Es war ein Uhr, als Herr Stahlhammer mit seinem Mündel in der Wohnung
seiner Schwester ankam. Als Mine die Tür aufmachte und unerwartet an der
Hand des Vormunds das Kind vor sich sah, von dem sie schon gehofft
hatte, daß es vielleicht für immer wegbleiben würde, machte sie ein sehr
erstauntes Gesicht. Für erstaunte Gesichter hatte aber Herr Stahlhammer
keinen Sinn. Was er tat, war doch immer vernünftig, und über das
Vernünftige hat niemand zu staunen. Er ließ sie deshalb nicht zu Wort
kommen, sondern fragte kurz: »Fräulein Stahlhammer zu Hause?« und ging,
als dies bejaht wurde, mit dem Kind ins Zimmer. »Ich bringe das Kind
zurück,« sagte er zu seiner Schwester und mit einem Blick auf den Tisch,
von dem sie offenbar im Begriff war, das Tischtuch wegzunehmen, setzte
er mißfällig hinzu: »Schon fertig? Mir unbegreiflich, wie man so
frühzeitig essen mag! Ich bin natürlich um mein Essen gekommen durch
diese unangenehme Sache.«
Fräulein Stahlhammer sah die unvermuteten Gäste an, den übelgelaunten
Bruder und dann das Kind. Da kam es zurück nach zwei Tagen, stand da
fremd und verschüchtert, mit deutlichen Spuren vergossener Tränen; einen
erfreulichen Anblick boten die beiden nicht! Sie wollte dem Kind den
Mantel ausziehen.
»Ich denke, du sorgst zuerst für mich,« sagte der Rat, »das Kind kann
sich wohl selbst bedienen.«
Fräulein Stahlhammer ging in die Küche, die Kleine in das Schlafzimmer,
ihr Mäntelchen abzulegen. Ach, da stand das leere Puppenbett, nun war es
vorbei mit ihrer Selbstbeherrschung! Noch beim Essen fielen die Tränen
in die Suppe und es war kein Wunder, daß der Vormund zu seiner Schwester
sagte: »Das Kind macht mich nervös mit seinem ewigen Geheul, kannst du
nicht Maßregeln treffen, es abzustellen?« Da wurde Mine gerufen, sie
sollte die Kleine zu Bett bringen. Fräulein Stahlhammer dachte nicht
anders, als daß die Rückkehr zu ihr dem Kinde so schwer falle, denn den
wahren Grund des Kummers kannte sie nicht. Kaum war Klärchen mit Mine
allein, so brach sie in den Schmerzensruf aus: »Mein Wickelkind habe ich
fallen lassen, im kalten Schnee liegt's auf seinem Gesicht und friert!«
»Leise, leise, daß man dich nicht hört,« mahnte das Mädchen, »warum hast
du es nicht aufgehoben, wenn es hinuntergefallen ist?«
»Ich weiß nicht, ich weiß nicht!« schluchzte das Kind.
»Sag's nur niemand, daß du deine Puppe verloren hast, sonst geht dir's
schlecht! Schlupfe unter die Decke, daß man dich nicht weinen hört; so
ist's recht, jetzt schlafe!«
Nachdem der Vormund getafelt hatte, sagte er zu Fräulein Stahlhammer:
»Wie gedenkst du das Kind zu strafen dafür, daß es ohne Erlaubnis das
Haus verlassen hat?«
»Ach, Bruder, das Kind ist doch genug bestraft; du siehst ja, wie
unglücklich es ist. Und überdies ist es nur natürlich, daß es seinem
Onkel gefolgt ist.«
»Es muß aber lernen, daß es nichts unternehmen darf ohne deine oder
meine Genehmigung. Bestrafst du es jetzt, so weiß es das für künftige
Fälle. Das wirst du mir zugeben?« Und als seine Schwester nicht gleich
Antwort gab, fügte der Rat etwas gereizt hinzu: »Oder meinst du
vielleicht, wenn du sie nicht strafst, sieht sie ihr Unrecht besser
ein?«
»Rudolf, du quälst mich. Ich kann das arme Wesen dafür nicht strafen; du
kannst das Kind wegnehmen, -- ich habe es ja nie gewollt -- aber wenn du
es bei mir lassen willst, dann muß ich es so behandeln, wie mich mein
Herz treibt.«
»Quälen wollte ich dich nicht, nur belehren, aber du läßt dich nicht
belehren. Statt Gründe vorzubringen, kommst du mit deinem Herzen. So
sieh eben zu, wie du zurechtkommst. Ich will mich nicht weiter
einmischen, nur an das eine möchte ich dich noch mahnen: ohne Strenge
wird kein Kind erzogen. Erinnere dich, wie hart wir beide erzogen
wurden.«
»Gewiß,« sagte die Patin, »das gebe ich ja zu, Strenge muß sein.«
»Nun ja, das wollte ich auch nur betonen; wenn du es in diesem
besonderen Fall durchaus nicht für angemessen hältst, so will ich da
nicht eingreifen.« So klang die Unterredung noch versöhnlich aus. Ein
paar Stunden später war der Vormund auf der Heimreise begriffen.
Wenn wir es mit Klärchen gut meinen, so müssen wir uns jetzt nach ihrem
verlorenen Wickelkind umsehen.
Ein altes Mütterchen, das an seinem Fenster saß, während Herr
Stahlhammer mit Klärchen vorüberging, hatte die Puppe fallen sehen. Sie
öffnete das Fenster; es ging nur nicht so schnell, denn zuerst mußte
vorsichtig der Vorhang weggezogen werden. Als sie sich hinauslehnte,
waren die Beiden schon ein gutes Stück vom Haus weg und der schwache Ruf
der Frau wurde vom Wagengerassel übertönt. Ein kleiner Junge sprang
vorüber. »Reich' mir die Puppe herauf!« rief die alte Frau, und so kam
das verlorene Gut in ihre Hände. Sie hatte das ängstliche Zurückschauen
Klärchens bemerkt und der schmerzliche Blick ging ihr nach. Wenn sie
sich auch immer wieder sagte: »Ein dummes Dinglein ist's gewesen, daß es
seine Puppe nicht aufgehoben hat, es geschieht ihr recht,« so konnte sie
sich doch nicht eher beruhigen, als bis sie in das Anzeigeblatt eine
Anzeige eingesandt hatte: »Eine Wickelpuppe gefunden. Bahnhofstraße
5 p.«
Als am nächsten Tag Frau Professor Kuhn nach ihrer Gewohnheit den
Anzeiger las, fiel ihr Blick auf das Wort »Wickelpuppe«. Sie hatte ja
erst mit so viel Liebe eine solche Puppe gekleidet. Gut, daß Klärchen
in der Eile wenigstens ihre Schätze noch mitgenommen hatte. Wie traurig,
wenn sie auch ihr Wickelkind entbehren müßte! Wo hatte man die Puppe
gefunden? In der Bahnhofstraße. Durch die mußte Klärchen mit dem Vormund
gekommen sein. Wie merkwürdig, daß zwei Wickelpuppen an diesem Wintertag
durch die Bahnhofstraße getragen wurden! Oder sollte es gar die von
Klärchen sein? Ja, das Kind hatte so vielerlei zu tragen gehabt; gewiß
hatte es die Puppe fallen lassen, ohne es zu bemerken. Die Tante hatte
kaum vor den Kindern diese Befürchtung ausgesprochen, als auch Heinrich
schon davonrannte nach der Bahnhofstraße. Frohlockend kam er nach kurzer
Zeit mit dem kostbaren Gut zurück. Das Lächeln der Vorübergehenden, die
den Lateinschüler so fröhlich mit der Wickelpuppe springen sahen,
beachtete er nicht. Die Leute meinten wohl, es sei eine gewöhnliche
Puppe, ein Spielzeug; aber das war es ja nicht, es war etwas anderes,
war Klärchens Ein und Alles!
In der Familie des Professors hatte Klärchens Entführung allgemeine
Entrüstung hervorgerufen, und nun, da noch das Mitleid hinzukam, reifte
bei Konrad ein Entschluß. Er wollte die Puppe nach Waldeck bringen und
dort bleiben über die ganzen Weihnachtsferien, um zu sehen, ob Fräulein
Stahlhammer immer so hart gegen ihr Patchen sei, wie es ihnen allen am
heiligen Abend erschienen war. Als er am Familientisch diesen Vorschlag
machte, kamen von allen Seiten Entgegnungen.
»Fräulein Stahlhammer wird jetzt niemand aus unserem Haus willkommen
heißen,« meinte der Onkel; die Tante fürchtete, der Vormund werde es
nicht billigen; Heinrich fand, daß er überall sonst seine Ferien lieber
zubringen würde als bei Fräulein Stahlhammer. Aber allen wäre es von
Wert gewesen, Näheres zu erfahren über Klärchens neue Heimat, und so war
das Ende der Beratung doch, daß Konrad nach Waldeck gehen und dort sein
Glück probieren solle. Er schnürte sein Bündelchen und machte sich auf
den Weg.
An diesem Tag ging Klärchen so müßig umher, daß es der Patin auffallen
mußte, denn sie war gewöhnt, die Kleine immer mit ihrer Puppe
beschäftigt zu sehen. »Wo ist denn heute deine Puppe?« fragte sie.
Klärchen erschrak, nach Mines Warnung wagte sie nicht die Wahrheit zu
sagen. »Hole doch deine Puppe herein,« wiederholte Fräulein Stahlhammer,
»wo hast du sie denn?«
»Ich weiß nicht,« sagte Klärchen.
»So suche oder frage Mine danach.«
Klärchen ging in die Küche. »Mine, was soll ich sagen, die Patin fragt
nach der Puppe?«
»Sagst nur, du habest sie bei der Tante gelassen.«
»Ich habe aber schon gesagt, daß ich nicht wisse, wo sie ist.«
»Dann sagst du wieder so.«
Lange scheute sich die Kleine, wieder ins Zimmer zu gehen; als sie es
endlich tat, stand Fräulein Stahlhammer in Hut und Mantel da, im
Begriff, einen Ausgang zu machen. Klärchen hoffte schon, sie würde nicht
mehr gefragt, aber das erste Wort der Patin war: »Nun, hast du die
Puppe? Hast du sie nicht gefunden? Und Mine auch nicht?« Die Kleine war
in sichtlicher Verlegenheit, die Patin merkte, daß etwas nicht in
Richtigkeit war. »Nun sag' mir einmal, wo sie ist, Klärchen?« Da schlug
die Kleine die Augen nieder und sagte: »Ich weiß nicht.«
Fräulein Stahlhammer suchte Mine auf. »Das Kind will mir nicht sagen, wo
die Puppe ist. Wissen Sie etwas davon?«
»Ach, das arme Wurm getraut sich's nur nicht zu gestehen, sie hat ja
die Puppe mit auf die Reise genommen und unterwegs verloren.«
Fräulein Stahlhammer war peinlich berührt. Das Kind hatte Mine ihr
Vertrauen geschenkt, ihr selbst aber die Unwahrheit gesagt. Ja, diesmal
mußte Strafe sein; das war ein anderer Fall, lügen durfte das Kind
nicht, um keinen Preis. Als sie wieder ins Zimmer kam, warf die Kleine
einen ängstlichen Blick auf sie, ein böses Gewissen war deutlich auf dem
Gesicht geschrieben. »Klärchen,« sagte die Patin, »warum hast du mir
nicht gesagt, daß du deine Puppe verloren hast? Warum hast du gesagt:
ich weiß nicht? Da hast du mich angelogen, und das ist ganz abscheulich,
so mag ich dich nicht, und so mag der liebe Gott dich nicht. Sieh, wenn
ein Kind so böse ist, dann wird es genommen und zur Strafe da hinauf
gesetzt.« Mit diesen Worten faßte Fräulein Stahlhammer die kleine
Gestalt, hob sie hoch hinauf und setzte sie oben auf den Schrank, der an
der Wand stand. Die Kleine schrie, streckte beide Arme ängstlich an die
Wand und wagte gar nicht, von der Höhe herunter zu schauen. »Da bleibst
du nun sitzen,« sagte Fräulein Stahlhammer, »und nimmst dir vor, daß du
ein andermal nicht mehr lügen willst. Alle unartigen Kinder werden da
oben ganz brav. Sei nur still, denn solange du noch weinst, bist du noch
ganz unartig und fällst vielleicht herunter. Wenn du aber brav sein
willst und ruhig, dann kannst du gar nicht fallen, und wenn ich
heimkomme, hebe ich dich herunter.«
Als Klärchen das hörte, war sie ganz still; die Patin ging. Draußen
sagte sie noch zu Mine: »Ich habe das Kind zur Strafe auf den Schrank
gesetzt. Wenn ich in einer halben Stunde nicht kommen sollte, dann holen
Sie sie herunter, aber früher nicht.«
Die Patin ging; neugierig schlich Mine sich ins Zimmer. Wirklich, da
saß die Kleine hoch droben, regungslos an die Wand gedrückt. Mine fühlte
sich selbst schuldig, ihr Gewissen schlug, gerne hätte sie die Kleine
aus ihrer Lage erlöst. »Ich möchte dich gerne herunterholen, Klärchen,«
sagte sie, »aber wenn die Patin vielleicht noch einmal umkehrt, zankt
sie.«
»Nein, du darfst mich nicht holen, sonst falle ich,« sagte Klärchen.
»Bloß, wenn man brav ist, hält man fest, die Patin hat's gesagt. Gelt,
ich bin jetzt brav? Ich lüge jetzt nicht und ich lüge auch das
nächstemal nicht, wenn ich ein Wickelkind verliere. Gelt, dann kann ich
gar nicht fallen?«
»Nein, nein, du fällst nicht,« beruhigte Mine. Sie hatte wirklich
Mitleid. »Ich gehe schnell hinaus, weil jemand geklingelt hat, aber dann
komme ich gleich wieder herein zu dir.« Geklingelt hatte Konrad. Daß er
gerade in _diesem_ Augenblick erschien, paßte Mine vortrefflich; er
sollte nur seine kleine Schwester in ihrer traurigen Lage sehen, das
konnte schon zu dem Entschluß beitragen, sie nicht hier zu lassen. Sie
führte ihn unvorbereitet ins Zimmer und der gute Junge erschrak, als er
sein Klärchen in solcher Höhe erblickte. Sie aber strahlte, als sie ihn
hereinkommen sah. »Konrad, Konrad!« rief sie, wagte sich aber nicht zu
rühren. »Fräulein Stahlhammer hat sie da hinauf gesetzt,« sagte Mine,
»zur Strafe; ich darf es nicht herunterholen, das arme Kind. Gut, daß
Sie da sind, dann ist sie doch nicht so allein, denn ich sollte kochen,«
und sie eilte in die Küche.
Konrads erster Gedanke war, wie er wohl seine Schwester befreien könne,
denn er war empört, sie in dieser hilflosen Lage zu finden. Aber als er
nur ein Wort von seiner Absicht sagte, wehrte Klärchen ab. »Ich muß
bleiben,« sagte sie, »bis die Patin heimkommt, ich muß still sein, daß
ich nicht falle.« »Aber was hast du denn Böses getan?« fragte Konrad,
und mit tiefem Ernst im Gesichtchen antwortete die Kleine: »Gelogen!«
Das war auch nach Konrads Ermessen ein ernster Fall. »Wegen meinem
Wickelkind,« sagte Klärchen. »Konrad, es ist in den Schnee gefallen,«
und nun brach wieder der Jammer hervor. Aber da hatte Konrad den besten
Trost. Schnell packte er sein kleines Ränzchen aus und hob hoch in die
Höhe, daß es Klärchen wohl hätte erreichen können, das wiedergefundene
Kleinod. Aber so groß auch ihr Verlangen war, sie wagte nicht, sich
vorzubeugen. »Mein Wickelkind!« rief sie und winkte zärtlich mit den
Händchen. »Warte, ich bringe dir's.« Mit diesen Worten zog Konrad einen
Tisch herbei, stieg hinauf und legte die Puppe in Klärchens Arme und
nun, da er doch schon so hoch war, schwang er sich vollends auf den
Schrank, setzte sich neben die kleine Schwester, legte den Arm hinter
sie, und so beschützt fühlte sich die Kleine ganz glücklich; streichelte
bald den Bruder, bald die Puppe, bekannte auch ihre Unwahrheit und nahm
die brüderlichen Ermahnungen zur Wahrhaftigkeit sehr ernst auf.
Während so das Geschwisterpaar nebeneinander saß, kam Fräulein
Stahlhammer mit eilenden Schritten schon wieder auf ihr Haus zu. Sie
hatte mehrere Besorgungen machen wollen, aber sie war kaum eine
Viertelstunde aus dem Haus gewesen, als der Gedanke an Klärchen sie
beunruhigte. Wenn das Kind herunterfiele? Aber sie selbst war auf diesem
Strafplatz als kleines Mädchen auch gesessen und öfter als einmal ihr
Bruder, und man konnte doch von dem breiten festen Schrank gar nicht
herunterfallen. Aber Klärchen war zarter, ängstlicher, wenn sie sich zu
sehr aufregte oder wenn sie einschliefe? Nein, sie wollte lieber ihre
Ausgänge ein andermal machen und heimgehen. »Ich hätte nicht fortgehen
sollen,« sagte sie sich, »aber meine Mutter ist auch einmal
fortgegangen.« Ja, Fräulein Stahlhammer wußte es noch genau, ihr Bruder
war wohl schon eine Stunde lang zur Strafe droben gesessen, und so oft
ihn die Mutter fragte, ob er nun brav sein wolle, hatte er trutzig die
Antwort verweigert. So war die Mutter fortgegangen und er hatte bis
Abend ausharren müssen. Ob wohl auch Klärchen so trutzig sein würde? Wie
würde sie sie wohl finden? Ungewöhnlich rasch stieg sie die Treppe
hinauf, schloß die Wohnung auf und öffnete mit wahrem Herzklopfen die
Türe des Zimmers. An viele Möglichkeiten hatte sie gedacht, aber an
_die_ nicht, daß statt _eines_ Kindes zwei auf dem Schrank sitzen
würden. Wie ein Schutzengel erschien ihr der Knabe da oben, der die
ängstliche Kleine umschlungen hielt; nur waren die langen Beine, die da
in beschmutzten Stiefeln am Schrank herunter hingen, so gar nicht
engelhaft anzusehen. Und nun machte der Schutzengel einen Satz herunter
auf den Tisch, von da auf den Boden, grüßte in einiger Verlegenheit und
sagte: »Ich bin gerade zufällig mit der Puppe gekommen und habe sie
Klärchen hinaufgereicht.«
Im ersten Augenblick war Fräulein Stahlhammer nur glücklich gewesen, daß
sie das Kind wohlbehalten vor sich sah, im zweiten dachte sie: Hätte
lieber _mein_ Bruder statt _ihr_ Bruder Klärchen so getroffen. Was wird
er denken und daheim berichten von mir! »Klärchen ist in Strafe,« sagte
sie jetzt, »weil sie mir die Wahrheit nicht gesagt hat. Aber sie will
jetzt gewiß wieder brav sein,« fuhr sie fort, sich zu dem Kinde wendend
und voll Sorge, ob es nun einen peinlichen Auftritt geben werde. »Ich
bin schon die ganze Zeit brav gewesen,« sagte Klärchen, »der Schrank hat
auch gar nicht gewackelt.«
»So ist's recht,« sagte die Patin, der es ganz leicht ums Herz wurde,
»dann komm, mein Kind!« Und sie faßte Klärchen und hob sie herunter.
Es war inzwischen Mittag geworden und Fräulein Stahlhammer lud Konrad zu
Tisch. Er nahm es dankbar an; noch hatte er die Frage nicht über die
Lippen gebracht, ob er einige Tage bleiben dürfe. Daheim war er wie ein
Märtyrer angesehen worden, daß er seine Ferienzeit bei Fräulein
Stahlhammer zubringen wollte, jetzt aber kam er sich nur wie ein
zudringlicher Gast vor. Die Schwester kam ihm unwillkürlich zu Hilfe.
»Darf denn der Konrad jetzt oft da essen?« fragte sie und rückte ihren
Stuhl ganz dicht an den seinigen.
»Das will er selbst nicht,« sagte Fräulein Stahlhammer, »sonst dürfte
er's wohl.«
»O doch, ich möchte schon, wenn Sie es erlauben,« sagte er, sich an die
Patin wendend, »dürfte ich einige Tage dableiben?« Fräulein Stahlhammer
schien betroffen. Sie hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als habe man ihr
einen Kundschafter ins Haus geschickt, denn freiwillig war noch nie ein
Kind zu ihr gekommen.
»_Warum_ möchtest du da bleiben?« fragte sie und sah ihn fest dabei an.
Unwillkürlich erinnerte sich Konrad, wie er daheim gesagt hatte, er
möchte dahinter kommen, wie Fräulein Stahlhammer eigentlich sei, und das
harte Urteil, das man über sie gefällt hatte, kam ihm ins Gedächtnis. Er
geriet in sichtliche Verlegenheit; den wahren Grund konnte er nicht
angeben, Ausflüchte zu machen war er nicht gewöhnt. Aber Fräulein
Stahlhammer brauchte auch keine Antwort mehr. Sie wußte genug. Ruhig und
fest, ihre große Gestalt stramm aufrichtend, sagte sie: »O ja, du kannst
hier bleiben so lange du willst; dein Onkel und deine Tante können auch
selbst kommen, und es ist mir sogar lieber, sie bleiben länger da als
wenn sie, wie dein Onkel an Weihnachten, auf fünf Minuten kommen und
dann ganz falsche Eindrücke mit wegnehmen.«
Es war gut, daß Klärchen in der Herzensfreude über des Bruders längeren
Besuch voll Fröhlichkeit war und harmlos plauderte, sonst wäre das
Mittagessen wohl etwas peinlich gewesen.
Fräulein Stahlhammer war unwillkürlich zurückhaltend; es lag ihrem Wesen
fern, sich einen guten Schein geben zu wollen; sie war in diesen Tagen
eher weniger herzlich gegen Klärchen als sonst, und das Kind, da es
seinen geliebten Bruder als Gespielen hatte, wandte sich nie an die
Patin. Die Geschwister waren viel allein miteinander und da ging der
Kleinen das Herz auf, und allmählich kam alles zu Tag, was sie erlebt
hatte. Immer kehrte in ihren Berichten der Satz wieder: »Das darf man
nicht vor der Patin sagen, Mine hat es verboten.« Auch daß Mine oft
fortging und Klärchen ganz allein zu Hause ließ, kam unter dem Siegel
der tiefsten Verschwiegenheit heraus, und Konrad war noch keine acht
Tage im Haus, als er schon den Eindruck hatte, daß die anscheinend so
wohlmeinende Mine auf sein Schwesterchen nur einen schlimmen Einfluß
ausübe, obwohl er nicht recht durchschauen konnte, warum. Mit schwerem
Herzen trennte er sich, als die Feiertage vorüber waren, von der
Kleinen, die ihn nicht ziehen lassen wollte. Es war ihm, als ließe er
sie unter Fremden, während er selbst in einen trauten, fröhlichen
Familienkreis heimkehren durfte.
Herr und Frau Professor Kuhn hatten inzwischen einen Beschluß gefaßt.
Wenn Konrad mit ungünstigen Berichten zurückkäme, so wollten sie an
Ostern, wo einer ihrer Kostgänger abgehen würde, dem Vormund anbieten,
Klärchen zu sich zu nehmen.
Und nun kam Konrad, noch betrübt von dem Abschiedsschmerz, und gleich
der Beginn seiner Erzählung, wie er die Kleine auf dem Schrank in Strafe
getroffen habe, weil sie nicht gewagt habe, das Ungeschick mit der Puppe
einzugestehen, erregte einen Sturm der Entrüstung; und als er noch den
zweifelhaften Einfluß Mines hervorhob, wurde beschlossen, noch heute an
den Vormund zu schreiben. Der Professor faßte einen Brief ab, in dem er
sich erbot, Klärchen zu sich zu nehmen, da sie ja nur auf Probe bei
Fräulein Stahlhammer untergebracht sei. Die Geschwister wären wohl am
glücklichsten, wenn sie beisammen wären.
Herr Stahlhammer saß eben am Frühstück, als der Brief ankam. Er erbrach
ihn schon mit gerunzelter Stirne und sie wurde nicht heller beim
Durchlesen. Am nächsten Sonntag fuhr er zu seiner Schwester hinaus und
legte den Brief vor sie. »Da lies,« sagte er, »dieses Getue mit dem Kind
ist mir allmählich zuwider.« Fräulein Stahlhammer las den Brief. Der
Kundschafter hatte also keine befriedigende Kunde gebracht. Das tat ihr
weh. Sie tat doch an dem Kind was sie konnte. Sie hätte es vielleicht
selbst nach einem halben Jahr gern abgegeben, aber daß diese Familie es
ihr abverlangte, verletzte sie. Konrad war nett gewesen, sie hatte ihm
zugetraut, daß er Gutes berichten würde. Er kam ihr falsch vor. »Was
soll ich den Leuten antworten?« fragte ihr Bruder.
»Daß ich das Kind behalten will,« sagte Fräulein Stahlhammer bestimmt.
»Dauernd?«
»Ja, dauernd!«
»Das ist mir sehr angenehm, Schwester. Ich werde dem Professor Bescheid
geben und dann wird hoffentlich von dem Mädchen nicht mehr gesprochen,
bis es konfirmiert ist; wenn alle Mündel so viel Plage machten, fände
man keinen Vormund mehr!« Diesmal zog der Rat sehr befriedigt heimwärts
und schrieb ganz artig, er danke für den Vorschlag; seine Schwester
wolle das Kind dauernd behalten, es sei dort in vorzüglicher Pflege.
Als nach ihres Bruders Weggehen Fräulein Stahlhammer ihr Pflegekind
aufsuchte, und es allein in einer Ecke des Schlafzimmers still sitzend
fand, kam es ihr vor, als habe sie dem Kind ein schweres Leid angetan.
Ein fröhlicher Familienkreis hatte sich ihr geboten und sie hatte es
daraus verbannt durch ihr Wort: »Ich will es behalten.« Und dieses Wort
hatte sie nicht aus edlen Gründen gesprochen.
Bitter enttäuscht waren die Brüder, als die abschlägige Antwort des
Vormunds eintraf. Zu ändern war daran nichts mehr, das sahen sie ein,
aber etwas konnte doch getan werden, so dachte wenigstens Heinrich und
er schmiedete ganz im stillen Pläne. Mußte Klärchen bei der Patin
bleiben, so sollte wenigstens Mine fort, und das wollte er
bewerkstelligen.
Am nächsten Sonntag wanderte er ganz allein nach Waldeck. Von vier bis
sechs Uhr war die Patin im Verein der Dienstmädchen, das wußte er. Er
strich ums Haus herum, bis er die hohe Gestalt der Fräulein Stahlhammer
über die Straße schreiten sah, und bis sie endlich seinen Blicken in der
Ferne entschwand; dann ging er hinauf und als ihm Mine öffnete, folgte
er ihr in die Küche, ohne nach seiner Schwester zu fragen. Heinrich war
ein gut Stück kleiner als Konrad, sah noch recht kindlich aus für seine
zwölf Jahre, aber ein schelmisches, aufgewecktes Gesicht sah unter dem
welligen Haar hervor.
»Was willst du denn von mir, Heinrich?« fragte das Mädchen verwundert.
»Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, Mine,« sagte er und zog aus seiner
Tasche ein Zeitungsblatt hervor. Neugierig sah sie hinein, als er das
Blatt aufschlug. »Da lesen Sie einmal, Mine, das ist unser
Lokalanzeiger, da sind lauter schöne Stellen für Dienstmädchen
ausgeschrieben. Zum Beispiel da: »Ein Dienstmädchen gesucht bei hohem
Lohn,« und da »Bei guter Behandlung« und vollends die Anzeige müssen Sie
lesen »Alljährlich steigender Lohn und beste Behandlung.« Mit großer
Aufmerksamkeit folgte Mine Heinrichs Fingerzeig. »Fein,« sagte sie,
»aber ich will ja gar nicht fort von hier.«
»Warum denn nicht? In der großen Stadt ist's doch schöner.«
»Schon, aber ich habe hier einen guten Bekannten.«
»Ach, gute Bekannte bekommen Sie bei uns auch, sogar einen
Jungfrauenverein gibt's.«
»Das ist doch wieder was anderes,« sagte Mine, »und warum soll ich denn
fort?«
»Ich habe eben so gedacht,« sagte der Schelm ganz ernsthaft, »das
Klärchen macht doch schon Arbeit und wenn nun mein Bruder und ich auch
noch kommen --«
»Zu uns? Ins Haus? Für ganz?«
»Wir Geschwister möchten eben gern beisammen sein und Platz ist ja da.
Wir haben freilich viele Sachen. Zum Beispiel meine Raupensammlung; die
müßte ich schon in der Küche aufstellen, denn im Zimmer paßt das nicht,
weil die Raupen doch manchmal durchgehen.«
»Pfui tausend, sei mir still davon,« sagte Mine.
»Oho, meine Raupen sind schön, da sehen Sie doch einmal,« und auf einmal
zog er aus seiner Tasche ein Gläschen, in dem ein paar Raupen von der
dicksten Sorte herumkrochen. Er band es auf, Mine wich ein paar Schritte
zurück, er folgte ihr.
»Geh mir weg mit dem häßlichen Getier, ich kann's nicht leiden.«
»So? das ist aber ärgerlich. Denn wo ich bin, da sind auch Raupen und
beim besten Willen kann man das nicht vermeiden, daß sie manchmal
herumkriechen.«
»Schöne Aussicht!«
»Darum meine ich eben auch, ob Sie nicht einen andern schönen Dienst
suchen wollen?«
»Ja, wenn drei Kinder ins Haus kommen und Ungeziefer dazu, dann gern. Es
gibt ja auch hier Plätze genug. Mach doch dein Raupenglas wieder zu.«
»Gleich, gleich, lassen Sie doch sehen, ich meine, es krabbelt schon
eine an Ihrem Rücken, ja, jetzt kommt sie an den Hals.« Mine tat einen
lauten Schrei. »Tu sie weg, du abscheulicher Bub du, gleich tu sie weg!«
»Ja,« sagte Heinrich, »aber sachte, daß ihr nichts geschieht, es ist
eine von meinen größten,« und der Schlingel berührte Mine sachte am
Hals, so daß sie die Raupe zu verspüren meinte. »Ich bitte dich,
Heinrich, sei so gut, nimm sie weg.«
»Ja, wenn Sie mir versprechen, daß Sie gehen.«
»Gern, gern, ich mag ja gar nicht mehr bleiben. Ist das Tier weg?«
»Gleich kommt's weg. Gehen Sie im nächsten Monat?«
»Ja, ja, auf den Ersten, so bald wie möglich.«
»Dann ist's recht; da ist ja schon die Raupe wieder im Glas, sehen Sie
nur.« Lachend lief er dem zürnenden Mädchen davon. »Jetzt will ich zu
Klärchen,« sagte er.
Als sich Mine ein wenig beruhigt hatte, nahm sie das Zeitungsblatt
wieder; die feine Stelle mit dem alljährlich wachsenden Lohn fesselte
sie doch und gab ihr zu denken; schließlich konnte man seine guten
Bekannten auch von der Stadt aus treffen. Heinrich machte sich zeitig
auf den Heimweg. Er war in vergnügter Stimmung. Der erste Plan war
gelungen, nun kam der zweite. Zu Hause sagte er gar nichts davon, denn
Onkel und Tante wollten sich nicht in die Angelegenheiten von Fräulein
Stahlhammer mischen; es war ja auch nicht nötig, das konnte er schon
selbst besorgen. Er wollte auch Konrad nicht einweihen, denn der hatte
immer so vielerlei Bedenken und würde auch jetzt immer nur sagen: »Das
geht nicht.« Es mußte aber fein gehen!