Leicht hatten sich inzwischen die Brüder bei Onkel und Tante eingewöhnt.
Aber je mehr sie sich einlebten in der neuen Umgebung, um so sehnlicher
wünschten sie auch ihre Schwester herbei und täglich wurde der Kleinen,
von der sie gar keine Nachrichten hatten, in Liebe gedacht. Der Vormund
hatte bestimmt, daß in den ersten vier Wochen die Geschwister sich nicht
besuchen sollten, damit beide Teile vor dem ersten Wiedersehen den
Trennungsschmerz schon überwunden und sich in die neuen Verhältnisse
eingewöhnt hätten. Klärchen wußte davon nichts; die Brüder hingegen
erwarteten mit Ungeduld den vierten Sonntag, für den ihnen der Besuch in
dem Städtchen Waldeck versprochen war, und fast ebensosehr sehnte sich
die treue Tante danach, durch die Brüder Nachricht von der kleinen
Nichte zu erhalten.
Es war ein trüber Novembertag. Die Knaben machten sich gleich nach Tisch
auf den Weg und kamen nach einem tüchtigen Marsch in dem Städtchen an.
Die Patin vermutete den Besuch wohl, doch wollte sie Klärchen nichts
vorher davon sagen; sie freute sich auf die Überraschung des Kindes und
gab nur heimlich dem Mädchen den Auftrag, etwas für den Empfang der
jungen Wanderer bereit zu stellen. Als Mine erfuhr, was für Gäste
erwartet wurden, spähte sie fleißig zum Fenster hinaus; denn sie wollte
die Brüder sprechen, ehe dieselben heraufkamen. Es dauerte nicht lange,
so sah sie zwei fremde Knaben des Wegs kommen; sie hatten Trauerflor an
den Hüten und Mine konnte nicht zweifeln, daß es die Erwarteten seien.
Rasch ergriff sie Klärchen, die im Vorplatz mit ihrem Puppenwagen
spielte und flüsterte ihr zu: »Komm mit, ich weiß etwas, das dich
freut,« und dann eilte sie mit dem Kind die Treppe hinunter. Die Brüder
waren inzwischen schon in die Nähe des Hauses gekommen, Klärchen
erkannte sie auf den ersten Blick und stürzte ihnen laut aufjubelnd
entgegen. Aber im Übermaß der unerwarteten Freude und in Erinnerung
ihrer schmerzlichen Sehnsucht ging der Jubel gleich in Tränen über, zur
großen Bestürzung der Knaben, die sich die helle Freude des Kindes auf
dem ganzen Wege ausgemalt hatten. »Sie dürfen sich nicht wundern, daß
das Kind weint,« sprach nun Mine, »es hat so Heimweh nach Ihnen, und es
ist ja auch kein Wunder, wenn man so klein schon unter fremde Leute
kommt!«
»Hat sie sich noch gar nicht eingewöhnt?« fragte Konrad bekümmert.
»Nein, nein, und sie wird sich auch nicht eingewöhnen. Ein Kind gehört
zu Kindern, da kann es sich vergessen, aber nicht bei einem einsamen
Fräulein, die überdies halbe Tage lang gar nicht zu Hause ist.«
»Aber die Patin wird doch gut mit ihr sein?« rief Heinrich und bemerkte
in seiner Erregtheit nicht, wie der ältere Bruder ihm zu bedeuten
suchte, daß es nicht passend sei, weiter das Dienstmädchen auszufragen.
»Ich will nichts sagen, es schickt sich auch nicht für mich,« antwortete
Mine, »aber das Kind ist kreuzunglücklich, und wenn das noch lange
dauert, so wird es noch krank werden.«
Besorgt sahen die Brüder in das Gesichtchen der Kleinen. Freilich, so
frisch und blühend wie früher sah es in diesem Augenblick nicht aus, und
jetzt hatte sie einen ihr sonst ganz fremden, ernsthaften Ausdruck; denn
zum erstenmal kam sich das sonst so bescheidene Kind gar wichtig vor:
es hatte erfahren, daß es unglücklich und zu bedauern sei.
Als die beiden Knaben nun mit der Schwester die Treppe hinaufkamen,
waren sie in ganz anderer Stimmung als noch vor wenigen Minuten; sie
bedauerten die Schwester und grollten der Patin. So traten die drei
Geschwister in das Zimmer zu Fräulein Stahlhammer. Diese hatte sich
gefreut auf das Wiedersehen der Kinder und nun war sie ganz um ihre
Freude gekommen. Etwas betroffen trat sie ihnen entgegen; denn ein Blick
auf Klärchen zeigte ihr, daß diese geweint hatte. Auch klammerte sie
sich fest an den Arm ihres großen Bruders, und die ganze Gruppe sah eher
feindselig als zutraulich aus. Konrad aber machte sich nun los von der
Kleinen, begrüßte Fräulein Stahlhammer artig, richtete ihr Empfehlungen
der Tante aus und erinnerte dadurch auch Heinrich an das, was sich
schickte; doch behielt dieser einen etwas ingrimmigen Blick bei, und den
ganzen Nachmittag verlor sich eine gewisse Befangenheit nicht. Klärchen
hätte im Glück über das Wiedersehen mit den Brüdern wohl alles andere
bald vergessen, aber Mine hatte die Gelegenheit wahrgenommen, ihr
zuzuflüstern: »Mußt recht traurig und still sein, dann nehmen dich die
Brüder vielleicht ganz mit heim,« und so war die ganze liebliche
Unbefangenheit der Kleinen dahin; den Brüdern kam sie gar sonderbar
verändert vor und mit schwerem Herzen verabschiedeten sie sich abends
von der kleinen Schwester.
Zu Hause angekommen, wurden sie von allen Seiten mit teilnehmenden
Fragen empfangen. Konrad gab nur kurzen Bescheid, es war ihm so traurig
zumute, daß er fürchtete, seine Fassung zu verlieren. Aber Heinrich
hatte um so mehr das Bedürfnis, sich auszusprechen. Onkel und Tante
sollten es nur wissen, wie unglücklich sein Schwesterchen sei. Er
schilderte das Wiedersehen auf der Straße, die Tränen der Kleinen, ihr
verändertes Aussehen, den Bericht des Dienstmädchens und die große,
ernste Gestalt der Patin, vor der er sich selbst gefürchtet hätte, und
nannte es eine Grausamkeit, ihr das zarte Kind zu lassen.
»Heinrich, du machst es schlimmer als es ist,« warf Konrad dazwischen,
»sie hat eigentlich kein unfreundliches Wort gesagt.«
»Natürlich nicht, wenn wir zwei dabei sind als Beschützer unserer
Schwester; aber wenn sie allein mit Klärchen ist, wer weiß, was sie ihr
da tut!«
»Nicht zu viel sagen,« wehrte der Onkel und auch die Tante versicherte:
»Sie ist gewiß nicht schlimm, eure Mutter hat ja so viel auf sie
gehalten.« Und nun mischten sich die Kinder des Hauses ins Gespräch:
alle waren voll Mitleid und urteilten hart über die Patin, bis die Tante
sie auf andere Gedanken brachte, indem sie sagte: »Nun kommt ja bald
Weihnachten, da wollen wir die Kleine auf längere Zeit zu uns einladen
und ihr recht viel Freude machen.« Damit waren nun alle einverstanden
und es begann sofort eine lebhafte Beratung, was Klärchen zu Weihnachten
bekommen sollte. Da sagte Konrad, der sich bisher noch nicht ins
Gespräch gemischt hatte: »Ich weiß, was ihr die Mutter zu Weihnachten
machen wollte; wenn du ihr das geben würdest, Tante, dann wäre ihr
Herzenswunsch erfüllt.«
»Ja, was ist's?«
»Sie hat eine Puppe, die hat sie lieb -- ich glaube wirklich so lieb wie
uns; und für die möchte sie so ein Wickelkissen, wie's die ganz kleinen
Kinder haben. Mit solch einem Wickelkind wäre sie glückselig.«
»Das mache ich ihr,« sagte die Tante eifrig, »ihr bringt mir einmal das
Längenmaß der Puppe, dann soll's ein echtes Wickelkind werden.«
Durch die Aussicht auf eine Weihnachtsfreude für Klärchen beruhigten
sich die erregten Gemüter, das hatte die Tante gewollt und erreicht; sie
kannte sich aus bei ihrer jungen Schar.