I.

»Heinrich, schläfst du schon?« fragte leise eine Stimme.

»Nein, ich kann nicht einschlafen,« antwortete ebenso leise eine zweite.

In dem Schlafzimmer, in das nur durch die Straßenlaterne ein schwacher

Lichtschimmer fiel, standen zwei Betten. Aus jedem tauchte jetzt ein

Knabenkopf auf. »Komm zu mir, aber leise,« sprach die erste Stimme

wieder und sofort huschte eine kleine Gestalt durchs Zimmer und Heinrich

schlupfte zu seinem Bruder Konrad ins Bett. Sonst schliefen die beiden,

sie waren zwölf und dreizehn Jahre alt, wohl fest um diese Zeit; aber

heute, wo man ihre Mutter begraben hatte, die Mutter, die ihnen alles

gewesen war seit des Vaters Tod, heute ließ der Jammer sie nicht

einschlafen. Und zum Jammer kamen auch noch die ersten Sorgen.

»Mir ist's gar nicht recht, daß der Vormund uns zu Bett geschickt hat,«

sagte Heinrich.

»Mir auch nicht, ich hätte so gern gehört, ob er mit der Tante und mit

Fräulein Stahlhammer über unsere Zukunft spricht. Mir ist alles recht,

wenn sie uns nur beisammen lassen,« sagte Konrad.

»Das _müssen_ sie doch! Sie können uns doch nicht aus dem Haus

vertreiben!«

»Ich glaube nicht, daß wir dableiben dürfen, wer soll denn die

Haushaltung führen?«

»Ach, das kann doch die Rike; wir zwei sind fast immer in der Schule

und das Klärchen macht nicht viele Mühe.« Klärchen war das einzige

Schwesterchen, fünf Jahre alt.

»Ich glaube nicht, daß sie uns hier lassen. Sie werden sagen: es geht

nicht,« meinte Konrad. »Ja,« sagte Heinrich ärgerlich, »immer heißt es

gleich: es geht nicht, wenn einmal etwas anders ist als gewöhnlich. Wo

meinst du denn, daß sie uns hintun wollen?«

»Zu irgend welchen Verwandten.«

»Da bleibe ich noch am liebsten hier, bei Onkel und Tante Kuhn.«

»Ich auch.«

»Ich wollte, der Onkel wäre unser Vormund, ihn habe ich tausendmal

lieber als den Herrn Rat Stahlhammer als Vormund, warum haben wir doch

den und nicht Onkel Kuhn?«

»Der Onkel war ja doch nicht hier, wie der Vater starb, und Herr Rat

Stahlhammer war hier und war ein Freund des Vaters, darum hat ihn nach

des Vaters Tod die Mutter gebeten, unser Vormund zu sein. Seine

Schwester ist ja auch die Patin von Klärchen.«

»Die Patin ist gerade so steif und unheimlich groß wie der Herr Rat

selbst; wie sie heute zur Beerdigung hereingekommen ist, hat sich

Klärchen ordentlich vor ihr gefürchtet. Da ist doch die Tante ganz

anders, die erinnert mich so an die Mutter!«

»Ja, bei ihr wäre gewiß auch Klärchen am liebsten.«

»Also, wenn über uns beschlossen wird, sagen wir: Am liebsten bleiben

wir, wo wir sind, und wenn das nicht geht, möchten wir zu Onkel und

Tante Kuhn hinaus in die Vorstadt; jedenfalls aber wollen wir drei

beisammen bleiben.«

»Ja,« sagte Heinrich, »und das _müssen_ sie uns erlauben.«

Es schlug zwölf Uhr.

»So spät schon,« sagte Konrad.

»Ich gehe,« sagte Heinrich; mit einem Satz war er wieder in seinem

Bereich und nach kurzer Zeit wurde es still im Schlafzimmer, beide

Brüder schliefen.

Während die Brüder im Schlafzimmer Beratung hielten, wurde ohne daß sie

es wußten, in ihres verstorbenen Vaters Zimmer schon über ihr Schicksal

entschieden. Drei Personen saßen da zur Beratung beisammen: der Vormund,

Rat Stahlhammer; seine Schwester, Fräulein Stahlhammer, und Frau

Professor Kuhn, die Schwester der eben verstorbenen Mutter. Diese hatte

sich, auch im Namen ihres Mannes, bereit erklärt, die beiden Knaben zu

sich zu nehmen und mit ihren eigenen Kindern und Kostgängern zu

erziehen. Gerne hätte sie auch die kleine Schwester dazu genommen, doch

war es neben der großen Knabenschar nicht möglich.

Der Vormund hatte mit verbindlichem Dank das Anerbieten für die zwei

Knaben angenommen und die Überzeugung ausgesprochen, daß seine

Schwester, Fräulein Stahlhammer, die in dem nahen Städtchen Waldeck ein

Häuschen besaß und die Patin der Kleinen war, diese mit Vergnügen

aufnehmen würde. Aber Fräulein Stahlhammer, eine große, stattliche

Gestalt von ernstem Aussehen, erklärte zu des Bruders Erstaunen, daß sie

seinen Wunsch nicht erfüllen könne. Das kam dem Vormund sehr unbequem.

»Ich kann nicht begreifen,« sprach er zu seiner Schwester, »warum du

dich weigerst, dein Patenkind zu dir zu nehmen. Du lebst ganz allein mit

deinem Dienstmädchen, du kannst frei über deine Zeit verfügen, du hast

Platz im Hause; Ausgaben würde das Kind dir nicht machen, denn seine

Eltern haben ja genug hinterlassen ...«

»Ach wegen des Geldes wäre es mir ja nicht,« antwortete Fräulein

Stahlhammer.

»Weswegen willst du das Kind dann nicht zu dir nehmen?« sagte Herr

Stahlhammer etwas ungeduldig. »Jedermann kann es von dir erwarten.«

»Es ist ein herzig liebes Ding,« warf die Tante dazwischen.

»Bei allen möglichen Vereinen und wohltätigen Anstalten bist du, da tust

du Gutes, und hier, wo du die Nächste dazu wärst, willst du nicht. Was

ist der Grund?«

»Bruder, du weißt es doch. Ich habe schon einmal eine traurige Erfahrung

gemacht mit zwei Waisenkindern, die ich bei mir hatte; ich habe genug

darunter gelitten und will nicht noch einmal solch bittere Enttäuschung

erleben.«

»Das ist nun viele Jahre her, inzwischen bist du erfahrener geworden und

wirst die Sache geschickter anstellen als damals,« sagte der Rat. Aber

seine Schwester wollte nicht nachgeben. »Nicht jedermann versteht es mit

Kindern,« sagte sie, »ich habe sie lieb, aber sie schließen sich nicht

an mich an.«

»Unsinn, darauf kommt's nicht an; du hattest damals solch törichte

Gedanken, daß du vor allem ihre Liebe gewinnen wolltest und dergleichen.

Hättest du sie mit gehöriger Strenge von Anfang an behandelt, so wären

sie nicht so nichtsnutzig geworden. Übrigens werde ich als Vormund meine

Pflicht nicht versäumen. Ich werde so oft als möglich zu dir

hinausfahren, nachsehen und der kleinen Person den Kopf zurechtsetzen,

und es wäre doch lächerlich, wenn wir zwei Leute, die größten weit und

breit, mit dem kleinen Ding nicht zurecht kämen. Und sage selbst, wer

soll denn das Kind nehmen? Du kannst es doch mir, dem einsamen

Junggesellen, nicht zumuten?«

Eine lange Pause entstand. Fräulein Stahlhammer schien wankend zu

werden. »Wenn du sie mir auf Probe geben willst,« sagte sie endlich,

»dann will ich mich dazu verstehen, sie auf ein halbes Jahr zu mir zu

nehmen, für mehr verpflichte ich mich nicht.«

»Freilich, freilich, wenn du sie nur zunächst einmal nimmst, dann kann

man ja später weiter sehen,« rief Herr Stahlhammer sichtlich

erleichtert. Noch hatte er einen kleinen Kampf zu bestehen, denn die

Schwester erklärte, daß sie am nächsten Morgen mit dem ersten Zug

heimreisen müsse; nach einigen Tagen wollte sie wiederkommen, um das

Kind abzuholen. Diesem Vorschlag stimmte auch die Tante der Kinder bei,

aber der Vormund war der Meinung, daß das Kind gleich am nächsten Tag zu

seiner Patin reisen sollte.

Schließlich fügte sich die Schwester auch in diesem Punkt und so wurde

beschlossen, daß der Vormund am nächsten Morgen das Kind abholen und es

ihr an die Bahn bringen sollte. Er gab selbst noch dem Dienstmädchen die

nötigen Aufträge und dann verließen alle drei das Trauerhaus.

Herr Stahlhammer und seine Schwester, die heute sein Gast war,

verabschiedeten sich von Frau Professor Kuhn. Diese sah den großen

Gestalten, die sich ernst und schweigend miteinander entfernten, nach,

und leise sprach sie vor sich hin: »Armes Klärchen, könnte ich dich doch

bei uns aufnehmen!«

Der Vormund war sehr befriedigt von den Besprechungen des Abends, die

Sorge für seine drei Mündel war ihm nun abgenommen. Und seine Schwester?

Während sie schweigend in nächtlicher Stunde neben dem Bruder durch die

Straßen schritt, dachte sie zurück an eine bittere Stunde ihres Lebens,

wo der Waisenhausvater gekommen war, ihre zwei Waisenkinder wieder

abzuholen, weil sie auf schlimme Wege geraten waren, und sie hörte

wieder die Worte, die er ihr gesagt: »Nicht jedermann versteht es mit

Kindern!«

Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise · 第 8 / 17 题