50 Mark

auf nachmittags 4 Uhr einige hundert Rentiere durch die lappischen

Besitzer ins Lager schaffen ließ, um den auf jenen Zeitpunkt beorderten

Passagieren der „Auguste Viktoria“ ein möglichst buntes und lebendiges

Bild darbieten zu können.

Wir näherten uns den kegelförmigen Stein- und Lehmhütten (Gammen

genannt), aus welchen ein bläuliches Räuchlein zum Himmel stieg.

Alsbald kamen ihre Insassen uns entgegengelaufen, die Hände voll

Verkaufsgegenstände verschiedenster Art, alle aber vom Rentier

stammend: Felle, Geweihe; Löffel, Messer, aus Knochen und Gehörn

gearbeitet und mit naiver Kunst verziert; bunte Puppen aus Fellen und

Läppchen von so greulichem Geruch, daß man sie gerne und hastig wieder

zurückgab, wenn nach dem ersten Ausruf des Entzückens die Nase in

Funktion getreten war.

Mit Todesverachtung betraten wir durch Morast und eine nicht zu

schildernde Atmosphäre verschiedene der originellen Wohnstätten; sie

sind aus Steinen, Lehm und Rasenstücken in flacher Kegelform erbaut

und einige rohe Balken geben dem losen Gefüge den nötigen Halt. Auf

der holperigen und grünenden Steinbedachung lagern und weiden die

Ziegen; ab und zu sonnt sich Körper an Körper mit ihnen auch ein

Hund. Im Zeltinnern hängt in der Mitte ein großer Kochtopf an einer

Kette über dem am Boden glimmenden Holzfeuer; der Rauch zieht durch

eine Oeffnung an der Spitze des Daches hinaus; durch eben dieselbe

dringen Licht und Regen hinein und vielleicht auch ein bißchen Luft

-- wenig genug allerdings; wir hielten es höchstens eine halbe Minute

nacheinander aus in der brodelnden Brühe, die dort Atmungsluft heißt,

und rannten mehrmals mitten aus der Gestenkonversation durch das als

Thüre funktionierende Schlupfloch wie von Furien verfolgt ins Freie, um

nach ein paar gesunden Atemzügen wieder rückwärts zu kriechen und den

Kampf aufs neue aufzunehmen. Wer uns von draußen her aus der Entfernung

beobachtet hätte, wäre jedenfalls über unser Thun und Treiben nicht

sofort klug geworden. -- Um die Feuerstelle sind im Kreise die

Lagerstätten aus Rentierfellen angebracht und darauf kauerten, trotz

der entsetzlichen Hitze vom Kopf bis zu den Füßen in Felle und warme

Tücher verpackt, Frauen und Kinder, letztere von allen Altersstufen

und abgesehen vom Lappenduft ganz nette Geschöpfe, welche Geschenke --

Eßwaren vom Schiff -- zuerst mißtrauisch und zögernd entgegennahmen,

dann aber auf Geheiß der Mutter recht brav dafür dankten und sittsam

sie zu verzehren begannen. -- Das vornehmste Hausrecht haben die Hunde;

sie lagern überall -- zu Dutzenden, im und um das Zelt, meist ruhend,

aber mit ihren klugen Augen die Fremdlinge verfolgend. Angeknurrt

haben sie uns gar nicht; aber als im zuführenden Wege ein Stadthund

auftauchte, da ging die ganze Meute mit Gebelfer über den Aristokraten

her, so daß er heulend mit eingezogenem Schweife und nur ab und zu

ängstlich nach seinen Verfolgern schielend Tromsoe zurannte.

Der Hund ist der älteste Freund der Lappen; er ist das einzige Tier,

das mit einem echt lappischen Wort (Baednagg) bezeichnet wird, während

die Namen aller andern Haustiere germanischen und finnischen Ursprunges

sind. Daraus hat man geschlossen, daß die Lappen erst in historischer

Zeit aus ausschließlichen Jägern Nomaden geworden sind und also auch

erst dann das Rentier -- bis dahin nur Jagdwild -- gezähmt haben. Der

Gestalt und Größe nach steht der lappische Hund zwischen Spitz- und

Wolfshund; es giebt deren rot-, gelb- und schwarzhaarige; sie sehen

alle sehr intelligent aus, und ihre Treue ist sprichwörtlich.

Den auffälligsten Gegenstand unter dem Inventar der Lappenhütten bildet

die Kinderwiege. Sie ist aus einem Holzstamm ausgehöhlt, und zwar

so, daß das Kopfende durch ein kleines Vordach geschützt bleibt, mit

Rentierleder ausgeschlagen und mit getrocknetem Moos ausgepolstert.

So hängt sie mit ihrem kleinen Einwohner an einem knorrigen Ast im

Zeltinnern oder wird von der Mutter durch ein Band am Leibe getragen.

-- Von andern Dingen erregten unsere Aufmerksamkeit bunt bemalte und

originell verschlossene Holzkistchen zur Aufbewahrung von allerlei

Gebrauchsgegenständen und, wie diese, ebenfalls von den Lappen selbst

verfertigt; auch das Eßgeschirr, besonders metallene runde Löffel nach

Art der alten Apostellöffel. Verkauft hätten die Leute alles -- sogar

die Wiege; um ein Zehntel des verlangten Preises machen sie ja wieder

zwei neue.

Ohne Schmerz verließen wir das fremdartige Zelt-, eigentlich richtiger

Höhlenlager, nachdem wir uns im unglaublichsten Kauderwelsch von der

kulturarmen, aber gewiß ganz zufriedenen Gesellschaft verabschiedet

hatten. -- Derselbe blumenreiche, lichte Waldweg führte uns in einer

halben Stunde wieder zum Fjord zurück, wo unser Kahnführer in derselben

Stellung unser harrte, wie wir ihn zwei Stunden zuvor verlassen

hatten. Verfolgt von Möven und begleitet von großen über die glänzende

Wasserfläche schnellenden Fischen glitten wir nach unserm Schiffe

zurück, um uns an dessen Tafel für die Arbeit des Nachmittags zu

stärken. An Bord promenierte unterdessen halb Tromsoe; familienweise

waren die großen Kaufleute der Stadt hergekommen, um mit Erlaubnis des

Kapitäns den stolzen Bau zu sehen.

Da entzückten uns die prächtigen norwegischen Kindergestalten. Speziell

bildete ein zehnjähriger Junge mit seinen zwei kleinern Schwesterchen

den Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit -- alle drei blauäugig und

flachshaarig und von seltenem Liebreiz, daneben das Bild naturwüchsiger

Kraft und Gesundheit.

In der großen blonden Mutter, welche die Kinder führte, kämpfte der

mütterliche Stolz mit dem Unbehagen über die gar zu übertriebene

Liebenswürdigkeit, mit der die Fremden sich an ihre Kleinen

heranmachten, und als photographierende Amerikanerinnen sie kurzer Hand

auf die Seite nahmen, als Gruppe aufstellten und der Reihe nach mit

ihren Momentapparaten beschossen, wurde ihr die Sache zu bunt; sie rief

ihr unten harrendes vornehmes Privatboot, beförderte ihren lebendigen

Schatz hinein und gab sich offenbar auf der Rückfahrt Mühe, das bißchen

Eitelkeit, das sich allenfalls auf die kindlichen Herzen hatte lagern

wollen, mit sorgsamer und liebevoller Hand abzuwischen.

Nachmittags fuhr das Gros der Schiffsgesellschaft zu den Lappen,

während wir die Stadt Tromsoe besuchten. Schön ist ihr Inneres kaum

zu nennen. Eine außerordentlich breite, nicht gepflasterte, aber

mit Trottoirs versehene Straße durchzieht parallel der Küste den

langgestreckten Ort; die Häuser sind niedrige Holzbauten ohne irgend

welches künstlerische Charakteristikum; vor jeder Hausthüre führt eine

primitive Holztreppe auf das Niveau des Trottoirs; aber _ein_ Schmuck

fehlt kaum irgendwo, und das sind herrliche Blumen, namentlich auch

Rosen von besonders schönen Farben, hinter den mit saubern Gardinen

verhängten Fenstern.

Auch ein musikalischer Genuß wurde uns zu teil; fünf Bettelmusikanten

spielten erschütternd das „Ach, wie ist’s möglich dann!“ und als wir

zusahen, waren es Rheinpfälzer, die mit ihrem Blech durch ganz Norwegen

sich durchbettelten und erst in Vadsoe, nördlich von Hammerfest,

ihren Fuß wieder südwärts zu wenden gedachten. Zweck der Reise? „Sich

ein bißchen die Welt anzusehen.“ Und wie steht’s mit den Einnahmen?

„Schlecht genug; die Norweger haben kein Geld, weil dieses Jahr der

Fischfang wenig abgeworfen hat; aber man ißt sich so durch.“ Wo immer

wir im Verlaufe des Nachmittags in einer Straße auftauchten, stießen

wir auf die unglückliche lufterschütternde Musikbande, deren Leistungen

die Qualität ihres vaterländischen Tabakes nur um ein Geringes

überragten.

Sehr lebhaft war das Leben und Treiben auf Tromsoes Straßen und Gassen

an jenem Nachmittag nicht gerade. Nur Kinder begegneten uns in großer

Zahl und darunter viele, die mit ihrem reichen hellblonden Haarschmuck

und den klarblauen Augen prächtige Modelle für „Frithjof und Ingeborg

in der Jugend“ gewesen wären. An dem bescheidenen Schaufenster

einer Buchhandlung fanden wir neben norwegischen Originalwerken

von den modernen ausländischen Autoren Sudermann und Dostojewski

in die Landessprache übersetzt -- kein schlechtes Zeugnis für den

litterarischen Geschmack des nordischen Volkes. Daneben prangte aber

auch ein Dreyfus-Bildebog (Bilderbuch); also bis gegen das Nordkap

hatte der schändliche Lügenprozeß seine Wellen geworfen.

Die zu vielen Häusern gehörigen kleinen Gärten sind meist sehr

unordentlich gehalten und von Unkraut überwuchert. Auffallend ist das

überall gepflegte Bärenklauenkraut (~Heracleum sibiricum~), das, 3

Meter hoch und mit 80 Centimeter messenden Dolden, üppig gedeiht und

abgebrüht als Futter Verwendung findet.

Das Interessanteste in den Straßen Tromsoes sind seine Kaufläden;

da ist alles, was die arktische Zone erzeugt, in reichen Exemplaren

ausgestellt, meist vor den Häusern, um die Aufmerksamkeit der Fremden

direkt zu erregen: Felle aller Arten, unter denen einige Eisbären durch

ihre ganz außerordentliche Größe und diejenigen der Polarfüchse durch

ihre eis- und dunkelblaue weiche Farbe auffallen; dann Walroßzähne und

-Schädel, Elch- und Rentiergeweihe, Walfischohren, Kieferfortsätze

-- bis zwei Meter lange -- des Schwertfisches (mit welchen das Tier

in der Wut Schiffsplanken wie Walfischleiber anzubohren imstande

ist); dann seltene Petrefakten und Edelsteine, Lappenartikel, --

Holzschnitzereien, nationale Silber- und Filigranarbeiten und hundert

andere Dinge. Zahlreiche kostbare Felle und Geweihe, die in keiner

Kabine Platz fanden, wanderten auf unser Schiff; im Zwischendeck sah es

nachher aus wie in einem naturhistorischen Museum.

Leider versäumte ich es, in Tromsoe allerlei einzukaufen, weil

mir verschiedene Schiffsangestellte versicherten, in Bergen, der

norwegischen Schlußstation unserer Reise, sei bei der Reisefirma Beyer

alles und jedes in größerer Auswahl und bester Qualität zu haben, und

so könne man sich die Mühe des Mitschleppens ersparen. Das war ein

Leim (vielleicht ein durch den mitreisenden Agenten Beyers gekochter),

vor dem ich spätere Nordlandfahrer warnen möchte. Die lappischen

und arktischen Artikel sind nirgends in solcher Auswahl zu finden

wie in Tromsoe, auch nirgends billiger (billig ist überhaupt nichts

in Norwegen); einiges, das ich gar nicht missen wollte, konnte ich

südwärts durchaus nicht mehr auftreiben und mußte es nun mit größeren

Unkosten von Tromsoe nachkommen lassen.

Von den drei Kirchen der Stadt sind zwei lutherisch und eine

katholisch, alles einfache Holzbauten, die auch im Innern nichts

Besonderes bieten; Altäre und Stationen der letztern sind schmuck- und

geschmackloser als bei uns in mancher kleinen Dorfkirche.

Gegen Abend wurden Straßen und Hauptplätze etwas belebter; natürlich

fehlten auch hier die Radler nicht, so wenig als die Hunde, welche

sie mit Gebell verfolgten. -- Den Rückweg zur Landungsbrücke suchten

wir durch die kleinen und schmutzigen Gassen, welche von Fischer-

und Strandlappenwohnungen begrenzt unten am Sunde liegen. Durch eine

schreckliche Fisch- und Thranatmosphäre unter sorgfältiger Vermeidung

des ärgsten Bodenmorastes turnten wir vorwärts, guckten hinein, wo

irgend eine Thür- oder Fensteröffnung dazu einlud, krabbelten heimelige

Hauskatzen von ganz ungewöhnlicher Größe in ihrem dicken Balge, was

mit schnurrendem Wohlbehagen und mit sofortiger Positur in Rückenlage

entgegengenommen wurde, und versuchten auch wohl, uns durch Zeichen und

allerlei sprachliche Kühnheiten mit den Eingeborenen zu unterhalten.

Die Häuschen dieser Quartiere sind klein und schmutzig, oft ganz

baufällig, die Dächer meist mit Erde gedeckt, auf welcher fröhlich

allerlei Grün gedeiht. Nirgends fehlt eine angelegte Notleiter für den

Fall einer Feuersbrunst. Derartige Katastrophen treten in Tromsoe, wie

in all’ den norwegischen Städten, sehr häufig auf und nehmen meist

große Ausdehnung an. An allen Straßenecken sind deshalb elektrische

Feueralarmapparate angebracht. Seit der Einführung der elektrischen

Beleuchtung, welche in Norwegen wie kaum in einem andern Lande

verbreitet ist, mag aber die Zahl der Feuersbrünste abgenommen haben.

Am Landungsstege, wo wir eine halbe Stunde auf unser Boot warten

mußten, sahen wir unter der bunten versammelten Menge nochmals

zahlreiche Vertreter des Lappenstammes, und zwar jener Sorte, die

den Namen Fischer- oder Küstenlappen trägt (im Gegensatze zu den

nomadisierenden Berg- oder Rentierlappen); sie haben im Laufe der

Jahrhunderte, durch die Macht der Notwendigkeit gezwungen, ihr

Hirtenwanderleben gegen andere Berufsarten vertauscht und sind ansäßig

geworden. Aber trotz der unausgesetzten Berührung mit der Kultur

blieb ihre Originalität in Kleidung, Sitten und Gewohnheiten, wie

auch im Körperbau vollständig erhalten. Daß sie auffallend dünne,

kurze und krumme Beine und sehr starke, muskulöse Arme haben, führte

s. Z. Bastian in einer etwas gewagten Hypothese auf Vererbung dieser

durch das beständige Sitzen und Rudern erworbenen anatomischen

Eigenschaften zurück. Aber die Rentierlappen, die nie fischten und

ruderten, sind ganz gleich gebaut. Wie oben erwähnt, ist der Gegensatz

zwischen Norwegern und Lappen, auch denjenigen, die nun seit einem

Jahrhundert dort seßhaft sind, ein ganz außerordentlicher, und man

sieht auf den ersten Blick, daß man zwei ganz verschiedene Rassen vor

sich hat, die sich nicht vermischen. Inmitten der hohen norwegischen

Kultur machen diese Naturmenschen den Eindruck eines Überbleibsels

aus vorhistorischer Zeit. Gelernt haben sie aber von ihrer Umgebung

wenigstens das Handeln und Überfordern. Wir wurden förmlich belagert

von Männern, Frauen und Kindern, die uns selbstverfertigte Dinge

anboten, und da ihr Seelenduft sehr an die Gammen in Tromsdal

erinnerte, setzten wir Wert darauf, sie uns stets auf einige Meter

Distanz vom Leibe zu halten. Ihre Kleidung, auch wenn sie zerfetzt

und abgetragen ist, hat etwas Malerisches. Aus dem Kopfe tragen die

Frauen eine grell gefärbte blaue oder rote, unter dem Kinn gebundene

Kappe und um den Oberkörper ein rot karriertes Umschlagstuch.

Das Hauptbekleidungsstück für Mann und Frau bildet ein Rock aus

Rentierfell, der durch einen mit Silberschnallen gezierten Gürtel

befestigt wird; die Beine sind mit bunten Lappen eingewickelt und die

Füße tragen mit roter Schleife am Gelenke befestigt, Rentierleder- oder

Pelzschuhe.

Mit welchem Behagen kehrten wir in die sauberen und komfortablen Räume

unseres Schiffes zurück und atmeten die herrliche reine Seeluft! --

Da kamen sie eben auch von der andern Seite angeschwommen, die über

300 Besucher des Lappenlagers, schweißtriefend, pustend, von Mücken

zerstochen und mit Raritäten beladen, und bei Tische erzählte man sich

unter Lachen und vielleicht ein bißchen Aufschneiden die gegenseitigen

Erlebnisse.

Einen schönen Abschluß des Tages bildete der Besuch einer jungen

Künstlerin aus Tromsoe an Bord, welche mit ganz wunderbarer Stimme und

mit spezifisch nordischer (aber nicht arktischer) Auffassung einige

Schumann’sche Lieder sang und eine kleine andächtige Gemeinde durch

ihr musikalisches Können entzückte. Die Stimme besaß jene seltene

Klangfarbe, die in jedem gesungenen Ton und sogar im gesprochenen Worte

so eigentümlich ergreifend zum Herzen spricht, daß man unausgesetzt mit

innerer Rührung zu kämpfen hat. Als Gegenmittel stieg dann zum ~x~ten

(aber noch nicht letzten) Male der „holde Abendstern“ mit sehr viel

subjektivem und objektivem Gefühle aus dem Munde eines mitreisenden

jungen Barden zum Himmel.

Von Abends 9 Uhr an konzertierte unsere Schiffskapelle, wie

zweibeinige, mit Blaustift improvisierte Plakate nachmittags durch

die Straßen eilend verkündigt hatten, gegen ein Entree von 1 Krone im

„Grand Hotel“ in Tromsoe. Das ließ uns kalt; wohl aber zog es mich nach

11 Uhr nachts nochmals mit Macht nach dem nordischen Städtchen, aus

welchem fröhliches Leben über den Sund zu uns herübertönte. Vorbei an

dem dicht vollgepfropften Konzerthotel, durch dessen geöffnete Fenster

wir die bekannten Gesichter unserer braven Schiffsmusikanten blasend,

geigend und schweißtriefend wie ein lebendiges Genrebild erblickten,

wanderten Professor B. und ich in die Lichtfülle der polaren

Mitternacht. Auf den Straßen tummelten sich kleine Kinder mit Ball und

Reif noch scharenweise. Wann schlafen denn diese Tromsöer überhaupt?

Bald hatten wir das Weichbild der Stadt hinter uns und folgten dem

Ufer des Fjord, einer Starkstromleitung entlang. In herrlichen Farben

lag die Meereslandschaft vor uns; kein Lärm störte mehr den erhabenen

Genuß; nur aus dem offenen Fenster einer in der Höhe gelegenen Villa

trug uns ein leichter Wind die Klavierklänge des Ständchens aus Don

Juan zu. Schwarze Wikingerböte, welche die Phantasie und unser Gespräch

um tausend Jahre zurückversetzten, lagen in kleinen malerischen

Buchten vor Anker oder wiegten sich träumerisch zwischen dem Pfahlwerk

einer Fischerhütte. Gerade vor Mitternacht trat die Sonne, die eine

Stunde hinter dem Berge sich verborgen hatte, zum Vorschein und legte

flüssiges Gold auf Wasser und Land.

Damit schlossen unsere Tromsöer-Erlebnisse. Vorbei an den originellen

Kaufläden, wo Auguste-Viktoria-Leute auch nach Mitternacht noch um

Bärenfelle feilschten, stiegen wir -- nochmals durch Lappen und

norwegische Fischerleute -- zur Landungsbrücke und ließen uns, durch

die Schönheit der Welt stumm geworden, zu unserm Schiffe zurückfahren.

Von 2½ Uhr an erst wurde das Schlummergeschäft besorgt, bis 5

Stunden später die Schiffskapelle uns mit „Ein feste Burg ist unser

Gott“ zu herrlichem Sonntagsmorgen weckte.

~XII.~

Nach Süden. -- Lofoten. -- Digermulen. -- ~Pro patria.~ --

Besteigung des Digermulenkollen. -- Boot in Gefahr. -- Kranker in

einsamer Fischerhütte. -- Der schwermütige Schimmel. -- Abfahrt

von Digermulen. -- Einladungstelegramm von Kaiser Wilhelm.

Im Tromsoesund herrscht eine starke Strömung, die je nach Ebbe

und Flut nord- oder südwärts flutet. Begünstigt durch die letztere

eilte unser Kiel nach Süden und erreichte nach einer Stunde den

Malangerfjord. Links ragt der gewaltige Bensjordtind mit seinen

Schneefeldern zum Himmel, rechter Hand liegt das große Eiland Kralö,

auf welchem eine besonders wilde, schneebedeckte Felswand in die

Augen fällt, der Lille Bramand. Nach Mittag erreichten wir das offene

Meer und genossen nun die herrliche Fahrt längs der Vesteraalen und

Lofoten. Letztere sind eine Inselkette, welche sich in weitem Bogen

fast parallel dem Festlande 150 Kilometer weit nach Süden erstreckt.

Die Inseln werden südwärts immer kleiner und endigen schließlich mit

einigen unbewohnbaren Klippen. Die ganze lange Kette ist ein Gewirr von

Höhen, Tiefen und Sunden; die Berge haben alpine Formen und steigen

meist direkt aus der blauen Meeresflut auf, oder aber sie erheben sich

auf freundlichem Gelände. So weit die kraterähnlichen Spitzen nicht

mit Schnee bedeckt sind, erscheinen sie mit grünem Moos bekleidet, das

weithin leuchtet und zu dem blendend weißen Schnee einen herrlichen

Kontrast bildet. Aber auch kahle, graue Felspartien liegen dazwischen.

Ueberall öffnen sich Häfen; neben den mehreren tausend Fuß hohen, sie

begrenzenden Felswänden erscheinen die dort ankernden Dampfer wie

Nußschalen.

Die Lofoten sind das Dorado und die Sammelstation der Fischer vom

Norden und Westen Norwegens. Mitte Januar bis Mitte April sind ihrer

über 30,000 dort beisammen mit zirka 8000 Booten, um den Dorsch zu

fangen. Die Ausbeute beträgt bis 40 Millionen Stück, 5-6000 per Boot.

Der Dorsch, der für gewöhnlich die Tiefen des atlantischen Ozeans

bewohnt, bildet zur Laichzeit ungeheure, bewegungslose Schichten am

Ufer, wo er so zu sagen einfach ausgeschöpft werden kann, und auf den

großen Bänken, welche in einer Tiefe von 50-200 Meter bei den Lofoten

liegen. Dort geschieht der Fang mit Netzen und langen Leinen, an

welchen Angelschnüre befestigt sind. Am Lande werden die gefangenen

Fische gespalten, auf den Felsen ausgebreitet oder auf Holzgestellen

aufgehängt und an der Luft getrocknet, um dann später als Fracht, die

genau wie Holzscheiter aussieht, nach Bergen zu wandern. Obschon es

schwer hält, die große Menschenmenge, das Heer der Fischer, am Land

unterzubringen und oftmals ein unheimliches Gedränge herrscht, soll

doch Alles in Ruhe und Frieden vor sich gehen, und zwar deshalb, weil

das früher beliebte Branntweintrinken durch strenge Gesetze unmöglich

gemacht ist.

Wenn ein plötzlicher Weststurm eintritt und die Rückkehr der

Fischerboote nach den Lofoten ein Ding der Unmöglichkeit wird, dann

sind die Insaßen gezwungen, über den breiten Vestfjord nach dem

Festlande zu fahren und dort sich zu bergen. Dabei ereignen sich

alljährlich schwere Unglücksfälle. Viele Boote kentern, und da gilt

es dann, die am Kiel angebrachten Griffe (Stropper) zu erwischen und

sich daran festzuhalten. Oder aber, wo die Griffe fehlen, klammert sich

der Schiffbrüchige an sein großes ins Kielholz geschlagenes Messer.

Bei den später ans Land getriebenen gekenterten Booten melden die im

Kiel steckenden Messer dann in trauriger Weise die ungefähre Zahl der

Verunglückten.

Während der Fahrt längs der malerischen Lofoteninseln saß ich längere

Zeit an einsamer aussichtsreicher Stelle des Hauptdeckes mit dem einen

unserer norwegischen Lotsen beisammen, der dort behaglich seine Pfeife

rauchte und unterhielt mich mit ihm über die Nordpolfahrt Nansens. Mit

größter Begeisterung sprach er in erster Linie von Sverdrup, dem Führer

der Fram, während Nansen erst in zweiter Linie kam. „Und was glauben

Sie über das Schicksal Andrees?“ fragte ich den alten Seemann. „„O, der

ist längst alle!““ meinte er mit entsprechender Geste und reduzierte

dadurch und durch die einläßliche Begründung seiner Ansicht meine stets

noch genährte Hoffnung auf die Wiederkehr des kühnen Ballonhelden um

viele Grade. Um Mitternacht nahm unsere liebe Sonne ein Fußbad im

Meere, d. h. sie tauchte den tiefsten Teil ihrer goldenen Scheibe unter

den Horizont und begann -- als ob sie sich plötzlich eines besseren

besonnen -- wieder zu steigen; der neue Tag war angebrochen, und zum

letzten Male hatte uns die Mitternachtsstunde das Sonnengestirn gezeigt.

Unser Schiff begann nach Osten zu drehen und erreichte, einem Ausläufer

des Polarstromes, dem die Fischerboote oft gefährdenden berüchtigten

Malström folgend, den mächtigen Vestfjord, wo es, nun auf der Ostseite

der Lofoten, seinen Kurs nordwärts nahm.

Es war ein wunderschöner Morgen, als wir _Digermulen_, die kleine, auf

der Insel Hindö gelegene Dampferstation, vor uns liegen sahen. Felsige

Eilande mit sprießendem Grün scheinen die Einfahrt zu wehren; rechts

und links steigen senkrechte Felswände mit schneegefüllten Schluchten

in die Höhe. Ein originelles Gepräge erhält aber die Landschaft

hauptsächlich durch den Digermulkollen, einen zirka 1300 Fuß hohen

breit abgerundeten Kegel, an dessen Fuß die paar Häuser der kleinen

Station reizend ins Grüne gelagert sind. Nachdem wir unter den Klängen

des Preußenmarsches -- ich höre ihn stets mit unbehaglicher Empfindung,

weil mir die Melodie des „Heil dir im Siegeskranz“ (also auch unsere

Nationalmelodie) in unerlaubter Weise darin verwurstet scheint -- unser

Schiff verankert, wiederholten sich die längst bekannten Szenen des

blitzschnellen Klarmachens unserer Barkassen (sie schwammen, bevor

der Anker festsaß) und des Gedränges nach diesen Beförderungsmitteln.

Das entwickelte sich aber stets in bester Ordnung; oben auf der

Schiffstreppe stund ein Schiffsoffizier, und wenn die erlaubte Zahl

eingestiegen war, so hieß es Halt, gleichviel ob der Gatte von der

Gattin getrennt blieb oder nicht. In einer Minute fuhr ja wieder eine

Barkasse.

Die Erinnerung an Digermulen gehört zu den schönsten unserer Reise. Das

ganze freundliche Nest besteht aus einigen Häusern der Familie Normann,

welche hier einen Kramladen mit allen für die Nordlandbewohner nötigen

Waren hält und Fisch- und Thranhandel treibt, sowie aus fünf oder sechs

Fischerhütten. Während der große Passagierstrom sich bergaufwärts

wälzte, durchstreiften wir die reizende Küstenlandschaft. Auf einer

grünen Erhebung, kaum 200 Schritte von der Landungsstelle entfernt, ist

ein kleiner Friedhof, in welchem, von Blumen, aber auch von Unkraut

bedeckt, die hier verstorbenen Fischer neben einer Familiengruft der

Normanns ruhen.

Unser Weg führte uns durch Wiesen und Gebüsch; bald kletterten wir auf

felsige Abstürze, welche im Laufe der Jahrhunderte zu wilden Gärten

umgewandelt worden, und wo eine reiche Flora uns entzückte; bald hemmte

unsere Schritte eine tief ins Land geschnittene kleine Bucht, am

Strande übersäet mit Muscheln und Meertieren, lebendigen und toten.

Lerchen stiegen eine nach der andern und schmetterten ihr Morgenlied in

die Luft und uns wurde ganz frühlingsmäßig zu Mute.

Etwas landeinwärts arbeiteten einige Männer an einer neuen Straße --

der ersten, die nach Digermulen führen wird -- und ihre Sprengschüsse

fanden in den Bergen ein gewaltig rollendes vielfaches Echo. Mit einer

freundlichen alten Frau, welche, ihren Enkel an der Hand, den Männern

das „Z’nüni“ zutrug, hatten wir eine längere Unterhaltung, deren

Inhalt aber beiden Parteien größtenteils unklar geblieben ist; aber

auch hier konnten wir uns freuen über den wohlerzogenen, folgsamen

kleinen Norweger, der zuerst ein bißchen scheu sich zur Hälfte hinter

den Rockschößen der Großmutter verbarg und dann folgsam uns ein

freundliches Lachen und die Hand gab.

[Illustration: Digermulen.]

Vom Laufen, Klettern, Blumensammeln, Norwegisch Parlieren und

entzücktem Ah-rufen ermüdet, suchten wir eine Ruhestätte. Uns winkte

eine nahe Bucht, die in wahrhaft Böcklinschen Farben glänzte;

hellgraues, vielfach zerklüftetes und ausgewaschenes Felsgestein, ein

zu Stein erstarrtes Spiel der Wellen vortäuschend, begrenzte seitlich

den kleinen Sund, dessen wenig tiefes Wasser alle Schattierungen

von Blau und Grün zeigte. Wo das Meer die Felsen bespülte, haftete

an ihnen, teils direkt, teils durch Vermittlung von festgekalkten

Muscheltieren, glänzender Meertang, dessen beblätterte, auf dem Wasser

schwimmende Teile die ruhelose Wellenbewegung, hin- und herwiegend,

mitmachten. Dazwischen lebte und webte allerlei wunderbares Meergetier,

viele Kreaturen, die mir in der Zoologie noch nicht vorgestellt waren.

Landwärts lag herrlich glatter, trockener weißer Sand, auf dem wir

uns ausstreckten. Ueber den tiefblauen Fjord hinaus, in welchen unser

kleiner Sund sich öffnete, fiel der Blick auf die gegenüberliegenden

grünbewachsenen Felsengebirge herrlichster Formation, in welchen wir

alte Bekannte, namentlich den Pilatus und Titlis, erkannten; noch

weiter zurück, aber auch sie dem Auge scheinbar ganz nahe, begrenzten

mächtige Gletscher und Firnfelder den Horizont. Eben kam ein schwarzes

Wikingerboot mit geblähten Segeln in unser Gesichtsfeld und über ihm

kreiste eine Schaar schneeweißer Möven in ruhigem Fluge.

Wo uns immer die Fremde am schönsten erschien, da gedachten wir am

heißesten der geliebten Heimat, und so geschah denn auch hier eine

leisem Heimweh entspringende impulsive That, über welche allerdings

einige vom Berge herab uns musternde Feldstecher nicht klug werden

konnten. Im Schweiße unseres Angesichtes trampelten wir ein mächtiges

eidgenössisches Kreuz in den weichen sandigen Strand und schmückten

es mit frischem Grün. Dann galt es in kühnem Satze, ohne die Umrisse

des vaterländischen Zeichens zu verletzen, seinen Mittelpunkt zu

erreichen; der Akrobatensprung gelang zwar nicht allen Dreien gleich

gut, wurde aber ohne Widerrede als selbstverständliche Notwendigkeit

ausgeführt und so stunden wir denn nun, wie einst die drei Eidgenossen,

auf dem Rütli, aber mit dem Anachronismus unserer Spitzbergenfahne,

und brachten ein lautes, ein sehr lautes Hoch aus auf unser liebes

Vaterland, den Inbegriff alles dessen, was uns zu Hause lieb und teuer

war, und weil nun doch einmal der Sitte gemäß ein Trunk dazu gehört und

der Genuß von Meerwasser für ein patriotisches Fest nicht zu empfehlen

ist, wurde die kleine Cognacration, welche ich in der Tasche führte,

ohne weitere Rücksicht um drei mal zwei bis fünf Gramm gemindert.

Was thut man nicht alles dem Vaterlande zu Liebe! Nun folgte aber

ein ergötzliches Nachspiel. Kaum war unser Hoch ertönt, das offenbar

für nordische Ohren wie ein Wehgeschrei geklungen hatte, so kamen

die benachbarten Straßenarbeiter menschenfreundlich herzugerannt, um

die Hülferufenden aus drohender Gefahr zu erretten, und sie schauten

sehr verdutzt drein, als sie statt Ertrinkenden eine gar nicht

oder wenigstens nur durch ein Minimum von Cognac sehr unbedeutend

beschädigte, lachende Gesellschaft vorfanden.

Mein Blick fiel immer und immer wieder auf den mächtigen, wie ein

Sturmhut dem grünen Berge aufgesetzten Basaltkegel des Digermulkollen,

an welchem eine große Zahl der Auguste-Viktoria-Passagiere wie Ameisen

herumkrabbelten. Von oben herab winkte eine norwegische und eine

deutsche Flagge, und mit dem Feldstecher erkannte man Scharen von

Menschen, welche am Rande des Hochplateaus stehend oder lagernd sich

die Welt aus der Vogelperspektive ansahen und photographierten. Der

Berggeist lockte und ich folgte ihm, während meine Begleiterinnen in

der blumigen Ebene zu bleiben vorzogen.

Querfeldein ging’s über eine morastige Wiese, ohne Weg und Steg, wobei

ich manchen Schuh voll herauszog, aber auch eine Pflanze in größter

Menge antraf, den (norwegischen) Sonnentau (~Drosera~), der mit seinen

drüsig behaarten, reizbaren Blättern Insekten zu fangen und zu verdauen

im Stande ist. Wenn ein kleines Tier eines dieser Blätter berührt, so

bleibt es an dem klebrigen Safte der Drüsen hängen. Das Blatt faltet

sich rasch zusammen und öffnet sich erst wieder, wenn der Gefangene tot

und verdaut ist.

In gerader Luftlinie über Stock und Stein, namentlich über felsiges

Geröll kletternd, wobei wilde Weichselkirschbäume mir Halt und Stütze

boten, erreichte ich keuchend und schweißdurchnäßt den in sanfter

Steigung nach oben führenden Fußpfad und hatte schließlich den Weg

bis auf die Spitze in wenig mehr als einer Stunde zurückgelegt. Die

letzten 20 Minuten steigt man über runde Felsen, in deren Spalten

und verwitterten Plätzen herrliche Ericaceen und zahlreiche alpine

Pflanzen blühen. Hier fand ich auch massenhaft die reizende Blüte der

norwegischen Cornelskirsche und dann vor allem eine Pflanze, welche

für ganz Skandinavien, Finnland und Sibirien als Nahrungsmittel von

großer Bedeutung ist -- die Multebeere (~Rubus chamaemorus~), eine

Himbeersorte, krautartig, mit einzelstehenden weißen Blüten und

prachtvollen, großen roten Früchten, die gekocht und eingemacht sehr

gerne gegessen werden, namentlich auch als Präservativ gegen Scorbut.

Auf den Menus der Nansenschen Fram spielte die Multebeere eine sehr

große Rolle und eine Bowle aus dieser Frucht und etwas Brennspiritus

gehörten zu den festlichsten Genüssen der Framleute.

[Illustration: Digermulkollen.]

Die Aussicht vom Digermulkollen soll die erhabenste und malerischste

des ganzen Nordlandes sein und ist hauptsächlich auch durch den

Besuch Kaiser Wilhelms ~II.~ anno 1889 weithin bekannt geworden.

Zu Füßen liegt der Sund; die „Auguste Viktoria“ -- obschon man sie

mit der Hand erreichen zu können glaubte -- hatte die Größe eines

bescheidenen Walfischbootes. Imposant ist der Blick über den ganzen

Vestfjord bis ins offene Meer; östlich thronen die Gebirgsstöcke des

Festlandes, westlich steigen die schluchtenzerrissenen Massive des

herrlichen Rastsundes auf, die reichlich mit Eis und Schnee bedeckten

mehrgipfeligen Troldtinder. Das ganze Panorama ist überwältigend schön.

In einer mehrfach im Felsen verankerten Holzhütte, welche schon manchen

Sturm ausgehalten hat, aber sicher doch eines Tages weggeblasen sein

wird, war Bier, Limonade und Sect zu haben. Als ich ankam, lebten aber

nur noch zwei kleine Flaschen Mineralwasser, welche ich gern einer

erschöpften Dame überließ.

Um rasch unten und wieder „bei Muttern“ zu sein, wählte ich die

Luftlinie am Westabhang des Berges. Das war ein böses Stück Arbeit.

Eine halbe Stunde kletterte ich über die aufgetürmten Felsen eines

mächtigen Absturzes thalwärts, einige Male an den Händen hängend, ohne

mit den Fußspitzen eine tiefere Etage zu erreichen oder auch unter

zusammengelehnten Steinblöcken durchkriechend. Mit lottrigen Knien

legte ich dann die letzte Etappe bis zur Landungsbrücke zurück, einen

wenig steilen, aber holperigen Wiesenweg, und an Bord der „Auguste

Viktoria“ war durch ein Bad und neue Gewandung der frühere Mensch bald

wieder hergestellt. Immerhin vermied ich während der nächsten drei Tage

unnötiges Treppensteigen aufs ängstlichste, und meine Gangart erweckte

einiges Mitleid.

Die Hälfte unserer Mitreisenden hatte vormittags auf den Dampfbarkassen

und angehängten Schleppbooten eine Fahrt in den prächtigen Raftsund

unternommen; die andere Hälfte sollte nachmittags an die Reihe kommen.

Eben kehrte die erste Expedition zurück; aber nahe am Ziele ereignete

sich eine aufregende Szene. Dicht bei einem bis auf den letzten Platz

gefüllten Schleppschiffe tauchte plötzlich ein mächtiger Wal auf,

länger als das Boot selbst. Die Insassen hatten keine Zeit, sich über

die Situation zu besinnen; aber an Bord der „Auguste Viktoria“ wurde

sie von den Schiffsoffizieren mit Herzklopfen beobachtet, und es

hieß nachher, daß das gewaltige Tier, einige Meter näher, das Schiff

zum Kentern gebracht und ein schreckliches Unglück veranlaßt haben

müßte. Noch drei-, viermal sahen wir es auftauchen, spritzen und

wieder verschwinden. Unter den von dem Abenteuer Betroffenen herrschte

nachher, als ihnen die Augen geöffnet wurden, ungefähr die Stimmung von

Gustav Schwabs Reiter über den Bodensee.

Während ich die Meinigen an Bord in allen Winkeln unseres Schiffes

suchte, spähten sie immer noch am Lande nach dem Bergbesteiger aus.

Schließlich aber einigte uns das, was die ganze Welt zusammenhält --

der Hunger. Beim Mittagstische fanden wir uns und erzählten gegenseitig

unsere Erlebnisse. Während ich bergkraxelte, waren meine Beiden kreuz

und quer umhergestreift und schließlich hatte sie ihr Forschungstrieb

in eine am Strand gelegene Fischerhütte geführt, in welcher ein

todkranker, ärztlicher Hülfe barer Mann, verpflegt von seiner

bekümmerten Frau, zu Bette lag. Der nächste Arzt wohnte zehn Stunden

weit entfernt in Svolvaer auf den Lofoten. Ein menschenfreundlicher

norwegischer Maler, der in Digermulen sich aufhält, um Studien

zu machen, funktionierte als Dolmetscher, und so wurde denn der

Fischerfamilie versprochen, den Doktor aus der Schweiz, der jetzt grad

oben auf dem Berge sei, herzuschaffen, damit er dem armen Kranken rate.

Damit war unser Nachmittagsprogramm festgestellt; wir verzichteten

auf den Ausflug nach dem Raftsund und ließen uns nach Tisch wieder

an die Küste von Digermulen zurückfahren. Dort stand auch schon der

liebenswürdige Maler, Thorolf Holmboe aus Christiania, ein in Norwegen

wohlbekannter Künstler, mit seinem flachshaarigen, bildschönen Jungen

Erich bereit, uns zu begleiten. Als wir in die Hütte traten, war ich

erstaunt über die Reinlichkeit und häusliche Behaglichkeit, mit welcher

die bescheidenen Räume ausgestattet erschienen. In einer freundlich

mit Epheu, Fuchsien und Rosen geschmückten, ganz einfach, aber sauber

möblierten Stube stand das Bett des Kranken. Neben ihm an der Wand

hingen zwei Bilder, das Porträt von König Oskar in Galauniform und das

Pendant -- Wilhelm Tell, wie er das Schiff Geßlers in die wilden Wellen

des Vierwaldstättersees zurückstößt.

Am Kopfende des Bettes war ein sorgfältig eingerahmter Bibelspruch

in norwegischer Sprache: „Rufe mich an in der Not und ich will dich

erretten und du sollst mich preisen!“ Der, dem das Wort galt, lag

fahlgelb, abgemagert und hustend auf seinem Schmerzenslager, ein

zirka 60 Jahre alter Mann, zeitlebens gesund, aber seit vier Monaten

siechend. Leider handelte es sich, wie mich näheres Zusehen lehrte, um

eine unheilbare bösartige Lebergeschwulst, welche in dem benachbarten

Brustfellraum bereits eine frische Entzündung zu setzen begonnen

hatte. Als ich mit der Untersuchung zu Ende war, brachte die schlichte

Fischersfrau ohne weiteres ein sauberes Zinngeschirr mit Wasser,

Handtuch und Seife und ich dachte im Stillen, daß hie und da sozial

viel höher gestellte Leute hier etwas lernen könnten. Dem gepeinigten

Kranken, der bei vollständiger Appetitlosigkeit entsetzlichen Durst

litt und nichts hatte, um ihn zu stillen, mußte vor allem für saftige

Früchte und ein Mittel gegen seinen qualvollen Husten gesorgt werden.

Zu kaufen war das alles nirgends, wohl aber zu erbitten. Ich eilte

zurück aufs Schiff und fand da Gelegenheit, den gutherzigen Sinn

unseres Kapitäns kennen zu lernen. Obschon er, umgeben von einer

vornehmen Herren- und Damengesellschaft, in seiner Kajüte behaglich

beim schwarzen Kaffee saß, ließ er sich doch, ohne ungehalten zu sein,

von mir stören und erfüllte meinen Wunsch nach ein paar Orangen für

den armen Lazarus und den nötigen Medikamenten aus der Schiffsapotheke

in weitestgehender Weise. Ein Druck auf den elektrischen Knopf und

der uns von früher her bekannte „Harpagon“ kam angesaust. Der Kapitän

übermittelte ihm ein kleines, hastig geschriebenes Billet, und

eine Viertelstunde später flog ich mit einem mächtigen Korbe voll

Ananas, Apfelsinen, frischen Kirschen und anderen Herrlichkeiten

freudestrahlend der Schiffstreppe zu. Auch die Schiffsapotheke hatte

ich unterdessen, da der Arzt nicht zu finden war, auf eigene Rechnung

und Gefahr durchstöbert und schließlich glücklich etwas gefunden und

in einer Quantität mitgenommen, daß es dem Kranken wohl für zwei

Monate als Hustenlinderungsmittel dienen konnte. Was machte der für

ein zufriedenes Gesicht, als ich ihm ein Stück saftige Ananas auf die

Zunge legte! Es war ihm, „als sei er schon halb gesund“, ließ er durch

den Dolmetscher sagen, und seine Frau mußte durchaus auch ein bißchen

probieren. Und erst die Orangen und Kirschen! Die guten Leute wußten

des Dankes kein Ende, und schließlich nahm die Frau den Stolz des

Hauses, ein eingerahmtes Bild von Digermulen, ab der Wand und bat so

dringlich, es als Geschenk anzunehmen, daß ich mich dieser unbequemen

Freundlichkeit nicht entziehen konnte. Das Bild ist denn auch, so

lästig es zu verpacken war, getreulich mit nach Frauenfeld genommen

worden. Als wir die Fischerhütte verließen, war uns zu Mute, als seien

wir in einer Kirche gewesen, und nach herzlichem Abschied von dem uns

begleitenden Maler und seiner Familie streiften wir seelenvergnügt noch

ein Stündchen über Klippen und Strandwiesen.

Ein kleines Plaisir bereitete uns ein Schimmel, der auch jetzt noch,

wie heute früh, in derselben unbeweglichen Haltung, den Kopf halb zu

Boden gesenkt, in einer sumpfigen Mulde stund und zwei beleibte Herren

von der „Auguste Viktoria“, welche sich krümmten vor unbändigem Lachen

über das eigentümliche Gebahren des Tieres. „Es hat die Schwermut

oder ist gar bloß ausgestopft“, lautete die Diagnose. Das letztere

stimmte nicht, sondern der Gaul trug am Hinterfuß eine in den Boden

gerammte Fessel und schlief, gesenkten Hauptes und stehenden Fußes.

Als ich ihm den Hals klopfte und einige Schiffszucker offerierte,

geruhte er sie, leise schwanzend, zu kauen, versank aber sofort wieder

in kopfhängerisches Brüten. Der „schwermütige Schimmel“ gehört für

uns zum Landschaftsbilde von Digermulen; deshalb habe ich ihn hier

festgenagelt. -- Abends 7 Uhr war alles wieder an Bord.

„Ja, vi elsker dette landet“ (ja, wir lieben dieses Land) ertönte es

aus dem ehernen Munde unserer Schiffskapelle, und die Klänge dieser

norwegischen Nationalhymne waren uns schon so vertraut, daß wir sie

laut und sogar bewegten Herzens mitsangen.

Unterdessen drehte unser Koloß und begann südwärts zu fahren. Mit

Winken und Rufen verabschiedete man sich von dem heimeligen und

schönen Fleck Erde. Da tauchte ein kleiner, über und über mit Menschen

besetzter Passagierdampfer auf, der von den Lofoten hergefahren

kam, um der „Auguste Viktoria“ zu begegnen. Das war ein Grüßen und

Tücherwehen und fast berührte das Steuerbord des nordischen Schiffes

den Meeresspiegel, als alles nach jener Seite hinüberdrängte, um uns zu

sehen. Sogar eine Musik hatten sie auf Deck, und so wurde denn hinüber

und herüber konzertiert. Etwa zehn Minuten lang blieb der tapfere

Knirps unter Volldampf auf gleicher Höhe mit unserm dahineilenden

stolzen Schiffe; dann aber mußte er, über und über mit Wogen bespritzt,

zurückbleiben, und bald hatten wir ihn aus dem Auge verloren.

Nicht geringes Aufsehen erregte an diesem Abend folgender Anschlag des

Kapitäns am „schwarzen Brette“:

„Kaisertelegramm: Hohenzollern befindet sich am 19. nachmittags in

Aalesund. Seine Majestät würden sich freuen, wenn ausgehend dort kurzer

Aufenthalt genommen wird. Passagieren ist Besichtigung des Schiffes

gestattet.

Kommando Hohenzollern.

Demgemäß wird die „Auguste Viktoria“ am 19. Juli zwischen 4 und 7 Uhr

abends in Aalesund stehen.

Briefe aus dem hohen Norden Eine Fahrt nach Spitzbergen mit dem HAPAG-Dampfer "Auguste Viktoria" im Juli · 第 6 / 9 题