Am Nachmittag stand Mine, das Dienstmädchen von Fräulein Stahlhammer,
unter der Haustüre und plauderte mit dem Mädchen des Nachbarhauses.
»Ist's wahr, daß dein Fräulein heute ein Waisenkind mit heimgebracht
hat, das ganz bei euch bleiben soll?«
»Es ist schon so, wenigstens für ein halbes Jahr auf Probe; ein kleines
nettes Dingchen ist es, das einen ganz treuherzig anblickt. In seinem
schwarzen Trauerkleidchen sieht es ganz ernsthaft aus und tut einem
leid, so früh verwaist.«
»Nun, es wird's gut bekommen bei euch, und bald wieder lustig sein.«
Aber Mine schüttelte den Kopf. »Ich kann's nicht brauchen, es muß mir
wieder fort aus dem Haus.«
»Wie du redest! Das wird dein Ernst nicht sein!«
»Freilich ist's mein Ernst. Kann ich ein Kind brauchen? Kann ich wie
bisher abends ausgehen, wenn das Fräulein im Verein oder in der
Ausschußsitzung ist und das Kind daheim läßt? Kann ich Sonntags hin, wo
ich will, wenn das Fräulein im Mägdehaus zum Vorlesen ist und mir das
Kind übergibt?«
»Es ist wahr, so gut hast du's dann nimmer wie bisher, aber du wirst's
nicht ändern können.« -- »Das wollen wir erst sehen! Es waren schon
einmal zwei Waisenkinder da, aber nicht lange, dafür habe ich gesorgt!«
»Du wirst doch dem unschuldigen Kind nichts tun?«
»Behüt' mich Gott, da würde ich mich der Sünde fürchten! Im Gegenteil,
ich tue ja dem armen Würmchen nur Gutes, wenn ich sorge, daß es
anderswohin kommt, wo es lustiger zugeht. Das wird ganz schlau gemacht,
du wirst sehen, es bleibt kein halbes Jahr. Aber ich muß hinauf, mein
Fräulein hat schon zweimal gerufen; sonst braucht sie nie etwas um diese
Zeit, so ist's eben, wenn ein Kind da ist, fort muß es!«
Oben in dem großen Wohnzimmer saß Fräulein Stahlhammer und ihr gegenüber
das Kind. Ihm kam es so unheimlich vor in dem fremden Raum bei der
Patin, die sie kaum kannte. Noch nie war die Kleine von zu Hause fort
gewesen, und nun überkam sie ein schmerzliches Heimweh, und anstatt die
Milch zu trinken, die vor ihr stand, fing sie ganz bitterlich an zu
schluchzen. »So war es damals auch,« dachte Fräulein Stahlhammer, »als
die zwei Waisenkinder den ersten Tag bei mir zubrachten; es ist Kindern
unheimlich bei mir, und wenn die größeren sich nicht bei mir
eingewöhnten, wie sollte es das kleine Geschöpfchen fertig bringen?« Ihr
Herz trieb sie, Klärchen zu trösten, aber sie wollte dieses Kind nicht
auch mit Liebe verwöhnen, sie hielt sich zurück und sagte: »Du wirst
wohl müde sein, weil du früh aufgestanden bist; ich will Mine rufen, daß
sie dein Bett richtet, dann schläfst du ein Stündchen.« Als das Bett
gerichtet war und Fräulein Stahlhammer das weinende Kind ins
Schlafzimmer führen wollte, ergriff Mine rasch die kleine Gestalt, hob
sie auf den Arm und sagte: »Es wird besser sein, wenn ich sie das
erstemal lege, sie fürchtet sich wohl noch vor der großen Patin,« und
Fräulein Stahlhammer ließ es zu. Beim Auskleiden sagte Mine zu der
Kleinen: »Weinen darfst du nicht, sonst wird die Patin böse, darfst auch
nicht merken lassen, daß du nach deiner Mama Heimweh hast. Wenn du
Heimweh hast, dann sag' du's nur immer mir, vor der Patin sei ganz
still.«
Bald hatte Klärchen sich in den Schlaf geweint und Mine verließ das
Zimmer. »Ich will schon für das Kind sorgen, wenn es aufwacht, solange
Sie in Ihrem Verein sind,« sagte Mine zu Fräulein Stahlhammer und diese
dachte: »Wie froh bin ich, daß Mine die Kinder gern hat und besser
versteht als ich.« Ehe sie aber in den Verein ging, schlich sie leise in
das Schlafzimmer, saß lange an dem Kinderbett, sah auf das liebliche,
unschuldige Gesichtchen und flüsterte endlich: »O, wie müßte es so
köstlich sein, wenn das kleine Wesen mich lieb haben könnte!«
Klärchen gehörte nicht zu den Kindern, die sich schnell an neue
Verhältnisse gewöhnen. In den nächsten Tagen schlich sie gar trübselig
umher, die Sehnsucht nach der Mutter und den Brüdern erfüllte ihr ganzes
Herz. Es dauerte nicht lange, so machte der Vormund seinen ersten
Besuch, denn es lag ihm sehr daran, daß seine Schwester gut zurecht käme
mit dem aufgedrungenen Pflegekind. Er traf die Kleine bei dem Mädchen,
Fräulein Stahlhammer war nicht zu Hause. »Nun, wie geht es mit dem
Kind?« fragte er die ihm wohlbekannte Dienerin. »O, nicht gut, Herr
Rat,« antwortete diese, »das Kind gewöhnt sich nicht an seine Patin, es
mag sie nicht.« Klärchen stand dabei und sah ängstlich und erschrocken
auf, als sie diese Worte hörte und bemerkte, wie sich die Züge des
Vormunds verfinsterten. »So etwas sollten Sie gar nicht vor dem Kinde
sagen,« sprach er verweisend zu dem Mädchen, nahm Klärchen an der Hand
und führte sie in das Zimmer. Er wollte das Kind gehörig ausschelten und
ihm den Kopf zurechtsetzen, wie er es seiner Schwester versprochen
hatte. Als er aber das kleine Wesen zitternd vor sich stehen sah, so
recht wie ein hilfsbedürftiges Geschöpfchen, da kam doch etwas wie
Mitleid über den großen, starken Mann. »Ich tue dir nichts,« sagte er,
»du brauchst nicht so vor mir zu zittern. Aber höre, was ich dir sage:
Dein Vater ist gestorben und deine Mutter ist gestorben, und die Brüder
sind fort und euer Haus ist leer. Es ist gar niemand da, der für dich
sorgen mag außer deiner Patin; du mußt ihr gehorchen, ihr dankbar sein
und sie lieb haben wie deine Mama; sonst bist du ein ganz undankbares
Kind, verstehst du das?«
»Ja,« antwortete leise die Kleine.
»Versprich mir, daß du nicht undankbar sein willst.«
»Ich will nicht undankbar sein,« wiederholte Klärchen und sah dabei ganz
ernsthaft aus; denn sie hatte die Rede des Vormunds wohl verstanden und
fing an zu begreifen, daß die Patin ihr etwas Gutes tun wollte, indem
sie sie zu sich nahm, und in ihrem guten Herzen regte sich sofort etwas
wie Liebe und Dankbarkeit.
»Mine,« sagte sie später zu dem Mädchen, »ich muß die Patin lieb haben
wie meine Mama, sonst bin ich undankbar.«
»Das kann man nicht von dir verlangen,« sagte Mine, »kein Kind hat die
Patin so lieb wie seine Mutter, und sie ist ja auch gar keine Mutter und
hat dich nicht so lieb wie ihr Kind.«
»Aber gelt, ein bißchen lieb hat sie mich doch, sie hat mich ja auch zu
sich genommen.«
»Aber nicht aus Liebe, bloß weil es der Vormund verlangt hat,« sagte
Mine. Da fiel ein trüber Schatten über das Gesichtchen der Kleinen und
die erwachende Liebe erlosch bei den kalten Worten: »Bloß weil es der
Vormund verlangt hat.«