»Das kann Berta längst selbst,« meinte der Vater.
»Aber nicht so schön, wie die Mutter,« fiel Berta eifrig ein.
»Für die Nacht doch wohl schön genug,« entgegnete der Vater.
»Aber nicht so fest,« behauptete nun Berta. Der Mutter fiel diese
Beharrlichkeit auf. Ihr Blick haftete fragend auf Berta. »Ich will ihr
gerne das Haar flechten,« versicherte sie und rasch, ehe der Vater noch
einmal etwas einwenden konnte, sprach Berta: »Dann sage ich dir gleich
gute Nacht, Vater« und sie verließ das Zimmer.
Auf das Tischchen an ihrem Bett legte sie ihr Tagebuch offen hin,
daneben die Schlüssel zum Schreibtisch und dann schlüpfte sie so schnell
wie möglich ins Bett; sie wollte schon darin sein, ehe die Mutter kam,
gerade wie am Hochzeitstag. Mit Herzklopfen wartete sie nun auf die
Mutter. »Schon im Bett?« fragte diese ganz erstaunt, als sie nach
wenigen Minuten ins Zimmer kam. »Eigentlich hätte ich dein Haar besser
machen können, wenn du dich nicht vorher gelegt hättest.«
»Mutter,« sagte jetzt Berta in großer Bewegung, »das Haar kann ich wohl
selbst machen; ich möchte dich nur bitten, daß du liest, was ich heute
in mein Tagebuch geschrieben habe, sieh, da liegt das Buch.« Und die
Mutter las den Satz: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar
keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich
nur auch lieb hätte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.«
»Und das hast du vor mir verbergen wollen, dies Geständnis, das mich so
glücklich macht?« rief die Mutter, beugte sich über Berta, zog sie an
ihr Herz und küßte sie so innig und warm, wie es Berta nie mehr erlebt
hatte seit ihrer Mama Tod.
»Muß ich dir jetzt noch sagen, daß ich dich auch lieb habe, mein Kind,
oder fühlst du es?« fragte die Mutter und sah mit einem Blick voll Liebe
auf Berta.
»Ich fühle es, Mutter,« sagte Berta, »aber ich habe noch eine Bitte:
nimm jetzt die Schlüssel zu dem Schreibtisch und lege deine Sachen
hinein, damit ich ganz gewiß weiß, daß du mir glaubst, wie gerne ich dir
alles geben möchte, was ich nur habe!«
»Ja, mein Kind, jetzt nehme ich sie gern, weiß ich doch, daß es einem
guten Herzen eine Lust ist, denen, die es liebt, ein Opfer zu bringen.«
»Ich möchte dich auch noch etwas fragen, Mutter,« sagte Berta, und
errötend flüsterte sie: »Gingest du jetzt nicht mehr von uns fort, wenn
es eine Stelle wäre, die man verlassen kann, wenn man will, wie du am
Hochzeitsabend zu mir gesagt hast?«
»O, du törichtes Kind, wie kannst du nur so etwas denken! Habe ich nicht
_Liebe_ gefunden und kann es etwas Besseres geben auf Erden?«
Noch manch inniges Wort wurde zwischen Mutter und Kind gewechselt, da
ließ sich plötzlich draußen des Vaters Stimme vernehmen: »Ist das Haar
noch nicht geflochten?«
»Das Haar, ach ja, das Haar!« riefen die beiden und lachten, denn das
Haar war ganz und gar vergessen worden. »Nein, wir kommen gar nicht
zurecht mit dem Haar,« rief die Mutter, »komm nur herein und hilf uns!«
»Ich soll helfen?« fragte der Vater, aber beim Eintreten sagte ihm der
erste Blick, daß es sich nicht in Wahrheit um den Zopf handle. Er sah,
daß auf einmal alles anders geworden war zwischen Mutter und Tochter,
die sich bis jetzt, zu seinem Kummer, so kühl und zurückhaltend
gegenüber gestanden waren. Die Mutter, die gerade noch so fröhlich
gelacht hatte, ergriff des Vaters Hand und sagte in sichtlicher
Bewegung:
»Daß Berta und ich uns einmal in Liebe begegnen würden, habe ich sicher
geglaubt; aber daß wir uns so schnell finden könnten, hätte ich noch
heute abend nicht zu hoffen gewagt!«
»Gott sei Dank,« sagte der Vater; und die drei, die da beisammen im
stillen Schlafkämmerchen waren, sahen viel glücklicher aus, als damals
im strahlenden Hochzeitssaal.
Die Mutter aber richtete sich nun auf und sprach: »Mein Kind muß jetzt
schlafen,« und schnell ergriff sie die Haarbürste und begann ihr Werk.
»Morgen wollen wir es besser flechten, daß es sicher nicht mehr
aufgeht.«
»Ist nicht nötig, Mutter,« sagte Berta und lachte die Mutter dabei so
schelmisch an, daß dieser auf einmal klar wurde, welche Bewandtnis es
mit dem Haar gehabt hatte.
»Von jetzt an sollst du solche kleine List nicht mehr nötig haben, ich
komme von selbst an dein Bett.«
»Und du, Mutter, sollst nicht nötig haben, die Lisette auf den
Wunschzettel zu setzen; ich will nicht, daß du meinetwegen die Christine
fortschickst, die dich so gern hat!«
»So, solche Pläne sind da geschmiedet worden?« sagte der Vater. »Du
wolltest wohl Lisette wieder ins Haus bringen? Das wäre euch aber nicht
gelungen, sie heiratet!«
»Ist es dir leid?« fragte die Mutter.
»O nein,« antwortete Berta, »jetzt kann ich sie entbehren, jetzt,
Mutter, wo du da bist!«
Die Feuerschau.
Die schönste Straße im Städtchen ist die Ringstraße, das schönste Haus
in der Ringstraße ist das Eckhaus mit der Altane; und das schönste
Stockwerk im Eckhaus ist der erste Stock. In diesem ist alles neu
hergerichtet, frisch tapeziert und gestrichen, alle Möbel in den Zimmern
sind nagelneu, alles Geschirr in der Küche blinkt und glänzt. Auch die
junge Frau, die an dem feinen Nähtischchen sitzt und strickt, ist noch
ein Neuling. Seit acht Tagen erst ist sie Hausfrau, eine recht
jugendliche Hausfrau; und noch ein paar Jahre jünger als sie ist das
Evchen, das kleine Dienstmädchen, das in frischer, weißer Schürze am
Herd steht, ein Liedchen singt und zusieht, wie das Fleisch kocht, das
sie und ihre junge Frau miteinander zugesetzt haben.
Die kleine Magd am Herd wurde mitten in ihrem Gesang unterbrochen. Sie
hörte ihren Namen rufen durch das offene Küchenfenster. Vom Hof herauf
kam der Ruf. Sie sprang ans Fenster. Unten stand das Dienstmädchen der
Hausfrau.
»Was gibt's?« fragte das Evchen hinunter.
»Die Feuerschau ist bei uns, sie kommt gleich zu euch hinauf, du sollst
es deiner Frau ansagen.«
Das Evchen ging eiligst zu ihrer jungen Frau, den wichtigen Auftrag
auszurichten. »Frau Assessor, die Feuerschau wird gleich zu uns kommen.«
»Die Feuerschau? Was will die wohl?«
Das Evchen wußte es nicht, denn in Weilerdinkelbach, wo sie her war, gab
es keine Feuerschau. Die Frau Assessor hatte auch noch nie damit zu tun
gehabt; aber es zeigte sich doch, daß sie drei Jahre älter war als ihr
Dienstmädchen, denn sie sagte: »Ich kann mir schon denken, warum die
Feuerschau kommt, sie wird den neuen Ofen im Besuchzimmer ansehen
wollen, oder vielleicht muß sie alle Öfen nachsehen.«
Es währte auch gar nicht lange, da klingelte es draußen und als das
Evchen öffnete, standen zwei Herren vor ihr. Die Feuerschau war es nun
freilich nicht, sondern zwei Freunde des Herrn Assessor, die ihn
besuchen und seine junge Frau kennen lernen wollten. Das konnte aber das
Evchen nicht wissen; sie dachte, sie habe die Feuerschau vor sich. »Der
Herr Assessor ist nicht zu Hause,« sagte sie auf die Frage des Herrn,
»aber kommen Sie nur in das Besuchzimmer.« Nachdem sie die beiden Herren
hineingeführt hatte, eilte sie zu ihrer jungen Frau und meldete: »Die
Feuerschau ist schon im Besuchzimmer.«
Als die Frau Assessor eintrat, standen zwei fremde Herren vor ihr, und
stellten sich vor: der eine nannte sich Ingenieur Maier, von dem andern,
dem Archivar Rau, verstand sie nur etwas wie Wau wau; es war ihr auch
nicht so wichtig, wie die Herren von der vermeintlichen Feuerschau
hießen. Diese aber freuten sich, das hübsche junge Frauchen ihres
Freundes kennen zu lernen, sprachen es auch aus und fragten, ob sie sich
schon ein wenig heimisch fühle im Städtchen? Die Frau Assessor
antwortete darauf sehr freundlich. Sie fand es nett und auch ganz
natürlich, daß sogar die Feuerschau teilnahm an ihrem jungen Eheglück,
und es wurden einige verbindliche Worte gewechselt. Freilich, zum Sitzen
wurden die Herren nicht aufgefordert, dagegen sagte die Frau Assessor:
»Wollen Sie vielleicht unsern neuen Ofen betrachten?« und mit einer
Handbewegung machte sie auf den hohen weißen Kachelofen aufmerksam.
Gehorsam wandten sich die Herrn diesem zu. »Es ist ein sehr hübscher
Ofen,« sagte der Ingenieur. »In der Tat sehr schön,« wiederholte der
Archivar.
»Aber er ist so unbequem einzuheizen,« sagte die Hausfrau. Das
bedauerten die zwei Fremden von Herzen. »Vielleicht könnte man es
ändern?« fragte die junge Frau. »Das ließe sich schwer machen,«
antwortete der Ingenieur. Da die Hausfrau keine Miene machte, sich von
dem Ofen zu entfernen, konnten die Herren auch nicht davon wegkommen.
Sie wollten doch artig sein, so mußten sie den Ofen eben noch weiter
bewundern. »Die Kacheln sind sehr schön,« sagte der Ingenieur. Der
Archivar setzte seinen Zwicker auf und besichtigte die Kacheln, aber er
fand trotz des Zwickers nichts Besonderes an ihnen.
Als die Unterhaltung stockte, entfernte sich die Hausfrau von dem Ofen,
machte die Türe zum Eßzimmer auf und sagte: »Wollen Sie nicht den
eisernen Ofen ansehen, den habe ich viel lieber,« und ohne die Antwort
abzuwarten, ging sie voran. Die beiden Freunde warfen sich heimlich
verwunderte Blicke zu, sie mußten aber wohl oder übel zu dem eisernen
Ofen folgen. Da standen sie nun wieder alle drei wie gebannt um den Ofen
herum. Der Ingenieur war noch gut daran, er verstand wenigstens etwas
davon und sprach nun ganz eingehend über die Bauart des Ofens. Der
Archivar hingegen konnte nicht recht mittun. Unser Frauchen fing an im
stillen über die Feuerschau zu zürnen; sie fand es wunderlich, daß die
Herren gar nicht voran machten, der Archivar besonders blieb immer in
ehrerbietiger Entfernung vom Ofen stehen, wie wenn er sich davor
fürchtete.
Ebenso fingen die Besucher an, im stillen über die junge Frau zu
zürnen. Sie war doch noch recht ungeschickt, daß sie ihnen nicht einmal
einen Platz anbot! Die Frau Assessor dachte bei sich: »Ich muß ihnen
weiter helfen,« und indem sie die Türe zum Nebenzimmer aufmachte, sagte
sie: »Wollen Sie nicht auch den kleinen Ofen im Schlafzimmer ansehen? Es
ist ein tönerner.« Jetzt wurden ihre Besucher widerspenstig. »Ich
danke,« sagte der Ingenieur, »wir wollen doch nicht überall eindringen.«
»Bitte, das stört gar nicht,« sagte die Hausfrau und ging voran.
»Mir geht wirklich das Verständnis für Öfen gänzlich ab,« sagte der
Archivar.
»Das ist aber sehr traurig für Sie,« entgegnete die junge Hausfrau, denn
sie dachte: »Der Mann hat offenbar seinen Beruf verfehlt.«
Inzwischen hatten die Herren doch nicht anders gekonnt, als der Hausfrau
in das Schlafzimmer folgen, und nun standen sie vor einem kleinen,
alten, unscheinbaren Tonofen, der ihnen so gar nichts sagte.
»Raucht der Ofen?« fragte nun der Archivar und war nicht wenig stolz,
daß ihm noch eine so passende Frage einfiel.
»Nein, er raucht nicht, wir haben ihn auch noch gar nie angezündet.«
»Rauch soll nämlich sehr ungesund sein.«
»Ja, für die Lunge, nicht wahr?«
Diese geistreiche Unterhaltung wurde unterbrochen, es klingelte und
Evchen machte die Türe auf. Diesmal kam die wirkliche Feuerschau, ein
älterer Mann in Begleitung eines jüngeren.
»Wir sind die Feuerschau,« sagte der ältere und ohne sich um das
verblüfft darein sehende Mädchen zu kümmern, klopfte er an der nächsten
Türe an. Das war eben die, die in das Schlafzimmer führte, in dem nun
schon drei Leute um den Ofen standen.
»Entschuldigen Sie,« sagte der ältere der beiden Männer, »wir wollen
nicht lange stören, wir sind die Feuerschau.«
»Noch eine Feuerschau!« dachte die kleine Hausfrau mit Entsetzen. Ohne
Umstände gingen die Männer auf den Ofen zu. »Da ist auch noch so eine
verbotene Ofenklappe,« sagte der ältere zu dem jüngeren, »schreiben Sie
es auf.« Darauf empfahlen sich die Beiden und gingen weiter.
Sie waren kaum eine Minute geblieben, aber doch lange genug, daß die
junge Frau erkannte: das war die richtige Feuerschau. Die andere war
offenbar keine. Sie kannte sich gar nicht mehr aus in dieser Welt, und
sah ihre beiden Besucher ganz ratlos an, wer waren sie denn? »Sie sind
gar nicht die Feuerschau,« sagte sie nun vorwurfsvoll, »Sie haben sich
bloß so gestellt.«
Aber auch den Herren war jetzt die Ahnung gekommen, daß hier eine
Verwechslung vorlag. »Nein, die Feuerschau sind wir nicht,« sagte der
Ingenieur, »aber bitte, gnädige Frau, wir haben uns doch nicht so
gestellt.«
»Sie haben doch die ganze Zeit nur die Öfen angesehen!«
»Leider ja,« sagte der Archivar, »wir wollten das eigentlich gar nicht,
aber wir konnten nicht anders, wir mußten Ihnen doch folgen.«
»Nun dürfen wir uns vielleicht noch einmal vorstellen als Freunde des
Herrn Assessors: Ingenieur Maier.«
»Archivar Rau.«
»Nein,« sagte die Frau Assessor halb lächelnd, halb beschämt, »was
müssen Sie von mir gedacht haben, und was wird mein Mann sagen, wenn er
hört, wie ich seine Freunde empfangen habe! Jetzt höre ich ihn kommen, o
bitte, wollen wir doch wieder hinüber in das Besuchzimmer.« Sie waren
kaum darin, so erschien der Herr des Hauses und freute sich, seine
Freunde zu treffen.
Diese waren viel zu artig, um die kleine Frau zu verraten, und nahmen
gerne Platz, wie wenn nichts gewesen wäre, sie waren ja lange genug
herumgestanden. Nur sahen sie so ungewöhnlich heiter aus, sie hatten
Mühe, ihr Lachen zu verbergen. »Eine hübsche Wohnung, nicht wahr?« sagte
der Hausherr.
»Ja, und wie es scheint, gute Öfen,« bemerkte der Ingenieur. Da war die
Verstellungskunst der jungen Frau schon zu Ende. Sie mußte lachen und
die Herren lachten mit. Der Hausherr machte ein sehr erstauntes Gesicht,
bis ihm seine Frau alles selbst erzählte. Ein wenig ängstlich sah sie
trotz ihrer Heiterkeit auf ihren Mann; wie er ihr Ungeschick wohl
aufnehmen, ob er sie tadeln würde vor den Herren. Bewahre, das tat er
nicht. Auch er lachte und sagte zu den Freunden: »So habt ihr der
kleinen Frau überall hin folgen müssen? Was wollt ihr, mir geht es ja
auch nicht besser!«
In der Adlerapotheke.
Auf dem stattlichen Bauerngut, das dem reichen Landwirt Hollwanger
gehörte, gab es nun schon zum dritten Male in Jahresfrist einen
Abschied. Der älteste Sohn war zum Militär einberufen worden; den
zweiten hatte der Vater auf die landwirtschaftliche Schule geschickt,
und der dritte, Hermann, der jüngste, aber doch schon hoch
aufgeschossen, war nun auch im Begriff, das Elternhaus zu verlassen. Er
wollte Apotheker werden, und so hatte er heute, am Donnerstag nach
Ostern, in der Adlerapotheke in Neustadt als Lehrling einzutreten.
Vor dem Hause stand die Kutsche, in der der Vater den Sohn nach der
Stadt fahren wollte. Der Koffer war hinten aufgepackt, Mutter,
Schwester, Knecht und Magd standen vor dem Haus in dieser
Abschiedsstunde. Die Trennung war keine von den schwersten; denn das
Städtchen lag so nahe, daß man die Glocken von dort läuten hörte, wenn
der richtige Wind wehte. Hermann hatte dort die Lateinschule besucht und
täglich den Weg vom Elternhaus nach Neustadt zu Fuß gemacht. Dieser Weg
hatte ihn immer an der Adlerapotheke vorbei, manchmal auch
hineingeführt, und schon seit Jahren hatte er den Wunsch ausgesprochen,
Apotheker zu werden. Sein Vater hatte nichts dagegen, er war ein reicher
Mann und konnte seinem Sohne wohl einmal eine Apotheke kaufen.
So kam es, daß Hermann mit fröhlichen Augen der Mutter Lebewohl sagte
und erst ein ernstes Gesicht machte, als er entdeckte, daß seine
Schwester, seine treue Jugendgespielin, Helene, mit Tränen in den Augen
dastand. Sie war zwei Jahre jünger als er und hing mit ganzem Herzen an
diesem Bruder. »Weine doch nicht, Helene,« sagte er, »ich komme ja alle
vierzehn Tage heim und so oft du nach Neustadt kommst, besuchst du mich
in der Apotheke.«
Einen Abschiedskuß noch der Mutter, die ihr Töchterchen freundlich
tröstend an der Hand nahm, ein Händeschütteln mit dem Knecht, der Magd,
und fort ging es mit dem Vater, der flott dem Städtchen zukutschierte.
Und Hermann konnte es nicht ändern, so herzlos es ihm vorkam, er freute
sich über die Maßen.
Als das kleine Gefährt über den Marktplatz von Neustadt fuhr und vor der
Adlerapotheke anhielt, wurde die Ladentüre der Apotheke geöffnet, und
der Apotheker ging Vater und Sohn entgegen. Die beiden Männer mochten
ungefähr in demselben Alter sein; aber der Landwirt hatte die kräftigere
Gestalt, und sein sonngebräuntes Gesicht war ein Bild der Gesundheit,
was man von den etwas blassen aber feinen Zügen des Apothekers nicht
sagen konnte. Er begrüßte die Ankömmlinge und reichte Hermann die Hand;
der schlug unbefangen ein und sah voll Vertrauen zu dem Manne auf, der
ihm kein Fremder war, und den er, ohne daß dieser es wußte, schon seit
Jahren als seinen künftigen Lehrherrn betrachtet hatte.
Durch den Laden hindurch, in dem jener den Apotheken eigentümliche
Geruch herrschte, der für Hermann immer etwas geheimnisvoll Anziehendes
hatte, führte Apotheker Mohr seine Gäste an die Treppe nach dem oberen
Stock und in seine Wohnung. Hier wurden sie freundlich empfangen von der
kleinen rundlichen Apothekerin, die gleich geschäftig den Kaffeetisch
deckte und sich entschuldigte, daß der Kaffee noch nicht bereit sei.
»Ich wußte nicht genau,« sagte sie, »um wieviel Uhr Sie kommen, und
lieber möchte ich meine Gäste einen Augenblick warten lassen, als ihnen
einen abgestandenen Kaffee vorsetzen.«
Während sich die Gäste setzten, bat sie um die Erlaubnis, daß sie und
ihr Mann zu Hermann »du« sagen dürften, es sei doch traulicher für
Leute, die an _einem_ Tisch sitzen. Dies schien Hermann sichtlich zu
freuen.
Kaum eine Viertelstunde saß die kleine Gesellschaft gemütlich beim
Kaffee beisammen, da ertönte die Ladenglocke der Apotheke, und Mohr
mußte hinunter; nach einem weiteren Viertelstündchen gab es eine zweite
Störung dadurch, daß Hermann seine Kaffeetasse umstieß. Es war seinem
Vater und ihm selbst peinlich, daß er sich bei der ersten Mahlzeit so
einführte, doch versicherte Frau Mohr, der Flecken in der Kaffeedecke
sei nicht schlimm, aber sie bat doch, sie sogleich wegnehmen zu dürfen.
Diese Gelegenheit benützte Hollwanger, um sich zu verabschieden. Bis an
die Kutsche begleitet vom Apotheker und von Hermann stieg er ein. Die
beiden Männer tauschten noch freundliche Worte, Hermann aber wußte
nichts mehr zu sagen; seine Grüße an Mutter und Schwester hatte er schon
aufgetragen, fast ungeduldig wartete er, daß sein Vater abfahre, er
wollte doch Apotheker werden, endlich sollte es losgehen. Jetzt kam der
letzte Gruß, das Pferd folgte dem leisen Anruf seines Herrn, der Wagen
rasselte über den Marktplatz.
Der Apotheker wandte sich Hermann zu, der nicht dem Wagen nachsah,
sondern aufmerksam nach dem großen schwarzen Adler aufblickte, der
dräuend über dem Eingang der Adlerapotheke wachte. Mohr klopfte ihm auf
die Schulter und sagte in ernsthaftem Tone: »So, nun gehörst du in die
Adlerapotheke.« »Ja,« erwiderte Hermann ebenso, und indem er fröhlich
die wenigen Stufen vorauseilte und die Ladentüre aufmachte, fragte er:
»und wie geht's jetzt an?«
»Wie's angeht?« wiederholte der Apotheker und sah lächelnd auf seinen
eifrigen Gehilfen. »Wie's angeht, wenn man Apotheker werden will, meinst
du? Ich denke, man schaut sich zuerst einmal die Apotheke an. Komm mit!«
Er schloß die Ladentüre. »Es sollte freilich nicht sein, daß mitten am
Tag kein Kunde in Sicht ist,« sagte er, »es war auch früher nicht so,
erst seit Herbst, wo sich die neue Apotheke hier aufgetan hat, erst
seitdem ist's stiller bei mir. Es ist unrecht, daß man hier eine zweite
gegründet hat; ich habe auch vorher gesprochen mit dem jungen Apotheker,
aber er hat es nicht einsehen wollen, und nun ist bei ihm kein rechter
Geschäftsgang und bei mir ist es auch nicht mehr wie früher.«
Inzwischen hatte der Apotheker den Neuling in das Laboratorium geführt,
da standen wunderliche Kolben und Kochgeschirre aus Glas und gläserne
Trichter und Röhren. Wißbegierig sah Hermann dies alles an. »Da wird so
mancherlei bereitet,« sagte Mohr, »heutzutage gibt es zwar viele
Apotheker, die beziehen alles von auswärts, aber ich mache noch vieles
selbst.« »Machen wir heute auch etwas?« fragte Hermann. »Diese Woche
nicht mehr, aber nächste Woche will ich Höllenstein machen, der wird aus
Silber bereitet. Da gibt meine Frau alte Kaffeelöffel dazu.«
»Das wird fein,« sagte Hermann vergnügt. »In meiner Familie,« sagte
Mohr, »ist diese Liebhaberei von alters her, die Mohrs sind eine
altberühmte Chemiker- und Apotheker-Familie aus Koblenz.«
Nun erklang die Apothekenglocke. »Jetzt kommt doch jemand,« rief Hermann
so erfreut, wie wenn der Kunde schon _sein_ Kunde wäre und lief
eiligst, die Türe zu öffnen. Ein Dienstmädchen brachte ein Rezept, in
einer halben Stunde wollte sie wiederkommen, die Arznei abzuholen und
dann sollte sie auch sechs Blutegel mitnehmen.
»Bei der Gelegenheit kannst du gleich den Keller kennen lernen,« sagte
der Apotheker, »in dem sind gar mancherlei Vorräte, nicht nur Blutegel.«
Sie stiegen miteinander hinunter in die großen Kellerräume. In
verschiedenen Abteilungen waren wohlgeordnet Fässer, Flaschen, Kolben
aller Art. Der schöne Steinboden war tadellos rein gehalten; in jedem
Raum hing ein Lämpchen, von denen der Apotheker eines anzündete. »Hier
sind die Blutegel; es muß von Zeit zu Zeit nachgesehen werden, ob alle
lebend sind, und sie müssen mit frischem Wasser versorgt werden. Futter
brauchen sie nicht; sie bleiben ein und zwei Jahre lang ohne Nahrung,
inzwischen kommen wieder frische.« Der Apotheker hatte einen großen, mit
Leinwand zugebundenen Glaskolben hervorgezogen, in dem schwammen die
schwarzen Würmer. Er nahm einige heraus in ein kleines Glas.
»Das nächste Mal mußt du sie selbst holen, jetzt aber binde fest den
Kolben zu und lösche das Lämpchen sorgfältig; ich muß hinauf, ich höre
die Ladenglocke.«
In den Abendstunden kamen mehrere Kunden, Arzneien waren einzufüllen,
Pulver waren zu richten und in die weißen zugeschnittenen Papierchen
einzuwickeln. »Sieh zu und mach's nach,« sagte der Apotheker zu Hermann
und deutete auf die Pülverchen, die auf die einzelnen Papierchen
verteilt waren. Während Hermann mit ungeschickten Fingern eines der
Pülverchen einwickeln wollte, schob er mit dem Ärmel die vier anderen
kleinen Portionen zum Tisch hinunter. Ein ärgerlicher Ausruf entfuhr dem
Apotheker; der Arbeiter, der dastand und auf die Pulver wartete, sagte
lachend: »Der ist scheint's nicht der geschickteste.« »Er ist neu
eingetreten,« sagte Mohr entschuldigend und wog neue Pülverchen ab, aber
Hermann wurde nicht mehr aufgefordert, sie einzuwickeln.
Nach einer Weile schob der Apotheker ihm ein paar Gläschen hin, die er
eben mit Arznei gefüllt hatte. »Binde die Fläschchen zu, so wie dieses,«
sagte er, indem er ein farbiges Papierchen über den Stöpsel faltete und
mit einem Bindfaden fest knüpfte. Es sah so einfach aus und ging wie von
selbst und doch, als Hermann es versuchte, wollte das Papier nicht
stramm aufliegen, das Schnürchen nicht halten. Eines der Gläser rutschte
aus und zerbrach auf der Marmorplatte des Ladentisches. »So geht das
nicht,« sagte Mohr und sah seinen Lehrling groß an, »so ungeschickt hat
sich noch keiner angestellt. Passe auf, daß das nicht noch einmal
vorkommt!«
Als gegen acht Uhr abends der letzte Kunde befriedigt war und Hermann
mit dem Apotheker und seiner Frau beim Abendessen saß, kam es ihm vor,
als sei er nicht in der Gunst seines Lehrherrn gestiegen, denn dieser
war sehr einsilbig bei der Mahlzeit. Nach dem Essen fragte Herr Mohr
seinen Lehrling, ob er Sinn für Botanik habe, die jeder Lehrling
studieren müsse, und er führte ihn an einen Bücherschrank, der viele
naturwissenschaftliche Werke enthielt. Zu seiner Verwunderung bemerkte
der Prinzipal, daß Hermann in Botanik und auch in anderen Zweigen der
Naturwissenschaft schon prächtig Bescheid wußte.
»Wie kommst du dazu?« fragte er. »In der Lateinschule hast du das nicht
gelernt.«
»Nein, bloß für mich; ich habe mir nie etwas anderes gewünscht und
gekauft als naturwissenschaftliche Bücher, schon seit Jahren weiß ich
mir nichts Schöneres.« Vor seinen Büchern stehend, sprach der Apotheker
über die verschiedenen Werke und stellte, ohne daß es Hermann nur recht
bemerkte, eine Prüfung mit ihm an, über deren Ergebnis er staunen mußte.
Hermann saß an diesem Abend in ein Lehrbuch vertieft, bis der Apotheker
ihn entschieden zum Bettgehen ermahnte und die Frau Apotheker ihn in das
Stübchen führte, das zwischen der Kräuterkammer und der Vorratskammer
oben im Dachraum ausgebaut war.
Hermann schlief schon längst, als noch zwei Paare beisammen saßen und
über ihn sprachen: daheim die Eltern und hier der Apotheker und seine
Frau. »Hast du dem Apotheker nicht gesagt, wie viel unser Hermann schon
studiert hat auf seinen Beruf?« fragte Frau Hollwanger ihren Mann.
»Nein, ich kann doch nicht mein eigen Kind anpreisen.«
»Anpreisen freilich nicht, aber du hättest doch so zufällig die Rede
darauf bringen sollen, daß er schon so gelehrt ist.«
»Der Apotheker wird's bald selbst herausfinden.«
»Hast aber doch wenigstens das gesagt, daß unser Hermann gar keinen
größeren Wunsch hat, als einmal ein Apotheker zu werden, und daß ihm die
Apothekerbücher lieber waren als alle Spiele und Kameradschaft? So etwas
muß man doch seinem Kinde zuliebe sagen!«
»Alles Nötige ist beredet worden, Frau, darüber kannst du ganz ruhig
sein, und der Hermann ist ja auch keiner von den ängstlichen, er hat
ganz zutraulich getan mit dem Apotheker.«
»So? das sieht ihm gleich. Er wird auch bald der Liebling sein in der
Apotheke, wie er es in der Schule auch war. Alle haben ihn gern.«
»Das ist wahr. Wegen Hermann dürfen wir ruhig sein, der geht seinen Weg
leichter als seine Brüder, gottlob! Man hat sonst genug Sorgen.«
Während die Eltern so über Hermann sprachen, sagte die Frau Apotheker
zu ihrem Mann: »Nun, wie kommt er dir vor? es ist ein lieber Mensch,
scheint mir.«
»Ja, und gescheit, aber --« und bedenklich schüttelte Mohr den Kopf.
»Aber ungeschickt, gelt? Gleich hat er die Kaffeetasse umgestoßen.«
»Und kann kein Gläschen zubinden und kein Pulver einwickeln, ich will
nur sehen, wie das geht.«
»Anfangs ist's allen schwer.«
»Aber nicht so. Sieh ihm nur zu, wenn er etwas mit der Hand tut, wie er
den Daumen so steif hinausstreckt; er weiß gar nicht, wie man die Finger
biegt, wie einer, der in seinem Leben nie etwas mit den Händen geschafft
hat, nur hinter den Büchern gesessen ist.«
»Und so einer kommt vom Land!«
»Ja, vom Land, aus dem reichen Bauernhof, wo so ein Bürschlein alles nur
auf Knecht und Magd abladen darf und angestaunt wird, weil er lateinisch
kann.«
»Aber er wird sich doch machen, es wäre mir leid um ihn.«
»Mir auch, aber besser wäre es, sie würden einen Lehrer oder gar einen
Professor aus ihm machen; Verstand ist da, Geld ist da -- an was sollte
es fehlen!«
Frisch und fröhlich saß am nächsten Morgen Hermann am Frühstückstisch.
»Wird der Mann wohl heute wieder in die Apotheke kommen, der gestern die
Schlafpulver geholt hat?« fragte er den Apotheker.
»Kann wohl sein. Was willst du von ihm?«
»Ich bin nur begierig, ob die Pulver wirklich geholfen haben.«
»Warum sollten sie nicht?«
»Er hat doch erzählt, daß die Kranke fünf Nächte vor Schmerzen nicht
geschlafen habe.«
»Ja, und?«
»Und da wäre es doch großartig, wenn sie wirklich heute Nacht gut
geschlafen hätte.«
»Sicher hat sie geschlafen, diese Pulver wirken immer.«
»Das ist doch ganz herrlich, wenn man solche Mittel aus seiner Apotheke
geben kann!« sagte Hermann.
»Ja, ja,« erwiderte Mohr; aber er war seit etwa fünfundzwanzig Jahren
daran gewöhnt und deshalb schon etwas abgestumpft gegen die Herrlichkeit
seiner Mittel.
»Und wie müssen erst die glücklich sein, die so ein Mittel entdecken!«
fuhr Hermann fort.
Sie wurden unterbrochen durch ein ängstliches, lautes Rufen, das von dem
Mädchen draußen zu kommen schien. »Was hat doch die Mine,« rief Frau
Mohr lebhaft aufspringend, »es ist gerade, wie wenn sie mich zu Hilfe
riefe,« und rasch sprang sie vom Kaffeetisch auf, hinaus zum Mädchen.
Einen Augenblick nachher kam sie wieder unter die Türe und rief ihrem
Mann zu: »Ach, komm nur schnell, die Mine hat eben den Keller gekehrt,
nun hat sie einen Blutegel am Fuß und sie sagt, überall im Keller
kriechen die Blutegel umher.«
»Er läßt nicht los,« rief das Mädchen, »was soll ich denn tun? Ich bring
ihn nicht weg.«
»Nicht wegreißen!« rief der Apotheker. »Salz oder Asche her.« Im Nu
brachte Frau Mohr die Salzbüchse. Eine Hand voll wurde auf den Blutegel
gestreut, da fiel er weg und lag harmlos auf dem Boden.
Jetzt aber wandte sich der Apotheker mit ernstlich bösem Gesicht zu
Hermann: »Hast du den Kolben mit den Blutegeln gestern abend offen
gelassen?«
»Nein, nein, ich weiß gewiß, ich habe ihn zugebunden.«
»Aber wie! Komm mit in den Keller.« Drunten klärte es sich bald auf.
Zugebunden war der Kolben, aber so lose, daß die ganze Bewohnerschaft
zwischen dem Tuch und dem Glas durchgekrochen war, und da und dort im
Keller war das Gewürm zu sehen. Zu Vorwürfen war keine Zeit mehr, denn
die Glocke an der Apotheke erklang, aber die Strafe ergab sich von
selbst: etwa ein halb hundert Blutegel aufsuchen und einfangen.
Hätte die gute kleine Frau sich nicht des ungeschickten Lehrlings
erbarmt, er hätte wohl den ganzen Vormittag in diesem Keller zubringen
müssen. Aber sie wußte, wie die Tiere zu fassen waren, und hatte zehn im
Glas, bis Hermann einen herein brachte.
Als er endlich wieder in der Apotheke erschien, sah ihn sein Herr sehr
ungnädig an. Aber Hermann kam ihm reumütig entgegen, so daß er nicht
viel mehr sagte als: »Über der Sache ist das Abstauben versäumt worden,
das sollte immer geschehen sein, ehe Kunden kommen. Jeden Morgen muß auf
allen Fächern und Ständern abgestaubt werden. Dort ist die Leiter, aber
das bitte ich mir aus: nichts herunterwerfen!« Glas an Glas, Büchse an
Büchse standen an den langen Wänden. Jedes mußte abgestaubt werden. Mit
einer Vorsicht und Gewissenhaftigkeit ging Hermann daran, daß in der Tat
nichts fallen konnte; aber freilich, auf diese Art wäre er an _einem_
Tag schwerlich fertig geworden. Lange konnte der Apotheker das nicht mit
ansehen.
»Geh einmal herunter, Hermann, und lasse mich hinauf, ich will dir
zeigen, wie man das macht. So mit einem flotten Griff über das Fach,
siehst du? Hast du denn nie in deinem Leben etwas abgeputzt?« In diesem
Augenblick steckte die Frau Apotheker den Kopf herein. »Lieber Mann,
kannst du Hermann einen Augenblick entbehren?« »Ja.« »Dann, Hermann,
komme doch einmal mit mir hinauf in dein Zimmerchen.« Oben angekommen
sagte Frau Mohr: »Nun sieh einmal, mein Junge,« und sie deutete ins
Zimmer. Hermann schaute -- aber er sah nichts Besonderes. Nachdem er rund
herum geblickt, sah er die Gestrenge fragend an.
»Was meinen Sie?«
»Aber sieh doch nur, es ist ja nicht aufgeräumt, so darf es doch nie
aussehen, am wenigsten in einer Apotheke. Bedenke nur, wenn unverhofft
die Inspektion käme, die sieht in alle Räume des Hauses und überall muß
tadellose Ordnung herrschen. Es ist schon vorgekommen, sagt man, daß ein
Inspektor mit der Hand über das Treppengeländer gefahren ist und dann
seine Hand besehen hat; und weil Staub daran war, hat man dem Apotheker
die Apothekerberechtigung entzogen. Ja, so streng wird das genommen. Nun
sieh nur, wie überall deine Kleider zerstreut sind, wie der Staub auf
den Möbeln liegt! Den Fußboden reinigt das Mädchen, aber alles andere
geht dich an. Neben der Kommode in der Ecke hängt das Körbchen mit dem
Staubtuch. Reiche mir das einmal her. Ach, nun hast du das Körbchen
mitsamt dem Nagel aus der Wand gerissen; er hält schwer, ich weiß es.
Das muß gleich wieder gut gemacht werden. Siehst du, so mußt du jeden
Tag abstauben. Du wirst nicht wollen, daß dein Lehrherr deinetwegen bei
der Inspektion getadelt wird.«
»Nein, nein,« versicherte Hermann eifrig, »ich habe nur davon gar keine
Ahnung gehabt.« »Nun komm mit herunter, ich zeige dir, wo der Hammer ist
und die Nagelkiste, dann klopfst du den Nagel wieder ein für das
Staubtuchkörbchen.«
Hermann folgte und kam bald wieder herauf mit dem Werkzeug. Der erste
Nagel verbog sich in der Wand, auch der zweite wollte nicht halten. Frau
Mohr hatte recht gehabt, daß er schwer in der Wand halte. Dann war es
wohl besser, ihn in die Seitenwand der Kommode zu klopfen, im Holz
hielt er wohl leichter. Hermann wählte einen kräftigen Kloben, der sich
nicht so leicht umbiegen konnte, hämmerte ihn fest in das Holz der
Kommode hinein und hing dann ganz befriedigt das Staubtuchkörbchen
daran. Das war nun in Ordnung. Hammer und Nägel vergaß er freilich mit
herunter zu nehmen, ehe er wieder in die Apotheke zurückging; daheim
hatten sechzehn Jahre lang andere für ihn aufgeräumt -- in _einem_ Tage
lernt sich die Ordnung nicht!
Der nächste Tag war ein Samstag. Früher als sonst war Hermann geweckt
worden, denn nie ging es so lebhaft zu in der Adlerapotheke wie am
Samstag, dem Markttag. Hermann wußte es, und freute sich darauf. Noch
war es dämmerig, als er durch die großen Fensterscheiben der Apotheke
auf den Markt sah. Der große Platz war leer und still, nur das Wasser im
Marktbrunnen plätscherte und auf dem Kirchturm gegenüber schlug es fünf
Uhr. In der Apotheke wurde der Boden aufgewaschen. Im Laboratorium wurde
im Vorrat allerlei gekocht und gebraut und in der Stoßkammer nebenan
mußte im großen Mörser fein zu Pulver zermalmt werden, was in harten
Brocken hineinkam. Und nun mußten gebrauchte Arzneifläschchen in dem
Kessel des Laboratoriums gereinigt werden.
»So wird es gemacht,« sagte der Prinzipal und zeigte den Kunstgriff.
Hermann machte sich daran, als er aber die gesäuberten Fläschchen in die
Apotheke brachte, in der schon die ersten Kunden standen, und der
Apotheker einen Blick auf ihn warf, sagte er leise aber sehr kurz und
unfreundlich: »Geh' hinaus!« Warum? Draußen stand Hermann und besann
sich und konnte das unfreundliche »hinaus« nicht verstehen. Eine Weile
verging, da kam Mohr herein, aber nur auf einen Augenblick. »Wie siehst
du aus! Du vertreibst mir die Kunden aus der Apotheke. Kleide dich um,
schnell!«
Er war allerdings über und über naß und verschmiert, an den Hemdkragen
sogar waren braune Spritzer gekommen, natürlich vom Putzen. Er hatte nie
gedacht, daß sein eigenes Aussehen nicht ganz gleichgültig sei. Höchst
verwunderlich kamen ihm diese Anforderungen an Reinlichkeit und Ordnung
vor; aber er eilte in seine Kammer hinauf, richtete sich frisch her,
warf all das nasse Zeug auf das Bett, um nur möglichst schnell wieder
herunter in die Apotheke zu kommen, denn hier ging es nun lebhaft zu.
Bauern und Bäuerinnen, Köchinnen mit dem Marktkorb am Arm drängten sich.
Rezepte brachten sie, Dinge verlangten sie, die Hermann nicht einmal dem
Namen nach kannte, aber jeder Wunsch konnte befriedigt werden, nirgends
versagte die Adlerapotheke. Und der Apotheker hätte in dieser Stunde
freilich einen besseren Gehilfen haben sollen, als Hermann war. Nichts,
gar nichts konnte er ihm anvertrauen!
Draußen, auf dem Marktplatz, herrschte lautes Leben, Bauernwagen fuhren
an mit Körben voll junger Schweinchen, die ein Geschrei verführten, als
ginge es ihnen ans Leben. Auch seines Vaters Leiterwagen erkannte
Hermann von ferne, Hollwangers Knecht brachte Frucht zu Markte. In
langen Reihen saßen und standen die Verkäuferinnen mit Tauben und
Hühnern, Butter, Eiern, Gemüse und Obst. Goldgelb schimmerten die
Apfelsinen über den ganzen Platz, auf dem die Frauen mit ihren
Markttaschen, die Dienstmädchen mit großen Körben und Netzen sich
drängten und schoben.
»Hermann, hier!« rief der Apotheker, »einfüllen die Fläschchen, bis sie
voll sind.« Flink war Hermann bei der Hand. Eine Kanne mit kräftig nach
Wein duftender Arznei hatte ihm der Apotheker in die Hand gegeben,
einen Trichter, dazu zwei leere Fläschchen. Hermann steckte den Trichter
in das erste Fläschchen und goß rasch hinein. »Es läuft über, junger
Herr, es läuft über,« rief eine Frau, die wartend dastand und ihm
zugesehen hatte. Rasch stellte Hermann die Kanne ab, nahm den Trichter
weg, ringsum floß der schöne Wein. Die gefällige Frau machte Miene, zu
Hilfe zu kommen.
»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte der Apotheker, besorgte selbst
das Geschäft und Hermann flüsterte er zu: »Nimm deine nasse Manschette
ab.« Die weiße Manschette hatte einen dunkelroten Flecken; wieder sprang
Hermann in sein Zimmerchen hinauf, warf die Manschette zu den übrigen
verunglückten Kleidungsstücken und erschien in der Apotheke wieder mit
frischen.
Gegen Mittag leerte sich die Apotheke; draußen auf dem Markt waren nicht
mehr die Köchinnen in den weißen Schürzen zu sehen, sie standen wohl
alle in ihren Küchen und bereiteten zu, was sie eingekauft hatten. Die
Marktweiber saßen ruhig in ihren Ständen und verzehrten das Essen, das
ihnen in irdenen Töpfen gebracht worden war; manche Wagen waren schon
abgefahren, andere standen vor den Wirtschaften, in denen ihre Besitzer
am Mittagstisch saßen.
Um 1 Uhr war die Apotheke leer. Jetzt durfte auch droben im Eßzimmer die
Frau Apotheker ihr Essen auftragen, um diese Zeit war es am ruhigsten in
der Apotheke.
»Schließe die Türe und wische den Tisch ab, Hermann, und dann komme nach
zum Essen,« sagte Mohr und ging voraus. Droben nahm er seine Frau
beiseite. »Laß die Suppe noch draußen,« sagte er, »ich muß erst noch
etwas mit dir reden. Ich meine, es ist am besten, ich schicke den Jungen
gleich heute wieder fort, denn brauchen kann ich ihn doch nicht.«
»War er wieder so ungeschickt?«
»Freilich, die Kunden wollten ihm zu Hilfe kommen, er kann kein
Fläschchen füllen, er kann kein Pulver einwickeln, er verschmiert seine
Kleider -- --«
»Ja, das brauchst du mir gar nicht zu erzählen,« sagte Frau Mohr, »sein
nasses Zeug habe ich wohl gesehen, auf den frischen, weißen Bettüberwurf
hat er es hingeworfen, obwohl ich ihm gerade die Ordnung ans Herz gelegt
hatte. Und was ich dir nicht sagen wollte, um dich beim Essen nicht
aufzuregen, jetzt muß ich dir's doch sagen: einen eisernen Kloben hat er
in die polierte Kommode geschlagen, du weißt doch, die alte Kommode mit
den Messingknöpfen? Einen dicken eisernen Kloben und daran hat er das
Staubtuchkörbchen gehängt!«
»Das ist stark!«
»Das ist einfach barbarisch! Die Kommode -- --«
»Nun lasse nur die Kommode, wir wollen rasch das Notwendige besprechen.
Es ist nämlich drüben auf dem Markt des Hollwangers Knecht mit dem
Wagen, der könnte gleich Hermanns Koffer aufladen und Hermann selbst
könnte mit heimfahren.«
»Hast du es dem Jungen schon gesagt?«
»Nein,« sagte Mohr, »er tut mir leid und es wird mir schwer, es ihm zu
sagen; aber zum Apotheker ist er entschieden unbrauchbar, könnte mir die
größten Unannehmlichkeiten machen. Darum ist's am besten, man schickt
ihn gleich fort, daß er keine Zeit verliert, andere Schritte zu tun.«
»Aber den Eltern müßtest du schreiben, daß er keinen schlechten Streich
gemacht hat.«
»Freilich, ich kann ihm ja das beste Lob geben, ich werde schreiben, daß
er gescheit ist; sie sollen ihn einen Professor werden lassen; auch sein
eifriges und freundliches Wesen, das alles kann ich ihm bezeugen, nur
gerade zu _dem_ Beruf ist er zu ungeschickt.«
In diesem Augenblick kam Hermann eiligst herauf. »Es ist ein Mädchen da,
wollte ein Stück Glycerinseife um zehn Pfennige. Ich hätte es ihr gern
gegeben, aber weil Sie mir gesagt haben, ich solle gar nichts abgeben,
so fragte ich sie, ob sie ein wenig warten könne. Da sagte sie, sie
könne die Kleinigkeit auch in der neuen Apotheke mitnehmen; aber das
wollte ich doch nicht, sie soll nur der Adlerapotheke treu bleiben. Darf
ich ihr von der Glycerinseife geben, die vorn liegt im Glaskasten?«
»Ja, das kannst du hergeben.« Wie der Wind war Hermann verschwunden.
Der Apotheker und seine Frau sahen sich an.
»Er ist so liebenswürdig in seinem Eifer,« sagte die Frau, »er tut mir
zu leid.«
»Ja, ein prächtiger Mensch, und wie klug, daß er gleich an die
Kundschaft denkt; aber fort muß er doch, er ist keine Hilfe für mich, im
Gegenteil!«
»Ich gehe hinaus, wenn du es ihm sagst, ich mag gar nicht dabei sein,«
sagte Frau Mohr. Kurz darauf kam Hermann wieder, die Suppe wurde
aufgetragen, aber kein harmloses Tischgespräch würzte die Mahlzeit.
Hermann allein war unbefangen. »Das werde ich mir merken,« sagte er,
»daß ein Stück Glycerinseife das erste war, das ich verkauft habe.«
Bei sich selbst fügte der Apotheker hinzu »und das letzte«.
»Neulich habe ich gelesen,« plauderte Hermann weiter, »daß man das
Glycerin zu Dynamit und zu andern Sprengstoffen verwendet. Da wundert
man sich ganz, wenn man's auch zu einem so unschuldigen Stückchen Seife
gebraucht. Das Glycerin muß ein feiner Stoff sein, nicht wahr?«
»Ja,« sagte Herr Mohr einsilbig, ihm tat es jetzt nur weh, die
Berufsfreudigkeit seines Lehrlings zu sehen, der nach dem Essen aufhören
sollte, Lehrling zu sein.
Kaum hatte Hermann den letzten Bissen zu sich genommen, so sprang er
auf, wieder in das Geschäft zu gehen.
»Komm ein wenig mit mir herein, Hermann,« sagte Mohr, ging voraus in den
kleinen, neben dem Eßzimmer liegenden Empfangsraum und machte die Türe
zu. »Ich wollte dir sagen, Hermann, daß ich es doch besser für dich
finde, wenn du nicht Apotheker wirst, sondern Naturwissenschaften
studierst, auf die Universität gehst und Chemiker und vielleicht
Professor wirst, was ja eine viel angesehenere Stellung ist, als die des
Apothekers.«
»Nein, nein,« sagte Hermann ganz ahnungslos, was damit gemeint war; »ich
will viel lieber Apotheker werden. Ich weiß wohl, daß es höhere
Stellungen gibt, aber mir ist eine Apotheke das liebste.«
»Das mag sein,« entgegnete Herr Mohr, »aber jeder Mensch muß sich den
Beruf wählen, zu dem er geschickt ist, und an der Geschicklichkeit zum
Apotheker fehlt es dir. Hast du das nicht selbst schon gemerkt?«
»Freilich, aber ich bin doch erst ein paar Tage Lehrling und muß es drei
Jahre bleiben, in so langer Zeit werde ich das schon lernen.«
»Hermann, es tut mir leid, daß ich es dir sagen muß -- ich kann dich
nicht als Lehrling behalten, denn ich brauche einen geschickten Jungen,
der mir von der ersten Woche an helfen kann. Um's kurz zu machen, kehre
du heute abend nach Hause zurück und besprich es mit deinem Vater, daß
ich dir dringend zu einem andern Berufe rate. Euer Knecht ist wohl noch
nicht heimgefahren, er kann den Koffer mitnehmen. Es ist mir leid,
Hermann, ich hätte dich sehr gern behalten, ich habe dich lieb
gewonnen.«
Hermann war blaß geworden vor Schrecken bei diesen Worten. Ganz starr
sah er auf den Mann, der so zu ihm redete. Als er aber deutlich
wahrnahm, daß dem Apotheker die Sache selbst zu Herzen ging, da faßte er
Mut und sagte: »Wollen Sie nicht wenigstens einen Monat zusehen? Ich
will mir alle Mühe geben.«
»Wenn ich noch einen weiteren Gehilfen hätte, ginge es vielleicht; aber
ich bin auf meinen Lehrling angewiesen, und wenn in einer Apotheke so
viel ungeschickte Sachen gemacht werden, so spricht sich das herum im
Städtchen und die Leute verlieren das Vertrauen. Das schadet der
Apotheke.«
»Ja dann,« sagte Hermann, »dann muß ich freilich gehen, schaden möchte
ich nicht.«
Als Hermann ganz verstört aus dem Zimmer trat, redete ihn die Frau
Apotheker an: »Sei nur getrost, mein Junge, du kannst es noch viel
weiter bringen als zum Apotheker. Das ist kein so schöner Beruf wie du
meinst. Ich sage dir: der Apotheker steht immer mit einem Fuß im
Zuchthaus. Ein Versehen von ihm oder von seinem Gehilfen, es kommt Gift
in die Arznei, es kostet ein Menschenleben und der Apotheker muß es im
Kerker büßen. Ich habe dich sehr gern, Hermann, ich will es dir gar
nicht nachtragen, daß du mir einen Kloben in die polierte Kommode meiner
Urgroßmutter geschlagen hast, obwohl es mir leid ist um das schöne
Möbel; auch der weiße Bettüberwurf hat einen Flecken, aber er geht
wieder heraus, der Kaffeeflecken ist auch wieder herausgegangen aus der
Tischdecke und du wirst auch wieder fröhlich werden, nimm es nur nicht
so schwer, lieber Junge!«
Hermann ging langsam die Treppe hinauf in sein Zimmer und packte den
Koffer. Er war wie im Traum. Mit dem Fuhrwerk seines Vaters wollte er
nicht heimfahren, er wollte allein und zu Fuß gehen, den Koffer konnte
der Knecht später holen.
Kaum eine Stunde nach dem Gespräch verließ er unter den freundlichsten
Wünschen von Herrn und Frau Mohr die Apotheke. Er hob den Kopf nicht
nach dem schwarzen Adler der Apotheke, zu dem er vor ein paar Tagen so
hoffnungsvoll aufgeblickt hatte; mit gesenktem Haupt ging er über den
Markt durch die Straßen der Altstadt hinaus auf die einsame Landstraße,
seinem Dorfe zu. Und als er niemand mehr sah und ganz allein in Gottes
freier Natur war, da verlor er die Fassung und weinte bittere Tränen der
schmerzlichsten Enttäuschung. Zum erstenmal in seinem Leben hatte er
eine bittere Erfahrung gemacht. Bisher war er als ein guter Sohn
liebevoller Eltern, als ein eifriger Schüler freundlicher Lehrer ohne
jegliche Anfechtung seinen Weg gegangen. Heute hatte ihm das Leben den
ersten Schmerz gebracht.
Als Hermann am heimatlichen Hof ankam, sah er von ferne seine Eltern auf
den Stall zugehen. Jetzt kam ihm die Erinnerung, daß ein Kälblein an dem
Tag zur Welt gekommen war, wo er mit seinem Vater in die Stadt gefahren
war. Er konnte es kaum glauben, daß das erst drei Tage her war, und doch
mußte es so sein. Er ging nach dem Stall, sie standen beide bei dem
Kälbchen, Vater und Mutter; und nun, als helles Licht durch die
Stalltüre hereinfiel, sahen sie auf, und wie aus _einem_ Mund riefen
sie: »Hermann, du kommst?« und nach einem weiteren Blick auf ihren Sohn
fügte die Mutter hinzu: »Gelt, du bist krank?«
»Nein,« sagte Hermann und versuchte zu lächeln, aber es war ein
schmerzliches Lächeln, »nein, krank bin ich nicht, aber es ist aus mit
der Apotheke, Herr Mohr meint, ich solle lieber etwas anderes werden.«
»Was hat's gegeben, Hermann?« fragte der Vater und sah ihn scharf an.
»Gar nichts Besonderes, nur so allerlei Ungeschicktes ist mir begegnet,
und deshalb sagte der Prinzipal, ich passe nicht zum Apotheker, und das
ist auch wahr, nichts kann ich, gar nichts; alles, was ich nur anrühre,
fällt um, und was ich machen will, taugt nichts, meine dummen, dummen
Hände, abhauen hätte ich sie mir mögen!« rief er und mit aller Gewalt
schlug er sie an die hölzerne Krippe, daß ihm der Schmerz das Gesicht
verzog und das Kälblein erschreckt zusammenfuhr.
»Geh, sei doch vernünftig, Hermann, komm ins Haus und erzähle genau wie
alles gewesen ist,« sagte der Vater. »Haben sie dich einfach
fortgeschickt, aus dem Haus gejagt?«
»So kann man nicht sagen, freundlich waren sie. Aber was hilft mich das,
ich kann eben kein Apotheker werden.«
Droben im Zimmer berichtete er mit aller Offenheit, und kurz darauf
brachte der Knecht zugleich mit dem Koffer einen Brief vom Apotheker,
der sich in aufrichtigen und freundlichen Worten über Hermann aussprach
und den dringenden Rat gab, ihn auf die Universität zu schicken, er habe
die nötigen Gaben, um eine Zierde der Wissenschaft zu werden.
Diese »Zierde der Wissenschaft« eröffnete eine schöne Aussicht und
versöhnte einigermaßen die gekränkten Eltern. »Es ist ja wahr,« sagte
Hollwanger, »diese Laufbahn ist noch viel ehrenvoller, ein Apotheker ist
nicht das Höchste, aber nun hat man gemeint, mit dem Hermann sei alles
im schönsten Fahrwasser; statt dessen steht er da und ich darf anfangen
zu schreiben und zu laufen, daß ich ihn unterbringe, und das gerade im
Frühjahr, wo ich jede Stunde draußen sein sollte!«
»Mutter,« sagte abends Hermann, »ist denn das so etwas Arges, wenn man
in eine Kommode einen Kloben schlägt? Wäre dir das nicht ganz einerlei?«
»Nein, Hermann, das ist etwas Arges; wie du darauf gekommen bist, kann
ich nicht begreifen. Aber wer weiß, wenn du einen schönen Schinken
mitgebracht hättest, so wär's vielleicht doch anders gekommen, die Frau
Apotheker hätte dann eins ins andere gerechnet und ein gutes Wort für
dich bei ihrem Mann eingelegt. Das sage ich dir, Hermann, wenn du auf
die Universität kommst, ohne Schinken für den Professor lasse ich dich
nicht fort!«
In den nächsten Tagen wurde manchmal über Hermanns Zukunft gesprochen,
was er studieren könnte und ob man ihn zunächst auf das Obergymnasium
schicken sollte. Hermann sprach nicht mit, und wenn er gefragt wurde, so
war ein freudloses: »Wie ihr wollt« seine Antwort. »Der Bub' ist ganz
verwettert,« sagte der Vater, »es ist nicht recht gewesen vom Apotheker,
er hätte erst ein paar Wochen Geduld haben sollen.«
»Ja, das meine ich wahrhaftig auch,« sagte die Mutter, und sie grollten
dem Manne. Am meisten war die Schwester über die Behandlung des Bruders
gekränkt, denn für sie war er der Inbegriff des Guten und Gelehrten. Und
sie allein ließ sich auch nicht trösten durch die Aussicht, daß es ihr
Bruder auf der Universität noch viel weiter bringen könnte. »Er hat sich
doch aber eine Apotheke gewünscht und nichts anderes,« war ihre
Entgegnung.
So war fast eine Woche vergangen, den nächsten Sonntag wollte Hollwanger
benützen, um wegen seines Sohnes einen Brief zu schreiben. Da erschien
am Samstag morgen Hermann wieder mit seinem früheren fröhlichen Gesicht;
und als der Vater in früher Stunde sich auf den Weg machte, nach den
Arbeiten draußen zu sehen, ging er mit ihm. »Hast's jetzt verwunden?«
fragte ihn freundlich der Vater, »gelt, wenn auch einmal Sturm und Regen
die Frucht niederschlagen, sie steht doch wieder auf. Morgen schreiben
wir.«
»Vater, ich möchte dich nur um eins bitten, schicke mich den Sommer
noch nicht fort, laß mich noch bis Herbst daheim!«
»Daheim? wie kommst du mir vor, willst mit zur Feldarbeit? Dann wüßt'
ich nicht, wozu du dein Latein gelernt hast?«
»Nein, aufs Feld wollt' ich nicht, bloß daheim bleiben.«
»Faulenzen? Oder was? Red' deutsch, Hermann.«
»Ich weiß halt schon vorher, daß dir's gar nicht recht sein wird, Vater,
aber einmal muß ich's ja doch sagen: Für mich allein arbeiten möcht ich,
mich den Sommer über einüben, damit ich im Herbst Apotheker werden
kann.«
»Apotheker? Ein hartnäckiger, starrköpfiger Mensch bist du, Hermann. Ein
zäher, einrissiger Kerl mit deiner verwünschten Apotheke! Hast doch
gehört, daß du nicht taugst dazu, hast's ja selbst gesagt!«
»Freilich, aber jetzt weiß ich so genau, woran es mir fehlt, Vater, und
sieh,« sagte Hermann, und wurde immer wärmer, während er sein
Zukunftsbild entwickelte, »sieh, ich könnte mir in meinem Zimmer alles
einrichten wie in einer Apotheke; daß ich mit Fläschchen und Pülverchen,
mit Wage und Glastrichter und all den zerbrechlichen Dingen umgehen
lerne und alles so sauber halte wie in der Apotheke, kein Stäubchen
dürft' mir im ganzen Zimmer sein. Von früh bis Nacht wollt' ich mich
einüben, ob nicht doch vielleicht meine Hände geschickt würden. Nur bis
Herbst, Vater, und wenn mir's dann nicht gelingt, will ich selbst nicht
mehr.«
»Also versuch's,« sagte der Vater, »wenn du dich schon ganz vernarrt und
verbohrt hast in den Gedanken, daß du Apotheker wirst, so will ich dir
das halbe Jahr wohl gönnen; in irgend einer Apotheke in der Hauptstadt
werden sie dich dann schon nehmen, es sind nicht alle so ungeduldig wie
der Mohr in Neustadt, und ein gutes Lehrgeld kann ich zahlen.«
»Und die Mutter legt einen Schinken dazu,« setzte Hermann fröhlich
lachend hinzu und der Vater lachte auch und sagte: »Daß du dir's nicht
einfallen läßt, deine Mutter zu verhöhnen!«
»Bewahre,« sagte Hermann, »das war ja nur Spaß,« und er schlug den
Heimweg ein.
»Wenn er nur wieder spaßen kann, der lange Schlingel,« sagte Hollwanger
vor sich hin und sah nach dem Sohn zurück, der mit langen Schritten, von
neuer Hoffnung belebt, dem Haus zueilte.
Am liebsten hätte Hermann in aller Stille sein Wesen getrieben und
niemand ins Vertrauen gezogen, aber das ließ sich nicht durchführen;
denn es erregte allgemeines Aufsehen im Haus, als der Sohn, der junge
studierte Herr, in der Küche erschien und sich einen Putzeimer und
Wischtücher ausbat, die er für immer in seinem Zimmer behalten dürfe;
als er den Knecht nach einer kleinen Leiter fragte und diese die Treppe
hinauftrug in sein Zimmer. Bald drang zur Hausfrau das Gerücht, der
junge Herr sei heute ganz wunderlich, offenbar habe er sich die Sache
mit der Apotheke zu sehr zu Herzen genommen; schwermütig sei er ja schon
all die Tage gewesen, durch so etwas sei schon mancher um den Verstand
gekommen. Frau Hollwanger war mit ihren dienstbaren Geistern in der
Waschküche beschäftigt, als dies Gerede zu ihren Ohren kam und sie
gewaltig erschreckte. Augenblicklich verließ sie die Waschküche und
eilte hinauf in das »Bubenzimmer«, wie es im Hause genannt wurde.
Als sie die Türe aufmachte, da sah sie ihren Hermann auf der Leiter
stehen, vor dem hohen Kleiderschrank, Wassereimer und Putztuch neben
sich. So hatte sie ihn freilich nie früher gesehen, aber als er ihr
jetzt bei ihrem Eintritt das Gesicht zuwandte, sah er so gar nicht
verstört und verwirrt aus, blickte sie im Gegenteil hell und freundlich
an und lachte über ihr verblüfftes Gesicht, daß ihr alle Sorge verging
und nur die Neugierde blieb. Die mußte er nun freilich befriedigen und
ihr seinen Plan und seine Hoffnung mitteilen, wie er es dem Vater
gegenüber getan hatte. »Zuerst muß mein Zimmer so sauber werden wie die
Apotheke,« sagte er dann, »du glaubst nicht, Mutter, wie dort alles
blitzblank ist, kein Stäubchen wird im Haus geduldet, vom Keller bis zur
Bodenkammer, alles rein.«
»Dann will ich dir heute abend die Grete heraufschicken, daß sie dir das
macht, laß du das nur bleiben, Hermann, du kannst es doch nicht und
machst bloß deine Kleider schmutzig.« Aber da geriet Hermann in Eifer.
»Nein, nein, Mutter, die Grete will ich eben gerade gar nicht, alles
will ich selbst tun, sonst bleibe ich ja immer so ungeschickt. Das muß
ein Apotheker alles können und wegen meiner Kleider sorge dich nur
nicht; die müssen auch immer rein gehalten sein, ich nehme mich schon in
acht und Flecken mache ich selbst heraus. Aber einiges muß ich mir
anschaffen, Mutter, eine Wage brauche ich, wie man sie in den Apotheken
hat; und ein paar Kolben und Glastrichter und einen Mörser, gelt, das
darf ich mir kaufen? Und meinen Bücherständer darf ich ableeren, damit
ich Platz bekomme für Gläser und dergl., Bücher brauche ich nicht, die
packe ich alle zusammen in eine Kiste in der Bodenkammer.«
Die Mutter ließ ihren Sohn gewähren. Sie hatte jetzt, im Frühjahr,
Arbeit in Fülle, da war es nur bequem, daß für Hermann nichts getan
werden mußte. So durfte er unbehelligt in seiner Stube sein Wesen
treiben. Helene war die einzige nähere Vertraute bei Hermanns Arbeit;
sobald sie nur aus der Schule kam, war sie bei dem Bruder und nicht nur
als müßige Zuschauerin. Sie hatte bald das Ideal der Reinlichkeit
erfaßt, das Hermann anstrebte. »Du mußt denken, du seiest der Inspektor,
der die Apotheke besichtigt,« sagte der Bruder zur Schwester, du mußt
überall mit den Fingern prüfen, ob du irgendwo Staub findest.«
Anfangs fand sie keinen, aber allmählich wurde ihr Auge schärfer.
»Hermann, an der Türleiste ist Staub, sieh her,« sagte sie und zeigte
die grauen Spuren am Finger. Das war ein ernster Fall. Die Türe wurde
von da an aufgenommen unter die abzustaubenden Gegenstände.
Wenn die Ordnung tadellos erschien, dann machte sich Hermann an die
Arbeit. Da saß er an seinem Tisch und wickelte Pülverchen ein --
Sandkörnchen waren es -- die in die vorschriftsmäßigen Pulverpapierchen
gepackt wurden. »Das muß ich auch versuchen,« sagte die Schwester, und
gleich das erstemal brachte sie es glücklicher zustande als der Bruder.
Er war bekümmert darüber.
»Das kommt bloß davon, daß du den Daumen so dumm hinausstreckst, sieh,
so kann ich's auch nicht machen,« und sie ahmte seine Handbewegung nach.
Hermann war im Winter auf die Hand gefallen, der Daumen war eine
zeitlang geschindelt gewesen, seitdem streckte er ihn steif hinaus. »Ich
weiß nicht, warum er so steif ist,« sagte Hermann.
»Wir wollen den Merz fragen,« schlug Helene vor, »er weiß, was man da
machen muß.« Der Merz war der Tierarzt, er war gerade im Stall. Die
Geschwister kamen zur Beratung. Der Tierarzt riet, den Daumen recht viel
zu bewegen, er sei nicht steif; es sei nur so eine dumme Gewohnheit, so
ein Glied immer noch so zu halten als wäre es krank, die Hunde machten
es auch oft so. Mit den Hunden wollte sich Hermann nicht gleichstellen
lassen, er fing an, seinen Daumen zu bewegen, sogar wenn er bei Tisch
saß, konnte man bemerken, wie er den Finger einübte; bald hatte das
Glied seine frühere Beweglichkeit wieder erlangt.
Trotzdem ging die Arbeit nicht gut von statten und oft legte sich
Hermann unglücklich und mutlos zu Bett am Schlusse eines Tages, den er
ganz der Übung jener Handgriffe gewidmet hatte, die seine Schwester mit
Leichtigkeit ausführte. Helene war es auch, die ihm Gläser und
Arzneifläschchen herbeischaffte, von denen er gar nicht genug bekommen
konnte. Sie durften alt und fleckig sein, denn Hermann wollte sie selbst
reinigen. Und dann wurden sie durch den Glastrichter mit Salzwasser
gefüllt, kein Tropfen sollte daneben gehen. Dann kam das Zubinden. War
das schön gelungen, so wurden sie auf den Bücherständer gestellt; waren
sie nicht tadellos, so wurden sie wieder und wieder aufgebunden.
Allmählich ging das doch besser, eine schöne Reihe von Fläschchen stand
schon auf dem Fachwerk. Oben auf den hohen Schrank hatte er große,
schwere Glaskolben mit Wasser gestellt und wenn seine Finger müde waren
vom Einwickeln der Pülverchen, dann kam zur Erholung die Übung, die
Leiter hinauf und hinunter zu steigen, mit den schweren Kolben in der
Hand.
So verbrachte er mit Ordnen und Reinigen, mit Abwiegen und Einfüllen,
mit Pulvereinwickeln und Zubinden einen Tag um den andern; und endlich,
im dritten Monat, kam Helene, wenn sie um die Wette arbeiteten, ihm in
der Geschwindigkeit nicht mehr nach; er fing an zu hoffen, daß sein
Streben von Erfolg sein werde, und wurde immer eifriger.
In einer Nacht hörte der Vater, der unter ihm schlief, um ein Uhr
Schritte in Hermanns Zimmer. Schon seit längerer Zeit hatte er sich
nicht mehr um seines Sohnes Treiben gekümmert, nun, in der schwarzen
Stimmung, die uns nachts leicht überkommt, wurde er unruhig. Was mochte
Hermann im Schlaf stören? Was trieb ihn, hin und her zu gehen? Leise
erhob er sich, der Sache mußte er auf die Spur kommen. Wie er vorsichtig
die Treppe hinaufstieg, war dem großen Mann ganz ängstlich zu Mute, was
würde er wohl finden, wenn er nun die Türe aufmachte? In der Ordnung war
nur, Schlafen zwischen ein und zwei Uhr nachts. Nun stand er vor dem
»Bubenzimmer«. Er klinkte die Türe auf, verschlossen war sie nicht.
Hermann stand, leicht angekleidet, an seinem Tisch und füllte ein
Arzneigläschen ein. »Vater, du bist's?« sagte er. »Ich bin ganz
erschrocken, wie so unverhofft meine Tür aufgegangen ist.«
»Was machst du, Hermann? Bist du ein Nachtwandler, oder bist du nicht
recht bei Trost? Weißt du, wieviel Uhr es ist?«
»Ja, da ist mein Wecker, ein Uhr ist's vorbei. Ich bin ganz wach, Vater,
und lege mich gleich wieder, sowie die Arznei fertig ist. Ich muß aber
hie und da auch nachts etwas machen, weil das öfter vorkommt in der
Apotheke; und das will auch gelernt sein, hat Herr Mohr gesagt, aber
sieh, ich bin gleich fertig.« Und Hermann füllte sein Fläschchen, band
es mit großer Ruhe zu und sagte: »Heute war ich schon nicht mehr so
schlaftrunken wie die ersten Male.«
»Hermann, alles was recht ist, aber bei Nacht muß Ruhe sein, so etwas
kann ich nicht haben.«
»Nur hie und da, Vater, wenn ich recht leise bin, daß niemand aufwacht,«
sagte Hermann bittend, »sieh jetzt bin ich schon fertig, muß nur wieder
aufräumen.« Das Kölbchen kam zu der stattlichen Reihe, die schon das
zweite Fach des Gestells füllte. Alles in dem kleinen Reich sah
wunderlich, aber tadellos geordnet aus. Ein paar Minuten später lag
Hermann schon wieder im Bett.
Getroster als er heraufgekommen war, ging Hollwanger die Treppe
hinunter. »Dem ist's ernst,« sagte er vor sich hin, »dem ist's bitter
ernst, der wird Apotheker.«
Der Frühling war vergangen, der Sommer kam mit all der Arbeit, die er
auf dem großen Bauernhof bringt. Kaum etwas davon drang in Hermanns
Zimmer. Rastlos gewissenhaft und unermüdlich verbrachte er einen Tag wie
den andern und mühte sich ab, um die Geschicklichkeit zu erwerben, die
manchem andern schon in die Wiege gelegt wird. Er arbeitete jetzt nach
der Uhr, die vor ihm hing. Hatte er im ersten Monat in der Viertelstunde
zwei Pulver abgewogen oder eingewickelt, zwei Fläschchen gefüllt und
zugebunden, so waren es im zweiten Monat schon vier und im dritten und
vierten noch mehr und jetzt im fünften und letzten Monat ging es ihm von
der Hand, daß es ein Spaß war zuzusehen. Und sie lagen alle säuberlich
in Dutzenden zusammengebunden, die weißen Päckchen, ein großer Kasten
voll und sie standen in ungezählten Mengen nebeneinander, die kleinen
Fläschchen. Warum er sie aufhob, das verstand niemand; der Sand im
Pulverpapier, das Wasser im Arzneiglas hatten doch keinen Wert?
»Ein klein wenig Verrücktheit ist doch dabei,« dachte im stillen
sorglich die Mutter.
Der September neigte seinem Ende zu. Die strengste Arbeit auf den
Feldern war getan. Der Landwirt konnte befriedigt zurückblicken auf die
Arbeit des Sommers. Ein stiller Sonntagnachmittag, an dem der Regen
gleichmäßig herunterrieselte, bannte die Familie ins Zimmer. Hollwanger
saß mit den Seinigen um den Tisch, er hatte den Kalender vor sich
liegen.
»Nun, Hermann, wie steht's jetzt eigentlich mit dir? Der Sommer wäre
vorbei. Länger kann's bei dir so nicht weiter gehen, höchste Zeit, daß
etwas geschieht.«
»Auf ersten Oktober, Vater, habe ich gedacht, wäre ich so weit, daß ich
mich als Lehrling antragen könnte.«
»Ja, und darum will ich heute noch an den Onkel schreiben in der
Hauptstadt.«
Hermann schwieg; man konnte ihm leicht anmerken, daß ihm der Vorschlag
nicht recht war. »Nun, was gibt's? Paßt dir's wieder nicht? Du wirst
nach und nach ein wunderlicher Kauz, was ist denn wieder nicht recht?«