V.

Nicht nur in der Familie des Professors plante man allerlei

Weihnachtsfreuden, auch in dem kleinen Häuschen in Waldeck waren die

Gedanken bei dem herannahenden Fest. Fräulein Stahlhammer hatte in

dieser Zeit alle Hände voll zu tun; denn sie war Vorstandsdame bei dem

Verein, der den armen Schulkindern bescherte; außerdem hatte sie jedes

Jahr die Bescherung der armen Leute im Spital zu besorgen, am heiligen

Abend, wo Hausfrauen sich nicht vom eigenen Haus los machen konnten. Nun

hätte Fräulein Stahlhammer in diesem Jahr gerne diese Aufgabe anderen

übertragen -- hatte sie nun doch auch ein Kind zu Hause --, aber es fand

sich niemand bereit, und so sagte sie sich, daß Klärchen wohl ebenso

glücklich wäre, wenn ihr erst am Weihnachtsfest selbst beschert würde;

sie kam ja mit andern Kindern nicht zusammen und war noch zu klein, um

den Kalender selbst zu studieren. So wollte ihr Fräulein Stahlhammer am

Christfest bescheren und sie ging nie an den Läden des Städtchens

vorbei, ohne sich zu überlegen, womit sie das Kind erfreuen könnte.

Auch Mine hatte ihre Pläne. Sie wollte sich in den Feiertagen mit ihren

Bekannten vergnügen und hätte es gar zu gern gesehen, wenn die Kleine

aus dem Wege gewesen wäre, damit sie wie in früheren Jahren ihre

Freiheit hätte.

Klärchen stand mit der geliebten Puppe im Arm träumend am Fenster; sah

hinaus, wie die Schneeflocken herunterwirbelten, und dachte daran, daß

voriges Jahr ihre Mama gesagt hatte: »Wenn's schneit, ist Weihnachten

nahe!« Sie hätte gerne die Patin gefragt, ob wohl hier das Christkind

auch zu ihr käme. Aber sie wagte es nicht recht und nahm sich vor,

zuerst mit Mine zu sprechen. Heute nun war die Patin ausgegangen, und

Mine putzte die Fenster in der Küche. Klärchen machte sich an sie heran.

»Mine,« fragte sie, »wie ist's denn hier an Weihnachten?«

»An Weihnachten? Da beschert die Patin in der Schule.«

»Und dann?«

»Und dann im Spital.«

»Und dann?«

»Und dann? Ist das noch nicht genug?« Ein Weilchen war Klärchen still.

Sie hatte ihre Puppe im Arm und nun fing sie an nach ihrer Gewohnheit zu

dem Puppenkind zu reden: »Gelt Rosa,« sagte sie zur Puppe, »das schöne

Kleid hast du an Weihnachten bekommen und die neuen Locken auch, da bist

du unter dem Christbaum gesessen und die Mama hat zu mir gesagt:

'Herzkind, kennst du denn deine Puppe noch?' Aber jetzt haben wir keine

Mama mehr und sie kann nicht mehr sagen 'Herzkind' und sie kann dir

keine Kleider mehr machen; aber du darfst nicht weinen, sonst bist du

undankbar.« Und dabei schluckte die Kleine tapfer die Tränen hinunter

und wischte die weg, die über das Puppengesicht gerollt waren.

Mine merkte wohl, wie es dem kleinen Wesen ums Herz war. »Klärchen,«

sagte sie, »bitte doch die Patin, daß sie dich an Weihnachten zu den

Brüdern läßt. Bei denen gibt es eine Mama, die beschert, und auch einen

Christbaum; aber bei uns hat es noch nie einen gegeben; dort geht es

lustig zu, aber hier ist's langweilig. Möchtest du nicht zu den Brüdern

an Weihnachten?«

»Ich möchte schon, aber ich kann doch die Patin nicht bitten; du hast

doch immer gesagt, ich soll sie nichts bitten, sonst wird sie böse!«

»Freilich, aber das ist nun etwas anderes, das darfst du schon sagen.«

»Sagst du's nicht für mich, Mine?« fragte Klärchen ängstlich.

»Meinetwegen, ich will davon anfangen, aber du mußt dann auch recht

schön bitten; denke nur, wie traurig es hier für dich wäre ohne

Christbaum!« Mine sagte wohl die Wahrheit, wenn sie behauptete, daß

Fräulein Stahlhammer nie einen Christbaum hatte; aber konnte sie sich

nicht denken, daß es in diesem Jahr dem Kinde zu lieb anders gemacht

würde, oder wollte sie nichts davon wissen? Als Fräulein Stahlhammer den

Christbaum für die Armen im Spital besorgt hatte, da hatte sie dem

Waldschützen zugleich gesagt: »Und besorgen Sie auch für mich ein recht

nettes, grünes Bäumchen.«

An diesem Tage kam ein Brief von der Tante, in dem sie ihre kleine

Nichte freundlich einlud, über Weihnachten zu kommen, damit die drei

verwaisten Geschwister dies erste Christfest beisammen feiern könnten.

Fräulein Stahlhammer kämpfte mit sich selbst. Allerdings würden die

Kinder vergnügt beisammen sein, und Klärchen hätte ein fröhliches Fest

in dem kinderreichen Haus; aber doch hatte sie gerade von einem schönen

Weihnachtsabend gehofft, daß er ihr das Kinderherz näher bringen würde;

sie wollte eine Puppenküche anschaffen und mit der Kleinen kochen. Der

gestrenge Vormund konnte nichts dagegen sagen: an Weihnachten, wo allen

Kindern Liebe erwiesen wird, durfte auch sie ihr Pflegekind ein wenig

verwöhnen. Nun kam ihr recht unerwünscht diese Aufforderung. Nach

gewissenhaftem Überlegen dankte sie freundlich für die Einladung; sagte,

daß sie dem Kinde gern im eigenen Haus bescheren würde, und versprach,

die Kleine über Neujahr zu schicken. Den Brief ließ sie Klärchen in den

nahen Briefkasten einwerfen. Das Kind ahnte nicht, was er enthielt, und

gerade als sie vom Schalter zurückkam ins Zimmer, wo Mine ihrem Fräulein

half, Stöße von Hemden zusammen zu packen, die für die Schulbescherung

bereit lagen, gerade da sagte Mine: »Klärchen, hast du denn der Patin

schon gesagt, um was du schön bitten möchtest? Nicht? Muß ich es wieder

für dich sagen? Fräulein Stahlhammer, das Kind hat bloß den _einen_

Wunsch, daß es an Weihnachten zu den Brüdern darf, gelt Klärchen?«

»Ja,« sagte Klärchen, und obgleich das ihre ganze Antwort war, sah sie

doch so gespannt auf die Patin, daß diese wohl die Bitte von den stummen

Lippen ablesen konnte. »Wie kommt sie darauf?« fragte Fräulein

Stahlhammer und sah Mine mißbilligend an. »Ach, das ist doch natürlich,

daß sie darauf kommt. Papa und Mama hat sie verloren, so möchte sie doch

wenigstens bei ihren Geschwistern sein. Gelt, Klärchen? Mir kann's ja

ganz einerlei sein, aber so sind halt Kinder, sie wollen eben unter

andere Kinder.«

Fräulein Stahlhammer zog die Schnüre fester an dem Paket und dann sagte

sie zu Klärchen: »Wenn du auch an Weihnachten nicht zu den Brüdern

darfst, so doch an Neujahr. Das ist nur eine Woche später, so ist's

ausgemacht mit deiner Tante.«

Mine stieß heimlich die Kleine an, sie hätte gerne gehabt, daß das Kind

noch für sich selbst bäte; aber Klärchen hatte ein unbestimmtes Gefühl,

daß dieses der Patin nicht recht wäre, sie wagte es nicht und schwieg,

und somit war die Sache zu Mines großem Verdruß abgetan. Für die Brüder

war die abschlägige Antwort zwar eine Enttäuschung, aber die Tante

konnte den freundlichen Brief der Patin verstehen; sie vertröstete die

Beiden auf das Wiedersehen an Neujahr und lenkte die Gedanken ab, indem

sie die Puppenkleider und andere kleine Geschenke für Klärchen durch die

Brüder zusammenpacken ließ. Der Professor wollte am Nachmittag vor der

Bescherung selbst der Kleinen das Päckchen überbringen, um auch einmal

nach seiner Nichte zu sehen.

Der heilige Abend kam und brachte für Fräulein Stahlhammer große

Geschäftigkeit. Als sie sich nachmittags auf den Weg in das Spital

machte, tat es ihr leid, die Kleine zu verlassen. »Morgen, Klärchen,«

sagte sie, »ist Weihnachten; aber sieh, heute hat das Christkind dir

auch schon ein Päckchen gebracht, so eines, wie es die Schulkinder

bekommen, sieh her,« und sie gab Klärchen eines von den neuen Hemden,

schön mit roten Bändchen gebunden, mit einem Tannenzweiglein verziert.

Dann eilte sie fort. Mine putzte draußen den Vorplatz und die Treppe.

Als es dunkel wurde, so gegen fünf Uhr, saß das Kind allein am Tisch.

Das Hemd lag vor ihr, das Tannenzweiglein drehte sie in den Fingern. Da

kam in Eile Professor Kuhn die Treppe herauf. Er traf Mine beim Putzen.

»Ist Fräulein Stahlhammer zu Hause?«

»Nein, sie ist fort.«

»Mit meiner kleinen Nichte?«

»Nein, das Kind ist droben. Ich muß eben putzen vor dem Fest, sonst

ließe ich sie nicht allein, das arme Tröpflein!«

»Wann kommt Fräulein Stahlhammer wieder?«

»Ach, da kann's leicht zehn Uhr werden, bis die Bescherungen vorbei

sind.« Der Professor sagte kein Wort, ging mit raschen Schritten die

Treppe hinauf und ins Zimmer. Da saß die verlassene Kleine allein im

Halbdunkel am Tisch, ein trübseliger Anblick.

Beim Erscheinen des Onkels leuchtete ihr ganzes Gesichtlein: der Onkel

gehörte zu den Brüdern, er gehörte zu der Tante, die wie die Mama

aussah, er gehörte zu dem, was sie lieb hatte!

»Onkel,« sagte sie schmeichelnd, als er dicht zu ihr kam, um sie genau

zu sehen, »Onkele, liebes, gutes Onkele, bist du zu mir gekommen?« und

sie schlang ihre Arme um seinen Hals. Diese Zärtlichkeit ging ihm zu

Herzen, das Kind sah ihn doch so selten. Er schaute sich um im Zimmer.

Er hatte gedacht, die Bescherung sei schon vorbei; aber da war kein Baum

zu sehen. Nur ein kleiner Tannenzweig lag vor ihr. »Hat dir das

Christkind schon beschert?« fragte er.

»Ja, sieh nur, ein Hemd.«

»Und sonst noch etwas? Nicht? Habt ihr keinen Christbaum?«

»Bloß so viel davon,« sagte Klärchen und zeigte ihr Zweiglein; sie wußte

ja nicht, daß im verschlossenen Gastzimmer neben der neuen Puppenküche

schon das geputzte Christbäumlein bereit stand, um morgen seinen

Lichterglanz zu verbreiten. Und auch der Onkel dachte an diese

Möglichkeit nicht und war im innersten Herzen empört. Die Patin war

unterwegs, um Fremden zu dienen, und das ihr anvertraute Geschöpfchen

ließ sie am Weihnachtsfest ohne Bescherung, ohne Baum allein mit einem

Hemd als Christgeschenk. Wenn sie keine Zeit und kein Herz für das Kind

hatte, warum hatte sie dann nicht wenigstens zugegeben, daß es bei den

Brüdern Weihnachten feiere? Es sollte aber sein Weihnachtsfest haben,

das Kind, mochte die Patin zürnen, das war ihm ganz gleichgültig!

»Klärchen,« sagte der Onkel, »zieh dich an, recht schnell, ich nehme

dich mit mir, wir fahren gleich miteinander fort.« Und hinaus eilte er

zu Mine: »Helfen Sie dem Kind, ziehen Sie es recht warm an, ich will es

mitnehmen, ich bin sein Onkel.«

Mine war hocherfreut, das paßte zu ihren Plänen. Klärchen selbst war

ganz verwirrt, konnte kaum fassen, was so schnell mit ihr geschah. Aber

Mine flüsterte ihr zu: »Zu deinen Brüdern darfst du, denke nur, die

Freude, zur Weihnachtsbescherung! Ach, Herr Professor, wenn Sie die

Kleine nur ganz behalten könnten, da wäre sie besser versorgt, das arme

Ding!«

»Sagen Sie Fräulein Stahlhammer, ich sei gekommen, dem Kind seine

Weihnachtsgeschenke zu bringen, und da ich sie allein fand, hätte ich

sie mitgenommen. Bis Neujahr bleibt sie jedenfalls bei uns, dann wollen

wir weiter sehen. Komm Kind, komm, wir müssen gleich fort, damit wir den

Zug noch erreichen.«

Unten an der Treppe fiel dem Onkel noch etwas ein.

»Mine,« rief er hinauf mit gewaltiger Stimme, die durchs ganze Haus

dröhnte.

»Was ist's?«

»Die Puppe muß mit, schnell bringen Sie sie herunter. Wo ist sie,

Klärchen?«

»Sie schläft in meinem Bett.«

Im Augenblick war sie herbeigeschafft und Klärchen drückte sie sorglich

an sich. Der Onkel trug das Weihnachtspaket; zur rechten Zeit war ihm

noch eingefallen, daß es Puppenkleider enthielt, so war wohl die Puppe

unentbehrlich. Nach kurzer Zeit waren sie am Bahnhof.

Unterwegs sagte das Kind zu seinem Onkel: »Undankbar ist das nicht, wenn

man fortgeht von der Patin, gelt, undankbar ist das nicht?«

»Nein, nein,« beruhigte der Onkel, »ich habe dich geholt und du mußt mir

folgen.«

Ein halbes Stündchen Fahrt, ein Gang durch die Straßen der großen

Stadt, und sie standen umringt von jubelnden Kindern, daß dem Klärchen

aus ihrer Stille heraus ganz traumhaft zumute war.

Der Professor suchte seine Frau auf, im Weihnachtszimmer traf sie eben

die letzten Vorbereitungen zur Bescherung. Ein Loblied auf Fräulein

Stahlhammer war es nicht, was jetzt gesungen wurde! »Du hast recht

gehabt, ganz gewiß hast du recht gehabt, daß du das Kind entführt hast.

Fräulein Stahlhammer soll es nur erfahren, wie anderen Menschen so etwas

vorkommt. Ich kann es nicht begreifen, gar nicht fassen! Sie hat doch

erst so schön geschrieben, daß sie dem Kind die neue Heimat lieb machen

möchte durch eine schöne Weihnachtsfeier! Ist sie denn eine Heuchlerin?«

-- -- Ach nein, eine Heuchlerin war sie nicht; hätte nur die gute Frau

Professor gesehen, mit welch tiefem Schmerz Fräulein Stahlhammer bei

ihrer Heimkehr -- um acht Uhr war es -- vernahm, daß ihr das Kind

weggenommen worden war! Nachdem Mine ihr den ganzen Hergang berichtet

und ein kleines Abendbrot aufgetragen hatte, fragte sie, ob sie noch zu

ihren Verwandten gehen dürfe. Fräulein Stahlhammer sagte ja, ohne nur

recht zu wissen auf was. Am Tisch, wo noch das Tannenzweiglein lag und

das rotgebundene Hemd, saß sie, und bemühte sich vergeblich, Herr zu

werden über die Empfindungen, die sie überwältigen wollten: Schmerz, daß

sie dem Kind nicht den Weihnachtsbaum anzünden konnte; Beschämung, daß

es so vernachlässigt erschienen war; Entrüstung, daß man ungefragt

eingedrungen war und das Kind geholt hatte; und Befürchtung, daß es

lieblose Worte über sie hören und von anderen um so mehr Liebesbeweise

empfangen würde. Und je länger der Abend sich hinzog, totenstill in

ihrem einsamen Haus, der Abend, an dem sie eben erst von den

Schulkindern das Lied hatte singen hören: »Selbst die Hütte trieft von

Segen,« um so bitterer empfand sie ihre Enttäuschung.

Die alte, große Uhr, die in der Ecke des Eßzimmers wohl schon ein halbes

Jahrhundert hing und in ihrem schönen, geschnitzten Kasten vom Boden bis

hinauf reichte über die Türe, fing nun feierlich an zu schlagen mit

einem Klang wie Orgelton, zehn Schläge. Da raffte sich Fräulein

Stahlhammer auf und sah nach den großen goldenen Zeigern. Wirklich zehn

Uhr? Wo waren die Stunden hingegangen? Vertrauert, verträumt, verloren!

Das war kein »heiliger Abend«. Mit aller Gewalt riß sie sich heraus aus

dieser Stimmung. Ihr selbst war ja das Fest verdorben, aber dem Kind

nicht; das war wohl am glücklichsten bei den Geschwistern, so wollte sie

ihm das Glück gönnen und nicht bitter gegen Klärchen sein. Das

Christbäumchen konnte morgen auch eine Familie erfreuen, dann war es

doch nicht umsonst aus dem Wald genommen. Aber dem Vormund wollte sie

doch gleich schreiben, was sich begeben hatte; er konnte gelegentlich

dem Onkel vorhalten, daß er nicht so eigenmächtig hätte handeln sollen.

Dieser Brief, der am frühen Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages bei

dem Vormund ankam, versetzte den Mann in großen Zorn. Er war ein

empfindlicher Herr, dieser Herr Rat Stahlhammer, nicht gewöhnt, daß ihm

etwas gegen den Willen ging. Er war der Vormund, nicht der Professor,

und wenn er als Vormund das kleine Mädel seiner Schwester übergab, so

hatte nach seiner Meinung der Herr Professor durchaus kein Recht, sich

das Kind eigenmächtig und gegen den Willen seiner Schwester zu holen.

Das wollte er ihm sagen. Heute war noch Feiertag; es war wohl am besten,

wenn er gleich heute nachmittag zum Professor ging und ihm seine Ansicht

sagte. Gleich heute nachmittag? Das war nicht gleich, das war lang, das

war viel zu lang für den Ärger, den er empfand und durchaus aussprechen

mußte. Schon nach einer Viertelstunde war er unterwegs, um Professor

Kuhn aufzusuchen.

Ein langer Weg. Wie konnte man nur so weit hinausziehen! Die ganze Stadt

mußte er durchqueren mit der Straßenbahn und dann erst noch ein Stück zu

Fuß gehen und all das wegen des kleinen Mädels; das machte sich als

Mündel recht unangenehm bemerkbar. Wegen so eines kleinen Rackers mußte

er, der Rat, sich so bemühen, ganz ungehörig war das. Seine Schwester

verstand es aber auch gar nicht, mit Kindern umzugehen! Warum war sie

nicht daheim geblieben und hatte dem Kind einen Haufen gutes Zeug und

Spielkram hingelegt, wie es so kleine Bälge nun einmal wollen an

Weihnachten. Er hatte sich in einen gehörigen Zorn hineingearbeitet, der

Herr Vormund, bis er glücklich am Haus des Professors angekommen war.

Auch das Dienstmädchen ärgerte ihn, das die Türe aufmachte, denn auf

seine Frage, ob Herr Professor zu Hause sei, antwortete sie: »Es tut mir

leid.«

»Ob's Ihnen leid tut oder nicht, ist mir vollständig einerlei,« sagte er

gereizt, »ist die Frau Professor zu Hause?« Das Mädchen hielt es nun für

sicherer, bloß verneinend mit dem Kopf zu schütteln. Der Rat blieb einen

Augenblick unschlüssig mit gerunzelter Stirne stehen. »Wenn die Leute

nur immer alle fortlaufen können,« sagte er vor sich hin, »ich möchte

nur wissen, wozu sie Häuser haben, wenn sie doch nicht darin bleiben?«

In diesem Augenblick ging eine Zimmertüre auf, fröhliches

Kindergelächter drang heraus; unter der Türe stand Klärchen, hinter ihr

kamen noch mehr Kinderköpfe zum Vorschein. Da wurde dem Rat klar, was

die beste Strafe für den Professor war.

Er ging auf Klärchen zu und fragte kurz: »Hat die Patin erlaubt, daß du

hierher kommst?«

»Nein,« sagte erschrocken die Kleine.

»Dann zieh dich augenblicklich an und komm mit mir.« Zugleich nahm er

eine Besuchskarte aus der Tasche und sagte dem Mädchen: »Geben Sie diese

Karte ab, wenn Herr Professor heimkommt.«

Klärchen hatte kein Wort der Widerrede. Sie war es nicht anders gewöhnt.

So plötzlich hatte man sie das erste Mal zur Patin gebracht, so hatte

der Onkel sie vorgestern entführt und so wurde sie zurückgeholt. Nach

ihrer kleinen Lebenserfahrung war das der Lauf der Welt.

»Wo ist mein Mantel?« fragte die Kleine. Das Dienstmädchen ging rasch

ins Zimmer, als wollte es die Kleider holen. Im Zimmer waren die

kleineren Kinder und einer der Kostgänger, aber die Brüder, Konrad und

Heinrich, waren nicht darunter, sie waren mit den Größeren auf der

Eisbahn.

Ganz aufgeregt sagte das Mädchen: »Da draußen ist ein Herr, ein ganz

unfreundlicher, der will das Klärchen mitnehmen, was soll ich denn tun?«

Und auf die Besuchskarte sehend, las sie: »Stahlhammer, Geheimer Rat.«

»Das ist ja der Vormund von Konrad und Heinrich,« sagte der Kostgänger,

»von dem war schon oft die Rede.«

»Dann muß man Klärchen mit ihm gehen lassen?« Allgemeiner Widerspruch,

lautes Bedauern ertönte nun in der Kinderstube und die Kinder drängten

hinaus in den Vorplatz. Es hatte nur eine Minute gedauert, aber dem

Herrn Rat schon zu lang. »Der Mantel, der Mantel, wo ist der Mantel? Und

das andere Zeug, das das Kind etwa mitgebracht hat?« Das Mädchen sprang

eilends an den Kleiderschrank, und die Kinder, als sie sahen, daß

Klärchen wirklich gehen mußte, holten geschäftig herbei, was auf dem

großen Bescherungstisch auf ihrem Platze lag: die Puppe im

Wickelkissen, das Weihnachtsgebäck, ein Bilderbuch und eine Schürze. Die

Sachen wurden notdürftig eingewickelt; der Rat war schon ein paar

Treppenstufen hinunter gegangen, als die einzelnen Schätze Klärchen noch

gereicht wurden.

Er hatte allerdings guten Grund zu eilen, denn er wußte, daß um Mittag

ein Zug abging, den er benützen wollte, um das Kind wieder bei seiner

Schwester abzuliefern. Auch wünschte er nun nicht mehr den Professor zu

sprechen, _diese_ Sprache war die deutlichste. Als er unten mit der

Kleinen um die Straßenecke bog, kamen von der entgegengesetzten Seite

Herr und Frau Kuhn auf das Haus zu.

»Sieh nur,« sagte die Frau Professor zu ihrem Mann, »man könnte meinen,

das Kind dort, das mit dem Herrn geht, sei Klärchen; jetzt kannst du sie

nicht mehr sehen, sie sind schon um die Ecke, aber es kann ja unmöglich

Klärchen sein.«

In eiligen Schritten ging der Vormund mit seinem Mündel der Bahn zu;

aber rasch kamen sie doch nicht von der Stelle, denn zuerst rutschte ihr

das Buch aus der Hand und als sie es aufheben wollte, das Päckchen

Backwerk. Es fiel in den Schnee, der mußte erst wieder abgeschüttelt

werden. »Gib das Buch, ich will es tragen,« sagte der Rat und nahm es

ab. Aber nach einiger Zeit rutschte die Schürze auf den Boden, da gab es

wieder einen Aufenthalt. »Das will ich dir auch noch abnehmen, aber was

du ferner auf den Boden wirfst, bleibt liegen, verstanden! Man muß auf

seine Sachen achten lernen; nun spring so rasch du kannst, daß wir den

Zug noch erreichen.« Er nahm sie bei der Hand. Die Kleine trippelte so

schnell sie konnte nebenher; aber ihr Ärmchen tat ihr weh, so hoch

hinauf zog es der große Mann, indem er sie führte, und den andern Arm

mußte sie fest an sich pressen; denn unter dem steckte die Puppe, und in

der Hand war das Backwerk. Allmählich wurde der Arm müde und konnte die

Puppe nicht mehr fest pressen, so daß sie nach und nach immer weiter

hinunter rutschte. Klärchen fühlte es, aber sie hatte ja die zweite Hand

nicht frei, um die Puppe zu halten, und ganz sachte glitt diese endlich

unter dem Arm hindurch und fiel sanft und leise auf den weichen Schnee.

Klärchen wandte den Kopf zurück und wollte still halten, aber der

Vormund, der von dem Hergang nichts bemerkt hatte, trieb sie an: »Nur

vorwärts, Kind.« Die Kleine wagte nichts zu sagen, sie sah nur zurück,

ach da lag ihr Wickelkind im Schnee! Immer wieder wandte sie den Kopf;

jetzt bog sie um eine Ecke, sie sah sie nicht mehr! Ihr Liebling war

dahin! Es war für das treue Puppenmütterlein ein Seelenschmerz. Dicke

Tränen rollten ihr über die Wangen. Ihr Begleiter merkte es erst, als er

ein unterdrücktes Schluchzen vernahm. Aber er fragte nicht, warum sie

weine, er glaubte den Grund zu wissen. »Nicht weinen, Klärchen,« sagte

er, »schäme dich, am hellen Tag auf der Straße zu weinen. Nun sind wir

gleich zur Stelle, du wirst doch so weit marschieren können?« Es war

eine Erleichterung, als am Bahnhof der große Mann ihre Hand frei gab,

der Arm hatte so weh getan. Und nun saß sie im Wagenabteil zweiter

Klasse auf weichem Kissen, und der Vormund sagte: »In deinem Alter

durfte ich nie zweiter Klasse fahren, dir geht es besser als du es

verdienst, sei nur recht dankbar.« Da kämpfte das kleine Wesen seinen

Kummer nieder und sagte, die Tränen verschluckend: »Ich danke schön.«

Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise · 第 12 / 17 题