Er lächelte. »Nicht sehr viele, bloß zwei.«

In diesem Augenblick hörte Frida mit wahrem Entzücken den wohlbekannten

Tritt ihres Vaters. Mit großer Freude begrüßten sich die beiden Freunde

und eine der ersten Fragen des Vaters an den Gast war: »Du bleibst doch

bei uns zu Tisch?« Die Einladung wurde angenommen und Frida von ihrem

Vater mit den Worten entlassen: »Nun geh du in die Küche und mach dein

Meisterstück!«

Ja, ein schönes Meisterstück war es, das Frida vorfand, als sie

hinauskam! Schwarz wie eine Kohle lag der Braten in der Pfanne und der

Geruch des angebrannten Fleisches erfüllte die ganze Küche. Da war

nichts mehr zu retten! Verzweifelt stand die junge Köchin und hatte nur

den _einen_ Gedanken: wenn doch die Mutter käme, die wüßte Rat!

Da klingelte es wieder. Eifrig sprang Frida zu öffnen. Aber es kam bloß

ein Dienstmädchen mit einem Korb am Arm und einem Netz, in dem ein

großer Fisch war. Sie kam offenbar vom Markt und hatte den Auftrag,

Fridas Eltern auf den nächsten Abend einzuladen. Aber Frida hörte nur

halb die Worte des Mädchens. Sie konnte ihre Blicke nicht von dem Fisch

abwenden.

»Brauchen Sie diesen Fisch für heute mittag?« fragte Frida.

»O nein, erst für morgen abend,« antwortete das Mädchen.

»Ach, wenn Sie mir den Fisch abtreten möchten! Wir haben unerwartet

einen Gast bekommen und ich weiß nicht, was ich ihm zu Mittag vorsetzen

soll!«

»Recht gerne,« antwortete das Mädchen, »ich kann bis morgen schon noch

einen Fisch bekommen.«

»Ist er tot?« fragte Frida.

»Ja wohl, aber ganz frisch, eben erst abgeschlagen.«

Das Mädchen nahm den Fisch heraus, legte ihn auf eine Platte in der

Küche, Frida bezahlte, was das Mädchen verlangte, und gab noch ein

schönes Trinkgeld. Als das Mädchen fort war, wandte sich Frida eifrig

ihrem Fisch zu, um ihn kunstgerecht zu bereiten. Aber, o Schrecken, der

»tote« Fisch hatte sich von der Platte heruntergeschnellt und schlug mit

dem Schwanz auf den Küchentisch. Nun war Frida ratlos. Einen halbtoten

Fisch aufschneiden, das konnte sie nicht und noch viel weniger ihn

töten.

»Und das heißt die dumme Person _tot_!« sagte sie in Verzweiflung, »wenn

ich sie nur zurückrufen könnte.« Aber die war nicht mehr zu sehen. Da

klingelte es wieder. Jetzt endlich mußte es doch die Mutter sein, die

heiß ersehnte. Frida flog zur Türe. Aber diesmal war es nur ein

Handwerksbursche und vollends einer, der etwas Warmes zu essen

verlangte. »Ach, wir haben ja selbst gar nichts,« sagte Frida in so

verzweifeltem Ton, daß ihr der junge Bursche aufs Wort glaubte und

wieder davonging. Als er aber die halbe Treppe hinunter war, kam Frida

ein Einfall. Sie rief ihm nach: »Hören Sie, können Sie einen Fisch

töten?«

»Ob ich was kann?« rief der Bursche erstaunt.

»Ob Sie einen Fisch ganz tot machen können?«

»Warum denn nicht?« sagte er.

»O so kommen Sie doch gleich herauf,« bat Frida und der Bursche ließ

sich's nicht zweimal sagen. Als er den Fisch in der Küche liegen sah,

sagte er: »Der ist ja schon tot.« »O bewahre, der tut nur so und sowie

er allein mit mir ist, bewegt er sich wieder; Sie müssen ihn _ganz_ tot

machen.«

Da ergriff der junge Mann den Fisch und schlug ihm den Kopf mit solcher

Macht auf, daß dieser fast davonflog.

»Nun ist er gewiß ganz tot,« sagte der Bursche, »ich kann ihm aber auch

noch den Bauch aufschlitzen, wenn Sie wollen.« Bereitwilligst reichte

Frida ein Messer her. Sie gewann immer mehr Vertrauen zu ihrem

Küchenjungen.

»Können Sie ihn vielleicht auch ausnehmen?«

»Ich habe es zwar noch nie getan, aber so fest wird's nicht sein, daß

ich's nicht herausreißen kann. Wollen Sie nicht zusehen, ob ich's recht

mache?«

»Ich sehe es gut aus der Ferne,« sagte vom Herd aus Frida, die ihr

Grauen vor dem Fisch gar nicht mehr los werden konnte.

»Darf man alles herausreißen, was darinnen ist?«

»Nehmen Sie nur alles heraus, was gut ist, kann ich ja wieder

hineintun.«

Der Bursche brauchte nicht einmal seine ganze Kraft, um den Fisch

auszunehmen, und er machte seine Sache ganz geschickt.

Nun war Frida wieder in glücklicher Stimmung. Ihr Mißtrauen gegen den

Tod des Tieres war verschwunden und eifrig machte sie sich daran, den

Fisch kunstgerecht zuzubereiten.

»Kann ich dem Fräulein sonst noch etwas helfen?« fragte der Bursche. »O

ja, bitte, wenn Sie mir noch helfen wollten, kleine Kartoffeln zu

richten, wäre ich recht froh.«

Einträchtig machten sich die Beiden an dies Geschäft und Frida erzählte

dabei ihr Mißgeschick mit dem Braten.

»Man wird ihn _doch_ noch essen können,« tröstete der Handwerksbursche.

»Ach nein, sehen Sie nur her, wie schrecklich er aussieht!« Er fand es

nicht so schrecklich, sondern behauptete, da wären noch manche Leute

froh daran. »Wenn Sie ihn vielleicht mitnehmen wollten,« sagte Frida

ganz schüchtern, »dann müßte ich ihn doch nicht mehr sehen und ungesund

ist es, glaube ich, nicht.«

»Durchaus nicht,« versicherte der Bursche. Der Braten wurde eingewickelt

und verschwand in der Tasche des jungen Mannes, der sich nun dankbar

entfernen wollte. Frida aber schenkte ihm für seine Hilfe noch ein Stück

Geld und dankte ihm sehr. Vergnügt eilte der Handwerksbursche die Treppe

hinunter, auf der ihm Fridas Mutter begegnete. Diese hatte sich bei

ihrem Besuch verspätet und kam eiligst herauf. Als sie von Frida hörte,

daß ein Gast angekommen sei, war ihre erste Frage:

»Ist auch der Braten gut geworden?«

»Ach nein, Mutter, der ist verbrannt, solange ich den Herrn unterhalten

mußte. Aber wir haben einen prächtigen Fisch für heute mittag!«

»Einen Fisch? Woher?«

»Von der Köchin des Herrn #Dr.# N.; sie war da, um Euch -- oder nein, ich

glaube bloß den Vater, auf morgen -- oder nein -- ich glaube auf

übermorgen einzuladen.«

»Aber Kind, wo hattest du denn deine Gedanken?«

»Ach, bei dem Fisch!«

»Nun laß nur den Braten sehen, wir schneiden noch die schönsten Stücke

auf.«

»Es geht nicht, Mutter.«

»Er kann doch nicht ganz verbrannt sein?«

»Ich mochte ihn gar nicht mehr sehen und habe ihn dem Handwerksburschen

mitgegeben, der mir den schrecklichen Fisch totschlug!«

»Kind, du wirst doch den dreipfündigen Rindsbraten nicht hergegeben

haben?«

Alle weiteren Erörterungen wurden durch den Gast abgeschnitten, der, als

er die Stimme der Hausfrau hörte, herauskam, sie lebhaft begrüßte und in

Beschlag nahm. Als Frida bei Tisch den wohlgeratenen Fisch auftrug,

erntete sie großes Lob, aber sie schlug beschämt die Augen nieder und

dachte an den verbrannten Braten. Die Herren aber waren in heiterer

Stimmung.

»Aha,« sprach der Gast, »da merkt man doch gleich, daß man in einer

katholischen Stadt ist, ihr habt heute, am Freitag, Fisch. Ich finde es

sehr hübsch, wenn man sich nach der Sitte des Ortes richtet.«

Als am Abend der Gast fort war und die Mutter alles erfahren hatte,

berechnete sie im stillen: Ein feiner Fisch und ein Trinkgeld dem

Mädchen, ein dreipfündiger Rindsbraten und ein Trinkgeld dem

Handwerksburschen -- und sie kam zu dem Schluß, auch den dringendsten

Besuch nie mehr vor Tisch zu machen.

Der Handwerksbursche zehrte mittags und abends an dem Braten, von dem er

nur die verbrannte Rinde abgelöst hatte, und er fragte sich, ob er es

wohl noch einmal in seinem Leben zu so einem kräftigen Stück Fleisch

bringen werde.

Frida aber tat um Mitternacht einen lauten Schrei, denn ihr träumte, der

Fisch sei vom Tisch herunter und in ihren Schoß gesprungen!

Ein Wunderkind.

Wunderkinder gibt es aller Art. Solche, die wie Mozart mit drei Jahren

Klavier spielen, andere, die im gleichen Alter mehrere Sprachen lesen

können.

Von einem Wunderkind ganz eigener Art möchte ich erzählen. Mein

Wunderkind heißt Fridolin und ist das älteste Kind von armen

Arbeitersleuten. Es war sechs Jahre alt geworden, ohne daß jemand ahnte,

was für ein besonderes Geschick in dem Kleinen steckte, bis eines Tages

der Vater zu ihm sagte: »Nimm meinen Sonntagsrock und trag ihn zum

Schneider, daß er den Riß am Ärmel flicke.« Fridolin trug den Rock zum

Schneider und dieser versprach, den Schaden wieder gut zu machen. »Ich

will darauf warten,« sagte Fridolin. »So schnell geht's nicht,«

entgegnete der Schneider; »ich habe vorher noch anderes zu nähen.« »Ich

kann ja warten,« wiederholte das kleine Bürschlein. »Da dürftest du

lange warten,« meinte der Schneider, »geh du nur wieder heim.« »Ich kann

auch _lang_ warten,« versetzte der Kleine und rührte sich nicht von der

Stelle. Zwei junge Burschen, ein Geselle und ein Lehrling, die auch an

der Arbeit saßen, lachten über den Kleinen, der sich nicht vertreiben

ließ; da lachte der Schneider auch, legte den Rock beiseite, setzte sich

an die Arbeit und sagte zu seinem Gesellen: »Laß den Knirps nur stehen,

er wird schon bald genug kriegen.« Aber Fridolin bekam nicht genug. Er

stand hinter dem Gesellen und sah ihm zu, wie er Knopflöcher nähte. Acht

Uhr war es wie er gekommen war, und um zehn Uhr stand er noch da. -- Nun

trat die Meisterin ins Zimmer mit Bier und Brot, und der Meister setzte

sich mit dem Gesellen an den Tisch. Fridolin aber, ohne ein Wort zu

sagen, nahm den Platz ein, an dem der Geselle gearbeitet hatte, und

ergriff die Arbeit, die jener beiseite gelegt hatte. Der Schneider

beobachtete den wunderlichen Kleinen aus der Ferne; als er aber merkte,

daß er sich an des Gesellen Arbeit vergriff, trat er leise hinter ihn

und sah ihm zu. Dann winkte er den Gesellen und alle drei sahen mit

Staunen, wie die Kinderfingerchen die Nadel behend durch den dicken

Stoff schoben, wie Stich an Stich kam, daß auch nicht fadenbreit

dazwischen fehlte, und wie das Schneiderlein so in seine Arbeit vertieft

war, daß es nicht einmal nach ihnen aufschaute. »Wer hat dich gelehrt,

Knopflöcher machen?« fragte jetzt der Schneider. »Der da!« antwortete

Fridolin und deutete auf den Gesellen, dem er vorher zugesehen hatte. Da

staunte der Meister und fragte den Kleinen nach allerlei: ob er zu Hause

auch schon genäht habe, woher er's könne usw., aber es war aus dem

Büblein nicht viel herauszubringen. Nun tat's ihm der Schneider zulieb

und machte sich an das Ausbessern des Rockes, den Fridolin gebracht

hatte, und der Kleine stand dabei und verwandte kein Auge davon. Als die

Arbeit fertig war und Fridolin mit dem Rock gehen wollte, sagte der

Schneider zu ihm: »Dich freut unser Handwerk, das seh' ich, komm du nur

ein andermal wieder, wenn du zusehen willst.«

Als am nächsten Morgen in aller Frühe die Meisterin aus der Türe trat,

um droben in der Kammer den Lehrbuben zu wecken, saß der kleine Fridolin

auf der Treppe und sagte: »Ich will nähen helfen.« Da ließ ihn die

Meisterin ein und der Schneider gab ihm eine Arbeit, von der er dachte:

Verdirbt er's, so ist nicht viel daran verloren. Aber Fridolin verdarb

nichts und kam nun alle Tage.

Der Herbst zog ins Land und Fridolin mußte in die Schule. Er war der

kleinste unter all seinen Kameraden und im Lernen nicht stark; aber er

war brav, machte seine Sache, so gut er eben konnte, und der Lehrer

konnte das stille Kind wohl leiden. Eines Tages aber saß Fridolin mit

geschlossenen Augen auf seinem Platz in der Schule. »Schläfst du?« rief

ihn der Lehrer an und berührte ihn mit dem Stock. Erschrocken fuhr

Fridolin auf, aber nach ein paar Minuten drückte er schon wieder die

Augen zu. »Was ist's heute mit dir?« rief ihm der Lehrer zu und

schüttelte ihn: »Bist du faul oder krank?« »Nein,« antwortete der Kleine

weinerlich, »aber die Naht ist ganz krumm, die kann ich nicht sehen!«

und er deutete auf die Jacke des Knaben, der vor ihm saß. Alle Kinder

lachten, aber der Lehrer sagte: »Redest du im Traum oder hast du den

Verstand verloren?« »Nein, nein,« rief Fridolin, »die Naht muß _so_

laufen,« und im Nu hatte er ein Stückchen Schneiderskreide aus seiner

Tasche genommen und zeichnete damit eine schnurgerade Linie über den

Rücken seines Kameraden herunter. Der Lehrer sah nun wohl, daß der

Kleine recht hatte und daß die Naht etwas krumm lief. Er wußte nicht,

sollte er lachen über den kleinen Sonderling oder staunen über seinen

scharfen Blick. »Setze dich vor zu mir,« sagte er und führte Fridolin an

einen andern Platz, wo er seine Augen offen halten konnte, ohne durch

Jackennähte zerstreut zu werden. Nach der Schule sagte Fridolin zu

seinem Kameraden: »Wenn du mir Zwirn mitbringst, mache ich dir die Naht

an deiner Jacke zurecht.«

Und so geschah es. Von diesem Tag an wurde Fridolin der Flickschneider

für seine ganze Klasse. Als die Ferien begannen, kam der Schneider zu

Fridolins Eltern und bat, daß ihm der Kleine nähen helfen möchte. Der

Vater war nicht wenig stolz auf seinen kleinen Sohn und fragte, was ihm

der Schneider an Lohn geben wolle, denn jeder Arbeiter sei seines Lohnes

wert. Die beiden Männer handelten hin und her, Fridolin stand dabei und

sagte kein Wort. Endlich wurden sie miteinander eins, der Schneider

verabschiedete sich und war schon unter der Türe, da sprach Fridolin:

»_Geld_ will ich nicht, ich will _Tuch_!« Der Schneider kam wieder

zurück und der Vater sagte: »Hättest auch früher reden können, sei nur

zufrieden, jetzt ist's schon ausgemacht.« Aber Fridolin war nicht

zufrieden, er wiederholte ganz bestimmt: »Um Geld näh' ich nicht, ich

will Tuch!« »Ja, wozu denn?« fragte der Schneider. »Zu einem Anzug für

unseren Kleinen,« antwortete Fridolin und meinte damit seinen jüngsten

Bruder, den er sehr lieb hatte. »Er ist schon so ein Sonderling, dem man

seinen Kopf lassen muß,« sagte der Schneider, versprach ihm schönes Tuch

zu liefern und ging.

Jeden Tag arbeitete nun Fridolin bei dem Meister; er lernte Maß nehmen

und Zuschneiden, er sah beim Anprobieren auf den ersten Blick, wo es

fehlte, und seine Fingerchen wurden immer geschickter und gingen so

flink auf und ab wie eine kleine Nähmaschine, so daß es ganz wunderbar

anzusehen war. Am liebsten aber arbeitete er für seine Geschwister

daheim, und was er ihnen machte, das saß so nett und stand so fein, wie

wenn es aus dem feinsten Herrenkleidergeschäft hervorgegangen wäre.

Die Jahre vergingen, Fridolin kam aus der Schule und man durfte sich

nicht lange besinnen, was er werden sollte, er war ja schon etwas: Der

geschickteste Schneider im Städtchen. Gewachsen war er nicht viel, und

wenn er jemand das Maß nehmen sollte, so mußte er auf einen Schemel, ja

manchmal auf den Stuhl steigen, um hinaufreichen zu können. Er lebte

ganz still nur für seine Arbeit, wußte nicht, wie es in der Welt draußen

zugeht, und hatte keine anderen Freunde als seine kleinen Geschwister.

Mit zwanzig Jahren sah er noch aus wie ein Kind. Um diese Zeit hörte der

Vater, daß in der Hauptstadt ein tüchtiger Schneidermeister gestorben

sei, der gute Kundschaft gehabt habe, und er dachte sich: »Das Geschäft

könnte mein Fridolin übernehmen; alles, was er zum Handwerk braucht, ist

dort, Gesellen und Lehrlinge sind da und wissen, wie es betrieben wird,

da dürfte er sich nur hineinsetzen und könnte sein Glück machen!« Die

Mutter hatte zwar ihre Bedenken und meinte, der Fridolin könne nicht

ohne sie sein, er sei zu unpraktisch für so ein Geschäft. Aber der Vater

sagte: »Wenn du ihn immer versorgst wie ein Kind, wird er nie ein Mann,

er soll nur hinaus in die Welt, dann wird er schon klug werden.«

Fridolin selbst redete nicht darein und ließ seine Eltern die Sache

ausmachen.

Nach kurzer Zeit saß er als Schneidermeister in der Großstadt. Ein

ganzes Stockwerk war für ihn und seine Gesellen eingerichtet. Unten im

Hause wohnten ordentliche Leute, diesen hatte die Mutter ihren Sohn

anempfohlen, und so hoffte sie, es werde sich alles gut machen. Die

Gesellen und Lehrbuben lachten zuerst über das Meisterlein, aber bald

bekamen sie Achtung vor seiner Kunst. Der erste Kunde, der sich einfand,

war ein alter Herr. Er hatte hier kurz vorher einen Anzug machen lassen

und nun betrat er in diesem das Geschäft, erklärte sich nicht ganz

zufrieden mit der Arbeit und wollte etwas daran verändert haben. Den

kleinen Meister Fridolin sah er wohl für den jüngsten Lehrjungen an und

beachtete ihn nicht, sondern wandte sich mit seinem Anliegen an den

ältesten Gesellen. Der prüfte den Anzug und behauptete, er stehe

tadellos und sei nach der neuesten Mode. Da sprang unser Meisterlein

auf, stellte flugs einen Schemel neben den Herrn, stieg hinauf und indem

er mit seiner Kreide ein paar Striche über das Tuch zog, sagte er: »Hier

sitzt der Fehler.« Der Geselle mußte zugeben, daß der Meister recht

habe, und am nächsten Tag war unter des Schneiderleins geschickten

Händen der Fehler schon verbessert. Der alte Herr freute sich über die

gute Arbeit und empfahl das Meisterlein seinem Hausgenossen, einem

jungen Baron, der viel auf seine Kleider hielt. Der bestellte sofort

unsern Fridolin, daß dieser ihm das Maß nehme. Aber Fridolin schüttelte

bloß den Kopf, sah von seiner Arbeit nicht auf und sagte ganz ruhig zu

dem Bedienten: »Der Herr soll zu _mir_ kommen.« Die Gesellen waren nicht

wenig erstaunt über diese Antwort und der älteste flüsterte dem Meister

zu, der vorige Meister sei auch immer zu den Herren ins Haus gegangen.

Aber Fridolin sagte ganz ruhig: »Ich kann nicht, ich muß meinen Schemel

haben und meinen Stuhl, ich bin zu klein,« und der Diener des Herrn

Baron mußte mit dieser Antwort abziehen. Der Herr Baron war nun

neugierig, das kleine Schneiderlein zu sehen, und bemühte sich selbst in

die Werkstatt. Rührig sprang unser Fridolin vom Schemel auf den Stuhl

und vom Stuhl auf den Schemel, um dem großen Herrn das Maß zu nehmen,

und als er damit fertig war, setzte er sich sofort wieder an die Arbeit,

ließ den hohen Herrn stehen und der Geselle mußte ihn zur Türe geleiten.

Der Anzug wurde aber ein Meisterwerk, und bald bemühten sich die

vornehmsten jungen Herren in das Geschäft des Schneiderleins, und sie

taten es um so lieber, als unser guter Fridolin sie nicht mit der

Rechnung bedrängte. »Meisterlein,« sagte eines Tages der älteste

Geselle, der eine wahre Liebe zu ihm gefaßt hatte, »wie steht's mit den

Rechnungen? Früher hat der Lehrbub sie ausgetragen, ich meine es wäre

Zeit, die Herren sollten bezahlen.« Da machte Fridolin ein ängstliches

Gesicht, denn die Rechnungen zu stellen, das hatte er nie recht lernen

können. »Die Rechnungen?« sagte er, »die sind schwer zu machen.« Da

lächelte der Geselle und sagte, er werde es wohl fertig bringen, und

besorgte die Sache. Des Barons Diener war der erste, der kam, um die

Rechnung zu bereinigen. Fridolin, der gerad am Zuschneiden war, nahm das

Geld, zählte es aber nicht nach, schob es beiseite, daß es bald zwischen

den verschiedenen Tuchresten lag, und merkte nicht, wie die jungen

Gesellen darüber kicherten, auch wohl eines oder das andere Geldstück zu

sich nahmen, nur damit es nicht unter die Lumpen fiele; und schließlich

wäre wohl alles verschwunden, wenn nicht der älteste Geselle das Geld

zusammengerafft und es seinem lieben Meisterlein in die Tasche geschoben

hätte.

Ein Vierteljahr war verflossen, da schnürte der wackre Geselle, dessen

Zeit nun abgelaufen war, sein Bündel. Er war schon viele Jahre in der

Fremde gewesen und wollte zurückkehren in seine Heimat. Der treue

Bursche brachte noch, ehe er abreiste, alles Geschäftliche möglichst in

Ordnung; aber er war nicht lange weg, so ging alles nicht mehr in der

Werkstatt, wie es sollte. Das Schneiderlein machte zwar seine Arbeit

prächtig und war von früh bis spät so emsig, daß ein Meisterstück nach

dem andern aus seinen Händen hervorging. Aber die Arbeiter trieben, was

sie wollten, und hatten mehr Geld als ihr Meister. Fridolins Eltern

wußten davon nichts. Sie hatten sich in der ersten Zeit einmal nach ihm

umgesehen und seitdem hörten sie nichts mehr, denn das Schreiben war

Fridolins Sache nicht. Da wurden sie eines Tages durch einen Brief aus

der Stadt überrascht. Er war nicht von Fridolin, aber von seiner

Hausfrau. Die schrieb, die Eltern sollten doch nach dem Sohn sehen; es

sei gar nicht zu beschreiben, was für eine Unordnung in der Werkstatt

herrsche und wie er von den Gesellen betrogen und bestohlen werde. Sie

habe es ihm schon oftmals selbst gesagt, aber er könne wohl nicht

anders, ihr Mann sage immer, bei dem habe sich der Verstand ganz auf

_eine_ Seite geschlagen. Die Mutter seufzte: »Ich hab's ja gleich

gewußt, daß es nicht geht,« und der Vater wurde ganz nachdenklich und

sprach vor sich hin: »Die Leute haben recht, der Verstand hat sich bei

ihm ganz auf die eine Seite geschlagen.« Am nächsten Tag reiste die

Mutter in die Hauptstadt. Das Schneiderlein sprang von der Arbeit auf,

als es die Mutter so unverhofft vor sich sah, und aus seinen blauen

Kinderaugen strahlte ihr die helle Freude entgegen. Aber was sie sonst

sah und erfuhr, war schlimm genug. Obwohl Fridolin die feinste

Kundschaft hatte und von früh bis spät arbeitete, war doch kein Geld da.

Denn meistens vergaß er, für seine Arbeit eine Rechnung zu schicken, und

wenn ehrliche Leute von selbst zahlten, so ließ er das Geld offen

herumliegen, daß es nehmen konnte, wer da wollte.

»So kann's nicht fortgehen,« sagte die Mutter zum Sohn, als sie mit ihm

allein war. »Nein, so kann's nicht fortgehen,« gab Fridolin zu. »Das muß

man ändern,« erklärte die Mutter. »Ja, das muß man ändern,« wiederholte

der Sohn. »Fridolin,« erklärte nun die Mutter bestimmt, »du mußt

heiraten, daß du eine tüchtige Hausfrau bekommst.« Da sah das

Schneiderlein sie ganz bestürzt an und schüttelte den Kopf. »Davon

versteh ich nichts, Mutter,« sagte er, und so sehr ihn auch die Mutter

überreden wollte, er gab nicht nach. So mußte sich denn die Mutter auf

einen andern Ausweg besinnen. »Ist's dir recht, wenn wir zu dir ziehen,

der Vater und ich und die Kinder alle?« Diesmal wurde ihr Vorschlag

anders aufgenommen. Fridolin strahlte mit dem ganzen Gesicht. »Ja,«

sagte er, »und bleib du nur gleich da, Mutter.« »So leicht geht das

nicht, erst muß ich mit dem Vater reden und der Umzug kostet Geld! Wo

soll das so schnell herkommen?« Jetzt tat es dem Fridolin zum erstenmal

leid, daß er kein Geld hatte, und er fing an, seine Schubladen zu

durchsuchen. »Mutter,« sagte er, »ich habe anfangs einen ehrlichen

Gesellen gehabt, der hat immer das Geld eingenommen und manchmal hat er

gesagt: 'Meisterlein, Ihr Geld verstecke ich vor den Buben, vielleicht

brauchen Sie's einmal,' aber ich weiß nicht mehr, wohin er's versteckt

hat.« Nun machte sich die Mutter auch daran, alles zu durchsuchen, und

richtig entdeckte sie ganz unten im Kasten in einer alten Knopfschachtel

mehrere Goldstücke. Das war nun eine Freude, und die Mutter dankte im

Geiste dem wackeren Gesellen, der so für ihren Sohn gesorgt hatte.

Nach einigen Wochen schon war die ganze Familie in die Stadt gezogen,

und obwohl unser Schneiderlein nicht viel Worte machte, sah man ihm an,

wie glücklich er sich fühlte. Nun kam auch Ordnung ins Haus. Gleich am

ersten Tag blieben die Gesellen bis um 12 Uhr an der Arbeit, während sie

sonst schon um 11 Uhr davongelaufen waren. Sie merkten, daß nun eine

Meisterin da war, die ein strenges Regiment führte. Um 12 Uhr deckte die

Mutter im Nebenzimmer den Tisch; der Vater kam zum Essen, die Kinder

versammelten sich, die Mutter trug die Suppe auf, nur Fridolin fehlte

noch. »Der merkt nicht, daß Essenszeit ist,« sagte der Vater und

schickte den Kleinen in die Werkstatt, daß er Fridolin hole. Der war

aber nicht da. Er war wie verschwunden. Nach einer halben Stunde kam er

wieder, und nun stellte sich's heraus, daß er nach alter Gewohnheit in

sein Kosthaus gegangen war und ganz vergessen hatte, daß nun daheim für

ihn der Tisch gedeckt war. Aber Fridolin lachte mit dem ganzen Gesicht,

als er andern Tags mit all seinen Geschwistern um den Tisch saß, und er

legte den kleinen Brüdern einen Kloß nach dem andern auf den Teller,

schaute ihnen vergnügt zu und fragte immer wieder: »Schmeckt's euch?« so

daß die Mutter ihm wehrte und sagte: »Iß du lieber selbst.« Doch der

Fridolin schien vom Zusehen satt zu werden, er aß nie so viel wie andere

Leute.

Der Vater sah mit Stolz, wie die vornehmsten Herrn vor dem Haus anfuhren

und sich von dem kleinen Schneiderlein das Maß nehmen ließen; wie sie

ihm dann wohl ein Weilchen bei der Arbeit zusahen und staunten, wenn

seine kleinen Hände mit der Schere so flink durch den Stoff fuhren, als

wüßte die Schere von selbst ihren Weg. Mit der Zeit kamen statt der

fremden Arbeiter die Brüder zur Hilfe, die auch nicht ungeschickt waren,

und so gedieh das Geschäft immer besser. Die ganze Familie lebte in

Glück und Frieden, die Kinder alle konnten etwas Tüchtiges lernen und

fürs Alter wurde jedes Jahr etwas zurückgelegt.

Unser Schneiderlein war aber noch nicht vierzig Jahre alt, als es eines

Tages von der Arbeit weg zur Mutter kam, die nebenan im Zimmer saß. Sie

sah erstaunt auf, was wollte er wohl mitten am Nachmittag? »Mutter, mir

ist so weh,« sagte Fridolin, setzte sich auf den Schemel neben sie und

legte seinen Kopf in ihren Schoß wie ein Kind. Die Mutter erschrak. »Du

bist krank, Fridolin,« sagte sie, »komm, wir schicken den Bruder zum

Arzt.« Aber er hielt die Mutter zurück. »Laß nur, Mutter,« bat er,

»einen _Riß_ kann man schon flicken, aber wenn das ganze Tuch mürb ist,

dann kann man nimmer helfen.« »O Herzenskind, was ist dir denn?« rief

die Mutter, »komm, lege du dich ins Bett!« »Ich lieg schon drin, ich

lieg so gut,« antwortete Fridolin mit matter Stimme und dann legte er

seine feinen, weißen Hände zusammen und sagte ganz leise:

»Lieber Gott, mach mich fromm,

Daß ich zu dir in den Himmel komm!«

Dann fielen ihm die Augen zu -- für immer. Die alten Eltern haben ihn nie

verschmerzen können und die Geschwister alle haben ihm ein treues

Andenken bewahrt und werden noch ihren Kindern und Enkeln erzählen von

dem kleinen Schneiderlein, dem Wunderkind!

Mutter und Tochter.

Zwischen den stattlichen Bäumen des Schloßgartens wanderte Arm in Arm im

Gespräch ein Paar, das die Vorübergehenden wohl für ein Ehepaar hielten,

denn der Mann mochte ein Vierziger sein und sie in den Dreißigern

stehen. Aber doch waren sie erst ein Brautpaar. Er, der Direktor

Hänlein, ein Witwer, der nach zehnjähriger Ehe seine Frau verloren

hatte; und sie die Witwe eines Missionars, der wenige Wochen nach der

Verheiratung im fernen Indien gestorben war. Im gleichen Jahr war er

Witwer und sie Witwe geworden. Sie kannten sich aus der Jugendzeit und

hatten sich aus weiter Ferne Teilnahme ausgesprochen, aber nie hatten

sie sich wieder gesehen in den fünf Jahren des Witwenstandes. Der

Fabrikdirektor lebte mit seinem einzigen Töchterchen in München, und sie

wirkte als Vorsteherin einer Töchterschule in Hannover.

In diesen Tagen nun führte eine Versammlung den Direktor für ein paar

Tage nach Hannover. Dort trafen die beiden sich nach langen Jahren

wieder, und heute hatten sie den Entschluß gefaßt, den ferneren

Lebensweg gemeinsam zu gehen.

Vieles war schon besprochen worden zwischen ihnen und nun sagte die

Frau: »Erzähle mir jetzt von deiner Tochter; ich möchte mir ein Bild von

ihr machen. Vierzehn Jahre ist sie, nicht wahr, und wie sieht sie aus?«

»Nun, wie eben so Mädchen in diesem Alter auszusehen pflegen,« sagte

er.

»Ist sie groß für ihr Alter?«

»Ob sie gerade unter ihren Altersgenossen zu den Großen gehört, weiß ich

nicht, ich denke, sie ist mittlerer Größe.«

»Ist sie blond oder dunkel? Sieht sie dir ähnlich oder ihrer Mutter?«

»Besondere Ähnlichkeit mit ihrer Mutter ist mir nie aufgefallen.« Die

Braut lächelte. »Du erkennst sie aber doch, wenn sie dir auf der Straße

begegnet?« fragte sie.

Er ließ sich die Neckerei gefallen. »Ich habe keinen Blick für diese

Dinge. Hätte ich geahnt, daß du ein so scharfes Verhör mit mir

anstellst, hätte ich mir Berta noch genauer angesehen. Du wirst sie aber

bald selbst sehen.«

»Aber über ihr Wesen möchte ich etwas von dir hören.« Da wußte der Vater

besser Bescheid. »Sie ist gut,« sagte er, »du wirst keine schwere

Aufgabe mit ihr haben; die Haushälterinnen, die wir in den letzten

Jahren hatten, haben sich nie über sie beklagt. Ein wenig zurückhaltend

ist sie, etwas scheu und verschlossen gegen Fremde. Von ihrem

Konfirmandenunterricht war sie sehr ergriffen, und obwohl wir nie davon

sprechen, fühle ich doch, daß das, was sie in diesem Unterricht gelernt

hat, lebendig in ihr geworden ist.«

»O, das ist gut,« sagte die künftige Mutter, »dann finde ich schon den

Anknüpfungspunkt mit ihr. Wie meinst du, daß sie die Nachricht von

unserer baldigen Verheiratung aufnehmen wird?«

»Das weiß ich nicht. Über solche Dinge habe ich nie mit ihr gesprochen.

Aber du weißt ja am besten, wie die Mädchen ihres Alters ungefähr sind.«

»Ich meine, sie sind sehr verschieden,« sagte die Frau, »und ich bitte

dich, schreibe mir, wie sie deine Mitteilung aufgenommen hat.«

»Ja,« sagte der Direktor.

Aber seine Braut war mit der kurzen Antwort nicht zufrieden. »Ich

fürchte, du schreibst mir doch nur: 'Sie hat es aufgenommen, wie es eben

so Mädchen mit vierzehn Jahren aufzunehmen pflegen.' Ich möchte es aber

genau hören, bitte, auch wenn sie sich unglücklich darüber aussprechen

sollte; es kann mich nicht kränken, sie kennt mich ja noch nicht.«

Der Direktor versprach es. In glücklicher Stimmung verbrachte er diesen

Abend mit seiner Braut, und ehe er sich von ihr trennte, wurde der

Hochzeitstag festgesetzt.

Der Direktor hatte in den letzten Jahren kein schönes Familienleben

genossen. Verschiedene Haushälterinnen hatten sich in seinem Hause

abgelöst; die eine konnte nicht lange bleiben, die andere wollte er

nicht behalten. Zuletzt hatte er gar keine mehr genommen, ein bewährtes

Dienstmädchen hatte den Haushalt so notdürftig in Ordnung gehalten.

Fröhlichen Herzens reiste er nun heim, endlich stand ihm wieder ein

glückliches, behagliches Familienleben in Aussicht und seinem Kinde die

richtige Leitung. Das Dienstmädchen wollte er vor der Hochzeit wechseln,

es war zu sehr Herrin im Haus geworden, die zukünftige Hausfrau sollte

nicht unter ihm zu leiden haben.

Allerlei Geschäfte erwarteten bei seiner Heimkehr den Direktor; erst

nachmittags fand er eine günstige Viertelstunde, um mit seiner Tochter

zu sprechen. Er pflegte sonst um diese Zeit allein bei einer Tasse

Kaffee seine Zeitung zu lesen. Heute rief er Berta herbei. »Du kannst

auch einmal eine Tasse Kaffee mit mir trinken, Berta,« sagte er, »dabei

erzähle ich dir von meiner Reise und wir feiern ganz heimlich ein

kleines Fest.«

Das Mädchen sah ihn groß an. »Der Kaffee reicht nur für dich, Vater, und

was sollen wir denn feiern?« Dabei setzte sie sich aber doch neben ihn

und sah sehr begierig zu ihm auf.

»Meine Verlobung mit der Witwe Frau Missionar Gruner,« sagte er und

fügte hinzu: »Sie läßt dich grüßen als ihre zukünftige Tochter; im

nächsten Monat soll unsere Hochzeit sein.«

Berta nahm diese Nachricht sehr ruhig auf. »Das ist recht,« sagte sie,

»das ist viel gescheiter als die Haushälterinnen, die immer wieder

wechseln, die bleibt dann doch!«

»Ja, das ist zu hoffen,« sagte der Vater.

»Welcher ist sie ähnlich von allen, die wir schon gehabt haben?« fragte

Berta.

»Keiner; du mußt sie dir nicht wie eine Haushälterin denken, sondern wie

eine Frau, die dir Mutterliebe entgegenbringt, aber auch Liebe von dir

verlangt.«

»O weh, Vater,« sagte Berta mit komischem Entsetzen, »Liebe habe ich gar

keine. Weißt du noch die erste Haushälterin, die zärtliche Fräulein

Schmidt, die immer wollte, ich sollte sie lieb haben wie ein Kind, und

die mich immer küßte, weißt du die noch? Die war mir von allen die

Schrecklichste!«

»Laß doch einmal die Haushälterinnen beiseite,« sagte der Vater

ärgerlich, »vollends Fräulein Schmidt; deine künftige Mutter hat auch

nicht die Spur von Ähnlichkeit mit ihr. Wenn du nicht ein ganz

liebeleeres Herz hast, so wirst du der Frau mit Liebe entgegenkommen,

die uns ersetzen will, was wir an deiner Mama verloren haben.« Berta

schwieg. Sie besann sich über sich selbst und kam zu dem traurigen

Schluß, daß sie wohl in der Tat ein ganz liebeleeres Herz habe, aber

sie sprach es nicht aus. Und nun erzählte der Direktor seinem Kinde von

den früheren Schicksalen der künftigen Mutter. Aber als er im besten

Erzählen und sie im gespannten Zuhören war, wurden sie unterbrochen;

denn Lisette, das Dienstmädchen, kam herein und meldete, daß Luise und

Lore, zwei Freundinnen von Berta, gekommen seien, sie zu besuchen.

Ärgerlich über die Störung sprach der Direktor: »Warum kommen die beiden

schon wieder? Sie waren doch erst vor einigen Tagen da.«

»Mir ist's selbst nicht recht, daß sie fast täglich kommen und immer so

lange bleiben; aber ich kann es doch nicht ändern,« erwiderte Berta und

ging hinaus zu den beiden Schulfreundinnen, die ihr in diesem Augenblick

sehr ungelegen kamen. »Das muß alles anders werden,« sprach der Vater

vor sich hin, »es tut not, daß eine Hausfrau für Ordnung in all diesen

Dingen sorgt und Bertas Verkehr überwacht.«

Die beiden Mädchen waren inzwischen ins Wohnzimmer geführt worden, wo

sie unaufgefordert ihre Hüte ablegten, so daß Berta wohl merken konnte,

sie würden so bald nicht wieder gehen. Sie hätte jetzt doch so gerne

über das nachgedacht, was der Vater ihr mitgeteilt hatte, und hätte ihn

noch vieles fragen mögen. Unmöglich konnte sie wie sonst lustig mit den

Freundinnen plaudern.

»Was hast du denn?« fragte Luise endlich. »Du bist ja gar nicht wie

sonst!«

»Ich habe es auch schon bemerkt, was hast du denn?« fragte Lorchen; und

nun drängten sich die beiden Mädchen an Berta und fragten und plagten

sie so lange, bis sie ihnen endlich mitteilte, was der Vater ihr

anvertraut hatte. »Nun begreife ich's, daß du so ernsthaft aussiehst,«

sagte Luise, »es wird alles ganz anders werden bei euch.«

»Du hast's auch gar so schön gehabt, wie eine kleine Hausfrau;« und

Lorchen griff an den silbernen Schlüsselhaken, den Berta an ihrer

Schürze trug. Er war von ihrer Mama und nach deren Tode hatte ihn Berta

sich ausgebeten und einige Schlüssel darangehängt. »Die Schlüssel wird

sie hergeben müssen, glaubst du nicht?« sagte Lore zu Luise. »Natürlich,

die wird ihr die Mutter abverlangen,« sagte Luise.

Berta war herzlich froh, als die beiden sich endlich verabschiedeten und

sie allein war. Sie suchte nach dem Vater, er war inzwischen

ausgegangen; sie ging zu Lisette in die Küche, fand diese mit verweinten

Augen am Herd stehen und hörte, daß ihr gekündigt worden war. Berta war

sehr bestürzt; Lisette hatte immer treulich zu ihr gehalten, sie hatten

sich lieb gehabt, die beiden. Ja, die Freundinnen hatten recht, alles

wurde nun anders. Berta schlich sich traurig ins Zimmer, schloß den

Schreibtisch auf, in dem sie ihr Tagebuch verwahrte, und während sie

sonst oft über kleine Erlebnisse ihr Herz darin ausgeschüttet hatte,

schrieb sie heute nur die wenigen Worte hinein: »Lisette geht. Ich

bekomme eine zweite Mutter.«

Die Braut erhielt an diesem Abend einen getreuen Bericht darüber, wie

Berta die Mitteilung aufgenommen habe. Sie las ihn aufmerksam und sagte

sich dann: »Wenn sich das Kind nur vor meiner _Liebe_ fürchtet, werde

ich leicht fertig werden mit ihm.«

In den nächsten Wochen war ein geschäftiges Leben und Treiben im Haus

des Direktors. Maurer und Tapezierer, Handwerksleute aller Art trieben

ihr Wesen, um die ganze Wohnung schön herzustellen; und als sie alle

endlich ihr Werk vollendet hatten, begann Lisette das ihrige und

reinigte und putzte, bis alles nur so glänzte vor Sauberkeit.

»Es soll mir niemand nachsagen, daß ich das Haus nicht ordentlich

übergeben habe,« sagte sie und tat ihre Pflicht, obwohl sie wußte, daß

sie nicht mehr da sein würde, um den Dank der neuen Hausfrau zu ernten.

In einem besonderen Stübchen saß eine Kleidermacherin und fertigte für

Berta ein weißes Kleid an, duftig und fein wie sie noch nie eines gehabt

hatte. Eben hatte sie es zur Probe angezogen, da rief der Vater nach

ihr. »Berta,« sagte er, als sie zu ihm kam, »ich finde den Schlüssel zum

Schreibtisch nicht!«

»Zu _meinem_ Schreibtisch?« fragte Berta und griff nach ihrem

Schlüsselbund.

»Zu _deinem?_ Nun, zu dem schönen Schreibtisch im Besuchszimmer, der

gehört doch nicht dir! Gib einmal den Schlüssel!«

Berta reichte ihn dem Vater hin. Er öffnete eine Schublade. »Die Sachen

sind wohl von dir, die müssen natürlich alle heraus.«

»Aber Vater, warum denn? Der Schreibtisch gehört doch mir, seit Mama tot

ist, und ich habe auch alle die kleinen Fächer und Schubladen voll

Andenken und wichtigen Sachen!«

»Die Sachen werden so wichtig nicht sein, du mußt sie jetzt anderswo

unterbringen. Es versteht sich doch von selbst; wo hat ein Kind wie du

solch einen Schreibtisch! Die Mutter wird ihn brauchen, nimm also diese

Dinge heraus und sage Lisette, sie solle die Schubladen ausputzen!«

Der Vater ging, Berta aber stand ratlos da. Wo sollte sie alles

hinräumen und warum mußte sie gerade den Schreibtisch hergeben, in

dessen Besitz sie so glücklich und stolz gewesen war? Sie wollte es ja

tun, nur sollte man nicht von ihr verlangen, daß sie mit Liebe der Frau

entgegensehe, die ihr schon jetzt solche Opfer auferlegte. Mit bitterem

Unmut nahm sie die Schätze heraus aus den kleinen Fächern und

Schubladen, um den Platz frei zu machen für die Mutter; und Lisette, die

sie an dieser Arbeit traf, sagte teilnahmsvoll: »Mußt du weichen? Ja,

ja, ich muß ja auch den Platz räumen.«

Der Hochzeitstag nahte, Berta sah mit klopfendem Herzen dem Augenblick

entgegen, wo sie zum erstenmal die neue Mutter begrüßen sollte. »Wenn

nur der Vater nicht dabei wäre,« dachte sie im stillen, »ich kann nicht

so liebevoll sein wie er möchte, wenn ich mir auch alle Mühe gebe.« Vor

der Abreise mußte sie von Lisette Abschied nehmen für immer. »Wenn du

beim fröhlichen Hochzeitsmahle sitzst,« sagte Lisette, »so denke an

mich; um zwei Uhr geht der Zug ab, der mich fortbringt von hier,« und

Berta versprach unter Tränen, an sie zu denken.

Die Hochzeit sollte bei Verwandten, nicht weit von München gefeiert

werden.

Der Direktor und seine Tochter sprachen nicht viel miteinander auf der

Reise. Jedes war von seinen eigenen Gedanken hingenommen; aber in dem

Augenblick, als sie in den Bahnhof einfuhren, sagte der Vater leise zu

seiner Tochter: »Denke daran, daß dir Mutterliebe entgegengebracht wird,

und erwidere sie um meinetwillen.« Sie nickte. Ja, gewiß wollte sie dem

Vater heute zuliebe tun, was sie konnte, aber es kam ihr vor, als sei

alles leer und kalt in ihrer Brust, keine Spur von Liebe konnte sie

empfinden.

Verschiedene Hochzeitsgäste waren an der Bahn; sie gingen alle zusammen

nach dem Haus, in dem die Braut wohnte, die künftige Mutter. Wie im

Traum wandelte Berta durch die fremden Straßen, und nun ging es in ein

Haus hinein, und der Vater faßte sie an der Hand und sie hörte seine

Stimme: »Hier, Berta, ist deine Mutter.« Berta sah auf. Eine große,

stattliche Erscheinung stand vor ihr, streckte ihr die Hand entgegen und

begrüßte sie ruhig und mit wenigen, kühlen Worten. Kein Kuß, keine

Umarmung, gar nichts, was an eine Mutter erinnerte. Berta war erstaunt.

Sie hatte sich das so ganz anders gedacht. Eigentlich war es ihr aber

eine Erleichterung. Sie selbst hatte ja auch keine zärtliche Empfindung,

so konnte ihre eigene Zurückhaltung nicht so auffallen. Die neue Mutter

stellte sie nun einigen Mädchen vor, die auch als Gäste geladen waren,

und überließ sie diesen.

Erst in der Kirche sah Berta die Mutter wieder und sie mußte immer und

immer wieder zu ihr hinüberblicken. Sie sah so ernst aus, nicht fröhlich

und heiter, wie sich Berta eine Braut vorgestellt hatte. Einmal

begegneten sich ihre Blicke. Schüchtern schlug Berta die Augen nieder

vor dem ernsten, forschenden Blick, den sie noch lange auf sich

gerichtet fühlte.

Nach der Trauung versammelte sich die ganze Gesellschaft beim Mahle, und

unter der jungen Welt, die Berta umgab, ging es bald sehr heiter und

lustig zu, so daß auch sie sich vergaß und mit den andern fröhlich war.

Schöne Trinksprüche wurden gehalten, von Braut und Bräutigam wurde viel

Gutes gerühmt; und alle schienen es ganz gewiß zu wissen, daß auch

Mutter und Tochter sich schon von Herzen lieb gewonnen hätten. Berta

hörte auch etwas von ihren schönen, kastanienbraunen Haaren erwähnen und

sah, wie alle Blicke auf sie gerichtet waren, aber genau verstand sie

die Worte nicht, denn eben in diesem Augenblick wurden ihre Gedanken

abgelenkt. Dort, an der Saaltüre war eine große Uhr angebracht und die

Zeiger dieser Uhr sagten ihr, daß es jetzt zwei Uhr sei und daß in

dieser Stunde ihre Lisette abreise. Bertas Fröhlichkeit war mit einem

Male dahin: der ganze Abschiedsschmerz erfüllte wieder ihre Seele und

sie kam sich wie treulos vor, daß sie ihn ein paar Stunden hatte

vergessen können. Da wurde sie von ihrem jungen Tischnachbarn

angesprochen: »Fräulein, der Trinkspruch gilt ja Ihnen, auf Sie wird

angestoßen!«

Da raffte sich Berta zusammen, ergriff ihr Glas, stieß mit allen an, die

freundlich zu ihr herkamen, und suchte ein fröhliches Gesicht zu machen.

Es gelang ihr wohl, die Fremden zu täuschen, auch der Vater schien

nichts zu bemerken, als er mit ihr anstieß. Aber die Mutter, hatte sie

wohl auch keine Ahnung von Bertas trauriger Stimmung? Ihr Blick ruhte

beobachtend auf dem Mädchen, das sich ihr schüchtern näherte, und als

sie nun zusammentrafen, beugte sie sich zu Berta herab und sagte leise,

so daß es keines der Umstehenden hören konnte: »Nur getrost, der Tag

wird bald überstanden sein!« Verwirrt schlug Berta die Augen nieder, sie

fühlte, daß die Mutter sie durchschaut hatte.

Der Abend war gekommen; ein Dienstmädchen hatte Berta in das

Gaststübchen geleitet, das für sie gerichtet war, und nun hatte sie sich

zu Bett gelegt. Da ging die Türe auf und die Mutter trat ein. Bertas

erster Gedanke war, sich schlafend zu stellen, denn sie scheute sich,

mit der Mutter allein zu sein; sie hatte sich schon oft vergeblich

besonnen, was sie antworten solle, wenn die Mutter sie fragte: »Hast du

dich gefreut auf mich? Hast du mich lieb?« Und nun, wenn sie so allein

beisammen waren, kamen sicherlich solche Fragen. Aber Berta war nicht

gewöhnt, sich zu verstellen; und als die Mutter fragte: »Du wachst doch

noch?« antwortete Berta »ja« und setzte sich in ihrem Bett auf.

»Ich komme nur wegen deines Haares,« sagte nun die Mutter, »es ist ja

ganz offen und wäre morgen so verwirrt, daß dich das Mädchen wohl

erbärmlich rupfen würde, wenn sie es dir machen sollte, ich will dir's

noch flechten; rücke nur ein wenig näher her zu mir, so, jetzt wird es

ganz gut gehen.« Sie nahm die Haarbürste und strich langsam und geduldig

durch das lange, verwirrte Haar.

»Was hat der Onkel heute in seinem Trinkspruch über dein Haar gesagt?

War es nicht, man müßte dich schon lieb haben wegen deines schönen,

kastanienbraunen Haares?«

»Ja, so ungefähr war es,« bestätigte Berta.

»Nun, das ist doch ein wenig zu viel verlangt; da müßte ich viele

Mädchen gern haben, wenn ich alle die lieb hätte, die kastanienbraunes

Haar haben!« Berta lachte. »Auch sonst,« fuhr die Mutter fort, »ist gar

zu viel vom Liebhaben gesprochen worden. Wie sollen wir uns denn lieb

haben, du und ich, wir kennen uns ja noch gar nicht. Aber es kann ja

vielleicht einmal so kommen. Wenn wir beide Gottes Willen tun, wenn wir

beide Gottes Wege gehen, dann können wir uns wohl begegnen. Zunächst

aber ist es ja noch gar nicht möglich.«

Berta wurde es leichter ums Herz bei diesen Worten der Mutter; es kam

ihr nun nicht mehr wie ein Unrecht vor, daß sie die Mutter nicht lieb

hatte, diese erwartete es ja gar nicht und hatte auch sie nicht lieb.

Eine Weile war es ganz still im Zimmer. »Wie ruhig ist es hier in dem

Stübchen, es tut mir ganz wohl nach dem unruhigen Tag unter den vielen

Leuten,« fing die Mutter wieder an. »Mir ist's heute schwerer ums Herz

gewesen, als die lustigen Hochzeitsgäste geahnt haben. Und dir war es

auch nicht leicht, ich habe es wohl bemerkt, als der Onkel den

Trinkspruch auf dich ausbrachte. Nicht wahr, da hattest du traurige

Gedanken?«

»Ja,« sagte Berta, »da mußte ich an unsere Lisette denken, an unser

Mädchen. Sie hat zu mir gesagt: denke an mich um zwei Uhr, da reise ich

ab. Es war aber gerade zwei Uhr auf der Uhr im Saal.«

»Und da hast du an unsere Lisette gedacht, mitten in der Festfreude?

Sieh, das gefällt mir jetzt von dir. Hast du sie lieb gehabt, war sie

ein gutes Mädchen?«

»O ja,« rief Berta und fing an, ihre Lisette zu rühmen.

»Und was waren denn ihre schlechten Eigenschaften?« fragte jetzt die

Mutter.

»Sie hat gar keine gehabt!«

»So, und ein solch tadelloses Mädchen hat dein Vater gehen lassen? Warum

ist sie denn nicht geblieben?«

»Weil -- weil eben --«

»Weil sie eben gegangen ist, nicht wahr,« sagte die Mutter, die den

Grund wohl erraten mochte. »Aber höre, wie machen wir denn das, können

wir sie nicht wieder bekommen?«

»Sie ist bloß zu ihren Eltern gegangen, aber Papa will eine andere.«

»Ja, ja und diese ist auch schon gedungen. Für das nächste Vierteljahr

können wir also nichts machen; aber dann -- wie meinst du, wenn....«

In diesem Augenblick klopfte jemand an die Türe. Die junge Frau wurde

gerufen, sie möchte doch kommen, man warte schon lange auf sie.

»Schon gut, ich komme gleich, ich habe nur vorher noch häusliche

Angelegenheiten mit meiner Tochter zu besprechen.«

Das Haar war längst geflochten, die Mutter saß auf dem Rand des Bettes.

»Wie meinst du, wenn wir beide an Weihnachten auf unseren Wunschzettel

setzen, daß wir Lisette wieder möchten? Da wird sie uns dein Vater

bescheren, meinst du nicht? Das wollen wir uns vornehmen.«

»O ja,« sagte Berta, ganz beglückt über diese Aussicht, »das ist ein

schöner Plan!«

»Nun will ich aber hinübergehen,« sagte die Mutter und stand auf;

»morgen werden wir uns nicht mehr lang sehen, dein Vater und ich reisen

ja frühzeitig ab. Vierzehn Tage soll die Hochzeitsreise dauern und am

Tag nach uns sollst auch du heim kommen. Du hast es gut, du kommst

_heim,_ ich aber komme in ein ganz fremdes Haus und soll mich dort

daheim fühlen. Ich habe Angst davor und so oft heute die Rede von der

glücklichen Braut war, dachte ich, wenn Ihr nur wüßtet, wie es ihr

zumute ist! Wenn ich als Erzieherin in eine neue Stelle kam, war mir

auch oft ein wenig bange, aber ich sagte mir, wenn dir's nicht gefällt,

gehst du wieder. Jetzt aber muß ich bleiben. Wenn ich mit deinem Vater

heim komme, ist kein Mensch in der Wohnung, der uns empfängt, als das

neue Dienstmädchen; in allen Zimmern die dumpfe Luft, die verschlossenen

Fensterladen; alles kalt und fremd. Hätte ich nicht deinen Vater so

lieb, hätte ich mich nie dazu entschlossen. Jetzt gute Nacht, Kind; ich

gebe dir keinen Gutenachtkuß, ich kann das Küssen nicht leiden bei

Menschen, die sich nicht lieb haben.«

»Gute Nacht, Mutter, ich danke dir für das Flechten,« sagte Berta und

reichte der Mutter die Hand.

Nun war Berta allein.

Wie ganz anders hatte die Mutter mit ihr geredet, als sie es erwartet

hatte! Alles sagte sie sich in Gedanken noch einmal vor. Daß es auch der

Mutter bange vor der Zukunft sein könnte, daran hatte Berta vorher nie

gedacht, deshalb hatte die Mutter wohl auch bei der Trauung so ernst

ausgesehen. Zum erstenmal besann sie sich nicht mehr darüber, ob _ihr_

wohl die Mutter gefiele, sondern ob es der Mutter in der neuen Heimat

gefallen würde, und nun war es ihr recht, daß zu Hause alles so schön

gerichtet und geputzt worden war. Aber bei der Ankunft die dumpfe Luft

in den Zimmern und all das, was die Mutter fürchtete; wenn sie nur das

ändern könnte! Wenn sie ihr nur einen recht freundlichen Empfang

bereiten könnte! Warum lag ihr denn so viel daran, daß es der Mutter

gefiele? Berta mußte sich selber darüber wundern; noch vor einer Stunde

hatte sie gar nichts für sie empfunden, jetzt aber fühlte sie es

deutlich: sie hatte die Mutter lieb gewonnen; und als sie so bei ihr am

Bett gesessen war, wie es niemand mehr seit ihrer Mama Tod getan hatte,

keine von all den Haushälterinnen, war eine heiße Sehnsucht in ihr

erwacht, wieder an einem treuen Mutterherzen zu ruhen, wie in ihren

früheren, seligen Kinderjahren. Aber sie hatte nicht gewagt, die Hand zu

erfassen und die Mutter zu umschlingen, zweimal hatte sie ja deutlich

gesagt, daß sie sich nicht lieb hätten. Aber eines hatte die Mutter

gesagt: sie wollten beide auf Gottes Wegen gehen, dann würden sie sich

vielleicht begegnen. Das war der Weg, den sie sich seit ihrer

Konfirmation vorgezeichnet hatte; ja, den war wohl die Mutter schon

lange gewandelt, sie hatte so etwas Sicheres, Vertrauen erweckendes, mit

ihr wollte sie gehen!

* * * * *

Nicht ohne große Mühe hatte Berta von den Verwandten, bei denen sie die

nächsten vierzehn Tage zubrachte, die Erlaubnis erbeten, daß sie einen

Tag früher heimreisen und auch dem neuen Dienstmädchen schreiben dürfe,

daß es gleichzeitig mit ihr eintreffe. Viel Überredungskunst hatte sie

anwenden müssen, bis man ihr die Schlüssel der Wohnung anvertraut hatte.

Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht und stand nun mit dem neuen

Dienstmädchen in der Wohnung. Die Läden waren alle geschlossen, und

sofort wurde es Berta klar, was die Mutter mit der dumpfen Luft gemeint

hatte. »Christine,« sagte sie zu dem Mädchen, »wir wollen alle Fenster

weit aufmachen und die Türen offen stehen lassen, daß die dumpfe Luft

hinausgeht.«

Christine war gern bereit. Sie zeigte sich willig und eifrig, alles zu

tun, was Berta zum Empfang der Herrschaft vorschlug. Am Abend erst wurde

diese erwartet. Mittags machte sich Berta mit Christine auf den Weg, um

Blumen zu holen, und sie brachten so große Büsche mit heim, daß sie alle

Gläser füllen konnten, die im Hause waren. Bekannte des Vaters schickten

eine Torte und nun wurde der Teetisch gedeckt und die Torte, mit Blumen

umgeben, aufgestellt. Es sah nun sehr festlich aus, und von der dumpfen

Luft war nichts mehr zu bemerken.

Am Abend zündeten sie alles an, was sie an Lampen und Lichtern in dem

Haushalt vorfanden. Als zur bestimmten Stunde Bertas Eltern ankamen,

bemerkten sie schon auf der Straße, daß alle Fenster ihres Stockwerks

hell erleuchtet waren. »Ich weiß nicht, wie ich mir das erklären soll,«

sprach der Direktor zu seiner jungen Frau. »Sicherlich haben uns die

Bekannten eine Überraschung bereitet und sich in unserer Wohnung

versammelt; offen gestanden ist mir solch ein feierlicher Empfang nicht

angenehm.«

»Ich bin auch von der Reise etwas müde, und wäre lieber ohne Fremde

daheim gewesen an diesem ersten Abend,« sagte seine Frau, »aber wir

müssen gute Miene zum bösen Spiel machen!«

Als sie die Treppe heraufkamen, sahen sie Berta unter der Glastüre

stehen. »Du bist auch hier?« riefen sie wie aus einem Munde.

»Ja, ich wollte euch gerne empfangen.«

»Und wer ist außer dir noch da?«

»Niemand als das neue Mädchen.«

»So, das ist ja herrlich, ah! und wie gemütlich sieht es hier aus!« rief

die Mutter, als sie ins Zimmer trat. »Wer hat denn alles so schön mit

Blumen geschmückt?«

»Ich habe es mit Christine getan.«

»Das ist schön von dir,« sprach der Vater sichtlich erfreut.

»Ja,« sagte die Mutter, »sie ist schon eine brauchbare Haustochter und

sie hat ihren Vater lieb.« Berta hatte freilich bei all dem mehr an die

Mutter gedacht, als an den Vater; aber sie hatte nicht den Mut, davon

etwas zu sagen; sie begnügte sich damit, zu sehen, daß es der Mutter gut

gefiel in ihrem neuen Heim, in dem sie bald darauf um den Teetisch

saßen.

Als sich Berta an diesem Abend in ihr Zimmerchen zurückzog, war sie sehr

gespannt, ob wohl die Mutter heute abend wieder zu ihr ans Bett kommen

würde. Aber sie kam nicht, so sehr Berta auch im stillen darauf hoffte,

so lange sie sich auch abmühte, sich den Schlaf ferne zu halten.

Am nächsten Morgen war es Berta ganz merkwürdig zumute, als sie die

Mutter als Hausfrau schalten und walten und mit ihrer Hilfe den

Kaffeetisch ordnen sah. Wie gemütlich war dann auch das Frühstück! Sonst

war es bei den Mahlzeiten immer sehr still zugegangen, jetzt aber war

der Herr des Hauses heiter und fröhlich dabei, und die Mutter voll

Freundlichkeit. Sie wußte auch so vielerlei zu erzählen, es war ein ganz

anderes Leben als sonst!

Berta konnte es niemandem aussprechen, wie gut ihr die Mutter gefiel,

aber ihrem Tagebuch wollte sie es anvertrauen. Als Vater und Mutter mit

dem Auspacken ihres Reisegepäcks beschäftigt waren, nahm sie das Buch

zur Hand und schrieb: »Die Mutter ist jetzt hier, man kann sie mit gar

keiner Haushälterin vergleichen; ich habe sie _sehr_ lieb, wenn sie mich

nur auch lieb hätte, aber ich glaube es gar nicht bis jetzt.«

»Was schreibst du denn?« fragte in diesem Augenblick die Mutter und trat

dicht heran. Hastig klappte Berta das Buch zu und errötete über und

über.

»Aber Berta, wie unpassend!« rief der Vater, der dies bemerkt hatte.

»Darf ich's denn nicht sehen?« fragte die Mutter. »Es ist mein

Tagebuch,« antwortete Berta.

»Laß doch die Mutter sehen, was du geschrieben hast!« sagte der Vater.

»Nein, ich will nicht verlangen, daß sie mich ihr Tagebuch lesen läßt,

wenn sie es nicht gerne tut,« sprach die Mutter und fügte freundlich

hinzu: »Aber es ist gewiß nichts Schlimmes darin, was du mich nicht

lesen lassen möchtest?«

Fragend und fast bittend sah die Mutter auf das Mädchen, das in größter

Verlegenheit die Augen zu Boden schlug und sich nicht entschließen

konnte, das Buch zu öffnen.

»Das sind Dummheiten,« sagte der Vater ärgerlich, »ich kann solche

Tagebücher nicht leiden, was wird da für übertriebenes Zeug

hineingeschrieben! Nimm es weg, Berta!«

Sie gehorchte, aber sie konnte lange nicht mehr vergnügt werden. Sie

sagte sich, daß die Mutter notwendig meinen müsse, in dem Tagebuch stehe

eine unfreundliche Bemerkung über sie; aber so leid ihr das tat, konnte

sie doch die Schüchternheit nicht überwinden, die sie abhielt, der

Mutter das Tagebuch zu zeigen.

Am Nachmittag sollte Berta zum erstenmal wieder in ihre Schule gehen.

Sie packte ihre Bücher zusammen, zog ihre Jacke an, nahm den Hut und

verabschiedete sich. »Was hast du denn da für ein Jäckchen an?« fragte

die Mutter. »Die Ärmel gehen dir ja kaum mehr über die Ellenbogen

herunter und so eng ist es, daß es jeden Augenblick zu platzen droht!«

»Freilich,« sagte Berta, »meine Freundinnen haben mir es auch alle schon

gesagt; aber an Weihnachten und an meinem Geburtstag haben wir immer

nicht an die Frühjahrsjacke gedacht, und zwischen der Zeit bekomme ich

keine Kleider.«

»Darüber will ich doch selbst den Vater fragen,« sagte die Frau Direktor

und suchte ihren Mann auf.

»Wie ist es denn mit Bertas Kleidern?« fragte sie, »sie sagt, du werdest

ihr durchaus keine Jacke kaufen. Ich hätte gar nicht gedacht, daß du

dich so eingehend um ihre Kleider kümmerst.«

»Das werde ich dir auch ganz überlassen; aber bisher mußte ich schon

Einhalt tun, Lisette hätte nie genug bekommen für Berta. Weil ich nun

von Mädchenkleidern nichts verstehe, habe ich es ein für alle Male so

gehalten, daß ich an Weihnachten und an ihrem Geburtstag all ihre

Wünsche erfüllt habe und damit Punktum fürs ganze Jahr.«

»Dann mag es freilich im Frühjahr und Sommer manchmal knapp ausgesehen

haben. Ich meine, wir müssen ihr dringend eine Jacke kaufen.«

»Die Zeiten sind gottlob vorbei, in denen ich mich darum kümmern mußte,«

sagte der Direktor. »Du weißt, was nötig ist. Sieh zu, daß Berta so

einfach wird wie du und wie auch ihre Mutter war.«

Berta wunderte sich sehr, als die Mutter schon nach ein paar Minuten

wieder ins Zimmer kam und sagte: »Ich will dich nach der Schule abholen,

und dann kaufen wir zusammen eine Jacke.« Nie war so etwas bei ihrem

Vater vorgekommen.

Als Berta um vier Uhr aus ihrem Klassenzimmer kam, stand die Mutter in

eifrigem Gespräch bei der Vorsteherin, die nun, als Berta herzutrat,

freundlich zu ihr sagte: »Ich glaube, du wirst nun bald wieder einen

bessern Platz erobern, als du im letzten Jahre inne hattest; solch gute

Nachhilfe, wie du sie jetzt bekommen wirst, macht sich immer fühlbar!«

Sehr höflich geleitete die Vorsteherin die Frau Direktor bis unter die

Haustüre, und allmählich zerstreuten sich auch die Mitschülerinnen, die

neugierig auf die neue Mutter gesehen hatten. »Berta,« sprach jetzt die

Mutter, »die Vorsteherin hat mir gesagt, du seist in den letzten zwei

Jahren ziemlich zurückgekommen. Sie meinte, du seist leichtsinnig

geworden. Ich habe dich aber verteidigt und gesagt, du seist nicht

leichtsinnig, aber es habe dir an der Nachhilfe und Aufsicht der Mutter

gefehlt, die andern Kindern zuteil wird. Sie freute sich, als sie hörte,

daß ich viel im Ausland war und Kinder gelehrt habe, und meinte, im

Französischen fehle es dir am meisten. Französisch und Englisch ist mir

so geläufig wie Deutsch, und wenn du willst, kann ich dir versprechen,

daß du in _einem_ Jahr auch Französisch sprechen kannst. Ich habe sehr

nette französische Jugendschriften und Spiele; wenn wir diese eifrig

benützen und jede Woche zwei Tage ausmachen, an welchen wir nur

Französisch reden, so ist dir's in einem Jahr geläufig. Aber nur wenn du

selbst willst!«

»Freilich, freilich will ich,« rief Berta voll Eifer.

»Aber du solltest noch eine Freundin dabei haben, es ist viel netter

bei den Spielen; weißt du nicht ein liebes, fleißiges Mädchen? Es darf

aber weder Luise noch Lore sein!«

»Kennst du denn diese schon?« fragte Berta ganz erstaunt.

»O ja, die kenne ich ganz genau, obwohl mir nur der Vater und die

Vorsteherin ein paar Worte über sie gesagt haben. Das sind zudringliche

Mädchen, die viel öfter kommen als man sie will und mit denen du

gemeinsam gearbeitet hast; oder offen gestanden, die dich abschreiben

ließen. Die hast du gewiß nicht wirklich lieb.«

»Nicht so lieb wie Helene Flink, die kam oft mit ihrer Mama, als meine

Mama noch lebte, und Papa hat sie auch gern.«

»Gut, deren Mutter werde ich besuchen und dann machen wir ein

französisches Kränzchen aus, willst du?« Wie gerne wollte Berta! Solche

Geselligkeit war ihr etwas ganz neues.

Inzwischen waren sie an dem Laden angekommen, in dem die Jacke gekauft

werden sollte. Da gab es eine große Auswahl, von den einfachsten bis zu

den feinsten.

»Diese würde dir passen, gefällt sie dir?« fragte die Mutter.

»Ja, sehr gut.«

»Aber hier haben wir etwas ganz Elegantes, das würde dem Fräulein noch

viel besser stehen,« sagte der Ladendiener und zeigte ein reich

verziertes Jäckchen.

»Ja, das ist die schönste von allen,« sagte ruhig die Mutter und leise

fügte sie hinzu: »Hat deine Mama immer das Schönste gewählt oder war sie

für das Einfache?«

»Für das Einfache,« sagte Berta und legte die schöne Jacke beiseite.

»Aber das wäre doch etwas viel Vornehmeres,« drängte der Verkäufer. »Ich

will sie nicht, ich will die andere,« entschied Berta bestimmt, und

mehr als die schönste Jacke freute es sie, daß die Mutter ihr offenbar

befriedigt zunickte.

An diesem Abend hatten die Eltern noch vielerlei zu ordnen und Berta

half dabei. »Hier sind die Schlüssel zum Schreibtisch,« sprach nun der

Vater, »dieser kleine schließt die kleinen Fächer auf.« Berta erinnerte

sich, in welchem Unmut sie damals den Schreibtisch geleert hatte; gut,

daß die Mutter dies nicht wußte. Inzwischen hatte der Vater das oberste

Fächlein aufgeschlossen und siehe, es war voll von Kleinigkeiten, die

Berta gehörten. »Was ist das, Berta,« rief der Vater, und eine böse

Falte zog sich auf seiner Stirne zusammen, »sind diese Sachen von dir?«

»Ja,« antwortete Berta, »ich habe ganz vergessen, sie herauszunehmen.«

»Vergessen? das ist nicht wahr!«

»Doch, Vater, ich habe es gewiß nur vergessen!«

»Das kann doch wohl sein,« warf die Mutter begütigend dazwischen.

»Nein, das kann nicht sein, denn ich habe ihr damals bestimmt den

Auftrag gegeben, sofort auszuräumen, und was dabei gesprochen wurde,

haben wir beide auch nicht vergessen.«

Berta errötete tief. Hastig griff sie nach den Dingen, die in der

kleinen Schublade waren, um sie herauszunehmen. Der Vater zog die große

Schublade auf -- sie war leer; ebenso waren die andern alle ausgeräumt,

nur die einzige war vergessen, an die der Vater unglücklicherweise

gerade zuerst gekommen war.

»Ach so,« sagte der Direktor, »das ist etwas anderes, da habe ich dir

Unrecht getan, ich war der Meinung, du hättest _gar_ nichts ausgeräumt;«

und als er sah, wie Berta mit den Tränen kämpfte, fügte er freundlich

hinzu: »Es war ja nur ein Mißverständnis.« Aber für Berta war es mehr;

die Mutter hatte sicher erraten, daß sie widerwillig den Platz für sie

geräumt hatte, und es war Berta, als wären nun all die lieblosen

Gedanken aufgedeckt, die sie früher gehegt hatte. Sie fing so bitterlich

zu weinen an, daß die Eltern wohl merkten, es müsse seinen besonderen

Grund haben.

»Ich kann mir denken, warum es dir so schwer ums Herz ist,« sagte die

Mutter, »es tut dir weh, alle deine Sachen ausräumen zu müssen. Es war

wohl dein Lieblingsplätzchen?«

»Ja,« sagte der Vater, »seit ihrer Mutter Tod hat sie sich den

Schreibtisch angeeignet und diese Schlüssel zu sich genommen; aber es

versteht sich von selbst, daß sie dies alles nun abgibt; nicht wahr,

Berta, du möchtest es nicht anders haben?«

»Nein, nein,« rief sie, aber sie war so erregt, daß sie ihr Schluchzen

nicht unterdrücken konnte. »Ich sehe, wie schwer es ihr wird,« sprach

die Mutter, »und ich will ihr gern den Schreibtisch abtreten. Lege deine

Sachen nur wieder herein und nimm den Schlüssel zu dir.« Der Vater

wollte Einsprache erheben, aber die Mutter ließ sich nicht überreden.

»Ich will nur, was man mir freiwillig und gerne gibt, es ist mir viel

lieber so. Hier Berta, nimm deine Schlüssel.« Ungerne folgte Berta, _so_

machte ihr der Besitz des Schreibtisches keine Freude mehr.

Beim Abendessen war keine so heitere Stimmung wie am Morgen beim

Frühstück. Der Vater war ärgerlich über den Verdruß, den es wegen des

Tagebuchs und wegen des Schreibtisches gegeben hatte; die Mutter sah,

daß Berta nicht wieder fröhlich war wie vorher, und konnte es sich nicht

erklären. Sie wußte ja nicht, daß Berta mit sich selbst kämpfte, ihre

Schüchternheit zu überwinden und der Mutter alles zu gestehen, was ihr

auf dem Herzen lag.

»Käme die Mutter nur wieder zu mir ans Bett, dann könnte ich alles

sagen,« dachte Berta, »aber sie kommt nicht; sie ist auch am

Hochzeitsabend nur gekommen, weil mein Haar offen war.« Unwillkürlich

griff Berta nach ihrem Zopf: er war fest geflochten. »Ich mache ihn auf,

dann kommt sie vielleicht, um ihn wieder zu flechten,« und sie löste das

Zopfband; sie hoffte, daß es im Lauf des Abends von selbst aufgehen

würde, wie oft war das schon geschehen, wenn sie es _nicht_ gewollt

hatte! Der Zopf wollte sich aber heute gar nicht lösen und als es bald

Zeit für sie war, zu Bett zu gehen, mußte sie noch einmal heimlich

nachhelfen, um ihre Haare zu lockern. »Dein Haar ist ja ganz offen,«

sagte nun die Mutter, »wie kommt das nur, der Zopf war doch heute abend

noch ganz schön?«

Berta wußte nichts weiter zu sagen: »Ja, es ist wahr, die Haare sind

ganz offen.«

Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise · 第 5 / 17 题