Buarbrae (Titelseite)
Bismarck-Mausoleum 9
Odde (Hardanger) 22
Buarbrae 25
Norwegerinnen 27
Straße in Molde 29
Stolkjärre 32
Oberer Lerfos 41
Dom in Drontheim 42
Mitternachtssonne 47
Walfischdampfer 49
Das Nordkap 53
Deckscenen 66 u. 74
Gletscherpartie (Spitzbergen) 78
Einfahrt in Adventbay 79
Nothütte 89
Gletschereis 92
Yacht des italienischen Kronprinzen 108
Hotel Adventbay 111
Lappen 126
Digermulen 143
Digermulkollen 147
Maraak 161
Stahlheim 179
Bergen 193
Unterwegs.
~I.~
Einleitung. -- Von Frauenfeld nach Hamburg. -- Krankenhaus in
Eppendorf. -- Besuch in Friedrichsruh. -- Einschiffung auf der
„Auguste Viktoria“.
An Bord der „Auguste Viktoria“, 4. Juli 1899.
... Soll ich? Oder soll ich nicht? Schreiben nämlich. Ich will’s
probieren, obschon es kaum möglich sein wird, in dem Gewirr von
plaudernden Damen (es sind ihrer gegen 200 an Bord), herumflanierenden
Yankees, schnarrenden Berlinern etc. seine Gedanken zu konzentrieren.
Also nach Spitzbergen geht unsere Fahrt. Ueber dieses Reiseziel
werde ich erst sprechen, nachdem wir es gesehen haben. Vorläufig
sind wir auf unserm schwimmenden Palaste an der norwegischen Küste
eingetroffen und liegen seit gestern abend 10 Uhr in dem tiefsten
Punkte des herrlichen Hardangerfjords -- bei Odde -- vor Anker. -- Die
Bucht ist so tief ins Land hineingeschnitten, daß unser Schnelldampfer
sieben Stunden brauchte, um sie zu durchfahren; hier hat sie noch die
halbe Breite des Zürchersees. An den Ufern des tiefgrünen Wassers
erheben sich steil bis zu imposanter Höhe, die mit 1500 bis zu 2000
Meter wohl nicht überschätzt ist, Gebirgsstöcke aus grauem Urgestein,
teilweise mit Wald bedeckt, oben voll blendend weißen Schnees, überall
zu abschüssig, um menschlichen Wohnungen Platz zu bieten. Zwischen
den Bergkuppen erscheinen aus dem Hintergrunde mächtige Gletscher,
deren Wässer als riesige -- von oben bis unten zu verfolgende Fälle
-- zur See herniederstürzen. Gegen das satte Grün der Wälder sticht
ihr Weiß ab wie flüssiger karrarischer Marmor. Im Ganzen erinnert
das Landschaftsbild außerordentlich an den Urnersee, und der Lage
von Flüelen entspricht das freundliche norwegische Städtchen Odde,
hinter welchem sich nach einer sachten Erhebung von zirka 200 Meter
-- wohl einer alten Gletschermoräne -- ein breites Thal öffnet,
dessen Hintergrund durch eine Kaskade von der dreifachen Größe des
Staubbaches etwas besonders Malerisches erhält. Ueber diesem herrlichen
Landschaftsbilde wölbt sich zur Zeit ein tiefblauer Himmel, und ich
glaube, weder bei uns noch in südlichen Ländern je so gesättigte Farben
gesehen zu haben. Das Grün der See, sowie von Wald und Wiese auf dem
hellgrauen Gestein, das Blau des Himmels und das Weiß der Gletscher
und Schneefelder und der fallenden Wässer bilden geradezu entzückende
Kontraste und in das farbige Landschaftsbild sind -- ein freundliches
Idyll -- eingebettet die schlichten Holzhäuser von Odde.
Den Mittelpunkt dieser Szenerie bildet also zur Zeit die „Auguste
Viktoria“, das stolze Schiff der Hamburg-Amerika-Linie, das --
etwa einen Kilometer vom Ufer -- mitten im Fjord vor Anker liegt.
Drei mitgeführte Benzin-Motorschiffe zu je 40 Plätzen vermitteln
ununterbrochen den Verkehr mit dem Festlande, so daß es für unsere
zirka 400 Passagiere gar keine Schwierigkeiten hat, jeden Augenblick
nach Odde zu fahren, aber auch jederzeit wieder an Bord zu sein.
Doch -- eine richtige Reisebeschreibung sollte vorne anfangen -- wie
kamen wir hieher?
Die Strecke von Frauenfeld nach Hamburg ist bei den jetzigen
ausgezeichneten Zugsverbindungen in 20½ Stunden zurückgelegt. In
Frankfurt a. M. bestiegen wir nachts 8 Uhr einen direkten Wagen nach
Hamburg und richteten uns im bequemen Coupé häuslich ein; auch das
Nachtessen wurde nicht vergessen und dem Reiseungewohnten mag es fast
wunderbar erscheinen, daß man -- während der Zug in rasender Eile
dahinsaust, nur auf einen elektrischen Knopf zu drücken braucht, um
einen dienstbeflissenen Geist dahereilen zu sehen, welcher aus der
mitfahrenden Küche serviert, was das Herz begehrt -- das wirkliche
„Tischlein deck’ dich“.
Endlich war die reisende Welt satt; um 11 Uhr knallte der Pfropf der
letzten Bierflasche im Nachbarcoupé; dann trat Ruhe ein im Lande;
wer schlafen konnte, schlief. Stadt um Stadt huschte geisterhaft an
uns vorbei; nach Mitternacht brauste, von hundert frischen Kehlen
gesungen, die „alte Burschenherrlichkeit“ an mein eben dem Dasein
entrücktes Ohr und ließ mich durch geweckte Erinnerungen lange nicht
wieder einschlafen: Göttingen hatte den schlaftrunkenen alten Studenten
gegrüßt. -- Um 4 Uhr erhob sich die Sonne über der Lüneburger Haide
und Punkt 6 Uhr 30 Minuten -- wie vorgeschrieben -- fuhr der lange Zug
über die Elbbrücke in Hamburg. Ebenso programmgemäß stellte sich auf
die Minute ein lieber Neffe ein, den ich zur Ueberraschung für meine
Reisegefährtinnen von Berlin her zitiert hatte, und so machten wir denn
-- vier Köpfe stark -- einige Tage lang die alte Hansastadt unsicher.
Ueber Hamburg ließe sich vieles sagen; zu den größten
Sehenswürdigkeiten gehört der mit Hunderten von Millionen erstellte
Hafen, in dem alle Schiffe der Welt verkehren. Ein bewunderungswürdiges
Monument des Hamburger Kunstgewerbes, aber auch des Hamburger
Bürgerfleißes und -- Reichtums bildet das dortige Rathaus, das an
Geschmack und Gediegenheit seiner innern Ausstattung alle ähnlichen
mir bekannten Gebäude übertrifft, so namentlich auch das prunkvolle
neue Reichstagsgebäude in Berlin. Der Hamburger ist aber auch stolz auf
seine Vaterstadt und trägt bei jeder Gelegenheit seine republikanische
Unabhängigkeit zur Schau. Dem politischen Oberhaupte, dem deutschen
Kaiser, scheint von Arm und Reich so ziemlich das erlaubte Mindestmaß
von Majestätsfurcht entgegengebracht zu werden; unter anderm zitierte
unser Bootführer seine kaiserliche Majestät, wenn er bei Erklärung
verschiedener öffentlicher Bauten darauf zu sprechen kam, stets einfach
als „Wilhelm zwei“.
Großartig hat die Stadt Hamburg für ihre _Kranken_ gesorgt. Das neue
Krankenhaus in Eppendorf, das wir besuchten, besteht aus 90 Gebäuden,
die in einen herrlichen Park eingelagert sind. 2000 Kranke finden
dort Unterkunft und werden durch 220 Schwestern, 80 Laienwärterinnen
und 32 Aerzte verpflegt. Die Anlage der zentralen Institute --
Küche, Wäsche (pro Tag müssen 8000 Stück Linge gewaschen werden!),
Desinfektionsanstalt, Sektionsgebäude (1300 Sektionen pro Jahr; während
der Cholerazeit 1336 in 4 Wochen!), Operationsgebäude, Badehaus,
Schwesternhaus etc. -- ist erstaunlich!
Einen Vormittag widmeten wir dem „Alten im Sachsenwalde“. Nach
halbstündiger Fahrt auf der Linie Hamburg-Berlin erreicht man die
Station Friedrichsruh. Wer aber dort etwas zu sehen erwartet, ist
geleimt. Der Park des Bismarckschen Schlosses stößt zwar direkt an
die Eisenbahnlinie; Mauern und dichte Baumschläge verbieten aber dem
Auge jeden Einblick, und wo dem suchenden Wanderer sich ein Eingang zu
öffnen scheint, hemmt eine mächtige Verbottafel den Eintritt.
Wir umkreisten im Dunkel eines Eichwaldes das große Gut, klommen längs
der Einfriedigung in die Höhe; aber nirgends bot sich eine Möglichkeit,
etwas zu sehen. Endlich aber erreichten wir eine unverschlossene Pforte
im Waldesdickicht, an welcher eine Verbotstafel fehlte. Unter meiner
Führung drang die kleine unverschämte Schweizerkarawane ein und nach
etwa 5 Minuten stehen wir plötzlich auf freiem Rasenplatze, direkt
dem Bismarckschen Schlosse gegenüber und nur durch einen schmutzigen
Teich von ihm getrennt. Das Gebäude sieht sehr anspruchslos aus, mit
verschiedenen häßlichen Kaminen eigentlich eher wie ein Fabrikgebäude,
denn ein fürstliches Palais.
Nun aber kam die Strafe: „n’No, n’No, n’No, n’No, n’No! Was soll
denn do wer’n?“ erschallte eine Stimme aus der Nähe, und es erschien
ein wütender Gärtner, der mit erhobenen Armen und einer Sense unserm
Vordringen wehrte, unterstützt durch eine keifende Frau, welche die
Hände über dem Kopf zusammenschlug. „„Ja, wo sind wir denn? Wem gehört
das Haus?““ „Das ist den Fürst’n sein Palä; da darf kein Mensch
hin!“ „„Aber wir sind doch durch eine offene Thüre ohne Verbottafel
eingetreten.““ „Da haben natürlich diese ekligen Hamburger wieder die
Tafel weggerissen.“
Wir wurden per Schub -- unsrerseits in sehr vergnügter Stimmung --
durch das nächste Thor „entleert“ und setzten unsern Rundgang weiter
fort.
Auf der andern Seite der Eisenbahnlinie, auf waldiger Anhöhe dem
Schloßgarten gegenüber, liegt das Mausoleum, in welchem die irdischen
Ueberreste des Gewaltigen ruhen. Eine steile Böschung verhindert den
Zutritt. Trotz überall angebrachter Verbote finden sich aber doch
ausgetretene Wege, denen wir folgten, so daß uns auch die von einer
kleinen romanischen Kirche überbaute Gruft zu Gesichte kam und sogar
photographisch von uns fixiert werden konnte.
Ein halbstündiger Spaziergang durch herrlichen Eichwald -- ein Stück
des berühmten Sachsenwaldes -- führte uns nach Station Aumühle, wo wir
der heimatlichen Reminiscenz[1] und einer schönen Naturszenerie zuliebe
in schattiger Veranda uns erfrischten, um dann mit dem nächsten Zuge
nach Hamburg zurückzukehren.
[Illustration: Bismarck-Mausoleum.]
Sonntag, den 2. Juli, mittags 1½ Uhr hatten wir uns, so lautete
die Ordre, an Bord des Dampfers „Blankenese“ einzufinden, welcher
uns auf die einige Stunden elbabwärts, bei Brunshausen verankerte
„Auguste Viktoria“ führen sollte. Wir waren frühzeitig da und sahen sie
nun in Scharen anrücken, welche für drei Wochen unsere Gesellschaft
zur See sein sollten: Damen schienen vorherrschend, übrigens alle
Altersstufen vertreten, vom „Säugling“ (zehnjährige Jungen) bis zum
„Meergreise“ und vom Backfisch bis zur Urgroßmutter; laut ausgeteilter
Passagierliste waren wir 360 Personen, in der Mehrzahl Amerikaner und
Deutsche, wenig Franzosen, Engländer, an Eidgenossen außer uns noch
drei Baslerherren. Auch das „Volk Gottes“ zeigte sich zahlreich und in
ausgeprägtesten Formen, hauptsächlich Berliner Ursprungs. Immerhin soll
auf der vorjährigen Fahrt das jüdische Element weit mehr vorgeherrscht
haben, was folgende Anekdote illustriert: Ein deutscher Familienvater
durchsucht die Weinkarte, ruft den Kellner und bestellt „für sich eine
Flasche Laubenheimer, für seine Frau eine halbe Flasche Ingelheimer und
für seinen Sohn eine halbe Flasche Hochheimer.“ „„Entschuldigen Sie,
mein Herr; Sie haben da die Passagierliste erwischt,““ war die Antwort
des Stewards.
Punkt 1½ Uhr setzte sich der dichtgefüllte und buntbewimpelte
Dampfer in Bewegung und führte uns vorbei an Hunderten von Seglern und
Dampf-Seefahrzeugen aller Größen in die freie Elbe. Etwa zwei Kilometer
von Hamburg entfernt war die Route gesperrt durch einen stolzen
schwedischen Dreimaster, den ein Wörmannscher Frachtdampfer Abends
zuvor angerannt und zum Sinken gebracht hatte. Masten und Steuerteil
des schwer befrachteten Schiffes überragten noch die gelbliche
Wasserfläche, während der Vorderteil auf dem Grunde ruhte.
Nach zweistündiger Fahrt erschien vor unsern Augen die majestätische
„Auguste Viktoria“, mit Flaggen und Wimpeln reich und malerisch
geschmückt; 200 Stewards und sonntäglich gekleidete Matrosen stunden
in Reih und Glied; eine Kanonensalve erschütterte die Luft und unter
dem Begrüßungsmarsche einer Blechmusikkapelle hielten wir unsern Einzug
auf dem mächtigen Schiffe, das nun für drei Wochen unsere Wohnung sein
sollte. Jedermann suchte seine Kabine, wo die Tags zuvor abgelieferten
Koffer schon ihren Platz gefunden hatten, und nach weniger als
einer halben Stunde hatte sich aus dem Wirrwarr eines aufgestörten
Ameisenhaufens ein geordnetes Dasein entwickelt und man konnte dem
schwimmenden Kolosse kaum mehr ansehen, daß ein Heer von fast 400
Menschen mit Kisten und Koffern und Plaids und Apparaten sich hinein
ergossen hatte.
Die Falltreppe wurde aufgezogen; das Kommando des Kapitäns ertönte;
das eiserne Herz des Riesen fing zu schlagen an und unter den Klängen
einer flotten Blechmusik setzte er sich in Bewegung, nordwärts,
nordwärts dem Meere zu.
[1] Aumühle -- idyllischer Platz bei Frauenfeld.
~II.~
Erste Stunden an Bord. -- Bau der „Auguste Viktoria“. --
Verpflegung. -- Toiletten. -- Schiffskapelle. -- Norwegische Küste
in Sicht. -- Ankunft.
An Bord der „Auguste Viktoria“ im Fjord von
Romsdal vor Naes, 6. Juli Abends.
Bei herrlichstem Wetter liegen wir hier vor Anker, um in zwei Stunden
nach Trondhjem, der Wiege und Krönungsstadt des norwegischen Reiches,
abzudampfen. Zurück nach der Elbemündung, wo mein erster Brief stehen
geblieben ist!
Die ersten Stunden an Bord entbehrten der Komik nicht. Allerdings
waren zuvorkommende Stewards in Menge da, um den Passagieren die
Kabinen anzuweisen; aber sobald man seinen Schlupfwinkel verlassen,
sah man sich in einem wahren Labyrinth von Kreuz- und Quergängen, in
welchen eine Orientierung vorläufig nicht möglich schien. Die Kabinen
sind in drei Etagen über einander angebracht; steile Treppen stellen
die Verbindung her und wer in den engen Korridoren umherirrt, täuscht
sich anfänglich nach allen Richtungen der Windrose, ist rat- und
thatlos. Letzteres eigentlich nicht, denn bald pufft er energisch
mit einer daherstürmenden Lady zusammen oder fällt einem um die Ecke
fliegenden Steward in die Arme -- oder aber er sieht sich plötzlich
in einer Sackgasse und muß ärgerlich den Rückzug antreten. Ich kenne
Menschen, die im erhebenden Bewußtsein, ihre Sache trefflich zu machen
und ausgezeichnete Pfadfinder zu sein, im Vorderteil des Schiffsrumpfes
herumsuchten, während ihr Daheim doch 100 Meter davon entfernt gegen
das Steuer zu lag.
Einige Angaben über die Dimensionen unseres Schiffskolosses werden
dies begreiflich erscheinen lassen. Die „Auguste Viktoria“ wurde seiner
Zeit mit einem Aufwand von sieben Millionen Mark erbaut und hat in
den letzten Jahren eine vollständige Umgestaltung erfahren, indem das
gewaltige Schiff in der Mitte geteilt und durch Einfügung eines 15
Meter langen Mittelbaues vergrößert wurde -- eine Ausgabe von weiteren
2 Millionen Mark. Sie ist ein sogenannter Doppelschraubendampfer, d.
h. die bewegende Kraft ist auf _zwei_ getrennte Maschinen und _zwei_
Schrauben verteilt, sodaß bei etwaigem Schaden an einer Maschine
die Bewegungs- und Manövrierfähigkeit des Schiffes nicht aufhört.
Maschinen- und Kesselräume sind durch einen starken Längsschott unter
der Wasserlinie in zwei Hälften geschieden, so zwar, daß wenn auch der
eine Maschinenraum bei einer Kollision oder Explosion sich mit Wasser
füllt, das Schiff deshalb weder sinken, noch unlenksam werden kann.
Wasserdichte Querschotten, welche im Momente der Gefahr geschlossen
werden, so daß dann das ganze Schiff aus 11 wasserdichten Abteilungen
besteht, erhöhen die Sicherheit -- auch für den Fall einer Kollision --
außerordentlich. Aber auch die Steuerfähigkeit des Schiffes wird durch
dieses Doppelschraubensystem in wunderbarer Weise vermehrt; arbeitet
die eine Schraube vorwärts, die andere rückwärts, so dreht sich der
Koloß auf der Stelle, ohne einen Meter sich vorwärts zu bewegen. Dieses
Manöver sehen wir in den engen nordischen Fjords täglich ausführen;
aber auch bei schnellster Fahrt soll es möglich sein, ganz rasch zu
wenden und dann einer drohenden Kollisionsgefahr zu entgehen. Die
Länge unseres Schiffes beträgt 530 Fuß, die Breite 60 Fuß, die Tiefe
35 Fuß; 125 Heizer schleudern Tag um Tag 6000 Zentner Kohlen in die
56 Feuerstellen. Die übrige Bemannung besteht aus 35 Bootsleuten und
Matrosen, 24 Maschinisten, 3 Offizieren, 30 Köchen und Handwerkern und
96 Stewards und Stewardessen und -- extra für diese Nordlandsfahrt --
aus den 20 Berufsmusikern, welche unsere Schiffskapelle bilden. Drei
mächtige Kamine von 10 Meter Umfang senden ihre dunkeln Rauchwolken
zum Himmel; 18 Sicherheitsboote für je 40 bis 50 Menschen werden
mitgeführt; alles Vorhandene geht in riesige Dimensionen, und dabei
ist die innere Ausstattung des Schiffes von einer Pracht und einem
Komfort, wie ich sie zur See noch nirgends angetroffen habe. Die
Kabinen sind mit polierter Ahorn- und Mahagoniarbeit versehen; überall
-- in jedes Waschbecken -- läuft ein Hahn mit fließendem Wasser;
jeder Winkel ist elektrisch beleuchtet und neben den Schlafstellen
sind sogar Kontakte für elektrische -- Haarkräuselungsapparate
angebracht, von welchen ich allerdings bis jetzt noch keinen Gebrauch
gemacht habe. Außer den zwei gewaltigen Hauptmaschinen funktionieren
Tag und Nacht -- auch bei Ruhe des Schiffes -- noch Extramaschinen
für elektrisches Licht, für Eisbereitung und für Herstellung von
Süßwasser. Die luxuriöse Wasserversorgung in den Kabinen, Badezimmern
und Aborten ist ein Hauptfortschritt der neuesten Passagierdampfer. Die
Speise-, Konversations-, Musik- und Rauchsalons sind mit übertriebenem
Luxus ausgestattet; an allen Ecken sorgen elektromotorische Fächer
geräuschlos für Lufterneuerung. Ist man im Verlaufe einiger Tage
einmal in den labyrinthischen Gängen und Abteilungen des Schiffsinnern
orientiert, so kann man nur staunen über die vortreffliche, auf
alles bedachte, jeden Raum ausnützende und doch einheitliche und
durchsichtige Einteilung des schwimmenden Gebäudes.
Der Qualität der Dampfer entsprechend ist auch die Verpflegung. Man
glaubt, in einer Mastkuranstalt zu leben. Von 6 Uhr morgens bis nachts
12 Uhr ist ununterbrochen Gelegenheit zur Nahrungsaufnahme, und sind
wir einmal im Gebiete der Mitternachtssonne, so wird das Tafeln auch
während der bisher beobachteten Schonzeit kein Ende nehmen. Morgens
6 bis 8 Uhr wird Thee, Chokolade, Kaffee mit Zuthaten serviert; 8
Uhr ist erstes Frühstück, 1 Uhr zweites Frühstück, 7 Uhr Diner, alle
Mahlzeiten von der Reichhaltigkeit eines Festessens erster Güte.
Zwischenhinein aber zirkulieren überall Stewards mit Thee, Kaffee,
Limonade, Kakao, Sandwiches aller Art, Früchten etc. -- alles gratis;
nur die alkoholischen Getränke (Pschorr, Zacherl, Münchner Bürgerbräu
und Pilsner Hofbräu vom Faß etc. etc.) müssen extra vergütet und --
getrunken werden.
Man verzeihe diesen materiellen Exkurs; er gehörte zur Schilderung
des Schlaraffenlebens auf dem Nordlandfahrer „Auguste Viktoria“;
übrigens erhält das so stark betonte und prosaische Verdauungsgeschäft
einen künstlerischen, fast poetischen Anstrich dadurch, daß durch das
bekannte Trompetensignal aus dem Beethoven’schen „Fidelio“ jeweils dazu
eingeladen wird. Den zu diesem Eß-Signal beorderten Stabstrompeter
bezeichnete der Witz der letztjährigen Nordlandsfahrer als „Trompeter
von Eß-lingen“. Er wird von den herumliegenden Passagieren --
wenigstens denjenigen der Rauchkabine -- meist mit einem Geheul
begrüßt, das an die Töne einer Menagerie in der Nähe der Fütterungszeit
erinnert.
Schon nach einer Stunde, welche durch Vorträge der Kapelle auf Deck
gekürzt wurde, ließen wir Cuxhaven links liegen, grüßten die „Alte
Liebe“ -- jene so benannte altehrwürdige Landungsbrücke, welche die
Auswanderer auf ihr Schiff leitet, und als das Diner vorüber war,
sahen wir uns dicht an der Ostküste von Helgoland, dessen Häuser hell
beleuchtet erschienen.
Ein Spaziergang auf Deck zeigte uns ein wunderbares Völkergemisch
und eine wahre Ausstellung von schönen und absurden Toiletten.
Speziell durfte die Kopfbedeckung der Damen auf Vielseitigkeit
und Originalität Anspruch machen; von der deutschen Infanterie-
und Artillerie-Offiziersmütze auf den Köpfen einiger koketten
Amerikanerinnen bis zur Lootsen-Kappe fehlte keine Variation. Ich bin
glücklich zu sagen, daß auch ich, dem die eigene Toilette sonst leider
zu sehr „wurst ist“, etwas Aufsehen erregte durch einen Lodenmantel,
den ich mir in Hamburg gekauft, um gegen die Unbill der arktischen
Witterung und gegen die Eisbärentatzen geschützt zu sein. Die beim
Kaufe im Dunkel der Nacht mir als grau erschienene Farbe entpuppte sich
nämlich bei dem Glanze der Tagessonne als spinat- oder bohnengrün, so
daß ich von meinen zwei Lebens-, Leidens- und Reisegefährtinnen bei
meinem ersten gloriosen Auftreten mit diesem Kunstwerk der Schneider-
und Färbekunst als „Grüner Heinrich“ begrüßt wurde.
Das Meer blieb die ganze Nacht ziemlich ruhig; Seekranke gab es
kaum. Abends war flottes Konzert von unseren zu komplettem Orchester
umgewandelten Blechmusikkünstlern, die wirklich vortrefflich spielten
-- Heiteres und Ernstes, zum Schlusse natürlich den Meyer-Polka, den
die zahlreichen anwesenden „Meyers“ mit stürmischem Applaus lohnten.
Am Morgen des 3. Juli kam bei 58° Breite die inselreiche norwegische
Küste zu Gesicht; einige Segler belebten das Meer in malerischer
Weise; mittags näherte sich bei Kopervik der Lootse unserm Schiff,
das er durch die vielgestaltigen Fjorde lenken soll. Immer näher und
deutlicher traten die Ufer -- graue Klippen mit eingestreutem Busch-
und Grasgrün und einzelnen freundlichen Häusergruppen, im Hintergrund
Berg an Berg, wunderbar geformte Linien, und als Abschluß des
Horizontes blendend weiße Schneegipfel, hie und da auch ein mächtiger
Gletscher.
Böllerschüsse ertönen; unsere Kapelle spielt die norwegische
Nationalhymne; der Lootse steigt an Bord, salutiert, besteigt die
Kommandobrücke; die Falltreppe wird unter dem bekannten rhythmischen
Gesang des leitenden Matrosen aufgezogen; das Schiff dreht nach Osten
ab; eben bricht die Sonne durch die Wolken und vorwärts geht’s in die
zauberhaften Schönheiten der nordischen Schärenlandschaften.
~III.~
Fjorde und Schären. -- Hardangerfjord. -- Ankunft in Odde. --
Buarbrae. -- Unglücksfall bei der Abfahrt. -- Molde. -- Naes.
-- Romsdal. -- Ball an Bord. -- Abendstimmung. -- Ankunft in
Drontheim.
Nördliches Eismeer 76° nördl. Breite, 11. Juli 1899.
Vor 30 Stunden haben wir dem alten Europa an seinem nördlichen
Markstein, dem Nordkap, Valet gesagt und steuern dem Endziele unserer
Fahrt, Spitzbergen, zu. Die Temperatur ist auf 2° C. gesunken; Himmel
und Meer sind unheimlich grau und düster; undurchdringliches Gewölk
verbirgt die Sonne und mit stark verminderter Geschwindigkeit sucht
unser Schiff seinen Weg durch Nebel und spärliches Treibeis, geführt
von zwei im Dienst ergrauten norwegischen Lootsen. Ein gelegentlich zu
Gesicht kommender schwimmender Eisberg zeigt uns, wie wohlbegründet die
reduzierte Fahrgeschwindigkeit und die vermehrte Vorsicht sind. Bei
einem Zusammenstoß mit einem derartigen nordischen Riesen könnten alle
technischen Vollkommenheiten unseres Schiffes zu Schanden werden.
Ueber das mit heute eingetretene schlechte Wetter dürfen wir nicht
ungehalten sein; denn bis jetzt ging alles nach Wunsch und wir konnten
die Schönheiten der norwegischen Küstenlandschaften bei herrlichstem
Sonnenlichte genießen, das nordische Meer und die Mitternachtssonne in
einer Pracht, wie sie wohl wenigen Reisenden zu Teil wird.
Es war vom Süden Norwegens bis zum nördlichen Ende _eine_ Lustreise
durch herrlichen sonnenwarmen Frühling. Den glänzenden Anfang bildete
die Fahrt durch den vielbesungenen Hardanger Fjord. Fjorde heißt man
bekanntlich die Meeresbuchten, in welche die norwegische Westküste
gegliedert ist. Sie zeichnen sich vor andern Golfen dadurch aus, daß
sie außerordentlich tief -- bis über 200 Kilometer weit -- und vielfach
verzweigt in das Land eindringen. Im Verhältnis zu ihrer Länge sind
sie schmal, überall von mächtigen, steilen Bergwänden eingefaßt; ihre
innersten und engsten Endpunkte, bei welchen dieser Charakter am
meisten ausgeprägt erscheint, gleichen auffallend unsern Alpenseen. Sie
schneiden in die höchsten Teile des Landes ein; Felswände bis zu 1500
Meter fallen senkrecht und unnahbar in den dunkeln, ruhigen Golfspiegel
ab; sie sind von den Gletschern der Eiszeit glatt gescheuert und
wo an ihren Leisten und Absätzen die Verwitterung etwas lockere
Erde geschaffen, sproßt üppiges, strotzendes Rasengrün. Blendend
weiße Wasserfälle stürzen über diese von lebendig grünen Bändern
durchzogenen, dunkeln Urgesteinswände und gekrönt sind sie durch flache
Firnfelder; dazwischen in schwindelnder Höhe zeigt sich ab und zu ein
blauer Gletscherabbruch.
Nirgends öffnet sich der Fjord direkt ins Meer; nirgends bespült der
atlantische Ozean direkt das norwegische Festland, sondern die ganze
über 3000 Kilometer lange Küste ist von zahllosen Inseln und Klippen --
den sogenannten Schären -- eingehüllt, die -- groß und klein, niedrig
und gebirgig, die meisten aber trostlos kahl -- zu Tausenden in Gruppen
beisammen liegen und die brandenden Wogen des Ozeans brechen, so daß
die Dampfer in ruhiger Fahrt zwischen ihnen und der Küste nordwärts
gelangen können.
Die Fahrt durch den Hardanger Fjord zeigte uns die Steigerung
der Schönheiten dieser norwegischen Buchten vom Meere gegen das
Landesinnere in auffälligster Weise. Erst graue, kahle Inseln und
Klippen, in welche nur die weiße Brandung etwas lebendigere Farbentöne
bringt und zwischen welchen sich nirgends ein Weg für unser Schiff zu
öffnen scheint. Bald aber gleiten wir in das ruhige Wasser des Golfes.
Die Küsten werden höher und steiler: als hellgraue, kahle Gneisfelsen
entsteigen sie der dunkeln Flut, nur unten -- soweit in periodischer
Wiederkehr die Flut sie berührt -- schiefergrauschwarz gefärbt. Auf der
Höhe liegt noch Schnee; wo er haften kann auch auf dem Gefälle, und aus
der Ferne strahlen glänzende Firnflächen und blaue Gletscher.
Immer mächtiger werden die begrenzenden Berge, und je weiter wir
landeinwärts fahren, desto mehr Vegetation stellt sich ein; Wälder
und Wiesen unterbrechen das einförmige Gesteinsgrau; am Fuße der
steilen Felswände sind fruchtbare Gelände, spärlich bewohnt zwar, aber
doch sieht man hie und da in freundliche Baumgruppen gebettet eine
Ansiedlung, schmucklose, aber saubere Holzhäuser, einzeln oder als
kleines Dorf um eine Kirche gelagert. Auch weidendes Vieh belebt die
steinigen und grüngefleckten Abhänge und im Hintergrunde fehlt nie das
Bild eines hoch herabstürzenden Staubbaches.
[Illustration: Odde (Hardanger)]
Nach sechsstündiger Fahrt nordostwärts biegt der Fjord plötzlich
steil nach Süden und nach weitern zwei Stunden liegt an seinem Ende
Odde vor unsern Augen. Die Aehnlichkeit der Szenerie mit dem Urnersee
ist hier eine ganz auffällige; sogar die Axenstraße fehlt nicht;
der Hauptunterschied besteht in der enormen Ausdehnung der hiesigen
Landschaft und dem Reichtum der prächtigen Wasserfälle, welche aus
höchster Höhe der firngekrönten Felswände herniederstürzen, oft sich
vielfach teilen, wieder vereinigen, in Staub aufwirbeln und schließlich
als klarer grüner Bergstrom im Spiegel des Fjord aufgehen.
Böllerschüsse ertönen, widerhallen mächtig an den Gebirgswänden und
kehren nach einer halben Minute noch als kräftiges Echo zurück. Die
Flagge wird aufgezogen; die Ankerkette rasselt; alles ist auf Deck, um
die schöne Welt zu sehen. -- Die Kapelle grüßt das nordische Land mit
seiner Nationalhymne.
Drei Stunden später -- 10 Uhr abends, aber bei noch hellstem
Tageslichte -- lief ein mit englischen Touristen gefüllter Dampfer ein,
die von Cook gecharterte „Midnightsun“, eine Schnecke im Vergleich
zu unserm stolzen Schnellfahrer. Wir hatten sie nachmittags 4 Uhr
beim Maurangerfjord -- einem der vielen malerischen Nebenarme des
Hardangerfjords -- überholt und sie dann rasch aus den Augen verloren.
Es ist dasselbe mehr als mittelmäßige Schiff, auf welchem Cook im
Frühjahr seine Touristen zum Kaiserbesuch in Jerusalem geführt hat und
an dessen Bord Buchhändler Kober aus Basel im Hafen von Alexandrien
gestorben ist.
Die verschiedenen kleinen Landausflüge, welche in der knapp
zubemessenen Zeit möglich waren, hatte die Reisefirma Beyer in Bergen
sorgfältig vorbereitet; ein Vertreter befand sich schon von Hamburg her
an Bord, und die Mehrzahl der Passagiere -- wohl über 300 -- hatte sich
durch Bezahlung einer Pauschalsumme von 60 Mark das Recht gesichert,
ohne eigene Mühe an die sehenswerten Punkte befördert zu werden. _Wir_
zogen vor, auf eigene Faust zu schwärmen, zu laufen oder zu fahren, wie
und wann es uns beliebte, und haben es nicht bereut.
So begaben wir uns dann andern Morgens im herrlichsten Sonnenschein
ans Land und besahen uns das kleine freundliche Städtchen, dessen
Kirche und Häuser wie überall in Norwegen aus Holzriegeln aufgebaut
und mit einer Art Krallengetäfer eingekleidet und hübsch bemalt sind.
Kaum ein Fenster ohne saubere Vorhänge und freundlichen Blumenschmuck.
Deutsch wird nirgends gesprochen, wohl aber englisch, namentlich auch
von Kutschern und Blumen offerierenden Kindern, und jeder Fremdling
wird von vorneherein als Sohn Albions betrachtet.
Das Ziel unseres Ausfluges bildet Buarbrae, der östliche Abfall eines
36 Kilometer langen und 6-15 Kilometer breiten Firngletschers von
seltener Schönheit und Reinheit, weil keine überragenden Gebirge durch
Verwitterung seine Oberfläche verunreinigen. Eine gute Straße führt von
Odde zirka 25 Minuten weit in sanfter Steigung in die Höhe; nebenan
stürzt ein Bergstrom in malerischen Fällen zu Thal; auch wo er kleine
Strecken ruhiger läuft, ist sein Wasser ein weißer Gischt, und man
begreift sehr gut, daß Lieutenant Hahnke, der Begleiter des deutschen
Kaisers auf seiner letzten Nordlandsfahrt, absolut verloren war, als er
auf seinem Velo in diesen wilden Strom stürzte.
Der Rückblick auf Odde und den zu Füßen liegenden Fjord ist
entzückend. Die Vegetation zeigt lauter alte Bekannte; wo der Boden
bebaut ist, trägt er Kartoffeln und Gerste, auch Gemüse mancher Art.
Die Straße führt aber großenteils durch Weiden; das Gras wird mit einer
sichelartigen, nur mit der rechten Hand geführten Sense geschnitten und
dann an zu diesem Zwecke erstellten Holzhecken aufgehängt und gedörrt.
Das Heu duftete auffallend aromatisch. Von Blumen erfreuten uns am
meisten zahllose wilde Rosen, die in großen Büschen am Wege stunden,
sowie besonders farbenschöne und zahlreiche Exemplare von purpurrotem
Fingerhut. Auch Stein- und Kernobstbäume sind vorhanden. Birken und
Buchen und massenhafte Wachholderbüsche bringen Abwechslung in das
Naturgemälde.
[Illustration: Buarbrae.]
Auf der Höhe -- offenbar einer großen alten Moräne -- öffnet sich
plötzlich die Aussicht auf einen prächtigen See; die Straße führt auf
einer eisernen Brücke über seinen ausmündenden, zu Thal stürzenden
Strom und dann nach wenigen Minuten zur Landungsstelle eines kleinen
Dampfers, wo schon eine Anzahl unserer Mitreisenden der Abfahrt
harrten. Freundliche blauäugige Landeskinder boten Erdbeeren und Blumen
zum Verkauf, höflich und nicht zudringlich; für kleine Geschenke
dankten sie mit Händedruck. Bei Kindern wie bei Erwachsenen fiel uns
auf, wie viel ungeschickter und schwerfälliger sie im Erraten der durch
Zeichensprache ausgedrückten Absicht der Fremdlinge sich erweisen als
die südlichen Nationen, z. B. die leichtbeweglichen Italiener.
In kleinem Dampfer dicht zusammengepfercht fuhren wir auf die andere
Seite des Sees, wo zwischen mächtigen Bergen ein Thal sich öffnet, das
berühmte Jordal. An seinem Ende liegt, schon vom See her sichtbar und
vom grünen Vordergrund prachtvoll abgehoben, der östliche Gletscher
des Buarbrae. Der Weg dorthin steigt zirka 1½ Stunden lang und ist
ziemlich beschwerlich; aber die reiche Vegetation -- Birken, Ulmen,
Ahorne -- neben dem schäumenden Gletscherbach, eingerahmt von schroffen
Felswänden und hie und da wie ein Gemälde auf dem blaugrünen Grunde
des den Horizont abschließenden Gletschers, bot so viel schöne und
überraschende Bilder, daß wir im Schweiße unseres Angesichtes vorwärts
pilgerten, über Stock und Stein und Bergwässer; die Sonne brannte wie
bei uns im Sommer -- ein Hohn auf unsere Winterkleider.
Das kleine, auf felsigem Hügel unmittelbar am Gletscher liegende
Restaurant war von Erquickungsbedürftigen bereits angefüllt und
umlagert, als wir ankamen. Auf blumigem Rasen ausgestreckt labten auch
wir uns und sahen dem ungewohnten Getriebe in diesem stillen Bergthale
zu. Die guten Wirtsleute konnten den an sie gestellten Anforderungen
kaum gerecht werden und schossen planlos hin und her; nur die Tochter
des Hauses, in der malerischen Hardangertracht -- weißes Hemd, rotes
Mieder mit perlengesticktem Bruststück, gefaltete, gesteifte weiße
Linnenhaube, weiße Schürze -- verlor den Kopf nicht und hielt den
ungestüm andrängenden hungrigen und durstigen Fremdenstrom im Zaume.
[Illustration: Norwegerinnen]
Die Hardangertracht ist außerordentlich kleidsam, es scheint aber, daß
die Volkstrachten wie bei uns so auch in Norwegen, wenigstens an den
Haupttouristenplätzen, im Rückgang begriffen sind.
Ein liebliches und auch farbenschönes Genrebild, das ich bei
der Rückkehr aus dem Jordal sah, bleibt mir unvergeßlich: Eine
stolzgewachsene junge Frau, nach der Landessitte gekleidet, hielt von
einem kleinen grünen Hügel herab Auslug -- wohl nach ihrem Mann -- die
Augen mit der rechten Hand beschattend, während die linke ein Kind
schützte, das zu ihren Füßen mit einem anderen spielte.
Gegen Abend war alles wieder an Bord; punkt 6 sollte die Abfahrt
erfolgen. Leider ereignete sich dabei ein Unglücksfall, der unsere
Stimmung lange trübte. Bei den üblichen Salutschüssen wurde ein
24jähriger Matrose verletzt und ins Meer geschleudert. Er hatte, wie
sich herausstellte, versäumt, den Lauf der Kanone nach dem ersten
Schusse feucht auszuwischen, und als er die zweite Patrone einführte,
entzündete sie sich an den noch vorhandenen Funken und fegte den
unvorsichtigen Lader rücklings ins Meer. Hätte nicht ein norwegischer
Schifferjunge von seinem kleinen Kahn aus das Unglück beobachtet und
sofort Meldung gemacht, so wäre es unbemerkt geblieben. Aber alles
Suchen an der blutgeröteten Stelle war erfolglos; der Bursche, der
seine erste Fahrt auf der „Auguste Viktoria“ gemacht, kam auf die
Verlustliste, und mit einer Stunde Verspätung, deren Grund den meisten
Passagieren lange Zeit unbekannt blieb, fuhren wir ab, während die
Musikkapelle die Wissenden über die traurige Situation hinwegzutäuschen
suchte. Eine Sammlung unter den Schiffspassagieren, angeregt durch die
Amerikaner bei der Feier ihres Unabhängigkeitsfestes, zu Gunsten der
Eltern des Verunglückten ergab über 2000 Mark.
In der Nacht glitten wir in die offene, etwas unruhige See;
die Ahnungslosen in den Kabinen der Steuerbordseite, welche aus
Luftbedürfnis die Lucke offen gelassen -- so auch meine beiden
Gefährtinnen -- konnten ihre Tücke erfahren; sie wurden in ihren Betten
bald gehörig mit Salzwasser begossen. Trotzdem gab es wenig sichtbare
Seekranke und im Verlauf des folgenden Tages, des 5. Juli, lenkten wir
bei Aalesund bereits wieder in die ruhige Wasserfläche des Moldefjords
ein, an dessen Nordwestufer das nordische Nizza, das Städtchen Molde,
reizend im Grünen liegt. Unsere Ankunft daselbst erregte Sensation;
vieles Volk strömte zum Landungsplatz und vier im Hafen verankerte
englische Kriegsschulschiffe salutierten, während von unserem Deck
herab die englische Nationalhymne ertönte.
[Illustration: Straße in Molde.]
Wir ließen uns sofort auf einer der unterdessen flott gemachten
„Dampfsparkassen“, wie die Barkassen in unserem Kreise scherzhaft
benannt werden, ausbooten und besahen uns Land und Leute. In Molde
herrscht ziemlicher Fremdenverkehr, und verschiedene große Hotels,
nebenbei auch ein in prächtigem Park gelagertes Sanatorium für
Lungenkranke, geben der kleinen Stadt das Gepräge eines Kurortes.
Beherrscher der Situation sind wie überall die Engländer; alles Volk
spricht ein bißchen englisch; Plakate und Affichen sind in englischer
Sprache abgefaßt, und auf den Straßen begegnet man radelnden Ladies.
Klima und Vegetation sind überraschend südlich; inmitten eines
herrlichen Frühlings voll blühenden Flieders mit duftenden Gaisblatt-
und Rosenlauben konnte man kaum glauben, sich bereits drei Breitegrade
nördlicher als St. Petersburg, d. h. schon auf der Höhe des eisigen
Grönland zu befinden. Zwischen freundlichen Holzhäusern mit zum Teil
gut gehaltenen und üppigen Gärtchen führte uns der Weg auf die Anhöhe,
wo die stattliche, ebenfalls aus Holz erbaute lutherische Kirche steht.
Auch ihr Inneres ist sehenswert; der dreischiffige Bau enthält außer
einer schönen Orgel als Hauptschmuck ein farbenreiches Altargemälde des
norwegischen Künstlers Alex Ender, eine rührende Darstellung der Frauen
am Grabe des Auferstandenen.
Eine Ahornallee führte uns westlich zu einem Friedhofe; die Gräber
sind alle mit Liebe gepflegt und bilden blumenbesäete Hügel. Auffallend
ist die Nüchternheit der Inschriften auf den Grabmonumenten, die außer
Namen, Geburts- und Todesdatum gar nichts enthalten. Eine benachbarte
Privatbesitzung zeichnet sich durch einen ungewöhnlich üppigen Garten
aus; das Gaisblatt rankte üppig bis zum Dache der hölzernen Villa;
Rosen, Flieder und Rotdorn blühten in baumstarken Exemplaren und
auf grünem Rasenplatze sahen wir sogar eine mindestens 5 Meter hohe
Araucaria. Ueberall in Molde finden sich Kastanien, Linden, Rotbuchen,
Bergahorn und auch Kirschbäume in großer Menge. Den Hauptreiz der
Gegend bildet aber wohl die unvergleichliche Aussicht von einem mit
Anlagen versehenen kaum 80 Meter hohen Hügel auf die ins Grün gebettete
Stadt hinab, den weiten tiefblauen Fjord mit seiner Inselwelt und den
schneebedeckten Gipfeln der den Horizont abschließenden Bergketten.
An Bord zurückgekehrt wanderten wir noch lange deckauf und deckab; die
Nacht war taghell; ununterbrochen flogen unsere Barkassen hin und her,
brachten und holten -- wer Lust hatte, zwischen Land und Deck hin und
herzuwandern. Um 10 Uhr fuhr mit klingendem Spiel unsere Kapelle ans
Land und konzertierte auf freiem Platze, wo Alt und Jung aus der Stadt
zusammenlief. Erst nach Mitternacht schloß das improvisierte Volksfest
mit der Nationalhymne, Umzug von Fremden und Einheimischen -- Männlein
und Weiblein -- die Musik an der Spitze, durch die Straßen der Stadt;
war auch die Sonne nach halb 11 Uhr noch unter den Horizont gestiegen,
so blieb doch bis zum Wiederaufgang morgens halb 3 Uhr eine helle
Dämmerung, welche jedes künstliche Licht überflüssig machte.
Donnerstag, 7. Juli, 6 Uhr morgens lichteten wir die Anker; vom
Strande her wehten weiße Tücher zum Abschied; auch die vier englischen
Schiffe waren zur Abfahrt bereit und in dem Takelwerk der Dreimaster
stand, des Kommandos harrend, die Mannschaft -- ein überaus malerischer
Anblick.
[Illustration: Stolkjaerre.]
In mehrstündiger Fahrt, auf welcher das Auge von einem Entzücken ins
andere geriet, erreichten wir das südöstlich von Molde in verstecktem
Fjord gelegene Naes, den Ausgangspunkt für den Besuch des Romsdals
(d. h. Thal der Rauma), eines von hohen Bergen überragten und durch
schönen Baumwuchs ausgezeichneten Wiesenthales, das uns außerordentlich
an das Engelbergerthal von Stans bis Wolfenschießen erinnerte. Was
Naes und weitere Umgebung an Fuhrwerken auftreiben konnten, stund --
von Beyer aufgeboten -- am Strande bereit, außer einigen Landauern
hauptsächlich das charakteristische Vehikel Norwegens, die von den
Bauern gestellte Stolkjaerre (Stuhlkarre), welche Platz für zwei
Reisende und einen hinterhalb angebrachten Kutschersitz hat, sowie
das zweirädrige einplätzige Kariol, auf welchem der Reisende in einer
Art Sessel mit ausgestreckten Beinen sitzt, wobei die Füße in festen
Steigbügeln ruhen; dabei kutschiert er selbst oder aber ein hinten
aufsitzender Kutscher. Auch hier konnte man sich nur in englischer
Sprache verständlich machen.
Wir mieteten einen Zweispänner und fort ging’s, bergauf und bergab,
leider auf schrecklich staubiger Landstraße durch die malerische
Gebirgslandschaft, welche durch die 5000 bis 6000 Fuß über der
Thalsohle sich erhebende schneebedeckte Hexenzinne und das Romsdalshorn
beherrscht wird. Die wenigen am Wege liegenden und oft in wilden
Rosenbüschen verborgenen Bauernhäuser zeigen als Eigentümlichkeit mit
Erde bedeckte flache Giebeldächer, auf welchen üppiges Buschwerk und
Gras gedeiht -- allerdings eine bessere Garantie gegen Feuersgefahr als
die sonst hier auch üblichen Strohdächer.
Leider sind die blauäugigen wegelagernden Kinder hier -- dank dem
englischen Fremdenstrome -- schon weiter in der Kultur als anderswo
in Norwegen; man glaubt im Berner Oberland zu sein; kleine Sträußchen
werden in die Wagen geworfen, sofern man sie nicht freiwillig kauft,
und der blumenschleudernde Knirps bleibt mit großer Beharrlichkeit
an der Seite des Dahinrollenden, bis sein Geschoß oder ein Geldstück
wieder zurückfliegt. Auch strecken die kleinen Hände fremdes Geld her
mit dem Imperativ: „Change!“ und kennen ganz genau den entsprechenden
Münzwert.
Vierzehn Kilometer von Naes entfernt öffnet sich das Thal plötzlich zu
einer weiten grünen Mulde, an deren nördlichem Abhang ein freundliches
Wirtshaus liegt -- Horgheim. Hier hatte sich bereits ein buntes Leben
entfaltet. Dutzende von Amateurphotographen unseres Schiffes stunden
mit ihren Apparaten wie Jäger auf dem Anstand und fingen und fixierten,
was irgend möglich war, und mancher wird ahnungslos -- nicht immer
in der gerade gewünschten vorteilhaftesten Situation -- auf dem
lichtempfindlichen Papier eines Mitpassagiers mit diesem nach Hause
wandern und dort das Licht der Welt wieder erblicken.
Staubbedeckt kehrten wir Mittags an Bord unseres Schiffes zurück,
das uns nun schon als unsere zweite vertraute Heimat erschien, auf
deren reinen, seefrischen Gründen wir uns mit Behagen herumtrieben.
Nachmittags gab’s allerlei zu sehen, u. a. die Vorbereitungen zu einem
Ball, der abends auf Promenadendeck stattfinden sollte. Der Hauptraum
des Decks wurde mit Segeln gegen Wind und See abgeschlossen, mit bunten
Flaggen und Tüchern recht geschmackvoll und seemäßig dekoriert und
durch mächtige transportable elektrische Lichtreflektoren erhellt.
Die Schiffsbemannung wurde zur Ausfüllung der Muße dazu kommandiert,
die Rettungsboote ins Wasser zu lassen und unter der Führung je eines
Schiffsoffiziers Ruderübungen zu machen. Die fielen bei den Ungewohnten
komisch genug aus. Die achtrudrigen Boote bewegten sich wie Maikäfer,
die abwechslungsweise mit der Hälfte ihrer Beine an klebriger Unterlage
stecken bleiben. Es war nicht gerade sehr ermutigend, daß von zum Teil
offenbar ganz ungeübten Händen uns im Ernstfall die Hilfe kommen sollte.
Die Abfahrt von Naes, aus dem herrlichen Bergsee Romsdalfjord,
erfolgte abends gegen 9 Uhr mit dem gewohnten, aber immer wieder
packenden Abschiedsradau. Die Welt war in einer Farbenpracht, wie
ich sie nie zuvor gesehen. Dieses Grün der Wiesen und Wälder, dieses
glänzende Grau und Schwarz der mit Schnee bedeckten und teilweise
auch noch schwarz gefleckten Felswände und dieses Marmorweiß der
zu Thal stürzenden Bäche! Es muß in physikalischen Eigenschaften
der hiesigen Luft liegen, daß alle die Farben so überaus viel
intensiver ins Auge fallen als bei uns oder im Süden, sogar im
Orient; dieselben Eigenschaften bedingen wohl auch die Thatsache,
daß alle Distanzschätzungen hier viel zu knapp gemacht werden.
Gletscherabbrüche, die 15 Kilometer zurückliegen, scheinen in einer
halben Stunde erreichbar.
Bald nach der Abfahrt bewölkte sich der Himmel dicht und ganz bis
auf eine lichte Zone über dem westlichen Horizont, an welcher
das Wolkengewölbe wie ein steiler Wall abschloß. Die Sonne stund
noch hinter dem Gewölk, vergoldete aber deren Saum und warf einen
nordlichtartigen, gewaltigen Fächerschein auf die leichtgekräuselte
See. Jetzt senkt sie sich als mächtige Scheibe in die lichte Zone des
Horizonts; es sieht aus -- nicht wie Abendrot, sondern als ob ein
glänzender Tag anbrechen wollte.
Wir saßen auf Vorderdeck, in diesen herrlichen Anblick versunken. Was
kümmerten uns die im Tanz sich drehenden reichen Toiletten, Frack und
Seide, mit welchen, wie wir zu unserm Erstaunen gesehen, ein großer
Teil unserer „Polarreisenden“ plötzlich zuvor bei Tisch erschienen war!
Was kümmerte uns Tanzmusik und Champagner-Pfropfenknallen!
Die Beleuchtung wurde immer magischer. Auf die nun pechschwarz
dräuenden Gebirgspyramiden fiel durch Wolkenlücken das Licht in
goldenen Streifen, und diese wunderbar mit Schnee gekrönten Bilder
spiegelten sich in der dunkeln, tintigglänzenden Flut wie auf poliertem
Metalle.
Nochmals sahen wir auf der Rückfahrt durch den Moldefjord das
liebliche Molde; dann ging’s zwischen der Insel Otterö und dem
Festlande hinaus in die offene See und morgens 7. Juli früh in den
Trondhjemfjord, wo wir angesichts der alten norwegischen Königs- und
Krönungsstadt uns vor Anker legten. Vom Lande her tönte als freudig
applaudierter Gruß der seit Hamburg vermißte Pfiff einer Lokomotive.
Ich hätte nie geglaubt, daß dieses so prosaische und unmusikalische
Geräusch -- natürlich nur bei Landratten -- so heimatliche Gefühle
wecken könnte. Die in Drontheim (norwegisch: Trondhjem) endende
Eisenbahnlinie beginnt bei Kristiania und ist, fast 600 Kilometer lang,
die bisher einzig in Betracht kommende Bahnstrecke Norwegens.
~IV.~
Drontheim. -- Effekt des Polarstromes. -- Lerfos. -- Verspätete
zur Abfahrt. -- Erste Wale. -- Polarkreis.
Drontheim ist unter 63° 25′ nördlicher Breite weitaus die nördlichste
der größern Städte Europas; sie liegt auf einer vom Flusse Nid
gebildeten Halbinsel am Fjord gleichen Namens. Bedenkt man, daß die
genannte geographische Breite dem eisbegrabenen Grönland entspricht
und jenen Inseln des nordamerikanischen Archipels, in welcher seiner
Zeit die Franklin-Expedition zu Grunde ging -- Gegenden, in welchen im
Winter das Quecksilber gefriert --, so ist man erstaunt über die reiche
Vegetation dieser nordischen Stadt, wie der norwegischen Westküste
überhaupt. Der Sommer Drontheims entspricht dem des südlichen Irland,
der Winter dem milden von Dresden; der Fjord bleibt immer eisfrei und
auch der einmündende Süßwasserfluß gefriert äußerst selten.
Diese geographische Abnormität verdankt Norwegen einer
Warmwasserheizung (System und Qualität Gebrüder Sulzer, Winterthur),
deren Heizkessel sich im mexikanischen Meerbusen befindet und deren
Hauptröhre eine Breite von 400 Meilen, eine Tiefe von 1000 Fuß und
eine Länge von vielen hundert Stunden hat und durch welche sie in der
Sekunde 18 Millionen Kubikmeter warmen Wassers nach dem Norden wälzt.
Zur Zeit Karls des Großen und bis fast vor 500 Jahren noch wälzte sich
dieser tropische Warmwasserstrom auch noch nach Grönland, welches
dazumal, wie auch der Name deutet, ein grünes Weidenland war. Noch vor
einem halben Jahrtausend wohnte dort in 40 Dörfern eine Bevölkerung,
welcher ein eigener Bischof vorstand, und nun ist das gewaltige Land
völlig vereist und, wie der kühne Durchquerer Nansen zeigte, bedecken
300 Meter dicke Eisschichten die einst blumigen Triften. Die Ursache
dieser unerhörten Veränderung soll darin zu suchen sein, daß die im
Laufe der Jahrhunderte ins Meer vorgeschobene Korallenbank von Florida
den Golfstrom von seiner ursprünglichen nördlicheren Richtung abgelenkt
und Grönland vollständig entzogen hat. Für Norwegen aber bildet er den
Träger alles Lebens und Keimens und seine Wirkungen erstrecken sich bis
weit hinauf nach Spitzbergen und Nowaja Semlja -- wie lange noch, wird
man kaum mit Sicherheit sagen, aber doch mit einiger Wahrscheinlichkeit
berechnen können. Die hohe Temperatur des Golfstromes in nördlichen
Breiten war den Schiffahrern lange vor Entdeckung des Seethermometers
aus dem Umstande bekannt, daß die Getränke im Kielraume der Schiffe
warm wurden.
Ueber die Richtung des Stromes bekehrten anfänglich zufällige Befunde:
Treibholz aus dem tropischen Amerika an der grönländischen Küste,
Mahagoni- und Campechebäume in Spitzbergen etc. etc. Daß auch eine
Strömung in entgegengesetzter Richtung stattfindet, beweisen die
alljährlich zu Tausenden dem sibirischen Stromsystem entstammenden, an
der Nord- und Ostküste Spitzbergens und anderer baumlosen Polarländer
angeschwemmten Baumstämme.
Drontheim ist die Wiege des norwegischen Reiches. Hier wurden die
Könige gewählt und auf den Schild gehoben. Der Kultus des heiligen
Olaf, des Königs, dessen Leiche in silbernem Schrein hier bestattet
lag, zog jährlich Tausende von Anbetern herbei, und vor der
Reformation, welche diesen Pilgerzügen ein Ende machte, war Drontheim
die reichste Stadt Norwegens. 15 mal ist sie -- fast ganz aus Holz
erbaut -- im Laufe der letzten Jahrhunderte niedergebrannt. Jetzt zählt
sie noch 35,000 Einwohner.
Wir fuhren sofort ans Land, wo wieder die lange Wagenreihe der
Beyerschen Mietfuhrwerke bereit stund. Ein strammer Norwege, der auch
~yes~ und ~no~ sagen konnte, führte uns in seinem Zweispänner zuerst
nach der landschaftlichen Hauptsehenswürdigkeit dieser Gegend, den
Fällen des Nid, den sogen. Lerfos. Erst ging’s quer durch die Stadt,
deren Straßen alle eine auffällige Breite -- 30 bis 36 Meter -- haben,
zur Verminderung der Feuersgefahr; denn außer einigen öffentlichen
Hauptgebäuden sind auch wieder alle Häuser aus Holz erstellt. Dann
führte der Weg dem klaren Bergstrome nach, der zwischen dichtbewaldeten
steilen Böschungen fließt, landeinwärts. Ab und zu nützt eine Mühle
einen Bruchteil dieser mächtigen Wasserkraft; an einer Stelle sind
drei riesige Steinpfeiler in Keilform im Flußbette aufgemauert, um die
Wucht der Stromschnelle zu mildern. Die Ufer sind nicht durch Faschinen
geschützt, sondern durch eine Vorrichtung, welche ich sonst nirgends
gesehen: mächtige Balken sind durch eiserne Bindeglieder zu einer
fortlaufenden, am obern Ende verankerten Kette verbunden, welche nun
als beweglicher schwimmender Wall dem Uferrand, wo dies nötig schien,
einen Schutz gewährt.
Die norwegischen Pferde, welche uns zogen, sind leistungsfähige,
fettarme, aber sehr muskulöse kleine Tiere mit prachtvollem,
unverkürztem Schweife und einer ungewöhnlich dichten Mähne.
Tierquälerei wie im Süden haben wir nirgends gesehen und die Fürsorge
für die Tiere zeigte sich in wohlthuender Weise vor einer stärkern
Steigung der Straße, etwa eine Stunde hinter Drontheim -- ungefähr
unserm „Aumühlestich“ entsprechend -- wo die Fahrenden durch eine Tafel
am Wege zum Aussteigen aufgefordert werden. Hier war die Inschrift
nicht nur norwegisch und englisch, sondern ausnahmsweise auch deutsch
und lautete: „Man bittet das reisende Publikum, selbst den Berg zu
spazieren, um die Pferde zu schonen.“ Das thaten wir denn auch gerne
und freuten uns über die tierfreundliche Maßregel.
Die beiden Fälle des Stromes, bekränzt von schönem lichtem Laub- und
Nadelholzwalde, sind wirklich sehenswert, namentlich der obere, wo die
gewaltige Wassermasse, ähnlich wie der Rheinfall, durch einen Felsen in
zwei Teile geteilt über 100 Fuß herunterstürzt und zum Teil als weißer
Gischt wieder in die Höhe steigt. Wo oben die Fluten sich zum Falle
anschicken, lassen sie in kristallklarer Tiefe wunderlich geformte und
grell gefärbte Felsen in überraschender Schärfe erkennen, ein Bild, wie
es Boecklin zu malen versteht.
[Illustration: Oberer Lerfos.]
Nach Drontheim zurückgekehrt, besuchten wir vor allem den Dom, wohl
das herrlichste Bauwerk des Nordens, von König Olaf Kyrre im elften
Jahrhundert über dem Grabe Olafs des Heiligen gegründet und später
bedeutend erweitert. Brand und Blitzschlag haben das Gotteshaus
vielfach geschädigt und die 1869 begonnene und mit einem jährlichen
Aufwand von 100,000 Kronen (ca. 140,000 Franken), beschlossene
Restauration wird noch Jahrzehnte dauern. Aber was zu sehen ist, ist
von überwältigender Schönheit. Durch ein romanisches Kapitelhaus
gelangt man in das in reichster Gothik ausgeführte Kuppelachteck, das
durchbrochene, schlanke Säulengänge von in diesem gebirgigen nordischen
Lande unerwarteter Zierlichkeit zeigt. Daran anschließend ist die in
Kreuzform gebaute Hauptkirche. Die Wände sind aus graublauem Saponit,
die Säulen -- ein sehr wirkungsvoller Kontrast -- aus hellem Marmor.
Das Hauptschiff ist leider zur Zeit noch abgeschlossen und dient als
Werkstätte. Um die Domkirche, die auch von außen einen erhabenen
Eindruck macht, liegt ein freundlicher Kirchhof mit blumengeschmückten
Gräbern.
[Illustration: Dom in Drontheim.]
Bevor wir auf unser Schiff zurückkehrten, kreuzten wir ein bißchen die
Straßen der Stadt, freuten uns über eine in flottem Stile aus Stein
erbaute höhere technische Schule und über die prächtigen Straßenalleen
aus der vollkronigen nordamerikanischen Pappel („~Bobbulus balsamifera~
mid’n hardden ~B~“ erklärte ein liebenswürdiger Botaniker den
Mitreisenden, und „Ich bin Se nämlich aus Leibz’g“ fügte er als
Entschuldigung für die Orthographie gemütlich bei.)
Punkt 6 Uhr sollten wir abfahren; die Falltreppe war aufgezogen, der
Anker los; der Kapitän ließ das Schiff langsam wenden und die Kapelle
spielte auf Oberdeck einen Abschiedsmarsch. Da kam aber noch ein
verspäteter Nachzügler per Extraboot, dem man warten mußte. „Herr
Kapellmeister, lassen Sie doch spielen: ’s kommt a Vogel geflogen!“
rief’s vom Promenadendeck herauf. Endlich war der Spätling geborgen,
das Schiff gedreht und die zwei Schrauben arbeiteten vorwärts.
Plötzlich wird aber nochmals Halt kommandiert; das Auge des Kapitäns
hatte ein weiteres Hindernis erkannt und zehn Minuten später kam es
auch uns gewöhnlichen Menschenkindern zu Gesicht: eine mit dem Nastuch
winkende Dame, welche von zwei Norwegern mit Aufwand aller Kräfte zum
Schiffe gerudert wurde. Von 400 wütenden Augenpaaren fixiert, stieg die
Dame an Bord; es war eine wegen ihrer Rücksichtslosigkeit berüchtigte
Wienerin, die „Jungfrau mit 16 Koffern und 30 Hüten“, die täglich
zweimal in ganz neuer Toilette bei Tisch erschien und alltäglich --
zur Qual des Stewards -- Tischplatz und Kabine zu wechseln wünschte
und gewöhnlich zu nachtschlafender Zeit um Thee und belegte Brötchen
klingelte. Was den Passagieren aus Zoologie, Botanik und Meereskunde
geläufig war, erhielt die Unglückliche als Titulatur, und man rechnete
aus, daß die dreiviertelstündige Verspätung, welche sie dem Schiffe
verursachte, genau für 300 Mark Mehrverbrauch an Kohlen bedeute.
Nun aber ging’s vorwärts, unausgesetzt nach Norden. Als ich am andern
Morgen um halb 7 das Verdeck betrat, schwammen wir bei herrlichstem
Wetter auf offenem Meere, und das Erste, was ich erblickte, waren zwei
Wale in unmittelbarer Nähe des Schiffes, deren Rücken und die mächtige
Schwanzflosse über Wasser guckten und die nach jeweiligem Tauchen das
bekannte Schauspiel des aufspritzenden Wassersprudels in deutlichster
Weise gewährten.
Um halb 9 Uhr passierten wir den _Polarkreis_ -- mit einem deutlichen
Ruck, wie einige Herren den Grünen weißmachen wollten. Einem naiven
Schiffsjungen führte man den Polarkreis durch einen dem Objektiv eines
Fernrohres vorgespannten Faden in überzeugendster Weise zu Gesichte.
Ein Kanonenschuß gab Kunde von dem wichtigen Moment, den einige
Amerikaner wieder mit Sekt feiern zu müssen glaubten.
Möven und kräftige schwarzweiße Enten belebten das Meer; die letzteren,
sogen. Lummen, tauchen so gewandt, bleiben so lange unter Wasser und
bewegen sich nachher durch Schlagen des Wassers mit den Flügeln, wobei
sie eine deutliche Bahn zurücklassen, so nach Art der fliegenden Fische
vorwärts, daß es einige Zeit dauerte, bis ich sie in ihrer richtigen
Eigenschaft erkannte. Sie sind so dick, daß sie nur bei Windströmungen
weitere Strecken fliegen können.
Da das Wetter tadellos, ist alles an Bord in bester Laune.
Selbstverständlich sieht männiglich nach großen Seetieren aus und der
Ruf „Wale, Wale!“ schreckt auch die behaglich Schlummernden aus ihrer
Ruhe. Alt und jung rennt zur Brüstung, die meisten, um nachher mit dem
erhabenen Bewußtsein sich wieder zu legen, daß irgendwo ein Walfisch in
der Tiefe der Salzflut vorbeigerudert sei.
„Sie Unterländer, kommen Sie doch mal ruff; hier oben ist’s viel
schöner!“ ruft ein gemütlicher Süddeutscher den ein Stockwerk
tiefer Weilenden vom Bootsdeck herab zu. „„Ne, Herr Notarius;
kommen Sie sofort ’runter; wir trinken Cognäkker!““ schallt’s aus
der Tiefe. „Ne, da finden Sie keine Gegenliebe; ich widme mich der
Temperenz!“ Derartige Dialoge sind so die Durchschnittsqualität der
Polarkreis-Konversation an Bord der „Auguste Viktoria“.
~V.~
Lofoten. -- Mitternachtssonne. -- Sonntag zur See. --
Walfischdampfer. -- Hammerfest. -- Vogelriff. -- Das Nordkap und
seine Besteiger.
Gegen Mittag kam die südlichste der _Lofoten_ zu Gesicht -- die
Insel Vaerö. Der Kapitän lenkte von der Kommandobrücke her unsere
Aufmerksamkeit auf die den Fischerbooten oft so gefährliche
Meeresströmung -- Malström -- zwischen Vaerö und der großen Insel
Moskenaesö; die Strömung machte sich sogar dem Steuer unseres
Kolossaldampfers bemerkbar.
Die malerischen, zum Teil noch schneebedeckten Gebirgsinseln der
Lofoten und der Westeraalen ließen wir in mehrstündiger Fahrt rechts
liegen. Das Küstengebirgspanorama wurde nachher von Stunde zu
Stunde interessanter; bald passierten wir in der Nähe vorgelagerte
Inselgruppen mit senkrecht abfallenden Felswänden, bald öffneten sich
tief einschneidende Fjorde und mächtige schneebedeckte Gebirgszüge im
Innern. Von unbeschreiblichem Reize war das Farbenspiel auf Wasser und
Land.
Aber das Beste des Tages kam noch. Heute ging sie zum erstenmal
nicht unter, die liebe Sonne; um Mitternacht stund sie als goldene
Riesenscheibe noch 2° über dem Horizont und spiegelte ihr Bild im
Meere, um sofort wieder den Kreislauf des kommenden Tages anzutreten.
Der erhabene Moment wurde mit Musik und allgemeinem Umzug auf Deck und
von den Amerikanern mit -- Champagner gefeiert.
Mitternachtsonn auf den Bergen lag,
Blutrot anzuschauen.
Es war nicht Nacht, es war nicht Tag,
Es war ein seltsam Grauen.
sagt Esaias Tegner.
Die Beleuchtungseffekte der um Mitternacht über dem Horizonte stehenden
Sonne sind allerdings ungewohnte; aber das Entzücken vieler Reisenden
über diese Erscheinung beruht, wie mir scheint, doch hauptsächlich
auf einem Kontrastbewußtsein; wüßte man nicht an der Hand der Uhr,
daß die zwölfte Stunde der Nacht da ist, so wäre das Schauspiel von
einem gewöhnlichen Sonnenuntergange in nordischen Landen kaum zu
unterscheiden.
[Illustration: Mitternachtssonne.]
Für uns Reisende brachte die taghelle Nacht den Uebelstand, daß keine
gleichmäßige Trennung von Schlafen und Wachen mehr stattfand. Man
konnte lange sich rechtzeitig zu Bette legen; dutzend Andere zogen vor,
beim Schein der nächtlichen Sonne fröhlich und munter zu bleiben und
tagsüber zu schlafen; die armen Stewards mußten großenteils 24 Stunden
per Tag auf den Beinen sein und die „nachtschlafenden“ Passagiere
fanden auch keine Ruhe.
Am 9. Juli brach ein herrlicher Sonntag an. Um 6 Uhr ertönte vom Deck
der Choral: „Wie schön leucht’ uns der Morgenstern!“ -- Hinauf in
die reine, sonnige Meerluft! Die Kapelle hatte sich unterdessen auf
Vorderdeck neben der Kapitänskajüte aufgestellt. „Lobet den Herrn,
den mächtigen König der Ehren!“ schallte es vom Meer zum Himmel. Da
kein Nebel und keine Wolke den Horizont trübte, ließ der Kapitän unser
Schiff seinen Kurs über Hammerfest nehmen, was bei trübem Wetter
ein Wagnis gewesen wäre. Auf diese Weise wurde uns der Anblick der
nördlichsten Stadt der Erde (70° 40′) zu teil.
Eine Stunde vor erreichtem Ziele holten wir einen Walfischdampfer
ein, der vier mächtige tote Wale nachschleppte. Unser Schiff hielt an
und ließ das Fahrzeug dicht an uns herankommen. Da konnten wir die
interessante Beute nicht nur sehen, sondern auch riechen; denn der
eine der Riesen war schon stark in Verwesung übergegangen und durch
Fäulnisgase zu einer unförmlichen Masse aufgetrieben. Ein zweiter trug
noch die mächtige Harpune im Leib. Auffallend ist die regelmäßige
parallele tiefe Längsfaltenbildung am Bauche des Tieres. Der kleine
schwarze Dampfer, der wohl seit Wochen mit der Unbill des nördlichen
Eismeeres gekämpft hatte, sah sehr mitgenommen aus; die Bemannung
-- ein halbes Dutzend bärtiger Norweger und zwei Jungens -- stak in
Ruß und Fett. Aber als unsere Kapelle ihre Nationalhymne spielte,
da entblößten alle das Haupt und horchten unbeweglich und ergriffen
den geliebten Tönen. Das dreifache Hurrah, das sie mit Schwenken
ihrer geschwärzten Mützen zum Dank in die Luft hinaus schmetterten,
entstammte -- das fühlte man -- der Tiefe ihrer Seele. An einem Seile
wurden den Leuten, die wohl viele Entbehrungen durchgemacht, Brot,
Fleisch und Pomeranzen hinübergeschleudert, und nachdem sämtliche an
unserm Bord befindlichen photographischen Apparate sich des seltsamen
Bildes bemächtigt, fuhr unser Koloß stolz von dannen und hatte den
kleinen tapfern Rivalen bald aus dem Auge verloren.
[Illustration: Walfischdampfer.]
Unmittelbar gegenüber Hammerfest wurde dann ein halbstündiger Halt
gemacht, so daß man das seltene landschaftliche Bild gehörig in sich
aufnehmen konnte. Die Umgebung der Stadt ist trostlos kahl. Kein Baum
wächst da. Vom 18. November bis zum 23. Januar herrscht absolute
Nacht; die Sonne erscheint während dieser Zeit nie und das Licht wird
dann elektrisch produziert. Aber im Sommer ist reges Leben im Hafen,
welcher den Hauptplatz für den Handel nach Rußland bildet. Auch die
Fischerflotten nach dem Eismeer gehen von hier aus, und seit drei
Jahren wird im Juli und August -- sofern das Meer offen -- alle acht
Tage ein Postdampfer nach Nordkap und Spitzbergen geschickt, an welch’
letzterem Platze, in Eisfjord, die betreffende Gesellschaft sogar ein
hölzernes Unterkunftshaus für Jäger und Touristen hat aufstellen lassen.
Die Häuser Hammerfests sind alle aus Holz gebaut und heben sich
gegen das graue Gestein des Gebirges nicht sehr deutlich ab. Immerhin
machen die Kirche und ein auf der Höhe liegendes großes Gasthaus, zu
dem ein Zickzackweg führt, einen freundlichen Eindruck. Eine weithin
sichtbare Granitsäule im Norden der Stadt trägt eine bronzene Erdkugel
und erinnert an die russisch-skandinavische Meridianmessung der
Jahre 1818-1852, welche in einer Ausdehnung von 25° 21′ vom Eismeer
(Hammerfest) bis zur Donau (Ismail) durch Norwegen, Schweden und
Rußland auf Befehl des Königs Oskar ~I.~ und der Kaiser Alexander ~I.~
und Nikolaus ~I.~ in ununterbrochener Arbeit ausgeführt wurde.
Daß Hammerfest auch den Ruf der kinderreichsten Stadt verdient, konnten
wir bald sehen; der ganze Quai stund dicht voll kleiner Norweger und
Norwegerinnen, welche das ferne Schiff anstaunten und die Weisen
unserer Musikkapelle mit Applaus lohnten. Zuerst stieg die norwegische,
dann die russische (Rußlands Grenze ist nicht weit entfernt und ein
Vertreter der Nation offiziell in Hammerfest), dann die deutsche und
endlich die amerikanische Nationalhymne. Lauter als alles aber tönte
das markige Sempacherlied in meinem Herzen.
Unter Hurrah der ganzen Bevölkerung -- die vielen hohen Kinderstimmen
gaben aber entschieden den Ausschlag -- schieden wir von der einsamen
Stätte und wendeten unsern Kiel noch größerer Einöde zu. Die Landschaft
wurde immer dürftiger. Gebirgsstöcke von auffällig regelmäßiger
Pyramidenformation begrenzen den Fjord; eine Felswand zeigt die ganz
überraschenden Züge eines menschlichen Gesichtes: einer riesigen,
fragend und drohend nach dem ungewissen Norden schauenden Sphinx.
Ueber die knapp mit Moos bewachsenen Felsabhänge und über steile
Schneefelder eilten Herden von Rentieren mit der Gewandtheit von Gemsen
und wurden durch das Nebelhorn unseres Schiffes zu raschester Gangart
aufgeschreckt. In der steinigen Einöde sah man zur Seltenheit einmal
die Hütte einer Lappenfamilie. Dann brachte etwa der Ruf „Wale! Wale!“
Abwechslung in die Einförmigkeit; alles stürzte nach der entsprechenden
Schiffsseite, um mit allgemeinem Gelächter der Enttäuschung ein paar
harmlose, in elendem Nachen vorbeirudernde Lappen zu begrüßen.
In dieser Situation gedieh der Kalauer und wuchsen die Vermutungen
über Andrees Schicksal im Quadrate der Annäherung an den Punkt seines
kühnen Aufstieges. „Glauben Sie nicht, daß wir Andree suchen wollen,
Herr Doktor?“ meinte ich zu dem gemütlichen, stets von seiner Gattin
begleiteten Botaniker aus Leipzig. „„Nee, meine Frau leidet es nischt,
daß ich And’re nachlaufe.““
Eine große und interessante Abwechslung brachte die Vorbeifahrt an
dem steilen Vogelriff Svaerholt-Klubben. Dort nisten zu Millionen
Eiderenten, Alken und Möwen, und durch hingeschleuderte Raketen
aufgescheucht schwebten sie als kreischende, mächtige Wolke in die
Luft, wo sie im Glanze der Sonnenstrahlen die Erscheinung eines
dichten Schneegestöbers vortäuschten, oder stürzten sich lärmend in
die mit weißer Brandung aufspritzenden Fluten, um bald wieder zu
ihren häuslichen Pflichten zurückzukehren. Die Felswand ist siebartig
mit Nestern bedeckt. Angelehnte Leitern ermöglichen den herfahrenden
Fischern, einen Teil der Eier wie auch die kostbaren Flaumfedern zu
erbeuten.
Abends gegen halb 9 Uhr stund es vor uns, „der Grenzstein der
Schöpfung“, wie Tacitus es nannte, das nördliche Ende Europas, der
schwarze, unheimliche, zerrissene Koloß des _Nordkaps_. Wir ankerten
in einer Bucht der Ostseite, wo im Sommer ein Fischer in elender
Hütte wohnt und ein wackeliger Landungssteg den Zutritt zum Lande
ermöglicht. Der von dort ausgehende Weg war schon vom Schiff aus zu
erkennen, zuerst als unregelmäßige, steil aufsteigende Linie, dann als
Zickzacklinie über Felsen und Schneefelder, als ob der Blitz die Spuren
gezeichnet hätte.
[Illustration: Das Nordkap.]
Nun ging’s ans Ausbooten. Der Erste, der nach oben wanderte, war
der vielgeplagte Postmeister, der u. a. 4000 -- sage viertausend --
Ansichtspostkarten auf die Spitze des Kaps zu schleppen hatte, um
sie dort abzustempeln. Der arme Mann zeigte mir nachher seine mit
Druckblasen bedeckte rechte Hand. Die Ansichtskartenwut erreicht
überhaupt auf der „Auguste Viktoria“ den höchsten Grad. Vor jeder
Station werden ihrer zu Tausenden gekauft und beschrieben, und die
Gesamtziffer der auf dieser Fahrt versandten Kartengrüße dürfte 20,000
wohl übersteigen. Hinter dem Postmeister kletterten die tapfern
Musikanten, die sogar die große Pauke mit in die Höhe schleppten.
Als wir ans Land fuhren, war der Weg bis oben schon durch wandernde
schwarze Punkte gekennzeichnet, die sich namentlich auf dem Schnee mit
geradezu komischer Deutlichtkeit abhoben, unten sehr dicht, nach oben
zu aber immer dünner gesäet erschienen.
Ich hatte die Fürsorge über fünf Damen übernommen; drei verzichteten
nach einer Viertelstunde, zwei brachten es bis zur Schneegrenze! Dort
kämpfte in mir die Lust, den Spaziergang nach oben fortzusetzen,
mit dem ritterlichen Gefühle der Verantwortlichkeit für meine
Schutzbefohlenen. Das letztere siegte und ich zog -- als schützender
und stützender Bergführer, welche Eigenschaft nicht hinderte, daß ich
einigemal sehr unsanft auf den nassen, steilen Weg zu sitzen kam -- den
Rückzug an. Der Weg war aber auch unter aller Kanone. Ein Seil, das
an den schlimmsten Strecken Stütze gewähren sollte, war so miserabel
befestigt, daß es an den meisten Stellen als loses Tau am Boden lag,
und oben, wo der kritischste Aufstieg begann, hörte es überhaupt auf.
So lagerten wir uns denn, glücklich unten angelangt, auf
moosigem Grunde, freuten uns über die bunte darin wurzelnde Flora
und sahen nicht ohne Behagen den alpenklubbistischen Versuchen
unserer Mitpassagiere zu. Da gab’s zu lachen! Manch’ Einer, der mit
welterobernder Miene an uns vorbeizog und im Sturmschritt die ersten
300 Meter durchschritt, kam eine halbe Stunde später als geknickte
Rose mit demütigster Miene oder auch polternd und fluchend zurück.
Spezielles Vergnügen machte uns ein Hüne von Gestalt, der im sichern
Bewußtsein, den Grenzstein Europas spielend zu ersteigen, wie ein
Sieger an uns vorüberschritt. Aber wie kehrte er über ein Kleines
zurück! Ich habe schon Menschen auf einem und auf zwei Beinen und in
allen möglichen Gangarten marschieren sehen, auch auf allen Vieren;
ich sah die Species ~homo sapiens~ schon hüpfen, tanzen, kriechen
etc. -- aber diese hier vor Augen geführte Gangart war mir völlig
neu. Im Gesichte den Ausdruck von Angst und Entsetzen, den Körper
in Rückenlage, als ob er sich gegen einen aus der Luft anstürmenden
Drachen kampfbereit stellen wollte, rutschte der Unglückliche auf drei
Extremitäten Zoll um Zoll vorwärts, während die vierte krampfhaft
das am morastigen Boden liegende, schlaffe Seil hielt, von dem alles
eher als irgend ein Halt zu erwarten war. So kroch die Jammergestalt
zu Thal, die Rockschöße im Schlamme nachschleppend, und mag wohl
Gott gedankt haben, als sie wieder horizontalen Boden unter den
Füßen fühlte. -- Wenig bessern Erfolg zeigte ein sehr trinkbarer und
korpulenter Weinbaron, der sich die Seitentaschen mit Rheinweinflaschen
vollgepfropft hatte. Von fünf zu fünf Minuten schuf er eine Labestation
und ehe die Mitte des Aufstiegs erreicht war, ging der Vorrat an
„Stärkungsmaterial“ und der Thatendrang zu Ende; schweißtriefend und
pustend kehrte Sir Falstaff nach dem sichern Ufer zurück. Als einer der
letzten kam der Schiffsdoktor und machte meine Prophezeiung, er werde
die obern Stufen des Parnassos nicht erreichen, glänzend zu Schanden.
-- Von den 360 Passagieren gelangten kaum 100 bis zur Spitze des Kaps.
Dort wurde in einer Hütte Champagner ausgeschenkt. Der Wirt soll an dem
Abend 2000 Kronen eingenommen haben.
Einen ergreifenden Eindruck auf die oben Versammelten machte es, als
die Musikanten im Glanze der zum Horizonte sich senkenden Sonne das
Kreutzersche: „Das ist der Tag des Herrn“ intonierten. Ein kleines
Intermezzo schuf die übermütige Champagnerlaune eines Amerikaners,
der auf der zu Ehren seines Besuches von Kaiser Wilhelm errichteten
Steinpyramide eine leere Champagnerflasche mit der amerikanischen
Flagge aufpflanzte. Kurz besonnen fegte eine kleine deutsche Dame
das taktlose Zeug herunter; der Uebelthäter aber machte seine
Unbesonnenheit dadurch gut, daß er -- von ältern Herren aufgefordert --
der Germanin ordentlich Abbitte leistete.
Um 12 Uhr waren wir an Bord und genossen das Schauspiel der
Mitternachtssonne nochmals in glänzendster Weise. Drohend stieg vor
uns das grausige schwarze Gestein des Nordkaps in die Höhe, am Fuße in
glänzend grüne Vegetation gebettet. Das Meer war wie wogende Tinte und
der Reflex der Sonne in der bewegten Flut gewährte ein zauberhaftes
Bild. Der lichte Horizont grenzte mit eigentümlicher Schärfe gegen das
schwarze Meer ab. Bis gegen 2 Uhr sah man sie -- die das Kap besiegt
-- die Zickzackwege herunterkrabbeln; zwei Matrosen begingen sogar
die Tollkühnheit, über die steilen Schneeflächen mit Blitzesschnelle
herunterzurutschen.
Noch näherte sich ein kleines Fischerboot unserm Schiffe; zwei frisch
gefangene Halibutten, von welchen jeder 100 Kilo wog, wurden für 80
Kronen als Nahrungsmittel für uns erstanden. Um 2 Uhr ertönten die
letzten Weisen unserer unermüdlichen Schiffsmusik; dann wurde der Anker
gelichtet, vorwärts ging’s -- im taghellen Lichte der Nachtsonne -- dem
Eismeere zu.
~VI.~
Bäreninsel. -- Eisberge. -- Fahrt durch das nördliche Eismeer. --
Gang durch das Schiff. -- Passagiere. -- Tageseinteilung.
Offene See zwischen Digermulen und Aalesund, 18. Juli 1899.
Unser Kurs geht wieder nach Süden. _Spitzbergen_ liegt hinter uns.
Wir haben allerdings die Tücke des nördlichen Eismeeres erfahren
müssen, indem ein plötzlich auftretender dichter Nebel, der die
Fahrt in jenen Gewässern zu einer äußerst gefährlichen gestaltet
hätte, uns zu früherer Rückkehr zwang, als beabsichtigt war; aber ein
hochinteressantes Stück des merkwürdigen Länder- und Meeresstriches
haben wir doch gesehen.
Im Sonnenglanze und unter den Klängen unserer Schiffskapelle setzte
sich die „Auguste Viktoria“ um 2 Uhr am Morgen des 10. Juli vom Nordkap
weg in Bewegung; ihr nächstes Ziel war die Bäreninsel. Erst gegen 4
Uhr gab’s Ruhe an Bord; so lange ließen mich das vom Promenadendeck
her schallende frohe Lachen und die auf unsern Köpfen promenierenden
Nachtwandler und -Schwärmer nicht einschlafen. Der folgende Tag
machte ein düsteres Gesicht: bleigrau der Himmel und grau, ohne
Glanz, das Meer; dazu eine Temperatur von 5° ~C~. Fröstelnd und in
alle verfügbaren Mäntel und Teppiche gehüllt saß man auf Deck oder in
geheizten Gesellschaftsräumen. Nachmittags blies ein eisiger Wind;
die Luftwärme sank auf 2°; jetzt erst kam uns die Anwesenheit im
nördlichen Eismeere zum Bewußtsein. Seevögel und zur Seltenheit der
mächtige Rücken eines Wales brachten etwas Leben in die sonst trostlose
Meereinsamkeit; einmal glitt auch eine Gruppe von sechs solcher Kolosse
an uns vorüber -- es waren wohlgezählt ihrer sechs --, aber als ich
nach 10 Minuten auf die andere Bordseite kam, hörte ich schon von
zwölfen erzählen und bei der Tafel sprach man manchenorts von der
Walfischherde von „mindestens zwanzig Stück“, während ein jugendlicher
Nimrod im Rauchzimmer nachher „gegen hundert“ beisammen gesehen haben
wollte.
Gegen 5 Uhr kam die Bäreninsel in Sicht, ausnahmsweise einmal
nebelfrei, aber von dichtem Gewölk überlagert. Dieses unter 74° 30′
n. Br. liegende Eiland wurde 1596 entdeckt und nach einem daselbst
erlegten über 12 Fuß langen Eisbären so benannt. Jetzt paßt dieser Name
nicht mehr, da kein einziges jener wilden Tiere dort mehr zu finden
ist. Das unbewohnbare, 68 Quadratkilometer große Gebirgsland gehört
ausschließlich der Vogel- und Fischwelt und den Walrossen, von welchen
Ungeheuern einstens von einer englischen Expedition unter Bennet innert
sieben Stunden nahezu 1000 Stück erlegt worden sein sollen. Die Insel
besteht aus einem 50-100 Meter hohen felsigen Plateau, über welche sich
am südlichen Ende der 400 Meter hohe Elendsberg erhebt, so benannt,
weil von seinem Gipfel herab ein Schiffer die Zerstörung des ihn
abholenden Bootes mitansehen mußte. Daß auch dieses vergletscherte Land
einst bessere Zeiten gesehen, beweisen die Steinkohlenlager, welche
in mächtigen Schichten zwischen Thonschiefer, Sand- und Kalkstein
zu finden sind und die wohl hauptsächlich Deutschland den Besitz
der Insel als wünschenswert erscheinen ließen. Bei der Annäherung
entdeckten wir starke Treibeismassen, die auffallend -- schon auf große
Distanz -- gegen die Meeresfläche abstachen, und einen prachtvollen
Eisberg von Pyramidenform. Sein Ursprung von einem der grandiosen
Gletscher Spitzbergens war schon aus seiner durchsichtig blaugrünen
Farbe und seiner absoluten Schneefreiheit ersichtlich. Wenn man sich
vergegenwärtigte, daß das, was man über dem Wasser schwimmen sah,
nur ⅛ der Größe des Kolosses ausmachte, so erhielt man Respekt vor
diesem schwimmenden Riesen und vermied es gerne, in seine unmittelbare
Nähe zu kommen. Beim Drehen des Schiffes zeigte der Eisberg die ganz
unverkennbare Form eines schwimmenden -- Kameles, was von uns als zarte
Anspielung aufgefaßt wurde auf uns Passagiere, die wir, wie dieser
Wüstenbewohner, den warmen Süden verlassen hatten, um im unbehaglichen
Norden zu frieren. Walrosse, welche einige Beobachter am Fuße des
Eisberges zu sehen versicherten, konnte ich mit unbewaffnetem Auge
nicht als solche qualifizieren; wir wollen hoffen, daß es solche
gewesen sind, sonst hätten wir auf der ganzen Reise keine andern
als bis auf die glotzäugige Fratze im Wasser verborgene zu Gesichte
bekommen. Ein zweiter Eisberg war dicht mit Vögeln besetzt, die beim
Ertönen unserer Dampfpfeife mit Gekreisch in die Luft flogen.
Als wir uns dem nordwestlichen Ende der Insel näherten, zerriß
plötzlich die Wolkendecke und in voller Schönheit erglänzten die
sonnbestrahlten vergletscherten Flächen und Abbrüche des Hochplateaus.
Auftauchende Masten erwiesen sich als einem deutschen Schiffe
angehörig, dessen Flaggengruß von uns erwidert wurde.
Bald hatten wir die phantastischen Formen der felsigen Insel mit den
zahllosen durch das Meer benagten Klippen aus dem Auge verloren und
uns empfing wieder die trostlose Einöde des bewölkten Eismeeres. Diese
Situation, bei der doch weiter nichts zu sehen ist, benütze ich, um
dich, lieber Leser, zu einem Gang durch das Schiff einzuladen, bei
welcher Gelegenheit du auch einige der Mitreisenden kennen lernen
sollst.
Beginnen wir in der Morgenfrühe in meiner Klause, der Kabine oder
Schiffskammer, wie das Ding seit der deutschen Sprachreinigung genannt
wird. So früh als möglich, meist aber erst nach 6 Uhr, schwinge ich
mich, eine kleine akrobatische Leistung, aus der Apfelhurde, hier
Bett genannt, und erfülle die Pflichten eines zivilisierten Menschen
zur Erzielung einer gewissen Salonfähigkeit. Der Begriff ist Gottlob
dehnbar; ich lebe nach dem landläufigen vaterländischen und kümmere
mich wenig um Gehrock und Lackschuhe, wie sie unter den mitreisenden
„Touristen“ der „Auguste Viktoria“ allerdings überraschend zahlreich
vertreten sind; ja sogar Frack und Cylinder und weiße Weste fehlen
nicht, für den Aufenthalt auf Spitzbergen besonders nützliche
Gegenstände. Nachdem ich mich durch Poltern an der Wand über den Grad
der kulturellen Entwicklung meiner lieben Nachbarinnen informiert,
lass’ uns auf Deck steigen. Der Weg führt eine Treppe in die Höhe,
dann zwischen den wuchtig arbeitenden Maschinen hindurch in das
Gebiet der Oberdeckkabinen; dort liegen auch Bäckerei, Konditorei und
Küchenlokalitäten; durch die geöffneten Thüren sehen wir Köche und
Bäcker in voller Arbeit; in mächtigen Kesseln wird Fleisch gesotten
-- die Passagiere wollen ja täglich zweimal frische Bouillon haben
--; auch Nase und Ohr bekommen ihr Teil; aus der Konditorei strömt
Vanilleduft, und in der Hauptküche keift der Oberkoch mit einer
durchdringenden, so phänomenalen Tenorstimme, daß ich Lust hätte, ihn
für den O.-G.-V.[2] zu werben, wobei allerdings seine kulinarischen
Fähigkeiten Einbuße erleiden müßten.
Eine weitere Treppe führt uns auf den Mittelpunkt des an Bord
pulsierenden Lebens, auf das Promenadendeck. Die vornehme Welt schläft
noch und unbenützt stehen vorläufig die 400 eleganten, mit Plaids und
Büchern belegten Liegestühle in langen Reihen neben einander, um im
Laufe des Tages nach allen möglichen Plätzen des Schiffes geschleppt
zu werden. Wie schön ist doch die Welt vom Stand- oder vielmehr
Liegepunkte einer solchen Lagerstätte aus! Sind Beine, Arme, Kopf und
Augen in der zweckmäßigsten Position, um ja nichts Interessantes sich
entgehen zu lassen, so ist man nach wenig Minuten eingeschlafen und
läßt schnarchend die malerischsten Fjords und die größten Walfische an
sich vorüberziehen.
Während Schiffsjungen und Deckstewards das Deck durch Wasserströme und
Putzlappen unsicher machen, steigen wir noch eine Treppe höher, auf
Bootsdeck. Von dort herab beherrscht der Blick die ganze Umgebung des
Schiffes; dort steht auch die elegante Kapitänskajüte und vor ihr das
Navigationszimmer, mit Karten und wissenschaftlichen Apparaten, über
welchem die Kommandobrücke aufgebaut ist. Unablässig promeniert dort
oben, mit bewaffnetem Auge den Horizont musternd, einer der beiden
Lotsen; im Mastkorb ist außerdem ein ausschauender Matrose und bei
schlechter See oder trübem Wetter noch ein zweiter an der vordersten
Spitze des Schiffes.
Hier, auf dem Vorderteile des Bootsdeckes, um Kapitänkabine und
Kommandobrücke, ist der Lieblingsplatz derjenigen, welche gern viel
sehen und, ungestört vom Menschengetriebe, die Naturwunder genießen
möchten und welche es nicht fürchten, wenn ihnen ein bißchen Seewind
um die Ohren pfeift. Zu diesen gehört das kleine Trüpplein Schweizer
an Bord der „Auguste Viktoria“. Nur Küchendunst und die Donnerwetter
des Tenoristen am Bratspieße stören gelegentlich den Frieden dieses
Hochplateaus. Dafür kann man sich den Spaß machen, durch die offenen
Lücken aus der Vogelperspektive das Leben und Treiben der Köche zu
beobachten und vor allem ihre fabelhafte Gewandtheit im Tranchieren von
Fleisch und Geflügel bewundern.
Unterdessen fängt das Promenadendeck an sich zu beleben. Ein’s nach
dem andern erscheint; man erzählt sich die Erlebnisse der vergangenen
Nacht; es gibt Leute, die immer gerade dann etwas ganz besonders
Interessantes und Merkwürdiges gesehen haben wollen, wenn andere zu
Bett lagen. Darüber allmorgendlich schmerzliches Lamento: „Sieh’ste
Aujust, ich sachte ja doch, wir wollten noch en bischen auf Deck
bleiben; da haben wir nun wieder die janze schöne Jeschichte verpaßt!“
Allem Ärger und Geplauder macht das um 8 Uhr ertönende Trompetensignal
ein Ende. Es ist die deutsche Infanterie-Tagwacht. Der beauftragte
Bläser rennt wie besessen im ganzen Schiff herum, bis die Schläfer
wach und die Hungrigen am Frühstückstisch versammelt sind. Gespeist
wird in drei großen Sälen, von welchen die zwei übereinanderliegenden
auf Vorderdeck mit fürstlichem Luxus ausgerüstet sind, während der
Speisesaal auf Hinterdeck -- bei den Fahrten über den atlantischen
Ozean den Passagieren zweiter Kajüte dienend -- etwas weniger
prunkvoll, aber sehr behaglich aussieht. Uns führte das Los in den
sogenannten weißen Saal auf Vorderdeck; dort ist man zu je zehn
Personen auf bequemen Drehfauteuils an einem Tische gruppiert, und
selbstverständlich waren wir anläßlich der ersten Mahlzeit begierig
zu wissen, mit welchen Menschen uns das Schicksal zusammengewürfelt
hätte. Unterdessen aber, im Laufe der seither verflossenen Wochen,
haben wir uns gegenseitig kennen gelernt und ich habe die Ehre dir
vorzustellen: Herrn und Frau ~Dr.~ K. aus San Remo, eigentlich aus
Leipzig, ein unter seinen Fachgenossen sehr bekannter Botaniker, wohl
der meistgereiste Mann an Bord; er hat zweimal die Erde umkreist, war
jahrelang in Südamerika, kennt Afrika vom Süden bis zum Norden und
ist in Asien unheimlich zu Hause; nur Australien blieb ihm bis heute
fremd; aber „das machen wir in zwei Jahren“ versichert der reiselustige
Pflanzenkundige, der nebenbei die fabelhafte Kunst versteht, ohne
Gepäck zu reisen und doch alles, dessen man etwa bedürftig sein
könnte, vom Thermometer bis zur Konvexlinse, aus seinen Rocktaschen
hervorzuzaubern. Ein unverwüstlicher Humor und ein köstlicher Appetit
machen dieses lebendige botanische Konversationslexikon zu einem sehr
angenehmen Tischgesellschafter; wir sind Konkurrenten im Vertilgen von
Butterbrötchen und verachten manches Feine, was die Speisekarte bringt,
so vor allem die ewigen gebratenen Puter oder Gebrüder Puter, wie wir
die Firma nennen, weil sie stets als „Gebr. Puter“ auf dem Menu stehen.
Unsere weiteren Tischgenossen sind zwei feine und liebenswürdige
Familien aus Tönning (Schleswig-Holstein): ein königlicher Landrat
mit seiner Frau, „aus Magdeburg an die Waterkant versetzt“, und ein
holstein’scher Gutsbesitzer, Nimrod in allen Fibern, dem es gehörig in
den Fingern juckte, als er auf Spitzbergen den Fürsten Metternich und
Gefolge zur Jagd ausziehen sah und der, Besucher und Kenner unseres
lieben Vaterlandes, mit seiner feingebildeten, vortrefflichen Frau
uns Schweizern gleich zu Anfang mit kräftigen Sympathien begegnete.
Vergessen darf ich nicht eine ihrer Obhut unterstellte junge Dame,
welche, stets Sonnenschein auf dem Gesichte, durch ihr frohes Lachen
und ihre natürliche Fröhlichkeit wesentlich zur Erhöhung der richtigen
Tafelstimmung beiträgt.
[Illustration: Deckszene.]
Zum Frühstück liefert die Küche -- außer Thee, Kaffee und Chokolade
mit Zubehör, täglich frischen Brötchen und Hörnchen etc. -- noch
alles Mögliche an kalten und warmen Fleisch-, Mehl- und Eierspeisen.
Der Gewohnheit treu begnügen wir uns mit dem „Ordinäri“: Kaffee und
Butterbrot, freuen uns, des Staunens voll, über den riesigen Appetit
anderer, speziell der Amerikaner, die des Morgens schon Unglaubliches
leisten, und eilen sobald als möglich, vielleicht noch mit einigen
Orangen oder andern Früchten der Tafel ausgerüstet, hinaus auf Deck, an
die frische Luft. Dort, auf Promenadendeck, ist’s unterdessen lebhafter
geworden; viele der Liegestühle sind in Beschlag genommen, und es wäre
gute Gelegenheit, physiognomische Charakter- und, wer dazu Lust hat,
auch Toilettenstudien zu machen; es ist namentlich die amerikanische
Nation, welche die vielgestaltigsten Typen jedes Alters, vom Kinde bis
zum Greise, liefert und aus ihren riesigen Koffern das Unglaubliche an
Prunkgewändern hervorholt. Der Finanzlöwe an Bord ist der Amerikaner
Wanamaker (Wonnemacher heißen wir ihn); er hat für sich und seine
Familienangehörigen die besten Luxuskammern gemietet und soll die
Kleinigkeit von 175 Millionen besitzen. Jener elegante Herr dort, mit
schwarz und graukarierter Reisemütze, das pomadisierte Haar sorgfältig
gescheitelt, das tropengebräunte, eigentümlich scharfe Gesicht
glatt rasiert wie ein englischer Lord, mit elegant geschnittenem
dunkelfarbigem Rock, enganliegender schwarzer Hose und Lackstiefeln,
den ich jeden Morgen in aller Frühe bei „Wonnemachers“ heraustreten
sah, mußte der unheimliche Millionär sein; ich betrachtete ihn volle
acht Tage als solchen und machte ihn im Stillen verantwortlich für
einige Prozent des sozialen Mißverhältnisses auf unserm Planeten, bis
ich eines Morgens zu meinem Erstaunen den eleganten Erzmillionär --
durch eine halbgeöffnete Kabinenthüre beim Stiefelwichsen beschäftigt
sah, was meine Achtung vor ihm keineswegs verminderte, aber immerhin
bei weiteren Begegnungen meinen Gedanken eine andere Richtung gab. Ich
hatte eben den Diener für den Herrn angesehen; aber -- beim Zeus! --
Hosen- und Gesichtsschnitt waren auch darnach und rechtfertigten den
Irrtum.
Dort in jener Ecke wird schweizerdeutsch gesprochen; da lass’ uns
hingehen; es sind drei Herren aus Basel: der alte Junggeselle ~Dr.
jur.~ L., der seit Jahren die Welt nach allen Richtungen der Windrose
bereist, kein Schnelläufer zwar, aber ein sehr gewester Mann und
gemütlicher Gesellschafter; an seiner Seite der zur Spezies der
Rentiere übergetretene ehemalige Kaufmann R. (von uns in naheliegender
Verballhornisierung seines Namens Respini genannt), stets tadellos
vom Scheitel bis zur Sohle, und endlich -- die Gelehrsamkeit zum
Schlusse -- der wohlbekannte Professor der Theologie, Herr Pfarrer
B., ein flotter Läufer, der in nachtschlafender Zeit schon von Bord
geht, um Land und Leute zu studieren, nebenbei ein geistreicher
und humorvoller Plauderer. Die elegante Römerin, welche sich in
unverfälschtem Züridütsch mit ihnen unterhält, ist die Gattin eines
bedeutenden italienischen Ingenieurs, eine Frau, welche in der
ewigen Stadt als Initiantin und unermüdliche Arbeiterin in allen
menschenfreundlichen Bestrebungen eine hervorragende Rolle spielt. Sie,
die gleich gewandt in allen modernen Sprachen, doch mit Vorliebe ihre
Muttersprache spricht, rechnen wir auch zu den Unsrigen, wie auch ihren
liebenswürdigen Mann, den Waldenser und alten Zürcher-Polytechniker,
dessen Ohr unsere heimatlichen Laute sehr gut versteht. Es ist eine
vornehme Erscheinung, Voll Geist und Gemüt und behaglich prickelndem
Witze. „Das Schweizerdeutsch ist doch gewiß eine sehr schwere Sprache,“
wandte sich kürzlich ein Deutscher an ihn. „„Man sollte es kaum
glauben; meine Frau spricht es nun seit 1½ Stunden ununterbrochen,““
meinte der mit Ungeduld dem Ende der vaterländischen Konversation
seiner Frau mit meiner Schwester entgegensehende Gatte.
Weiter auf Deck! Da liegen sie schon in allen möglichen Positionen
auf ihren Rohrstühlen, die Einen lesend, die Andern plaudernd und Ulk
treibend, Einige bereits wieder in süßen Schlaf versunken. Du wirst mir
zugeben, daß Gott Morpheus nicht immer die Züge verklärt; jedenfalls
bin ich überzeugt, daß jener sonst so martialisch aussehende und
gewöhnlich wie ein junger Kriegsgott über Deck steuernde Herr mit dem
jetzt herabhängenden Unterkiefer und den entsetzlich nichtssagenden
Gesichtszügen sich nicht als „schlafender Krieger“ möchte porträtieren
lassen.
Von „Hoheiten“ sind an Bord: außer einigen deutschen Baronen ein
italienischer Fürst mit seinem Leibarzt; dann der preußische Gesandte
und bevollmächtigte Minister in Hamburg, Graf Metternich, dem der
Damensalon der zweiten Kajüte als Wohn- und Schlafraum eingerichtet
wurde und der immer allein speist, ein vornehm sich abschließender,
aber in seiner äußern Erscheinung sehr einfacher Herr! -- Von den
übrigen Sterblichen stelle ich dir als freundnachbarlich Gesinnte noch
vor ein prächtiges junges Ehepaar aus Konstanz, das Bild von Kraft und
Gesundheit und frohem Lebensmut, das überall tapfer mitmacht, Nordkap
und andere Hindernisse spielend besiegte und photographisch fixiert,
was immer zu haben ist.
Der Gewalthaufen der Reisenden gehört Amerika und Deutschland;
England ist gar nicht vertreten. Dagegen hört man einigenorts die
gemütliche Wiener Sprache; u. a. ist anwesend Baron von Suttner (Onkel
der Friedensfürstin) mit einer Tochter, der schon vor 45 Jahren mit
seinem Erzieher ganz Norwegen bereist hat und ein damals angefertigtes
Skizzenbuch zur Vergleichung mit der Gegenwart bei sich trägt -- ein
äußerst jovialer alter Herr und köstlicher Erzähler, bei dem allerdings
das jetzige Norwegen gegenüber dem der guten alten Zeit bös wegkommt.
„Früher verstanden die Leute wenigstens norwegisch; jetzt aber, seit so
viel Englisches im Land ist, verstehen sie gar nichts mehr und glotzen
Einen nur so an, wenn man in ihrer Muttersprache zu ihnen spricht.“
Vom langen Deckspaziergang ermüdet, und um angesichts des vielen
Absurden und Unglaublichen, was die menschliche Kreatur zur Schau
trägt, nicht ein loses M--und zu bekommen, lade ich dich zum Besuche
der Gesellschaftsräume unseres Schiffes ein. Da thront über den
Speisesälen erster Klasse ein Schreibesalon in goldüberladenem
Roccocostil, Wände und Plafond künstlerisch bemalt, und in Verbindung
damit eine wohlgeordnete Bibliothek, jede Ecke, wie überhaupt das ganze
Schiff, vornehm elektrisch beleuchtet. Ein Druck auf den elektrischen
Knopf und es kommt angesaust der Library-Steward und präsentiert dir,
was du aus dem aufliegenden Bücherkataloge ausgewählt hast. Auch alle
Schreibrequisiten, vor allem hochelegantes Briefpapier und Enveloppen,
stehen zu freier Verfügung und werden in unglaublicher Quantität, in
tausenden von Bogen, beansprucht, großenteils auch verschleudert.
Da die Tische alle von schreibenden und whistspielenden Ladies
besetzt sind, wandern wir weiter gegen die Mitte des Schiffes; dort
liegt der Konversations- und Musiksalon, in seiner Ausstattung eine
Sehenswürdigkeit für sich; in der Mitte ein herrlicher Flügel von
Steinweg, extra für die „Auguste Viktoria“ gebaut und dem Stil des
Raumes angepaßt. Zehn Schritte weiter betreten wir das Eldorado des
Mannes, den Bier- und Rauchsalon ~I.~ Klasse, ein Wunder der Holzarbeit
und Malerei, durch vier elektromotorische Ventilatoren gelüftet.
Belegte Brötchen aller Art, vom Caviar bis zum geräucherten Lachs,
liegen ~à discrétion~ bereit, und frisches Münchner, Pilsener und
Lagerbier vom Faß ist jederzeit zu haben und wird sowohl zur Bekämpfung
der Hitze wie zur Überwindung der Kälte gehörig genossen. Die Frage
nach „frischem Anstich“ wird von dem Biersteward als persönliche
Beleidigung aufgefaßt: „Was glob’n Sie denn! Wo’s Tag und Nacht so
läuft wie bei uns, da soll’s ein lackes Bier geben?“
Von hier aus, in bequemem Rauchstuhl ausgestreckt, oder aber, wenn
du es vorziehst, auf offenem Deck genießen wir das von 10-11 Uhr
stattfindende Frühkonzert unserer Schiffskapelle. Ob’s windet und
bläst, ob’s schwankt und rollt -- die Kapelle thut ihre Pflicht; es
soll sogar einmal vorgekommen sein, daß die beiden Clarinettisten
abwechslungsweise je einige Takte ihre Stimme spielten und -- über Bord
seekrank waren, ohne je das Instrument aus der Hand zu legen. _Allers_,
der Humorist, hat die Szene illustriert.
Um 11 Uhr ist große Prozession zu den bouillonspendenden Deckstewards;
wer zu bequem ist, sich die Kraftbrühe selbst zu holen, dem wird
sie auf einen Wink zum Liegesessel gebracht; der Zustand des
Schlaraffenlandes, wo einem die gebratenen Tauben in den Mund
fliegen, ist hier also ziemlich erreicht. Mit Erstaunen sehe ich
einzelne Menschen von einer Mahlzeit zur andern laufen, immer
hungrig und verdauungsfähig; kein Gericht überspringen sie, und wo
allenfalls im Tage eine kleine Eßpause eintritt, füllen sie sie beim
Bierglase mit Knuspern aus. Ich persönlich spüre gar nichts von
diesem appetiterregenden Effekte der Meerluft, und es gibt kaum eine
Gelegenheit, wo ich mich nicht von diesen Fleischtöpfen der „Auguste
Viktoria“ zu der heimatlichen einfachen Küche zurücksehne.
Kaum ist der Bouillonspaziergang zu Ende, so tutet wieder der
Trompeter von Eß-lingen, diesmal das bekannte Motiv aus Fidelio.
„Meine Herren, es hat zum erstenmal geblasen“, ruft der Biersteward
mit Stentorstimme in die lärmenden Tafelrunden. Ist das zweite Signal
ertönt, so tritt Bewegung in die zu festen Gruppen kristallisierten auf
und unter Deck. Jedes strebt seinem Speisesalon zu; der Tischsteward
dreht deinen Stuhl, so daß Ew. Hoheit nur eine Sitzbewegung
auszuführen brauchen, um ohne irgendwelche Mitbethätigung der Hände
ernährungsbereit vor dem Teller zu thronen. Ist die Qual dieses zweiten
Frühstücks vorüber, so tragen wir unsere durch den Konversationslärm
geschädigten Ohren gerne wieder an die frische Luft, wo schwarzer
Kaffee serviert wird und woselbst bei einem Deckspaziergang die erste
Tagescigarre vortrefflich schmeckt.
Die Nachmittagsstunden werden verschieden ausgefüllt; Amerika treibt
gerne allerhand Kurzweil mit Deckspielen, z. B. Ringwerfen und
Plattenschieben; Deutschland spielt Skat, liest und schreibt oder
politisiert, kalauert auch gruppenweise; denn bald explodiert’s
da, bald dort mit unbändigem Gelächter, das auch Unbeteiligte mit
fortreißt. Allerorts aber wird wieder fleißig geschnarcht und
geschlafen, und manch Einer liegt, dem Irdischen entrückt, auf der
Chaise-longue, die Quelle der Bildung aber, aus welcher er schöpfen
wollte, das Buch, nebenan am Boden, oder dem zufrieden und gesättigt
lächelnden Munde, der eben versicherte, nachmittags nie zu schlafen,
entfällt die noch glimmende Cigarre, so daß der Entseelte erschreckt
zusammenfährt und zu allererst sich umsieht, ob er wenigstens von
niemanden beobachtet werde. „Jetzt hatten Sie aber ein Auge voll
geschlafen, Herr X.!“ „„Was fällt Ihnen ein, Sie Jeheimspitzel! Sehen
Sie denn nicht, daß ich mir eben was überlegte? Aber natürlich von so
’ne Jeistesarbeit haben Sie keene blasse Ahnung.““
Wem’s um ungestörte Arbeit oder Lektüre zu thun ist, der findet ganz
oben, auf Bootsdeck, wohl ein verborgenes Plätzchen im Schutz und
Schatten eines der vielen Rettungsboote; dort hat man den weitesten
Ausblick aufs Meer und sieht auch im internen Schiffsleben allerlei
ergötzliche Szenen. Zum Malen deutlich bleibt mir u. a. ein kleines
Genrebild in Erinnerung. Zwischen zwei Booten geschützt sitzt bequem
auf ihrem Rohrsessel zurückgelehnt die kleine Gouvernante von zwei
amerikanischen Jungen und liest ihren Schutzbefohlenen vor. Der größere
der Jungens liegt, das Kinn auf beide Hände gestützt und durch die
vorgelesene Erzählung vollständig gefangen, auf der Segeltuchblahe
des einen hochgelagerten Bootes und sieht unverwandt hinunter auf
die Leserin; der andere aber, ein kleiner Schlingel, der auch die
Pflicht hätte, zuzuhorchen, treibt hinter dem Rücken der ahnungslosen
kleinen Erzieherin allerlei Unfug und sucht vor allem durch Grimassen
und Gesten und Rupfen die Aufmerksamkeit seines Kameraden auf sich
abzulenken.
[Illustration: Deckszene.]
Wo man steht und geht hat man Gelegenheit, die freundliche
Zuvorkommenheit aller Schiffsangestellten -- vom Kapitän bis zum
Schiffsjungen -- zu erfahren. Nur der Zahlmeister macht gelegentlich
eine Ausnahme, je nach dem Goldgehalte der Passagiere; das liegt eben
wohl in seinem Berufe.
Um 7 Uhr ist wieder große Fütterung, an welcher wir Eß-kimos (der
sächsische Botaniker belohnt diesen Kalauer mit einem Pfennig)
unter den Klängen der Tafelmusik nochmals mindestens eine Stunde
uns beschäftigen. Die jeden Tag originellen und dem jeweiligen
Aufenthaltsorte angepaßten Menus sind künstlerische Leistungen des
Farbendrucks, welche in Hamburg extra für diese Fahrt angefertigt
wurden. Eine eigene Druckerei an Bord besorgt alltäglich das Weitere,
auch die Herstellung der Konzertprogramme etc.
Um halb 9 Uhr ist auch die zweite Tortur des Tages, das Diner,
glücklich vorüber, und wir können als freie Bürger uns wieder auf Deck
tummeln und die Schönheiten der taghellen nordischen Nacht genießen. 10
bis 12 Uhr ist nochmals Konzert für die Bier- und Musikbedürftigen, 12
Uhr sogenannte Polizeistunde, aber stets ohne Erfolg. Sind wir endlich
in unsere Koje gekrochen und haben uns nach Abdrehen der elektrischen
Glühflamme schlafgerecht gelagert, so schwinden unter dem einförmigen
Pulsschlag der Maschine bald unsere Sinne, und in unlogischer
Verwirrung umgaukeln den Träumenden die Bilder des vergangenen Tages --
meist auf heimatlichen Boden verpflanzt.
Alles in allem, lieber Leser, ist unser Schiff, wie du siehst, eine
kleine abgeschlossene Welt für sich, in welcher die Menschen (abgesehen
von dem Zwange der gemeinschaftlichen „frugalen“ Abfütterungen)
nach ihrer Individualität leben, arbeiten und genießen, Bier oder
Wasser trinken, nachts schlafen oder schwärmen, als Einsiedler oder
als „Gesellschaftstier“ die Tage vollbringen, mit vollen Zügen die
Naturwunder in sich aufnehmen oder aber sich langweilen. Daß einige
Damen beim Passieren der herrlichsten Szenerien, wo aller Andern
Auge mit Entzücken auf Gottes schöner Welt ruht, derselben blasiert
den Rücken kehren und ihre Aufmerksamkeit auf den Stickrahmen
konzentrieren, habe ich mit heimlichem Ärger hier oft gesehen. Zu Hause
hat ihr Stickrahmen wohl gute Ruhe.
Nun aber weiter nach Spitzbergen!
[2] Oratorien-Gesangverein Frauenfeld -- eine ausschließlich der Pflege
ernster Musik lebende Vereinigung.
~VII.~
Spitzbergen. -- Gletscher- und Eiszeit. -- Einfahrt in den
Eisfjord. -- Ankunft in Adventbay. -- Erster Besuch der Küste.
Gegen Mittag des 11. Juli kam Land in Sicht, und um 1 Uhr waren
wir der Küste so nahe, daß Einzelheiten deutlich unterschieden
werden konnten. Zwischen den mächtigen, zum Teil schneebedeckten,
oft aber als dunkle Felswände jäh abstürzenden Pyramiden erschienen
großartige Gletscher, als nach unten breiter werdende Eisströme ins
Meer sich ergießend. Die bläulich schimmernden Abbruchflächen werden
direkt von der dunklen Meeresflut bespült. Unter dem fürchterlichen
Drucke, welcher die gletscherbelasteten Felsgebirge zu glatten Mulden
ausschleift, drängen diese Eiswelten dem Meere zu und brechen ab,
sobald die stützende Unterlage fehlt, um als Eisberge dem Polarstrome
folgend Amerika zuzusteuern und allmählich unter der auflösenden Kraft
der Sonne zu verschwinden. Es ist etwas Erhabenes, diesen Prozeß, der
sich ungezählte Jahrtausende zurück u. a. auch von den Alpen gegen
die deutschen Ebenen zu abspielte und dessen Spuren und Wegweiser die
mächtigen erratischen Blöcke bilden, hier in natura sich vollziehen zu
sehen. Gegenüber diesen Pulsschlägen der Ewigkeit zerstiebt die Sekunde
Menschenleben in Nichts. -- Die Breite des größten Gletschers von
Westspitzbergen, mit welcher derselbe gegen die Meeresfläche abstürzt,
beträgt 20 Kilometer. Es wurden Eisberge, d. h. isolierte Abbrüche
desselben beobachtet, deren Gesamtvolumen auf 4000 Millionen Kubikmeter
berechnet werden konnte. Scoresby sah eine Eismasse von der Größe einer
Kathedrale aus einer Höhe von 400 Fuß ins Wasser fallen.
[Illustration: Gletscherpartie (Spitzbergen).]
Um 4 Uhr erreichten wir bei aufgehelltem Himmel die Einfahrt in
den Eisfjord (78° 11′ nördl. Breite); die so benannte Meeresbucht
ist beidseitig mit Gebirgsstöcken von auffallend gleichmäßiger Form
begrenzt. Alle zeigen ein Hochplateau, das enorm steil zum Meere
abfällt; dazwischen liegen tief eingeschnittene Thäler. Die steilen
Abhänge sind merkwürdig regelmäßig parallel gerifft. In den parallelen
Schrunden liegt wie auch oben blendend weißer Schnee, in grellem
Kontrast zu dem dunkeln Gestein, so daß die Gebirgszüge wie sorgfältig
vom Konditor kandierte Kuchen aussehen.
[Illustration: Einfahrt in Adventbay.]