»Jetzt nur vorsichtig die Leiter herunter,« sagte der Feuerwehrmann,
»daß nicht zuletzt doch noch ein Unglück geschieht,« aber der Dachdecker
deutete auf die Schieferplättchen: »Ich kann noch nicht Feierabend
machen,« sagte er, »ich muß an die Arbeit gehen und mein Weg führt durch
die Dachluke.«
»Also gut,« sagte der Feuerwehrmann, »schlafen Sie nicht noch einmal ein
auf dem Dache.«
»Mein Lebtag nimmer,« sagte der Dachdecker, »ich mach' meinen Dank für
die Lebensrettung.«
»Schon recht.« Der Feuerwehrmann stieg hinab. Die Menge drunten verlief
sich, die große Leiter wurde weggefahren, bald hatte die Straße wieder
ihr gewöhnliches Aussehen, und droben auf dem Dach arbeitete der junge
Dachdecker. Jetzt ging ihm die Arbeit flink aus der Hand, er war nicht
mehr müde, hatte er doch ein gutes Schläfchen gemacht; auch kamen ihm
allerlei Gedanken über die Gefahr, in der er geschwebt hatte, über die
hilfreichen Menschen und über Gott den Herrn!
Im Thüringer Wald.
Im Thüringer Wald, hoch droben zwischen den Bergen, liegt das Dörflein
Oberhain. Kleine, schiefergraue Häuslein ohne Scheunen und Ställe, ohne
Gärten und Felder stehen eins neben dem andern dicht am Berg, im
Schatten der nahen Waldbäume. Wenn im Frühjahr die kleinen
Kartoffeläcker bestellt sind, die sich am Berghang hinziehen, ist die
Arbeit getan. Im Sommer erklingt nicht das Dengeln der Sensen, denn es
gibt kein Heu auf den kleinen, nassen Wiesen. Im Herbst sieht man keinen
Erntewagen, denn niemand hat Garben einzubringen; im Winter hört man
nicht dreschen, denn es ist kein Korn gewachsen. Keine Viehherde zieht
durchs Dorf, nur ein paar Geißen grasen da und dort oder ein Schweinlein
läßt sein Grunzen vernehmen. So sieht ein Dorf aus ohne Bauern. Aber
doch leben Leute genug in den schieferbedeckten Häuschen, Leute, die von
früh bis spät fleißig sind. Was mögen sie wohl treiben?
Es war im Juni des Jahres 1900 früh am Morgen. Aus der Türe eines der
Häuschen trat eine kleine Frau; sie war nicht kräftig und rotbackig wie
eine Bäuerin, schmächtig und blaß sah sie aus; doch ging sie ganz munter
ums Haus und holte von den Reisern, die dort aufgeschichtet lagen, ein
Büschel. Die Türe hatte sie weit offen stehen lassen und man konnte
durch dieselbe in das Zimmer sehen und in die Kammer daneben. In dieser
standen zwei Betten. Aus dem einen war eben die Frau herausgeschlüpft
und der Mann lag noch darin. Im andern Bett ruhten zwei Kinder;
eigentlich gehörte wohl noch ein drittes hinein, aber das war offenbar
herausgefallen, denn es lag auf dem Boden, war halb unter die Bettstatt
hinuntergekugelt, schlief aber dort unten ganz ruhig weiter.
Als die Frau mit dem Holz wieder in die Stube kam und Feuer im Ofen
anmachte, verließ der Mann das Bett, kleidete sich an, hob den kleinen
Kerl unter der Bettstatt hervor, legte ihn in sein Bett und sagte zu
seiner Frau: »Den Johann haben sie wieder herausgeworfen, hast nicht
gesehen, daß er auf dem Boden gelegen ist?« »Wohl,« sagte die Frau,
»aber es ist ja nicht kalt und schadet ihm nichts.«
»Ja, ja, im Sommer tut sich's noch, aber die Kinder werden alle Tag'
größer, sie haben zu dritt nimmer Platz in dem Bett, wie soll's im
Winter werden?« »Geh, sorg dich nicht um den Winter, jetzt um Pfingsten
herum,« sagte munter die kleine Frau und setzte einen Topf voll
Kartoffeln aufs Feuer.
Als der anfing zu sprudeln, erwachten die Kinder fast alle zur gleichen
Zeit und bald saß die ganze Familie einträchtig um den Tisch. Mit dem
Anrichten der Kartoffeln machte die Hausfrau nicht viele Umstände, sie
wurden mitten auf den Tisch geschüttet, da kollerten sie schon von
selbst nach allen Seiten und jedes langte zu und aß.
»Mutter, der Johann schiebt die Kartoffeln mit den Schalen hinein,«
sagte Marie, die Sechsjährige. Aber die Mutter lachte bloß: »Er denkt
halt, so geben sie mehr aus,« sagte sie. »Geh, Marie, schäl du sie dem
Johann,« mahnte der Vater, und die Schwester tat es auch, aber lange
hatte sie nicht die Geduld dazu und einige Schalen bekam der Kleine
immerhin noch mit zu essen.
Nach dem Frühstück wischte Frau Greiner mit beiden Armen den Tisch ab,
daß die Kartoffelschalen nach rechts und links auf den Boden flogen und
rieb mit ihrer Schürze darüber. Vater Greiner war inzwischen an den Ofen
gegangen, in dem trotz des warmen Junimorgens noch das Feuer brannte.
Dort stand ein Kessel, von dem kein lieblicher Duft ausströmte: Aus
alten Papierabfällen und Kreide, aus Mehl und Leimwasser rührte da
Greiner einen wunderlichen Brei zusammen und bald brodelte die Masse und
erfüllte mit ihrem Dunst das ganze Stübchen. Papiermasché war es, das er
da bereitet hatte, und nun ging er an seine Arbeit. Er hatte neben sich
eine Anzahl von Formen, so etwa, wie unsere Kinder Formen haben, wenn
sie mit Sand spielen. Sie füllen ihre Förmchen mit dem feuchten Sand und
pressen ihn hinein, und wenn sie dieselben umstürzen, so stehen kleine
Törtchen oder dergleichen da. So füllte Greiner in seine Formen das
Papiermasché, drückte es fest an, und was herauskam, das waren
Puppenköpfe, lauter Puppenköpfe. Schön sahen diese noch nicht aus, sie
waren weiß und weich, hatten noch keine Augen, und vorsichtig mußten sie
zum Trocknen auf die Stäbchen gesteckt werden, die an Brettern rings um
den Ofen gestellt waren. So saß nun auf seinem Holzstuhl Vater Greiner
stundenlang zwischen dem übelriechenden Brei und all den dampfenden
Köpfchen, arbeitete und hustete dabei, denn seine Lunge war krank
geworden von der schlechten Luft.
Seine Frau hatte aber auch nicht umsonst den Tisch sauber gemacht. Bald
lag auf demselben ein Ballen weißen Hemdentuches, aus dem sie Stoff zu
Puppenkörpern herausschnitt; das ging so flink, im Nu war ein ganzer
Stoß geschnitten. Dann ging's ans Nähen; ringsum mußte der Balg
zugenäht werden, nur oben, wo später der Kopf darauf kommt, blieb er
offen. War er genäht, so mußte er umgewendet werden, aber das tat Frau
Greiner nie selbst, dazu war ihre Zeit zu kostbar. Jetzt lagen ein paar
Bälge fertig genäht da. »Philipp, da komm her,« rief die Mutter dem
Fünfjährigen zu, »umwenden! Philippchen, umwenden!«
Das Philippchen wollte nicht recht. Es kugelte mit dem dreijährigen
Bruder, dem Johann, auf dem Boden herum; da war so allerlei: Sägspäne,
die man beim Ausstopfen der Puppenkörper verstreut hatte, Papierabfälle
und Kartoffelschalen; denn nur am Samstag wurde das alles
zusammengekehrt, unter der Woche gönnte sich Frau Greiner nicht die
Zeit. Und heute war Freitag, da waren schon Abfälle aller Art auf dem
Boden und damit unterhielten sich die zwei Kleinen.
»Philippchen, geh zur Mutter,« sagte jetzt der Vater, »wenn die Marie
aus der Schule heimkommt, dann darfst du wieder springen, aber jetzt
mußt du halt dran, da hilft nichts.« Das Philippchen setzte sich nun auf
die Bank am Tisch und nahm einen der genähten Puppenbälge. Er stülpte
ihn um, das ging leicht; aber dann kam eine mühsame Arbeit: die Ärmchen
und Beinchen umzukehren; doch mit seinen feinen Fingerchen konnte er das
besser als große Leute. Wenn er nur auch immer fleißig weiter gearbeitet
hätte; aber die Mutter spornte ihn an, wenn er seine Hände ruhen ließ:
»Philipp, was wird der Herr sagen, wenn ich morgen zu ihm nach Sonneberg
komme und kann nicht so viel abliefern, als ich versprochen habe!«
»Was sagt er dann, Mutter?«
»So,« sagt er, »so wenig Bälge bringt Ihr? Der Korb ist ja nur halb
voll.«
»Was sagst du dann, Mutter?«
»Dann sag' ich: Ja, Herr, es ist ein Jammer, mein Philipp ist halt so
faul.«
»Was sagt dann der Herr, Mutter?«
»Dann sagt er: 'Euch geb' ich keine Arbeit mehr, da geb' ich's lieber
dem Haldengreiner, der ist fleißiger.'
»Und dann, Mutter?«
»Und dann müssen wir alle Hungers sterben.«
Auf das hin regte Philipp fleißig seine Fingerlein und sah eine ganze
Weile nicht von seiner Arbeit auf.
»Es ist ein Elend, daß man's mit allem Fleiß nicht weiter bringt,« fing
der Hausvater nach einer Weile an.
»Warte nur, es kommt schon besser,« sagte die Frau, »am letzten Samstag
ist in Sonneberg allgemein die Rede gewesen, daß aus Amerika große
Bestellungen gekommen sind, da gibt's Arbeit genug!«
»Was hilft's, wenn's nicht besser bezahlt wird? Wir bringen doch nicht
mehr fertig.«
»Das mußt nicht meinen. Der Johann ist jetzt schon drei Jahre, mit vier
kann man ihn schon anweisen und mit fünf hilft er so viel wie der
Philipp!«
»Dafür muß der dann in die Schule, das gibt auch wieder einen Ausfall in
der Arbeit.«
»Die paar Schulstunden mußt nicht so rechnen,« sagte die Frau, »die
bringen sie bei Nacht herein. Dem Haldengreiner sein Achtjähriger, der
hat schon manche Nacht durchgeschafft.«
»Weiß schon, dann schlafen sie in der Schul', soll gar nicht gut sein
für die Kinder; dumm und schwach bleiben sie, hat der alte Lehrer
gesagt, und der neue Lehrer sagt's auch und er hat recht.«
»Geh zu, was der Lehrer sagt, mußt nicht so anschlagen, er möcht' halt,
daß die Kinder lernen. Der alte hat's immer gewollt, und der neue ist
auch nicht besser. Da ist einer wie der andere aufs Lernen aus.«
»Aber ist's nicht wahr, daß wir Leute schwach sind? Sogar der Schulz
sagt, die wenigsten von unseren Burschen geben Soldaten.«
»Was Soldaten, wir brauchen doch keine, es ist ja seit dreißig Jahren
Frieden im Land!«
»Jetzt, Frau, du redest aber dumm daher.«
Die Frau lachte. »Wird halt der Lehrer recht haben, daß wir dumm sind.
Aber wieviel Nächte hab' ich auch schon durchgeschafft! Aber was willst
denn machen? Wir können's doch nicht ändern. Geh, stopf du dir die
Pfeife, daß dir die schweren Gedanken vergehen, am Samstag bring' ich
dir wieder ein Päckchen Tabak mit.«
_Der_ Trost verfing am besten; über den Qualm der Pfeife kam der
sorgliche Hausvater in gemütliche Stimmung.
Inzwischen wurde es immer dumpfer und heißer in dem Stübchen; der Johann
wollte auch nicht mehr gut tun, da kam gerade zur rechten Zeit die
Schwester aus der Schule heim. Sie hatte noch nicht die Bücher abgelegt,
als Philipp schon den Puppenbalg aus der Hand warf, den er eben in
Arbeit hatte: »Da, Marie,« rief er, »jetzt komm du her.« »Halt,« sagte
der Vater, »zuerst müssen die Köpfe hinaus in die Sonne, so lang bleibst
du noch sitzen, Philipp.« Der kleine fünfjährige Arbeiter setzte sich
mit weinerlichem Gesicht wieder an die Arbeit; Marie nahm eines der
Bretter, auf dem die Köpfe standen, und trug sie hinaus. Sie wußte
schon, wie sie's zu machen hatte: am Gartenzaun wurde ein Köpfchen neben
dem andern aufgesteckt, auch auf die Fensterbretter außen wurden sie zum
Trocknen gestellt, überall, wo irgend ein Platz zu finden war. An
sonnigen Tagen waren gar viele Gärten und Häuser im Dorf so eigenartig
geschmückt.
Jetzt kam Marie wieder zurück in die Stube; der kleine Philipp sah
begierig auf, ob ihn die Schwester nun ablösen würde. Die aber nahm ihre
Schiefertafel, ihr Schulbuch und ihren Griffel und machte alle
Anstalten, ihre Schulaufgabe zu schreiben. Aber da erhob sich allgemeine
Einsprache: »Was fällt dir denn ein, Marie,« rief die Mutter, »gerad'
nur von der Schul' heim und wieder schreiben, du bist wohl nicht recht
bei Verstand! Als ob wir keine Arbeit hätten! Elias, siehst nicht den
Übermut?« rief sie dem Mann zu. Der wandte sich um und wollte auch etwas
dagegen sagen, aber da kam der Husten und verhinderte die Einsprache;
sie war auch nicht mehr nötig, denn der Philipp fing so laut an zu
heulen, daß Marie ihren »Übermut« aufgab, die Bücher beiseite schob und
des kleinen Bruders Arbeit nahm, ohne ein Wort zu sagen.
»So, Philippchen,« sagte die Mutter, »jetzt gehst du in die Wirtschaft
und holst um zwanzig Pfennige Speck zu Mittag; nimmst auch den Johann
mit, daß er auch sein Vergnügen hat.«
»Er hat gar keinen Rock an, darf er im Hemd mit?«
»Den Rock mußt ihm halt anziehen, er liegt in der Kammer auf dem Bett.«
»Ja, der hat schon gestern keinen Häckel mehr gehabt, den kann man
nimmer zumachen.«
»Sei nicht so dumm, Philippchen, suchst eben, ob du nicht eine
Stecknadel findest, daß der Rock so lange hält, bis ihr wieder
heimkommt.«
»Könntest nicht so einen Häckel hinnähen?« fragte der Vater.
»Es ist halt alles zerrissen,« sagte die Mutter, »aber am Sonntag will
ich's schon richten. Johann, gelt, tust dein Röckchen schön halten, daß
es auf der Gasse nicht herunterfällt!«
»Das Geld, Mutter, hast keine zwanzig Pfennig?«
»Was fragst so dumm, Philipp, du weißt doch, daß am Freitag das Geld
aus ist; sag nur, die Mutter zahlt's morgen, wenn sie von Sonneberg mit
dem Geld heimkommt.« Die Kinder gingen; der Johann hielt mit beiden
Händchen seinen Rock hoch, denn die krumme Stecknadel, die der Philipp
gefunden hatte, taugte nicht viel und der Rock wollte immer
herunterrutschen auf dem Weg zum Wirt, der zugleich der Metzger war.
»Wenn man's doch richten könnt',« sagte Greiner zu seiner Frau, »daß man
immer gleich bezahlen täte, was man holt!«
»Der Wirt borgt gern,« entgegnete die Frau leichthin.
»Aber doch rechnet er mehr an; elf Pfennige statt zehn, wenn er hat
borgen müssen, und der Krämer macht's auch so.«
»So ist's halt, Elias, das kannst doch nicht ändern, es war immer schon
so.«
»Aber anders wär's halt doch besser. Wenn man nur ein einziges Mal ein
klein Sümmchen ins Haus bekäm', daß man das alte zahlen könnt' und das
neue auch; von da an dürft' mir nichts mehr auf Borg geholt werden, kein
Lot Kaffee. Aber wir bringen's nie zu einem Sümmchen und wenn wir uns
die Finger wund arbeiten.«
»So red' doch nicht so viel, mußt sonst doch nur husten, wer kann's denn
wissen, ob's nicht einmal besser kommt? Deine Schwester ist doch auch
eine reiche Frau geworden und lebt in Köln am Rhein und muß gar nichts
arbeiten.«
»Ja, die hat ihr Glück gemacht, aber an uns denkt sie nicht; das macht
halt, sie ist so jung schon fortgekommen und hat unser Elend vergessen,
die weiß gar nicht, wie wohl unsereinem einmal ein Goldstücklein tät!
Schon lang hat sie nichts geschickt.«
»Weil sie auch gar so weit weg ist!«
»Von Köln aus könnt' man schon etwas schicken; unsere Puppen schickt
man doch sogar bis nach Amerika.«
»Amerika! Das ist nicht so weit, da fahren die Schiffe alle Tage herüber
und hinüber und am Samstag kannst in Sonneberg oft genug so einen Herrn
aus Amerika sehen und aus England auch; aber aus Köln kommt keiner, das
muß viel weiter weg sein.«
»Viel näher ist's, Frau, das könntest auch wissen, nach Amerika mußt
übers Meer.«
»Und nach Köln wirst über den Rhein müssen, der soll auch so ein großes
Wasser sein.«
»Der ist doch nur ein Fluß!«
»Meinetwegen, ich hab' auch keinen Fluß und kein Meer gesehen.«
Jetzt unterbrachen die Kinder, die den Speck brachten, die Unterhaltung.
Die Mutter setzte wieder Kartoffeln zu, und um 12 Uhr legte die ganze
Familie für ein Stündchen die eintönige Arbeit beiseite und die müden
Hände durften ein wenig ruhen.
»Warum hast heute so schnell deine Schulaufgabe schreiben wollen?«
fragte Vater Greiner sein Schulmädchen. Marie wollte nicht heraus mit
der Sprache. »Warum, sag's, bist abgestraft worden? Hast doch gestern
abend geschrieben!«
»Ja,« antwortete Marie, »aber der Lehrer hat's nicht lesen können; ich
soll's bei Tag schreiben, sagt er, gleich zuerst. Denn was wir bei der
Nacht schreiben, könne er gar nicht lesen, so schlecht sei's.«
»Wart nur,« tröstete die Mutter, »im Winter, wenn die stille Zeit kommt
und keine Arbeit im Haus, dann kannst schreiben, wann du willst, den
ganzen Tag. Aber jetzt geht's halt nicht, jetzt kommt die strengste Zeit
für uns, da muß schon der Lehrer nachgeben.«
Ja, es war strenge Arbeitszeit im ganzen Dorf, denn im Sommer werden
die Puppen gemacht, die im Winter auf dem Weihnachtstisch liegen sollen.
Bis spät in die Nacht hinein arbeitete Vater Greiner und seine Frau, um
alles fertig zu bringen. Am Samstagmorgen standen sie frühe auf. Da
wurde der riesengroße Huckelkorb vollgepackt mit all den fertigen
Puppenkörpern, die Köpfe wurden in großen Schachteln noch oben auf den
Korb geschnürt und ein langes Tuch darüber gebunden. Solch einen Korb
aufzuhuckeln, ist ein ganzes Kunststück, und mancher kräftige Mann
möchte die Bürde nicht auf sich nehmen. Aber Frau Greiner, so
schwächlich sie erschien, war von Jugend auf gewöhnt, die Last zu
tragen, und nahm sie auch heute fröhlich auf sich. Ihr Mann zog noch
sorglich die Schnur fest, daß nichts ins Wanken geraten konnte von den
oben aufgepackten Schachteln, die hoch über den Kopf der Frau
hinausragten, und die Kinder sahen ernsthaft zu; sie wußten schon, daß
der Samstag immer der wichtigste Tag war, an dem die Mutter die Arbeit
ablieferte und neue heimbrachte, und Geld dazu für die ganze Woche. Ein
gut Stück Weg liefen sie neben ihr, dann mußten sie umkehren, aber
diesmal nicht alle. Für Marie war heute ein besonderer Samstag vor
andern, sie durfte mit in die Stadt, und die Mutter wollte für sie einen
eigenen Huckelkorb einkaufen, damit sie künftig helfen könnte tragen,
wenn es gar zu viel für die Mutter würde.
Und so wanderte sie neben der Mutter her durchs Dörfchen. Aber sie
blieben nicht lange allein, denn da und dort kamen aus den kleinen
Häusern Frauen und Mädchen mit schwerbeladenen Huckelkörben und mit
kleinen Handwagen; sie zogen alle dieselbe Straße nach Sonneberg.
Zwischen den schönen Waldbergen hindurch gingen sie gebückt unter der
Last, aber doch in fröhlichem Geplauder, und als sie in die Nähe der
Stadt kamen, sahen sie von anderen Ortschaften her ähnliche Gestalten
der Stadt zupilgern.
»Mutter, was haben die in ihren Körben? Die tragen nicht so schwer wie
du,« fragte Marie. »Das sind die von Lauscha,« sagte Frau Greiner, »die
machen Glaskugeln und Christbaumschmuck und Puppenaugen. Die sind auch
nicht besser bezahlt als wir, aber jetzt paß auf, der dort mit dem
schweren Korb, das ist ein Augeneinsetzer, die sind am besten bezahlt.«
Achtungsvoll sahen Mutter und Tochter nach dem Mann mit dem schweren
Korb.
Nun machte die Straße eine Biegung und Sonneberg, die freundliche Stadt,
erschien mit ihren schönen, schiefergedeckten Häusern mitten unter
grünen Hügeln. Hier strömten von allen Seiten die Bewohner der
umliegenden Ortschaften zusammen und suchten die großen Geschäfte auf,
die aus den abgelieferten Köpfen, Körpern und Gliedern die Puppen fertig
machen und in alle Welt hinaus versenden. Marie ging neben der Mutter
her, sah nach den schönen Häusern hinauf und las die Aufschriften:
»Spielwarenfabrik« hieß es an dem einen, »Fabrik gekleideter Puppen« an
dem andern, und so fort; die ganze Stadt schien wegen der Puppen da zu
sein. Darüber wunderte sich Marie auch gar nicht; ihre Eltern, ja fast
alle Menschen, die sie kannte, lebten ja auch durch die Puppen.
Jetzt endlich waren sie an _der_ Fabrik angelangt, für die Greiner
arbeitete, und mit Herzklopfen folgte Marie ihrer Mutter durch das große
Eingangstor in den Hofraum und durch eine Tür in ein Arbeitszimmer, in
dem schon mehrere Frauen und Mädchen standen und warteten.
Eine Frau packte eben die Puppenkörper aus, die sie gebracht hatte, und
ein Herr mit der Brille auf der Nase sah einen jeden prüfend an, warf
ihn dann neben sich in einen großen Kasten und zählte dabei. Die Frau
sah ängstlich zu. Jetzt warf der Herr einen der Körper beiseite und am
Schluß noch einen.
»Zwei gehen ab, die sind ungleich gearbeitet, müssen noch einmal
aufgetrennt werden.« Die Frau legte sie stillschweigend wieder in ihren
Korb, bekam dann einen Zettel, auf dem stand, wieviel sie abgeliefert
hatte, und ging mit diesem in das nächste Zimmer, wo sie ausbezahlt
wurde und neue Aufträge für die nächste Woche erhielt. So kam eine der
Frauen nach der anderen an die Reihe, auch Frau Greiner lieferte ab.
Ihre Arbeit wurde tadellos befunden und vergnügt strich sie ihr Geld
ein. Für die nächste Woche gab's Arbeit genug, fast mehr als Frau
Greiner versprechen konnte. Der Herr vermerkte es in seinem Buch.
»Mutter, so viel bringen wir doch nicht fertig?« fragte Marie, als sie
aus dem Zimmer waren. -- »Ich weiß wohl, aber das darf man nicht sagen,
sonst heißt's später, wenn's weniger Arbeit gibt, gleich: Ihr habt uns
auch im Sommer im Stich gelassen, wie die Arbeit drängte.«
»Aber wenn wir's in dieser Woche nicht fertig bringen? O da möcht' ich
nicht dabei sein, wenn du zu dem Herrn kommst und zu wenig ablieferst,
da würd' ich mich fürchten!«
»Wir werden schon fertig; wenn der Tag nicht reicht, so gibt's doch noch
die Nacht. Jetzt komm, jetzt gehen wir zur Großmutter und schauen, wie's
der Alten geht, und deinen Korb kaufen wir auch.«
Die Großmutter wohnte ganz oben im alten Teil des Städtchens, wo kleine
Häuschen in engen Gassen sich am Berg hinziehen. Marie war vor Jahren
einmal dagewesen und hatte ihre Großmutter und die Tante, bei der sie
wohnte, besuchen dürfen, sie konnte sich's kaum mehr erinnern.
Sie stiegen eine schmale Treppe hinauf und kamen in einen dunklen Gang.
Marie hielt sich an der Mutter. »Gelt, dir kommt's dunkel vor?« sagte
die Mutter, »aber ich find' gut meinen Weg, ich bin ja da aufgewachsen,
und wie ich so alt war wie du, bin ich durch den Gang gesprungen, wie
wenn's heller Tag wär'.« Sie kamen an einer Tür vorbei, man hörte
sprechen. »Das ist noch nicht die rechte Stub', da wohnt ein Stimmacher;
weißt so einer, der den Puppen die Stimme einsetzt, daß sie Papa und
Mama sagen können. Und da gegenüber ist jetzt einer, der macht
Puppenschuh', hörst nicht seine Maschine?«
»Aber da wohnen viel Leut', Mutter!«
»Was meinst auch, in Sonneberg sind die Wohnungen gar teuer, aber jetzt
sind wir an der rechten Tür, da wohnen wir.« Ohne anzuklopfen machte
Frau Greiner die Türe auf: »Guten Tag, Mutter, guten Tag, Regine. Seid
ihr wohlauf? Marie, kennst die Großmutter noch? Geh vor, gib ihr die
Hand und deiner Tante Regine auch.«
Die alte Frau, die am Fenster saß, nickte freundlich den Ankommenden zu
und erwiderte den Gruß. Aber sie stand nicht auf von ihrem Stuhl, denn
sie war an der Arbeit. Einen Puppenkopf hatte sie vor sich, einen ganz
fertigen, schön bemalten, mit Augen im Kopf, aber oben war das Köpfchen
noch offen, dem leimte sie eben das Deckelchen auf, mit dem schön
gelockten Haar. Und die Tante, die kniete eben vor dem Ofen und zog aus
der Röhre ein Backblech hervor. Aber Kuchen war nicht auf dem Blech,
etwas ganz anderes kam zum Vorschein. Glasröhrchen, umwickelt mit
blonder und brauner Mohärwolle, die wie Haar aussah, lagen da
nebeneinander auf dem Blech und waren im Ofen getrocknet worden. Mit
geschickten Fingern streifte Regine die aufgewickelte Wolle vom
Glasröhrchen ab, und nun war es eine festgerollte schöne Locke, fertig
zum Aufkleben auf den Puppenkopf.
Wenn auch die beiden Frauen ihre Arbeit kaum unterbrachen, waren sie
doch freundlich gegen ihre Besuche, fragten nach Mann und Kind und
wunderten sich, daß Marie schon so groß sei. Auf dem Ofen stand eine
Kanne mit Kaffee. »Schenk dir ein und deiner Marie auch,« sagte die
Großmutter, »hol das Brot aus der Schublade und schneid euch ab, es ist
euch vergönnt.«
Da saßen sie und aßen und Marie sah dabei auf die Tante, wie sie so
blitzschnell die Löckchen abstreifte und von der schönen Mohärwolle, die
neben ihr stand, neue feuchte Strängchen um die Glasröhrchen wickelte,
daß in kurzer Zeit das Blech wieder voll war und in die Herdröhre
wanderte. »Das Frisieren ist schöner als das Bälgemachen, Mutter,« sagte
Marie, »das möcht' ich lieber tun.«
»Gefällt dir's?« sagte ihre Tante. »Wenn du aus der Schule bist, dann
kommst du nur zu uns und hilfst mir. Die Großmutter wird alt, der
zittern jetzt schon die Hände.« Aber Frau Greiner lachte. »Du wärst
nicht dumm,« sagte sie zu ihrer Schwester. »So lang die Kinder klein
sind, soll ich sie haben, und wenn sie aus der Schul' sind, sollen sie
dir verdienen helfen. Die Marie wird schon daheim bleiben müssen. Wir
haben jetzt auch Arbeit genug, ich kann sie nimmer allein tragen; einen
Korb will ich der Marie kaufen, daß sie mir künftig tragen hilft. Wir
müssen gehen, daß wir vor Abend noch heimkommen.«
Stolz kehrte Marie mit dem neuen Huckelkorb auf dem Rücken von Sonneberg
heim. Im Dorf hielten sie sich mehr als einmal auf, ehe sie ins eigene
Haus kamen. Beim Metzger und beim Krämer, beim Bäcker und bei der
Nachbarin, die Geißmilch verkaufte, waren Schulden zu bezahlen und
überall wurde noch ein wenig eingekauft, so daß die kleine Barschaft
schon ziemlich zusammengeschmolzen war, als sie ihr Haus erreichten. Der
kleine Philipp sprang ihnen entgegen.
»Ihr kommt so spät heut',« sagte er, »es steht schon lang einer da und
wartet auf dich.«
»Wer ist's denn?«
»Der den Stoff verkauft, der will Geld.« »O den kann ich schon gar nicht
leiden,« sagte die Mutter, »hätt' ihn der Vater doch fortgeschickt.«
»Der Vater ist auf dem Kartoffelacker, den Johann hat er mitgenommen.«
Vor dem Hause setzte Frau Greiner den Huckelkorb ab, mit dem sie gar
nicht durch die niedrige Türe gekonnt hätte, und dann trat sie ins
Zimmer. Am Fenster stand der Kaufmann, der von Zeit zu Zeit in den Ort
kam und das Tuch verkaufte, aus dem die Puppenkörper angefertigt wurden.
Ihm war Frau Greiner viel schuldig, und so ungern sie ihr Geldchen, das
sauer verdiente, hergab, so langsam sie auch die Markstücke aufzählte,
sie durfte sie doch nicht behalten, sie wanderten in die große Geldbörse
des Kaufmanns. Er hätte ihr sonst keinen neuen Stoff gegeben und sie
brauchte doch so viel für die Bestellungen, die sie angenommen hatte.
Nachdem sie bezahlt hatte, rollte er bereitwillig seinen Ballen auf, und
sie konnte von dem schönen weißen Stoff haben so viel sie wollte.
»Wollen Sie ihn nicht gleich zahlen, Frau Greiner, oder wenigstens einen
Teil davon? Sie haben ja noch Geld, wie ich sehe, und Sie bekommen jeden
Meter um zehn Pfennig billiger, wenn Sie gleich bezahlen.«
Aber Frau Greiner entsetzte sich ordentlich über den Vorschlag. »Noch
mehr zahlen!« rief sie. »Was meinen Sie denn, von was sollten wir denn
leben in der Woche? Und muß ich nicht auch was zurücklegen für den
Hauszins und etwas für die Steuer und für die Sterbekasse? Und gerade
heut', wo wir einen Huckelkorb gekauft haben! Marie, zeig deinen Korb.
Sehen Sie? Gleich bar hab' ich die Hälfte vom Preis auf den Ladentisch
hinlegen müssen, sonst hätte ich ihn gar nicht mitbekommen; nein, bis
Ende der Woche reicht's nimmer zu einem Päckchen Zichorie, das kann ich
schon jetzt sehen.«
»Nun, ich bin ja zufrieden, ich habe es ja nur gut mit Ihnen gemeint,«
beschwichtigte der Kaufmann. »Jetzt ist ja die beste Zeit vom Jahr.
Leben Sie wohl, und guten Verdienst!«
Frau Greiner verwahrte das kleine Geldsümmchen im Schrank; auch den
Stoff schloß sie sorgfältig hinein, denn am Samstag abend wurde nicht
mehr gearbeitet. Der Mann kam ganz erschöpft vom Acker heim, er war die
Feldarbeit nicht gewöhnt, auch die Frau war müde von dem langen Marsch.
Aber als sie dann mit den Kindern um den Tisch mit den Kartoffeln saßen,
wurden sie alle wieder guten Muts. Es sah auch heute abend ganz nett in
der Stube aus, die Arbeit war weggeräumt, der Boden aufgekehrt. Das
hatte der Mann besorgt, während die Frau in der Stadt war, und nun
machte er Feierabend und setzte sich auf die Bank vor dem Haus; die
Nachbarn erschienen auch, da und dort standen sie beisammen und
plauderten.
Aber die Frauen hatten noch nicht Feierabend. »Schlupft ins Bett,
Kinder, daß ich euere Hemden waschen kann,« sagte Frau Greiner. Die
Kleinen besaßen jedes nur _ein_ Hemd, das wurde immer in der Nacht von
Samstag auf Sonntag gewaschen und am Ofen getrocknet. Marie hatte schon
zwei Hemden, dafür mußte sie aber auch schon helfen beim Waschen. Heute
kam's ihr sauer an, sie war so müde, und als die Mutter einmal von der
Waschwanne an den Brunnen ging, um Wasser zu holen und wieder ins Haus
zurückkam, war die kleine Wäscherin nicht mehr zu sehen und nicht zu
errufen -- sie war schnell ins Bett geschlupft und schlief schon fest.
Frau Greiner lachte und ließ sich's gefallen.
Am Montag morgen saß die Familie wieder an der Arbeit und jedes von
ihnen hätte gedacht, daß dieser Tag und all die nächsten genau so
verstreichen würden, wie die vorigen, denn eintönig floß das Leben
dieser fleißigen Leute dahin; doch diese Woche brachte einen andern Ton.
Er kam durch den ins Haus, der gar oft Aufregung bringt: durch den
Postboten. Der Postbote war gar kein so seltener Gast in der Familie
Greiner, denn er brachte manchmal Anerbietungen von Kaufleuten, manchmal
auch Mahnungen wegen rückständiger Zahlungen. Derentwegen machte er die
Türe gar nicht auf, sondern legte sie nur durchs Fenster aufs Gesimse.
Heute aber kam er ins Zimmer und sagte: »Daß ihr nur nicht erschreckt:
diesmal bringe ich einen Trauerbrief!« Sie erschraken aber doch. »Ich
habe ja sonst keine Zeit, die Sachen zu lesen,« sagte der Postbote,
»aber _die_ Anzeige habe ich lesen müssen, weil's mich doch gewundert
hat, wer an euch so vornehm schreibt und weil's so eine ganz besondere
Traueranzeige ist.« Er ging. Die Anzeige kam aus Köln. Die Aufschrift
lautete: an »Herrn Fabrikbesitzer Greiner mit Familie« und der Inhalt
war freilich zum Erschrecken: Herr und Frau Fabrikant Langbeck in Köln
waren an _einem_ Tag infolge eines Unglücksfalls plötzlich gestorben.
Frau Langbeck war Greiners Schwester. Greiner und seine Frau standen
ganz erschüttert beisammen und starrten auf die Nachricht und konnten
sie kaum glauben. Und dann hätten sie so gerne Näheres gewußt. Was für
ein Unglücksfall konnte das gewesen sein? Immer wieder lasen sie das
Blatt, aber es standen nur so wenige Worte darin.
»Haben wir nicht erst in den letzten Tagen von deiner Schwester
gesprochen?« sagte Frau Greiner. »Vielleicht gerade in der Stunde, in
der sie verunglückt ist; das war eine Ahnung, es war mir gleich damals
so traurig zumute.«
Auch die Kinder, die manchmal von ihren reichen Verwandten in Köln
gehört hatten, staunten das schwarzgeränderte Papier an, das solche
Trauerkunde gebracht hatte. Aber nach einer Viertelstunde saßen Greiner
und seine Frau wieder an der Arbeit, und wenn _er_ auch seine Schwester
wirklich betrauerte, und wenn _sie_ auch voll Mitleid an die verwaisten
Kinder dachte, Zeit durfte nicht versäumt werden; er mußte doch wieder
an seine Formen zurück und sie mußte die Bälge nähen, wie wenn nichts
geschehen wäre.
Und doch sollte das, was geschehen war, mehr Einfluß auf ihr Leben
haben, als sie ahnten. Es vergingen ein paar Tage, da reichte der
Postbote wieder einen Brief mit Trauerrand durchs Fenster, der wieder an
Herrn Fabrikbesitzer Greiner überschrieben war.
»Was ist aber das!« rief Frau Greiner entsetzt. »Jetzt sind wohl auch
noch die Kinder verunglückt. Ich habe doch auch so viel an sie denken
müssen. Ich will's nur gleich vorlesen, du hast ja doch die Hände voll
Brei!« Der Brief war von einem Verwandten des verstorbenen Fabrikanten
Langbeck. Er teilte mit, es habe sich leider herausgestellt, daß das
Geschäft des Verstorbenen zurückgegangen sei und er sein Vermögen
eingebüßt habe. Nun müsse gesorgt werden für die drei mittellos
hinterbliebenen Kinder: ein Mädchen von sieben Jahren, ein Knabe von
vier, und einer von einem halben Jahr. Greiner möchte erklären, ob er
nicht eins oder zwei der Waisen aufnehmen könne. Die Kinder seien etwas
verwöhnt, weil sie in einem reichen Hause aufgewachsen seien, aber guten
Charakters. Nur der vierjährige sei ein wilder Junge und brauche gute
Zucht. Baldiger Bescheid wäre erwünscht.
Greiner nahm diese Anfrage schwer auf. Ihn drückte ohnedies die Sorge
für seine Familie; es war kein Brot übrig und war kein Platz frei für
ein weiteres Familienglied. Er war kränklich und schwach und wollte sich
keine neue Lasten aufbürden, die alte drückte ihn schon schwer genug.
Aber seine Frau sah's anders an. »Wir nehmen das Mädchen,« sagte sie,
»die Große, die Siebenjährige. Bedenk doch nur den Nutzen! Ein Bett hat
sie, denn in reichen Familien hat jedes ein Bett, das muß sie
mitbringen, da kann unsere Marie bei ihr schlafen, denk nur die Wohltat.
Und dann die Arbeit, die sie tun kann! Sieben Jahre, wahrscheinlich bald
acht, gleich kann sie Bälge füllen und jedes Jahr verdient sie mehr. Und
dann bedenk doch, es sind doch deiner Schwester Kinder!«
Vater Greiner wurde ganz überstimmt, denn auch die Kinder stellten sich
auf der Mutter Seite, Marie vor allem freute sich bei dem Gedanken an
eine große Schwester. Aber wenn er auch nicht mehr viel sagte, es lag
ihm doch schwer auf der Seele, und oft mußte ihn seine Frau in den
nächsten Tagen drängen, bis endlich ein Brief nach Köln abging, in dem
sich Greiner bereit erklärte, Edith, das siebenjährige Töchterchen,
aufzunehmen. Gleich darauf kam der dritte Brief aus Köln. Er war von der
Hand eines jungen Mädchens geschrieben, das als Kinderfräulein in der
Familie Langbeck diente, und gerichtet an Frau Greiner. Sie teilte mit,
daß Edith, schon ehe Greiners Brief angekommen war, eine freundliche
Unterkunft gefunden habe, nicht so die Knaben. Sie bitte nun im
Einvernehmen mit dem Vormund herzlich, statt Edith das jüngste Knäblein,
den kleinen Alex, aufzunehmen. »Es ist ein goldiges Kind,« schrieb das
Fräulein. »Es war unser aller Liebling; ich mag gar nicht daran denken,
daß ich mich nun von ihm trennen muß, und ganz gewiß werden auch Sie und
Ihr Herr Gemahl die größte Freude an ihm haben, und er wird herrlich
gedeihen in der köstlichen Luft des Thüringer Waldes. Ich bin im
Begriff, in meine Heimat zu reisen, komme nahe an Thüringen vorbei und
wurde von dem Vormund der Kinder gebeten, Ihnen den Kleinen zu
übergeben. So bringe ich Alex, wenn Sie nicht abtelegraphieren, schon
übermorgen. Alex ist mit Soxhlet aufgezogen, ich bringe diesen deshalb
auch mit. [Fußnote: Unter Soxhlet versteht man eine Vorrichtung zum
Kochen der Milch für kleine Kinder.] Wenn Sie dadurch auch mehr Mühe
haben, wird es doch für die ersten Wochen, bis der Kleine eingewöhnt
ist, gut sein.« Der Brief war unterschrieben: »Elisabeth Moll,
Kindergärtnerin.«
Frau Greiner hatte den Brief vorgelesen. Bei dem Wort »Soxhlet« stockte
sie, _das_ Wort hatte sie noch nie gelesen. »Wen bringt sie mit?« fragte
Greiner. »Den Soxhlet bringt sie mit; das muß der größere Bruder sein,
der vierjährige, der wilde, von dem sie neulich geschrieben haben.«
»Soxhlet, den Namen habe ich aber noch nie gehört,« sagte Greiner. »Die
vornehmen Leut' haben immer so tolle Namen«, meinte die Frau. »Alex
steht gerade so wenig im Kalender, und Edith heißt bei uns auch niemand.
Es kann auch gar niemand anders sein, als der größere Bub, sie schreibt
ja, das Mädchen habe eine Unterkunft gefunden, aber die Buben nicht. So
schicken sie halt beide zu uns, das ist eine schöne Bescherung!«
Diesmal war sogar Frau Greiner besorgt, wie das gehen solle, und große
Bestürzung herrschte in der Familie. Vater Greiner war ungehalten. »Mir
kommt's auch gar nicht recht vor, wenn man schreibt, man wolle ein
Mädchen und man schickt einem dann zwei Buben! Man hätt's nicht tun
sollen, und wenn's auch meiner Schwester Kinder sind!«
»Wer weiß, ob sie nur Betten mitbringen,« sagte Frau Greiner. »Kinder,
da dürft ihr euch schmal machen.«
»Wie heißt der Böse, Mutter?« fragte Marie.
»Soxhlet heißt er.«
»Bei wem schläft der? Vor dem fürcht' ich mich, gelt, den legst nicht zu
mir?«
»Der kommt ja nur für ein paar Wochen,« sagte die Mutter.
»Ja, wenn das nur wahr ist,« sagte Greiner. »Wenn ihn aber niemand
abholt, dann bleibt er halt an uns hängen, auf die Straße kannst ihn
doch nicht setzen.«
»Du meine Güte, du denkst auch gleich ans Schlimmste,« rief Frau
Greiner. »Das wär doch gar zu arg. Es ist schon der Kleine schlimm, der
schreit noch bei Tag und Nacht, und das ist noch das ärgste, wenn man
nicht einmal seine paar Stunden Nachtruh' hat. Aber auch noch so einen
Wilden dazu, der die Sägspäne verstreut oder deine Köpfe umstößt, so
einen können wir nicht brauchen. Weißt noch, wie der Lehrer einmal so
Kostbuben gehabt hat? Gleich ist der eine zum Täuflingsmacher und hat
das Papiermasché umgeworfen! Jetzt rechne nur einmal die Kosten!«
»Sie schreibt doch etwas vom abtelegraphieren; kann man das nicht
telegraphieren, daß sie den Soxhlet nicht mitbringen sollen?«
»Wenn's halt nicht recht teuer ist, so ein Telegramm nach Köln.«
»Man könnt' ja fragen, was es kostet.«
»Jedes Wort wird da gerechnet, bis du nur überschreibst: an Fräulein
Elisabeth Moll in Köln am Rhein, äußere Ringstraße Nr. 5, hast schon --
zähl' einmal -- hast schon zehn Wörter und steht noch nichts vom Soxhlet
darin. Dann, so barsch möcht' ich auch nicht sein, daß ich nur
schreibe, sie sollen ihn nicht mitbringen, man müßt' doch auch
erklären, warum. Wieviel gäb' das Wörter! Das geht nicht in ein
Telegramm.«
»Und zum Brief ist's zu spät?«
»Ja, zu spät.«
Jetzt wurde es ganz still im Zimmer. Vater Greiner bückte sich wieder
über seine Arbeit wie immer, nur sah sein abgemagertes Gesicht noch
sorgenvoller aus, als sonst, und auch Frau Greiner hatte nicht ihren
gewohnten fröhlichen Ausdruck. Marie hatte sich gefreut auf die
Genossin, nun kamen statt ihrer kleine Buben, von denen hatte sie schon
vorher genug. So machte auch sie ein betrübtes Gesicht, während sie die
Puppenbälge mit Sägspänen ausstopfte, und es lag eine rechte Mißstimmung
über der ganzen Familie. Aber nach einem kleinen Weilchen erschien schon
wieder ein heiterer Zug auf dem Gesicht von Frau Greiner, und indem sie
nach ihrem Mann hinsah, sagte sie: »So hat dich wohl niemand genannt,
'mein Herr Gemahl!'« und sie lachte und die Kinder auch. »Was wohl das
Fräulein, wenn sie kommt, für Augen macht, wenn sie meinen Herrn Gemahl
sieht in seinem großen Schurz voll Papiermaschétropfen und in seinem
verflickten Kittel? Ich meine, die stellen sich alles viel nobler bei
uns vor, weil sie doch auch immer an den Herrn Fabrikbesitzer schreiben.
Die denkt nicht, daß du nur ein Drücker bist und bei uns alles so
armselig ist.«
Ja, damit hatte Frau Greiner richtig geraten. Fräulein Elisabeth Moll,
die seit einem Jahr in der Familie Langbeck treue Dienste leistete,
hatte sich eine ganz falsche Vorstellung von der Familie Greiner
gemacht. Frau Langbeck hatte von ihren Verwandten in Thüringen nur
einmal gesprochen. »Mein Bruder,« hatte sie gesagt, »verfertigt solche
Puppen, wie Edith hier eine hat. Auch mein Vater hat sich schon damit
abgegeben.« Da nun Herr Langbeck Besitzer einer großen Fabrik war, so
hatte sich das Fräulein unwillkürlich Herrn Greiner als den Besitzer
einer eben so großen Puppenfabrik vorgestellt, und weil in der Familie
Langbeck alles hübsch und vornehm eingerichtet war, so machte sie sich
auch vom Haus Greiner ein solches Bild. Sie war es, die den Vormund auf
diesen Bruder der Frau, auf den Fabrikbesitzer Greiner, aufmerksam
gemacht hatte. Der Vormund fühlte sich sehr erleichtert, als sich eine
anscheinend so günstige Aussicht für einen seiner kleinen
Pflegebefohlenen eröffnete. Er war nicht allzu gewissenhaft, hielt es
nicht für nötig, sich näher nach den Thüringer Verwandten zu erkundigen,
noch auch mit ihnen persönlich in Briefwechsel zu treten. Im Vertrauen
auf das bewährte Kinderfräulein beauftragte er dieses, bei der Familie
Greiner anzufragen, und als kein absagendes Telegramm eintraf, wurden
die Reisevorbereitungen getroffen.
In einen Reisekoffer packte das Fräulein die ganze niedliche Aussteuer
des Kindes: all die spitzenbesetzten Hemdchen, die gestickten Kleidchen
und die feine Bettwäsche. Den Kleinen kleidete sie mit besonderer
Sorgfalt an, damit er den Verwandten einen guten Eindruck mache. In den
Güterwagen wurde des kleinen Reisenden Korbwagen gestellt, daß er bei
Ankunft in Thüringen sein gewohntes Bett gleich fände. So trat das junge
Mädchen die Reise an, froh, das Haus verlassen zu dürfen, dessen
Zusammenbruch sie miterlebt hatte, und in der besten Zuversicht, für ihr
geliebtes Pflegekind treu gesorgt zu haben.
Der kleine Alex lachte fröhlich, als die Fahrt begann. Er wußte nicht,
was dieser Tag für sein Leben bedeutete. Ahnungslos ließ er sich aus dem
Haus des Reichtums und Wohllebens in die Stätte der Armut und Not
versetzen.
Die ganze Nacht hindurch und den folgenden Morgen dauerte die Reise.
Sonneberg war die letzte Station; hier mußte Elisabeth die Bahn
verlassen. Der Korbwagen wurde ausgeladen, der schlafende Kleine
liebevoll hineingebettet und nun stand sie da und sah sich um. Sie hatte
sicher gehofft, hier abgeholt zu werden und wartete, sich umsehend, eine
gute Weile. Es mußte für Herrn Fabrikant Greiner oder seine Gemahlin ein
leichtes sein, sie und ihr zukünftiges Pflegekind aufzufinden.
Ach, sie wartete vergeblich. Greiner und seine Frau saßen an der Arbeit
wie immer; keinem wäre auch nur der Gedanke gekommen, einen Arbeitstag
zu versäumen, selbst wenn sie genau die Ankunftszeit der Reisenden
gewußt hätten. Aber nun sah Fräulein Elisabeth jemand, der ihr als
Wegweiser dienen konnte. Am Bahnhof standen wartend zwei Frauen. Die
trugen eine große »Schanze«, einen flachen Korb, in dem wohl ein halbes
Hundert Puppen dicht aneinandergeschichtet lagen, lauter Puppen, in
Hemden und Häubchen, offenbar frisch aus der Fabrik -- gewiß aus der
Fabrik von Herrn Greiner, dachte das Fräulein. Sie ging auf die beiden
Frauen zu und fragte, ob sie aus der Fabrik von Herrn Greiner in
Oberhain kämen. Nein, daher kamen sie nicht, wußten auch nichts von dem
Namen; aber das Dorf Oberhain war ihnen wohlbekannt und auch, daß heute
kein Postwagen mehr dorthin ging. So erkundigte sich das junge Mädchen
nach einem Gasthaus und bat dort um einen Wagen, der sie mit dem Kleinen
sofort nach Oberhain fahren könnte. Ein solcher fand sich auch, groß
genug, daß hintenauf der Korbwagen gepackt werden konnte, und Elisabeth
stieg mit Alex ein, froh, endlich so weit zu sein. »Wo soll ich halten
in Oberhain?« fragte der Kutscher.
»Bei Herrn Fabrikbesitzer Elias Greiner,« sagte Elisabeth, »die Wohnung
kennen Sie ja wohl?« Nein, er kannte sie nicht, er war schon oft in
Oberhain gewesen, hatte aber nie eine Fabrik bemerkt. Er wollte sie
aber schon erfragen. Nun ging's vorwärts, zuerst flott und rasch durchs
Städtchen, dann langsamer die aufwärts steigende Straße hinan, rechts
Wald, links Wald, ein herrlicher Anblick für die Städterin. Die
köstliche Waldluft strömte herein, Elisabeth war in glücklichster
Stimmung.
»Mein kleiner Schatz,« sagte sie zu dem schlummernden Kind, »gelt, ich
habe dir eine schöne Heimat ausfindig gemacht, wie wirst du da rote
Bäckchen bekommen, mein Liebling -- aber Papa und Mama können sich nicht
mehr darüber freuen, armer Schneck!«
Als die ersten Schieferhäuschen von Oberhain auftauchten, fuhr der
Kutscher langsamer, wandte sich zurück und rief in den Wagen: »Wie soll
die Fabrik heißen?«
»Elias Greiner.« Ein paar Schulkinder kamen des Wegs. »He,« rief der
Kutscher sie an, »wo ist die Fabrik von Elias Greiner?« Die sahen sich
an und kicherten und ein Junge sagte: »Bei uns im Dorfe ist keine
Fabrik.« Fräulein Elisabeth wurde ängstlich. »Das kann ich nicht
begreifen,« sagte sie. »Ich weiß aber gewiß, daß der Name richtig ist,
wir haben erst vorige Woche so überschrieben und Antwort erhalten.«
»Wir wollen's schon herausbringen,« sagte der Kutscher, »es heißt sich
mancher Fabrikant, der keine Fabrik hat.« Er trieb die Pferde an, daß
sie rasch durch die Dorfstraße fuhren bis ans Wirtshaus. Bei dem
Geräusch des vorfahrenden Wagens trat der Wirt unter die Türe. Die
Kutsche hielt, der Kleine wachte auf und fing an zu weinen. Neugierig
sammelten sich einige Leute um die Kutsche, während der Kutscher vom
Bock aus mit dem Wirt Beratung hielt. Elisabeth verstand nicht genau,
was die beiden im Thüringer Dialekt miteinander verhandelten, aber sie
hörte, wie der Wirt dem langsam Davonfahrenden nachrief: »Es kann gar
kein anderer gemeint sein, als der Drücker Greiner; keiner sonst heißt
Elias.«
Und nun ging's noch ein Stück langsam weiter, die Dorfstraße wurde
enge, ein Häuschen kam zum Vorschein mit einem halb zerfallenen
Bretterzaun, über und über mit blassen Puppenköpfen ohne Augen besteckt
-- vor dem hielt der Kutscher, sprang vom Bock, öffnete den Schlag und
sagte: »So, jetzt haben wir die Fabrik!« und sich dem Fenster zuwendend,
wo Maries Kopf erschien, rief er: »Wohnt da der Elias Greiner?« Der
hatte schon den Wagen halten hören, und nun kamen sie alle heraus: Voran
die Frau, dann die Kinder, barfüßig alle, der Johann in bloßem Hemdchen,
zuletzt der Mann. Ach, dem Fräulein wurde so weh ums Herz -- das sollte
die Fabrik sein, der Fabrikant! Ärmlichere Gestalten hatte sie kaum je
gesehen! Noch hoffte sie, es möchte ein Irrtum sein, aber nun kam
Greiner dicht heran, sah das Kind auf dem Arm des Fräuleins, betrachtete
bewegt das liebliche Gesichtchen und sagte: »Das ist also meiner
Schwester Kind!« »Ja,« sagte Elisabeth, aber unwillkürlich blieb sie
dicht am Wagen stehen -- keinen Schritt machte sie auf das Haus zu.
Frau Greiner fand bestätigt, was sie sich schon gedacht hatte -- das
junge Mädchen war enttäuscht über das, was sie vor sich sah, bitter
enttäuscht. Sprachlos und ratlos stand sie da, das Kind fest an sich
drückend. Frau Greiner war nicht gekränkt darüber, das junge Mädchen
dauerte sie. »Kommen Sie nur herein, Fräulein,« sagte sie, »das Kind ist
ja noch so klein, das merkt den Unterschied noch gar nicht. Gelt du,
Kleiner, gelt du bist froh, wenn du nur etwas zu essen bekommst?«
Freundlich blickte sie das Kind an und dieses lächelte wieder, und ehe
sich's Elisabeth versah, hatten diese ärmliche Mutter und dieses schön
geputzte Kind die Arme nacheinander ausgestreckt und lachend trug Frau
Greiner den kleinen Alex ins Häuschen.
Ihr folgten die Kinder, die bewundernd auf den neuen Ankömmling sahen,
während Greiner half, den Koffer abzuladen, und Elisabeth den
Kinderwagen richtete. Es war ihr schon ein wenig leichter ums Herz,
hatte sie doch ihren kleinen Pflegling in Mutterarme übergeben. Sie
folgte ins Zimmer. Da freilich war eine Hitze, ein Dunst und Geruch, daß
sie nicht glaubte, bleiben zu können. »Sie haben Feuer an diesem heißen
Tag?« fragte sie.
»Das bringt eben das Geschäft mit sich,« sagte Greiner und deutete auf
seine Arbeit.
Jetzt aber sprach Frau Greiner die Frage aus, die allen längst auf den
Lippen lag: »Haben Sie den Soxhlet nicht mitgebracht?«
»Doch,« sagte Elisabeth, »ich werde ihn gleich hereinholen, er ist
draußen im Koffer, ich will nur zuerst dem Kleinen das Reisekleidchen
abnehmen.« Greiner und seine Frau warfen sich vielsagende Blicke zu, sie
wußten nun, daß Soxhlet kein menschliches Wesen war. Nicht so die
Kinder. Für sie war die ganze elegante Erscheinung des Fräuleins mit dem
Kind, der schöne Korbwagen, der feine Lederkoffer so wunderbar, daß es
ihnen auf ein Wunder mehr auch nicht ankam, und sie glaubten nicht
anders, als daß der wilde Soxhlet im Koffer eingesperrt sei. Neugierig
schlichen sie miteinander hinaus in den kleinen Vorplatz, wo der Koffer
abgestellt worden war. Marie blieb vorsichtig in einiger Entfernung
stehen, Philipp aber trat näher.
»Bleib da!« rief die Schwester ängstlich und leise, daß es der Soxhlet
nicht hören sollte. Als sich aber der unheimliche Koffer ganz still
verhielt, wurden die Kinder kecker. Sie kamen nahe heran, Philipp wagte
sogar mit dem Fuß einen Stoß gegen den Koffer, sprang aber dann doch
vorsichtig zurück. »Hast nicht gehört, wie er gebrummt hat?« sagte
Marie, »paß auf, daß er nicht herausfährt. Der muß doch arg bös sein,
daß er so eingesperrt wird!«
Jetzt kam Fräulein Elisabeth mit dem Kofferschlüssel heraus, kniete
nieder und schloß auf. Die Kinder blieben ängstlich und fluchtbereit in
der Ferne stehen, wunderten sich, daß ihre Mutter so ruhig herantrat,
und dann waren sie halb beruhigt, und doch halb enttäuscht, als der
Deckel aufgehoben wurde und lauter harmlose Dinge, Kleidungsstücke und
Wäsche hervorkamen. »Und da ist der Soxhlet,« sagte das Fräulein und vor
den erstaunten Augen der Umstehenden zog sie ein Blechgestell mit einer
Anzahl leerer Fläschchen heraus, ein Ding, so harmlos und unschuldig wie
nur möglich, so daß die Kinder sich verblüfft ansahen. »Das ist der
Soxhlet?« sagte Frau Greiner und machte dabei ein nicht eben
geistreiches Gesicht.
»Sie haben sich den Soxhlet vielleicht anders vorgestellt,« sagte das
Fräulein. »Ich will Ihnen gleich die Behandlung erklären. In der
Berliner Anstalt, wo ich als Kindergärtnerin ausgebildet wurde, hat man
uns so gelehrt: 'Um die Milch keimfrei zu machen, wird sie in die
Fläschchen gefüllt, die mit durchlochter Gummiplatte bedeckt und in den
Blechtopf voll kochenden Wassers gestellt werden, woselbst man sie fünf
Minuten kochen läßt. Danach werden die Fläschchen durch Glaspfropfen
geschlossen und die Milch noch eine halbe Stunde gekocht.'« Frau Greiner
hatte geduldig und aufmerksam zugehört. Jetzt schloß das Fräulein mit
der Bemerkung: »Alex ist doch ein zartes Kind, über die Sommermonate
sollten Sie ihn noch weiter so ernähren.«
»Ja,« sagte Frau Greiner, »ich will schon alles recht machen. Milch
haben wir ja nicht, wir kaufen halt so viel, daß es grad zum Kaffee
reicht. Aber den wird er schon auch mögen und auch Kartoffeln, und an
Speck und Hering soll's ihm gewiß nicht fehlen. Das ist bei uns zulande
die Hauptnahrung.«
»Aber doch nicht für so kleine Kinder?« sagte Elisabeth entsetzt.
»Es ist ja kein Wochenkind mehr,« entgegnete Frau Greiner. »Seien Sie
nur ruhig, ich will's ihm schon in die Soxhletfläschchen tun, so oft
eben Milch da ist.« Inzwischen hatte Elisabeth weiter ausgepackt. »Da
sind seine Badehandtücher,« sagte sie, »und da ist der Badethermometer,
ich habe ihn mitgebracht, aber ich weiß nicht,« setzte sie zweifelnd
hinzu, »ob Sie den Thermometer ver -- -- -- ob Sie an ihn gewöhnt sind? Wir
haben das Bad auf 24 Grad erwärmt, ich glaube, auf dem Lande prüft man
die Wärme mehr so mit dem Arm, oder nicht? Sie baden Ihre Kinder doch
auch?«
»O ja, gebadet wird jedes, so bald als es auf die Welt kommt, aber
hernach kommt man nimmer leicht dazu, das braucht's auch nicht!«
»Ach,« sagte Elisabeth, »uns hat man gelehrt, daß die Hautpflege so
wichtig sei bei den Kleinen; Alex ist auch so rein am ganzen Körperchen,
wäre es nicht möglich, daß Sie ihn wenigstens immer am Samstag baden?
Haben Sie eine Badewanne? Nein? Ich wollte ihm gerne noch eine kaufen
von meinem Geld, wenn hier welche zu haben sind; oder ich schicke Ihnen
eine aus Sonneberg.«
»Lassen Sie das nur, Fräulein, meine Waschwanne tut's schon auch, und so
oft ich Zeit habe, will ich ihn schon baden.«
»Ach ja, bitte, und dann hätte ich noch etwas auf dem Herzen: In dem
Zimmer riecht es so stark und es ist so überhitzt; Sie werden das gar
nicht so bemerken, weil Sie es gewöhnt sind; könnte Alex nicht in einem
andern Zimmer sein?«
»Ein anderes Zimmer haben wir gerad' nicht, aber wegen der Luft dürfen
Sie gar nicht sorgen, liebes Fräulein, die ist berühmt im Thüringer
Wald, deretwegen kommen die Leute oft weit hergereist. Sehen Sie nur
meine Kinder an, die sind ja auch alle gesund, auch meine verstorbenen
drei waren ganz gesund.«
»Woran sind sie denn gestorben?« fragte Elisabeth.
»Das eine ist verunglückt, das arme Tröpfle hat den heißen Brei über
sich geschüttet, den mein Mann braucht zu den Köpfen; und eines hat's
auf der Lunge gehabt, und das dritte ist uns nur so über Nacht
weggestorben, niemand hat recht gewußt, daß ihm was fehlt. Es hat uns
weh getan, aber so ist's halt; wir haben ja auch an dreien genug und
jetzt sind's eben auf einmal vier geworden!«
Während dieses Gesprächs waren alle Habseligkeiten des kleinen Alex
ausgepackt worden mit vielen Anweisungen über die Verwendung; was jetzt
noch im Koffer verblieb, war des Fräuleins Eigentum. Sie schloß wieder
zu und kam mit Frau Greiner ins Zimmer, wo Vater Greiner an der Arbeit
saß.
Der kleine Alex lag inzwischen in seinem Wagen, die Kinder standen
bewundernd um ihn herum, Marie fuhr ihn vorsichtig hin und her.
Elisabeth trat hinzu und sagte leise zu Marie: »Willst du ihm eine treue
Schwester sein? Sieh, der arme Kleine hat es daheim so schön gehabt.
Gelt, du fährst ihn manchmal spazieren und sorgst recht schön für ihn?«
Die kleine Marie nickte und sah mit großen Augen das Fräulein an, das
gegen die Tränen ankämpfte, als sie sich über den Kleinen beugte, ihn
herzte und küßte und leise sagte: »Behüt' dich Gott, mein Liebling, ich
habe es gut mit dir gemeint, ich bin nicht schuld. Warum haben dich
deine Eltern verlassen, wie konnten sie dir das antun?«
»Ich muß gehen,« sagte sie, indem sie zu Greiner trat, und sie nahm sich
zusammen, um ihren Tränen zu wehren. »Ich habe Sie noch etwas fragen
wollen,« sagte Greiner, und nun zitterten auch seine Lippen; »was war
denn das für ein Unglücksfall mit meiner Schwester und ihrem Mann?«
»Sie starben beide in der Nacht, ehe der Zusammenbruch des Geschäfts
bekannt wurde. Näheres kann ich nicht sagen.« Greiner fragte auch nicht
weiter.
Ein paar Stunden später fuhr das Fräulein ihrer Heimat zu, und während
sie nach langer Zeit wieder am elterlichen Tisch saß, nahm Alex auf dem
Schoß der neuen Pflegemutter zum erstenmal Anteil am Familienmahl und so
oft er den kleinen Mund aufsperrte, wurde ihm ein Stückchen Kartoffel
hineingeschoben, ein sorgsam geschältes!
Danach, da es Feierabend, draußen aber noch hell und warm war, gingen
sie alle zusammen hinaus. Frau Greiner trug stolz den schönen Kleinen
auf dem Arm, und da er verwundert nach den Tannen sah, die am Wege
standen und leise vom Wind bewegt wurden, hob sie ihn hoch bis zu den
Ästen und rief ihm freundlich zu: »Da, schau nur, Alex, schau, jetzt
bist du im Thüringer Wald!«
Wieviel Arbeitsstunden waren bei Greiners versäumt worden durch all die
Briefe, durch die Ankunft des kleinen Pflegekinds und alles, was damit
zusammenhing! Als am Samstag der große Huckelkorb vollgepackt wurde,
fand sich, daß alles leicht hineinging und daß Maries neuer Korb ganz
überflüssig war; bei weitem nicht alle versprochene Arbeit war fertig
geworden. Marie blieb auch ganz gern daheim; den eleganten Kinderwagen
mit dem schönen neuen Brüderchen vor dem Haus herumzufahren und allen
staunenden Nachbarn zu zeigen war noch ein größeres Vergnügen, als mit
der Mutter zu gehen. So wanderte Frau Greiner allein der Stadt zu, die
Arbeit abzuliefern. Aber diesmal kam sie übel an! Der Sonneberger
Fabrikant hatte fest gerechnet auf das, was sie versprochen hatte zu
liefern; die Zeit drängte, was er heute nicht erhielt, konnte er nicht
fertig stellen bis zu dem Tag, wo die Sendung abgehen sollte, um das
Schiff zu erreichen, das nach Australien ging.
Frau Greiner entschuldigte sich, die Schwester ihres Mannes sei
gestorben und sie hätten ein Waisenkind aufnehmen müssen. Die
Entschuldigung wurde ganz ungnädig aufgenommen. Ob sie meine, daß das
Schiff warte, bis alle Waisenkinder versorgt seien? Sie solle nicht
_mehr_ Arbeit versprechen, als sie leisten könne. Zum Unglück hatten
noch einige Arbeiter weniger geliefert, als sie versprochen hatten, und
so war der Fabrikant wirklich in Verlegenheit.
»Wenn ich mein Wort nicht halte,« sagte er, »so verliere ich meine
Kundschaft, was wollen Sie dann machen, wenn keine Puppen mehr bestellt
werden?« Ganz schuldbewußt und zerknirscht stand Frau Greiner da und
wagte kein Wörtlein zu sagen, als ihr auf dem Zettel ein gehöriger Abzug
am verabredeten Lohn gemacht wurde. Der Herr schien auch gar keine Lust
zu haben, ihr neue Aufträge zu geben, und ließ sie lange stehen, wie
wenn sie nicht mehr da wäre. Da aber noch große Bestellungen vorlagen,
so bekam sie schließlich doch wieder Aufträge genug, und diesmal verließ
sie ohne Verzug die Stadt und kehrte nicht einmal bei ihrer Mutter ein,
um keine Zeit zu verlieren. Jetzt, in den besten Arbeitswochen, ein so
elendes Sümmchen Geld heimzubringen, kam ihr fast wie eine Schande vor
und sie fürchtete schon ihres Mannes grämliches Gesicht, wenn sie so
wenig abliefern konnte. Im Sommer wollte er doch immer etwas zurücklegen
für den Winter, wo das Puppengeschäft stockt. Aber schließlich konnte
sie auch nichts dafür, es war ja _sein_ Schwesterkind an allem schuld.
In diesen Gedanken ging sie ihrem Dorfe zu. Mit ihrem flinken Schritt
holte sie bald einen jungen Burschen ein, der auch von Sonneberg kam und
gemütlich, eine Zigarre rauchend, dem Dorfe zuschlenderte. Frau Greiner
kannte ihn wohl, er war auch von Oberhain und war ein Neffe ihres
Mannes. Die Woche über arbeitete er in Sonneberg in der Fabrik, Samstag
abends kam er heim zu seinen Eltern. Frau Greiner hatte gern
Reisegesellschaft, sie rief schon von ferne dem Burschen zu: »Georg,
wart ein wenig!«
Er wandte sich um, gesellte sich zu ihr, und vom Geschäft plaudernd
gingen sie nebeneinander her und kamen bis zu dem Punkte, wo der Fußweg
nach Oberhain von der großen Straße abzweigt und ein Wegweiser nach
verschiedenen Richtungen zeigt. An diesem Wegweiser stand ein Herr, der
an seinem Reiseanzug leicht als Fremder zu erkennen war und der nun, als
unsere beiden Leutchen an ihm vorbeikamen, mit fremder Betonung fragte,
wie weit es noch bis Oberhain sei. Ein Stündchen war's immerhin noch auf
dem Fußweg, den aber ein Fremder leicht verfehlen konnte. So schloß sich
der Herr an und sie gingen zu dritt weiter. Zuerst schweigsam, dann
siegte bei Frau Greiner die Neugier über die Schüchternheit und sie
fragte, ob der Herr kein Deutscher sei? Nein, er war Amerikaner, ein
Kaufmann, der wegen des Puppengeschäfts nach Sonneberg gekommen war. Die
deutsche Sprache hatte er aber gut gelernt, man konnte sich wohl mit ihm
verständigen. Er fragte Frau Greiner, was sie zu Markte gebracht habe
und was ihr Mann sei. »Mein Mann ist Drücker,« sagte Frau Greiner.
»Was ist das, Drücker?«
»Wenn man das Papiermasché in die Formen drückt, daß es Puppenköpfe
gibt.«
»Helfen Sie auch drücken?«
»Nein, ich bin Balgnäherin, was die Körper für die Puppen gibt. Und die
Kinder helfen auch, sie wenden um und stopfen aus mit Sägespänen.«
»Was fehlt noch an den Puppen, wenn Sie sie abliefern?«
»Dann haben sie noch keine Augen und --«
»Wer macht die Augen?«
»Die werden in Lauscha gemacht, da kommen ganze Schachteln voll her in
allen Größen, die muß der Augeneinsetzer hineinmachen.«
»Ist das das Letzte?«
»Nein, die Maler müssen doch erst die Backen malen und die Lippen, und
die Friseurin muß die Haare aufsetzen, dann wird erst der Kopf auf den
Balg geleimt.«
»Das kann Ihr Mann nicht?«
»O, mein Mann kann das alles und als jung ist er in die Industrieschule
geschickt worden, hat schon Köpfe und all die Formen machen lernen, aber
dann ist sein Vater gestorben; gleich hat er dann das Lernen aufgeben
müssen und hat seines Vaters Sach übernommen und ist halt auch wieder
Drücker geworden. Mein Mann war von den besten einer auf der Schul',
aber er hat halt heim müssen, die Not ist gar groß bei uns.«
»Wieviel verdienen Sie in der Woche?«
»Ja Herr, das wechselt sehr, bald ist's mehr, bald weniger. Es gibt
Wochen im Winter, da bekommt man gar keine Bestellung.«
»Aber in der besten Zeit des Jahrs, auf wieviel bringen Sie es in der
Woche, Sie mit Mann und Kindern?«
»Die vorige Woche hab' ich fünfundzwanzig Mark heimgebracht, es ist auch
schon auf dreißig gestiegen, aber da muß man schon die Nacht
durcharbeiten. Und davon müssen wir alles selbst anschaffen, was wir zu
den Puppen brauchen, gar nichts bekommen wir geliefert, das meiste geht
dafür wieder hinaus und man bringt's fast nicht dazu, daß man sich für
den Winter etwas zurücklegt. Mein Mann sorgt sich jetzt schon wieder
darum; ich nicht, im Sommer mag ich gar nicht an den Winter denken,
sonst wird man 's ganze Jahr nicht froh.«
»Ist Ihr Mann gesund?«
»Er hustet halt, das kommt von dem Staub vom Papiermasché und von den
Sägspänen, aber krank ist er nicht, gottlob.«
Jetzt mischte sich Georg ins Gespräch. »Die kräftige Nahrung fehlt halt
da außen auf dem Land, in der Stadt essen sie besser.«
»Ja, Fleisch gibt's nicht viel bei uns, der Kaffee und die Kartoffeln
sind die Hauptsache, bei uns heißt's: Kartoffeln in der Früh, zu Mittag
in der Brüh, des Abends mitsamt dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit!«
Der Amerikaner fragte nun nicht weiter, der Weg wurde steiler und eine
Viertelstunde gingen die drei still nebeneinander, bis sie die Höhe
erreicht hatten, wo sie wieder auf die Landstraße einmündeten und von
der Ferne einzelne schiefergraue Dächer sichtbar wurden.
»Das ist unser Dorf,« sagte Frau Greiner; »geht der Herr noch weiter
heut'?«
»Ja, aber Mittwoch komme ich wieder hier durch und dann will ich Ihren
Mann aufsuchen.« Er blieb stehen bei diesen Worten und sagte, indem er
Frau Greiner ernst und forschend ansah: »Sagen Sie ihm einstweilen, daß
ein Amerikaner zu ihm kommt und mit ihm sprechen will. Es ist vielleicht
gut, wenn ich Ihnen vorher schon sage warum. Ich möchte so eine Familie,
die den ganzen Puppenbetrieb versteht, mit hinübernehmen nach Amerika.
Ich habe dort Ländereien, Wald; die Eisenbahn geht vorbei, es ist gar
nicht viel anders wie hier. Ich sehe nicht ein, warum wir die Puppen
alle so weit her holen sollen, das könnten wir drüben auch machen, wenn
wir nur die Leute dazu hätten. Dreimal so viel Lohn als Sie hier in der
besten Woche haben, kann ich Ihnen für drüben das ganze Jahr hindurch
versprechen. Alles schriftlich, natürlich. Ich bin schon mit dieser
Absicht herübergekommen und nehme jedenfalls Leute von hier mit. Wenn
Sie klug sind, reden Sie Ihrem Manne zu.«
Frau Greiner sah den Amerikaner staunend und sprachlos an. Der junge
Bursche lachte und sagte: »Ihr könnt ja gar nimmer reden, es versetzt
Euch den Atem, gelt? Dreimal soviel und das ganze Jahr hindurch, das
wäre nicht schlecht!«
»Und selbstverständlich freie Reise,« fügte der Amerikaner hinzu.
»Für alle? Wir haben drei Kinder, nein, jetzt vier, das vierte ist ein
Waisenkind, das haben wir erst aufgenommen.«
»Das bleibt hier. Dazu gibt's Waisenhäuser. Aber Ihre eigenen drei gehen
mit. Die Kinderarbeit will ich bei uns auch einführen, dazu brauchen wir
deutsche Kinder, die es vormachen als Beispiel, damit es unsere davon
absehen. Verstehen Sie? Gut, also reden Sie mit Ihrem Mann und lassen
Sie den Vorteil nicht hinaus, denn wenn _Sie_ nicht gehen, so finde ich
genug andere, die gerne gehen. Wie heißen Sie?«
Er zog sein Merkbuch, schrieb den Namen auf, reichte der Frau einen
Taler, daß sie beim Mann ein gutes Wort für ihn einlege, und schlug die
kleine Straße ein, die hier von der Oberhainer Straße abzweigte.
Frau Greiner stand still und sah ihm nach. »Hab' ich nun das alles
geträumt oder ist's wahr?« sagte sie zu Georg. Es mußte wohl wahr sein,
denn Georg behauptete, sie habe ein unerhörtes Glück und sie hätte nur
gleich »ja« sagen sollen, damit ihr nicht andere Leute zuvorkämen. Warum
sie denn auch gar kein Wort geantwortet habe?
»Es ist wahr,« sagte Frau Greiner, »ich war halt ganz wie aus den Wolken
gefallen, denk nur, alle miteinander übers Meer, die weite Reise! Aber
schön müßt's sein, was könnt' man da alles sehen, und ganz freie
Überfahrt und drüben den dreifachen Lohn! Ach, der Herr wird jetzt doch
nicht beleidigt sein, daß ich so dumm dreingeschaut hab', er wird doch
auch gewiß kommen? Was meinst, Georg?«
Immer rascher ging Frau Greiner dem Dorf zu, sie konnte es nicht mehr
erwarten, mit ihrem Mann zu reden. Im Ort, gerade beim Wirtshaus,
trennte sich ihr junger Begleiter von ihr. »Sag's noch niemand, Georg,
weißt, es gibt so viel Neider, schweig still davon, gelt?« empfahl sie
ihm noch an; aber er lachte nur und ehe noch Frau Greiner, die ganz oben
im Dorf wohnte, ihr Haus erreichte, hatte Georg die merkwürdige
Begegnung schon all seinen Hausgenossen erzählt.
Es war schon fast eine wehmütige Abschiedsstimmung, mit der die junge
Frau durchs Dorf ging. Sie sah nach rechts und nach links und grüßte mit
besonderer Herzlichkeit die Dorfbewohner. Alle waren ihr bekannt, und in
dem Augenblick waren sie ihr auch alle lieb, weil sie dachte, sie würde
sich bald von ihnen trennen. Der Verdruß über die schlechte Einnahme war
ganz überwunden durch die Hoffnung auf zukünftige Reichtümer, und dann
hatte sie ja auch noch den Taler in der Hand als Unterpfand, als Beweis,
wenn ihr Mann etwa die wunderbare Mär nicht glauben wollte.
Aus dem Hause drang ihr Kindergeschrei entgegen und als sie die
Stubentüre aufmachte, wurde sie von allen Seiten mit der Nachricht
begrüßt, Alex habe fast den ganzen Tag geschrien. Da lag das arme
Büblein in seinem schönen Wagen, zog die Beinchen in die Höhe und
kreischte wie ein Kind, das Schmerzen hat. Es war gar keine Möglichkeit,
die große Neuigkeit mitzuteilen, die sie eben noch ganz erfüllt hatte,
sie verstand ihre eigenen Worte nicht. Deshalb nur schnell die guten
Kleider abgelegt, die große Schürze umgebunden und den Kleinen auf den
Arm genommen. Lange wollte er sich nicht beruhigen. »Ein paar Stücklein
Hering hat er heut' mittag gegessen und seitdem schreit er,« berichtete
Marie. Mütterlich sprach die Frau dem Kleinen zu, ob er gleich nichts
davon verstand: »Gelt, armer Kerl, gelt dir tut's weh; gelt, ja, das
sind böse Leut, die geben dir deinen Soxhlet nicht, sei nur still, mein
Schatz, ich kauf' dir Milch, still, still! Marie, spring in Gottes Namen
und hol' noch einmal Milch; geh zu Bauers hinüber, von der schönen
weißen Geiß sollen sie dir was melken; zahlst gleich einen Groschen
dafür. Nimm so ein Fläschchen mit von seinem Soxhlet, daß ihm's gut
bekommt; still, mein Bübchen, die Marie bringt dir Milch; sollst es gut
haben, so lang du noch bei uns bist. Mußt ja doch bald ins Waisenhaus.
Still, mein Waislein, still!«
Es war spät abends, alle Kinder schliefen; Mann und Frau saßen beisammen
und sprachen von dem großen Plan, den Frau Greiner mitgeteilt und warm
befürwortet hatte. Wenn Greiner schon im alltäglichen Leben alles schwer
nahm, wieviel mehr Bedenken machte er sich jetzt, wo die Frage an ihn
herantrat, ob er mit Frau und Kind auswandern wolle in einen andern
Weltteil! Es war kein Fertigwerden mit ihm; wenn seine Frau gegen alle
seine Bedenken etwas vorgebracht hatte, so fing er beim ersten wieder
an. Als sein Bundesgenosse meldete sich von Zeit zu Zeit der kleine Alex
mit leisem Wimmern in unruhigem Schlaf. »Wo brächten wir das arme Kind
unter?« fragte Greiner. Dann kam noch ein weiterer Bundesgenosse, das
war der Husten: »Siehst doch, ich bin ein kranker Mann,« sagte er,
»Kranke bleiben am besten daheim.«
Wenn aber dann seine Frau sagte: »In Gottes Namen, ich will dich auch
nicht in die Fremde treiben, so bleiben wir halt hier und den Taler geb'
ich dem Herrn wieder zurück,« dann fing wieder Greiner an: »Freilich,
die Hungerleiderei nimmt hierzulande kein End', nur zwölf Mark hast
heut' heimgebracht und gescholten bist auch noch worden! Leicht könnt'
man's schöner haben in Amerika. Wieviel sagst, den dreifachen Lohn, und
alles will er schriftlich machen? Es ist wohl wert, daß man sich's
überlegt.«
So besprachen sie das Für und Wider und kamen zu keinem Entschluß. Es
war eine schwüle Sommernacht, das Fensterchen der Schlafkammer stand
offen. In seinen schweren Gedanken sah Greiner hinaus nach dem dunklen
Wald und nach dem Mond, der mild herabschien; es war ihm, als sähe er
dies alles zum erstenmal. Schön war's doch im Thüringer Wald und leicht
wäre es nicht, davonzugehen. Die Heimatliebe kam ihm deutlich zum
Bewußtsein, und nun trat seine Frau zu ihm her ans Fensterlein und sie
lachte nicht wie sonst über sein nachdenkliches Wesen, auch sie sah
still und ernst hinaus ins Dunkle. »Magdalene,« sagte er, »kannst nicht
mehr das Lied: 'In allen meinen Taten laß ich den Höchsten raten, der
alles kann und weiß'; wie geht's da weiter?« Sie brachten den Vers
zusammen, und trotz aller Unentschiedenheit war Friede in ihr Gemüt
gekommen, als sie endlich ihr Lager aufsuchten.
Am nächsten Morgen, als gerade die Familie am Tisch saß und die Mutter
den Kindern ihren Teil von der dünnen Kaffeebrühe verabreichte, näherten
sich feste Schritte der Türe. Frau Greiner sah ihren Mann an: »Der
Amerikaner,« flüsterte sie. »Herein!« Aber der eintrat, war ein anderer
Gast, ein ganz unwillkommener. Es war der Steuerbote. Ein finsteres
Gesicht hatte er, vielleicht kam's daher, daß er selbst so oft mit
finsterer Miene empfangen wurde. Ein kurzer Gruß wurde gewechselt; der
Steuerbeamte wies einen Zettel vor, Greiner stand auf, ging an die alte
Kommode und schloß sie auf. Sein Töchterchen folgte ihm, ängstlich sah
sie in sein Gesicht und nun auf seine Hände, die ein wenig unsicher ein
Käßchen öffneten. »Vater, reicht's?« fragte sie ganz leise und blickte
besorgt zu ihm auf. Er gab keine Antwort, es war auch nicht nötig, man
merkte ihm auch ohne Worte die Verlegenheit an.
Er zählte das Geld vor dem Steuerboten auf. »Alles haben wir nun
freilich gerade noch nicht beisammen,« sagte er entschuldigend. »Der
Herr wird schon zufrieden sein,« setzte freundlich Frau Greiner hinzu,
»er bekommt später den Rest, andere haben's auch nicht beisammen.«
»Anderen wird dann eben gepfändet, was sie an Mobiliar oder dergleichen
besitzen,« sagte scharf der Beamte und sah sich im Zimmer um. Das war
ein unheimlicher Blick. Er blieb haften auf Alex' Kinderwagen. »Da haben
Sie noch ein schönes Stück, das hat Geldwert,« sagte der Beamte.
»Das bleibt im Haus,« erwiderte Greiner mit ungewohnter Festigkeit.
Schon manchmal war der Steuerbote mit geringem Betrag abgezogen, aber
heute war er so zäh! Er wich nicht eher, als bis Frau Greiner den Taler
herbeigeholt hatte, den ihr der Amerikaner gegeben hatte. Sie hatte ihn
so schön in einem besonderem Büchschen aufgehoben; es half nichts, er
mußte eingewechselt und noch zur Hälfte darauf gelegt werden. Erst dann
verschwand der unliebsame Gast. Mißmutig sah die Frau ihm nach. »Er
wittert das Geld,« sagte sie, »er hat's nicht wissen können, daß wir
noch etwas haben, aber er hat's gespürt, daß Geld im Haus ist.«
»Es ist ein Elend,« seufzte Greiner, »da geht man wahrhaftig gern aus
dem Land.«
»So mein' ich auch; der Taler ist fort, Elias, das ist ein Fingerzeig,
wir gehen auch fort.«
»Ja, und das gern.«
»Bist entschlossen? Im Ernst?«
»Ja, wie du sagst, es ist ein Fingerzeig.«
»Kinder, Kinder, denkt's euch nur, wir gehen nach Amerika!« rief die
Mutter.
Jetzt gab's Fragen und Verwundern und eine Aufregung war in der kleinen
Familie wie noch nicht leicht. Daß der Alex nicht mit durfte, das kam
allen hart vor, aber die Mutter hatte schon einen Plan: Nach Sonneberg
wollte sie ihn bringen, bei ihrer Mutter wäre er gut versorgt; ihre
Schwester hatte jetzt lange genug keine Kinder gehabt, die sollte das
arme Waislein nur nehmen.
Vater Greiner sagte aber fast jede Stunde an diesem Tag: »Wenn er nur
auch Wort hält, dein Amerikaner!« worauf dann seine Frau entgegnete:
»Denk nur an den Taler!« Ja, der Taler war das Unterpfand, aber er lag
nicht mehr da, so wirkte er auch nicht mehr recht.
Im Dorfe hatte sich gar schnell die Nachricht verbreitet, daß die ganze
Familie Greiner auswandern würde nach Amerika. Dafür hatte schon Georg
gesorgt. Öfter als sonst ging in den zwei nächsten Tagen die Türe auf,
die Verwandten und Freunde wollten alle genau hören, wie sich die Sache
verhielt, und es wurde in Greiners Stübchen mehr gesprochen als
gearbeitet in diesen Tagen; Greiner drückte zwar unermüdlich seine
Puppenköpfe aus und mahnte die Seinen, denn von dem Lohn, den sie in
Amerika bekommen sollten, würden sie jetzt noch nicht satt. Aber seine
Frau hatte keine Seelenruhe mehr für ihre Puppenbälge; sie dachte nur
immer an die Zukunft und wie der Auszug zu bewerkstelligen wäre, und die
Kinder liefen vor das Haus und ließen sich anstaunen als die Reisenden,
die übers Meer wollten. Einmal kam Georg herein und erzählte, daß ein
Kamerad aus dem Nachbarort von dem Amerikaner erzählt habe. Ein
vornehmer Herr sei es, der gut zahle, und beim Wirt habe er geäußert,
daß er am Mittwoch über Oberhain nach Sonneberg zurück wolle.
Dienstag abend war's. Die Kinder lagen schon im Bett, Greiner und seine
Frau hatten auch Feierabend gemacht. Er stand vor der Haustüre und
rauchte sein Pfeifchen; sie nahm die Puppenköpfe ab, die da und dort
noch zum Trocknen am Zaun standen, und plauderte dabei mit ihrem Mann,
als sie durch den dämmernden Abend einen älteren Mann langsam und
bedächtig die Dorfstraße herauf auf ihr Häuschen zukommen sahen. Die
Frau bemerkte ihn zuerst, stieß ihren Mann an und sagte: »Der Schulze
kommt zu dir.«
Dieser Mann, der wohl schon ein Siebziger sein mochte und mit seinen
weißen Haaren einen ehrwürdigen Eindruck machte, war der Ortsvorsteher
von Oberhain, der Bauer Ruppert. Schon so lange verwaltete er dies Amt,
daß Greiner und seine Frau sich die Zeit nicht mehr erinnern konnten, wo
Ruppert noch nicht der Gemeindevorstand war. Greiner nahm die Pfeife aus
dem Mund, was er andern gegenüber nie für nötig hielt, und grüßte den
Alten, der nun zu ihnen trat, um ein Wort mit ihnen zu sprechen. Ins
Haus wollte er nicht, er war noch rüstig, stand fest und gerade und
erschien in seinen alten Tagen noch frischer als Greiner. Über den
Gartenzaun besprachen sich die Männer. Ruppert wollte von Greiner selbst
hören, was wahr sei von dem Gerede, daß sie nach Amerika übersiedeln
wollten. Frau Greiner mußte ihm nun genau ihre Begegnung mit dem
Amerikaner erzählen und alles, was dieser zu ihr geredet hatte.
»Und ihr wollt gehen?« fragte Ruppert.
»Wenn sich alles so verhält, wie der Mann zu meiner Frau gesagt hat, und
wenn er alles schriftlich vor dem Notar macht, dann wären wir
entschlossen zu gehen,« war Greiners Antwort.
Eine Stille trat ein. Frau Greiner hatte so ein unbestimmtes Gefühl, als
ob der Mann, der nun schweigend mit ernstem Ausdruck bei ihnen stand,
nicht einverstanden wäre. Das konnte sie nicht ertragen. »Es ist doch
natürlich, daß man aus seinem Elend heraus möchte, wenn man kann, nicht
wahr? Und wenn einem jemand sagt, du kannst 60 Mark verdienen statt 20,
so wäre man doch nicht recht gescheit, wenn man nicht zulangen wollte,
ist's nicht wahr? Und wie ärmlich ist mein Vater gestorben, alles hat
man ihm verpfändet! Und meinen Kindern wird's auch einmal nicht besser
gehen, wenn wir sie nicht fortbringen aus dem Elend, oder nicht?«
Bei jeder Frage hatte der alte Mann nur zustimmend genickt, wer kannte
besser als er die Armut im Dorf! »Ja, ja, ja,« sagte er nun langsam und
bedächtig, »wenn nur _eines_ nicht wäre! Wenn die da drüben in Amerika
unser Handwerk lernen und wenn sie selbst die Arbeit machen, die wir
jetzt tun, wer wird dann noch von Thüringen Puppen kommen lassen? Wenn
die Amerikaner nicht mehr in Sonneberg bestellen, dann fällt die beste
Kundschaft weg; für 2 Millionen Mark haben die Amerikaner in _einem_
einzigen Jahr Puppen und Spielsachen nach Amerika kommen lassen und
gerade am meisten von der Sorte, wie wir sie in unserem Dorf machen. Der
Bürgermeister von Sonneberg hat schon gar oft mit mir darüber gesprochen
und die Herren Fabrikanten auch. Wißt Ihr, Greiner, wie mir's vorkommt,
wenn Ihr geht? Da oben hinter Eurem Haus kommt doch die Quelle heraus
für alle unsere Brunnen; gerade so kommt mir's vor, als wolltet Ihr
hingehen und die Quelle verschütten, daß der ganze Ort kein Wasser mehr
hat.«
Da fiel Frau Greiner ihm in die Rede: »Nein, nein,« sagte sie, »wegen
der Quelle dürfen Sie keine Sorge haben, das tät mein Mann nie, mit dem
Graben ist's ohnehin nicht viel bei ihm.«
»Magdalene, was red'st so ungeschickt,« sagte Greiner, »das ist nur so
sinnbildlich gesagt!«
»Ja, Greiner,« nahm der Ortsvorsteher wieder das Wort, »es ist zum
Vergleich. Wenn eine Familie hinübergeht und zeigt's den Amerikanern,
wie sie's machen sollen, so ist's eine Gefahr für unsere Einnahmequelle.
Für _Euch_ könnt's ein Glück sein, aber für das ganze Dorf kann's zum
Unheil ausschlagen. Unsere Leute haben keinen andern Verdienst als ihre
Puppen, das wollt' ich Euch zu bedenken geben, darum bin ich
heraufgekommen.«
Frau Greiner sah ihren Mann ängstlich an, ob er wohl etwas gegen diese
Worte zu sagen wüßte. Ihr selbst wollte gar nichts einfallen. Ja, jetzt
entgegnete er etwas. »Wer weiß, ob's dem Herrn Amerikaner gelingt da
drüben?« fragte er. »Es wird so leicht nicht sein, daß er das gerade so
einführt, wie's bei uns seit hundert Jahren oder wer weiß wie lang schon
ist.«
»Da habt Ihr recht. Aber ich rechne so: Gelingt's ihm nicht, so werdet
auch Ihr Euer Glück nicht machen, Ihr werdet ihm bald zur Last sein.
Gelingt's aber, die Industrie dort einzuführen, dann ist's der helle
Schaden für uns herüben, das ist leicht einzusehen.« Ja, das war
einleuchtend, die Frau war schon ganz überzeugt. Aber ihr Mann? Sie
mußte sich nur wundern, er war halt doch ein ganzer Mann, sogar mit dem
Schulz konnte er's aufnehmen, denn er wußte wieder etwas dagegen zu
reden.
»Auf jeden Fall,« sagte Greiner, »braucht so etwas Zeit. Bis die da
drüben die Kunst so los haben, wie wir, geht wohl ein Jahrzehnt dahin,
und bis das dann im ganzen Amerika bekannt wird und sie die Puppen von
dem Herrn beziehen, statt wie bisher von unsern Fabrikanten, da kann's
noch lang dauern, bis dorthin leben wir wohl nicht mehr.«
Die Frau nickte beifällig. »Ja, so weit hinaus sorgt niemand,« sagte
sie zustimmend.
»Das denkt Ihr so, weil Ihr jung seid,« sagte Ruppert zur Frau. »Mir
kommt's nicht soviel vor, so zwanzig Jährlein, und an die Nachkommen muß
man auch denken. Für wen hat denn der Gemeindeförster den Abhang da oben
frisch aufgeforstet? Für uns nicht, kaum für die Kinder, für die
Kindeskinder vielleicht. Und wo nehmen wir unser Holz her? Von _den_
Bäumen nicht, die wir gepflanzt haben, die Alten haben uns dafür
gesorgt, die lange schon tot sind. Darum meine ich, wir dürfen, da wir
so arm sind in unsern Walddörfern, unsern einzigen Verdienst nicht den
Amerikanern bringen. Warum? -- weil unsere Enkelkinder auch noch essen
wollen!«
Nun nickten sie beide zustimmend, Mann und Frau. Daß die Enkelkinder
auch noch essen wollten, das war berechtigt.
»Es ist schon wahr,« sagte Greiner mit schwerem Seufzer, »am Unglück vom
Dorf möchte ich nicht schuld sein.«
»Ich noch weniger, lieber Gott, wenn man dächte, es wäre gar kein
Verdienst mehr im Ort, es wäre ja zum Verzweifeln. Wenn aber der
Amerikaner eine andere Familie mit hinübernimmt?« fragte Frau Greiner.
»Von unserem Dorf geht keine mit,« entgegnete Ruppert, »unsere Leut
kenn' ich und will schon mit ihnen reden, und wegen der Nachbarorte will
ich schon sorgen; wenn man mit dem Amtmann spricht und mit den Pfarrern
und Lehrern und mit den Ortsvorstehern und dem Notar, dann wird der
Amerikaner auch nichts erreichen.«
Schon eine gute Weile war in den stillen Sommerabend das Schreien des
kleinen Alex herausgedrungen, jetzt ließ sich auch noch der Johann
vernehmen und die Mutter ging hinein. »Ihr habt jetzt ein Kostkind?«
fragte Ruppert.
»Ja, mein Schwesterkind ist's.«
»Was bekommt ihr Kostgeld dafür?«
»So ein Kostkind ist's nicht, für das man Kostgeld bekommt, wir haben's
bloß aus Barmherzigkeit, weil die Eltern tot sind und das Vermögen
verloren.«
»Ist denn gar nichts für die Kinder übrig geblieben? Der Mann Eurer
Schwester war doch reich?«
»Ich weiß selbst nichts weiter, der Vormund hat uns halt das Kind
geschickt. Gewollt haben wir's nicht; das große Mädchen hätten wir gern
genommen, aber der Kleine ist ihnen übrig geblieben.«
»Der Vormund hat sich's leicht gemacht. Etwas Kostgeld hättet Ihr Euch
ausbedingen sollen. Jetzt gute Nacht, Greiner. Wenn morgen wirklich der
Amerikaner kommen sollte, so sagt's ihm nur, er könne sich die Mühe
sparen, in den Häusern herumzulaufen, von Oberhain gehe keiner mit, die
halten alle fest zusammen gegen Amerika.«
»Ja, ja, das tun wir auch.«
Die Gestalt des alten Mannes verschwand im Halbdunkel des Sommerabends,
und Greiner kehrte in die Hütte des Elends zurück, aus der hinaus er
sich geträumt hatte.
Bald wurde es still und dunkel im Häuschen. Doch nach Mitternacht
erwachte Frau Greiner an einem schweren Traum: Hungrige Enkelkinder
wollten dem kleinen Alex ein Leid tun. Sie fuhr auf in ihrem Bett: da
stand ihr Mann am Wagen des Kleinen und schob das weinende Kind im Wagen
sanft hin und her. »Kannst liegen bleiben,« sagte der Mann zu ihr, »es
ist ja _meiner_ Schwester Kind.« Da legte sie sich behaglich und sagte
schon wieder halb schlafend: »Es ist recht, Elias, du wirst nicht so müd
sein wie ich.«
Als am nächsten Morgen die Kinder kaum erwacht, schon miteinander
anfingen zu plaudern von der Reise übers Meer, da war's doch traurig,
ihnen sagen zu müssen, daß über Nacht das ganze Luftschloß eingestürzt
sei, daß man nicht nach Amerika ginge, sondern alles bliebe wie bisher.
Sie waren noch zu klein, um den wahren Grund zu verstehen; als sie aber
gar nicht abließen, danach zu fragen, half sich die Mutter auf ihre Art
und sagte: »Kinder, seid zufrieden, da drüben gibt's noch
Menschenfresser.«
»Aber der Amerikaner geht doch auch hinüber!«
»Der freilich; Herren fressen sie nicht, bloß Kinder.« Da gaben sie sich
zufrieden.
Im ganzen Dorf war in diesen Tagen von nichts anderem die Rede gewesen
als davon, daß Greiners übers Meer gingen, und dann, daß sie nun doch
nicht gingen, weil Ruppert gesagt habe: keiner, der's mit Oberhain gut
meine, dürfe dem Amerikaner folgen. Als nun dieser Herr, nichts ahnend
von der Stimmung, die gegen ihn gemacht worden war, am Mittag ins Dorf
kam, sahen ihn alle, die ihm begegneten, scheu an, wie den Versucher zum
Bösen, und mit knapper Not waren sie so artig, ihm die Wohnung des
Drückers Greiner zu zeigen, nach der er fragte.
Den ganzen Morgen war es unserer Frau Greiner schon unbehaglich bei dem
Gedanken, daß der Herr nun abgewiesen werden mußte, und wohl zehnmal
wollte sie von ihrem Manne hören, wie er es denn vorbringen wolle.
Während sie an der Arbeit saßen, wurde der kleine Philipp immer wieder
vors Haus geschickt, nachzusehen, ob kein Fremder die Dorfstraße
heraufkomme, und richtig, so gegen Mittag war es, da kam er
hereingerannt und rief: »Er kommt, er ist schon da!« Und dem kleinen
Kerl auf dem Fuß folgte der lange Amerikaner mit dem hellen Anzug und
dem Reiseschal schräg über die Achsel geknüpft. Er mußte sich bücken,
als er durch die kleine Türe eintrat, denn er war wohl einen Kopf größer
als Greiner, der nun von der Arbeit aufstand, während seine Frau ihre
Verlegenheit zu verbergen suchte, indem sie nur um so eifriger an ihren
Puppenbälgen nähte, als ob sie der Besuch nichts anginge.
Das half ihr aber nichts, denn der Amerikaner wandte sich gleich an sie:
»Wie geht es, Madame Greiner?« fragte er; »haben Sie meinen Vorschlag
Ihrem Manne mitgeteilt? Ja? Haben Sie meine Sache vertreten?«
Da sah Frau Greiner hilfesuchend zu ihrem Mann auf, und der antwortete
an ihrer Stelle: »Sie hat's schon getan, daran hat sie's nicht fehlen
lassen; es wäre auch nicht so ohne, elend genug ist's bei uns, wie Sie
sehen. Aber der Beschluß ist doch so ausgefallen, daß wir nicht gehen.«
»Das wollen wir uns doch erst überlegen, Sie und ich. Ich denke mir
wohl, daß Sie nicht gleich einem fremden Mann, wie ich bin, vertrauen
wollen, und auch ich müßte erst vom Arzt hören, ob Sie gesund genug
sind, und noch anderes mehr. Die Unterhandlungen fangen jetzt erst an,
Sie müssen nicht gleich von einem Beschluß reden. Sie dürfen mir selbst
einen Notar vorschlagen, mit dem wir die Sache besprechen wollen.«
»Der Notar kann da nichts ändern,« sagte Greiner, »wir Oberhainer gehen
nicht hinüber.«
Der Amerikaner schien betroffen, er merkte jetzt, daß die Sache doch
wohl schon reiflich überlegt war.
»Sagen Sie mir, warum nicht. Ich habe Ihnen Vertrauen entgegengebracht,
ich darf wohl auch von Ihnen Vertrauen erwarten?«