Nun sprach Greiner frei heraus; sagte, daß er die Puppenindustrie nicht

nach Amerika bringen und dadurch sein Heimatland schädigen wolle; auch

dann nicht, wenn er selbst dabei reich werden könnte; und so wie er

dächten auch die andern Familien im Ort.

Darauf schwieg der Amerikaner. Greiner ging wieder an sein Geschäft --

die Pause war schon lang gewesen für einen Wochentag, auch die Kinder

rührten wieder die Hände. Philipp stopfte Sägspäne in die Bälge. Marie

wandte mit fabelhafter Geschicklichkeit die zugenähten Körper um, und

der lange Herr sah staunend auf sie herab. Ja, solche Familien hätte er

gerne gehabt, drüben in seinem Wald: Leute mit solch ehrenwerter

Gesinnung und mit solchem Fleiß und Geschick, Leute, die zufrieden waren

in solch ärmlicher Umgebung.

Als er so still dastand, sah Frau Greiner zu ihm auf und beschämt zog

sie ein Päckchen Geld aus ihrer Tasche: »Etwas fehlt an dem Taler, den

Sie mir gegeben haben,« sagte sie, »weil der Steuerbote so dumm

dahergekommen ist, wie wir gerade nur noch den Taler im Besitz gehabt

haben.«

»Ich habe doch gesagt, du sollst hinuntergehen zum Schulzen,« sagte

Greiner, »er soll dir darauf legen, was fehlt, bis nächsten Samstag. Der

hat's und tut's gern.«

»Nicht nötig,« sagte der Amerikaner, »es war nicht ausgemacht, daß ich

den Taler wieder bekomme. Es war ein Geschenk.«

Und nun grüßte er und sie grüßten ihn, und er zog von dannen, zum Ort

hinaus, ohne einen Versuch bei andern Familien zu machen. --

In der Nähe von Greiners Häuschen war schon den ganzen Morgen ein

Bursche herumgestrichen: Georg, der junge Fabrikarbeiter, der bei der

ersten Begegnung mit dem Amerikaner dabei gewesen war. Einem Kameraden

hatte er aufgetragen, ihn wegen eines bösen Fußes in der Fabrik zu

entschuldigen. Als aber der Amerikaner den Ort verließ, folgte ihm Georg

mit seinem bösen Fuß erstaunlich schnell. Der Amerikaner ging mit langen

Schritten vorwärts, Georg hielt sich immer eine Strecke hinter ihm, bis

das Dorf außer Sicht war und sich der Wald dazwischenschob. Dann eilte

er vorwärts, versicherte sich noch einmal, daß niemand des Weges kam,

lief dem Fremden nach und redete ihn an. Dieser erkannte ihn sofort.

Einen Augenblick dachte er, Greiner habe ihn nachgeschickt. Vielleicht

bereute er die Abweisung; aber er merkte bald, daß es nicht so war.

»Ich wollte den Herrn nur fragen, ob er mich nicht nach Amerika

mitnehmen wolle. Ich bin mit dem Puppengeschäft aufgewachsen und ich

wüßte noch einen Burschen und ein Mädchen aus dem Ort, die wären auch

bereit, mitzugehen; wir drei könnten so gut wie die Greiners die Leute

in Amerika anweisen.«

Eine Weile besann sich der Amerikaner. »Wißt Ihr auch den Grund,« fragte

er, »warum die Familie Greiner nicht mit mir zieht?«

»Ja wohl weiß ich's, daß sie unser Dorf nicht um seinen Verdienst

bringen wollen. Aber ich bin aufgeklärter, ich denke: Jeder ist sich

selbst der Nächste, und soviel ich von Amerika weiß, denken sie da

drüben auch so und machen Geld, soviel sie können.«

»Ja, ja, das ist ganz richtig,« sagte der Amerikaner. »Es ist auch das

Vernünftigste. Aber wenn ich doch einmal Deutsche mitnehme, dann will

ich _richtige_ Deutsche, die das Gemüt haben, wie es nur die Deutschen

haben, die so denken wie dieser arme Mann, der Greiner, denkt. Sie sind

kein solcher; Sie haben kein Herz für Ihr Dorf: Sie würden auch für mein

Geschäft kein Herz haben, sondern würden mich verlassen, sobald Ihnen

ein anderer einen Dollar mehr böte. Guten Abend.«

Mit diesem unverhofften Gruß ging der Fremde nach der andern Seite der

Straße und hatte keinen Blick mehr für Georg. Der stand da, halb zornig,

halb beschämt, sah eine Weile dem langen Amerikaner nach, wandte sich

dann und schlich langsam zurück ins Dorf. Wer ihm jetzt begegnete, der

konnte eher glauben, daß er einen bösen Fuß habe.

Armut und Sorge, Not und Entbehrung lasten immer schwer auf dem

Menschen, aber am schwersten trägt er daran, wenn er einen Augenblick

gemeint hat, er habe die Last los, und wenn sie ihm nun aufs neue

aufgebürdet wird. Es war eine trübe Stimmung im Hause des Drückers in

den nächsten Wochen, bis allmählich die Erinnerung an den Plan der

Auswanderung verblaßte und sie wieder eingewöhnt waren in das alte

Elend!

Klein Alex aber schien sich nicht einzugewöhnen; er nahm nicht zu und

wurde nicht kräftig wie andere Kinder seines Alters. Wenn gerade Geld

und Zeit übrig war, so wurde ihm Milch geholt und er wurde so gut

gepflegt, wie's eben seine Pflegemutter verstand. War aber Mangel im

Haus und drängte die Arbeit, dann mußte sich der Kleine wieder mit

Kartoffeln begnügen und Kaffeebrühe trinken wie die andern Kinder auch.

»Er verträgt's nicht,« sagte dann Greiner und sah trübselig auf das

Kleine, das bei Nacht _sein_ Pflegekind war.

»Nein, er verträgt's nicht, er ist an seinen Soxhlet gewöhnt,« sagte die

Mutter. »Aber gut ist's, daß er's nicht weiß und nicht bös auf uns ist,

gelt du Kleiner, gelt du magst uns doch? Hast's ja so gut bei uns, kein

Mensch darf dir was tun! Und am Sonntag, da wird's lustig, da fahren wir

dich in Wald hinaus, wo die Vöglein singen und pfeifen, gelt du freust

dich, kleiner Schelm?«

So plauderte sie mit ihm, ohne die Arbeit aus der Hand zu legen, und

lachte ihm freundlich zu, und Marie, Philipp und Johann machten es der

Mutter nach. Dann lächelte der Kleine so hold, daß sie ihn alle lieb

hatten und ihm sein vieles Schreien verziehen. Sie beachteten es nicht

so im Drange der Arbeit.

Sommer und Herbst waren vergangen. Das letzte Schiff, das die Puppen zu

Weihnachten nach Amerika bringen sollte, war abgefahren, und was unsere

kleinen Leute gearbeitet hatten, war nun auf der Reise in aller Herren

Länder. Und nun stockte die Arbeit. Die Fabriken in Sonneberg gaben

keine Aufträge mehr. Das war alle Jahre so im Winter, aber es war immer

wieder ein Schrecken für die Leute, wenn der Verdienst aufhörte. Und

doch konnten sie die Ruhe so notwendig brauchen. Der Kartoffelacker

mußte bestellt und Holz gesammelt werden. Die Kammer, der man den ganzen

Sommer versprochen hatte, daß sie auch einmal geputzt werden sollte,

wurde nun rein gemacht. Die Kleider wurden geflickt, und wer kein gutes

Hemd mehr hatte, für den wurde jetzt ein neues genäht. Aber die Kost

wurde immer schmäler.

Um die Weihnachtszeit war's am schlimmsten. »Marie, geh zum Krämer,«

sagte die Mutter, »hol einen Hering zu Mittag. Drei Pfennige nimmst mit,

was er mehr kostet, soll der Krämer aufschreiben.« Marie kam zurück mit

leeren Händen. »Er gibt's nicht mehr auf Borg; es wird ihm gar zuviel,

sagt er; aber ich soll ein Töpfchen bringen, von der Heringsbrüh wolle

er mir geben um drei Pfennig.« Und Marie nahm ein Töpfchen. »Sei doch

gescheit und nimm den großen Topf mit, dann bekommst mehr,« sagte Frau

Greiner. Aber der Krämer war auch gescheit; er machte den Topf nur zur

Hälfte voll.

»Die Brüh ist kräftig,« sagte Frau Greiner, als sie sie zu den

Kartoffeln auf den Tisch setzte, »man könnt' meinen, man hätte einen

Hering, so stark schmeckt sie.« »Ja,« sagte Greiner, »aber hintennach

merkt man's doch, daß man keinen Hering gegessen hat. Man wird halt gar

nicht satt von der Brüh.« »Wart nur, im Sommer, wenn die gute Einnahm'

kommt, dann holen wir wieder Speck.« So wurde schon im Dezember die

harte Arbeitszeit wieder ersehnt.

Weihnachten kam. Die Wege waren verschneit, das Eis glitzerte an den

Bäumen, aber doch wanderten gar viele Dorfbewohner durch den

winterlichen Wald, Sonneberg zu, das Christfest in der Kirche zu feiern.

Auch Greiner und seine Frau gingen miteinander hin. Die Kinder ließen

sie ruhig allein, brav waren sie gewiß an diesem Morgen, denn sie wußten

von vergangenen Jahren: Vater und Mutter kehrten nach der Kirche bei der

Großmutter ein, und die schickte Lebkuchen, für jedes Kind einen, und

diese Freude warf ihren Schimmer voraus auf das Trüpplein der Kinder,

das daheim neben dem Ofen kauerte und wartete, wartete eine Stunde nach

der andern, unfähig an etwas anderes denken zu können, als an den

Lebkuchen. Jetzt stapfte jemand in den Hausgang herein; der Postbote,

dick beschneit, erschien unter der Türe, und als er nur die Kinder sah,

rief er: »Ist der Vater nicht da oder die Mutter? Da ist ein Paket, ist

wohl ein Christstollen darin. Daß ihr's nicht aufmacht! Ich leg's lieber

da hinauf.« Und der Bote legte den Pack oben hin auf den Kleiderschrank

und ging. Das war nun eine Aufregung! Da standen sie alle, die Marie,

der Philipp und der Johann und sahen andächtig hinauf nach dem großen

Paket in seinem braunen Packpapier und wiederholten, was der Postbote

gesagt hatte: »Es ist wohl ein Christstollen.« Der Philipp, der sich das

Paket näher besehen wollte, trug einen Stuhl herbei und hätte den Pack

auch wohl heruntergeholt; aber das wollte Marie nicht erlauben und darum

fing sie an, an dem Stuhl zu rütteln, so daß der Philipp schrie und froh

war, als er glücklich wieder auf festem Boden stand. Und nun knieten sie

auf der Bank am Fenster, kratzten das Eis von den Scheiben und sahen

hindurch, ob denn die Eltern immer und immer noch nicht kämen.

Endlich tauchten sie auf, die zwei beschneiten Gestalten; der Vater kam

hustend und frierend gleich auf den Ofen zu, die Mutter konnte nicht

vorwärts kommen, so wurde sie bedrängt und umringt von den Kindern und

ihr Korb bestürmt wegen der Lebkuchen. Auch der kleine Alex im Wagen tat

einen kleinen Juchzer, als er die Mutter wieder sah, und auch er bekam

von dem Weihnachtsgebäck. »Wenn's ihm nur gut bekommt, gib's ihm lieber

nicht,« sagte Greiner sorglich. Aber ganz entrüstet rief seine Frau:

»Ich werd doch nicht ihm allein keinen Lebkuchen geben, wenn alle einen

essen? er muß doch auch merken, daß Christtag ist: da, mein Bübchen, da,

heute ist Weihnacht!«

Einen Augenblick hatte das heißhungerige Verlangen die Kinder sogar das

Paket vergessen lassen, aber noch mit dem ersten Bissen im Mund

verkündeten sie das Ereignis. Philipp sprang wieder auf den Stuhl und

Marie wehrte ihm nicht, so schleppte er das Paket auf den Tisch, und

unter gespannter Aufmerksamkeit wurden die Schnüre gelöst. Alle drängten

sich heran und mit unbeschreiblichem Jubel wurde der Christstollen

begrüßt, den der Postbote prophezeit hatte, und was auch dieser nicht

geahnt hatte: ein ganzer Kranz Würste, gute feste Siedwürste, und noch

etwas gar liebliches: ein rosa Kinderkleidchen.

Die Sendung kam von Fräulein Elisabeth; sie hatte dem kleinen Alex das

Kleid gemacht, der ganzen Familie zum Gruß für die Feiertage den Stollen

gebacken und ihre Eltern hatten die Würste beigelegt. In einem Brief

voll Liebe und Teilnahme fragte sie nach ihrem Liebling und ob ihn auch

alle lieb hätten. Da umringten sie den Kleinen im Gefühl, daß sie ihm

das alles verdankten, und sagten ihm liebe Worte, und er lachte laut,

als sich all die freundlichen Gesichter über ihn beugten. Aber das

schöne Kleidchen konnte ihm Frau Greiner nicht anziehen; so war er nicht

gewachsen und gediehen, wie sich's wohl Fräulein Elisabeth vorgestellt

hatte. »So sollte er halt jetzt sein,« sagte Greiner. »Wir heben das

Kleidchen gut auf, bis übers Jahr wird er hineingewachsen sein,« sagte

die Mutter und verwahrte es sorgsam.

Das gab ein Festmahl heute! Wie taute der halb erfrorene abgemagerte

Mann auf, als die heißen Würste aufgetragen wurden, und wie schmeckte

diese ganze Woche die Kaffeebrühe so wunderbar, wenn der köstliche

Stollen dazu eingetunkt wurde! Ja, der Dank kam aus dem Herzen, den

Vater Greiner in einem Brief zu Neujahr an Fräulein Elisabeth im Namen

der ganzen Familie aussprach! --

Januar war's, kalte kurze Tage und keine Arbeit im Haus. Nicht einmal

bei Nacht konnte man die Sorgen verschlafen, denn Alex war krank. Eine

Frau im Dorf hatte geraten, ihm von Zeit zu Zeit Überschläge zu machen

auf das heiße Köpfchen, und das besorgte Greiner. So saß er in der

stillen Nacht an dem Kinderwagen, und indem er auf das schöne Kind

seiner verstorbenen Schwester sah und sich fragte, ob es wohl bald

seiner Mutter nachfolgen würde, kam den Mann, der jahraus jahrein

handwerksmäßig die gewohnten Puppenköpfe formte, das Verlangen an, dies

Kinderköpfchen nach dem Leben zu bilden. Hätte er nur Wachs gehabt, wie

er es in seinen jungen Jahren auf der Schule verwendet hatte, so hätte

er sich's wohl zugetraut.

Es gab aber ein paar Jungen im Dorfe, die jeden Tag nach Sonneberg in

die Industrieschule wanderten. Dort lernten sie Menschen und Tiere aus

Wachs bilden. Durch diese konnte er sich welches verschaffen. Er sagte

nichts davon zu seiner Frau; aber er ging frühmorgens vors Haus, paßte

einen der Burschen ab und am Abend hatte er schon, was er brauchte zu

seinem Vorhaben.

Und bei Nacht machte er sich an die Arbeit. Nie hatte es ihm Freude

gemacht, in den Formen Köpfe auszudrücken, die ihm die Fabrik übergab;

denn die Puppenköpfe, die da herauskamen, gefielen ihm nicht, er machte

sie nur, weil er Geld dafür bekam. Aber nun hatte er eine Arbeit, die

ihm Freude machte; er konnte etwas Schönes schaffen, wie vor zwanzig

Jahren, wo er auf der Schule war. Mit jugendlichem Eifer ging er daran

und nach ein paar Stunden hatte er ein Köpfchen geformt, das Ähnlichkeit

hatte mit dem des kleinen Alex. Aber als er es am nächsten Morgen

heimlich bei Tageslicht ansah, war er unzufrieden mit seinem Werk. Wohl

waren die einzelnen Züge ähnlich, aber die Anmut und Lieblichkeit, die

dem ganzen Gesichtchen einen besonderen Reiz verlieh, die fehlte. Mit

einem einzigen Druck der Hand zerstörte er die Arbeit der vergangenen

Nacht; er hielt wieder das formlose Wachs in Händen und legte es mutlos

beiseite.

In der nächsten Nacht, als der Kleine unruhig wurde und dann im Weinen

innehielt und verlangend die Arme nach ihm ausstreckte, war Greiner

wieder ergriffen von dem rührenden Ausdruck des Gesichtchens. Kaum war

das Kind beruhigt, so konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, setzte

sich an die Arbeit, formte aufs neue und allmählich kam's ihm in die

Finger, daß er das zum Ausdruck zu bringen vermochte, was er vor sich

sah. Ja, nun schien sein Köpfchen Leben zu haben; beglückt betrachtete

er sein Kunstwerk. Diesmal verbarg er es nicht, er stellte es oben auf

den Kleiderkasten; er wollte hören, was seine Frau dazu sagen würde.

In der Dunkelheit des Januarmorgens bemerkten weder die Frau noch die

Kinder beim Aufstehen das kleine Köpfchen, das auf dem Schrank stand,

und Greiner hatte eine gewisse Scheu, davon zu sprechen. Doch lächelte

er beim Frühstück so traumverloren vor sich hin, daß seine Frau ihn

verwundert ansah. Sie hatte aber nichts dagegen, daß er so vergnüglich

dreinschaute, es war ihr schon lieber als das sorgliche und grämliche

Gesicht, das sie an ihm gewöhnt war. Gegen acht Uhr richtete Marie sich

zur Schule. Sie ging in die Kammer, ihr Tuch zu holen. Der Vater horchte

auf ihre Schritte -- richtig, jetzt machte sie Halt, sie mußte etwa vor

dem Schrank stehen. »Mutter,« rief sie nun aus der Kammer, »was steht

denn da oben?«

»Ich weiß doch nicht, was du meinst.«

»Da oben auf dem Schrank, es sieht aus, wie ein Kopf.«

Jetzt wurde die Mutter aufmerksam und Philipp sprang neugierig in die

Kammer. »Ein Puppenkopf ist's,« rief er, »aber kein solcher,« und er

deutete auf die, welche sein Vater auspreßte.

»Auf dem Schrank steht doch kein Puppenkopf, oder hast du etwas

hinaufgestellt, Elias?«

»Mußt eben sehen,« sagte der mit seinem wunderlichen Lächeln. Jetzt ging

die Mutter selbst hinaus und Greiner schaute ihr nach. Vorsichtig hob

Frau Greiner das Köpfchen herunter, nahm es vor ans Kammerfenster; die

Kinder folgten ihr, der Vater horchte hinaus. »Das ist gar kein

Puppenkopf,« hörte er jetzt seinen Philipp sagen, »das ist ja der Alex.«

»Gerade hab' ich's auch gedacht,« rief die Frau, »unser Alex, ja ganz

wie er leibt und lebt.«

Da hörten sie Greiner laut und vergnügt lachen, wie sie's gar nicht

gewöhnt waren. »Was lachst denn du so?« fragte seine Frau und kam zu

ihm mit dem kleinen Kunstwerk in der Hand.

»Mich freut's halt, daß ihr's erkannt habt. Bei Nacht hab' ich's

gemacht, daß wir doch ein Andenken haben, wenn der Kleine sterben

sollte,« setzte er schon wieder in seiner gewohnten sorglichen Weise

hinzu.

»So steht's nicht um ihn, daran brauchst gar nicht zu denken.« Sie trat

an den Wagen, das Kind schlief, sie hielt das Köpfchen daneben. »Gut

erraten hast's, wirklich gut!«

»Wenn man danach Formen machte, meinst nicht, das würde schönere

Puppenköpfe geben, als die alten da?«

»Ja, wahrhaftig, Elias, aber wie müßt' man das anstellen?«

»Einen andern Weg wüßt' ich nicht, als daß man den Kopf den Fabrikherren

zeigt, ob er einem von ihnen so gut gefiele, daß er Formen danach machen

ließe.«

»Aber der müßt ihn dir abkaufen; für einen neuen Kopf hat mancher schon

viel Geld bekommen.«

»Ich hab' ja nichts dagegen, wenn er ihn teuer bezahlt, du mußt ihn halt

in die Stadt tragen; meine Liebhaberei ist das nicht, zu den Herren zu

laufen, die einen vielleicht kurz abweisen.«

Die Frau sah das ein. Sie besann sich auch nicht, ob es _ihre_

Liebhaberei sei. Sie wollte es versuchen. Es gab ja eine ganze Anzahl

von Fabrikanten in Sonneberg; ihre Schwester wollte sie fragen, an wen

sie sich wenden sollte, einer würde es schon annehmen. Das Kunstwerk

wurde nun vorsichtig wieder auf den Schrank gestellt, und am folgenden

Tage richtete sich Frau Greiner, ihr Glück in der Stadt zu versuchen.

Dem lebendigen kleinen Alex versprach sie beim Abschied, daß es ihm nie

mehr an Milch fehlen sollte, wenn sein Abbild einen Käufer fände.

Leichtfüßig ging sie aus dem Haus -- Arbeit war nicht abzuliefern, der

große Huckelkorb hatte seine Ruhezeit. Am Arm ein kleines Körbchen, in

dem der Schatz geborgen war, ein großes Tuch um Kopf und Brust

geschlungen, das die Winterkälte abhalten sollte, so verließ sie ihr

Heim. Der Mann blieb in größerer Aufregung zurück als je vorher. Wenn

sonst seine Frau zur Stadt ging, so handelte es sich nur darum, ob sie

etwas mehr oder weniger Geld und Bestellungen heimbringen würde; heute

aber war die große Frage, ob sie gleichgültig abgewiesen mit leeren

Händen beschämt heimkommen, einen kleinen Betrag bringen oder gar eine

große Summe erhalten würde?

Einmal war's ja vorgekommen im Dorf -- das mochte aber schon dreißig

Jahre her sein -- daß einer ein reicher Mann geworden war durch einen

besonders hübschen Puppenkopf, den er geformt hatte. Es war Greiner

zumute wie einem, der ein Los genommen, auf das er große Hoffnungen

setzt, und nun sieht er der Ziehung entgegen -- wird's eine Niete sein,

ein Gewinnst oder gar der Haupttreffer? Der schöne Traum mit dem großen

Verdienst in Amerika fiel ihm wieder ein, wie schnell war er verflogen!

Nun ja, auch _der_ schöne Traum würde wohl heute abend vorbei sein.

Seine Frau wird den kleinen Kopf wieder heimbringen, vor ihn hinlegen

und sagen: es hat ihn keiner gewollt. Natürlich, sie hatten ja in

Sonneberg Formen genug, was sollten sie andere machen? Die alten

Puppenköpfe gefielen ihnen vielleicht viel besser, sie lachten seine

Frau wohl aus. Mit all seinem Denken und Fühlen war Greiner bei seiner

Frau, nur körperlich weilte er unter seinen Kindern. Er sah und hörte

kaum, was sie trieben.

Inzwischen hatte Frau Greiner die Stadt erreicht und suchte Mutter und

Schwester auf. -- Auch bei diesen stockte in dieser Jahreszeit die

Arbeit. Die alte Frau saß am Ofen und ruhte, die Schwester flickte,

friedlich und still war's im Stübchen. Aus dem Topf auf dem Ofen wurde

Frau Greiner eine große Tasse voll Kaffee eingeschenkt, der sie angenehm

erwärmte nach dem langen Marsch durch die Kälte. Sie hatte schon

erzählt, was sie heute in die Stadt trieb, aber das Kunstwerk war noch

im Korb.

»So zeig doch einmal den Kopf,« sagte nun die alte Frau. Sorgsam nahm

ihn Frau Greiner heraus, gespannt sah sie auf der Mutter prüfendes

Gesicht. »Da spar' dir nur die Müh', Magdalene,« sagte sie jetzt, »das

ist kein richtiger Puppenkopf. Der sieht ja aus wie ein Kinderkopf, den

nimmt dir kein Fabrikant ab. Jetzt macht der Greiner in die dreißig Jahr

Köpf' und weiß noch nicht, wie sie aussehen müssen! Hättest's ihm wohl

sagen können, hast's denn du nicht gesehen?«

»Ja,« sagte die Frau kleinmütig, »anders ist er freilich, als sonst die

Puppenköpfe sind, aber er hat halt gemeint, so wären sie schöner.«

»Wie, laß mich's doch auch recht sehen,« sagte die Schwester und stellte

den Kopf an das Plätzchen, an dem sie sonst jahraus jahrein den Köpfen

ihren Haarschmuck zurechtmachte. »So einer ist freilich noch nie

dagestanden,« sagte sie kopfschüttelnd, »aber so unrecht ist er gerade

nicht. Bei dem jungen Fabrikanten Weber drüben, da wär's doch nicht

unmöglich, daß du ihn anbrächtest; da ging' ich hin, der ist fürs

Neumodische; wenn der ihn nicht nimmt, dann nimmt ihn keiner.«

»Kennst du den Mann? Gehst du nicht mit mir?« fragte Frau Greiner.

»Bis ans Haus begleit' ich dich und wart' unten; hinauf möcht' ich grad

nicht, sie sind oft so barsch.«

Die Schwestern gingen miteinander, es war nicht weit. Das Haus war

geschlossen, am Glockenzug blieben sie zögernd stehen. »Meinst du nicht,

man lacht mich nur aus mit meinem elenden Köpfchen? Sollt' ich's nicht

bleiben lassen? Der Mutter hat's ja gar nicht gepaßt.«

»Wenn der junge Herr so zufällig herauskäm', wär's freilich besser, als

wenn man so extra und großartig die Glocke zieht.« Eine Weile standen

sie zaghaft auf dem kalten Pflaster. Da mußte die junge Frau an daheim

denken, und es war, als ob sie es spürte, wie ihr Mann mit all seinem

Denken bei ihr war. »Ich muß in Gottes Namen hinein,« sagte sie, »ich

könnt' mich ja vor meinem Elias heut' abend nicht blicken lassen.« Sie

läutete; die Türe wurde aufgezogen; die Schwester ging einen Schritt

zurück und Frau Greiner vorwärts bis an eine Türe mit der Aufschrift

»Kontor«, und tapfer hinein in das Zimmer, wo an großen Stehpulten zwei

Herren schrieben.

»Sie wünschen?« fragte der eine, der nur einen Augenblick den Kopf

erhoben hatte, dann aber eifrig weiterschrieb. Schüchtern und unsicher

brachte Frau Greiner ihr Anliegen vor. Einen neuen Puppenkopf habe ihr

Mann gemacht, weil sie ein so schönes Waisenkind hätten, nach dem hätt'

er's gemacht, wie's leibt und lebt; bei Nacht, weil es seiner Schwester

Kind sei und Umschläge brauchte bei Nacht.

»Ja, gute Frau, was geht denn das uns an, was wollen Sie denn

eigentlich?« fragte der Schreiber.

»Wir haben gemeint, ob Herr Weber den Kopf nicht kaufen würde?«

»Kaufen? Ja, zu was denn?«

»Daß man Formen danach mache zu Papiermasché-Köpfen. Mein Mann ist

Drücker in Oberhain.«

»Wenn er Drücker ist, dann soll er nur die Formen schön ausdrücken; aber

die neuen Köpfe, das könnt' er wissen, die bezieht Herr Weber nicht von

den Drückern da draußen im Wald, die werden von den Künstlern geliefert,

von rechten Künstlern, die ausgebildet sind auf der Kunstschule. So

etwas muß gelernt sein, gute Frau. Jetzt gehen Sie nur heim und machen

Sie Ihrem Waisenkind Umschläge, das wird besser sein.« Er lachte und der

jüngere Herr am nächsten Schreibpult lachte auch. Aber Frau Greiner war

nicht empfindlich; es waren eben junge Herrn, die machten sich gern

lustig, das nahm sie nicht schwer. Zeigen wollte sie doch wenigstens den

Kopf. Sie nahm ihn aus dem Korb. »Das wäre er,« sagte sie; »der Herr

Weber ist wohl nicht zu Haus, daß ich ihm den Kopf zeigen könnt'?«

»Nein,« sagte der Herr und schaute nur flüchtig nach dem Köpfchen. »Herr

Weber hat genug neue Muster, fragen Sie nur anderswo; Fabriken gibt es

ja hier in jedem dritten Haus, jedes Kind auf der Straße kann Ihnen eine

zeigen.«

Frau Greiner packte ihren Schatz sorgsam wieder ein, und dabei sagte sie

ganz treuherzig: »Es wär' mir doch recht gewesen, wenn ich den Herrn

Weber hätt' einen Augenblick sprechen können. Weil er doch fürs

Neumodische ist, und so neumodisch wie der Kopf ist, ganz weich ist er

noch.« Die Herren lachten, da lachte Frau Greiner mit. »Sie haben halt

noch gut lachen,« sagte sie, »Sie sind jung. Aber für meinen Mann ist's

schon anders, wenn ich mit leeren Händen heimkomm'. Man könnt's Geld so

nötig brauchen und er hat schon wunder gemeint, wieviel ich ihm

heimbring'! Der macht böse Falten hin!«

Halblaut sagte der ältere Schreiber zum jüngeren: »So gehen Sie eben

hinauf und bitten Sie Herrn Weber, daß er einen Augenblick

herunterkomme.«

Frau Greiner bemerkte mit großer Genugtuung, daß Herr Weber nun auf

einmal zu Hause war. Gleich packte sie ihr Köpfchen wieder aus.

So sehr jung war der Fabrikant nicht mehr, der nun eintrat und zu Frau

Greiner sagte: »Einen Kopf hat Ihr Mann gemacht? So lassen Sie mal

sehen.« Und während er mit dem Köpfchen in der Hand ans Fenster trat, es

fortwährend betrachtend, fragte er: »Wie heißt denn Ihr Mann?«

»Elias Greiner.«

»Hat er denn schon mehr verkauft? Nein? Wo hat er's gelernt?«

»Nur als Bub war er ein halbes Jahr auf der Schul'.«

»So, so, und was verlangen Sie für den Kopf?«

Die letzte Frage war eine feine Frage! Die Augen von Frau Greiner

leuchteten ordentlich, aber was sollte sie antworten? »Ich weiß nicht,

was ich verlangen soll,« sagte sie. Inzwischen hatte Herr Weber mit

seinem Buchhalter leise verhandelt.

»Wer etwas verkaufen will, der muß auch den Preis machen,« sagte der

Fabrikant.

Da wuchs Frau Greiner der Mut. »Ich denk' halt so,« sagte sie; »Fabriken

gibt's hier in jedem dritten Haus, ich könnt' überall fragen und es dem

Herrn geben, der's am besten bezahlt.«

Die jungen Herren lachten. Aber der Fabrikant wandte sich ernsthaft an

sie: »Ich will Ihnen etwas sagen, Frau, und Sie können es Ihrem Mann

ausrichten: der Kopf ist ausgezeichnet geformt, ganz nach dem Leben,

aber trotzdem, Sie werden ihn doch nicht leicht verkaufen können. Es ist

kein Puppenkopf, wie man es gewohnt ist. Ihr Mann soll sich einmal

hundert Puppenköpfe ansehen: alle haben einen Mund so klein, kleiner als

die Augen und so schmal wie die Nase. Beim Menschen ist es ja nicht so,

und bei diesem Kopf auch nicht, darum sieht er aus wie ein

Kinderköpfchen, nicht wie ein Puppenkopf. _Mir_ gefällt es so, weil es

nach dem Leben ist, ich kann die großen Puppenaugen nicht leiden; aber

ob es sich gut verkaufen läßt, das fragt sich sehr. Die Kaufleute wollen

eben die hergebrachten Puppenköpfe, und darum dürfen Sie mir glauben,

wenn Sie auch zu allen Fabrikanten laufen, Sie werden den Kopf schwer

anbringen. Aber versuchen Sie es nur.«

Frau Greiner hatte kein Verlangen danach, sie war froh, daß dieser Mann

an dem Kopf Gefallen fand. Auch flößte ihr seine Art Vertrauen ein. »Ich

weiß nicht, was ich fordern soll,« sagte sie, »aber wenn Sie ihn kaufen

wollen, so biete ich ihn niemand anders an. Sie werden mir schon geben,

was recht ist.«

Noch einmal betrachtete der Fabrikant prüfend das kleine Kunstwerk, dann

sagte er: »Ihr Mann soll mir schriftlich versprechen, daß er in den

nächsten Jahren keinen Kopf für einen anderen Fabrikanten macht als für

mich, dann zahle ich Ihnen für den Kopf 800 Mark; davon gebe ich Ihnen

die Hälfte gleich mit und die andere Hälfte, sowie Ihr Mann mir das

Schriftliche bringt. Wenn Sie einverstanden sind, so wird der Handel

gleich schriftlich gemacht.«

»Ja, ja, ja,« sagte Frau Greiner, »einverstanden bin ich, ganz

einverstanden,« und die Freude über die hohe Summe überstrahlte ihr

Gesicht, alle ihre Erwartungen waren übertroffen. Als sie die Summe

wirklich in die Hand bekam und das Schreiben dazu, sagte der Fabrikant:

»Ihr Mann soll die andere Hälfte des Geldes selbst holen, ich möchte mit

ihm reden, vielleicht können wir miteinander verabreden, daß er mir den

Kopf auch in andern Größen liefert.«

Da fühlte die Frau, daß ihr für jetzt und für die Zukunft eine Last

abgenommen war, die sie getragen hatte, solang sie zurückdenken konnte --

die bittere Armut, unter deren Druck sie gestanden, so lange sie lebte.

Sie sagte noch mit Tränen in den Augen: »Vergelt's Gott, und mein Mann

wird sich selbst bedanken,« und ging wie im Traum von dannen. Die Herren

sahen ihr nach, der Buchhalter meinte: »Die hätt's auch um weniger

hergegeben.« »Ja,« sagte der Fabrikant, »aber es wäre nicht recht,

wollte man die Unwissenheit solch armer Leute ausnützen. Ein Künstler

hätt' das Doppelte dafür verlangt. Der Kopf ist vorzüglich, wollen wir

sehen, ob wir gute Geschäfte damit machen.« Das Abbild des kleinen Alex

wurde in kostbarem Schrank verwahrt.

Draußen vor dem Haus trippelte frierend Frau Greiners Schwester auf und

ab. »Aber du hast lang gebraucht! Ich bin ganz erstarrt!«

»Macht nichts, Regine, macht gar nichts. Er hat's ja gekauft! Rat nur,

um wieviel? Aber du hättest's ja doch nie erraten -- um 800 Mark, Regine!

Komm zur Mutter, komm nur schnell!« --

Es war schon dunkel, als Frau Greiner ihr Dorf erreichte. Auf dem langen

Wege hatte sie sich ihren Plan gemacht: Am Krämer wollte sie vorbeigehen

und am Metzger, Schulden bezahlen, einkaufen, bar zahlen. Dann, wenn sie

heimkam, wollte sie die Kinder hinausschicken, die brauchten nichts zu

wissen von dem vielen Geld. Danach wollte sie zu ihrem Manne sagen: Den

Kopf nimmt niemand, der hat ja gar so einen großen Mund, und dann, wenn

er sich recht gegrämt hatte, wollte sie den Korb aufmachen und statt dem

Kopf die Geldrollen vor ihn legen. Ja, so hatte sie sich's ausgedacht.

Als sie aber endlich im Dorf war, mochte sie sich nicht mehr aufhalten;

einkaufen konnte sie doch später noch, jetzt heim, heim! Und als sie

die Zimmertüre aufmachte, wo all die Ihren beisammen saßen und auf sie

warteten, und als ihr Mann auf sie zukam und sie ansah, wie wenn sein

Leben abhinge von dem Wort, das jetzt über ihre Lippen kommen würde, da

hatte sie kein Verlangen mehr, ihn zu täuschen; da fuhr sie ihm mit

beiden Händen über seine schmalen Backen, und strahlend vor Glück rief

sie: »Um 800 Mark haben sie ihn gekauft, und er will noch mehr von dir!

Gelt, da kannst lachen, du alter Griesgram du!«

Der kleine Alex hatte geschlafen, als die Mutter heimgekommen war. Nach

einer Stunde etwa ließ er sein Stimmchen hören und ein einstimmiges:

»Jetzt wacht er!« kam aus aller Mund; im Augenblick war der Wagen

umringt von allem was Greiner hieß, denn die ganze Dankbarkeit wandte

sich dem Kindlein zu. Des Alex' Gesichtchen war's ja, das solches Glück

ins Haus gebracht hatte. Milch hatten sie schon bereit, zwei von seinen

Soxhletfläschchen standen voll auf dem Ofen. Wie lieblich der Kleine all

die freundlichen Gesichter anlächelte, die seinen Wagen umringten, und

wie gierig er die Milch trank; er konnte gar nicht genug bekommen! Sie

sahen ihm alle zu. »Jetzt sollst du Milch haben, soviel du willst, alle

Tage frische Milch, du lieber kleiner Schelm du!«

Aber wie war es nur möglich -- sie bekam ihm nicht einmal gut! »Er wird

die Milch doch vertragen, es wird doch nicht zu spät sein?« dachte

Greiner. Am nächsten Morgen wollte er sie gar nicht nehmen; er schob das

Soxhletfläschchen weg, wenn sie es ihm reichten und mit allen

Schmeichelworten immer wieder anboten. In der Nacht faßte Greiner einen

Entschluß: »Wenn ich morgen in die Stadt gehe und das Geld hole, nehme

ich den Arzt mit heraus; wir sind's ihm schuldig, dem Kind, wir wollen

alles dafür tun.«

Aber das war nicht des kleinen Alex Bestimmung. Er war nicht gesandt,

Mühe und Kosten zu machen, er sollte bloß aus dem Elend helfen. Jetzt

hatte er geholfen und jetzt nahm er Abschied. In früher, dunkler

Morgenstunde, als Greiner an seinem Bettchen saß, lächelte der kleine

Alex holdselig, dann schloß er halb die kleinen Äuglein und war still.

Ganz sanft war er entschlafen. Da trat der Mann ans Bett seiner Frau.

»Magdalene, wach auf, unser Kleiner ist gestorben.«

Das Waislein wurde betrauert, wie es bei seinen eigenen Eltern und

Geschwistern nicht mehr hätte betrauert werden können, und dem kleinen

Fremdling folgten auf den winterlichen Friedhof alle Nachbarn und

Freunde; denn es war keiner, dem es nicht Leid getan hätte um das

liebliche Kind. Und sie sagten untereinander, es sei zu schön gewesen

für diese Welt.

Der Ortsvorsteher schrieb nach Köln, man sollte den Vormund ausfindig

machen und ihm den Todesfall mitteilen. Die Familie lasse auch fragen,

ob sie die Wäsche, den Wagen und den Soxhlet als Erbe behalten dürfe?

Er, Ruppert, halte das für selbstverständlich. Er habe es nie gebilligt,

daß man dieser armen Familie das Kind zugeschoben habe, und bitte den

Vormund, die Beerdigungskosten zu zahlen.

Eines Tages brachte Ruppert das Geld für die Beerdigung und eine Antwort

mit Entschuldigung. Der Vormund habe nicht gewußt, daß Fabrikant Greiner

in so schlechten Vermögensverhältnissen sei. Die Wäsche und den Wagen

sollten selbstverständlich die Kostgeber als Entschädigung erhalten.

»Vom Soxhlet steht nichts darin?«

»Nein, von dem nicht.«

»Siehst, wir sind nicht allein so dumm,« sagte Frau Greiner zu ihrem

Mann. »Die Herren wissen halt auch nicht, was der Soxhlet ist.«

Im Frühjahr, als der Schnee schmolz, richteten sie das kleine Grab.

Rings um den Hügel gruben sie in die Erde die Soxhletfläschchen, die

dienten als Gläser für die Schneeglöckchen und Maiblumen. Sogar ein

schönes Kreuz schmückte das Grab, obwohl das im Dorf nicht Sitte ist bei

Kindergräbern. Aber wo ruht auch sonst ein kleiner Erdenbürger, der, wie

Alex, eine ganze Familie aus dem Elend errettet hat? Mancher wird alt

und grau und hat in seinem langen Leben andern kein Glück gebracht!

Wenn ihr an Weihnachten die Puppen seht, eine neben der andern

ausgestellt in den Läden der großen Stadt, dann schaut sie genau an. Ist

nicht eine dabei, die lebensvoll wie ein Kindergesichtchen euch ansieht

zwischen all den großäugigen Puppengesichtern? Dann grüßt sie

freundlich, ihr wißt ja, wie sie entstanden ist: dem kleinen Alex ist

sie nachgebildet.

Der Akazienbaum.

Draußen vor dem Stadttor steht ein großes Haus, das ist das

Kinderspital. Viele kranke Kinder liegen darin.

Mitten im kalten Winter wurde das kleine Lenchen krank. Man brachte es

in das Kinderspital. Dort wurde es in ein Bett gelegt und von der

Schwester gepflegt, lange Zeit.

»Ach, Schwester Berta,« seufzte Lenchen, »ich bin schon so lange krank,

wann werde ich wohl wieder gesund?«

Da wies Schwester Berta auf den Akazienbaum, der vor dem Fenster so kahl

dastand und seine dürren Äste über die Gartenmauer streckte, und sie

sagte: »Wenn die Akazie wieder grüne Blätter bekommt, dann wirst du

wieder gesund.« Von nun an sah Lenchen von ihrem Bett aus alle Tage

durchs Fenster, ob die Akazie noch keine grünen Blätter zeigte, und

sehnte sich danach.

Der Winter verging, die gute Schwester Berta kam fort, eine andere

Schwester kam und pflegte die Kinder. Es wurde Frühling, alle Hecken und

Büsche trieben Blätter, viele Bäume blühten schon, nur allein die Akazie

stand noch kahl, wie im Winter.

»Ach Schwester Marie,« seufzte Lenchen, »wann wird denn endlich die

Akazie grün?« Da sah Schwester Marie hinaus auf den blätterlosen Baum;

sie wußte nicht, daß die Akazien alle Jahre später grün werden als die

andern Bäume, und da sie den kahlen Baum sah, antwortete sie: »Der wird

wohl nie mehr grün, der ist abgestorben.« Da erschrak Lenchen und dachte

bei sich: »dann werde ich auch nimmer gesund, dann bin ich auch

abgestorben,« und das arme Kind weinte still in seinem Bettchen, wandte

sich ab vom Fenster und wollte gar nicht mehr hinaussehen. Die Schwester

wußte aber nicht warum und sagte eines Tages zum Arzt: »Ich glaube, dem

Kind tun die Augen weh, es wendet sich immer ab vom Fenster.«

»Dann muß man einen Wandschirm vor sein Bett stellen,« sagte der Arzt,

»damit es nicht ins Helle sieht.« So kam eine Wand vor Lenchens Bett,

und es konnte das Fenster nicht mehr sehen.

Viele Wochen vergingen, alle Kinder, die man im Winter ins Spital

gebracht hatte, waren längst wieder fort, nur mit Lenchen wurde es nicht

besser. »Willst du nicht versuchen aufzustehen?« fragte manchmal

Schwester Marie das stille Kind.

»Ich kann nicht, ich bin ja abgestorben,« sagte die Kleine und man ließ

sie liegen.

Eines Tages sprach der Arzt: »Ich begreife gar nicht, warum es mit

diesem Kind nicht vorwärts geht. Schwester, tragen Sie einmal die Kleine

vor an das Fenster, damit ich sie besser sehen kann.« Lenchen wollte

nicht ans Fenster, denn sie mochte den abgestorbenen Baum nicht sehen,

aber Schwester Marie nahm sie auf den Arm und tat, wie der Arzt verlangt

hatte. Lenchen drückte die Augen fest zu. Am Fenster stand der Arzt.

»Augen auf!« befahl er. Da folgte sie und öffnete die Augen. Ihr erster

Blick fiel auf die Akazie und siehe, der Baum war über und über voll

grüner Blättchen, die wiegten sich im Sonnenschein und der blaue Himmel

glänzte zwischen den Zweigen hindurch, die freundlich über die Mauer

herübergrüßten. Da jubelte Lenchen laut auf und rief: »Die Akazie ist

grün, jetzt bin ich gesund, Schwester Berta hat es gesagt!«

Der Arzt und die Schwester sahen sich sehr verwundert an, denn sie

verstanden gar nicht, was das Kind meinte, aber sie freuten sich, daß

Lenchen so glücklich war. Lange, lange blieb sie am Fenster und konnte

sich nicht satt sehen an dem grünen Baum, und als noch einige Tage

vorüber waren, da spielte sie drunten im Garten mit andern Kindern unter

dem schönen Akazienbaum und war bald wieder frisch und gesund.

Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde.

Die große Frage, was einst aus ihm werden solle, war für Johannes Ruhn

schon gelöst, lange ehe er aus der Schule kam; denn er hatte eine solch

ausgesprochene Neigung zum Kaufmannsstand, daß seine Gedanken ganz und

gar davon erfüllt waren. Sein Vater, ein tüchtiger und verständiger

Mann, seines Zeichens ein Bahnarbeiter, war allerdings der Ansicht, daß

für den kaufmännischen Beruf etwas Vermögen not täte, und er hatte das

seinige nicht in Wertpapieren angelegt, der ganze Reichtum, den er

besaß, war eine Frau und fünf Kinder. Deshalb äußerte Vater Ruhn

manchmal Bedenken über die Zukunftspläne seines Ältesten; aber wenn er

seinen Johannes beobachtete, wie der mit hellen Augen ins Leben sah,

oder wenn er ihn von seinem zukünftigen Berufe reden hörte, dann hatte

er, ohne recht sagen zu können woran es lag, den Eindruck: der wird auch

ohne Vermögen vorwärts kommen. Auch seine Frau, die sonst eine

sorgliche, schüchterne Art hatte, meinte von ihrem Johannes: »Den lassen

wir nur machen, er findet schon seinen Weg, wenn nur alle so hell wären,

wie der!«

Als nun der Junge aus der Schule kam, gingen die Eltern mit bester

Zuversicht daran, ihm eine Lehrstelle ausfindig zu machen. Der Vater

hielt Umfrage, die Mutter kaufte kein Salz und kein Schmalz, ohne mit

der Frage zu schließen, ob eine Lehrstelle frei sei; Johannes selbst

stellte sich da und dort vor -- aber es wollte nicht gelingen und die

gute Zuversicht verlor sich mit jeder Woche mehr. In manchem Geschäft

wäre wohl Platz gewesen, aber es wurde Lehrgeld verlangt oder höhere

Ausbildung und beides stand Johannes nicht zur Verfügung. Andere besahen

sich den Jungen, doch ihrem Blick entging das Besondere, das die Eltern

an ihm kannten; sie sahen nur die für sein Alter noch etwas kleine,

zarte Gestalt, nicht die hellen Augen, die aus dem offenen Gesicht

strahlten und von Unternehmungslust glänzten. Es boten sich so viele

kräftige, derbe Burschen an, ihnen wurde der Vorzug gegeben, und niemand

wollte Johannes.

So ging der Sommer hin, der Herbst kam, es fand sich kein Plätzchen,

immer kleinmütiger wurde die Stimmung bei Vater, Mutter und Sohn.

Dieser machte sich einstweilen daheim nützlich. Die Mutter konnte ruhig

auswärts Arbeit annehmen, ihr Großer ersetzte ihr Kindsmagd und Köchin,

denn zur Untätigkeit war seine Natur nicht angelegt, er mußte immer zu

tun haben, sonst war ihm nicht wohl. Aber trotz seines guten Willens

vergaß er von dieser Hausarbeit, die ihm nun zufiel, doch so manches,

und das kam daher, daß seine Gedanken nicht bei der Sache waren; die

arbeiteten unablässig und suchten nach Mittel und Wegen, um das ersehnte

Ziel zu erreichen: Kaufmann zu werden. Wollte man ihn in keinem Geschäft

aufnehmen, so mußte es anderswie gehen.

Und es kam der Tag der Eingebung, die Stunde, in der seine hellen Augen

plötzlich den Weg vor sich sahen, den er gehen mußte.

Lange hatte er, sinnend am Fenster stehend, in den abendlichen

Herbstnebel hinausgeschaut; von dort war ihm das Licht nicht gekommen,

aber woher sonst? Was ist es doch für ein geheimnisvoller Hergang, wenn

wir nachdenken, so lange, bis unserem Geist plötzlich aufleuchtet, was

uns ohne dieses Besinnen dunkel geblieben wäre?

Johannes Ruhn hätte auch nicht sagen können, wie es zugegangen, daß er

plötzlich wußte, was er tun mußte; aber er war glückselig über diese

Klarheit. Sein gutes, noch kindliches Gesicht strahlte vor Freude und

die Lust belebte seinen ganzen Menschen, er stemmte die Hände auf das

Fensterbrett, hob sich vom Boden und warf die Beine hinaus wie ein

junges Füllen.

Und dann begann für den kleinen Geschäftsmann die Arbeit. Die erste

mußte sein: Vater und Mutter für seinen Plan zu gewinnen. Am Abend, als

die kleinen Geschwister zu Bette waren, begann er mit Herzklopfen seine

Gedanken zu entwickeln: Weil er in keinem Geschäft ankomme, müsse er

selbst eines beginnen, und weil kein Geld da sei, müsse er etwas

verkaufen, was ihn selbst nichts koste, was er geschenkt bekäme. Er

wußte schon etwas, nämlich: alte Kistchen, Büchsen und Pappschachteln;

die bekomme man umsonst in den Läden und auch von seinen Kameraden würde

ihm jeder welche schenken. Wenn er die alle sauber herrichten und

ausbessern würde, und hätte dann einen ganzen Haufen in allen Größen und

Formen, dann könnte er sie verkaufen, vor Weihnachten, wo jedermann

Pakete abschicke, vielleicht auf der Messe oder an einer Straßenecke,

und alte Packpapiere und Schnüre müßten auch dabei sein. Und wenn er

dann etwas Geld verdient habe, dann kaufe er noch Siegellack dazu und

Adreßkarten und Begleitscheine, daß die Leute alles bequem beieinander

hätten, und den Ungeschickten würde er auch helfen zusammenpacken

und -- -- hier unterbrach sich Johannes. Es kam ihm plötzlich zum

Bewußtsein, daß er schon eine ganze Weile redete und die Eltern noch

immer kein Zeichen von Beifall gaben. So hielt er inne, begierig, was

sie sagen würden.

Es kamen allerlei Einwände. Der Mutter schien der Handel nicht fein

genug; ein Trödelgeschäft sei das, und wenn er Trödler sei, komme er

nimmer hinauf in den richtigen Kaufmannsstand; und ein kaltes Vergnügen

wäre das, im Dezember im Freien seine Ware feilzubieten, da könnte man

mehr als einen Schnupfen davontragen; auch denke sie sich's nicht schön,

betteln zu gehen, um so eine Menge Schachteln zusammenzubekommen. Mit

diesen und ähnlichen Einwänden wurde aber Johannes leicht fertig; denn

ihm erschien der beabsichtigte Handel sehr fein und die Kälte fürchtete

er gar nicht und betteln würde er nirgends, nur bitten. Aber nun kam ein

anderes, ein schwerwiegendes Wort: »Ohne Erlaubnis geht das nicht,«

sagte der Vater, »für so etwas muß man eine Eingabe bei dem Magistrat

machen, muß Abgaben zahlen, wohl auch noch Gewerbesteuer entrichten,

daran scheitert die Sache.«

An so etwas hatte Johannes nicht gedacht und wollte es zuerst gar nicht

glauben. Wie sollte denn der Magistrat sich darum kümmern, wenn er,

Johannes Ruhn, alte Schachteln verkaufen wollte? Aber der Vater erklärte

ihm die Sache, und die schweren großen Worte: Magistrat, Gewerbesteuer

und Abgaben drückten so sehr auf Johannes' Luftschloß, daß es

einzustürzen drohte; bis die Mutter dem schönen Gebilde zu Hilfe kam,

das sie doch selbst erst angegriffen hatte, nun aber in warmer Regung

des Mitleids zu stützen geneigt war. Sie sagte zum Vater: »Du müßtest

eben einen der Herren vom Magistrate darum ansprechen.«

Einige Tage später kam Vater Ruhn vom Rathause heim, wo ihm eröffnet

worden war: wenn sein Junge so ein findiger Kerl sei, so möge er die

Sache immerhin versuchen, zunächst ohne Abgabe. Auch stünde ihm zu

seinem Versuch ein alter Marktstand unentgeltlich zur Verfügung.

Johannes Ruhn wußte sich an diesem Tage nicht zu fassen vor Glück. Seine

Freude war so groß, daß sie wie ein Strom die Geschwister, ja auch die

Eltern mit fortriß, die gar nicht mehr zu dem Gedanken kommen konnten,

ob es eigentlich ein so besonderes Glück sei, wenn im günstigsten Falle

durch den Verkauf von alten Schachteln einige Mark verdient würden? Der

zu erwartende Gewinn war es auch nicht, der Johannes so beseligte; es

war vielmehr die Freude des Erfinders, die ihn erfüllte und nun seine

Unternehmungslust weckte.

Es dauerte gar nicht lange, so füllten sich die Räume mit Schachteln,

Pappkästen und Kistchen aller Art; denn es sprach sich bald in der

Nachbarschaft herum, wie hocherwünscht solche in der Familie Ruhn seien;

gar manche Bodenkammer wurde durchsucht und befreit von altem,

bestaubtem Packmaterial, das von Johannes mit lebhafter Dankbarkeit in

Empfang genommen und nun gereinigt und ausgebessert wurde. Unermüdlich

schaffte er mit Zwirn, mit Kleister und Leim, und allmählich türmten

sich die sauber hergerichteten Schachteln, so daß die Familie in ihren

kleinen Zimmern bedrängt wurde von diesem Überfluß und sehnlich den Tag

erwartete, bis sich der Segen herausergießen würde aus ihren engen

Räumen.

Endlich kam die erste Dezemberwoche, mit ihr die Weihnachtsmesse, der

zur Eröffnung des »Geschäfts« bestimmte Zeitpunkt. Noch vor

Tagesanbruch, ehe die kleinen Geschwister wach waren, zogen Vater,

Mutter und Sohn hinaus nach dem Platze, der ihnen zum Aufrichten der

alten Meßbude angewiesen war. Einmütig halfen sie zusammen, doch war den

beiden Eltern das ungewohnte Unternehmen peinlich; sie sprachen nur

leise miteinander, um die Aufmerksamkeit der anderen Meßleute nicht auf

sich zu ziehen, während sie sich mühten, den Stand aufzurichten.

Johannes dagegen war frei von dieser Befangenheit, lief zu den anderen

Ständen, um abzusehen wie diese zusammengefügt wurden, und man durfte

ihn nur ansehen, um auf seinen belebten Zügen zu lesen: Heute ist ein

großer Tag!

Seinem Stand gegenüber war ein solcher mit Glaswaren und

Porzellanfiguren. Er erfaßte das sofort als einen besonderen Glücksfall;

und als die derbe Frauensperson, die eben ihre Kiste auspackte, einmal

innehielt und neugierig hinüberblickte zu ihm, der mit so ungewohntem

Kram den Markt bezog, nahm er seinen Vorteil wahr, trat zu ihr heran und

zog artig die Mütze: »Ich handle mit Packwaren,« sagte er, »und wenn Sie

Glaswaren verkaufen, dann seien Sie doch so gut und sagen Sie den

Leuten, daß sie bei mir Schachteln finden. Vielleicht traut sich dann

auch mancher, mehr so zerbrechliche Dinge einzukaufen.« So hatte er

schon in der ersten Morgenstunde eine Geschäftsverbindung geschlossen.

Seine Mutter hatte ihm verwundert nachgesehen; wie vertrauensvoll ging

er auf die Leute zu, während sie im bedrückenden Bewußtsein des

»Trödelkrames« immer Angst hatte, man würde sie auslachen. So trieb sie

auch bald ihren Mann, mit ihr heimzugehen: »der Johannes richtet es

schon ohne uns,« meinte sie, und so überließen sie den kleinen

Geschäftsmann seinem Schicksale.

Kalt war es an diesem Dezembermorgen und still blieb es auf der Messe,

ein Käufer kam auf fünf Verkäufer und nach leeren Schachteln fragte

keiner. Aber doch -- das bemerkte Johannes mit großer Befriedigung --

hatten alle Vorübergehenden einen Blick für die hoch aufgebauten

Schachteln, für die verschiedenfarbigen Packpapiere, die feine

Holzwolle, die Schnüre, die in allen Längen und Stärken dahingen, und

kaum einer übersah die ungewohnte Aufschrift:

_Packwaren._

Gegen Mittag wurde der Markt belebter; die Porzellanhändlerin brachte

ein zierliches Figürchen, eine Schäferin, zum Verkauf. »Nehmen Sie sich

nur gleich da drüben eine Schachtel mit, daß der Hirtenstab nicht

abbricht,« sagte sie zu der Käuferin, und richtig, das Fräulein wandte

sich den Packwaren zu. Sie war Johannes' erste Kundin, wie eifrig wurde

sie aber auch bedient! Wie sorglich wurde die passendste Schachtel

gewählt und wie vorsichtig die Schäferin in feinste Holzwolle gebettet!

Bis nach Australien hätte sie ohne Ungemach in dieser Verpackung reisen

können. Und dann nickte Johannes voll Vergnügen seinem Gegenüber zu, und

bewachte gerne den Kram, während die Frau ging, sich einen Topf heißen

Kaffees zu holen.

Am ersten Abend brachte Johannes nur wenige Pfennige als Erlös heim, und

in den nächsten Tagen war es nicht viel besser. Schnee und Regen fielen

durcheinander auf die Verkäufer herab, die frierend von einem Fuß auf

den andern trippelten, das war kein Spaß.

Aber am vierten Tage verkündigte Johannes schon in der Frühe der

Porzellanhändlerin: »Der Barometer steigt,« und bald darauf brach die

Sonne durch und all die Glaswaren glitzerten in ihren Strahlen; der

Himmel wurde blau und lockte die Menschen hinaus, die schnell den guten

Tag benützen wollten. Durch die Reihen der Buden schoben und drängten

sich immer mehr Kauflustige, und an Johannes Ecke war gar oft der Ausruf

zu hören: Hier können wir gleich eine passende Schachtel auswählen. Das

Geschäft ging gut; der kleine Geschäftsmann strahlte, und weil er es

jedem Käufer als eine besondere Güte auslegte, wenn er bei ihm kaufte,

so war er selbst voll Freundlichkeit und scheute keine Mühe, unter

seinen Schätzen den passendsten für einen jeden auszuwählen. Dadurch

wurden die Leute zutraulich; manche Unbeholfene ließen sich ihre Ware

gleich von ihm verpacken, die Adresse aufkleben und wollten erst noch

wissen, was ihre Schachtel wiege und wieviel sie wohl da- und dorthin

Porto koste. Als das Johannes merkte, brachte er der Mutter Wage mit und

fing an, daheim jeden Abend die Postvorschriften zu studieren, die er

sich verschafft hatte; lernte sie auswendig, wußte bald die Postsätze

bis in die fernsten Länder und wünschte sich nur jeden Tag, es möchte

recht oft nach dieser Weisheit verlangt werden. Bald sprach es sich

herum: auf der Messe ist einer, handelt mit Schachteln, sieht aus wie

ein Bub, weiß doch alles wie ein Postbeamter, ist aber nicht so kurz

angebunden wie diese, sondern gibt freundlich Bescheid. Längst wäre

Johannes' Vorrat an Schachteln zu Ende gewesen, aber die Quelle für neue

war ja so nahe. Abends, wenn die Buden geschlossen wurden, ging er durch

die Reihen; man kannte ihn nun schon und gab ihm, was untertags durch

Verkauf leer geworden war. Erhielt er es auch nicht ganz umsonst, jetzt

konnte er ja etwas dafür zahlen, ein kleiner Gewinn sprang doch noch

dabei heraus; und was ihm die Hauptsache war, es ging doch immer lebhaft

zu vor seiner Bude und niemand mußte mit einer unpassenden Schachtel

davongehen.

So verflogen ihm die Tage, und mit Schmerz sah er das Ende der ganzen

Herrlichkeit nahen, noch drei Tage und die Messe war vorüber.

Heute ging es noch lebhaft zu. Vor der Bude der Porzellanhändlerin stand

ein älterer Herr mit seinem Enkeltöchterchen. Die Kleine suchte unter

den Blumengläschen, und während sie wählte, horchte und schaute der Herr

hinüber nach der Packwarenbude. Er hatte als Magistratsrat die

Einwilligung zur Eröffnung dieses Handels gegeben und sah nun zufällig

das wunderliche Geschäft im Betrieb. Was ihn aufmerksam gemacht hatte,

war der Ruf einer noch kindlichen Stimme: »Aber legen Sie keinen Brief

in die Schachtel, denn nach Frankreich ist das verboten!« Es war

Johannes, der das einer Käuferin nachrief. Der alte Herr trat näher und

beobachtete mit wachsender Teilnahme den kleinen Geschäftsmann. Wie

betrieb der Junge seine Sache! Mit welchem Eifer war er dabei, wie

unverdrossen half er den Käufern auswählen, und beachtete ihre Bedenken;

er wollte nicht um jeden Preis seine Ware losschlagen, man merkte es

wohl, daß seine Freude war, die Leute _gut_ zu bedienen; und nun fragten

sie den kleinen Burschen nach Porto und Gewicht, und der wußte wirklich

Bescheid zu geben! Schon eine ganze Weile war der stattliche Mann mit

der Kleinen an der Hand als stiller Beobachter dagestanden; und,

obgleich ihn das Kind an seiner Hand zog und bat: »Gehen wir doch

weiter, da ist ja gar nichts Schönes,« blieb er doch auf seinem Posten.

Johannes hatte schon mehrmals nach ihm aufgesehen. Der Herr kaufte

nichts, sah nicht nach den Schachteln, was wollte er denn? Fast

unheimlich wurde es ihm unter dem scharfen Blick des großen, ernst

dreinsehenden Mannes; hatte er vielleicht etwas einzuwenden gegen sein

Geschäft? »Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat,« sagte Johannes und

blickte dem Herrn offen ins Auge. »Das weiß ich,« entgegnete dieser;

lächelte vor sich hin, blieb noch eine Weile stehen und folgte dann dem

fortstrebenden Enkelkinde.

Der letzte Meßtag war gekommen und bot ein trauriges Bild. Die Stände

wurden abgeschlagen, Kisten standen überall in den Wegen, die mit Stroh,

Papier und Scherben bestreut waren. Die Porzellanhändlerin schenkte

Johannes einen kleinen Schutzengel zum Andenken und sagte: »Auf

Wiedersehen.« Die Eltern Ruhn kamen getreulich, dem Sohne zu helfen.

Nun war die Mutter nicht mehr schüchtern, das Geschäft war über all ihr

Erwarten gut gegangen; stolz konnte sie sein auf ihren Johannes. Aber

dieser war heute in ganz anderer Stimmung als bei Eröffnung der Messe.

Wie sollte es jetzt mit ihm weitergehen? Er wußte keinen Weg. Trübselig

packte er seinen Kram zusammen.

Da kam des Wegs der Magistratsrat, den wir schon kennen. Ein wenig eilig

ging er, wie einer, der nicht zu spät kommen möchte. »Das ist wieder der

Herr,« sagte Johannes leise zu seinem Vater. »Der?« fragte dieser

dagegen, »und den hast du nicht gekannt? Das ist ja der Kaufmann Ulrich

Wagner, dem das große Kolonialgeschäft am Markt gehört. Was der jetzt

wohl noch auf der Messe sucht!« Johannes antwortete darauf nicht, aber

er ahnte gleich, ja, er fühlte bestimmt: mich sucht er.

Und so war es. Der große Geschäftsmann kam, um den Kleinen für sich zu

gewinnen. Er hatte dazu schon vor drei Tagen die Lust verspürt, sich

aber die Sache wieder ausgeredet. So einen kleinen schmächtigen Lehrling

hatte er doch noch nie in sein Geschäft aufgenommen, immer größere

Burschen und solche mit besserer Ausbildung. Der da war ja noch das

reinste Kind.

Aber dieses Kind kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Er sah es vor sich in

seinem freundlichen Eifer und konnte vor allem den Blick nicht

vergessen, die hellen Augen, mit denen Johannes ihn angesehen hatte, als

er sagte: Ich habe die Erlaubnis vom Magistrat. Es war ihm, wenn er

diesen Jungen mit andern Lehrlingen verglich, als bekäme er mit ihm

statt einer Maschine eine Seele ins Geschäft. Die wollte er sich nicht

entgehen lassen; er eilte, sie für sich zu gewinnen.

Zwischen Kisten und Karren hindurch kam er zu der Familie Ruhn, bot dem

Jungen die Hand und fragte: »Wie geht's, kleiner Geschäftsmann?« »Wie

geht's« ist eine leicht hingeworfene Rede, die oft nichts sagen will;

aber Johannes fühlte eine wahre Teilnahme heraus, und da ihm die Not der

Zukunft heute auf der Seele lag, so sah er ernsthaft auf zu dem Mann und

sagte: »Es geht nimmer weiter,« und dabei lag in seiner Stimme und

seinem Blick das Zutrauen: »Zeig' du mir, wo der Weg weitergeht.« Und

Ulrich Wagner machte den Wegweiser.

Mitten unter dem Getriebe der packenden, abreisenden Meßleute wurde das

Schicksal eines jungen Menschenkindes entschieden, und es fand sich

weder der große noch der kleine Geschäftsmann in seinem Vertrauen

getäuscht.

Johannes trat ein in das Geschäft von Ulrich Wagner als der kleinste

Lehrling; wuchs heran unter der trefflichen Leitung des großen Mannes

und verdankte ihm viel. Doch als die Jahre vergingen, da war es das

Geschäft, das wuchs, und Ulrich Wagner verdankte das der Lust und der

Kraft des ehemaligen Lehrlings Johannes Ruhn.

Ein geplagter Mann.

Wir sind in einem schwäbischen Städtchen, zwischen Wald und Bergen

gelegen, und versetzen uns um etwa dreißig Jahre zurück. Das Haus, in

dem wir nur einen Tag miterleben wollen, aber einen großen Tag, liegt

malerisch an dem Flüßchen, das in raschem Lauf das Städtchen

durchfließt, und bildet die Ecke der Fahrstraße nach dem Bahnhof. Unser

Haus hat zwei Besitzer; das Erdgeschoß gehört dem Schreiner Wahl zu

eigen, der obere Stock dem Stadtschultheißen Römer. Außerdem gibt es

noch im Dachstock sechs Kammern; ursprünglich gehörten drei dem

Schreiner und drei dem Stadtschultheißen, aber der Schreiner, der

manchmal in Geldverlegenheit kam, bot in solchen Fällen dem

Stadtschultheißen eine Kammer zum Kauf an und so gehörten jetzt bereits

fünf Kammern dem Stadtschultheißen und nur noch eine dem Schreiner.

Am frühen Morgen des großen Tages, von dem wir berichten wollen,

hantierte in einer dieser Kammern der Schreiner; und die junge Frau des

Stadtschultheißen hörte kaum über sich seinen schweren Schritt, als sie

auch schon im leichten Morgenrock die Treppe hinaufeilte und den Mann

aufsuchte.

»Guten Morgen, Herr Wahl,« sagte sie freundlich, »machen Sie schon die

Fahnen hinaus, das ist recht.«

»Ja,« sagte der Mann, »es ist ja gut Wetter.«

»Und nicht wahr, meine Lämpchen stellen Sie mir auch rechtzeitig

hinaus.«

»Wohl, wohl, Frau Stadtschultheiß, aber doch erst am Abend, wenn man sie

gleich anzünden kann; das ist ja schnell getan.«

»Meinen Sie?« sagte sie ungläubig. »Am Fenster sind sie freilich leicht

aufzustellen, aber ich meine die außen, die auf dem vorspringenden Sims,

der rings ums Haus herumläuft, die muß man doch vorher aufstellen, daß

man sieht, wie sich's macht und ob auch die Leiter hoch genug ist.«

»Frau Stadtschultheiß, auf den Sims würde ich keine aufstellen, da

brauchen Sie furchtbar viele Lämpchen, an keinem Haus wird es hier so

gemacht. Die Leute stellen halt ein paar Lichter vor die Fenstergesimse,

weiter braucht's nichts.«

»Aber Herr Wahl, wir haben es doch so miteinander verabredet, und ich

habe deshalb dreihundert Lämpchen gekauft! Unser Haus liegt doch auch

gerade so an der Ecke; wenn die Wagen hereinfahren, nachdem die

Felsenbeleuchtung draußen vorbei ist, kommen sie alle an unserem Haus

vorbei, und da spiegeln sich dann unsere Lichter im Fluß. Ich habe das

einmal in Hamburg gesehen, das macht sich wundervoll; ich wollte meinen

Mann damit überraschen, wenn er mit den Herren hereinfährt. Sie haben

doch vorige Woche gesagt, Sie wollten es mir machen.«

»Nun ja, dann muß ich's eben machen,« sagte der Mann zögernd.

»Aber gewiß nicht zu spät, Herr Wahl. Vielleicht richten wir es um zwei

Uhr, während die Herren im Gasthof zur Tafel sind;« und als der

Schreiner nicht antwortete, fügte sie hinzu: »Ich fürchte immer, Ihre

Leiter ist nicht lang genug.«

»Die ist lang und Leitern gibt es genug im Städtchen, da muß man nur

eine entlehnen.«

»Frau Stadtschultheiß,« rief das Dienstmädchen, das eilig die Treppe

heraufkam, »der Herr Stadtschultheiß möchte heute früher frühstücken,

das Bäckermädchen ist aber noch nicht da, ich renne schnell hinüber und

hole Brot.«

Davon war sie, die Anne, das flinke, fröhliche, junge Dienstmädchen, und

die Frau Stadtschultheiß kam schnell herab in die Wohnung und richtete

den Frühstückstisch.

Der kleine Sohn des Hauses, der kaum vierjährige Hans, turnte noch im

Nachthemdchen in seiner Gitterbettstatt herum; und sein Schwesterchen,

das vierteljährige, schlummerte im Wagen. Aber der Herr des Hauses,

Stadtschultheiß Römer, stand schon wartend am Tisch. Er mochte

vielleicht zwölf Jahre älter sein als seine Frau, trug einen großen

schwarzen Vollbart und sah ernst und achtunggebietend aus. Jetzt trat er

ans Fenster und horchte auf. An der Straßenecke schellte ein

Polizeidiener und nachdem er so die Aufmerksamkeit auf sich gezogen

hatte, las er mit lauter Stimme: »Es ergeht an die hiesige

Einwohnerschaft die Bitte, zu Ehren des Besuchs Ihrer königlichen

Hoheiten des Prinzen und der Prinzessin die Häuser zu beflaggen, und bei

einbrechender Dunkelheit zu beleuchten. Ferner wird erwartet, daß die

Straßen während des Aufenthalts der hohen Gäste sonntäglich gehalten

werden und daß insbesondere das Federvieh von den Straßen ferngehalten

wird.«

Der Polizeidiener ging weiter, und in der Ferne hörte man wieder seine

Schelle und danach seine laute Stimme, die die Aufforderung wiederholte.

Die Folge seines Ausschellens war, daß bald da bald dort eine Magd mit

dem Kehrbesen erschien und vor dem Haus kehrte; und daß manches Gänslein

und Hühnervolk, dem soeben erst die Stalltür geöffnet worden war,

wieder in den Stall zurückgetrieben wurde. Fahnen und Fähnchen, Kränze

und Laubgewinde wurden an allen Häusern angemacht, und glänzten lustig

im Sonnenschein des ersten Septembermorgens.

Der Stadtschultheiß war es, der diese und noch manche andere

Vorbereitung veranlaßt hatte. Seit Wochen schon stand die

landwirtschaftliche Ausstellung und zugleich der Besuch des Prinzen und

seiner jungen Gemahlin in Aussicht; und heute war nun der große Tag

angebrochen.

»Um elf Uhr werden also die Fürstlichkeiten erwartet?« fragte die Frau.

»Ja, um elf Uhr ist der Empfang am Bahnhof. Es fehlt noch der

Blumenstrauß, den wir für die Prinzessin bestellt haben. Mit der neun

Uhr Post muß er ankommen, dann packe du ihn einstweilen aus. Ich gehe

nun aufs Rathaus und sehe, ob alles in Ordnung ist. Magst du mir den

Frack und all das bereitlegen, daß ich mich rasch umkleiden kann, wenn

ich wiederkomme?«

»Ja,« sagte die junge Frau, »jetzt gleich richte ich deine Sachen und

dann Hänschens Bauernanzug.«

»Wenn er sich nur brav hält, der Schlingel!«

Auch der kleine Hans sollte eine Rolle spielen an diesem großen Tag.

Eine schwäbische Bauernstube war draußen, nahe am Ausstellungsplatz,

eingerichtet worden, genau nach dem Leben. In diese sollten die hohen

Gäste geführt werden; und damit die Stube auch belebt sei, sollten des

Oberamtmanns kleines Töchterlein und des Stadtschultheißen Bub, als

Bauer und Bäuerin verkleidet, darin aufgestellt werden. »Es ist immer

gewagt, wenn man Kinder mit hineinzieht,« sagte der Stadtschultheiß,

»wenigstens so kleine. Ich war nicht dafür, aber die andern um so mehr.«

»Es wird auch nett aussehen und Freude machen.«

»Wenigstens euch Müttern,« sagte Römer. »Aber nun muß ich gehen. Solange

es noch ein wenig ruhig ist auf dem Rathaus, will ich mir meine Rede

zurechtlegen.«

»Zur Begrüßung am Bahnhof?«

»Da genügen einige Worte, aber bei Tisch habe ich die Hauptrede, und auf

dem Ausstellungsplatz die Eröffnungsrede.«

»Drei Reden! Du bist ein geplagter Mann!« sagte die Frau freundlich, sie

sah aber stolz zu ihm auf.

»Ein geplagter Mann,« wiederholte der kleine Hans mit ebensoviel Gefühl,

wie es die Mutter gesagt hatte. Ihm gefiel dieser neue Ausdruck.

Ehe der Stadtschultheiß sich auf das Rathaus begab, machte er den Umweg

über den Rasenplatz, auf dem die landwirtschaftliche Ausstellung schon

allerhand Leute herbeigezogen hatte, die sich die Maschinen besahen,

während vom Land herein von jeder Gattung Vieh besonders schöne Stücke

zugetrieben wurden. Da gab es noch manche Frage zu beantworten, manche

Einrichtung zu beanstanden und Befehle zu erlassen, bis unser

Stadtschultheiß auf das Rathaus kam, wo auch schon allerlei Leute mit

verschiedenen Anliegen auf ihn warteten.

Inzwischen hatte seine Frau daheim an alles gedacht, was zu ihres Mannes

festlichem Gewand gehörte: Da lag der Frack bereit, die weiße Binde, die

Handschuhe und der hohe schwarze Zylinderhut. Mit der Post traf richtig

der bestellte Strauß ein; sorgfältig wurde er aus der Schachtel

genommen; der kleine Hans und die große Anne waren so entzückt bei dem

Anblick der Blumen, daß auch die junge Frau zufrieden war, obwohl sie

noch etwas Schöneres und Größeres erwartet hatte.

Um zehn Uhr kam der Stadtschultheiß wieder. »Julie!« rief er noch auf

der Treppe, und der Ton, in dem er sie rief, fiel seiner Frau nicht

angenehm auf. Er nahm sich kaum die Zeit zum Gruß, als sie ihm entgegen

kam.

»Warum ist das Holz neben unserem Haus nicht weggekommen?«

»Hätte es denn wegkommen sollen? Es ist ja ganz ordentlich

aufgeschichtet.«

»Aber du weißt das doch; die Straßen sollen frei sein. Allen Leuten, die

Holz vorn an das Haus aufgeschichtet hatten, ist anbefohlen worden, es

wegzuräumen. Hat der Polizeidiener dir nichts gesagt? Anne!« Die Anne in

der Küche hatte das Gespräch schon gehört, sie kam nur ungern zum

Vorschein. »Hat der Polizeidiener nichts gesagt wegen des Holzstoßes am

Haus?«

»Er hat wohl neulich so etwas gesagt, aber weil unser Holz doch noch so

naß ist und weil es so ordentlich aussieht --«

»Gehen Sie augenblicklich und holen Sie Tannenwedel und decken Sie den

Holzstoß damit vollständig zu!«

»Wo bekomme ich wohl die Wedel?«

»Das können Sie selbst erfragen.« Das Mädchen lief fort.

»Es macht sich nicht gut, wenn ich von andern verlange, daß sie

wegräumen, und vor meinem eigenen Haus bleibt die Sache liegen. Eine

rechte Stadtschultheißin muß ein gutes Beispiel geben.«

»Aber du hast mir nichts davon gesagt.«

»Ich habe es nicht gesehen, weil ich gewöhnlich von der andern Seite

herkomme.« Der Stadtschultheiß kam ins Zimmer.

»Papa, sieh dort oben die schönen Blumen,« rief Hans.

Römer besah die Blumen. »Das soll der Empfangsstrauß sein?« sagte er,

»das ist ja gar nicht möglich.«

»Wieso?« fragte die Frau.

»So sieht doch nicht ein Strauß aus für zwanzig Mark; der ist ja

unbrauchbar, warum hast du mir denn das nicht gleich sagen lassen?«

»Den Preis wußte ich ja nicht. Klein ist er mir auch vorgekommen, aber

doch ganz hübsch.«

»Aber Julie, das ist doch kein Strauß, wie man ihn einer Prinzessin

überreicht! Wo ist denn die Rechnung? Nun ja, da siehst du es ja -- zwei

Mark statt zwanzig Mark. Also eine Verwechslung. Daß du aber so etwas

nicht bemerkst, ist mir unbegreiflich! Überreichen kann ich das nicht.«

»Warum denn nicht?« fragte begütigend Frau Römer, »die Prinzessin ist

noch jünger als ich, sie wird nicht so genau wissen, wie der Strauß

aussehen sollte. Sie wird denken: So macht man sie in kleinen Städten.«

»Ja, wenn alle Menschen diese Dinge so harmlos nähmen und die Prinzessin

so wenig verstünde wie du!«

Noch einmal sah der Stadtschultheiß prüfend die Blumen an: »Fort mit,

geht unmöglich zum feierlichen Empfang. Lieber gar nichts, als etwas

Geringes. Schicke den Strauß in den Gasthof, dort ist er verwendbar. Und

nun sieh, daß ich ein wenig Ruhe habe, mir meine Rede zu überlegen; auf

dem Rathaus war keine Möglichkeit dazu.«

Der Stadtschultheiß begab sich in das abgelegenste Zimmerchen der

Wohnung, in das stille Gastzimmer; der kleine Hans wurde zu Anne

hinuntergeschickt, die inzwischen einen ganzen Arm voll Tannenzweige

herbeigeschleppt hatte und sich bemühte, das an der Hausmauer

aufgeschichtete Holz damit zu verdecken. »Behalte den Kleinen, Anne,

mein Mann will Ruhe haben,« sagte die junge Mutter.

Kaum ein paar Minuten vergingen, da kam ein Polizeidiener auf das Haus

zu. »Ist der Herr Stadtschultheiß droben?« fragte er.

»Ja,« sagte Anne zögernd und ebenso zögernd bejahte es droben die junge

Frau. »Ich habe zu melden, daß die Wäscherin Matzbeck Wäsche aufhängt an

der Bahnhofstraße, und möchte den Herrn Stadtschultheiß fragen, ob das

zu beanstanden ist?«

»Mein Mann ist an der Arbeit,« sagte die Frau, »können Sie der Wäscherin

nicht gute Worte geben, daß sie das lassen soll bis morgen?«

»Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck ist eine brutale Person und ehe man

sich mit ihr einläßt, ist's besser, daß man weiß, wie der Herr

Stadtschultheiß darüber denken.«

Leise trat die junge Frau bei ihrem Mann ein. »Nur einen Augenblick,«

sagte sie, und berichtete von des Polizeidieners Meldung. »Sage dem

Polizeidiener, die Straßen seien sonntäglich zu halten, hat er es doch

selbst ausgeschellt. Am Sonntag wird keine Wäsche aufgehängt.«

Mit diesem Bescheid zog der Polizeidiener ab. Auf der Treppe begegnete

ihm der Ratsdiener, ein würdiger älterer Mann. Auch er wollte den

Stadtschultheißen sprechen.

»Es _muß_ wohl jetzt sein?« fragte die Frau Stadtschultheiß. »Ja,

dringend. Der Schultheiß von N. hat sagen lassen, daß ein Wagen voll

Pulver durch unsere Stadt kommen werde.«

»Schadet denn das etwas?«

Der ergraute Ratsdiener sagte fast herablassend: »Ja, Frau

Stadtschultheiß, ein Wagen Pulver und Prinzen und Feuerwerk im Städtchen

paßt nicht zusammen. Bitte melden Sie es dem Herrn Stadtschultheiß.«

Wieder öffnete die junge Frau sachte die Tür des Gastzimmerchens. Etwas

gereizt wurde sie da empfangen. »Wenn du die Türe auch leise aufmachst,

das hilft mir nichts, ich werde doch aus meinem Gedankengang gerissen.

Was gibt es schon wieder?«

»Der Amtsdiener ist da wegen eines Pulverwagens.«

Der Stadtschultheiß warf sein Merkbüchlein beiseite und eilte hinaus.

Diese Meldung schien ihm wichtiger als die von der Wäsche, er hörte sie

selbst an.

»Der Pulverwagen darf heute nicht hier durchkommen,« war sein Bescheid.

»Er ist aber schon unterwegs, man kann keine Nachricht mehr geben.«

»Schicken Sie ihm einen Eilboten entgegen mit polizeilichem Verbot. Er

darf heute auf drei Stunden im Umkreis der Stadt nicht nahe kommen. Ich

schreibe sofort den Befehl.« Als der Gerichtsdiener mit diesem Schreiben

abgezogen war, sagte die Frau Stadtschultheiß: »Weil du nun doch schon

aus deinem Gedankengang gekommen bist, laß dich nur schnell fragen:

könnte man nicht den Strauß in die Bauernstube schicken, daß ihn Hans

als Bauernjunge der Prinzessin überreicht? Das wäre doch sicher

reizend?«

»Wenn du nur immer den Jungen vorschieben kannst, bist du schon

glücklich. Mir dagegen kommt es immer sicherer vor, Kinder aus dem Spiel

zu lassen.«

»Aber liebster Mann, die Prinzessin ist doch nicht wie du. Einer jungen

Frau macht das sicher Spaß.«

»Kann sein, mach es so, aber nun laß mich nur noch eine halbe Stunde in

Ruhe.«

Ach wie gerne hätte sie das getan, aber einen Augenblick später sah sie

schon wieder den Polizeidiener aufs Haus zukommen. Es war derselbe, der

schon einmal wegen der Wäsche, die aufgehängt wurde, da war. Richtig,

da kam er schon die Treppe herauf. »Die Wäscherin Matzbeck,« meldete er

nun, »hat erklärt, es könne ihr niemand verwehren, bei dem schönen

Wetter ihre Wäsche aufzuhängen. Die Frau Stadtschultheiß habe ja auch

das Holz vor dem Haus nicht weggeräumt, so streng werde es also nicht

genommen. Was Lumpen und dergleichen seien, wolle sie hinten hin hängen,

aber ihre schöne Wäsche nehme sie keinem Prinzen zuliebe ab!«

»Ach Hagemann,« sagte die Frau Stadtschultheiß, »können Sie denn nicht

der Frau sagen, sie dürfe ihre Wäsche in meinem Garten hinter dem Haus

aufhängen? Wir können doch meinen Mann nicht noch einmal wegen der

Wäsche fragen.«

»Die tut's eben nicht! Die kennen Sie schlecht, wenn Sie meinen, daß die

jetzt nachgibt und die Wäsche wieder abzieht und in der Frau

Stadtschultheiß Garten aufhängt.«

»Ach, so soll sie hängen bleiben, geht denn das nicht?«

»Wenn der Herr Stadtschultheiß die hohen Herrschaften am Bahnhof abholt

und vorbeifährt und sieht das, dann fällt die Schuld auf mich.«

»So gehen Sie selbst zu meinem Mann, ich mag ihn nicht schon wieder

stören,« sagte die junge Frau und führte den Polizeidiener durch Wohn-

und Schlafzimmer bis an das Gaststübchen, wo auf das Klopfen ein sehr

deutliches »Herein!« erfolgte. Sie hörte, wie der Mann seinen Rapport

machte; ach, auch die Bemerkung, daß sie Holz vor dem Haus hatten,

wiederholte er; wäre sie lieber selbst zu ihrem Mann gegangen, das hätte

sie gewiß weggelassen! Und nun hörte sie ihren Mann mit starker Stimme

sagen: »Die Matzbeck hat die Wäsche binnen einer Viertelstunde

vollständig abzuziehen, widrigenfalls die Polizei das Abziehen besorgt.

Verstanden? Sie haben für die Ausführung zu sorgen. Was das Holz vor

meinem Haus betrifft, so ist das auf der Seite, nicht vorn, und wird

überdies so mit Grün überdeckt, daß es zum Schmuck dient.«

Der Polizeidiener ging seiner Wege. Die Frau Stadtschultheiß folgte ihm

die Treppe hinunter und überzeugte sich, ob der Holzstoß wirklich zum

Schmuck diene. Ja, Anne hatte ihre Sache gut gemacht, und Hänschen hatte

noch einen Wedel abbekommen, mit dem er nun fröhlich die Treppe

hinaufging. Fast gleichzeitig kam wieder ein Störenfried. Der junge

Schreiber war es, der auf dem Rathaus verwendet wurde. In ein paar

Sätzen kam er die Treppe herauf gesprungen und fragte eilfertig: »Ist

der Herr Stadtschultheiß da?«

»Ja, aber er ist nicht zu sprechen. Was wollen Sie denn, Meyer?«

»Der Vorstand des landwirtschaftlichen Vereins hat mich geschickt von

der Wiese draußen. Der Knecht vom Weidenhof hat zur Viehausstellung

einen Stier gebracht nur am Strick; er will ihm keine Kette anlegen,

wie's doch vorgeschrieben ist, weil er sagt, das Tier sei's nicht

gewöhnt und werde wild. Der Vorstand hat mich schnell hergeschickt, er

fürchtet, es könnte ein Unglück geben.«

»Was meint denn der Vorstand, daß man tun soll?«

»Er meint, man soll sogleich den Herrn Stadtschultheiß fragen.«

Diesmal trat die junge Frau laut bei ihrem Mann ein. »Wenn du nur die

Rede früher studiert hättest,« sagte sie, »am letzten Morgen ist doch

keine Ruhe! Nun ist wieder etwas los mit einem Stier, soll ich ihn

hereinlassen?«

»Den Stier? Du scheinst schon in so grimmiger Laune zu sein,« sagte der

Mann, »hast aber keine Ursache dazu, wo du doch gar keine

Unannehmlichkeiten von der Sache hast! Übrigens war bis gestern

bestimmt, daß der Oberamtmann die Festrede halten solle, und erst heute

ließ er mir sagen, daß er sich zu unwohl fühle, sonst wäre ich nicht so

spät daran. Daß _du_ auch noch schlechter Laune bist, das fehlte gerade

noch an diesem Tage, das ist doch sonst nicht deine Art.« Er ging hinaus

und hörte den Bericht wegen des Stiers.

»Der Knecht hat sofort dem Stier die vorschriftsmäßige Kette anzulegen,

wobei ihm in der Stallung die nötige Hilfe vom Schlachtmeister geleistet

werden soll. Widersetzt er sich, so ist der Knecht in Arrest abzuführen,

der Stier von der Ausstellung auszuschließen und im Stall anzuketten.«

Der Stadtschultheiß ging nicht mehr in das Gaststübchen zurück. »Es ist

besser, ich kleide mich jetzt an,« sagte er, »und gehe wieder aufs

Rathaus, dort ist es noch ruhiger als daheim.« Er verschwand im

Schlafzimmer, wo sein Festgewand hergerichtet war. Aber etwas fehlte

doch. Nach einer Weile ertönte seine Stimme: »Julie, wo ist meine weiße

Halsbinde?«

Frau Römer, die eben ihrem kleinen Mädelein die Flasche reichte, rief:

»Auf dem Tisch bei deinem Hut und den Handschuhen.«

»Nein, da ist sie nicht. Könntest du nicht einmal kommen? Ich habe keine

Zeit mehr zu verlieren.«

Schnöde wurde der Kleinen die Flasche vom Munde genommen, die Mutter

sprang auf, lieber sollte das Kind warten als der Mann.

»Die Binde _muß_ da liegen, ich habe sie doch hingelegt, ist sie denn

vielleicht hinter das Schränkchen gerutscht?«

Nun ging ein Suchen an, das immer ungemütlicher wurde, dazu schrie die

Kleine zum Erbarmen.

»So gib mir die andere, die du mir gestern gezeigt hast,« sagte Römer.

»Die war dir ja zu alt und abgewetzt.«

»So schlimm war sie ja nicht, gib sie nur her.«

»Die ist jetzt nicht mehr vorhanden. Ich schicke aber Anne in den Laden,

in fünf Minuten ist sie wieder da.« Und hinaus rannte die Frau.

»Anne, schnell, spring so schnell du springen kannst, zu Geschwister

Keller; eine weiße Halsbinde für meinen Mann, ich zahle sie morgen.«

Anne flog nur so davon. Die Mutter erbarmte sich inzwischen der

schreienden Kleinen, wahrhaftig, Tränen standen dem kleinen Wesen im

Auge.

»Wo hast du denn aber die alte Binde hingebracht?« fragte der

Stadtschultheiß; »findest du denn auch diese nicht? Das ist aber eine

Unordnung!« Nun kam das Geständnis: »Die alte habe ich dem Bubi

geschenkt, der hat sich damit geschmückt und soviel Spaß daran gehabt.«

Der Mann sagte gar nichts mehr.

Nun kam atemlos Anne zurück. Frau Römer hörte sie kommen und eilte ihr

entgegen, mochte immerhin die Kleine wieder eine Pause im Trinken

machen. »Fräulein Keller hat keine Binden mehr, sie habe eigens ein

halbes Dutzend für den heutigen Tag kommen lassen, aber sie seien alle

weggegangen,« berichtete Anne.

»Und im andern Geschäft?«

»Fräulein Keller meint, da gäbe es keine. Aber sie hat gesagt, wenn der

Herr Oberamtmann, der gestern schon unwohl war, heute nicht besser sei,

so schicke die Frau Oberamtmann die Halsbinde wieder zurück, die sie

gekauft habe; das habe sie sich gleich ausbedungen. Und nun meint

Fräulein Keller, ich soll bei Frau Oberamtmann anfragen.«

»Natürlich sollst du, Anne, wärst du doch gleich hingesprungen!«

Als Frau Römer wieder zu ihrer Kleinen zurückkehren wollte, sah sie

ihren Hans, der mit dem Tannenwedel in der Hand, die weiße Binde um den

Hals, militärisch auf dem Gang auf und ab spazierte und dabei laut vor

sich hinsang: »Ich bin ein geplagter Mann.« Er nahm sich so drollig aus,

der kleine Mann mit seinen dicken roten Bäckchen; heute hatte sie noch

kaum einen Blick gehabt für ihren Bubi, sie nickte ihm zu und sah ihn

an. War wohl im äußersten Notfall die alte Binde auch jetzt noch zu

brauchen? »Laß sehen, Bubi!« Aber was war denn das? Die Binde sah ja

schöner aus als gestern. Das war gar nicht die alte -- keine Frage, Hans

hatte die neue erwischt! Aber sie war noch rein, noch unverdorben. Rasch

machte sie sie los unter dringenden Fragen, wie Hans dazu gekommen sei?

Genommen hatte er sie, weil er die andere nicht mehr fand. »Bitte, Mama,

gib mir dafür eine andere.«

Sie war aber ungnädig, die Mama, einen Klaps gab sie ihm, weiter nichts,

und eilte an dem weinenden Töchterchen vorbei rasch zu ihrem Mann. »Da

ist die Halsbinde.«

»Wo war sie denn?« Die Mama wollte des Vaters Zorn nicht auf des Kleinen

Haupt laden. »Entschuldige,« sagte sie, »ich höre jemand kommen.« Ein

Mädchen war draußen. »Höfliche Empfehlungen von Fräulein Keller und sie

habe doch noch ins andere Geschäft geschickt, und da seien zwei Binden

zur Auswahl.«

»So, so, das ist ja recht freundlich, ich lasse danken.« Und nun kam

Anne schnaufend daher: »Der Herr Oberamtmann befinden sich schlechter

und können nicht ausgehen. Frau Oberamtmann schickt die beiden

Halsbinden, die sie zur Auswahl genommen habe.« Nun waren genug weiße

Binden im Haus. Die Frau Stadtschultheiß ließ sich's aber nicht merken.

»Das ist recht, Anne,« sagte sie, »du glühst ja ganz.«

»Es ist bloß von der Hitze,« antwortete das gute Mädchen.

»Setze dich zu der Kleinen ans Bettchen, ruhe dich ein wenig aus; gib

ihr die Flasche vollends, wenn die Milch nicht zu kalt geworden ist.«

Anne ging zu dem Kind. »Sie schläft ja,« sagte sie.

»So? Hat sie die Hoffnung aufgegeben, da hat sie recht; es ist eine

verständige Tochter.«

Der Stadtschultheiß kam nun im festlichen Anzug zum Vorschein und

schickte sich an zu gehen.

»Wann kommst du wieder?« fragte seine Frau.

»Ich weiß nicht. Um elf Uhr Empfang, dann auf die Wiese zur Ausstellung;

um zwölf Uhr etwa in die Bauernstube -- da sehen wir uns wohl einen

Augenblick; um ein Uhr Festessen, dann Preisverteilung auf der Wiese.

Mit einbrechender Dunkelheit Stadtbeleuchtung -- dazu wird dir ja unser

Hausherr helfen; dann Felsenbeleuchtung; sodann Abfahrt des Prinzen und

der Prinzessin. Zum Abendessen haben wir Herren uns in den Schwan

verabredet. Es kann spät werden, ich will den Hausschlüssel mitnehmen.«

Kürzer als sonst, wenn es sich um einen ganzen Tag handelte,

verabschiedete sich Römer. Seine Frau wußte nicht recht, war er nur ganz

mit seinen Gedanken beschäftigt oder war er nicht recht zufrieden mit

ihr. Sie jedenfalls war mit sich selbst nicht zufrieden; er hatte sich

heute morgen vom Rathaus heimgeflüchtet und hatte zu Hause nur Verdruß

gehabt, das ging ihr nach und bedrückte sie. Kurz vor elf Uhr fuhren die

Wagen am Haus vorbei, die die Gäste abholen sollten; in einem saß ihr

Mann, er war im Gespräch mit einem anderen Herrn und sah nicht herauf

nach dem Fenster, an dem seine Frau stand, mit der Kleinen auf dem Arm,

und ihm gern einen Gruß zugewinkt hätte.

Gegen zwölf Uhr machte sie sich mit Hans auf den Weg nach der

Bauernstube. Sie begegneten dem Polizeidiener Hagemann.

»Wie ist es denn heute morgen mit der Wäscherin gegangen?« fragte sie

ihn.

»Wie ich komme und richte aus, daß die Wäsche polizeilich abgezogen

werden soll, sagt die Matzbeck zu mir: 'Was wollen Sie denn? Die Wäsche

ist ja schon trocken, die muß ich so wie so abziehen', und sie hat sie

heruntergenommen.«

»Ist die wirklich so schnell getrocknet?«

»Bewahre, Frau Stadtschultheiß, die Matzbeck hat nur so gesagt, wie sie

den Ernst gemerkt hat, weil halt die Weiber immer recht behalten

müssen!«

In dem Gemach, das als Bauernstube eingerichtet war, hatten sich einige

Damen versammelt, denen der Vorzug zuteil werden sollte, das junge

prinzliche Ehepaar zu sehen. Unter ihnen war als jüngste unsere Frau

Stadtschultheiß mit ihrem kleinen Jungen, der sich ganz prächtig in

bäuerlicher Tracht ausnahm. Er stand nahe dem Fenster hinter seiner

kleinen Bäuerin, dem Töchterlein des Oberamtmanns, das man an einen

Spinnrocken gesetzt hatte; es war ein nettes Pärchen. Eine der

anwesenden Damen, die Frau eines Fabrikbesitzers, die in jungen Jahren

als Erzieherin im Hause der Prinzessin angestellt war, gab den Kindern

Verhaltungsmaßregeln, wie sie beim Eintritt der Gäste knicksen sollten

und wie Hans dann, wenn sie ihm einen Wink gäbe, der Prinzessin den

Strauß überreichen sollte.

Im Hintergrund des Zimmers stand ein riesiger Kleiderkasten und neben

diesem, unter der geöffneten Türe eines Nebengemachs, hielten sich die

Damen auf, um den Eindruck der Bauernstube nicht zu stören. Den Müttern

des Pärchens war es nicht behaglich zumute, um so mehr als die Kinder

anfingen, ungeduldig und mißmutig zu werden, und Frau Römer dachte

daran, was ihr Mann von der Unsicherheit der kleinen Kinder gesagt

hatte. Heute wäre es ihr ganz besonders leid gewesen, wenn ihr Hans

irgend welche Störung verursacht hätte. Nun hörte man die Erwarteten

kommen; rasch zogen sich die Damen zurück, nur die Frau des

Fabrikbesitzers als persönliche Bekannte der Prinzessin hielt sich in

der Nähe der Kinder, grüßte nun mit einer tadellosen Verbeugung die

Eintretenden und wurde auch von der jungen Prinzessin sofort erkannt und

begrüßt. Hinter den hohen, jugendlichen Gestalten des Prinzen und seiner

Gemahlin erschienen als Begleiter mehrere Herren, worunter der

Stadtschultheiß und der Vorstand des Landwirtschaftlichen Vereins, der

nun auf alle Eigentümlichkeiten der schwäbischen Bauernstube aufmerksam

machte. »Einige Damen,« sagte er, indem er in den Hintergrund deutete,

»haben sich besonders bemüht um die getreue Ausstattung und haben auch

echte kleine Bewohner gestellt.«

Die Prinzessin näherte sich freundlich den Kindern, der Prinz folgte, an

seiner Seite der Stadtschultheiß. »Was stellst du denn vor?« fragte die

Prinzessin das kleine Mädchen, sich freundlich zu ihr beugend.

»Ich bin eine Bäuerin von der schwäbischen Alb,« antwortete die Kleine

mit höflichem Knicks. »Und du?« fragte sie, sich Hans zuwendend. Der sah

sehr ernsthaft zu der schönen jungen Frau auf und antwortete mit tiefer

Empfindung: »Ich bin ein geplagter Mann.« Über diese unverhoffte

Antwort entstand große Heiterkeit. Der Prinz lachte laut und herzlich

und sagte dann, zu Römer gewandt: »Da muß man unwillkürlich fragen, was

ist denn der Papa dieses Kleinen?«

Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise · 第 3 / 17 题