Nicht nur in der Familie des Professors plante man allerlei
Weihnachtsfreuden, auch in dem kleinen Häuschen in Waldeck waren die
Gedanken bei dem herannahenden Fest. Fräulein Stahlhammer hatte in
dieser Zeit alle Hände voll zu tun; denn sie war Vorstandsdame bei dem
Verein, der den armen Schulkindern bescherte; außerdem hatte sie jedes
Jahr die Bescherung der armen Leute im Spital zu besorgen, am heiligen
Abend, wo Hausfrauen sich nicht vom eigenen Haus los machen konnten. Nun
hätte Fräulein Stahlhammer in diesem Jahr gerne diese Aufgabe anderen
übertragen -- hatte sie nun doch auch ein Kind zu Hause --, aber es fand
sich niemand bereit, und so sagte sie sich, daß Klärchen wohl ebenso
glücklich wäre, wenn ihr erst am Weihnachtsfest selbst beschert würde;
sie kam ja mit andern Kindern nicht zusammen und war noch zu klein, um
den Kalender selbst zu studieren. So wollte ihr Fräulein Stahlhammer am
Christfest bescheren und sie ging nie an den Läden des Städtchens
vorbei, ohne sich zu überlegen, womit sie das Kind erfreuen könnte.
Auch Mine hatte ihre Pläne. Sie wollte sich in den Feiertagen mit ihren
Bekannten vergnügen und hätte es gar zu gern gesehen, wenn die Kleine
aus dem Wege gewesen wäre, damit sie wie in früheren Jahren ihre
Freiheit hätte.
Klärchen stand mit der geliebten Puppe im Arm träumend am Fenster; sah
hinaus, wie die Schneeflocken herunterwirbelten, und dachte daran, daß
voriges Jahr ihre Mama gesagt hatte: »Wenn's schneit, ist Weihnachten
nahe!« Sie hätte gerne die Patin gefragt, ob wohl hier das Christkind
auch zu ihr käme. Aber sie wagte es nicht recht und nahm sich vor,
zuerst mit Mine zu sprechen. Heute nun war die Patin ausgegangen, und
Mine putzte die Fenster in der Küche. Klärchen machte sich an sie heran.
»Mine,« fragte sie, »wie ist's denn hier an Weihnachten?«
»An Weihnachten? Da beschert die Patin in der Schule.«
»Und dann?«
»Und dann im Spital.«
»Und dann?«
»Und dann? Ist das noch nicht genug?« Ein Weilchen war Klärchen still.
Sie hatte ihre Puppe im Arm und nun fing sie an nach ihrer Gewohnheit zu
dem Puppenkind zu reden: »Gelt Rosa,« sagte sie zur Puppe, »das schöne
Kleid hast du an Weihnachten bekommen und die neuen Locken auch, da bist
du unter dem Christbaum gesessen und die Mama hat zu mir gesagt:
'Herzkind, kennst du denn deine Puppe noch?' Aber jetzt haben wir keine
Mama mehr und sie kann nicht mehr sagen 'Herzkind' und sie kann dir
keine Kleider mehr machen; aber du darfst nicht weinen, sonst bist du
undankbar.« Und dabei schluckte die Kleine tapfer die Tränen hinunter
und wischte die weg, die über das Puppengesicht gerollt waren.
Mine merkte wohl, wie es dem kleinen Wesen ums Herz war. »Klärchen,«
sagte sie, »bitte doch die Patin, daß sie dich an Weihnachten zu den
Brüdern läßt. Bei denen gibt es eine Mama, die beschert, und auch einen
Christbaum; aber bei uns hat es noch nie einen gegeben; dort geht es
lustig zu, aber hier ist's langweilig. Möchtest du nicht zu den Brüdern
an Weihnachten?«
»Ich möchte schon, aber ich kann doch die Patin nicht bitten; du hast
doch immer gesagt, ich soll sie nichts bitten, sonst wird sie böse!«
»Freilich, aber das ist nun etwas anderes, das darfst du schon sagen.«
»Sagst du's nicht für mich, Mine?« fragte Klärchen ängstlich.
»Meinetwegen, ich will davon anfangen, aber du mußt dann auch recht
schön bitten; denke nur, wie traurig es hier für dich wäre ohne
Christbaum!« Mine sagte wohl die Wahrheit, wenn sie behauptete, daß
Fräulein Stahlhammer nie einen Christbaum hatte; aber konnte sie sich
nicht denken, daß es in diesem Jahr dem Kinde zu lieb anders gemacht
würde, oder wollte sie nichts davon wissen? Als Fräulein Stahlhammer den
Christbaum für die Armen im Spital besorgt hatte, da hatte sie dem
Waldschützen zugleich gesagt: »Und besorgen Sie auch für mich ein recht
nettes, grünes Bäumchen.«
An diesem Tage kam ein Brief von der Tante, in dem sie ihre kleine
Nichte freundlich einlud, über Weihnachten zu kommen, damit die drei
verwaisten Geschwister dies erste Christfest beisammen feiern könnten.
Fräulein Stahlhammer kämpfte mit sich selbst. Allerdings würden die
Kinder vergnügt beisammen sein, und Klärchen hätte ein fröhliches Fest
in dem kinderreichen Haus; aber doch hatte sie gerade von einem schönen
Weihnachtsabend gehofft, daß er ihr das Kinderherz näher bringen würde;
sie wollte eine Puppenküche anschaffen und mit der Kleinen kochen. Der
gestrenge Vormund konnte nichts dagegen sagen: an Weihnachten, wo allen
Kindern Liebe erwiesen wird, durfte auch sie ihr Pflegekind ein wenig
verwöhnen. Nun kam ihr recht unerwünscht diese Aufforderung. Nach
gewissenhaftem Überlegen dankte sie freundlich für die Einladung; sagte,
daß sie dem Kinde gern im eigenen Haus bescheren würde, und versprach,
die Kleine über Neujahr zu schicken. Den Brief ließ sie Klärchen in den
nahen Briefkasten einwerfen. Das Kind ahnte nicht, was er enthielt, und
gerade als sie vom Schalter zurückkam ins Zimmer, wo Mine ihrem Fräulein
half, Stöße von Hemden zusammen zu packen, die für die Schulbescherung
bereit lagen, gerade da sagte Mine: »Klärchen, hast du denn der Patin
schon gesagt, um was du schön bitten möchtest? Nicht? Muß ich es wieder
für dich sagen? Fräulein Stahlhammer, das Kind hat bloß den _einen_
Wunsch, daß es an Weihnachten zu den Brüdern darf, gelt Klärchen?«
»Ja,« sagte Klärchen, und obgleich das ihre ganze Antwort war, sah sie
doch so gespannt auf die Patin, daß diese wohl die Bitte von den stummen
Lippen ablesen konnte. »Wie kommt sie darauf?« fragte Fräulein
Stahlhammer und sah Mine mißbilligend an. »Ach, das ist doch natürlich,
daß sie darauf kommt. Papa und Mama hat sie verloren, so möchte sie doch
wenigstens bei ihren Geschwistern sein. Gelt, Klärchen? Mir kann's ja
ganz einerlei sein, aber so sind halt Kinder, sie wollen eben unter
andere Kinder.«
Fräulein Stahlhammer zog die Schnüre fester an dem Paket und dann sagte
sie zu Klärchen: »Wenn du auch an Weihnachten nicht zu den Brüdern
darfst, so doch an Neujahr. Das ist nur eine Woche später, so ist's
ausgemacht mit deiner Tante.«
Mine stieß heimlich die Kleine an, sie hätte gerne gehabt, daß das Kind
noch für sich selbst bäte; aber Klärchen hatte ein unbestimmtes Gefühl,
daß dieses der Patin nicht recht wäre, sie wagte es nicht und schwieg,
und somit war die Sache zu Mines großem Verdruß abgetan. Für die Brüder
war die abschlägige Antwort zwar eine Enttäuschung, aber die Tante
konnte den freundlichen Brief der Patin verstehen; sie vertröstete die
Beiden auf das Wiedersehen an Neujahr und lenkte die Gedanken ab, indem
sie die Puppenkleider und andere kleine Geschenke für Klärchen durch die
Brüder zusammenpacken ließ. Der Professor wollte am Nachmittag vor der
Bescherung selbst der Kleinen das Päckchen überbringen, um auch einmal
nach seiner Nichte zu sehen.
Der heilige Abend kam und brachte für Fräulein Stahlhammer große
Geschäftigkeit. Als sie sich nachmittags auf den Weg in das Spital
machte, tat es ihr leid, die Kleine zu verlassen. »Morgen, Klärchen,«
sagte sie, »ist Weihnachten; aber sieh, heute hat das Christkind dir
auch schon ein Päckchen gebracht, so eines, wie es die Schulkinder
bekommen, sieh her,« und sie gab Klärchen eines von den neuen Hemden,
schön mit roten Bändchen gebunden, mit einem Tannenzweiglein verziert.
Dann eilte sie fort. Mine putzte draußen den Vorplatz und die Treppe.
Als es dunkel wurde, so gegen fünf Uhr, saß das Kind allein am Tisch.
Das Hemd lag vor ihr, das Tannenzweiglein drehte sie in den Fingern. Da
kam in Eile Professor Kuhn die Treppe herauf. Er traf Mine beim Putzen.
»Ist Fräulein Stahlhammer zu Hause?«
»Nein, sie ist fort.«
»Mit meiner kleinen Nichte?«
»Nein, das Kind ist droben. Ich muß eben putzen vor dem Fest, sonst
ließe ich sie nicht allein, das arme Tröpflein!«
»Wann kommt Fräulein Stahlhammer wieder?«
»Ach, da kann's leicht zehn Uhr werden, bis die Bescherungen vorbei
sind.« Der Professor sagte kein Wort, ging mit raschen Schritten die
Treppe hinauf und ins Zimmer. Da saß die verlassene Kleine allein im
Halbdunkel am Tisch, ein trübseliger Anblick.
Beim Erscheinen des Onkels leuchtete ihr ganzes Gesichtlein: der Onkel
gehörte zu den Brüdern, er gehörte zu der Tante, die wie die Mama
aussah, er gehörte zu dem, was sie lieb hatte!
»Onkel,« sagte sie schmeichelnd, als er dicht zu ihr kam, um sie genau
zu sehen, »Onkele, liebes, gutes Onkele, bist du zu mir gekommen?« und
sie schlang ihre Arme um seinen Hals. Diese Zärtlichkeit ging ihm zu
Herzen, das Kind sah ihn doch so selten. Er schaute sich um im Zimmer.
Er hatte gedacht, die Bescherung sei schon vorbei; aber da war kein Baum
zu sehen. Nur ein kleiner Tannenzweig lag vor ihr. »Hat dir das
Christkind schon beschert?« fragte er.
»Ja, sieh nur, ein Hemd.«
»Und sonst noch etwas? Nicht? Habt ihr keinen Christbaum?«
»Bloß so viel davon,« sagte Klärchen und zeigte ihr Zweiglein; sie wußte
ja nicht, daß im verschlossenen Gastzimmer neben der neuen Puppenküche
schon das geputzte Christbäumlein bereit stand, um morgen seinen
Lichterglanz zu verbreiten. Und auch der Onkel dachte an diese
Möglichkeit nicht und war im innersten Herzen empört. Die Patin war
unterwegs, um Fremden zu dienen, und das ihr anvertraute Geschöpfchen
ließ sie am Weihnachtsfest ohne Bescherung, ohne Baum allein mit einem
Hemd als Christgeschenk. Wenn sie keine Zeit und kein Herz für das Kind
hatte, warum hatte sie dann nicht wenigstens zugegeben, daß es bei den
Brüdern Weihnachten feiere? Es sollte aber sein Weihnachtsfest haben,
das Kind, mochte die Patin zürnen, das war ihm ganz gleichgültig!
»Klärchen,« sagte der Onkel, »zieh dich an, recht schnell, ich nehme
dich mit mir, wir fahren gleich miteinander fort.« Und hinaus eilte er
zu Mine: »Helfen Sie dem Kind, ziehen Sie es recht warm an, ich will es
mitnehmen, ich bin sein Onkel.«
Mine war hocherfreut, das paßte zu ihren Plänen. Klärchen selbst war
ganz verwirrt, konnte kaum fassen, was so schnell mit ihr geschah. Aber
Mine flüsterte ihr zu: »Zu deinen Brüdern darfst du, denke nur, die
Freude, zur Weihnachtsbescherung! Ach, Herr Professor, wenn Sie die
Kleine nur ganz behalten könnten, da wäre sie besser versorgt, das arme
Ding!«
»Sagen Sie Fräulein Stahlhammer, ich sei gekommen, dem Kind seine
Weihnachtsgeschenke zu bringen, und da ich sie allein fand, hätte ich
sie mitgenommen. Bis Neujahr bleibt sie jedenfalls bei uns, dann wollen
wir weiter sehen. Komm Kind, komm, wir müssen gleich fort, damit wir den
Zug noch erreichen.«
Unten an der Treppe fiel dem Onkel noch etwas ein.
»Mine,« rief er hinauf mit gewaltiger Stimme, die durchs ganze Haus
dröhnte.
»Was ist's?«
»Die Puppe muß mit, schnell bringen Sie sie herunter. Wo ist sie,
Klärchen?«
»Sie schläft in meinem Bett.«
Im Augenblick war sie herbeigeschafft und Klärchen drückte sie sorglich
an sich. Der Onkel trug das Weihnachtspaket; zur rechten Zeit war ihm
noch eingefallen, daß es Puppenkleider enthielt, so war wohl die Puppe
unentbehrlich. Nach kurzer Zeit waren sie am Bahnhof.
Unterwegs sagte das Kind zu seinem Onkel: »Undankbar ist das nicht, wenn
man fortgeht von der Patin, gelt, undankbar ist das nicht?«
»Nein, nein,« beruhigte der Onkel, »ich habe dich geholt und du mußt mir
folgen.«
Ein halbes Stündchen Fahrt, ein Gang durch die Straßen der großen
Stadt, und sie standen umringt von jubelnden Kindern, daß dem Klärchen
aus ihrer Stille heraus ganz traumhaft zumute war.
Der Professor suchte seine Frau auf, im Weihnachtszimmer traf sie eben
die letzten Vorbereitungen zur Bescherung. Ein Loblied auf Fräulein
Stahlhammer war es nicht, was jetzt gesungen wurde! »Du hast recht
gehabt, ganz gewiß hast du recht gehabt, daß du das Kind entführt hast.
Fräulein Stahlhammer soll es nur erfahren, wie anderen Menschen so etwas
vorkommt. Ich kann es nicht begreifen, gar nicht fassen! Sie hat doch
erst so schön geschrieben, daß sie dem Kind die neue Heimat lieb machen
möchte durch eine schöne Weihnachtsfeier! Ist sie denn eine Heuchlerin?«
-- -- Ach nein, eine Heuchlerin war sie nicht; hätte nur die gute Frau
Professor gesehen, mit welch tiefem Schmerz Fräulein Stahlhammer bei
ihrer Heimkehr -- um acht Uhr war es -- vernahm, daß ihr das Kind
weggenommen worden war! Nachdem Mine ihr den ganzen Hergang berichtet
und ein kleines Abendbrot aufgetragen hatte, fragte sie, ob sie noch zu
ihren Verwandten gehen dürfe. Fräulein Stahlhammer sagte ja, ohne nur
recht zu wissen auf was. Am Tisch, wo noch das Tannenzweiglein lag und
das rotgebundene Hemd, saß sie, und bemühte sich vergeblich, Herr zu
werden über die Empfindungen, die sie überwältigen wollten: Schmerz, daß
sie dem Kind nicht den Weihnachtsbaum anzünden konnte; Beschämung, daß
es so vernachlässigt erschienen war; Entrüstung, daß man ungefragt
eingedrungen war und das Kind geholt hatte; und Befürchtung, daß es
lieblose Worte über sie hören und von anderen um so mehr Liebesbeweise
empfangen würde. Und je länger der Abend sich hinzog, totenstill in
ihrem einsamen Haus, der Abend, an dem sie eben erst von den
Schulkindern das Lied hatte singen hören: »Selbst die Hütte trieft von
Segen,« um so bitterer empfand sie ihre Enttäuschung.
Die alte, große Uhr, die in der Ecke des Eßzimmers wohl schon ein halbes
Jahrhundert hing und in ihrem schönen, geschnitzten Kasten vom Boden bis
hinauf reichte über die Türe, fing nun feierlich an zu schlagen mit
einem Klang wie Orgelton, zehn Schläge. Da raffte sich Fräulein
Stahlhammer auf und sah nach den großen goldenen Zeigern. Wirklich zehn
Uhr? Wo waren die Stunden hingegangen? Vertrauert, verträumt, verloren!
Das war kein »heiliger Abend«. Mit aller Gewalt riß sie sich heraus aus
dieser Stimmung. Ihr selbst war ja das Fest verdorben, aber dem Kind
nicht; das war wohl am glücklichsten bei den Geschwistern, so wollte sie
ihm das Glück gönnen und nicht bitter gegen Klärchen sein. Das
Christbäumchen konnte morgen auch eine Familie erfreuen, dann war es
doch nicht umsonst aus dem Wald genommen. Aber dem Vormund wollte sie
doch gleich schreiben, was sich begeben hatte; er konnte gelegentlich
dem Onkel vorhalten, daß er nicht so eigenmächtig hätte handeln sollen.
Dieser Brief, der am frühen Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages bei
dem Vormund ankam, versetzte den Mann in großen Zorn. Er war ein
empfindlicher Herr, dieser Herr Rat Stahlhammer, nicht gewöhnt, daß ihm
etwas gegen den Willen ging. Er war der Vormund, nicht der Professor,
und wenn er als Vormund das kleine Mädel seiner Schwester übergab, so
hatte nach seiner Meinung der Herr Professor durchaus kein Recht, sich
das Kind eigenmächtig und gegen den Willen seiner Schwester zu holen.
Das wollte er ihm sagen. Heute war noch Feiertag; es war wohl am besten,
wenn er gleich heute nachmittag zum Professor ging und ihm seine Ansicht
sagte. Gleich heute nachmittag? Das war nicht gleich, das war lang, das
war viel zu lang für den Ärger, den er empfand und durchaus aussprechen
mußte. Schon nach einer Viertelstunde war er unterwegs, um Professor
Kuhn aufzusuchen.
Ein langer Weg. Wie konnte man nur so weit hinausziehen! Die ganze Stadt
mußte er durchqueren mit der Straßenbahn und dann erst noch ein Stück zu
Fuß gehen und all das wegen des kleinen Mädels; das machte sich als
Mündel recht unangenehm bemerkbar. Wegen so eines kleinen Rackers mußte
er, der Rat, sich so bemühen, ganz ungehörig war das. Seine Schwester
verstand es aber auch gar nicht, mit Kindern umzugehen! Warum war sie
nicht daheim geblieben und hatte dem Kind einen Haufen gutes Zeug und
Spielkram hingelegt, wie es so kleine Bälge nun einmal wollen an
Weihnachten. Er hatte sich in einen gehörigen Zorn hineingearbeitet, der
Herr Vormund, bis er glücklich am Haus des Professors angekommen war.
Auch das Dienstmädchen ärgerte ihn, das die Türe aufmachte, denn auf
seine Frage, ob Herr Professor zu Hause sei, antwortete sie: »Es tut mir
leid.«
»Ob's Ihnen leid tut oder nicht, ist mir vollständig einerlei,« sagte er
gereizt, »ist die Frau Professor zu Hause?« Das Mädchen hielt es nun für
sicherer, bloß verneinend mit dem Kopf zu schütteln. Der Rat blieb einen
Augenblick unschlüssig mit gerunzelter Stirne stehen. »Wenn die Leute
nur immer alle fortlaufen können,« sagte er vor sich hin, »ich möchte
nur wissen, wozu sie Häuser haben, wenn sie doch nicht darin bleiben?«
In diesem Augenblick ging eine Zimmertüre auf, fröhliches
Kindergelächter drang heraus; unter der Türe stand Klärchen, hinter ihr
kamen noch mehr Kinderköpfe zum Vorschein. Da wurde dem Rat klar, was
die beste Strafe für den Professor war.
Er ging auf Klärchen zu und fragte kurz: »Hat die Patin erlaubt, daß du
hierher kommst?«
»Nein,« sagte erschrocken die Kleine.
»Dann zieh dich augenblicklich an und komm mit mir.« Zugleich nahm er
eine Besuchskarte aus der Tasche und sagte dem Mädchen: »Geben Sie diese
Karte ab, wenn Herr Professor heimkommt.«
Klärchen hatte kein Wort der Widerrede. Sie war es nicht anders gewöhnt.
So plötzlich hatte man sie das erste Mal zur Patin gebracht, so hatte
der Onkel sie vorgestern entführt und so wurde sie zurückgeholt. Nach
ihrer kleinen Lebenserfahrung war das der Lauf der Welt.
»Wo ist mein Mantel?« fragte die Kleine. Das Dienstmädchen ging rasch
ins Zimmer, als wollte es die Kleider holen. Im Zimmer waren die
kleineren Kinder und einer der Kostgänger, aber die Brüder, Konrad und
Heinrich, waren nicht darunter, sie waren mit den Größeren auf der
Eisbahn.
Ganz aufgeregt sagte das Mädchen: »Da draußen ist ein Herr, ein ganz
unfreundlicher, der will das Klärchen mitnehmen, was soll ich denn tun?«
Und auf die Besuchskarte sehend, las sie: »Stahlhammer, Geheimer Rat.«
»Das ist ja der Vormund von Konrad und Heinrich,« sagte der Kostgänger,
»von dem war schon oft die Rede.«
»Dann muß man Klärchen mit ihm gehen lassen?« Allgemeiner Widerspruch,
lautes Bedauern ertönte nun in der Kinderstube und die Kinder drängten
hinaus in den Vorplatz. Es hatte nur eine Minute gedauert, aber dem
Herrn Rat schon zu lang. »Der Mantel, der Mantel, wo ist der Mantel? Und
das andere Zeug, das das Kind etwa mitgebracht hat?« Das Mädchen sprang
eilends an den Kleiderschrank, und die Kinder, als sie sahen, daß
Klärchen wirklich gehen mußte, holten geschäftig herbei, was auf dem
großen Bescherungstisch auf ihrem Platze lag: die Puppe im
Wickelkissen, das Weihnachtsgebäck, ein Bilderbuch und eine Schürze. Die
Sachen wurden notdürftig eingewickelt; der Rat war schon ein paar
Treppenstufen hinunter gegangen, als die einzelnen Schätze Klärchen noch
gereicht wurden.
Er hatte allerdings guten Grund zu eilen, denn er wußte, daß um Mittag
ein Zug abging, den er benützen wollte, um das Kind wieder bei seiner
Schwester abzuliefern. Auch wünschte er nun nicht mehr den Professor zu
sprechen, _diese_ Sprache war die deutlichste. Als er unten mit der
Kleinen um die Straßenecke bog, kamen von der entgegengesetzten Seite
Herr und Frau Kuhn auf das Haus zu.
»Sieh nur,« sagte die Frau Professor zu ihrem Mann, »man könnte meinen,
das Kind dort, das mit dem Herrn geht, sei Klärchen; jetzt kannst du sie
nicht mehr sehen, sie sind schon um die Ecke, aber es kann ja unmöglich
Klärchen sein.«
In eiligen Schritten ging der Vormund mit seinem Mündel der Bahn zu;
aber rasch kamen sie doch nicht von der Stelle, denn zuerst rutschte ihr
das Buch aus der Hand und als sie es aufheben wollte, das Päckchen
Backwerk. Es fiel in den Schnee, der mußte erst wieder abgeschüttelt
werden. »Gib das Buch, ich will es tragen,« sagte der Rat und nahm es
ab. Aber nach einiger Zeit rutschte die Schürze auf den Boden, da gab es
wieder einen Aufenthalt. »Das will ich dir auch noch abnehmen, aber was
du ferner auf den Boden wirfst, bleibt liegen, verstanden! Man muß auf
seine Sachen achten lernen; nun spring so rasch du kannst, daß wir den
Zug noch erreichen.« Er nahm sie bei der Hand. Die Kleine trippelte so
schnell sie konnte nebenher; aber ihr Ärmchen tat ihr weh, so hoch
hinauf zog es der große Mann, indem er sie führte, und den andern Arm
mußte sie fest an sich pressen; denn unter dem steckte die Puppe, und in
der Hand war das Backwerk. Allmählich wurde der Arm müde und konnte die
Puppe nicht mehr fest pressen, so daß sie nach und nach immer weiter
hinunter rutschte. Klärchen fühlte es, aber sie hatte ja die zweite Hand
nicht frei, um die Puppe zu halten, und ganz sachte glitt diese endlich
unter dem Arm hindurch und fiel sanft und leise auf den weichen Schnee.
Klärchen wandte den Kopf zurück und wollte still halten, aber der
Vormund, der von dem Hergang nichts bemerkt hatte, trieb sie an: »Nur
vorwärts, Kind.« Die Kleine wagte nichts zu sagen, sie sah nur zurück,
ach da lag ihr Wickelkind im Schnee! Immer wieder wandte sie den Kopf;
jetzt bog sie um eine Ecke, sie sah sie nicht mehr! Ihr Liebling war
dahin! Es war für das treue Puppenmütterlein ein Seelenschmerz. Dicke
Tränen rollten ihr über die Wangen. Ihr Begleiter merkte es erst, als er
ein unterdrücktes Schluchzen vernahm. Aber er fragte nicht, warum sie
weine, er glaubte den Grund zu wissen. »Nicht weinen, Klärchen,« sagte
er, »schäme dich, am hellen Tag auf der Straße zu weinen. Nun sind wir
gleich zur Stelle, du wirst doch so weit marschieren können?« Es war
eine Erleichterung, als am Bahnhof der große Mann ihre Hand frei gab,
der Arm hatte so weh getan. Und nun saß sie im Wagenabteil zweiter
Klasse auf weichem Kissen, und der Vormund sagte: »In deinem Alter
durfte ich nie zweiter Klasse fahren, dir geht es besser als du es
verdienst, sei nur recht dankbar.« Da kämpfte das kleine Wesen seinen
Kummer nieder und sagte, die Tränen verschluckend: »Ich danke schön.«