Da kam es zögernd heraus: »Ich möchte wieder in die Adlerapotheke.«

»Aber hör!« rief die Mutter ganz vorwurfsvoll, »zu _dem_ Mann, der dich

so schnöd aus dem Haus gejagt hat!«

»Nein!« sagte der Vater, »zu _dem_ gehe ich nicht.« Helene sah ängstlich

zum Bruder auf, wie würde das weiter gehen? Sie hatte ja schon lange

gesagt: »Die Eltern sind bös auf den Apotheker Mohr und werden's nicht

erlauben.« Aber auch Hermann hatte wohl gewußt, daß die Eltern immer

noch dem Manne grollten, der ihm das Leid angetan hatte, und er hatte

diese Schwierigkeiten kommen sehen. Jetzt galt es, einzutreten für

seinen Mann!

»Vater,« sagte er, »fortgejagt hat er mich nicht, freundlich war er bis

zuletzt; in aller Liebe hat er mir's gesagt, daß er mich nicht brauchen

könne, und er hat mich auch wirklich nicht brauchen können, ich war _zu_

ungeschickt. Ihr glaubt gar nicht, wie das in einer Apotheke jede Stunde

zutage kommt. Ihm danke ich's, daß mir die Augen darüber aufgegangen

sind, was mir fehlt, und jetzt könnt' er mich brauchen. Und die

Adlerapotheke, Vater, das ist eine Apotheke, wie es gewiß nicht viele

gibt und musterhaft gehalten; und der Adlerapotheker stammt vom Mohr ab,

von einem berühmten Chemiker, und er macht vieles selbst, was andere

Apotheker heutzutage nicht mehr machen. Er ist ein feiner, gelehrter

Mann, bei dem könnt' ich etwas lernen!«

Immer wärmer und eifriger hatte Hermann gesprochen, jetzt hielt er inne

und sah gespannt auf die Eltern, die beide schwiegen. Die Schwester

fand, daß der Bruder den besten Grund, der für die Adlerapotheke sprach,

gar nicht vorgebracht hatte, und so wagte sie auch ein Wort: »Neustadt

ist näher als die Hauptstadt.«

Über diese Weisheit mußten die Eltern lachen. »Ja, Neustadt ist näher,«

sagte der Vater, »dagegen läßt sich nicht viel einwenden.«

»Hermann, glaub' mir's,« sprach Frau Hollwanger, »sie nehmen dich dort

nicht an, Frau Mohr wird zu ihrem Mann sagen: da kommt wieder der, der

in die polierten Möbel Nägel klopft, daß du mir den nicht herein läßt.«

»Überhaupt,« sagte Hollwanger, »werden sie schon einen Lehrling haben,

zwei können sie nicht brauchen.«

»Nein, nein, sie haben keinen, einen Provisor haben sie zur Aushilfe,

der geht aber bald.«

»Du weißt's ja sehr genau, woher denn?«

»Helene hat ja eine Freundin in der Stadt, die hat ihr immer erzählen

müssen, wie es in der Apotheke steht.«

»Damit ist noch lange nicht gesagt, daß sie dich nehmen. Hermann, dort

frage ich nicht an.«

»Ich kann allein hingehen und mit dem Herrn reden; will er mich nicht,

so gehe ich gleich wieder heim und wende mich, wohin du willst.«

»Wenn du die Sache ganz allein machen willst, dann in Gottes Namen!«

»Aber diesmal will ich dir etwas mitgeben, Hermann, daß die Frau

Apotheker gut gestimmt wird, Butter oder Eier oder Rauchfleisch, was

meinst du?«

»Ich glaube, das macht's nicht aus, Mutter, und ich kann auch gar

nichts tragen. Ich will all meine Pulver mitnehmen und all meine

Fläschchen, die müssen meine Empfehlung sein.«

»Die Papierchen voll Sand und all die Arzneigläser voll Wasser? Die

willst du mitnehmen? O Bub, da wirst du ausgelacht!« sagte die Mutter.

Hermann stand betroffen. »Deshalb habe ich sie doch gesammelt all die

Monate. Wenn ich die nicht zeige, weiß ich nicht, warum er mich annehmen

sollte, darauf habe ich meine ganze Hoffnung gesetzt.«

»So laß ihn's mitnehmen,« sagte Hollwanger zu seiner Frau. »Jeder hat

seine eigene Art. Du würdest's mit Butter und Rauchfleisch probieren, er

meint's mit Pulvern und Gläsern durchzusetzen, er soll's versuchen,

gleich morgen.«

Mit viel Kopfschütteln und Achselzucken sah Frau Hollwanger am nächsten

Tag ihren Sohn »den ganzen Plunder«, wie sie es nannte, in den größten

Handkoffer packen, der aufzutreiben war, und ihr Mißtrauen machte

Hermann kleinmütig. Gestern war er voll guten Muts gewesen, da hatte er

die Eltern überredet, heute hätte er das nicht vermocht. Aber jetzt gab

es kein »zurück«.

»Hermann,« sagte Hollwanger, »wenn's nun fehl schlägt, so nimm's nicht

schwer; bitten und betteln darfst du den Apotheker nicht, du bist eines

reichen Landwirts Sohn, hast etwas gelernt, kommst überall an.« Er ging

und die er daheim ließ, sahen ihm nach: wie wird er wiederkommen?

Der Himmel war grau, die Straße aufgeweicht vom gestrigen Regen, ein

kalter Wind blies. »Ungut Wetter heut zum Wandern!« sagte ein Wegmacher,

der den Schmutz von der Straße zusammenscharrte; und er sah Hermann

nach, der mit seinem Koffer einsam dem Städtchen zuwanderte, zwischen

Furcht und Hoffnung schwankend.

An der Adlerapotheke war er nie mehr vorbeigekommen, seit er sie im

Frühjahr verlassen, er hatte den Ort gemieden, jetzt sah er sie zum

erstenmal wieder und blickte nach dem schwarzen Adler. »Bist mir diesmal

hold, du finsterer Geselle?« fragte er und trat mit Herzklopfen näher.

Unter der halb offenen Ladentüre stand ein junger Herr, das mochte der

Provisor sein; mit dem wollte Hermann nichts zu schaffen haben, so ging

er nicht die Steinstufen zum Laden hinauf, sondern durch den

Seiteneingang ins Haus. Auf der Treppe begegnete ihm das Dienstmädchen

und erkannte ihn gleich. »Die Frau Apotheker ist oben,« sagte sie,

führte ihn hinauf in das kleine Besuchzimmer, suchte die Frau Apotheker

auf und kündigte ihn an: »Der junge Herr ist da, der einmal ein paar

Tage in der Apotheke war, wissen Sie der, der die Blutegel auf mich

losgelassen hat!«

»Was, der läßt sich auch einmal sehen? Das ist recht,« sagte Frau Mohr,

während sie ihre Küchenschürze ablegte, und dann kam sie mit

freundlichem Gruß zu Hermann. »Endlich sieht man Sie einmal,« sagte sie,

»immer wollten wir schon wissen, was aus Ihnen geworden ist. Sie sind

wohl schon im Obergymnasium und reisen nun wieder weg, wie ich am Koffer

sehe?«

Sie wartete die Antwort auf ihre Fragen nicht ab. »Das müssen Sie alles

auch meinem Mann erzählen, ich will gleich hinunter und sehen, ob er

sich losmachen kann, setzen Sie sich, bitte,« und fort war sie, Hermann

allein lassend. Dieser nutzte den Augenblick, aber nicht zum Sitzen.

Jetzt mußte sein »Plunder« wirken. Mit raschen, geschickten Bewegungen,

wie er sie vor einem halben Jahr noch nicht zur Verfügung gehabt hätte,

nahm er vom Tisch den feinen Plüschteppich, faltete ihn, legte ihn

sorgsam auf das Sofa, nahm aus seinem Koffer das Kistchen, das gedrückt

voll Pülverchen in weißem Papier war, und stürzte sie -- es waren wohl

viele Hunderte -- über den Tisch aus, daß ein hoher Haufe in der Mitte

lag; dann behend alle die Massen kleiner verkorkter, mit Papierchen

umbundener Arzneifläschchen rings herum, es sah ganz eigenartig aus. Den

Koffer schnell beiseite. Aber was lag denn da noch auf dem Grund?

Richtig, doch ein Ballen Butter! Nein, er konnte sich nicht

entschließen, ihn heraus zu nehmen, er hörte auch schon den Apotheker

mit seiner Frau heraufkommen. Hermann ging ihm an die Tür entgegen, und

als er wieder in das feine Gesicht des Mannes blickte, der ihn

vertrieben hatte, und zu dem es ihn doch unwiderstehlich hinzog, überkam

ihn eine große Bewegung, so daß er nicht gleich Worte fand, um des

Apothekers herzlichen Gruß zu erwidern. Es wurde aber nicht bemerkt,

denn mit lauter Verwunderung rief die Frau aus: »Ei du meine Güte, was

haben Sie uns denn da mitgebracht, was liegt denn da?« und sie ging auf

den Tisch zu. Der Apotheker folgte, und nun fühlte Hermann, daß die

Erklärung kommen mußte. »Es ist nur Plunder,« sagte er bescheiden, »es

ist nur Sand und Wasser. Ich habe das alles und noch mehr gemacht im

letzten Halbjahr zur Übung, damit Sie mich als Lehrling brauchen

können!«

Die Frau Apotheker lachte und sah belustigt auf die Bescherung; aber er,

der Apotheker lachte nicht; er sah genau, prüfend und ernsthaft auf das,

was vor ihm lag, strich mit der Hand durch den großen Haufen der

Pülverchen, nahm ein Fläschchen, band es auf, reichte es Hermann hin und

sagte: »Wie haben Sie es gemacht? Ich möchte es sehen.« Nun galt es, das

Zittern der Aufregung zu überwinden; wenn er jetzt auf dem kleinen

freien Raum des glatt polierten Tisches ein Gläslein umwarf oder nicht

gleich mit dem Schnürchen zurecht kam? Aber nein, er hatte ja nicht

vergeblich gearbeitet; es gelang ihm im Nu; der Apotheker hatte gerade

nur Zeit zu beobachten, daß auch der Daumen seine Schuldigkeit tat.

Ebenso schnell machte er unaufgefordert ein Pulver zusammen. Jetzt legte

der Apotheker dem jungen Mann die Hand auf die Schulter, und mit einem

Ton, bei dem es Hermann warm ums Herz wurde, sagte er: »Hermann, jetzt

gehörst du wirklich in die Adlerapotheke!« Da hatte der junge Mann

gerade nur zu tun, daß ihm nicht ganz unmännliche Freudentränen in die

Augen traten. Aber die Rührung wich bald einem solchen Glücksgefühl und

einer so übermütigen Fröhlichkeit, daß dem würdigen Herrn und seiner

Frau das Herz aufging und sie alle Drei in ungewohnter Heiterkeit

beisammen saßen. Und wenn Hermann erzählte, wie er hundertmal des Tages

die Leiter in seinem Zimmer hinaufgesprungen sei und von dem Schrank

seine Wasserkolben heruntergeholt oder abgestaubt habe, wie er nach der

Uhr Fläschchen gefüllt habe und auch nachts allwöchentlich seine Übungen

vorgenommen habe, da machte sich die kleine Frau lustig über ihn und

nannte ihn einen närrischen Kauz und sie lachten miteinander darüber.

»Was sagen denn deine Eltern dazu?« fragte der Apotheker.

»Ja, sind sie nicht bös auf uns gewesen?« setzte Frau Mohr hinzu. Da

fiel Hermann der Butterballen ein; jetzt, ja jetzt konnte der seine

Dienste leisten; rasch holte er ihn, überreichte ihn der Frau Apotheker

und sagte: »Das ist ein Gruß von meiner Mutter.«

»Ah,« sagte diese, »sieh, das freut mich ganz besonders, ich hatte immer

das Gefühl, sie sei gekränkt.«

Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen, der Wind schlug die

Tropfen gegen die Fensterscheiben. Hermann sah nach dem Fenster. »Jetzt

gehe ich heim.«

»Jetzt gerade?« fragten sie ihn.

»Dem Sturm, dem Regen, dem Wind entgegen,« antwortete Hermann, »da

draußen ist's lustig jetzt.«

War's draußen oder war's drinnen im Herzen so lustig? »Auf Wiedersehen

am ersten Oktober,« sagten sie zueinander.

Als sie allein waren, kehrte die Frau Apotheker an den Tisch zurück, an

dem ihr Mann sinnend stand und mit Wohlgefallen in den Pülverchen

wühlte. »Recht geschickt ist er geworden in der kurzen Zeit,« sagte sie.

»Geschickt? ja,« antwortete der Apotheker. »Geschickt sind manche. Aber

solchen festen Willen und solche Beharrlichkeit, hast du die schon

getroffen, Frau? Damit richtet man Großes aus in der Welt!«

»So hätte er doch studieren sollen.«

»Laß ihn nur in aller Stille und Bescheidenheit heranreifen in der

Apotheke; wenn Gott einen großen Geist in ihn gelegt hat, so bricht der

sich Bahn, und ich will ihm helfen und ihn fördern, so gut ich kann.«

Fröhlich eilte Hermann seiner Heimat zu. Keinem Menschen begegnete er in

dem Unwetter, auch der Wegmacher hatte sich geflüchtet. Jetzt hatte er

sein Dorf, sein Haus erreicht. Rascher und lauter als sonst ertönte sein

Tritt im Flur des elterlichen Hauses. Sie erkannten seinen Schritt

nicht. »Das ist nicht Hermann, wer kann's sein? Wer kommt?« fragte die

Mutter, als er schon die Zimmertüre öffnete und triumphierend ausrief:

»Der Lehrling von der Adlerapotheke!«

Bei der Patin.

Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise · 第 7 / 17 题