Das kleine Dummerle

und andere Erzählungen

Zum Vorlesen im Familienkreise

von

Agnes Sapper

Vierte Auflage

13.-16. Tausend

Stuttgart 1915

Verlag von D. Gundert

Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart.

Vorwort zur dritten Auflage.

Die Titelgeschichte des vorliegenden Buches hat sich im Laufe der Jahre

weiter entwickelt. Das kleine Dummerle ist groß geworden. Wer über seine

Kindheit und Jugend noch mehr hören möchte, findet in den beiden

Büchern: »Die Familie Pfäffling« und »Werden und Wachsen« die weiteren

Erlebnisse des kleinen Frieder und der ganzen Pfäfflings-Familie.

Würzburg, Dezember 1912.

Die Verfasserin.

Inhalt.

Seite

1. Das kleine Dummerle 5

2. Hoch droben 32

3. Im Thüringer Wald 36

4. Der Akazienbaum 104

5. Wie Johannes Ruhn Kaufmann wurde 107

6. Ein geplagter Mann 118

7. Helf, wer helfen kann 144

8. Ein Wunderkind 150

9. Mutter und Tochter 161

10. Die Feuerschau 187

11. In der Adlerapotheke 193

12. Bei der Patin 228

13. Regine Lenz 294

Das kleine Dummerle.

Am 1. Juli, mittags um 12 Uhr, kam Herr Musiklehrer Pfäffling in bester

Laune aus der Musikschule. Er hatte heute seinen Gehalt eingenommen und

außerdem noch eine ganz nette Summe für Hausunterricht. Ja, er hatte

sich mit allerlei fleißigen und faulen Schülern redlich geplagt, das

ganze Jahr hindurch, hatte Violin- und Flöten-, Klavier- und

Zitherstunden gegeben von frühmorgens bis spät abends. Nun winkte die

Ferienzeit; in 14 Tagen sollte sie beginnen, und zum erstenmal seit

vielen Jahren hatte Herr Pfäffling so viel erspart, daß er eine

Ferienreise unternehmen konnte. Fast unerlaubt kam es ihm vor, sich

solchen Aufwand zu gestatten, denn er war Familienvater und hatte sieben

Kinder. Aber seine Frau war vor Jahren auch einmal verreist gewesen,

seitdem galt es für ausgemacht, daß nun er an der Reihe sei. So wollte

er denn fort; nicht weit, nur nach Bayreuth, wo so herrliche Musik zu

hören war, und von dort noch ein wenig ins Fichtelgebirge, um Wald- und

Bergluft zu genießen, solange eben das Geld reichte. So ging Herr

Pfäffling gleich von der Schule aus in die Buchhandlung, erwarb sich

dort eine Karte vom Fichtelgebirge, und weil er sie schon auf dem Weg

nach Hause studierte, so kam er später heim als sonst und fand die ganze

Familie um den gedeckten Tisch versammelt. Da war seine getreue

Hausfrau, die einstweilen die Suppe ausschöpfte; auf der einen Seite des

Tisches saßen die ältesten, drei große Lateinschüler, und ihnen

gegenüber die Zwillingsschwestern, zwei zehnjährige Mädchen. Neben der

Mutter hatte das Jüngste seinen Platz, das dreijährige Töchterchen.

Diese sechs saßen schon um den Tisch. Der siebente aber, der Frieder,

ein kleiner Abcschütz mit einem gutmütigen Gesichtchen, stand am Fenster

und spielte auf einer Ziehharmonika.

In solchem Familienkreis geht es lebhaft zu und die Hausfrau findet oft

kaum Zeit zum Essen, bis sie den Kindern vorgelegt hat, und es ist ein

Glück, wenn für sie noch etwas auf der Platte bleibt, nachdem alle

Teller voll sind. Sie sah auch ein wenig mager aus, die gute Frau

Pfäffling, aber ihr Mann war auch nicht dicker, ebenso waren die drei

Jungen lang aufgeschossen, die Zwillingsschwestern schmal und das

jüngste, das Elschen, gar ein zartes Geschöpf. Nur der Frieder war

rundlich und hatte frische rote Backen. Das Essen ging rasch vorüber,

übrig blieb nichts und es waren alle so gerade zur Not satt geworden.

Vater Pfäffling nahm gleich wieder seine Karte vom Fichtelgebirge vor,

breitete sie aus, und so viel Köpfe darüber Platz hatten, so viele

steckten sich zusammen, um des Vaters Finger zu folgen, der den

geplanten Reiseweg bezeichnete.

Es gibt nichts Schöneres als so im Geist zu reisen; da geht alles so

leicht und glatt, ohne Hindernis; und doch können auch die Reisen im

Geist jäh unterbrochen werden -- es klopfte jemand an der Türe, alle

Köpfe hoben sich, der Hausherr trat ein.

Ein paar Reden wurden gewechselt über das Wetter und die bald

beginnenden Ferien, und dann, ja dann kam es eben heraus, daß der

Hausherr leider die Wohnung kündigen, und daß die Familie Pfäffling

ausziehen müsse. Ein Verwandter wollte die Wohnung mieten und fast

doppelt so viel Miete zahlen wie Herr Pfäffling, der ja die Wohnung

halb umsonst gehabt habe; der Verwandte habe auch nur _ein_ Kind und da

kämen nicht so fatale Sachen vor wie z. B. gestern, wo die jungen

Pfäfflings durch den Hof gesprungen seien und die Stangen umgestoßen

hätten, die das Waschseil hielten, so daß die frisch gewaschene Wäsche

auf den Hof gefallen sei und die Hausfrau alles noch einmal habe waschen

müssen.

»So etwas habt ihr getan, Kinder?« rief Vater Pfäffling und wandte sich

nach den Angeschuldigten um; aber merkwürdigerweise standen bloß noch

die Mädchen da, die Knaben hatten sich einer nach dem andern beim

Erscheinen des Hausherrn hinausgedrückt. Doch nicht alle, Frieder, der

kleine Dicke, stand noch beim Vater.

»Glauben Sie nicht, daß ich solche Unarten unbestraft lasse,« sagte Herr

Pfäffling zum Hausherrn. »Sie dürfen ja nur klagen, dann werden die

Jungen bestraft. Kommt nur gleich her, ihr Schlingel,« rief der Vater

und faßte den Kleinen, der ihm zunächst stand. »Wo sind denn aber die

andern, sie waren doch eben noch da? Wegen dir allein ist mir's gar

nicht der Mühe wert anzufangen, schnell hole deine Brüder.« Der Frieder

ging und rief mit weinerlichem Stimmchen die Brüder; von denen war aber

nichts zu sehen und nichts zu hören, er kam allein zurück und sagte:

»Sie sind alle fort.«

Da lachte der Hausherr und sagte: »Die sind nicht so dumm wie du, spring

doch nur auch davon, du brauchst nicht für die andern die Schläge zu

kriegen, du bist ja gar nicht einmal dabei gewesen.« Und dann wandte der

Hausherr sich zu Herrn Pfäffling: »Es ist nicht nur wegen der Kinder,«

sagte er, »die sind ja gut in Zucht, aber ich kann's meinen Verwandten

nicht abschlagen, daß sie zu mir ins Haus ziehen.«

Der Hausherr ging, die Eltern sahen sich bestürzt an. So billig wie sie

hier seit zehn Jahren gewohnt hatten, würden sie jetzt nirgends

unterkommen, und schon der Auszug kostet Geld. Herr Pfäffling ging mit

langen Schritten hin und her und schalt bald über die Kinder, bald über

den Hausherrn. »Wäre ich nur schon fort gewesen,« rief er endlich,

»hätte ich nur meine Reise schon in Sicherheit gebracht, jetzt wird

nichts mehr daraus oder meinst du, es ginge doch?« fragte er, hielt mit

seinem raschen Gang inne vor seiner Frau, die ganz betroffen am Tisch

stand und in Gedanken verloren auf die Karte niedersah.

»Meinst du, es reicht vielleicht doch zur Reise?« wiederholte Herr

Pfäffling. Sie sah ihn traurig an: »Wenn's nur zum _Leben_ reicht,«

sagte sie, »wer weiß, wieviel Miete wir künftig zahlen müssen!« Da ging

er wieder auf und ab, der Ärger wich und die Sorge kam; immer langsamer

und nachdenklicher wanderte er durch das Zimmer und als er wieder am

Tisch vorbeikam, faltete er sorgfältig die Karte vom Fichtelgebirge,

reichte sie einem der Kinder und sagte traurig: »Tragt sie nur wieder in

die Buchhandlung zurück und sagt, der Vater brauche keine Reisekarte.«

* * * * *

»An Wohnungen fehlt's wenigstens nicht,« sagte Herr Pfäffling, als er am

nächsten Tag den Anzeiger mit heimbrachte, in dem ganze Reihen Wohnungen

zur Miete angeboten waren. Und er machte sich auf den Weg, um solche

anzusehen, die ihm passend erschienen. In der Langenstraße waren zwei

ausgeschrieben. Die erste war zu teuer, die zweite noch viel teurer.

Unser Musiklehrer erschrak ordentlich. »Wenn ich so viel Miete zahlen

müßte, dann bliebe uns kein Geld mehr übrig fürs tägliche Brot,« sagte

er und wanderte weiter hinaus, der Vorstadt zu, eine endlose Straße

entlang, bis er Nr. 80 erreicht hatte, wo eine Wohnung frei war. Ja, da

war es nicht mehr so schrecklich teuer, da konnte man sich doch auf

Unterhandlung einlassen. Der Hausherr führte ihn durch die Zimmer. Ein

wenig klein waren diese. Herr Pfäffling stellte im Geist die Bettstellen

und sprach so halblaut vor sich hin: »Hier mein Bett und das von meiner

Frau, hier Karl, Wilhelm und Otto, hier Marianne, da Frieder --«

»Ja, erlauben Sie einmal,« unterbrach ihn jetzt der Hausherr, »wieviel

haben Sie eigentlich Kinder?«

»Wir haben sieben.«

»Sieben. Bei sieben tut's mir leid, daß ich Ihnen sagen muß, sieben

nehme ich nicht in meine Wohnung. Ich habe meist so Parteien mit einem

Kind, auch zwei und drei lasse ich mir gefallen, aber vier sind mir

schon zu viel und gar sieben, nein, da ist mir's doch zu leid um meine

neuen Fußböden, lieber lasse ich die Wohnung leerstehen.« »So,«

entgegnete Herr Pfäffling, »dann will ich auch nicht länger auf Ihren

kostbaren Fußböden herumtreten,« und ärgerlich verließ er das Haus.

Nun hinaus in die Sonnenstraße, dort gibt es auch einfache Häuser. Ein

großer, weißer Zettel am Fenster des dritten Stocks zeigte schon von

weitem, daß hier etwas zu hoffen war. Der Werkmeister Schall war der

Besitzer. Er stand unter der Haustüre und zeigte bereitwillig die

Wohnung. Diesmal überlegte Pfäffling nur ganz in der Stille, wie sich

die Betten stellen ließen. Von seinen sieben Kindern ließ er nichts

verlauten. Die Wohnung gefiel ihm, der Preis war nicht zu hoch, jetzt

nur gleich fest mieten. Dem Werkmeister war es auch recht, er holte

einen Mietvertrag zum Unterschreiben, und während er Tinte und Feder

bereitlegte, fragte er nach dem Namen seines Mieters.

»Pfäffling.«

»Und der Stand, wenn ich bitten darf, der Beruf?«

»Musiklehrer.«

»So, das ist freilich sozusagen ein lebhafter Beruf.«

»Stört in unserem Fall nicht viel,« sagte Herr Pfäffling, »ich gebe viel

Unterricht außer Haus.«

»Das ist gut, denn ich muß Ihnen gleich sagen, im untern Stock wohnt

eine Dame, eine feine Dame, die leidet an Kopfweh und braucht Ruhe. Aber

wenn die Stunden alle außer Haus sind, ist's schon gut.«

»Alle habe ich nicht gesagt, aber die meisten.«

»Und Ihre eigene Familie ist doch nicht etwa sehr groß?«

»Sehr groß?« sagte Pfäffling, »was heißt das, es gibt noch viel größere,

und übrigens kommt alles darauf an, ob Kinder streng gehalten werden;

die meinigen dürfen keinen Unfug treiben. Schreiben wir nur den Vertrag,

ich habe nicht viel Zeit.«

Aber der Hausherr war hartnäckig. »Wissen möchte ich doch, wieviel

Personen ins Haus kommen und was für welche,« sagte er, »wieviel Kinder,

bitte? Sind's Knaben oder Mädchen?« Nun half nichts mehr, Herr Pfäffling

mußte bekennen: »Vier Buben sind's, und dann noch so ein paar kleine

Mädels, die merkt man nicht viel.«

Der Werkmeister legte die Feder wieder weg. »Es geht nicht,« sagte er,

»es ist unmöglich, Musikstunden sind schon schlimm, dazu aber noch ein

halbes Dutzend Kinder, nein, was zu viel ist, ist zu viel!«

»Aber Mensch,« rief Pfäffling außer sich, »wir müssen doch auch wohnen,

was sollen wir denn tun, wenn uns niemand hereinläßt!«

In diesem Augenblick erschienen zwei ältere Damen unter der Türe, sie

wollten die Wohnung besehen. Der Hausherr begrüßte sie höflich -- für

unsern armen Musiklehrer hatte er keinen Blick mehr, der konnte gehen.

Am Torweg war auch eine Wohnung frei. Die Hausfrau hängte eben im

Vorgärtchen Wäsche auf; als sie hörte was Pfäfflings Begehr war, holte

sie ihren großen Schlüsselbund und schickte sich an, mit ihm

hinaufzusteigen in den vierten Stock. Herr Pfäffling dachte bei sich:

»Eigentlich ist's ganz unnötig, daß ich die Wohnung ansehe, ich nehme

sie ja doch, mag sie sein wie sie will, aber ob die Frau uns nimmt, das

ist die Frage!« Er sagte aber nichts und ging voraus, die Treppe zum

ersten Stock hinauf. Langsam folgte ihm die Hausfrau, die wohlbeleibt

war und schwer atmete. Pfäffling wurde ein wenig ungeduldig, er war

schon so lang unterwegs und ihm war es ganz gleichgültig, wie die Zimmer

aussahen. Auf dem ersten Treppenabsatz mußte die Frau ein wenig

ausschnaufen. Jetzt konnte er sich nicht mehr zurückhalten. »Ich will

Ihnen lieber gleich mitteilen, daß ich Musiklehrer bin,« sagte er, »wenn

Sie also keinen wollen, dann verlieren wir weiter keine Zeit.«

Sie stutzte einen Augenblick, dann sagte sie gnädig: »Steigen Sie nur

weiter hinauf.« Im Nu war Pfäffling die zweite Treppe droben, die

Hausfrau keuchte nach. Auf dem zweiten Treppenabsatz wieder Pause zum

Atemholen und Pfäffling: »Ich will Ihnen nur gleich sagen, daß wir

sieben Kinder haben.«

»Um Himmels willen,« rief die Frau, »haben Sie denn für jedes Stockwerk

so eine Hiobspost? Bis wir in den vierten Stock hinaufkommen, spielen

Sie die Regimentstrommel und haben noch ein Dutzend Buben in der Kost!

Ich tu' aber nicht mehr mit!« Und die schwerfällige Frau machte Kehrt,

hörte gar nicht mehr auf die guten Worte, die ihr Pfäffling gab, und

brummte noch vor sich hin: »Gott bewahre mich vor so einer

Gesellschaft!«

Unser Musiklehrer rannte zum Haus hinaus und spornstreichs heim -- für

heute hatte er's satt!

Als er bei Tisch erzählte, wie es ihm ergangen war, fühlten sich die

Kinder ordentlich beschämt, daß die Eltern ihretwegen nirgends

aufgenommen wurden, und nach Tisch, wo sie sonst alle im Hof

herumtollten, standen sie ganz bescheiden in einem Eckchen beisammen und

besprachen die Wohnungsnot. »Wir Großen können nichts dafür, daß wir so

viele sind,« sagte der Älteste, »wir drei waren schon immer da.«

»Und wir zwei auch,« sagte eine der Zwillingsschwestern, »aber der

Frieder und Elschen sind nachher dazugekommen.« »Ja, die sind schuld,

daß wir so viele sind.«

»Ach das Elschen macht ja nichts aus, das ist so klein und still, das

bemerkt kein Hausherr. Aber der Frieder, ja der Frieder mit seiner

ewigen Ziehharmonika, wenn der nicht wäre, dann wären wir bloß sechs.«

Sie sahen alle auf den Frieder, der stand da wie ein kleiner Sünder und

fühlte sich schuld an der ganzen Wohnungsnot. Und als seine Geschwister

längst schon die Sorge abgeschüttelt hatten und lustig im Hofe spielten,

war er noch still und nachdenklich.

Frieder stand immer ein wenig allein unter den Geschwistern. Die drei

großen Brüder sahen auf ihn herab und nannten ihn das Dummerle. Er war

eigentlich nicht dumm, aber weil er immer Harmonika spielte, hörte und

sah er manchmal nicht, was um ihn vorging, und stellte oft wunderliche

Fragen. Die Zwillingsschwestern gingen immer miteinander und brauchten

ihn nicht, so blieb nur das Elschen übrig und mit dem konnte er noch

nicht viel besprechen; aber er hatte es doch sehr lieb, schon weil es

nicht auf ihn heruntersehen konnte, wie all die andern, sondern weil es

sogar zu ihm hinaufblicken mußte; er hatte es lieb, weil es nie Dummerle

zu ihm sagte, denn es war noch kleiner und dummer als er.

Dies kleine Elschen wandte sich auch oft an ihn, denn Frieder hatte

mehr Zeit und auch mehr Geduld als die größern Geschwister und wenn

Elschen noch so oft des Tages eine ihrer fünf schönen Glaskugeln verlor,

so suchte sie Frieder unverdrossen wieder zusammen. Die Kleine verstand

noch nichts von der Wohnungsnot, aber Frieder war sehr davon bedrückt,

und als er an diesem Nachmittag aus der Schule kam, fiel ihm ein, er

wolle auch helfen Wohnung suchen. Sein Weg führte ihn durch die

Kaiserstraße, das war die eleganteste Straße der Stadt. In dieser gab es

ja prächtige Häuser, da mußten feine Wohnungen sein, wenn er so eine

finden könnte!

Mit dem Schulranzen auf dem Rücken, in seinem verwaschenen blau und weiß

gestreiften Sommeranzug ging Frieder in eines des stattlichsten Häuser,

die teppichbelegte Treppe hinauf und drückte auf die Klingel im ersten

Stock. Er mußte ein wenig warten, denn das Dienstmädchen war eben am

Scheuern; sie mußte erst ihre nasse Schürze ablegen, schnell eine weiße

antun, rasch am Spiegel ihr Haar glatt streichen -- so, nun war sie

allerdings schön genug, um unserem Frieder aufzumachen. Der zog sein

Mützchen ab und sagte: »Wir suchen eine Wohnung.« Er mußte es noch

zweimal sagen, denn das Mädchen meinte immer, es habe ihn falsch

verstanden. Dann lachte sie und sagte: »Du kleiner Däumling, du willst

eine Wohnung suchen? Geh, da würde ich doch noch zwanzig Jahre warten,«

und damit ließ sie den kleinen Mann stehen und schloß die Türe. »Zwanzig

Jahre können wir doch nicht warten,« dachte Frieder und ging eine Treppe

höher. Dort öffnete ihm ein Junge, nur ein paar Jahre älter wie er. Als

dieser erfaßt hatte, was Frieder wollte, führte er ihn in das Zimmer und

rief einer Dame, die da saß, zu: »Sieh doch, Mama, da ist so ein

komischer, kleiner Junge, der will bei uns eine Wohnung suchen.«

Die Mama sah dem kleinen Eindringling ein wenig mißtrauisch entgegen,

sie fragte ihn, wem er gehöre. Der Musiklehrer Pfäffling hatte aber

einen guten Namen und war der Dame nicht unbekannt. Sie fragte nun noch

allerlei. Der Frieder antwortete, so gut er's verstand. Man konnte ihm

wohl anmerken, wie ernst es ihm war mit der Wohnungsnot. Die Dame konnte

ihm aber doch nicht helfen. »Liebes Kind,« sagte sie, »geh du lieber

heim, dein Vater wird schon selbst eine Wohnung finden.« Der Frieder

schüttelte traurig das Köpfchen. »Nein,« sagte er, »uns will niemand

nehmen, weil wir sieben Kinder sind.«

»Das ist aber arg, Mama,« sagte der kleine Sohn des Hauses, »wenn sie

keine Wohnung finden, dann müssen sie immer auf der Straße bleiben.«

»Bewahre,« entgegnete die Mama, »sie kommen schon unter; sieben Kinder

sind nicht so schlimm, da drüben wohnt eine Familie mit acht Kindern und

es gibt auch solche mit zehn!« Da lauschte der Frieder, das war ihm eine

gute, neue Botschaft! Jetzt war er beruhigt; das mußte er gleich daheim

erzählen, die wußten das gewiß nicht. Er gab das Wohnungsuchen auf und

ging heim.

Als Frau Pfäffling im Kreis der Ihrigen erzählte, daß sie an diesem

Nachmittag vergeblich in vielen Häusern gewesen sei, sagte Frieder ganz

ernsthaft: »Ich habe auch Wohnungen gesucht und keine gefunden.« »_Du_

hast gesucht? ja wo denn? wie denn?« fragten alle durcheinander und

während er erzählte, wurde er von den Großen unbarmherzig ausgelacht und

von den Eltern gezankt, daß er allein in fremde Häuser gegangen war.

Frieder ließ das Köpfchen hängen. Niemand bemerkte, daß Tränen in seinen

Augen standen, nur die kleine Else sah es, weil sie gerade an ihn

herankam und zu ihm aufsah, und sie streichelte den Bruder. Sie verstand

auch noch nicht, warum die andern lachten, und das tat dem Frieder

wohl, in ihren Augen war er doch kein Dummerle!

Frau Pfäffling hatte aber doch eine Wohnung ausfindig gemacht. Freilich

war sie auch teurer als die seitherige, gerade etwa um soviel teurer als

Herrn Pfäfflings Reise gekostet hätte, aber es waren doch so viele

Zimmer darin, daß die große Familie gut Platz hatte. Frau Pfäffling

berichtete genau über die innere Einteilung. »Du hast ja noch gar nicht

gesagt, in welcher Straße sie liegt, das möchte ich doch vor allem

wissen,« sagte Herr Pfäffling. Da kam es etwas zögernd heraus: »Sie

liegt in der Hintern Katzengasse Nr. 13.«

»In der Hintern Katzengasse? Die kennt man ja nicht einmal dem Namen

nach. Wollen wir doch sehen, wo die liegt.« Auf demselben Tisch, wo

kürzlich die Karte vom Fichtelgebirge aufgelegen war, wurde nun der

Stadtplan ausgebreitet, und wieder steckten sich alle Köpfe zusammen,

bis die Hintere Katzengasse gefunden wurde. Sie führte von der Vorderen

Katzengasse nach der alten Trödlergasse. »Eine feine Lage ist's nicht,«

sagte Pfäffling.

»Nein, aber dort nimmt man uns doch auf. Die Kaiserstraße wäre feiner

gewesen, wo unser Dummerle gesucht hat.«

»Wem gehört denn das Haus?«

»Einem Seifensieder.«

»Riecht's da nicht den ganzen Tag nach dem Seifenbrei?«

»Es riecht wohl ein wenig, das kann nicht anders sein.«

»Da ist wohl auch kein Gärtchen oder Hof dabei, und das Haus ist

nördlich gelegen, ein Sonnenstrahl dringt kaum in diese engen Gassen,«

sagte Pfäffling seufzend. »Es können nicht alle auf der Sonnenseite

wohnen,« erwiderte Frau Pfäffling, »wie viele müssen im Schatten vorlieb

nehmen!«

»Wollen wir morgen noch einmal suchen, und dann, wenn wir gar nichts

Besseres finden, nun, dann müssen wir uns eben begnügen.«

Am nächsten Tag fand sich nichts Besseres und mit schwerem Herzen wurde

der Beschluß gefaßt, in der Hintern Katzengasse Nr. 13 einzumieten.

Inzwischen war in der schönen Wohnung, die Frieder in der Kaiserstraße

angesehen hatte, eine kleine Teegesellschaft versammelt. Die Dame des

Hauses erzählte von dem kleinen Pfäffling, der mit dem Ränzchen auf dem

Rücken nach einer Wohnung bei ihr gesucht habe. Wie groß mußte die

Verlegenheit der Familie sein, wenn sie alle Kinder bis herunter zum

sechsjährigen ausschickte auf Suche nach Wohnung! Ein älteres Fräulein

aus der Gesellschaft, das ein warmes Herz für die Not anderer Leute

hatte, erklärte, da müsse geholfen werden. Gleich am nächsten Morgen

wolle sie zu Herrn B. gehen, der kenne alle Wohnungen der Stadt, der

müsse Rat schaffen. So ging Fräulein A. zu Herrn B. und dieser wieder zu

Frau C., und als die Sache noch ein Stück weiter durchs Alphabet

gelaufen war, kam eines Morgens der Schreinermeister Hartwig, fragte

nach dem Musiklehrer Pfäffling und sagte dem Dienstmädchen, er habe eine

Wohnung anzubieten. Herr Pfäffling gab eben in seinem Zimmer Geigstunde,

während am andern Ende der Wohnung einer seiner Jungen Klavier übte, und

zwischen darin saßen die Zwillinge und sangen so laut sie konnten darauf

los, weil sie die zweierlei Musik übertönen wollten.

Frau Pfäffling hatte in der Küche die Frage wegen der Wohnung vernommen

und hätte sie nur gekonnt, sie hätte heimlich alle Musik zum Schweigen

gebracht; aber da führte ihr das Mädchen schon den Herrn her und weil

auch gerade die andern Kinder über den Gang sprangen, so konnte man kaum

das eigene Wort verstehen. Die Mutter führte Herrn Hartwig ins Zimmer

und im Vorbeigehen faßte sie einen ihrer Jungen und flüsterte ihm zu:

»Es ist ein Hausherr da, rufe den Vater, und mache, daß man euch nicht

so hört.«

Das wirkte; die Kinder wußten ja, um was es sich handelte. »Ein

Hausherr,« so ging's von Mund zu Mund; alle Musik, aller Lärm

verstummte, auf den Zehen schlichen sich die Kinder hinaus, lautlos

wurden die Türen geschlossen, eine ungewohnte Stille herrschte im Haus.

Herr und Frau Pfäffling waren allein mit dem Schreinermeister Hartwig.

»Wenn Sie noch keine Wohnung gefunden haben,« sagte dieser, »so möchte

ich Ihnen eine in meinem Hause anbieten, draußen in der Frühlingsstraße.

Platz genug gäbe es da, und es schadet auch nichts, daß Sie zehn Kinder

haben.«

»Sieben, sieben, bloß sieben,« riefen die beiden Eltern wie aus einem

Mund.

»Um so besser, uns hat man von zehn gesagt; es hat sich halt so

herumgesprochen in der Stadt und darüber haben sich die Kinder vermehrt.

Es ist ein großer Holzplatz am Haus, da können sich die Kinder tummeln.

Und was den Mietzins betrifft, da werden wir uns schon einigen. Bei uns

ist's nämlich so: Mich hat noch nie ein Lärm gestört, und meine Frau,

die hat die Liebhaberei Gutes zu tun, wie eben jeder Mensch so seine

Liebhaberei hat. Darum sagt sie: Eine _gute_ Mietpartei nehmen ist keine

Kunst, aber eine schlechte Mietpartei aufsuchen, das ist christlich.«

Der »schlechten Mietpartei« klangen diese Worte wie Musik, und nach fünf

Minuten schon war Pfäffling mit dem freundlichen Hausherrn unterwegs in

die Frühlingsstraße und ließ sich von der Hausfrau mit der christlichen

Liebhaberei, Gutes zu tun, die sonnige Wohnung zeigen und ohne

Schriftstück, mit freundlichem Handschlag wurde der Mietvertrag zu

billigem Preis abgeschlossen. Fröhlichen Herzens ging unser Musiklehrer

von der Frühlingsstraße in die Hintere Katzengasse, freute sich, als er

schon von ferne den Seifengeruch in die Nase bekam, und teilte dem

Seifensieder mit, daß er sich zu einer andern Wohnung entschlossen habe.

Dann vorbei an der Buchhandlung, wo er zum zweitenmal die Karte vom

Fichtelgebirge verlangte, und nun heim zur begeisterten Schilderung der

künftigen Wohnung in der Frühlingsstraße.

Die ganze Familie teilte seine Freude; nur der Frieder hörte zufällig

nichts davon, weil er eben mit seiner Harmonika im Hof war, und niemand

dachte daran, daß er die Neuigkeit nicht erfahren hatte. Er wunderte

sich im stillen, als beim Mittagstisch alle so vergnügt vom nahen Umzug

sprachen und sogar sagten, sie bekämen es viel schöner als jetzt; denn

er dachte, es handle sich noch um die Hintere Katzengasse. »Mir

gefällt's besser da,« sagte er, »weil wir doch einen Hof haben.« »Der

elende Hof voll Wäschepfosten,« sagte einer der Brüder, »da will ich

doch lieber einen Holzplatz.«

»Schau, schau, dem Frieder allein ist die neue Wohnung nicht gut genug,

der will eben in die Kaiserstraße,« sagte der Vater neckend zu ihm, und

auch die andern lachten. Es wußte niemand, daß man _ihm_ eigentlich die

neue Wohnung verdankte, auch er selbst nicht, und so schwieg Frieder. Er

fand es zwar wunderlich, daß man heute so zufrieden sein sollte mit dem

Tausch, aber ihm kam ja oft etwas sonderbar vor, was die Großen sagten,

und er fragte nie viel, sie hatten alle immer keine Lust, ihn

aufzuklären.

So kam es, daß Frieder bei der Meinung blieb, man habe in der Hintern

Katzengasse eingemietet.

»Wenn der Umzug doch sein muß, dann so bald wie möglich,« sagte

Pfäffling, »noch vor meiner Reise«, und mit großem Eifer wurden alle

Vorbereitungen getroffen. Manche Bekannte boten ihre Hilfe an, und viele

luden die Kinder für den Umzugstag zu Tisch, so daß es eine ganz

schwierige Beratung gab, was man annehmen konnte und ablehnen mußte. Die

Eltern hatten viel zu tun; sie überließen es den Kindern, wo und wie

jedes zu seinem Mittagstisch gelangen würde. So fanden die großen Jungen

glücklich heraus, daß Brauns auf zwölf Uhr und Schwarzens auf ein Uhr

geladen hatten, das konnten sie beides vereinigen, und sie freuten sich

königlich auf das doppelte Mittagessen.

Der Tag des Umzugs kam. Gegen Mittag fuhr der vollbeladene Wagen ab, die

Eltern folgten ihm in die neue Wohnung, während die Kinder gleich von

ihren Schulen aus zu den Familien, die sie geladen hatten, gegangen

waren und sich's da schmecken ließen. Nur unser Frieder hatte nicht

recht erfaßt, wie das alles eingerichtet war und wo er zu Mittag essen

sollte. Er wollte die Mutter noch einmal fragen und ging wie gewöhnlich

von der Schule aus heim, in die alte Wohnung. Alle Türen standen weit

offen. Betroffen blieb Frieder unter der Türe der verlassenen Wohnung

stehen. Wo war denn alles? Er ging von einem Zimmer ins andere, Papier

und Stroh lagen auf dem Fußboden zerstreut. Da, im Winkel, mitten unter

dem Staub, sah er eine von Elschens Kugeln, die schöne rote, die hob er

auf und schob sie in seine Tasche. Dann ging er durch all die leeren

Räume, seine Schritte hallten, aber sonst war alles stille. Ihm wurde

ganz unheimlich zumute, Tränen kamen ihm in die Augen, als er sich so

verlassen fühlte. Ja, sie waren alle ausgezogen und ihn hatten sie

vergessen. Jetzt kamen Schritte die Treppe herauf, der Hausherr war's

und eine Scheuerfrau mit Besen und Wassereimer.

»Bist du noch da, Frieder?« fragte er. »Deine Leute sind schon in der

neuen Wohnung, mache nur, daß du auch hinkommst, sonst wirst du

hinausgekehrt.« Da ging Frieder die Treppe hinunter; er wußte jetzt, was

er zu tun hatte, er mußte in die neue Wohnung gehen. Also in die Hintere

Katzengasse Nr. 13. Wo diese lag, wußte er ungefähr; hinter dem Markt

hatte er sagen hören, und auf dem Markt war er schon oft gewesen. Er

machte sich auf den Weg. Der war weit und heiß; der kleine Fußgänger mit

dem Schulranzen kam langsam vorwärts und dachte dabei, daß er zum

Mittagessen bei Bekannten eingeladen sei, wenn er nur gewußt hätte, wo?

Endlich gelangte er doch auf den Markt und sah sich um. Rechts, links,

überall gingen Straßen und Gassen ab, welche aber war die richtige?

Zweifelnd kam er bis mitten auf den Platz, da trieben sich ein paar

Kinder herum. An die wandte er sich. Ein Mädchen wies ihm den Weg.

»Dort,« sagte sie, »wo der Seifenladen ist, da ist Nr. 13.«

Der Seifensieder stand unter der Ladentüre und als er sah, daß der

kleine ABC-Schütz mit dem Ränzchen auf dem Rücken unschlüssig vor dem

Hause stehen blieb, fragte er: »Wen suchst denn du, Kleiner?«

»Ich möchte in unsere neue Wohnung,« sagte Frieder. »Wie heißt du denn?«

»Frieder Pfäffling.« »Pfäffling? Pfäffling? Gehörst du dem Musiklehrer?

Ja? Der hat ja hereinziehen wollen, hat sich aber dann anders besonnen.

Bist du sein Bub und weißt das nicht?«

»Ich weiß gar nichts,« sagte Frieder und sah recht jämmerlich darein.

»Geh nur wieder in deine alte Wohnung,« sagte der Mann, »und frage dort,

wo du hin sollst, dort sagt man dir's schon. So etwas ist mir aber noch

nicht vorgekommen, daß man auszieht und sagt den Kindern nicht einmal

wohin!«

Dem Frieder kamen trübe Gedanken, während er die Hintere Katzengasse

wieder hinaufging nach dem Markt. Seine Eltern waren also in eine andere

Wohnung gezogen und ihm hatte man nichts davon gesagt, weil man ihn

nicht brauchen konnte. Der neue Hausherr hatte gewiß nur sechs Kinder

aufnehmen wollen; er war der siebente, er war zuviel. Das kam ihm alles

ganz natürlich vor, aber traurig war es. Und jetzt war er so hungrig.

Für heute war er wenigstens noch zum Mittagessen eingeladen. Vielleicht

bei Brauns? Dort wollte er es einmal versuchen. Den Weg dahin konnte er

freilich nur von zu Hause oder von der Schule aus finden. So ging er bis

zu seinem Schulhaus. Dort traf er einen seiner Schulkameraden, der schon

wieder in die Nachmittagsschule ging und höchlich erstaunt war, daß

Frieder erst zum Essen gehen wollte. Auch ein anderer Kamerad, der

kleine Meinert, kam schon des Wegs. »Du, Meinert,« rief ihm der erste

Kamerad zu, »der Pfäffling will erst zum Essen gehen.«

»O, der kommt viel zu spät!«

»Gelt, ich sag's auch, der kommt zu spät.« So eingeschüchtert wagte sich

»der Pfäffling« auch nicht mehr weg, sondern ging hinauf in das

Schulzimmer, setzte sich todmüde auf seinen Platz in der Bank, ließ das

heiße Köpflein hängen und schlief ein. Aus diesem Mittagsschlaf erwachte

er erst, als gegen zwei Uhr die andern Kinder alle heraufstürmten und

der Lehrer kam. Sehr gut bestand Frieder heute nicht in der Schule und

die zwei Stunden schienen ihm eine Ewigkeit.

Als sie endlich überstanden waren und er die Treppe herunterkam, ohne zu

wissen, wohin er sich dann wenden solle, da rief plötzlich eine Stimme:

»Frieder!« Er sah auf und da stand sein Vater vor ihm und sagte

freundlich zu ihm: »So Frieder, ich habe auf dich gewartet, ich will

dich abholen in die neue Wohnung, die Mutter hat Angst gehabt, daß du

sie nicht findest.«

Ei, wie da der kleine Frieder verklärt zu seinem Vater aufsah, wie er

sich dicht an ihn drängte und mit ihm ging! Und wie ihm dann auf einmal

die Tränen aus den Augen schossen und all der Jammer im Durcheinander

herauskam: Kein Mittagessen -- die alte leere Wohnung -- die Hintere

Katzengasse und die Angst, daß man nur noch sechs Kinder haben wolle!

Vater Pfäffling drückte fest die kleine Hand, die in der seinigen ruhte,

und sagte: »Frieder, wo wir sind, da gehörst du auch hin und in der

Frühlingsstraße Nr. 20 da wird auch für unser Dummerle der Tisch

gedeckt.«

In der neuen Wohnung war noch ein buntes Durcheinander und Frieder hätte

wohl nicht so schnell etwas zu essen gefunden, wenn nicht die neue

Hausfrau mit der Liebhaberei, Gutes zu tun, dagewesen wäre. Sie brachte

eine riesige Kanne mit Kaffee und Milch zum Einstand, um die sich bald

die ganze Familie scharte; viele Freunde und dankbare Musikschüler

schickten Vorräte für die Speisekammer, so daß alles in Hülle und Fülle

da war, wie sonst nie im Jahr, und alle Pfäfflinge, jung und alt, voll

Vergnügen waren. Frieder wurde freilich von den Geschwistern viel

geneckt und mußte sich oft Dummerle nennen lassen, aber er ließ sich's

gar nicht anfechten, er war jetzt glücklich! Und als das Elschen am

Abend zu ihm kam mit vier Kugeln in den Händen und klagte: »Die rote

Kugel ist nicht mit eingezogen,« da freute er sich darüber, daß er noch

einmal in die verlassene Wohnung gekommen war und dort die Kugel

gefunden hatte, ging mit der kleinen Schwester auf den Holzplatz, wo die

großen Geschwister auf den Balken schaukelten und kletterten, und

spielte mit ihren Kugeln, wie sie es in der alten Wohnung getan hatten.

Bald war die neue Wohnung eingerichtet und Herr Pfäffling rüstete sich

zur Reise. Seine Tasche war gepackt, alles lag bereit, am nächsten

Morgen wollte er abreisen. Das Wetter war herrlich und lockte hinaus,

er sang und pfiff den ganzen Tag vor Freude und unterbrach sich nur

manchmal, um zu seiner Frau zu sagen: »Nächstes Jahr bist du an der

Reihe,« oder zu den Kindern: »Wenn ihr groß seid, dürft ihr auch

reisen.« Sie freuten sich alle mit ihm.

Aber -- in der Nacht wurde Elschen krank. Sie konnte nicht sagen, was ihr

fehlte, aber sie weinte und wimmerte und wälzte sich in ihrem Bett

herum. Am frühen Morgen wurde der Arzt geholt. Er untersuchte, fragte

und wurde nicht klug daraus, was dem Kind fehle. Als Frau Pfäffling

sagte: »Mein Mann kann doch unbesorgt abreisen?« da zuckte er die

Achseln und meinte: »Ich würde doch noch einen Tag zusehen.« Den ganzen

Tag konnte die Kleine nichts essen und lag stöhnend im Bettchen, und am

nächsten Tag fand der Arzt sie kränker als am vorhergehenden. Traurig

schlichen die Kinder umher, jedes teilte die Angst der Eltern um die

Kleine, alle Musik verstummte. In diesen Tagen waren Pfäfflings eine

gute Mietpartei für die Hausleute.

Elschen aber konnte doch nicht schlafen, so sehr man ihr Ruhe

verschaffte. Der kleine Frieder stand an ihrem Bett; ihn lächelte sie

manchmal an und sprach auch ein paar Worte mit ihm, aber von den andern

Geschwistern wollte sie nichts wissen. So ließ ihn die Mutter manchmal

allein am Bett, wenn sie selbst nach der Haushaltung sehen mußte, die

zwei hatten sich ja so lieb. Vater Pfäffling ging unruhig im Haus herum,

an seine Reise dachte er schon fast nicht mehr, so groß war die Sorge um

das Kind.

Eben war der Arzt wieder dagewesen. »Wenn ich nur erst herausfände, was

dem Kinde fehlte,« sagte er, »aber so kann ich ihm gar nicht helfen.«

Die Eltern begleiteten ihn hinaus und Frieder stand am Bett. Die kleine

Schwester sah ihn an und streckte ihm die Händchen hin. »Elschen,«

sagte er schmeichelnd, »willst du unsre schönen Glaskugeln?« und er

schüttelte ein wenig das Büchschen, in dem dieses ihr gemeinsames

Lieblingsspiel verwahrt war.

»Nein, nein, nein!« rief die Kleine mit ungewohnter Heftigkeit und

streckte ihre Hände wie abwehrend gegen das Büchschen, und als Frieder

es schnell beiseite legte, flüsterte sie ihm ganz leise zu: »Die rote

Kugel schmeckt so hart.« Dann legte sie sich auf die Seite und schloß

die Augen. Frieder blieb ganz still bei ihr stehen. Zuerst kam es ihm

komisch vor, daß Elschen so etwas Dummes sagen konnte. Wer weiß denn,

wie Kugeln schmecken! Frieder war kein großer Denker, aber nach einer

Stunde war er doch mit seinen Gedanken so weit gekommen, daß er sich

sagte: »Die rote Kugel ist nicht im Büchschen, vielleicht hat das

Elschen sie gegessen.« Und nun fing er an, im Zimmer nach der Kugel zu

suchen, ob sie nicht doch irgendwo lag. So trafen ihn die Eltern, gerade

als er mit einem Stecken unter der Kommode herumfuhr und damit einigen

Lärm machte.

»Ruhig, ruhig,« wehrte die Mutter, und der Vater, der immer neben der

Sorge auch ein wenig Ärger empfand wegen seiner mißlungenen Reise, fuhr

ihn ungeduldig an: »Geh doch hinaus zu den andern, was treibst du denn

da?« »Ich muß die rote Kugel suchen, denn -- --.« »Geh hinaus mit deinen

Kugeln! Wenn du nicht still bei Elschen bleiben kannst, dann darfst du

auch nicht mehr zu ihr,« und unsanft wurde der Kleine zur Türe

hinausgeschoben.

Da ging er hinunter auf den Holzplatz, setzte sich auf einen Balken und

dachte an sein Schwesterchen. Nach und nach wurde ihm alles klar: die

rote Kugel war am Sonntag noch in der Büchse gewesen, dann war das

Elschen krank geworden und seitdem war die Kugel weg. Und wenn das

Elschen sie nicht gegessen hätte, dann wüßte es doch nicht, daß sie

hart schmeckt. Und das hatte sie ihm deshalb ganz leise gesagt, damit es

die Eltern nicht hörten, denn so eine schöne Glaskugel essen ist schade,

da wird man gezankt. Der Bruder wollte auch seine Schwester nicht

verraten, damit sie nicht gezankt würde, er sagte zu niemand ein Wort.

Am nächsten Morgen hatte er sich doch wieder an Elschens Bett gemacht.

Die Eltern beachteten ihn nicht und sprachen miteinander. Sie erwarteten

den Arzt. »Wenn er nun gar nicht herausbringt, was dem Kind fehlt,«

sagte Vater Pfäffling, »dann müssen wir doch einen andern Arzt dazu

holen.« »O ja, bitte,« sagte die Mutter, »laß ihn holen, ehe es zu spät

ist, heute nacht habe ich schon gemeint, sie stirbt mir« -- und die

Mutter weinte. Daß seine Schwester sterben könnte, daran hatte Frieder

noch gar nicht gedacht, und mit einemmal wurde es ihm ganz klar, daß er

nicht verschweigen dürfe, was er wußte, lieber Elschen verraten als sie

sterben lassen. Da klingelte schon der Arzt. »Mutter,« fing Frieder an,

»du weißt doch, daß wir so eine rote Kugel haben --.« Aber die Mutter

fiel ihm ins Wort: »Aber Frieder, meinst du denn, wenn das Schwesterchen

so krank ist, will man etwas von deinen Kugeln wissen?«

Der Arzt kam und untersuchte die kleine Kranke. Unterdessen näherte sich

Frieder dem Vater. »Vater,« begann er leise, »Vater, wir haben doch eine

rote Kugel gehabt und -- --« »O du mit deinen verwünschten Kugeln!« rief

Herr Pfäffling so laut und ärgerlich, daß das kranke Kind erschreckt und

der Arzt erstaunt herüber blickte und sagte: »Es wird immerhin besser

sein, wenn die Kinder nicht im Krankenzimmer sind,« und Vater Pfäffling

machte die Türe auf und wies mit strenger Miene dem Frieder den Weg. Der

aber, der sonst nie wagte, ungehorsam zu sein, schlüpfte an der Türe

vorbei zum Arzt, der über das Bett der Kleinen gebeugt stand und sie

behorchte. Er schlang beide Arme um den Hals des Arztes und flüsterte

ihm ganz leise zu: »Die rote Kugel hat das Elschen gegessen, ja, und

darum ist sie krank.«

Die Eltern hatten nicht verstanden, was Frieder leise gesagt hatte, und

so sahen sie mit Staunen, daß der Doktor sich von der kleinen Kranken

weg eifrig dem Frieder zuwandte und nun, wahrhaftig -- sie hörten es ganz

deutlich -- fing auch der Doktor an, von den Kugeln zu sprechen, die Herr

Pfäffling eben verwünscht hatte. Der Arzt nahm den Frieder, der ein

wenig ängstlich nach dem Vater hinübersah, auf die Kniee und redete sehr

freundlich mit ihm, während die Eltern auf seine Worte lauschten. »Wie

war denn das mit der Kugel, Frieder? Sage mir's nur noch einmal ganz

genau; weißt du, das muß ich alles erfahren, wenn ich deine Schwester

gesund machen soll. Hast du es denn gesehen, daß sie die Kugel

geschluckt hat? Nein? Aber erzählt hat sie dir's? Was hat sie denn

erzählt?«

»Nur daß die rote Kugel hart schmeckt. Und das weiß man doch nicht, wie

die rote Kugel schmeckt, wenn man sie nicht gegessen hat. Und die Kugel

ist auch nicht mehr da, sieh nur her.« Und Frieder öffnete das Kästchen.

»Fünf müssen es sein, und es sind doch nur vier.« Elschen fing ängstlich

an zu weinen. »Jetzt weint sie,« sagte Frieder und schien selbst den

Tränen nahe, »ich habe sie doch auch nicht verraten wollen.«

»So etwas _muß_ man verraten,« sagte der Arzt, und nun wandte er sich an

die Eltern, die in große Aufregung versetzt waren durch Frieders

Mitteilung. »Wenn es so ist, wie der Kleine sagt, dann kann dem Kind

geholfen werden. Ich bin überzeugt, daß die Sache sich so verhält, denn

nur durch so etwas läßt sich diese Krankheit erklären. Am besten ist es,

ich bringe gleich heute nachmittag einen geschickten Chirurgen mit,

vielleicht ist eine Operation vorzunehmen.« Frau Pfäffling erschrak

darüber. »Unser Frieder ist so ein Dummerle,« sagte sie, »auf seine

Reden hin kann man doch keine Operation vornehmen!«

»Der scheint mir gar kein Dummerle zu sein,« sagte im Fortgehen der

Arzt, »wer weiß, ob Sie ihm nicht das Leben Ihres Kindes verdanken.« Die

Mutter aber traute der Sache noch nicht und sie fing an, nach der Kugel

zu suchen und rief alle Kinder zu Hilfe. In der ganzen Wohnung wurde aus

allen Ecken vorgekehrt, der Vater setzte einen Finderlohn aus und in

jedem Zimmer traf man eines der Kinder der Länge nach auf dem Boden

liegend und unter die Möbel schlupfend, um zu suchen. Nur Frieder suchte

nicht mit, er sah dem Treiben verwundert zu und sagte nur: »Ich habe

schon lange gesucht, da ist unsere rote Kugel nie.«

Am Nachmittag wurde die Kleine so krank und schwach, daß es aussah, als

ob sie den Abend nicht mehr erleben könnte, und so eilte Herr Pfäffling

fort und holte die beiden Ärzte zur Hilfe. Sie kamen, brachten eine

Krankenschwester mit, gingen ins Krankenzimmer und schlossen die Türe ab

-- niemand, nicht einmal die Eltern durften mit ihnen hinein. Das war nun

eine bange Stunde. Die ganze Familie war im Wohnzimmer beisammen,

lauschte auf die Geräusche, die hie und da aus dem Krankenzimmer über

den Vorplatz herübertönten, und wartete. Der Mutter Auge ruhte auf

Frieder. Sollte wirklich gerade dieses Kind, das kleine, unbeachtete

Dummerle, den wahren Grund der Krankheit gefunden haben? Er saß ganz

ruhig mit seinem Büchschen in der Hand da, während Herr Pfäffling

aufgeregt im Zimmer hin und her lief und das lange Warten kaum ertragen

konnte.

Endlich, endlich hörte man, daß die Türe des Schlafzimmers

aufgeschlossen wurde, Herr Pfäffling eilte hinaus in den Vorplatz, die

Mutter ihm nach. Da kamen schon die beiden Ärzte auf sie zu und der

Hausarzt rief ihnen entgegen: »Nun, da hätten wir ja die verlorene Kugel

wieder,« und er hielt hoch in der Hand, daß es alle sehen konnten, die

rote Kugel! Der Mutter stürzten die Tränen aus den Augen. »Darf ich

hinein?« fragte sie und war schon durch die Türe und bei dem kleinen

Liebling, ehe sie Antwort bekommen hatte. Das Kind lag bleich in seinem

Bettchen und erkannte die Mutter nicht, aber die Krankenschwester sagte

zu der besorgten Mutter: »Seien Sie nur ganz getrost, es ist so gut

gegangen, die Ärzte sind ganz zufrieden.«

Leise, leise schlichen sich allmählich alle Kinder herein, während

draußen die Ärzte mit dem Vater sprachen. Die großen Brüder, die

Zwillingsschwestern, jedes wollte das Elschen sehen. Da konnte der

kleine Frieder nicht beikommen und das Schwesterchen nicht sehen. Er

wollte hinausschlüpfen, aber die Herren standen unter der Türe. Der Arzt

bemerkte ihn. »Das ist der Kleine,« sagte er zu dem Chirurgen, »ein

kluges, aufmerksames Kind, dem verdankt die kleine Schwester

gewissermaßen das Leben.« »Ja,« sagte Herr Pfäffling, »das kommt daher,

daß er sein Schwesterchen so lieb hat, er ist sonst nicht der Klügste,

da muß die Liebe den schlummernden Verstand geweckt haben.« Die

Geschwister alle hörten das, sie wandten sich Frieder zu und sahen ihn

staunend an. Dieser selbst beachtete das nicht, er hatte ein anderes

Anliegen, und da er sah, daß die Ärzte ihn freundlich anblickten, wagte

er es vorzubringen. Er streckte das Büchslein hin, in dem die vier

Kugeln waren und sagte: »Da herein gehört die rote Kugel!«

Das Elschen erholte sich so schnell, daß es schon nach einigen Tagen

wieder ganz lustig und munter war, und Herr Pfäffling rüstete sich

abermals zur Reise. Ohne Sorge konnte er sein Töchterchen verlassen, das

noch im Bett lag, aber fröhlich mit Frieder plauderte. Die Mutter folgte

dem Reisenden noch die Treppe hinunter, die Zwillingsschwestern

begleiteten den Vater an die Bahn, die Brüder sollten ihn dafür bei der

Heimkehr abholen. Als Frau Pfäffling allein die Treppe wieder herauf und

ins Zimmer kam, sagte sie zu ihren drei Großen: »Gottlob, daß des Vaters

Reise doch noch zustande gekommen ist,« und sie fing an, den Tisch

abzuräumen, an dem der Vater noch eine kleine Mahlzeit eingenommen

hatte.

Nun kam auch Frieder, der bei dem Schwesterchen geblieben war, herein,

nahm seine Ziehharmonika und spielte ein Lied. Aber mitten in der

Melodie unterbrach er sich und fragte: »Wann reist denn der Vater fort?«

Da sahen ihn alle an, lachten und fragten: »Hast du's nicht gemerkt, daß

der Vater abgereist ist? Er hat sich doch von dir und Elschen auch

verabschiedet. Bist du denn doch wieder unser Dummerle? Und der Vater

hat erst gesagt, niemand darf dich mehr so heißen.«

Da besann sich der Frieder eine Weile, nahm seine Melodie wieder auf, wo

er sie unterbrochen hatte, und spielte sie zu Ende. Dann deutete er auf

das Klavier und sagte langsam: »Weil doch da oben noch die Karte vom

Fichtelgebirge liegt, kann doch der Vater nicht fort sein.« Was gab es

für einen Aufruhr bei diesen ruhig gesprochenen Worten! Die Mutter, die

Geschwister, alle waren in einem Augenblick am Klavier: richtig, da lag

die Karte; wie war es möglich, daß der Vater die vergessen hatte! Dann

ein Blick auf die große Wanduhr -- reicht es noch, kann man noch vor

Abgang des Zuges an die Bahn kommen, dem Vater die Karte bringen? »Es

geht nicht mehr,« meint die Mutter. »Es geht, es geht,« meint einer der

Jungen und nimmt schon die Karte, reißt die Mütze vom Nagel und hinaus

zur Türe: »Ich kann schneller laufen,« »und ich länger,« ruft der Zweite

und Dritte, und einer hinter dem andern hinaus, die Treppe hinunter, mit

einem Gepolter, daß sogar die freundliche Hausfrau zu ihrem Mann sagte:

»So ein Gepolter dürfen die Kinder nicht anfangen, es ist besser, wenn

man es ihnen gleich das erstemal verwehrt.« Der Hausherr meinte das auch

und ging an die Türe, aber die drei waren zum Haus hinaus, schossen

davon und man hörte nur noch, wie droben das Fenster aufgemacht wurde

und Frau Pfäffling ihren Jungen nachrief: »Rennt nur, was ihr könnt, es

kann noch reichen!« Aber die drei hörten schon nichts mehr und waren im

Nu um die Ecke. »Es muß etwas Besonderes los sein,« sagte die Hausfrau

zu ihrem Mann, »da kann man nicht zanken.«

Der Musiklehrer Pfäffling war zeitig an die Bahn gegangen, er konnte

sich in Ruhe einen guten Platz im Zug wählen, stieg ein und plauderte

durchs offene Fenster mit seinen zwei Töchtern. Nun reichte er ihnen

noch die Hand heraus zum Abschied: »Grüßt mir die Mutter noch einmal und

das Elschen, und nun geht nicht so nahe an den Zug, er wird gleich

abfahren, daß nicht noch ein Unglück geschieht --« »Und du wieder nicht

reisen kannst,« sagte eine der Schwestern. »Ja, diesmal hat's schwer

gelingen wollen, gottlob, daß ich soweit bin.« »Fertig!« rief der

Zugführer, und der Bahnbeamte setzte eben das Pfeifchen an den Mund, um

das Zeichen zur Abfahrt zu geben, da stürzte auf den Bahnsteig heraus

ein Bub, atemlos, schweißtriefend, und ein zweiter hinter ihm drein, und

riefen schon von der Ferne: »Vater, Vater!« Der dritte war nicht

nachgekommen, der hatte unterwegs einen Schuh verloren. Der Zugführer

empfand ein menschliches Rühren, er war doch auch Vater; wenn zwei

Kinder so nach dem Vater riefen, durfte er wohl einige Sekunden zögern.

Er nahm das Pfeifchen von den Lippen, alle Umstehenden sahen auf die

heranstürmenden Jungen, auch Pfäffling erblickte sie, und wie der Blitz

durchfuhr ihn der Gedanke: »Es ist etwas geschehen -- du kannst nicht

reisen -- das Elschen ist wieder krank!« Da hatte sein Ältester den Wagen

erreicht, streckte ihm etwas entgegen: »Die Karte!« Der Pfiff ertönte,

der Zug fuhr ab und noch aus weiter Ferne sahen die Kinder, wie der

Vater sie grüßte und ihnen fröhlich zuwinkte mit der Karte vom

Fichtelgebirge!

Hoch droben.

In Berlin war an einem heißen Juninachmittag ein Dachdecker auf dem

Dache eines vierstöckigen Hauses beschäftigt. Am Rand des Daches saß er

und setzte neue Schieferplatten ein, wo die alten schadhaft geworden

waren. Manchmal sah einer der Vorübergehenden von der Straße herauf nach

dem jungen Mann in der schwindelnden Höhe. Der Dachdecker aber blickte

nicht hinunter, er sah nur auf das Dach mit seinen vielen Plättchen, die

glühend heiß wurden in der Sonne, und langsam ging ihm heute die Arbeit

von der Hand. Die Hitze wurde immer drückender, die Sonne stach durch

die Wolken; jetzt hielt er mit seiner Arbeit inne. Eine lange Reihe

Plättchen hatte er eingesetzt, nun kam die nächste Reihe. Er legte sein

Werkzeug aus der Hand, wischte sich den Schweiß von der Stirne und ruhte

einen Augenblick. Da fiel sein Blick auf die Straße, wo die Wagen fuhren

und die Menschen wandelten. Er war heute nicht schwindelfrei wie sonst,

wo er ruhig in die Tiefe blicken konnte, er schloß die Augen und ruhte.

Die Sonne verbarg sich hinter schweren Wolken, ein tiefer Schatten fiel

aufs Dach und der junge Arbeiter schlief ein.

Dachdecker, hüte dich, deine Arbeit ist gefährlich, deine Ruhe ist's

noch mehr!

Drunten in der Straße wogten die Menschen hin und her, bis ein Mann

plötzlich stehen blieb. Er hatte nach der dunkeln Wolke geschaut, die

sich am Himmel zusammenballte, und da hatte er die Gestalt auf dem Dache

wahrgenommen. Andere Vorübergehende folgten unwillkürlich seinem Blick

und blieben ebenso an den Platz gebannt stehen wie der erste. Was war

dem Mann? Er lag da wie tot. Nein, jetzt rührte er sich ein wenig; der

Arm, den er am Kopf gehalten hatte, sank langsam herunter über das Dach.

Das Gesicht war halb verdeckt von der Mütze. Schlief er oder war er vom

Hitzschlag getroffen? Von Mund zu Mund gingen diese Fragen in der immer

mehr anwachsenden Menge, die mit Grauen in die Höhe blickte zu dem in

Todesgefahr schwebenden Mann. Schutzleute kamen hinzu. »Der Mann muß

gerettet werden, aber wie? Durch die Dachkammer kommt man schwer bei,

von unten wird's besser gehen, mit der Leiter, mit der großen

Feuerwehrleiter; man muß die Feuerwehr benachrichtigen, aber schnell,

schnell; wenn der Mann eine Bewegung macht, so stürzt er herunter in die

Tiefe!«

Einige eilten davon, die Feuerwehr zu holen. Inzwischen füllt sich die

ganze Straße, Kopf an Kopf steht die Menge, Wagen halten, sie können

nicht durch das Gedränge kommen. Aber trotzdem ist alles still und von

Mund zu Mund geht die Losung: »Nur leise, daß der Mann nicht unruhig

wird, sonst ist er verloren.« Ergreifend ist die Stille und die

Spannung.

Plötzlich entsteht eine Bewegung in der Menge: »Macht Platz, eine Frau

ist ohnmächtig geworden. Es ist seine Mutter,« sagen die Leute, »macht

Platz für die Mutter.« Sie ist's ja nicht, sie ist ein ehrsames altes

Jüngferlein, aber die Leute meinen es und machen willig und

teilnahmsvoll Platz.

Kommt denn die Feuerwehr immer noch nicht? Sie ist doch sonst so schnell

zur Stelle. In Wahrheit sind erst ein paar Minuten verstrichen, seit

man sie benachrichtigt hatte, aber sie erschienen wie eine Ewigkeit. Und

jetzt saust sie daher mit Blitzesgeschwindigkeit, die Helme der Männer

glänzen in der Sonne. Vor dem Haus wird die Leiter aufgestellt, das

große Rad gedreht, bis die Leiter sich höher und immer höher aufrichtet

und die obersten Sprossen endlich ganz nahe der Stelle am Dach kommen,

wo der Mann liegt. Ein Feuerwehrmann steigt hinauf. Hunderte von Blicken

folgen ihm, in atemloser Spannung sehen alle, wie der geübte Steiger in

die schwindelnde Höhe kommt, wie er sich seinem Ziele nähert und nun, am

Dach angelangt, von der Leiter aus sich rasch und fest gegen den

Daliegenden stemmt.

Die Berührung weckte den Schläfer, er schlug die Augen auf und sah mit

Staunen einen Feuerwehrmann auf der Leiter vor sich. Der aber rief in

demselben Augenblick: »Vorsicht, oder Sie fallen!« und fest drückte er

die Hände gegen den Arbeiter.

»Keine Angst,« sagte der Dachdecker, »lassen Sie mich nur aufstehen.«

»Schon recht, wenn Sie können! Wo fehlt's denn, warum liegen Sie da? Ich

glaube wahrhaftig, Sie sind da oben eingeschlafen.«

Und ein wenig beschämt sagte der junge Mann: »Es muß schon so sein, es

war so heiß, ich wollte nur ein wenig ruhen!«

»Das hätte Ihnen das Leben kosten können.«

Der Dachdecker richtete sich auf und staunend sah er drunten in der

Straße die Volksmenge, die, als der Arbeiter sich erhob, in Bewegung

geriet und laut ihrer Freude Ausdruck gab. Den jungen Mann überkam eine

mächtige Bewegung, als er sah, wie um seiner armen Person willen ein

solcher Auflauf war. Furchtlos trat er vor an den äußersten Rand, zog

seine Mütze vom Kopf, schwang sie in die Luft und rief laut hinunter:

»Hurra!«

Das kleine Dummerle und andere Erzählungen zum Vorlesen im Familienkreise · 第 1 / 17 题