Reichswanderungsamtes selbst, der vor einigen Monaten hier war, ist
auch nicht hingefahren. Außerdem können Sie jetzt gar nicht hin. Die
Wege sind aufgeweicht. Es gehen keine Autos.“
„Ich werde schon hinkommen.“
„Und wenn; Sie werden nichts anderes sehen, als wir Ihnen gesagt haben.
Was haben Sie dann?“
„Dann habe ich mit eigenen Augen gesehen.“
Man war etwas beleidigt, und ich stand jetzt mit Karl am Iguassu. Es
war wirklich nicht so leicht, nach Cruz Machado zu kommen. Bis Porto
Almede ging gelegentlich ein Motorboot, aber von da war es noch eine
tüchtige Strecke ins Land.
„Wie weit?“
„Oh, so 30 bis 40 Kilometer.“
„Sie reiten einen Tag.“
„70 Kilometer mindestens“, meinte ein Dritter.
Auskünfte über Weglängen sind im ganzen Innern Südamerikas immer sehr
unbestimmt.
Wir warteten; die Barkasse kam nicht. Wir hatten um 11 Uhr ein wenig
gefrühstückt und rannten dann eilig an den Fluß hinunter. Jetzt brannte
brasilianische Sommersonne mit größter Kraft.
Neben uns im Gras glühten mächtige Eisenstücke in der Sonne,
Maschinenteile, Zahnräder, ein Zylinder, ein in zwei Teile zerlegtes
Schwungrad.
„Für die Papierfabrik“, sagte Karl.
„Wann wird die gebaut?“
Er zuckte die Achseln.
„Die Sachen liegen schon ein Jahr da.“ Sie waren rot von Rost.
[Illustration: Deutsche Siedlung in Brasilien.]
[Illustration: Maispflanzung.]
[Illustration: Die ersten Anfänge einer Siedlung.]
Papierfabriken fehlen in ganz Südamerika. Das ist sehr sonderbar. Es
gibt, vor allem in Brasilien, Holz und Wasserkraft dicht beieinander in
beliebigen Mengen, dazu Zeitungen, die einen Papierbedarf haben, größer
als die größte deutsche Zeitung, aber das Papier kommt so gut wie alles
von Übersee, viel aus Nordamerika, einiges aus Europa.
Vor uns floß der Iguassu, ruhig, breit, mächtig. Sein Wasser war fast
so grau wie Buschwerk, Sumpf und Schlingpflanzen, die seine Ufer
säumten. Nur die Stelle, wo das Motorboot anlegen sollte, war etwas
ausgehauen. Am andern Ufer, gerade uns gegenüber, warfen riesige Palmen
ein leise zitterndes Spiegelbild.
Die Barkasse kam noch immer nicht. Es war sehr heiß. Ich warf die
Kleider ab.
„Lieber nicht“, meinte Karl.
„Warum?“
Ich war schon im Wasser. Es war lau, aber doch herrlich erfrischend.
Ich vergaß das Boot und schwamm, bis ich weit über Strommitte war.
Dicht neben mir kräuselte sich die Flut. Etwas sich Windendes,
Schillerndes. Eine Wasserschlange. Ich erschrak und machte einen Bogen.
Außerdem fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, nach Alligatoren zu
fragen. Überhaupt die Barkasse. Es war Zeit umzukehren.
Ich wendete. Karl war nicht mehr zu sehen. Die Strömung war viel
stärker gewesen, als ich geschätzt, und ich war weit stromab getrieben.
So gut es ging, holte ich gegen den Strom auf, aber ich kam doch gut
ein Kilometer weiter flußab ans Ufer. Vor einem Steilhang lagerte sich
ein schier undurchdringliches Gewirr von Wasserpflanzen. Glücklich kam
ich heraus und trabte zu meinen Kleidern. Als ich da war, legte eben
die Barkasse an.
Bereits wenige Kilometer hinter der Stadt traten die Waldberge bis
dicht an den Fluß heran, hohe, dichtbewaldete Kuppen. Nur ab und zu
sieht man ein Stück Hang gerodet. Daneben liegt zwischen Mais, Wein und
Pfirsichbäumen ein Haus. Eine einfache Bretterhütte, aber herrlicher
gelegen als die schönsten Villen an mondänen Plätzen.
Die Kolonisten, die hier am Ufer wohnen, haben beste Absatzgelegenheit
auf billigem Wasserwege nach Porto da União. So wundert man sich, daß
noch nicht mehr Boden urbar gemacht ist. Allein das Land an beiden
Ufern gehört Kolonisationsgesellschaften. Sie haben es nicht sehr nötig
zu verkaufen, von Porto da União soll eine Bahn Iguassu abwärts gebaut
werden. Dann verdoppeln sich die Preise.
Diese Bahn ist nötig; denn der Iguassu ist nur bis Porto Almede
schiffbar; dann beginnen die Stromschnellen: ein Krescendo von über
Felsen stürzenden Wassern, bis sie ihren Höhepunkt in den Fällen von
Santa Maria erreichen, kurz vor der Mündung des Flusses in den Paraná
in einer Phantasie tosender Wassermengen.
Die Iguassufälle sind ein Weltwunder. Sie sind die größten der
Welt. An Höhe und Wassermenge übertreffen sie noch den Niagara und
die Viktoriafälle des Sambesi. Die Energiemenge, die da verstäubt,
genügte für ganz Südamerika; aber bisher ist noch nicht die
bescheidenste Pferdekraft gewonnen. Die Fälle liegen mitten im
feuchtheißen, tropischen Urwald, Tausende von Kilometern von den
industriellen Mittelpunkten der angrenzenden Länder Brasilien und
Argentinien entfernt. Brasilien lenkt planmäßig seine Kolonisation
Iguassu abwärts, und auch die projektierte Bahn von Porto da União
bis an die Flußmündung soll der Erschließung dieser Region dienen,
deren Wichtigkeit in absehbarer Zukunft vielleicht nicht hoch genug
veranschlagt werden kann. In dem Augenblick, in dem der eine der
beiden Besitzer der Fälle, Argentinien oder Brasilien, auch nur
die bescheidenste Anlage an den Iguassufällen schafft, wird die
Erschließung der Fälle in raschestes Tempo geraten, da dann Rivalität
und Eifersucht auch den andern Staat zu fieberhaften Anstrengungen
und großen Unternehmungen treiben werden. Aber bis heute blieb’s bei
Studienkommissionen. --
Ab und zu legte das Motorboot an. Der Neger zog es dann mit einem
langen Bootshaken unter die traumhaft überhängenden Weiden und Palmen,
zwischen denen weiße und rote Blumen leuchteten und flammten wie eine
Schar rastender bunter Vögel. Es ist nicht viel Verkehr flußab. Der
bedeutendere geht stromauf: Mais, Schweine, Hühner, Eier und Früchte
von den Kolonien in die Stadt.
Trotz der raschen Fahrt wurde es fast Abend, bis wir nach Porto
Almede kamen. Die Waldhänge waren etwas stärker gelichtet, ein paar
rote Dächer im Grün, das war der ganze Hafen. Hinter dem letzten Haus
schien ein Strich über den Fluß gezogen, von da ab war das ruhige Grün
des Stromes unruhig, gekräuselt, mit weißen Flecken durchsetzt: die
Schnellen.
Das Motorboot, das nur selten verkehrt, fuhr am übernächsten Tag wieder
nach Porto da União. Bis dahin mußte ich nach Cruz Machado und wieder
zurück sein. Zunächst schien es allerdings hoffnungslos; denn, wo ich
auch um ein Pferd oder Maultier anfragte, erhielt ich abschlägigen
Bescheid.
57. Auf brasilianischer Bundeskolonie.
Cruz Machado.
Wenn sich auf hoher See die großen Passagierdampfer begegnen, auf der
einen Seite die Dampfer der Hoffnung, die sich neigen von den an die
Reling drängenden Menschen, jubelnd, tücherschwenkend, von denen jeder
einzelne eine Welt von Erwartung und Zukunftsglauben in sich trägt, auf
der andern Seite die stillen Schiffe der Rückkehrenden, so hat solches
Zusammentreffen immer etwas von dem Begegnen der Züge im Felde an sich.
Die einen, die frisch an die Front fahren, laut und lärmend, voll
Hoffnung, unbekümmerten Mutes und Leichtsinns, und die andern mit den
roten Kreuzen und den stillen blassen Männern, beschattet vom harten
Ernst bitterer Enttäuschung, aber auch starrer Entschlossenheit. Jeder
Dampfer, der in die Heimat zurückkehrt, trägt unsichtbar solch rotes
Kreuz, und jeder, der auf ihm fährt, die Narben der Enttäuschung, sei
es sichtbar im Antlitz, sei es unsichtbar in der Seele. Auch jene, die
die alte Heimat nur zeitweise aufsuchen, die nicht klagen können, auch
jene, die erfolggekrönt zurückkehren. Irgendwie war es doch anders,
bitterer, schwerer, zum mindesten anders. Und fast alle führte der Weg
von der großen Hoffnung über die große Enttäuschung, zum schließlichen
Erfolg, oder zum stillen Sich-Bescheiden, oder zum Zusammenbruch, aus
dem nur das nackte Leben in die alte Heimat zurückgerettet wurde.
Wenn die Schiffe aus der Heimat drüben einlaufen, in der Bai von Rio,
deren berauschender Zauber selbst Menschen trunken macht, die schon
satt sind von der Schönheit der Welt, oder in dem Silberstrom, dessen
braune Unendlichkeit grandios trostloser Wüste gleicht, aus der Buenos
Aires gleich einer Fata Morgana aufsteigt, so zittert die Luft von all
der ausströmenden Hoffnung und Erwartung. Jeder ist ein heimlicher
König, auf den all die Reichtümer, die da am Strande ausgebreitet
liegen, nur warten, daß er sie aufnehme.
Es soll niemand die Hoffnung genommen werden, der hinüberfahren will
in das Land der Hoffnung. Aber ich sah doch Menschen, die bei der
Landung die Welt in die Tasche steckten, die in der Einwandererbank
der Hauptstadt noch den Kopf hochhielten, die in den verflohten,
verwanzten Einwandererschuppen im Innern bereits klagten und dann
im Urwald nach kurzer Zeit die Axt hinwarfen und wegliefen, um
irgendwo unterzutauchen, oder andere, die in der Stadt am La Plata
nur allzu rasch den Weg vom „Kaiserhof“ über den „Deutschen Bund“ zum
Nachtquartier auf den Freitreppen des Colontheaters fanden.
Was ich in der neuen brasilianischen Staatskolonie Cruz Machado
an Einwanderern vor mir sah, waren eben der Hundertsatz an Zähen,
Energischen, die sich nicht abhalten ließen, den Weg ins Neue, in neue
Heimat, auf jungfräulichem Boden zu versuchen. Der Weg ist nicht leicht.
Es ist unendlich schwer, eine solch junge, eben erst im Entstehen
begriffene Kolonie zu beschreiben. Sie ist so, wie sie der einzelne
Einwanderer als Vorstellung im Herzen trägt. Nur auf das Hoffen,
Wünschen und Glauben kommt es an. Es ist ja nichts gegeben; alles
existiert nur im Herzen, in der Phantasie. Auch Cruz Machado muß erst
von der Summe der Willensenergien derer, die in ihr arbeiten wollen,
geschaffen werden.
Die Auspizien sind gut. Das Einwandererhaus ist übervoll, und täglich
kommen neue Familien an, voll Hoffen und Glauben. Die Kolonieverwaltung
hat es übernommen, jeder Einwandererfamilie ein Haus auf ihrem, von ihr
selbst gewählten Los zu bauen.
Hier beginnt die erste Schwierigkeit. Die Verwaltung kommt nicht nach.
Der Andrang ist im Augenblick so groß, daß die Häuser nicht rasch genug
gebaut werden können. So ist der Einwandererschuppen übervoll. Rechts
eine Reihe Pritschen, links eine Reihe Pritschen. Darauf Männlein,
Weiblein und Kinder in buntem Wechsel. Die Betten sind verwanzt, der
Schuppen ist heiß, in den schmalen Gängen zwischen den Pritschen
wimmelt es von Kindern. Zank und Streit ist nahe bei der Hand, wenn so
viele Menschen so dicht beieinander wohnen. Die Neuankommenden nehmen
wieder Platz weg. Die Unzufriedenheit der bereits Unzufriedenen trübt
auch ihre Laune.
Da mag es nicht immer leicht sein, das Bild der Kolonie so froh
und schön im Herzen zu tragen, wie es eben nötig ist, wenn man
vorwärtskommen will.
Der brasilianische Staat übernimmt nicht nur die freie Beförderung
der Einwanderer und ihres Gepäcks vom brasilianischen Hafen bis auf
die Kolonie einschließlich Verpflegung (freie Überfahrt wurde in
beschränkter Anzahl gewährt, ist aber gegenwärtig beinahe unmöglich zu
erlangen) auf der Reise und in den Einwandererhäusern, er stundet auch
die übrigens sehr niedrigen Sätze für Kolonielose und Häuser. Außerdem
werden den Einwanderern ein Vierteljahr lang Lebensmittelkredite in
Höhe von einem Milreis für jedes Familienmitglied gewährt, die durch
Wegarbeiten abverdient werden müssen. Da auch Samen und Arbeitsgerät
von der Kolonieverwaltung geliefert werden, ist theoretisch die
Ansiedelung auf einer brasilianischen Staatskolonie ohne jedes Kapital
mit Ausnahme des für die Überfahrt nötigen möglich. In der Praxis gibt
es natürlich einige Schwierigkeiten, da doch für eine ganze Reihe von
Bedürfnissen Geld erforderlich ist, und auch die Lebensmittelkredite zu
völliger Sättigung bei der schweren Arbeit kaum ausreichen.
„Wir haben unsern Koffer verkauft,“ jammert mir die Frau, die vor dem
Einwandererschuppen gerade ihre Sachen wäscht, „jetzt weiß ich nicht
mehr, wohin mit den Sachen.“
„Und ich hab ihm Stiefel gegeben, dem Kerl“, fügt eine andere Frau
hinzu und weint. „Keiner wollt’ was geben dafür.“ Sie halten zusammen,
all die Schmeißfliegen, die den Mangel nutzend in jeder neuen Kolonie
die Einwanderer umkreisen und ihnen für wahre Schandpreise ihre Sachen
abnehmen. Aber nur durch Verkauf können sich viele Herübergekommene das
nötige Bargeld verschaffen.
Die beiden Frauen weinen laut auf, als sie mir erzählen, was sie alles
verkaufen mußten. Andere kommen hinzu und bringen andere Klagen vor.
Jammern steckt an. Das ist das Gefährliche.
Sicher ist manche Klage berechtigt, und jeder, der Südamerika
kennt, weiß, daß die zweifelsohne guten und praktisch durchdachten
Einwanderermaßnahmen des brasilianischen Staates oft genug von
Durchstechereien der untern Behörden durchkreuzt werden können.
So erscheint mir glaubhaft, daß gewisse Beamte der Immigração
auf Einwanderer, solange sie noch im Einwandererhaus auf der
Blumeninsel bei Rio sind, einen Druck ausüben, sich auf Fazendas, auf
Kaffeeplantagen, zu verdingen, statt auf eine Staatskolonie zu gehen.
Die Kaffeefazendeiros brauchen dringend Arbeitskräfte, und wer will
sagen, ob nicht der oder jener Beamte eine empfängliche Hand hat?
Aber auch in Cruz Machado selbst gab es mancherlei Klagen. Die
Werkzeuge und der Samen würden in schlechtem Zustand und unvollständig
geliefert. Der Lohn für die Wegearbeit werde nicht voll ausbezahlt, und
dergleichen mehr. Klagen über Klagen von den einen, dann aber wieder
Zufriedenheit und frohes Glück in den Augen bei andern, die sich schon
durch die ersten Schwierigkeiten durchgebissen, denen der Mais schon
Früchte trägt, die sich bald ein Schwein kaufen können, und die, wenn
sie abends arbeitsmüde vor ihrer Hütte sitzen, im Geiste Wohlstand und
Reichtum zwischen der frisch gemachten Roce emporsprießen sehen.
Auf der Kolonieverwaltung sah ich die Karten ein. Das ganze zur
Verfügung gestellte, vermessene Land ist bis auf ein Zipfelchen
vergeben. Doch sind bereits Vermessungskolonnen unterwegs, um weitere
große Urwaldstrecken für Kolonisationszwecke zu vermessen. Urwald,
nichts als Urwald, doch in nicht allzu ferner Zeit aller Voraussicht
nach blühende, reiche Landstriche. Ich sah Kolonien, die fünf Jahre
bestehen, nette kleine Dörfchen inmitten wogender, früchteschwerer
Felder, zehn Jahre alte Kolonien, in denen es Vorangekommene schon
zu kleinen landwirtschaftlichen Industrien brachten, wo schon ein
Kirchturm zwischen Essen gen Himmel ragt. Und dann die großen, reichen
Städte in Rio Grande, das große Vorbild und das Symbol der Hoffnung
allen, die jetzt mit dem Einwandererbündel auf der Blumeninsel landen.
58. Kaffeefazendas.
São Paulo.
Von dem feuchtheißen, ehemals so fieberschwangeren Santos führt in
steiler Kurve die Bahn durch tropischen Urwald hinauf auf das kühle
und gesunde Paulistaner Hochland, und hier, fast unter dem Wendekreis,
liegt in 800 Meter Höhe São Paulo, die Hauptstadt des gleichnamigen
Staates, die nur hinter der Bundesmetropole Rio de Janeiro an Größe
und Einwohnerzahl zurücksteht, sie aber übertrifft an Rührigkeit und
Energie ihrer Bewohner und an wirtschaftlicher Bedeutung.
Diese große, europäisch anmutende Stadt mit ihren breiten Boulevards,
großen öffentlichen Palästen, großen Theatern ist ebenso wie der Hafen
Santos und wie der ganze Staat São Paulo, der mit Minas Geraes zusammen
den brasilianischen Bund regiert, eine Schöpfung des Kaffees.
Der Kaffee baute diese breiten Straßen, dieses dichte Bahnnetz, diese
reichen Paläste und prächtigen öffentlichen Gebäude. Er zahlt die
Seidenkleider und Florstrümpfe der Frauen und die Autos und mancherlei
Passionen der Männer. Vom Kaffee lebt nicht nur der Staat São Paulo,
von ihm lebt in der Hauptsache der gesamte brasilianische Bund. Er
ist Hauptexportartikel, wirtschaftliches Rückgrat des ganzen Landes.
Auch in der gegenwärtigen Krise richten sich aller Augen hoffend auf
diesen Artikel, in dem die große südamerikanische Republik ein gewisses
Weltmonopol hat. Wie wird die Ernte werden? Wie werden sich die Preise
gestalten? Wird es den Valorisationskäufen der Regierung gelingen, die
Preise so weit zu heben, daß trotz des erschreckenden Valutasturzes die
Handelsbilanz des Bundes nicht allzu ungünstig abschneidet?
Abgesehen von den Verhältnissen auf dem Weltmarkt ist für São Paulos
Kaffeebau zweierlei nötig: die Erschließung neuen Plantagenbodens und
die ständige Zufuhr von Arbeitskräften.
Fährt man von São Paulo aus westwärts und nordwestwärts, so kommt man
über Land, das ehemals Kaffeeboden war, das aber jahrzehntelanger
Anbau der braunen Bohnen so ausgelaugt hat, daß man zu andern
Kulturen überzugehen gezwungen war. So müssen sich die parademäßig
aufmarschierten Reihen der Kaffeebäume immer weiter nach Westen
schieben, wo ein Stück jungfräulichen Urwalds nach dem andern zu fallen
hat, damit die Kaffeeproduktion auf der Höhe erhalten werden kann.
Noch ist der unerschlossene brasilianische Urwald groß, schier
unermeßlich. Darum droht hier noch keine Gefahr. Anders aber steht
es mit den Arbeitskräften. Der eingeborene Brasilianer arbeitet
in den Kaffeefazendas nicht oder nur sehr ungern -- er wird seine
Gründe haben --, und auch frisch Herübergekommene bleiben nur in
Ausnahmefällen als Arbeiter auf den Plantagen, so daß die Fazendeiros,
die Plantagenbesitzer, ständigen Bedarf an Arbeitskräften haben, den
sie aus den Einwanderern decken: Portugiesen, Spaniern, Italienern
und neuerdings auch Deutschen. Der Bedarf danach ist groß. Als ich
in São Paulo auf der Immigração weilte, waren dort nicht weniger als
20000 Arbeitskräfte als verlangt angemeldet. Bei einer derart großen
und derart lebenswichtigen Nachfrage mag es immerhin vorkommen, daß
Bestechung eine Rolle spielt und daß von Einwanderungsbeamten ein
unzulässiger Druck auf die Einwanderer ausgeübt wird, um sie auf die
Fazendas zu bringen. Der Gerechtigkeit halber muß jedoch anerkannt
werden, daß von seiten der zentralen Einwanderungsbehörde sehr
energisch gegen solche Mißbräuche eingeschritten wird, sobald sie zu
ihrer Kenntnis gelangen.
Das Leben und die Arbeit auf den Kaffeefazendas wird sehr verschieden
beurteilt: von dem einen als sicherer Aufstieg zu eigenem Besitz,
von dem andern als reine Sklaverei. Zweifelsohne ist die Arbeit
dort schwer, und das Leben niemals leicht. Die Temperatur in den
Kaffeefazendas ist hoch. Das Land ist kahl. Die mannshohen Kaffeebäume
geben keinen Schatten. Es gilt, sie das ganze Jahr über unkrautfrei zu
halten. Das ist nicht leicht, denn das Unkraut wuchert üppig. Man muß
sich schon fest daranhalten, wenn man 3-4000 Bäume im Jahr rein halten
will. Und diese Arbeit ist herzlich schlecht bezahlt, etwa 160 Milreis
im Jahr für 1000 Bäume. Da ist es gut, wenn man eine recht zahlreiche
Familie hat, die tüchtig mithilft.
Das Pflücken des Kaffees macht extra Arbeit, die allerdings auch extra
bezahlt wird: für den Sack zu hundert Liter werden 2 Milreis gezahlt.
Eine Familie zu sechs Personen vermag 1400 Sack zu ernten.
Zu diesem Barlohn tritt noch freie Wohnung und freies Holz. Außerdem
wird in der Regel die Erlaubnis erteilt, zwischen den Kaffeebäumen eine
Reihe Mais und zwei Reihen Bohnen zu ziehen, mitunter wird auch noch
sonstiges Pflanzland gegeben, so daß sich die Fazendaarbeiter Hühner
und Schweine halten können.
Unter solchen Bedingungen haben zahlreiche Einwandererfamilien es dahin
gebracht, sich nach einer Reihe von Jahren erst Land zu pachten und
später kleine Kaffeeplantagen zu kaufen und auf eigene Rechnung zu
bewirtschaften. Aber äußerste Sparsamkeit in den ersten Jahren gehört
dazu und Verzicht auf alle Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten.
Außerdem darf man nicht krank werden; ein Unglücksfall kann alles
ruinieren, und man darf nicht auf eine Fazenda kommen, wo der Besitzer
für die Lebensmittel, die jeder besitzlose Arbeiter für den Anfang
auf Kredit nehmen muß, Wucherpreise verlangt. Sonst ist die Gefahr der
Schuldenwirtschaft gegeben, die leicht zu einer Schuldknechtschaft
werden kann.
Als ich in São Paulo auf dem deutschen Konsulat war, traf ich dort
einen Mann und eine Frau, die von einer Kaffeefazenda in die Stadt
geflohen waren. Der Fazendeiro hielt sie über den Kontrakt hinaus auf
der Fazenda unter geradezu grauenhaften Verhältnissen. Als sich der
Mann dagegen auflehnte und fort wollte, ließ der Plantagenbesitzer ihn
niederschlagen und sperrte ihn in den Schweinestall. Mit einem andern
dort arbeitenden Deutschen floh daraufhin die Frau, um die Hilfe des
Konsulats anzurufen.
Solche Fälle mögen selten sein. Der geflohene Mann sagte mir selbst,
daß er seit vielen Jahren auf Fazendas arbeite und daß er solche
Verhältnisse bisher nie angetroffen habe. Allein, mögen sie auch noch
so selten sein, Vorsicht tut doch bei jedem Vertragabschluß not.
Wesentlich bessere Bedingungen würden sich erzielen lassen, wenn es
gelänge, für die deutschen Einwanderer Tarifverträge durchzusetzen
und eine Organisation zu schaffen, die dafür sorgt, daß solche
Ausnahmefälle von Brutalitäten und Übergriffen nicht mehr vorkommen
oder daß wenigstens ihre Ahndung auf dem Fuße folgt. Gar so schwer
könnte das nicht sein; denn Brasilien lebt vom Kaffee, und ohne Zufuhr
von Arbeitern für die Fazendas müßte es wirtschaftlich zusammenbrechen.
59. Die Großstadt der Tropen.
Rio de Janeiro.
„Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und
zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit.“
Wenn der Dampfer in die Bai von Rio de Janeiro einläuft, vorbei an
den umgischteten Kaimauern der alten Forts und unter dem Schatten der
unheimlichen Felssäule des „Zuckerhuts“, schaut man den Berg, auf den
der Satan den Erlöser führte, um ihn zu versuchen. Wenigstens machen
die Brasilianer Anspruch darauf, daß der Corcovado, die steil über
Stadt und Bucht ragende Felsklippe, der Berg sei, von dem das vierte
Kapitel des Matthäus-Evangeliums erzählt.
Es läßt sich gegen diese Legende wenig einwenden; denn der Versucher
hätte in ganz Palästina, ja in der ganzen Alten Welt keinen Fels
finden können, zu dessen Füßen so überreich alle Herrlichkeit der Welt
ausgebreitet ist.
Brasiliens Hauptstadt ist vielleicht die schönste Stadt der Erde. Das
ist so bekannt und so oft geschildert, daß es müßig wäre, darüber noch
ein Wort zu verlieren. Mehr noch, man sollte gar nicht erst versuchen,
ihre Schönheit zu schildern; denn sie ist derart, daß sie über Maß und
Beschreibung hinausgeht. Wenn man über die grünen, palmenbestandenen,
in Blüten brennenden Hügel streift, die wie vielfach gereihte
Perlenschnüre Stadt und Bai umgrenzen, geht das Maß des Schönen selbst
über das hinaus, was die Augen aufzunehmen vermögen. Ins Extrem
überschlagend möchte man ausrufen: „Ja, weiß der Himmel, Rio ist schön;
aber das weiß ich nun schon. Laßt mich in Dreiteufelsnamen in Ruhe, ich
kann nicht mehr.“
Wenn irgendwo, braucht man in Rio Zeit und Muße, um die Schönheit
zu genießen, die dort auf den Beschauer einstürmt. Denn sie ist
immer da, ob die über die Bucht gespannte, schmerzhaft blaue Kuppel
wolkenlos ist und alle Farben an Leuchtkraft miteinander wetteifern,
oder ob die aus schwarzen Wellen und weißem Gischt ansteigenden, mit
allen Tropengewächsen überwucherten Felsen in mystisch-geheimnisvolle
Nebel sich verlieren. Mag man über die Hügel wandern oder die Bucht
durchkreuzen, die endlosen Praias, die Strandpromenaden, im Auto oder
in der Elektrischen entlang fahren, auf den Corcovado steigen oder auf
den Zuckerhut, die Schönheit wird nie weniger. Immer eine neue Bucht,
eine neue Klippe, aus Palmen und Blüten wachsend, immer ein neuer
Ausblick. Geht die Sonne auf, brennen Bucht und Berge in dem tiefsten
Rot einer ungeheueren Feuersbrunst. Senkt sich die Nacht, so laufen
vielfache Lichterreihen jede Strandzeile entlang, jeden Hügel hinauf.
Die Berge stehen wie phantastische Schatten am Himmel, bis auf den
unheimlichsten, den Pão d’Assucar, der aus den Lichterkränzen aufsteigt
wie die gespenstische Vision eines riesenhaften Symbols altheidnischer
Phallusfeste.